Mail Art, Teil 1

Ich sende Ihnen einen Gedanken zu. Bitte denken Sie ihn weiter.“ [Robert Rehfeldt]

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Den Begriff der „Mail Art“ kannte ich bereits, und meine Vorstellung davon war eher schwammig, bis ich Ende letzten Jahres den Aufruf meiner Kreativkollegin Heike Sackmann auf deren Blog sah. (Heike ruft schon länger dazu auf; einen Eindruck bekommt man auf ihrer Website; unten ist es der erste Link.)

Irgendetwas muss mich diesmal stärker gezogen haben, so dass ich zum ersten Mal – unfassbar, tatsächlich – mitbekam, dass mehrere Personen an ein und demselben Bild arbeiten und so miteinander in eine Art Gespräch kommen – ein gezeichnetes, gemaltes Gespräch. Ich war sofort entzündet!

Der Quantenphysiker David Bohm, der grundlegend über die Frage, wie unser Denken arbeitet geforscht hat, schlägt den Dialog als Mittel und Möglichkeit vor, wie sich das Denken bei seinem Tun beobachten und verstehen lässt. Bohm verwendet den Begriff Dialog im ursprünglichen Wortsinn: „dia“ heißt „durch“ und „logos“ meint „das bedeutungsvolle Wort“. Der Begriff meint also das Fließen von Sinn und das Erschließen von Bedeutung um und durch uns Menschen. Ein solcher Sinnstrom führt vielleicht zu neuen Einsichten oder zu Verständnis. Im kommunikativen Prozess wird etwas Neues geschaffen, etwas, was weder absehbar noch planbar sondern kreativ ist. Dieser so geteilte Sinn ist das Band, das uns Menschen zusammenhält.“

Ich war also gespannt darauf, ob es tatsächlich zu Kommunikation käme…

In einer Gruppe wird auf diese Weise eine andere Art des Bewusstseins möglich, ein partizipierendes Bewusstsein. Jeder einzelne hat Teil an der daraus resultierenden energetischen Aufladung einer Gruppe, deren Kraft ungleich höher ist, als es der summierten Teilnehmeranzahl entspricht. Bei einer funktionierenden Gruppe ist das gemeinsame Denken ein Prozess gemeinsamer Partizipation. Wenn wir das Denken anderer erkennen, wird es zu unserem Denken, und wir behandeln es, als sei es unser Denken.“

Im aktuellen „Dialoge“-Projekt von Heike wurden mehrere Gruppen gebildet; „meine“ bestand aus Heike Sackmann, Zoé von Neuwirth-Szilágyi und mir. Heike schickte uns beiden Mitteilnehmerinnen je vier neue Pappen im DIN A 4-Format zu; selbst begann sie auch vier Zeichnungen/Malarbeiten.

Bei diesen ersten Bögen waren mir zwei Dinge bewusst: es mussten noch die Arbeiten der beiden folgenden Zeichnerinnen aufs Blatt passen, und ich hatte den Anspruch, obschon ich keine „Serie“ zu zeichnen plante, den Motiven eine Verbindung zu geben.

Auf mein erstes Blatt kam das Augenpaar eines Kleinkindes:

S1_1.jpg

Von den kleinen runden Augäpfeln in blau war es nur ein kleiner Schritt zu etwas Großem Rundem in blau,

S1_2.jpg

und von diesem Bild wiederum ein kleiner Schritt zu der Situation unserer Welt, die derzeit für mich vorherrschend unfriedlich ist, in vielerlei Hinsicht. Mit der Yoda-Figur entschloss ich mich zu einem Bild, das „die Weisheit“ – ganz weit gefasst als universelle Weisheit, die Weisheit aller Menschen, zu der sie fähig sind – bedroht zeigt:

S1_3.jpg

Als Letztes wollte ich ein Motiv, das man sowohl schön als auch schaurig interpretieren kann, und wählte den roten Blütenregen:

S1_4.jpg

Für meinen Anfang hatte ich Motive gewählt, die unterschiedlich sind und auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben, auf den zweiten aber schon.

Bei einer zeichnerischen Gemeinschaftsarbeit den Anfang zu machen ist relativ einfach; es ist wie der Beginn eines Gespräches, bei dem man selbst das Thema vorgibt. Man spricht eine Einladung aus, sich auf für das Gegenüber mehr oder weniger zusammenhängende Gedanken einzulassen.

Kurz darauf erreichten mich Heikes Erstzeichnungen; welch tolle Steilvorlagen zum Weiterdenken!

Leider kann ich Euch die Entwicklung unserer Gemeinschaftsarbeit und meine Gedanken zu den Vorlagen, die mich erreichten, hier noch nicht zeigen, da die Mappe noch ausgestellt wird. Ich schließe also diesen ersten Teil des Berichts so ab:

„… ich will immer Geschichten erzählen“, schrieb Heike begleitend in der von ihr eingerichteten Messenger-Gruppe zu diesem Dialog, und Zoé kommentierte: „Das ist doch toll!“ Ja, dem konnte und kann ich mich nur anschließen: es war eine tolle neue Erfahrung für mich, so ins Gespräch kommen zu dürfen; ich fühle es so, dass ich tatsächlich Kommunikation erlebt habe. Die Art der Zeichnungen/Malarbeiten zeigen unsere Individualität, aber die Themen griffen direkt so auf eine Art ineinander, reichten sich die Hände, bestätigten einander im Bemühen um Sensibilität menschlichen Themen gegenüber… dass ich mich nur bereichert aus diesem Projekt jetzt weiterbewegen (lassen) kann.

Dankeschön!

WaB

M1

M2

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Es geht nicht um Standpunkte, sondern um innere Bewegtheit, nicht um Auseinandersetzung sondern um Teilhabe.“

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http://www.heike-sackmann.de/index.html/kollaborationen/

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http://www.gemeinschaftserfahrung.de/inhalte/gemeinschaftsbildung/der-dialogische-prozess/

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Die Verhältnismäßigkeit von allem

Wenn es aufrichtig gemeint ist:

Alles, was dazu angetan ist, ins Gespräch zu kommen, Fronten aufzuweichen, sein Wissen und Können disziplinübergreifend zu teilen im Sinne einer für alle guten Sache, ist erstmal gut.

Nicht aus dem Blick geraten sollten die, die weder für Kunst am Bau noch für andere Kunst im öffentlichen Raum ein Auge haben, weil sie überlegen, ob sie wohl nächstes Jahr vielleicht Arbeit haben, nächsten Monat die Miete pünktlich überweisen, nächste Woche Geburtstagsgeschenke und eine Feier für die Kinder haben können, heute über den Tag kommen.

Nicht aus dem Blick geraten sollte die Verhältnismäßigkeit.

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https://www.duesseldorf.de/index.php?id=700021325&L=1&tx_pld_frontpage%5Bnews%5D=19788&cHash=7aa3242137b722bd6c1af5965171e66e

https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/lokalzeit-duesseldorf/video-profi-kunstberater-fuer-duesseldorf-100.htm

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Aktives Zuhören macht ein gutes Gespräch

Das schon länger zurück liegende, aber erst jetzt von mir entdeckte Gespräch gehört zum Lebendigsten – man verzeihe mir die wenig sinnvolle Steigerungsform -, das ich je in diesem Genre erlebt habe.

Die Interview-Reihe der Körber-Stiftung findet unter dem Frage-Motto statt „Wo ist deine Kunst zuhause?“ Diese Ausgabe zeichnet sich besonders dadurch aus, dass zwei ehrlich interessierte Menschen sich mit klugen Fragen und Antworten, weil durch aktives Zuhören begegnen.

Rassismus und Faschismus werden durch das persönliche Erleben Serdar Somuncus höchst anschaulich thematisiert; er lässt uns beinahe hautnah die schmerzvolle Auseinandersetzung während seiner „Mein Kampf“-Lese-Tour miterleben.

Darüberhinaus gibt es wichtige Erkenntnisse aus den Bedingungen unserer Unterhaltungsmedienlandschaft, die in solcher Deutlichkeit so gut wie sonst nie an- und ausgesprochen werden.

Obwohl die Bildqualität zu wünschen übrig lässt, ist dieses Gespräch heute mein unbedingter Tipp:

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Erwartungen – Interview zum Jahresende

Interviewer: Guten Tag! Heute wollen wir uns also über das Thema „Erwartungen“ unterhalten… wobei gleich die Frage nahe liegt: was erwarten Sie von diesem Gespräch?

Sabine Pint: [lacht] Guten Tag! Tja, was erwarte ich von unserem Gespräch? Dass es ein gutes wird… vielleicht, dass mich die eine oder andere Antwort, die ich gebe, selbst überrascht… dass meine Antworten Sie zu weiteren spannenden Fragen inspirieren… ja, und dass Sie sich selbst auch einbringen mit Ihren [betont das Wort] Antworten zu meinen Antworten.

I: [schmunzelt] Ich werde mir Mühe geben!

SP: [lacht] o.k.!

I: Fangen wir beim Begriff selbst mal an: positiv oder negativ besetzt?

SP: Upps… [zögert] eigentlich weder/noch, aber da müsste ich länger drüber nachdenken…

I: Wir haben doch Zeit, oder?

SP: Klar! [zögert länger] Ich würde bei weder/noch bleiben; der Begriff selbst ist weder positiv noch negativ; er beschreibt nur ganz neutral ein Gefühl. Ich glaube, ob und wie man das wertet, Erwartungen zu haben [betont das Wort] – das wird an den Erfahrungen liegen, die man dann jeweils macht… [schmunzelt] ich merke gerade, dass der Begriff bei mir doch irgendwie besetzt ist, weil ich mir vorgestellt habe, dass die Erwartungen bestätigt oder enttäuscht werden können – und man ja demnach etwas Gutes erwartet hat! Dabei können ja auch negative Erwartungen bestätigt werden; wenn sie enttäuscht [demonstriert Anführungszeichen] werden, ist man ja selten enttäuscht, eher erleichtert und froh…

I: Ja, aber das stimmte dann ja trotzdem, dass es eng mit Erfahrungen verknüpft ist: wie oft wird meine Erwartung bestätigt, egal ob eine positive oder eine negative…

SP: Ja. Ich frage mich gerade, inwiefern sich Erwartung [demonstriert Anführungszeichen] unterscheidet von Erfahrung [demonstriert Anführungszeichen]…

I: Ich glaube schon, dass das zwei verschiedene Dinge sind.

SP: Irgendwo kommen die ja her, die Erwartungen…

I: Sie meinen, die beruhen auf Erfahrungen?

SP: Oje… [verzieht den Mund] ich glaube, mein Kopf qualmt jetzt schon! o.k., nochmal neu gedacht… vielleicht mit einem Beispiel: erstes Verliebtsein. Damit hat man dann noch keine Erfahrungen, aber jede Menge diffuser Erwartungen, guter [betont das Wort] Erwartungen! Je nachdem, ob das erwidert wird oder nicht, ist man enttäuscht oder nicht.

[Interviewer nickt]

Und die Erfahrungen, die man in verschiedenen Lebensbereichen macht, lassen einen eher Gutes oder eher Schlechtes erwarten… da bilden die Erfahrungen quasi die Erwartungen.

I: Dann hat das eher mit dem Alter zu tun…?

SP: Nicht schon wieder! [verdreht gespielt die Augen] Seit ich in diesem Jahr 50 geworden bin und dachte, einen Blog-Beitrag dazu bringen zu müssen [demonstriert Anführungszeichen], jagt mich das Thema etwas…

I: Wirklich? Das tut mir leid! [macht gespielt mitleidigen Gesichtsausdruck]

SP: Muss es nicht! [macht gespielt souveränen Gesichtsausdruck] Aber ernsthaft: ist es nicht so, dass zumindest das Wort Erfahrung schon von sich aus ganz viel mit Alter oder Älterwerden zu tun hat? Erfahrungen kommen eben mit der Zeit, und Zeit ist gleich Alter. Und ich denke, dass auch Erwartungen sich da irgendwie anpassen…

I: Das kann schon sein…

SP: Aber Sie haben recht; nicht in allem, fällt mir gerade ein! Zum Beispiel weiß ich schon ganz lange, dass man von sich nicht auf andere schließen sollte, und weiß vom Kopf her auch, dass das ja auch vermessen wäre, zu tun. Aber bestimmte Dinge zu erwarten kann ich einfach nicht abstellen! Irgendeine Reaktion zu bekommen zum Beispiel auf irgendetwas von mir, eine Frage, eine Aussage, eine Handlung, einen Gruß. [macht eine kleine Pause] Vielleicht habe ich den Ruf weg, oft das letzte Wort haben zu wollen, weil ich dem anderen nicht das Gefühl geben möchte, ihn oder sie zu ignorieren… [lacht]

I: Sie wollen sich mit Ihren Mitmenschen auseinandersetzen…

SP: Ja. Sicher mal mehr und mal weniger, je nachdem, aber Ignoranz [betont das Wort] ist der Untergang für’s Miteinander schlechthin, der Untergang für Verständigung. Oder erst mal für den Willen zu Verständigung.

I: Womit wir wieder bei der eher neutralen Bewertung des Begriffs Erwartung wären – Erwartungen sind ja nicht per se schlecht.

SP: Nein, eben. Was sind Freundschaft und Liebe wert, wenn man an die beteiligten Menschen keine Erwartungen hätte! Erwartung von grundsätzlichem Wohlwollen, von Loyalität, dass die Worte, die gewechselt werden, zum Verhalten passen…

I: Ja.

SP: [nachdenklich] Ich möchte verlässlich sein, im besten Sinne einschätzbar, und nicht nur im Privaten. Es wäre schlimm, wenn ein Chef nichts von mir erwartete. [hebt die Schultern, macht eine kleine Pause] Oder wenn er oder sie nicht wüsste, was von mir zu erwarten ist. [Pause] Oder wäre… [Pause, der Interviewer unterbricht nicht] Was mein „mentales Standbein“ [demonstriert die Anführungszeichen], wie ich mein kreatives Leben immer nenne, angeht: ich habe nur wenige Menschen, die es interessiert, was ich mache; derzeit verfolgen 35 Menschen meinen Blog. Aber selbst, wenn es nur eine Person wäre, könnte die sich drauf verlassen, dass sie dieselbe Qualität bekäme wie wenn es 350 wären, oder 3500.

I: Erleben Sie Erwartungen an Sie nie als Druck?

SP: Ich glaube, ich bin durch die Jahre ziemlich gut darin geworden, zu spüren, was ich fühle, und das dann auch zu sagen. Sie müssen sich das jetzt nicht so vorstellen, dass ich jede klitzekleine Empfindung mitteile, aber so etwas wie Druck – das müsste [betont das Wort] ich ja schon fast kundtun!

I: Warum, weil die Empfindung eine größere, eine wichtigere ist?

SP: Ja, weil Druck mit mir so viel macht, das nicht gut ist. Er macht mein Denken eng, Kreativität verabschiedet sich beinahe völlig…

I: Könnten Sie Ihre Kreativität nicht dazu nutzen, den Druck auszugleichen… oder ihm auszuweichen?

SP: Ich glaube einerseits, dass da die Grenze meiner persönlichen Kreativität erreicht wäre, ernsthaft… [macht eine kleine Pause] Andererseits sehe ich gar nicht mehr ein, dass etwas in meinen Augen so Unnötiges wie Druck die sonst mögliche gute Qualität meiner Arbeit schmälert. Wenn man nach einiger Zeit die schlecht gemachte Arbeit betrachtet, steht da nicht dran, dass sie unter Druck entstanden und daher schlecht ist.

I: Apropos Zeit: Zeitdruck ist etwas, das auch mal einfach so entsteht, und mit dem zum Beispiel ein Mitarbeiter umgehen muss…

SP: Ich würde mir die größte Mühe geben! [schmunzelt] Aber auch Zeitdruck hat doch meistens eine Geschichte…

I: Älterwerden lässt Sie die Erwartungen an sich selbst herunterschrauben; könnte man das so sagen?

SP: Ich würde es anders ausdrücken: Mein Älterwerden verändert [betont das Wort] die Erwartungen an mich selbst. Einige verabschieden sich möglicherweise ganz – das Druck-Thema, oder, auch ganz beliebt in jungen Jahren, anderen gefallen zu wollen – andere wie Authentizität steigen womöglich noch…

I: Tatsächlich? Sie kommen mir sehr authentisch vor!

SP: Dankeschön! [lächelt, wird sofort nachdenklich] Manchmal weiß ich nicht, wie ich Menschen sagen soll, dass ich denke, dass sie zu wenig Interesse an mir haben, um es Freundschaft [demonstriert Anführungszeichen] zu nennen. Ich schwanke dann zwischen dem Impuls, das irgendwann auszusprechen und dem Wunsch, Beziehungen einfach hinzunehmen, wie sie sind, auf die Gefahr hin, nicht erklären zu können, warum ich mich vielleicht wirklich zurückziehe. Dieses Thema arbeitet schon jahrelang in mir… [macht eine Pause, der Interviewer unterbricht nicht] Vielleicht ist das mein ewiger Wunsch nach Klarheit, gepaart mit meiner Abscheu vor Willkür… ich möchte [betont das Wort], wenn ich mich von jemandem zurückziehe, gerne auch erklären, warum… und es ist ja nur schwierig, wenn im Grunde nichts Nennenswertes vorgefallen ist…

I: Vielleicht machen Sie sich zu viele Gedanken…? Oder anders: Sie denken sehr bewusst über die Dinge nach. Glauben Sie, dass andere das auch machen?

SP: Ja, das glaube ich schon. Manchmal erlebt man in Gesprächen ja die Überraschung, dass sehr ähnliche Gefühle und Gedanken im Gegenüber sind, und fragt sich, warum man nicht schon längst mal miteinander geredet hat… ich hätte aber bei einigen Sorgen, dass sie sich zu dem Satz ‚Stimmt, im Grunde interessierst du mich nicht besonders‘ nicht durchringen könnten, wir im Gespräch rumeiern und die Betroffenen in Zukunft glauben, sie müssten Interesse zeigen, wo gar keines ist… gruselige Vorstellung!

I: Ja, etwas an- oder auszusprechen birgt immer ein Risiko! [lacht]

SP: Ja. Ich bräuchte schon vorher die Garantie eines konstruktiven Austauschs… gibt’s natürlich nicht…

I: Sie erwarten [zieht die Augenbrauen hoch und nickt mehrmals] etwas Bestimmtes von zum Beispiel Freundschaft…

SP: Ja klar… wie alle anderen auch, sollte man doch meinen… es muss ein gegenseitiges ungefähr gleich großes ehrliches Interesse am anderen sein, sonst wird es nicht funktionieren, bei allem guten Willen nicht… Interesse kann man aber nicht einfordern; auch das macht ein Gespräch darüber schwierig… [Pause; guckt auf die aufgeschlagene ‚a tempo‘-Ausgabe von Dezember 2017; der Interviewer fängt den Blick auf]

I: [verdreht den Kopf, liest] „Du wirst erwartet“.

SP: Ja. Wieder was Lesenswertes von Jean-Claude Lin… ich nehm‘ das Heft regelmäßig bei ‚dm‘ mit; hängt kostenlos an den Kassen aus.

I: [dreht es zu sich um, liest] „Zu jedem menschlichen Leben gehört die Empfindung, erwartet zu sein.“ Von wann ist das Heft?

SP: Von diesem Monat. [schmunzelt] Wenn ich mich mit einem Thema beschäftige, ziehe ich alles Mögliche zum Thema an, immer. Aber das erzählen andere auch; das ist anscheinend normal.

I: Ja, das Beispiel mit den Schwangeren, die man auf einmal nur noch sieht, wenn man selbst schwanger ist.

SP: Genau! [lacht; wird wieder ernst] Lin zitiert hier Rudolf Steiner: [nimmt das Heft auf, liest] „Wir kommen uns dann so vor, wie wenn wir unser individuelles, persönliches Dasein auf der Erde etwa durch folgenden Vergleich charakterisieren können. Irgendwo ist eine Versammlung. Wir sind aufgefordert, in diese Versammlung zu kommen. Wir sind deshalb aufgefordert, in diese Versammlung als Einzelner zu kommen, weil man dort darauf wartet, dass gerade das gesagt wird, was nur wir, was das einzelne Ich als persönliche Individualität vorbringen kann.“ Und Lin schreibt weiter: „Es kann aber sein, dass wir nicht hingehen, dass wir im Leben etwas tun, wodurch wir verhindert werden, dort hinzugelangen, wo wir erwartet werden – oder dass wir nicht verstehen, was von uns erwartet wird. Manches Tragische im Leben scheint mit dieser verfehlten Wahrnehmung des geheimnisvollen Erwartet-Werdens zusammenzuhängen.“ Das erscheint mir sehr wahr…

I: Ja…

SP: Ich bin nicht sehr gut im Auswählen. Mir reicht, wenn mir eine Person sympathisch ist; dann kann quasi alles aus der Verbindung entstehen! Naja, fast [betont das Wort, schmunzelt] alles. Man muss nicht dieselben Beschäftigungsvorstellungen haben, nicht dieselben Neigungen und Abneigungen, nicht dieselbe politische Einstellung. [Pause] Obwohl die sehr viel bedeutet. Ich merke jetzt, da mein Lebensgefährte auch ein Seelenverwandter ist, wie wichtig es ist, jemanden zu haben, der da ähnlich tickt, der so ähnlich oder sogar deckungsgleich auf die Gesellschaft schaut, auf die Welt. Wie wir unsere Rolle darin sehen, darin unterscheiden wir uns dann wieder, aber von vielen anderen trennt mich offensichtlich entschieden mehr. Das weiß ich aber beim Kennenlernen noch nicht, und wüsste ich es, [macht eine kleine Pause] würde ich dann anders mit dem Menschen umgehen, würde ich das weitere Kennenlernen, die Verbindung vermeiden? [Pause] Vermutlich ja nicht…

I: Ich überlege gerade, ob Menschen, aus deren Kennenlernen dann keine Freundschaft entsteht, das bewusst vermeiden… [schüttelt den Kopf]

SP: Nein, so glaube ich das auch nicht… aber was mein Leben angeht finde ich es schon bemerkenswert, dass sich da so viele so unterschiedliche Menschen tummeln, die es nicht weiter interessiert, womit ich mich beschäftige, wohingegen Menschen, die sich leichter finden müssten – die mich [betont das Wort] leichter finden müssten – irgendwie an mir vorbei kommen [lacht]… oder, finde ich mal jemanden, mit dem ich Austausch spannend fände, weil ich viele Berührungspunkte sehe, möchte sie mich nicht weiter kennenlernen, weil es durch räumliche Trennung in erster Linie über’s Netz gepflegt werden würde.

I: Sie?

SP: Ja, diese Person, die ich gerade meinte, ist eine Frau. Hat sich entschieden, mit Kunst aufzuhören; vielleicht war das ja mit ausschlaggebend. Obwohl ich damit, was man gemeinhin darunter versteht, ja nie angefangen habe. Ich gehöre – zum Glück – [hebt den Zeigefinger, schmunzelt] keiner Szene an, bin keine offizielle Künstlerin, aber bezeichne mich auch inoffiziell nicht so, weil es nicht gut passen würde. Ich habe keinen Namen, keinen bestimmten Stil. Ich drücke mich auf verschiedenen Wegen kreativ aus, als irgendein Mensch. Ich glaube, das trifft es am besten.

I: Vielleicht ist das gerade schwierig für andere, einer Person zu begegnen, die sie nicht direkt sauber „einsortieren“ [demonstriert die Anführungszeichen] können…

SP: Kann auch ’ne Rolle spielen, klar… wobei ich mich immer frage, ob man irgendjemanden „sauber einsortieren“ [demonstriert die Anführungszeichen] sollte beim Kennenlernen oder ob nicht gerade das ein echtes Kennenlernen verhindert.

I: Mir ist etwas aufgefallen: vorhin sagten Sie, dass Sie denen, von denen Sie sich zurückziehen, das gern erklären würden…

SP: Ja…

I: Sie sagten auch, dass Sie den Eindruck hätten, dass zu wenig Interesse an Ihrer Person bestünde, was Sie erst veranlasste, sich zurückzuziehen, richtig?

SP: Ja…

I: Haben Sie es schon mal so betrachtet – wenn man voraussetzt, dass es stimmt, dass Ihr Gegenüber nicht wirklich Interesse hat – dass der Rückzug schon längst von der anderen Seite aus stattgefunden hat…?

[eine längere Pause entsteht]

SP: [lächelt, nickt] Ja, irgendwie schon… also nein: so habe ich es noch nicht betrachtet… dankeschön…

I: Sie haben insgeheim die ganze Verantwortung übernommen.

SP: [gespielt entrüstet] Ist das ein Interview oder ’ne Therapie-Sitzung? [schmunzelt]

I: Sagen Sie nicht immer, dass die Dinge kein Etikett brauchen?

[beide lachen]

SP: Nein, wirklich: dankeschön! So betrachtet beruhigt sich sogar der sonst so starke Impuls, das irgendwann ansprechen zu müssen… erstaunlich! Mal sehen, ob ich diese Betrachtungsweise etwas kultivieren kann…

I: Vielleicht neigen Sie auch beim Netz-Auftritt dazu, die gesamte Verantwortung zu übernehmen…? Ist nur eine Frage…

SP: Da würde ich ziemlich entschieden ‚nein‘ sagen.

I: Sie schreiben für 35 Personen, sagen Sie…?

SP: Ja, derzeit sind es 35, die den Blog abonniert haben. Wer davon tatsächlich mitliest, weiß ich nicht; Feedback durch ein Like oder gar eine Wortmeldung bekomme ich selten. Das heißt, ein Künstlerkollege setzt regelmäßig unregelmäßig mal ein Sternchen, aber Wortmeldungen sind – auch in den vier Jahren jetzt – eine absolute Ausnahme. Aber wenn, war es jemand der immer selben drei Personen.

I: In welchem Abstand bekommen Sie Kommentare?

SP: Das sind ziemliche Abstände… manchmal liegen Monate, manchmal ein halbes Jahr, manchmal ein Jahr dazwischen… so ungefähr.

I: Und in welchen Abständen posten Sie Beiträge?

SP: Ca. alle drei bis sechs Tage. [kurze Pause] Was ich wirklich gerne wissen würde: ob meine Abonnenten den Blog auch so abwechslungsreich finden wie ich selbst ihn finde. [lacht] Vielleicht reduziere ich die Postings im nächsten Jahr auf einmal wöchentlich, aber das hatte ich mir schon mal vorgenommen und nicht durchgehalten. Es gibt so viel Teilenswertes zum Thema Kunst, Kultur, Mensch, Gesellschaft!

I: „Offener Blick und offenes Ohr – für respektvolles und vernünftiges Miteinander“ heißt Ihr Blog im Untertitel. Sind Sie von der Kunst als alleinigem Thema abgerückt?

SP: Kunst war und ist der Aufhänger, weil Offenheit mit ihr am „ungefährlichsten“ [demonstriert die Anführungszeichen] zu trainieren ist. Aber sie war von Beginn an nicht alleiniges Thema.

I: Haben Sie dann überhaupt eine Zielgruppe im eigentlichen Sinn?

SP: Sicher keine spezielle… aber ich habe eine Wunschvorstellung von einem Gast, der meine Seiten besucht, egal ob Blog, Homepage oder meine Gemeinschaftsseite bei facebook, die auch „Kunst ist für die Menschen“ heißt. In meinem gedachten Idealfall trifft ein Mensch, der kein Kind mehr aber sonst egal welchen Alters ist – nach unten ist der Reifegrad ja offen – auf-

I: Nach oben aber auch! [lacht]

SP: [schmunzelt] Das stimmt! Also dieser gedachte Mensch kommt zufällig auf meine Seite, im Blog entweder auf den aktuellen Beitrag oder auf irgendeinen älteren, liest an, liest ihn bis zum Ende und wird durch irgendetwas dort zum Weiterdenken meiner und seiner Gedanken angeregt. Manchmal schlage ich eine spezielle Übung [demonstriert Anführungszeichen] vor, auf die man sich bei Interesse einlassen kann. Die Steigerung ist, dass dieser Jemand Kontakt zu mir aufnimmt, mir erzählt, was der Beitrag eventuell ausgelöst hat. Die Steigerung dazu wäre, dass ein Gespräch zwischen uns entsteht, und die nochmalige Steigerung wäre, dass sich andere, die ebenso zufällig dort hineingeraten sind, sich mit unterhalten. Und die abermalige [betont sehr das Wort] Steigerung wäre, wenn dieser – ich sage mal: Ur-Gast [schmunzelt] noch ein, zwei andere Beiträge bei mir anliest, feststellt beziehungsweise das auch so sieht, dass der Blog unglaublich abwechslungsreich, und, wenn man die Anregungen und Einladungen zum sich-Einbringen wahrnimmt, auch spannend ist, mich öfter bewusst aufsucht. Die Schwierigkeit liegt lediglich darin, dass dieser gedachte Jemand, den es bestimmt gibt, mich beziehungsweise einen Beitrag von mir findet, der genau das anspricht, was ihn gerade im Leben interessiert. Ein Klacks. [schmunzelt]

I: Sie bewegen sich in einer Nische.

SP: Ich glaube, dass mir das bewusst ist, hilft mit, dass ich nicht wie viele, viele andere aufstecke, bei denen das Feedback genauso ausbleibt. Noch schwerer haben es wissenschaftliche BloggerInnen. Die müssen ständig Relevantes veröffentlichen, aber dürfen es nicht in einem Blog tun, wenn sie anerkannt sein wollen. Ich kann mir vorstellen, dass das Problem ist, dass dann „jeder Hinz und Kunz“… [demonstriert die Anführungszeichen, der Interviewer nickt] aber ich stelle es mir noch frustrierender vor. Kürzlich las ich im Blog einer wissenschaftlichen Bloggerin, dass sie Dinge zurückhält, die sie nicht „versenken“ will, wie sie es nannte. Wenn ich das auch so sehen und handhaben würde, ginge mein Leben vorbei, die Dinge blieben in mir verborgen und vergammelten da. Ich möchte [betont sehr das Wort] nichts zurückhalten müssen! Wofür?

I: Ja, ich verstehe die beiden Seiten…

SP: Ja, ich auch. [längere Pause] Es geht doch darum, egal, womit man sich im Leben beschäftigt, einen Sinn in dem zu sehen, was man tut. Und wenn ich mir die Weltnachrichten so ansehe, gibt es sicher sinnfreiere Unterfangen, als im Netz für Offenheit dem Mitmenschen gegenüber zu werben. Und wenn ich mit dem Argument konfrontiert werde – und manchmal findet diese Konfrontation schon von allein in mir selbst statt –, dass ich doch so wenige bloß erreiche – ich habe auch schon mal von einer Person gehört, dass sie es unverständlich findet, was ich schreibe –, dann würde ich mit dieser Text-Passage von Rudolf Steiner antworten. [tippt auf das ‚a tempo‘-Heft] Also frei formuliert: andere Stimmen gibt es schon. Warum soll ich nicht mit meiner individuellen Stimme das in die Welt einbringen, was mir sinnvoll erscheint? Ich war noch nie der Ansicht, dass jeder zu jedem Zeitpunkt jedem, der ihm begegnet, etwas geben kann; es muss sich die wunderbare Fügung des Zusammenpassens ereignen. Und ich kann nicht sagen, dass ich das erwarte [betont sehr das Wort] – es wäre mir aber jedes Mal ein Geschenk. Ich habe das Gefühl, das sage ich jedes Mal, wenn es Thema wird: ich bin oder habe nur ein Angebot, das man annehmen oder ablehnen kann. Auch die Ablehnung ist o.k., aber ich halte es nicht für sinnvoll, über das Angebot an sich zu diskutieren. Damit träte man mir, damit träte man aber auch allen anderen Menschen zu nah, finde ich.

I: Die Erwartung ginge Ihnen zu weit, dass Sie sich für andere ändern, verändern müssten…

SP: So eine Veränderung, die dann allen gerecht würde, gibt es nicht, also bleibt man doch lieber bei sich! Das hat nichts mit Kompromisslosigkeit zu tun; ohne Kompromisse würde kein Zusammenleben funktionieren. Aber das ureigene individuelle Angebot, das man mit dem persönlichen Sinn, mit dem eigenen Lebensinhalt macht – das sollte doch schon so stehenbleiben dürfen, wie der Lebens“inhaber“ [demonstriert die Anführungszeichen] es sich vorstellt, oder? [schmunzelt, der Interviewer nickt]

I: Ich hoffe, die Gesprächserwartung hat sich erfüllt!

SP: Von meiner Warte aus sehr! Und von Ihrer?

I: Ich hätte gerne noch den Ausblick auf’s nächste Jahr… erwarten Sie etwas? [schmunzelt]

SP: Ich erwarte tatsächlich etwas, aber nicht sehr konkret… ich werde zum ersten Mal an einem Mail Art-Projekt einer Kreativkollegin teilnehmen. Drei Personen kommen zeichnend miteinander ins Gespräch – nur über das Zeichnen, wohlgemerkt. Die Initiatorin ist eine Künstlerin, die ich nur online kenne, die dritte Person im Bunde ist mit ihr bekannt, also kennen wir drei uns untereinander eher nicht. Als ich den Aufruf bei Heike Sackmann sah, war ich sofort begeistert! Ich bin gespannt, ob man nachher den Eindruck hat, sich ein bisschen kennengelernt zu haben, oder das Gespräch nach außen eine bestimmte Wirkung hat. Ich würde fast sagen: ich erwarte nichts, bin aber voller Vorfreude. [lächelt]

I: Dann kommen Sie mit dieser Vorfreude gut ins nächste Jahr! Vielen Dank für das Gespräch.

SP: Ebenfalls einen gelungenen Jahreswechsel und herzlichen Dank.

 

[Das Gespräch wurde privat geführt und aufgezeichnet im Dezember 2017]

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cof

cof

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Was wir alle draus machen

http://www.xing-news.com/reader/news/articles/1079689?cce=em5e0cbb4d.%3AeE_8hx4se20pYOOiFbfnAF&link_position=digest&newsletter_id=28960&toolbar=true&xng_share_origin=email

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Ist es nicht, was wir alle draus machen?

Ich sehe die facebook-Situation so ähnlich wie meine übrigen Sozialkontakte: wenn mehr oder weniger offene Ablehnung stattfindet, setze ich mich sachlich auseinander oder bleibe friedlich weg; es gibt Smalltalk, der richtig nett ist und durchaus nützlich für ein grundsätzlich wohlwollendes Miteinander, und es gibt tiefer gehende, sehr konstruktive Äußerungen, aus denen manchmal – vielleicht zu selten – äußerst fruchtbare Gespräche entstehen.

Mir ist völlig klar, dass facebook ein gewinnorientiertes Unternehmen ist, das unsere Daten abgreift und nicht an einer „besseren Welt“ interessiert ist. Ich empfinde es aber als schwierig, eine Sache, die alles sein kann, die man als Nutzer so oder anders ausgestalten kann, in Bausch und Bogen zu verurteilen. Insofern klingt Palihapitiyas Bedauern in meinen Ohren überzogen:

„Ich denke, wir haben Tools geschaffen, die die Struktur unserer Gesellschaft auseinanderreißen […] Die kurzen, von Dopamin gesteuerten Feedback-Schleifen, die wir kreiert haben, zerstören, wie die Gesellschaft funktioniert.“

Und weiter heißt es auf Xing: „Durch die Pseudo-Interaktion auf die geposteten Inhalte finde kein ziviler Diskurs und keine Kooperation mehr statt; stattdessen dominierten Fehlinformationen und Unwahrheiten [als] ‚ein globales Problem‘.“

Sind wir nicht alle gefragt, das mitzugestalten? Wie stellen wir uns zu den Dingen; wie leiten wir beispielsweise Kinder und Jugendliche an? Wie gehen wir damit um, dass es überall um Profit geht und alle dem ausgesetzt sind; wie gehen wir beispielsweise mit Werbung für Kinder und Jugendliche um, die legal jeden Tag stattfindet, ob mit oder ohne facebook?

Was tun wir beispielsweise in Schulen dafür, dass es irgendwann vielleicht zwar genauso fies wie heute ist, es mit Social Bots zu tun zu haben, ihnen aber dadurch ein Stück ihrer Macht genommen wird, indem junge Menschen angeleitet werden, weniger impulsiv auf kurze Schlagsätze anzuspringen und das Auseinandersetzen nicht zu verlernen, immer wieder das selbst-Denken zu trainieren, um die Karren erkennen zu können, vor die sie gespannt werden sollen, wenn sie vor solche gespannt werden sollen? (Ich entschuldige mich aufrichtig für diesen Satz!)

Ob „ziviler Diskurs“ stattfinden kann, dazu schaffen doch wir die Bedingungen! Ob wir kooperieren, uns zusammenschließen, das entscheiden doch wir!

facebook ist und bleibt ein kapitalistisches Unternehmen. Ich stelle mir aber vor, wie viel gewonnen wäre, würden all die, die nicht an einer verbalen Prügelei interessiert sind, diese Stränge dort ver- und die Wort-Hooligans unter sich zurücklassen. Und möchte man bleiben: dass man in aufflammender Wut nicht in diesem Gefühl antwortet, sondern den oft wichtigen Zorn in Argumente und Sachlichkeit ummünzt. Wenn möglichst viele darauf achteten, würde das sowohl den Bots als auch den Trolls Macht entziehen. Ich stelle mir vor, dass jeder, der sich dort bewegt, es sowohl thematisch als auch im Umgang miteinander so ausreichend ernst nähme, als sei er nicht virtuell unterwegs, denn für viele macht das einen Unterschied. Doch: kaum jemand käme auf die Idee, sich im Bus in das Gespräch hinter ihm einzumischen, obwohl man jedes Wort versteht. Und machte es eine Einmischung nötig, drehte man sich ja auch nicht sofort mit den Worten ‚Sie Blödmann haben ja keine Ahnung!‘ um.

Es ist so viel Gutes mit diesem Medium möglich, ob Privatunternehmen oder nicht. Und höchstwahrscheinlich ist es nur als Privatunternehmen mit Gewinnerzielungsabsicht in diesem weltumspannenden Umfang realisierbar; wohlmeinende Einzelpersonen, die ein gemeinnütziges Unternehmen dieser Reichweite führten, kämen ja mit der Kontrolle gar nicht hinterher oder wären schon arm geklagt. Niemand würde das auf sich nehmen.

So bleibt uns nur der wache Blick, wieder einmal, wenn wir unsere guten Dinge nicht aus Scheu vor Eigenverantwortung opfern wollen.

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„Die Sprache kann der letzte Hort der Freiheit sein“ 

http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=70095

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„Ansichten eines Anarchisten“

Die christlichen Kirchen in Deutschland haben im Nationalsozialismus versagt und sich schuldig gemacht; darunter leidet der gläubige Heinrich Böll.

Es ist geradezu ekelhaft, wie Widerständler als Gegenargument ins Feld geführt werden, die sich allerdings (nach Böll) ihrem Gewissen und nicht der Kirche gegenüber verpflichtet fühlen.

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„Ich hasse den Krieg […] er ist so völlig sinnlos.“

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Welche Rolle spielen die tragenden Säulen/wichtigen Köpfe der Gesellschaft nach dem 2. Weltkrieg? (Stichwort Funktions“eliten“; es sind nicht auf einmal alle demokratisch gestimmt…) 

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Böll stellt sich gegen Aufrüstung und Wiederbewaffnung, Kanzler Adenauer ist dafür; dieser argumentiert mit Freiheit, und die Kirchen unterstützen ihn, weil sie sich gegen den eher atheistischen Osten behaupten wollen. Es ist also für die Kirche eine Frage der Macht und nicht die einer ethisch korrekten Haltung.

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Die Kirchensteuer verrechtlicht das Verhältnis zur Religion, und Böll verurteilt auch das. Und er kritisiert die „sinnentleerten Rituale“ der Kirche.

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Dass Konsum zur Entsolidarisierung des Menschen führt, nahm in den Wirtschaftswunderjahren seinen Anfang, und diesbezügliche Warnungen wurden wahrscheinlich nur allzu gerne in den Wind geschlagen. Ich will nicht „heute“ sagen, aber durch die Zeit sieht man, was Konsum als „neue Gottheit“ angerichtet hat. Die Entsolidarisierung geht über einzelne Personen hinaus, ergreift ganze Länder und lässt die ganze Welt in ein immer stärkeres Ungleichgewicht kippen.

Wo die Ungleichheit, die soziale Ungerechtigkeit – Lebensentscheidungen in jungen Jahren können sich auch in reichen Ländern später als in diesem Sinne falsch herausstellen, selbst, wenn sie an sich nichts „Falsches“ haben (soziale Berufe: Alten- und KrankenpflegerInnen, Berufssparten, die sich verändern: Verlagswesen, Berg- und Autobau, Versicherungs- und Bankangestellte, um nur ein paar Beispiele zu nennen) – mit Händen zu greifen ist, haben Politiker, die eine totalitäre Haltung vertreten, wieder Chancen.

Bölls Warnung vor Totalitarismus ist hochaktuell; für mich ist wünschenswert, wenn man es als wichtige Warnung begreift und danach spricht und handelt; Stichwort (heutiger möglicher nötiger) Widerstand, der oft als übertrieben gehandelt und daher manchmal an Stellen vermieden wird, wo er hingehört. Als kontraproduktiv empfinde ich dabei allerdings, wenn Menschen sich in Gesprächen weder aussprechen lassen noch dem anderen zuhören; so ist die „rechte Ecke“, die es leider selbstverständlich gibt, ein gern genommener Sammelort auch für Menschen, die unbequeme Wahrheiten ansprechen. Die Kunst liegt darin, echte Fremden- gleich Menschenfeindlichkeit zu erkennen und davon zu unterscheiden. Je länger ein Gespräch dauert, je mehr Zeit man sich nimmt, desto klarer werden menschliche Grundhaltungen.

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„Die Sprache kann der letzte Hort der Freiheit sein“, sagt Heinrich Böll.

Ihm wird Terrorismusempathie unterstellt, weil er die Werte des Grundgesetzes auch auf Terroristen angewandt sehen will, dem Wort also für alle Menschen dieselbe Bedeutung zugesteht. Wie kann er es mit diesem Argument in Diskussionen schwer gehabt haben…? Wie argumentierten seine Gegner?

Vielleicht würde „ein Böll“ heute ganz gut tun, sagt Wolfgang Niedecken, und ich sage: selbstverständlich! Aber ich sage auch: wir hatten immer Mahner und haben sie; der letzte, der mir spontan einfällt und an den ich mich lebhaft erinnere, war Roger Willemsen. Man muss die Mahner nur sehen und hören, wenn sie da sind, und nicht jedes Mal das Gleiche beklagen, als wäre es neu.

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http://signaturen-magazin.de/heinrich-boell–die-sprache-als-hort-der-freiheit.html

Auszug aus einer Rede von 1958:

„Es mag Ihnen merkwürdig erscheinen, daß einer, der sich als leidenschaftlicher Liebhaber der Sprache bekannt hat, hier eine Rede hält, die nur düstere politische Prognosen zu enthalten scheint, aus Vergangenheit und Gegenwart Worte auswählt, die tödlich gewirkt haben oder tödlich wirken können, die Zukunft aus Worten beschwört; aber der politische Akzent solcher Beschwörungen und Erinnerungen, das Mahnende und Drohende, kommt aus dem Wissen, daß Politik mit Worten gemacht wird, daß es Worte sind, die den Menschen zum Gegenstand der Politik machen und ihn Geschichte erleiden lassen, Worte, die geredet, gedruckt werden, und es kommt aus dem Wissen, daß Meinungsbildung, Stimmungsmache sich immer des Wortes bedienen. Die Maschinen sind da: Presse, Rundfunk-Fernsehen, von freien Menschen bedient, bieten sie uns Harmloses an, beschränken sich aufs Kommerzielle, Werbung, Unterhaltung – aber nur eine geringe Drehung am Schalter der Macht, und wir würden erkennen, daß die Harmlosigkeit der Maschinen nur eine scheinbare ist.“

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Rainer Mausfeld: Wie Machteliten Meinung und Demokratie steuern: https://www.youtube.com/watch?v=LBndWYhld40

Philipp Möller: „Ohne Religion wäre die Welt besser dran“: https://www.youtube.com/watch?v=PV8tUv-6X8Q

Iris Radisch zu Roger Willemsens: „Wer wir waren“: http://www.zeit.de/2016/51/roger-willemsen-wer-wir-waren

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Dreißig! 

Als ich vor 30 Jahren mein Gesicht begründete („Zur Begründung meines Gesichts“, in: „Anthologie ohne Titel“, Berliner Festspiele GmbH, anrich verlag GmbH, Kevelaer 1988) mit einem Text voll ernster Ironie, dachte ich höchstens ein, zwei Jahre weiter, wie das eben so ist mit 20. Mein Thema: die nach meiner damaligen Erfahrung mehrheitlich verlogen gestellte Frage nach dem Befinden. Mein fragendes Anliegen schon damals: wie sinnvoll ist die maskenhafte Begegnung zwischen Menschen, aber inwiefern ist da eine Änderung im Miteinander möglich und: ist die immer sinnvoll?

Mir war zwar bewusst, dass ich mit dem in-die-Welt-Schicken des Textes an einem Wettbewerb teilnahm, aber da ich – bis auf den riesigen Fresskorb bei der Schul-Tombola – noch nie was gewonnen hatte, rechnete ich mir nicht nur nichts aus, sondern vergaß es beinahe ganz. Bis Wochen später folgender Brief ins Haus flatterte:

Erstmal hob ich ihn nur auf, um in Berlin Missverständnissen vorzubeugen; ich hätte jeden verstanden, der mich für eine Hochstaplerin gehalten hätte. Aber das angekündigte nächste Schreiben kam, und so brachen 21 (zwei Teilnehmer kamen von dort) junge Leute aus verschiedenen Bundesländern am 20. November 1987 für vier pickepackevolle Tage nach Berlin auf.

Für mich war es in mehrfacher Hinsicht abenteuerlich: die Bahnreise durch „Feindesland“ – dass es solches war, demonstrierten die Grenzkontrollen eindrücklich -, das Zusammentreffen mit so vielen unbekannten Menschen in der großen mir unbekannten Stadt, das neue nach-außen-dazu-Stehen, was einen bewegt, der intensive Austausch.

Am Nachmittag des 21. war Probe und ich dann an diesem ersten Lesungsabend der Eisbrecher. Das war gut so, denn die Aufregung hätte mir das unbeschwerte Erleben dieser Tage dann doch vereitelt. Hatte ich vor dem Aufrufen des Namens noch gewaltiges Herzklopfen, war das am Mikro auf einmal weg, und ich genoss es beinahe:

Schön, die Menschen mit ihren unterschiedlichen Geschichten kennenzulernen: Ralf mit der Auseinandersetzung zwischen Brüdern, die mir nah ging. Christian, einer der Berliner, mit der nicht minder zu Herzen gehenden Bürgerkriegserfahrung aus der Sicht eines Familienvaters. Stefan ließ eine Fliegerstaffel verschwinden und Lars einen Manfred „den kleinen Tisch beiseite“stellen, der einzige Satz seines Gedichts „Sonntagmorgen“. Felicia Zeller ist mit Theaterstücken später richtig bekannt geworden, auch Ralf schreibt für seine Theatergruppe, und Stefan hat sich in seiner Ruhrgebietsheimat mit Gruselgeschichten einen Namen gemacht. Ralf, Christian, Stefan und ich freundeten uns an.

Ich blieb zwar dem belletristischen Schreiben nicht treu, aber verfasste durch die Jahre weiter nicht-wissenschaftliche Sachtexte rund um Kunst, Kreativität, Gesellschaft – um den Menschen. Ich begann zu bloggen und habe mich in diversen Diskussionszirkeln bewegt, mich in Gesprächen engagiert, daneben immer auch gezeichnet und gemalt.

Die „Anthologie ohne Titel“ könnte der Titel sein für mein kreatives Leben ohne eindeutiges Ziel, eindeutiges Werk. Auch damals hatte ich kein eindeutiges Ziel, auch nicht, was das Schreiben anging. Dieses Ziellose, Unehrgeizige in mir kann eine Karriere, wie sie landläufig verstanden wird, verhindert haben. Ob das Talent gereicht hätte, werde ich nicht erfahren. Aber ich wollte es nie austesten; ich wollte nur immer authentisch leben.

Wir waren damals im zweiten Jahr dabei; den Wettbewerb gibt es immer noch; heute ist der diesjährige Abschlusstag; heute vor 30 Jahren habe ich mich auf den Weg gemacht. Für mich ist es schön zu sehen, dass sich immer wieder junge Leute auf den Weg machen, sich und ihren Platz in der Welt zu suchen, Auseinandersetzung zu suchen.

P.  S.: Meine Einstellung zur „mehrheitlich verlogen gestellten Frage nach dem Befinden“ hat sich durch die Jahre übrigens weiter relativiert 😉 .

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https://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/bundeswettbewerbe/treffen_junger_autoren/ueber_festival_tja/aktuell_tja/start_tja.php

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