Co-Kreativität

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Ich bin eine Co-Kreative.

 

Auf einmal wird klar, warum einige Gespräche so gelaufen sind, wie sie gelaufen sind, besonders hier im Netz, wo man ohne Mimik und Gestik auskommen muss; jedenfalls größtenteils, es sei denn, man benutzt Skype. Emojis helfen da nur bedingt.

 

Wenn ich mich mit Menschen unterhalten habe, die in irgendeiner Form professionell mit Kunst zu tun hatten, kamen wir miteinander recht schnell an unsere Grenzen. (Ich muss hier einschieben, dass meine Erfahrungen in der letzten Zeit besser bis gut geworden sind, womöglich, weil immer alle beteiligten Parteien mit Klarnamen und Foto unterwegs waren. Womöglich läuft das wie bei der Hundebegegnung: entweder sind beide an- oder abgeleint 😉 …)

 

Damals aber, in Chatrooms, wo sie sich klangvolle Nutzernamen gaben, haben Gespräche nicht funktioniert; „funktioniert“ im Sinne von „Austausch, der beiden Seiten etwas gibt“; ich habe hier schon davon berichtet. Sowie klar war, dass ich nicht akademisch, sondern „nur“ mit dem oft zitierten, zumindest halbwegs gesunden Menschenverstand unterwegs war, fanden sich immer zwei, drei, vier Personen, die sich zusammentaten, um mich „wegzubeißen“.

 

Ich hatte für mein Anliegen keinen schnellen, treffenden Namen, kein Schlagwort, kein Etikett. So musste ich es beschreiben; das braucht halt manchmal fünf Sätze, aber ich hatte nur diese. Danach war ich raus. Jede weitere Bemühung, mich noch einmal neu, noch einmal anders zu erklären, wurde mit der Frage beantwortet, was ich dort noch wolle, warum ich mich weiter „abarbeite“ und dergleichen mehr.

 

Ich weiß nicht, ob der Ansatz Gerald Hüthers dort geholfen hätte, mich zu erklären, aber ich weiß, dass er mir jetzt, Jahre später, hilft, indem er mir einen Begriff liefert. Da ist auf einmal ein schnelles Wort, auf das ich zumindest aufbauen kann!

 

Es ist auf einmal völlig klar, dass man mit der Bewerbung für Offenheit nicht in einer Gemeinschaft punkten kann, die sich abgrenzen will. Mein Ansatz war falsch; mir leuchtete auf einmal auch ein, dass schon meine bloßen Fragen Angst einflößten, denn anders als mit diesem Begriff ist die unfassbare Unfreundlich-, ja beinahe Feindseligkeit nicht zu erklären gewesen. Was ich da wohl auslöste, wurde mir lange, lange Zeit später erst so richtig bewusst: die Mauer, deren Bauplan in den real existierenden Köpfen hinterlegt und die in monatelanger Kleinarbeit nun eins zu eins in diesem virtuellen Raum aufgebaut worden war, war in Gefahr, und ich war die Abrissbirne.

 

Mein Wunsch wäre gewesen, sich ohne Arroganz zu begegnen, denn ich denke (weil erlebe), dass Fragen, die irgendwie unpassend erscheinen, oft gerade wunde Punkte berühren, genau ins Schwarze, genau den Kern der Sache treffen.

 

Wofür ist Kunst gut?

 

Das habe ich oft gefragt, wenn ich den Eindruck hatte, dass das Ausschlussverfahren im System Kunst nur einer ausgesuchten Menschengruppe dient. Für mich geht es immer und überall um ein gemeinsames Weiterkommen, um das bestmögliche Zusammenleben und Weiterentwickeln von Menschen; bestmöglich in jedem Bereich. Da kann Kunst gar nicht alleine stehen und eifersüchtig abschirmen, wen oder was auch immer.

 

Dass man sich frei begegnen, interdisziplinär austauschen und sich starren Systemen entziehen möge, wird oft verwechselt mit der Ablehnung von „Leistung“, was mir aber völlig fern liegt. Was ich ablehne, ist der Energieabzug durch ein Leistungsdenken, das durch Konkurrenz geprägt ist und zumindest auf mich lähmend wirkt. Und welches Systeme nur immer starrer und enger werden lässt und durch Intransparenz merkwürdige, manchmal sogar kriminelle Blüten treiben kann (s. Kunstmarkt).

 

Diese (in meinen Augen gesunde) Art der Ablehnung wird meines Erachtens noch nicht ausreichend gesellschaftlich diskutiert. So verheddern sich Menschen in Talkshows in der Frage, welche Berufsgruppe wohl welchen Verdienst verdient hat, alle hervorgegangen aus einem System des Zusammenlebens, das Unterschiede da macht, wo sie dem friedlichen Zusammenleben schaden. Ja, natürlich gleicher Lohn für gleiche Arbeit, aber doch auch: gleicher Lohn für unvergleichliche Arbeit, oder? Wenn wir, die Gesellschaft, glauben, dass wir Banker brauchen und Krankenschwestern, Schreiner und Pädagogen, Tierheim- und TagespflegeleiterInnen – wo liegt dann das Problem, allen, ohne Ausnahme, ein Auskommen zu gönnen mit ihrem Einkommen? Wo liegt dann das Problem, den Finger in die Wunde zu legen mit der Frage, warum wir derartige Ungleichheiten zulassen, derartige Ungerechtigkeiten?

 

Ich denke, dass das Problem in der Ausbildung zu suchen ist, die beginnt, wenn wir auf die Welt kommen. Gerald Hüther erklärt anschaulich, wie wir als kleine Entdecker und Gestalter in die Belohnungssysteme geraten und irgendwann keine Chance mehr haben, dort herauszukommen, zumindest nicht gesellschaftlich oder sonst wie geächtet. Und von entdecken und gestalten darf, aber kann dann auch gar nicht mehr die Rede sein.

 

Wenn sich alle auf ihre Art einbringen dürften, würden sich auch mehr von denen einbringen, denen wir den Wunsch bisher absprechen, die wir als „faul“ wahrnehmen, als „dumm“, als gesellschaftlich „nicht tragbar“. Warum fühlen sich Menschen abgehängt? Weil diese, die sich so fühlen, es vermutlich durch unser Modell des Zusammenlebens tatsächlich sind!

 

Es ist sicher nicht die Erklärung für alles in der Welt, aber für sehr, sehr vieles. Auch würden nicht alle einer solchen Einladung folgen, bestimmt nicht. Trotzdem ist es doch eine Überlegung oder gar ein Antesten wert, was es auslöste, „sich als Subjekt zu begegnen, anstatt sich als Objekt zu behandeln“.

 

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https://www.youtube.com/watch?v=mqPMduxo2DY

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Quadro Nuevo & Cairo Steps

Wir hatten am vergangenen Wochenende das Vergnügen, zwei wunderbare Bands mit ihren emotional vortragenden und mitreißenden Gastsängern im Düsseldorfer Savoy-Kino/Theater hören und sehen zu können.

„Zwei renommierte Bands – das mehrfach mit dem ECHO ausgezeichnete Ensemble Quadro Nuevo und Cairo Steps, ein internationales Sufi-Weltmusik-Ensemble – begegnen einander in einer spannenden Mischung aus klassisch arabischer Musik, Tango Oriental, hypnotischen Grooves, Jazz und Improvisation.“

Mulo Francel, der großartige Saxophon- und Klarinettist von Quadro Nuevo, führte zusammen mit Basem Darwisch, dem Oud-Virtuosen der Cairo Steps, gekonnt und unterhaltsam durchs Programm, aufgelockert durch kurze improvisierte Gespräche mit den BandkollegInnen.

Das regelmäßige Zusammentreffen in voller Besetzung zu Konzerten sei gar nicht so einfach zu realisieren, da der „chaotische Haufen“ aus Musikern besteht, die auch solo oder in anderen Gruppierungen unterwegs sind und zudem aus verschiedenen Bundes- oder eben Weltländern kommen.

Quadro Nuevo und Cairo Steps lernten sich bei einem gemeinsamen Auftritt in der Alten Oper Frankfurt kennen, und der kreative Funke sprang über. Sie beschlossen, gemeinsame Projekte zu verwirklichen. Im Januar 2017 reisten die Musiker durch Ägypten, spielten in den Opernhäusern von Kairo, Alexandria und Damanhur und veröffentlichten anschließend ihr Musik-Album Flying Carpet. „Musik als fliegender Teppich – hinweg über die Grenzen von Zeit, Politik und Religion.“ So lag auch in Düsseldorf vorne auf der Bühne ein Teppich, der den Band-Zusammenschluss als „Kult-Gegenstand“, so Francel, auf den Touren begleitet. Er liegt dort stellvertretend für die musikalische Brücke. So ist laut Darwisch die Mission der Cairo Steps auch, eine Verbindung zwischen Orient und Okzident, Muslimen und Christen zu schaffen. Und Matthias Frey, der Ursprungspianist der Steps, erklärt dazu ganz richtig: „Wenn man sich verstehen will, muss man erstmal hören.“

Und so hörte man neben den uns hier geläufigen Instrumenten das Holzblasinstrument Duduk, die Längsflöte Nay, die Kastenzither Kanun und eben die arabische Kurzhalslaute Oud. Und man konnte die schöne Kennenlerngeschichte der Quadro Nuevo-Harfenistin Evelyn Huber mit Matthias Frey hören, die sich nach E-Mail-Kontaktaufnahme trafen und erst einmal zwei Stunden musizierten, ehe sie sich unterhielten.

Auf der Website von Quadro Nuevo ist zu lesen:

„Das Projekt Flying Carpet ist jedoch mehr als die Summe seiner einzelnen Teile. Meditativer Klang und kraftvolle Unisono-Passagen erzeugen einen Auftrieb, dem man sich nur schwer entziehen kann. Der Teppich hebt ab. Getrieben zwischen östlichen und westlichen Winden schwebt er durch neue Klanglandschaften. Er trägt uns hinweg: Über den Bodennebel trivialer Alltagsprobleme. Über die Grenzen von Kulturen und Ideologien. Über die Gräben scheinbar unlösbarer Konflikte.“

Über ihre Konzerte sagen sie:

„Obwohl wir aus unterschiedlichen Kulturräumen kommen, stehen wir voller Respekt füreinander als Freunde auf der Bühne. Wir haben die Vision, mit unserer gemeinsam entstehenden Musik Momente zu schaffen, welche eine Brücke zwischen dem Abend- und dem Morgenland spannen. Ein gemeinsamer Ritt auf dem fliegenden Teppich!“

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https://www.youtube.com/watch?v=MMI6XNpqFKw

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Kunst-Hand-Werk

„Der Begriff ‚Kunsthandwerk‘ wurde, nachdem die Metiers der Maler, Buchmaler, Glasmaler, Glasbläser, Graveure, Bildhauer, Gold- und Silberschmiede, Schnitzer, Möbelschreiner, Drechsler, Weber, Instrumentenbauer, Bildwirker, Töpfer und dergleichen jahrhundertelang als reines Handwerk betrachtet worden waren, erst in jüngerer Zeit ausgeprägt.

[…]

Der Begriff Kunsthandwerk hebt – im Vergleich zur Kunst – das handwerkliche und technische Interesse hervor. In der Erhaltung traditioneller handwerklicher Techniken übernimmt das Kunsthandwerk eine wichtige Aufgabe: Materialität, Verarbeitung und Ästhetik der Formgebung spielen eine wichtige Rolle, wobei tiefer gehende autonome geistige Prozesse in den Hintergrund treten. Vorwiegend bleibt das Schaffen in funktionalen und angewandten Bereichen. Häufig werden Gestaltungen und ästhetische Interessen angewandt, um insbesondere Gebrauchsartikel aufwerten zu können.“ [Wikipedia]

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Nicht nur die Grenzen zwischen Handwerk und Kunsthandwerk waren schon immer fließend, sondern auch die zwischen Kunsthandwerk und Kunst. Denn man kann umgekehrt ja nicht sagen, dass Künstler das Handwerkliche durchweg vernachlässigten. Manchmal haben sie ausführende Kräfte, die ihre Ideen umsetzen. Und auch, wenn sie es selber tun, sieht man die Handwerkskunst hinter der Arbeit nicht mehr unbedingt, weil die Kreation vielleicht nicht schön, sondern genau so umgesetzt ihre Idee vertritt. Aber „nur“ Kunst, das heißt Idee ohne irgendeine Ausführung, gibt es ebenso wenig, wobei die Arten der „Handwerke“ dabei mannigfaltig sind, bis hin zu Wort-, Kommunikations- und Netzkunst.

Alles hat seine Berechtigung; ein gegeneinander Aufrechnen hätte keinen Sinn. Und die fließenden Grenzen – beispielsweise im Fall von Möbeln oder Schmuck – zeigen, dass dogmatisch vertretene Urteile mindestens schwierig sind… ein Weiterdenken, auch schriftlich hier gelassen, freut mich sehr!

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Im Fall von Margarete Steiffs Plüschtieren scheint die Sache durch die Fließbandproduktion klar zu sein: eindeutig Kunsthandwerk. Aber sie hat nach ihrem ersten nach einem schon bestehenden Schnittmuster entstandenen Teil, dem „Elefäntle“, auch Tiere selbst entworfen.

Gerne teile ich mit Euch den Spielfilm über ihr Leben mit der fabelhaften, glaubwürdigen Heike Makatsch in der Titelrolle.

Und auch hier wieder: Verzahnung und fließende Grenzen: HandwerksKunst inspiriert Schauspiel- und InszenierungsKunst… handwerk.

https://www.youtube.com/watch?v=0oOE953-AlY

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Steine hüpfen lassen… im Hirn 2 oder: Grenzen

Stefan: Zitat 1 [Beitrag vom 09.11.: Steine hüpfen lassen… im Hirn], so ohne jeden Kontext kann nur zu allerlei Spekulationen verleiten.

Ich versuch mal den folgenden Kontrapunkt:

Kapitalisten haben sich noch nie um Grenzen geschert.“
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Lieber Stefan, liebe Mitlesenden,

heute mal ein etwas ungewöhnlicher Beitrag. Er geht mit persönlicher Ansprache los, weil ich Stefan zuerst in den Kommentaren von „Steine hüpfen lassen… im Hirn“ vom 09.11. antworten wollte, es aber dann wieder so komplex wurde, dass ich mich zu einem eigenem Beitrag zum Thema durchgerungen habe. Deswegen jetzt weiter ohne persönliche Ansprache:

Stefan hat mit seinem Kommentar eine offene Tür bei mir eingerannt: beinahe nichts funktioniert mehr aus dem Zusammenhang gerissen oder ohne zusätzliche Erklärung; da bin ich mit ihm einer Ansicht, und ich finde es im Grunde gut. Denn so kommen wir ein Stück weit wieder von Schlagworten oder –sätzen ab, die eher zum Inhalt haben, was der Leser bzw. Hörer interpretiert.

Mein Thema ist aber genau so durch die Jahre, in denen ich mich mit einem theoretischen Kunstbegriff beschäftige, wie man sich noch „ganz normal“ unterhalten können soll, wenn alles vor dem Gespräch und während des Gesprächs von allen Beteiligten ständig erklärt werden muss… es ist nicht möglich.

Aber wir unterhalten uns so. Wir setzen Dinge, Definitionen voraus und hauen die Sätze erst einmal ohne Rücksicht auf Verluste raus.

Wenn man nun wie ich einen fremden Sprecher zitiert – in dem Fall Hermann Arnhold vom LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster: „Künstler haben sich noch nie um Grenzen geschert“ –, dann nehme ich, vielleicht aus oben angesprochenem Grund fälschlicherweise, an, dass das Wort „Künstler“ den Begriff „Grenze“ in einer bestimmten Weise definiert – fälschlicherweise, weil man einen unbestimmten Begriff nicht mit einem anderen unbestimmten Begriff erklären kann. Ich gehe/ging also von sozusagen „ungefährlichen“ Grenzen aus: Grenzen im Kopf, im Denken, die zu ignorieren erst einmal andere (im Grunde zuerst zu definierende) Begriffe: Freiheit, Offenheit etc. zur Folge hätte, was also (in meinem Kopf) durchaus nur von Vorteil wäre.

Stefans Einwand fordert eine genauere Definition des Begriffs „Grenze“. Selbstverständlich ist die kapitalistisch motivierte Grenzüberschreitung weltweit menschlich gefährlich, selbstverständlich wäre es asozial und nicht hinnehmbar, würde ich die persönliche Grenze meines Gegenübers bewusst überschreiten. Da sind Grenzen dann sogar unerlässlich.

Kinder brauchen Grenzen, damit sie ein Gefühl der Sicherheit entwickeln, das für die weitere positive Entwicklung unverzichtbar ist. Dass man über die Art solcher im Grunde „guter“ Grenzen aber auch konstruktiv streiten und manche davon auch einreißen kann, davon spricht zum Beispiel Gerald Hüther oft und gut.

Grenzen um Länder erleichtern die Verwaltung; je kleiner ein zu verwaltendes Etwas, desto leichter. Aber: Ländergrenzen ziehen sich auch durch Köpfe, wo sie doch eigentlich nichts zu suchen haben, da sich das „Gute“ dieser Grenzen doch auf (notwendige) Bürokratie bezieht… trotzdem ist das Eine ein Nebenprodukt des Anderen.

Erleben Künstler Grenzen – wobei ich den Begriff „Künstler“ allgemein verstanden wissen möchte –, dann sind es ganz oft finanzielle (und damit verbunden örtliche) oder solche der fehlenden Inspiration… die Liste ist beliebig verlängerbar. Solcherlei Grenzen sind nicht schnell zu überbrücken, aber Hermann Arnhold habe ich natürlich anders interpretiert. Um die gerade genannten Grenzen muss man sich soger scheren; man kommt gar nicht darum herum. Die Grenzen im Kopf dagegen muss man einreißen, genau wie die, die andere einem mit ihren Vorgaben setzen wollen.

Ich bin sogar der Ansicht, dass das nichts Künstler-Spezifisches sein sollte – wo sollen Grenzen im Kopf etwas Gutes bewirken? Dass man sich etwas „nicht vorstellen“ kann, macht einen noch nicht zu einem sozialen Menschen, genau wie umgekehrt eine überbordende Fantasie, in der „alles“ möglich ist, auch Grausames, denjenigen weder zur Umsetzung zwingt, noch auf den Charakter desjenigen schließen lässt. Verantwortung ist immer mit dabei, idealerweise bewusst.

Freiheit im Kopf ist nichts Künstler-Spezifisches, aber gerade Künstler können nicht darauf verzichten, denke ich, und zwar jenseits jeder „romantischen“ Vorstellung.

So ist meine Schlussfolgerung für heute, dass in dem Arnhold-Zitat doch das Wort „Künstler“ das Wort „Grenze“ in gewisser Weise ausreichend definiert, und der Stein nicht mit der ersten Berührung der Wasseroberfläche untergehen muss… 😉

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Politische Kunst

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=6338:hate-radio-milo-rau-und-sein-internationales-institut-fuer-politischen-mord-fuehren-eine-radio-hass-sendung-aus-ruanda-wieder-auf-&catid=38:die-nachtkritik&Itemid=40

 

https://www.youtube.com/watch?v=pm1eYaP7JIM

 

Milo Rau:

„Es scheint tatsächlich ein globales Verständnis zu geben für Kunst, das gewachsen ist, vielleicht in den letzten 20 Jahren; ich weiß es nicht… Mich hat’s jedenfalls sehr sehr sehr erstaunt, als wir das in Japan gezeigt haben, dass das komplett funktioniert hat; dass es keine Verständnisfragen gab, sondern jeder das sofort übersetzt hat in […] die Massaker der japanischen Armee in China beispielsweise… es sofort übersetzt hat in ‚sein Ding‘: in der Schweiz war die Demokratiefrage wichtig, in Frankreich die Rolle Frankreichs und in Ruanda natürlich die eigenen biografischen Bedingungen.“

Juliane Rebentisch:

„Könnt‘ ja aber auch’n Problem sein… wenn man es in alles immer so rückübersetzt, dass dann sozusagen der Gehalt auf so was allgemein Menschliches runterdimmt und so’n bisschen ’nen depolitisierenden Zug auch dadurch bekommt, sozusagen was dann der ‚gemeinsame Nenner‘ immer ist… die dunkle Seite im Menschen oder so… das wär‘ ja’n bisschen kurz…

[…]

Natürlich stellt sich diese ethische Frage: Welches Material […] unterwirft man überhaupt dieser Logik der Kunst, ja, die eben eine Logik des Unbestimmtmachens auch ist? Man vergisst, dass es von Breivik ist [vorher war von einem Originaltext des Attentäters die Rede, der im Kunstkontext vorgetragen worden ist], man vergisst sozusagen in gewisser Weise den Kontext und sieht andere Dinge, andere Dinge scheinen auf, und es kann ja sein, dass es Material gibt – oder Zeiten gibt – in denen es nicht angemessen ist, aus diversen Gründen, aus ethischen Gründen, politischen Gründen, bestimmtes Material dieser Logik des Unbestimmtmachens des Bestimmten zu unterwerfen. “

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Ich verstehe und teile das, was Juliane Rebentisch in dem zuletzt hier zitierten Satz sagt. Bestimmte Erinnerungen, die Individualität von Leid zum Beispiel, sollten nicht verloren gehen. Einzelschicksale gehören gewürdigt, so, wie jeder seiner verstorbenen Angehörigen gedenkt und sich beispielsweise auf bestimmte Art und Weise um die Bestattung kümmert. Destruktives politisches Verhalten seitens einer Regierung gehört angesprochen und muss ja sogar durch konkrete Beispiele belegt werden.

Genau so wichtig wäre es mir aber auch, gerade auch das „allgemein Menschliche“ in den Dingen anzusprechen, wo das möglich ist. Verliert man einen geliebten Menschen durch Krankheit, ist das ein schwerer Schock, der alles Mögliche auslösen kann, aber man kann keine gesellschaftliche Entwicklung dafür verantwortlich machen. Verliert man einen Angehörigen durch beispielsweise ein Attentat mit eindeutig politischem Hintergrund – wobei ich aufs Schärfste verurteile, wenn Regierungen und/oder Einzelpersonen diese Eindeutigkeit nicht ‚brauchen‘ und ein Verbrechen zugunsten ihrer Ziele missbrauchen –, ist das etwas anderes. Eine künstlerische Arbeit, die das „allgemein Menschliche“ darin aufgreift, ‚übergeht‘ ein Opfer, die Opfer nicht. Die Akzeptanz der „dunklen Seite im Menschen“ muss nicht zu übermäßigem Täterschutz oder Täterverständnis führen; jede Gesellschaft wird vermutlich immer Repressalien brauchen, um im Gleichgewicht zu bleiben. Aber für mich ist zum Beispiel die Todesstrafe die Bankrotterklärung der Menschheit bezüglich einer annehmbaren Weiterentwicklung, und geht es nicht darum, sich sowohl in der Ahndung bestimmter Tätlichkeiten als auch grundsätzlich im Denken und Handeln als alle Menschen weiterzuentwickeln? Was ist nötig auf diesem Weg?

Gründe, Inhalte müssen eine Rolle spielen jenseits der Tatsache, dass nicht alle Menschen gleich auf Inhalte reagieren. Soll heißen: selbst, wenn nicht alle von sozialer Benachteiligung Betroffene zu Attentätern werden, muss sich eine Gesellschaft trotzdem dem Problem der sozialen Benachteiligung stellen. Und selbst, wenn eine Tat nicht eindeutig auf eine einzige und bestimmte Ursache (wie eben soziale Benachteiligung) zurückzuführen ist, muss sich eine Gesellschaft ja trotzdem ihren Problemen stellen. Dass diese immer eine Rolle spielen, sogar eine ziemlich große, dürfte ja unbestritten sein…

Ob ein politisches System diesen oder jenen Namen hat: geht es den Menschen nicht gut damit – und im Augenblick geht es vielen Menschen auf dieser Erde nicht gut mit der politisch gewollten und bestimmten Weltordnung – dann muss es angesprochen und angegangen und darf nicht verschwiegen werden.

Beinahe nichts bekommt einen „depolitisierenden Zug“ dadurch, dass man es auf das allgemein Menschliche runterbricht; das allgemein Menschliche ist, denke ich, der Schlüssel zu nahezu allem.

Der Mensch schafft sich seine Systeme selbst.

Verständnis für die psychologischen Vorgänge im Menschen beugt Selbstgerechtigkeit vor, weil das klar macht, dass wir alle die gleichen oder sehr ähnliche Voraussetzungen mitbringen. Wir alle neigen zum Verdrängen, auch wider besseres Wissen, und es kostet einige Anstrengung, sich immer wieder neu aus- und auseinanderzusetzen. Vielleicht neigen alle Menschen in bestimmten Positionen der Macht irgendwann dazu, diese um jeden Preis festzuhalten. Einige Menschen kämpfen mit Neid aufgrund von Minderwertigkeitsgefühlen. All das passiert wider die Vernunft. Kinder sollten altersgerecht verstehen lernen, wie wir Menschen ticken; der Schulunterricht, wie er bisher gestaltet ist, scheint dazu nicht auszureichen. Und nur das Wissen um Zusammenhänge macht handlungsfähig.

Damit hat das Gefühl, dass diese Anstrengung es wert ist, überhaupt erst eine Chance. Wenn ich weiß, dass ich nicht ausgeliefert bin, auch mir selbst nicht, dass es einen Unterschied macht, dass ich mein Denken jederzeit revidieren oder etwas jederzeit erklären kann, dass ich weiß, wo ich auf mich selbst aufpassen, mich selbst beobachten muss, dass ich eine persönliche Verantwortung innerhalb des allgemein Menschlichen habe, bekommen Fühlen, Denken und Handeln eine andere Dimension.

Politische Kunst ist und bleibt wichtig, im Konkreten und im Abstrakten.

 

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Vision

Ich kann und möchte niemanden benennen und einzelne Personen „bewerben“ – ich bewerbe die Idee, dass man offen durchs Leben gehen sollte. Niemand ist in allem, was er künstlerisch tut, eine Bereicherung für jeden, aber jeder kann eine Bereicherung für JEMANDEN sein. Mir ist bewusst, dass sich das nicht mit einem Ausschluss-System decken kann und auch die Versorgungsfrage nicht beantwortet. Mir reicht – bezüglich Duchamps Urinal-Beispiel aus „Benennung und Inhalt“, dem Beitrag vom 20. Juni – dass nicht ich und auch niemand anderes tatsächlich vollkommen ausschließen kann, dass es solche Ideen außerhalb des Kunstmarktes geben KANN.

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Ich möchte das ganzheitliche Denken, das ich nicht von Jugend an hatte, nicht mehr aufgeben, eher noch weiter trainieren. Gerade der künstlerische Bereich bietet sich dafür an, da er eine Sache behandelt, die so unmittelbar zum Menschen gehört: seine Freiheit im Denken, sein Ausdruck.

Wie könnte ich, wenn ich einmal damit angefangen habe, einzelne Bereiche vom ganzheitlichen Denken ausschließen? Wenn man zum Beispiel Lehren und Lernen auch vollkommen anders begreifen und aufziehen könnte (was man könnte!), hätte das Auswirkungen auch auf die Kunst.

Vielleicht so:

Meinetwegen würde irgendwann keiner mehr „Künstler“ genannt, weil jede Arbeit eines jeden gleichwertig nebeneinander stünde. Es gäbe keine „Berufskünstler“.

Unter anderem das, was heute in künstlerischer Hinsicht in Therapien gemacht wird, um Menschen in Heilungsprozessen zu unterstützen, wäre Teil eines wichtigen Schulfachs, um den Kontakt zu sich selbst nicht erst finden zu müssen, sondern stetig aufrechtzuerhalten mittels kreativer Ansätze.

(Ach ja: das Fach „Religion“ wäre komplett durch Ethik-Unterricht ersetzt, und Fächer solcher -humanistischer- Art könnten kombiniert unterrichtet werden, wie auch die Naturwissenschaften untereinander.)

Lehrer wären angesehen und würden anders ausgebildet (zum Beispiel nicht so allein gelassen bezüglich didaktischer und sozialer Fragen), und die Berufe, die die Schüler später in künstlerischer Hinsicht ergreifen könnten, wären wieder „Lehrer“, oder es ginge in Richtung „Therapie“. Es wäre niemand gezwungen, aber ganz viele würden gewohnt sein, sich künstlerisch auszudrücken. Ein diesbezüglicher Hype um etwas oder jemanden wäre geradezu lächerlich.

Für alle die, die die Schätze der Kunstwelt in Gefahr sähen: alles gäbe es noch, und es würden auch weiter neue Dinge entstehen (zum Beispiel Netzkunst, die es vor wenigen Jahrzehnten noch nicht gab, nicht geben konnte). Weil der Hype um Einzelnes wegfiele und es stattdessen viel, viel mehr gäbe, müsste man neue Wege ausprobieren, Kunst zu zeigen und erfahrbar zu machen, was tatsächlich das Museum, wie es jetzt noch existiert, in Frage stellte.

Auch andere Berufe wären von den Änderungen betroffen; die Arbeitszeit wäre reduziert; Menschen hätten mehr Zeit für ihre Selbstbestimmung, und Sozialdienste wären eine Art Pflichtprogramm, das, vielleicht kommunal verwaltet, jeder nach seinen Neigungen und Fähigkeiten in seine Woche einbinden müsste. Die Hilfe bei der Pflege Angehöriger würde enorm ausgebaut; es gäbe keine finanziellen Einbußen deswegen.

Berufe, die rund um die Uhr besetzt sein müssen (wie zum Beispiel die Feuerwehr), hätten dafür genügend Personal, um das neue verkürzte Zeitmanagement stemmen zu können.

Und alle hätten ein Auskommen.

Einige Schulfächer blieben ganz ähnlich wie schon jetzt, zum Beispiel Fremdsprachen oder die Naturwissenschaften. Wie gute Denker in ihren Gebieten am besten gefördert würden, läge sehr in der jeweiligen Natur des Fachgebietes. Auf diesen Gebieten hielte ich auch Studiengänge wie heute angeboten weiterhin für sinnvoll, nur würde ich mir alles praktischer wünschen, von der Schule an. (In meiner Schule würden die Menschen nicht mit zehn Jahren in trennende Systeme einsortiert und müssten auch nicht mit siebzehn „fertig“ sein.)

Mir fällt keine bessere Methode ein, Menschen zu zeigen, „was alles mit ihnen zu tun hat“. Und auch keine bessere, jenseits unterschiedlicher menschlicher Charaktere Missbrauch vorzubeugen, z. B. im Umgang mit künstlicher Intelligenz oder Forschungsergebnissen, die Dinge möglich machen, die vielleicht aber nicht wünschenswert sind und/oder stetige öffentliche Diskussion und Begleitung erfordern.

Die Disziplinen müssten miteinander ins Gespräch kommen und im Gespräch bleiben. Diesbezügliche Arroganz würde ebenfalls als lächerlich empfunden, könnte sich aber auch nicht mehr gut entwickeln.

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Meine Gedanken erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit; ich fühle mich, als hätte ich gerade erst konkret darüber nachzudenken begonnen, und ich habe selbstverständlich keine Beweise für die daraus folgende Entwicklung einer „besseren Welt“. Aber ich glaube es, weil, wenn Dinge davon im Kleinen umgesetzt werden (spielerisches Lernen, Kunsttherapie, guter Ethik-Unterricht), man bei den Menschen direkt eine Veränderung bemerkt. Warum sollte man gute Ideen, Dinge, die für den Menschen funktionieren, nicht lostreten und in einem stetigen Prozess weiterentwickeln?

Dass so vielen Menschen Kunst nicht nah ist (was so ist), halte ich für eine Fehlentwicklung unseres politischen und gesellschaftlichen Systems (neben vielen anderen Dingen).

Ich führe es unter anderem auch darauf zurück:

http://www.alphabet-film.com/ :

Mit erschreckender Deutlichkeit wird nun sichtbar, dass uns die Grenzen unseres Denkens von Kindheit an zu eng gesteckt wurden. Egal, welche Schule wir besucht haben, bewegen wir uns in Denkmustern, die aus der Frühzeit der Industrialisierung stammen, als es darum ging, die Menschen zu gut funktionierenden Rädchen einer arbeitsteiligen Produktionsgesellschaft auszubilden. Die Lehrinhalte haben sich seither stark verändert und die Schule ist auch kein Ort des autoritären Drills mehr. Doch die Fixierung auf normierte Standards beherrscht den Unterricht mehr denn je.“

In der sehenswerten Diskussionsrunde https://www.youtube.com/watch?v=lk98IRFTWNs , die zum Thema hat, ob der Mensch ein Feindbild braucht, spricht Rüdiger Lenz so ab ca. Stunde 2:20:… „das ganze Spektrum von Bildung“ an. „Wir brauchen Menschen, die an sich selbst reifen […] wir brauchen Menschen, die Gestalter werden.“

Ich kann mir nicht vorstellen, dass, wenn solche Gedanken in der Gesellschaft ehrlich ernst genommen würden, das keine enormen und vor allem guten Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens hätte…

und eben deswegen auch auf die Kunst.

 

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