Was man sonst übersieht

Eine wunderbare Betrachtungsweise des Mönchengladbacher Fotografen Andreas Lousberg:„“Ich kriege oft gesagt, das sieht doch ganz anders aus“, sagt Andreas Lousberg, Mönchengladbach sei nicht so schön, wie auf seinen Bildern. Lousberg sieht das anders, er mache mit HDR-Technik nur Details sichtbar, die man mit bloßem Auge wohl so nicht bemerken würde, sagt er.“

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Die Aufgabe des Tages: versucht, durch zwei, drei Sätze, ein Bild, einen Gedanken ein Detail einer Sache, einer Begebenheit, eines Menschen so hervorzuheben, dass man die Schönheit sehen kann.

Ergebnisse dürfen hier gerne in Wort und Bild geteilt werden, aber ich bin schon zufrieden mit Eurem Bemühen!

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http://www.extra-tipp-moenchengladbach.de/die-stadt/m-246-nchengladbach-bei-nacht-aid-1.7003567

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Bei Nichtbeachtung droht vielleicht irgendwann mehr als „Kunstverlust“…

„Ich habe miterlebt, wie Jugendliche, die noch nie etwas mit Kunst zu tun hatten, nie in einem Museum waren, durch einen Kunstworkshop angefangen haben zu strahlen. Sie wirkten plötzlich selbstbewusst, kreativ, individuell und interessiert an allem, was über ihren bisherigen ‚Tellerrand‘ hinausging. Aus diesem Grund müssen wir unseren Blick nach vorne richten und dieses Potenzial stärken, denn ohne Kunst würde unsere Gesellschaft eingehen.“ [Juliane Köhler]

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Warum ist es durch Kunst so niederschwellig möglich, Interesse, gar Selbstbewusstsein zu erleben?

Ich denke, weil jeder einen natürlichen Zugang zu ihr hat oder haben könnte, gerade in jungen Jahren. Mit zunehmendem Alter wird dieser natürliche Zugang immer mehr zugestellt mit Erwartungen der Umwelt, die in die jungen Menschen kriechen und irgendwann als eigene Haltungen erlebt werden. Auch Kunst hat in der Gesellschaft ein Gerüst, einen starren Rahmen, den man schon spürt, wenn man nur die Bezeichnung nimmt: Kunst. Der Begriff ist abstrakt; jeder füllt ihn anders. Ein Teil der Gesellschaft sieht ihn als Qualitätsbegriff an: alles, was so genannt wird, ist durch einen Filter gelaufen, hat „Tests“ bestanden, ist von „Experten“, deren Urteil wir vertrauen, für gut befunden worden, gut genug, diesen „Titel“ zu tragen. Junge Menschen, die mit dieser Begriffsdefinition aufwachsen und sie verinnerlichen, werden, wenn sie „offiziell“ einen zum Beispiel naturwissenschaftlichen Weg einschlagen, kaum wagen, auch noch „Kunst“ zu machen oder auch nur diese Neigung verspüren. Das eigentlich so leicht zu weckende Gefühl, das Juliane Köhler bei ‚KunstVerLust‘ beschreibt und das Menschen sich gut und zufrieden fühlen hilft – zu Frieden – wird leichtfertig weggegeben zugunsten eines Lebens im Wettbewerb.

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Und ist das nicht genau der richtige Ansatz, auch jenseits von Kunst? Zu welchen Themen könnt Ihr Euch Workshops vorstellen, die bereits im Jugendalter ihren Anfang nehmen und über reine „Beschäftigungstherapie“ hinausgehen können? Wie könnten sich Jugendliche – selbstverständlich freiwillig! – einbringen können, ohne ihre kostbare Frei- oder Schulzeit zu opfern; vielleicht gekoppelt an den Unterricht? Kann Unterricht nicht generell anders gestaltet werden? Wie erreicht man Schüler, die ihrer Herkunft (Sprachbarriere, Kulturbarriere) oder Wohnsituation nach benachteiligt sind, wenn man den Maßstab unserer Gesellschaft anlegt?

Wodurch wird der erste Funke für Beteiligungswunsch entzündet?

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http://www.kunstverlust.de/galerie/2015/12/23/juliane-khler

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Zweig in Zitaten

Inspiriert durch die episodisch angelegte Film-Biografie „Vor der Morgenröte“ über den österreichischen Autor Stefan Zweig (1881 – 1942) habe ich hier Zitate zusammengetragen. Sie sollen uns einerseits den Menschen Stefan Zweig näherbringen und andererseits beleuchten, wie sehr Menschen, die zwar körperlich gerettet sind, an Flucht, Exil und Kriegszuständen leiden; umso stärker, je mehr sie zur Empathie fähig sind.
Bei der Recherche fiel mir auf, dass mal mehr, mal weniger Einigkeit herrscht, beispielsweise über die Schwere seiner Depression oder die ihm nachgesagte exhibitionistische Neigung. Einig sind sich alle Schreiber – zumindest die, die ich gelesen habe – darin, dass Stefan Zweig ein hochgradig empathischer Mensch war. Besonders in Maria Schraders Film wird eindeutig, dass das, was Zweig oft als Feigheit ausgelegt wurde, eine Haltung dem Mitmenschen gegenüber war, die sich nicht über diesen stellt.

Ich konzentriere mich hier nicht auf die Produktivität Stefan Zweigs oder auf sein Werk, sondern auf seine pazifistische Haltung und hebe einige Sätze hervor, die die (ständige) Aktualität der Themenbereiche Eine Welt, gebotene menschliche Solidarität, Vertreibung, Flucht und Krieg unterstreichen.

Alle Quellen sind per Link hinterlegt und, solange sie online sind, in Gänze lesenswert. 

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Adam Soboczynski, 15.12.16:

„Dieser Film ist ein Risiko. Wie kann man es wagen, gleich am Anfang einen vollständigen, sehr langen Vortrag zu zeigen? Der Schriftsteller Emil Ludwig tritt auf dem Kongress in Buenos Aires auf, zweite Garde, dafür mit dem Furor der Moral, den es gratis gibt. Zweig hält sich die Hände vor das Gesicht, ein Fremdschämen, das man nur ganz begreift, wenn man weiß, dass er vom literarischen Betrieb als Verräter gebrandmarkt ist, da er sich weigerte, mit der Sprache des Hasses dem Hass zu begegnen. Der Film schlägt sich auf keine Seite, er differenziert die Positionen und Gefühle, die sich lebhaft kreuzen. Es gibt hier keine Helden, nur die Verdammten der Geschichte, die sich im Exil mit Mühe sortieren.“

„Die zweite Episode: […] Zweig, im hellen Tropenanzug, hört leicht amüsiert, wie mühevoll-scheppernd und schief und doch mit Hingabe der Donauwalzer gegeben wird. Die Kamera zeigt sein Gesicht, das sich unmerklich verändert, von leiser Heiterkeit über leeres Entsetzen zur offenen Trauer. Nuancen, die Welten trennen. Was den Kosmopoliten Zweig ergreift, ist in dieser Szene natürlich nicht nationales Pathos. Es ist die untergegangene Weltläufigkeit Europas, die er in Brasilien – das er aufgrund der Friedlichkeit, mit der unterschiedlichste Ethnien zusammenlebten, verehrte – letztlich nur als Abglanz erlebt.“

„[…] Die Geschehnisse sind mehr oder weniger verbürgt, und man kann nur ahnen, mit welch zivilisatorischem Aufwand die Spannungen überbrückt worden sind. Und es ist bewundernswert, wie es Maria Schrader gelingt, diese unterschwellige Nervosität formal zu erzeugen.“

 „[…] und stellt aus Verlegenheit die naheliegendste aller Fragen, was nämlich die Essenz ihres Films ausmache? 

Es sei, sagt Maria Schrader zögerlich, das Zusammenreißen, die Affektkontrolle, die Etikette, der Wille, den Gefühlen nicht immer freien Lauf zu lassen. Kurzum: Zivilisation. Wie sich die Protagonisten abmühten, Form zu wahren im Dreiteiler selbst in der glühendsten Tropenhitze. Und in der Liebeskonkurrenz. Ein Ringen um Fassung. Das sei die Zweigsche Antwort auf die Barbarei – und nicht billige Parolen, Ideologien, falsche Verbissenheit. Nichts sei schlimmer, als ein Sich-gehen-Lassen und opportunistische Bequemlichkeit.“

„[…] Es gibt keinen gegenwärtigeren Film für unsere feindselige Zeit als diesen.“

(http://www.zeit.de/2016/50/maria-schrader-schauspielerin-regisseurin-vor-der-morgenroete )

(http://www.vordermorgenroete.x-verleih.de/ )

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Joachim Lottmann, 22.02.17:

„Er war der größte Pazifist der deutschen Literatur und zugleich ihr bestverkaufender Autor.“

„Nur wir Heutigen stellen uns vor, er sei in der Enge verrückt geworden, habe die Bergvilla in Salzburg vermisst und die Salons in Wien. Ja, die Welt von gestern schon, aber die war ihm bereits im Ersten Weltkrieg vernichtet worden, […] Mit der „Welt von gestern“ meinte er nicht die bequemen Fauteuils, sondern den liberalen Geist der Aufklärung, den Geist Europas.“

„[…] Zweig starb an inhaltlichen Dingen, am Gift des rassistischen Denkens, das sich zwanzig Jahre lang immer weiter ausbreitete. Dass man nun plötzlich sogar seine Bücher „jüdisch“ fand, war eine neue Stufe der Eskalation. Und natürlich eskalierte auch der Krieg.“

„Zweigs Idee, für die er immer gelebt hatte, war die geistige Einheit Europas […]“

„Diese geistige Einheit Europas war das Gegenteil unserer heutigen Europa-Brüssel-Wirklichkeit […]“

„Dieses Haus heißt heute Casa Stefan Zweig und beherbergt die gleichnamige Stiftung. Man zeigt dort alte Filme, Fotografien und Dokumente, macht Veranstaltungen und Diskussionsrunden. Die Leiterin Kristina Michahelles bringt brasilianischen Schülern die Problematik von Exil und Integration nahe.“

(https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article162270682/Der-wahre-Grund-fuer-den-Selbstmord-von-Stefan-Zweig.html )

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Matthias Röder, Georg Ismar, 23.02.17:

„Überschattet war der Ruf Zweigs seit der Machtergreifung der Nazis 1933 aber von etwas anderem. Der 1934 zunächst nach England geflohene Jude konnte sich nie aufraffen, öffentlich gegen seine Verfolger Stellung zu beziehen. „Ich würde nie etwas gegen Deutschland sagen. Ich würde nie etwas gegen irgendein Land sagen“, teilte Zweig immer wieder mit. Dafür unterstützte er viele Flüchtlinge großherzig und generös finanziell, auch wenn ihn die Flut an Bittbriefen zunehmend belastete und er bald schon nach einem abgeschiedenen Exil suchte. Irgendwann wünschte er sich nur noch, „an einem vergessenen Ort zu leben“, zitiert ihn George Prochnik in seiner gefeierten Biografie „Das unmögliche Exil“.“

„In der Casa Zweig in Petrópolis hängt auch der vom 22. Februar 1942 datierte Abschiedsbrief, in dem er von der geistigen Vernichtung Europas spricht. […] Einige Schriften, das Ringen um den Zusammenhalt Europas, für Toleranz und Frieden, sind in Zeiten von Brexit und weltweiten Verwerfungen hochaktuell.“

(http://www.n-tv.de/leute/Die-drei-Leben-des-Stefan-Zweig-article19714890.html )

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Oliver Das Gupta, 24.02.17:

„Das untergegangene Habsburger-Reich sieht Zweig als Blaupause eines neuen Europas. In der Wiener Hofburg, sagte Zweig bei einem Vortrag 1940, sei

‚immer wieder der Traum eines geeinten Europas geträumt worden. (…) All diese Kaiser dachten, planten, sprachen kosmopolitisch. (…) Weil aus vielen fremden Elementen bestehend, wurde Wien der ideale Nährboden für eine gemeinsame Kultur. (…) Gegensätze zu mischen und aus dieser ständigen Harmonisierung ein neues Element europäischer Kultur zu schaffen, das war das eigentliche Genie dieser Stadt.‘

Zweig beschwört diese geistige Einheit Europas immer wieder, nicht erst, als der Kontinent in den 1930er Jahren auf den Zweiten Weltkrieg zusteuert, sondern schon lange vorher. Für Zweig ist klar: Nie wieder sollte Europa in eine Katastrophe schlittern wie den Ersten Weltkrieg.“

„Der Pazifist Zweig irritiert mitunter aber auch seine Zeitgenossen. So dankt er 1933 dem italienischen Tyrannen Benito Mussolini überschwänglich für die Begnadigung eines Antifaschisten. Auch am zum Diktator verkommenen brasilianischen Regierungschef erkennt er nur positive Seiten, blendet sogar dessen Antisemitismus aus, offenkundig, weil sich Zweig von der Gastfreundschaft blenden lässt.“

(http://www.sueddeutsche.de/politik/ein-bild-und-seine-geschichte-stefan-zweig-staatsbegraebnis-wider-willen-1.3391182 )

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Wikipedia:

„Thomas Mann schrieb 1952 zum zehnten Todestag von Stefan Zweig über dessen Pazifismus: „Es gab Zeiten, wo sein radikaler, sein unbedingter Pazifismus mich gequält hat. Er schien bereit, die Herrschaft des Bösen zuzulassen, wenn nur das ihm über alles Verhaßte, der Krieg, dadurch vermieden wurde. Das Problem ist unlösbar. Aber seitdem wir erfahren haben, wie auch ein guter Krieg nichts als Böses zeitigt, denke ich anders über seine Haltung von damals – oder versuche doch, anders darüber zu denken.“

Stolperstein für Stefan Zweig am Kapuzinerberg 5, Salzburg (https://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Zweig#/media/File:Stolperstein_Salzburg,_Stefan_Zweig_(Kapuzinerberg_5).jpg )

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Botschaften

„Bücher, Menschen, Abenteuer: Im Frühling wird Köln zur Hochburg der Literatur. Vom 7. bis zum 18. März lockt die „Lit.Cologne“ Hunderttausende Besucher in ihre Veranstaltungen. In ‚Westart live – extra‘ zu Europas größtem Literaturfestival begrüßt Denis Scheck den Bestsellerautor Frank Schätzing, die Publizistin und Friedenspreisträgerin Carolin Emcke, die Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader, den Slampoeten Sebastian 23 sowie die Musiker Scott Matthew & Rodrigo Leão.“

http://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/sendungen/uebersichtwestartlive148.html

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Denis Scheck liegt mir als Literaturkritiker nicht sonderlich, da er sich (vielleicht auch durch die oft geforderte Kürze) nicht immer inhaltlich auseinandersetzt; ich schrieb letztens darüber (https://sabinepint.wordpress.com/2017/02/22/denis-scheck-und-ich-ueber-john-irvings-strasse-der-wunder/). Als Interviewer in der ‚Westart‘ fällt er gegenüber zum Beispiel Thomas Hermanns darin ab, ein bei aller Tiefe lockeres Gespräch zu führen, in dem dieser in erster Linie auf das Gesagte des Gegenübers eingeht, anstatt eine nächste Frage oder den nächsten Programmpunkt anzureihen.

Neben vielen anderen erwähnenswerten Dingen wie die von Schätzing angesprochene Distanz zwischen Erschaffer und Rezipient, die gerade beim Schreiben gegeben ist, vielen Sätzen der überlegt und ehrlich sprechenden Carolin Emcke fand ich in dieser ‚Westart‘-Ausgabe Folgendes für’s Weiterdenken interessant:

Denis Scheck: „Wie politisch begreifen Sie eigentlich das, was Sie tun?“

[Maria Schrader atmet durch] „Ja, die Frage wird mir natürlich im Moment durch den Film oft gestellt […] es gibt auch inzwischen ja fast einen Standardsatz: nichts ist nicht politisch. Aber […] – wie Carolin vorhin gesagt hat – dem Theater den Auftrag zu geben… das gibt es ja im Moment auch oft: Theater, Filme… geben sich selbst den politischen Auftrag. Und das ist oft sehr problematisch, finde ich. […] oder um mit Stefan Zweig zu sprechen: ein Kunstwerk kann eine politische Dimension bekommen, in dem Moment, wo man aber etwas, eine Geschichte instrumentalisiert für eine bestimmte Aussage, geht […] das Unvorhersehbare, das Poetische, das Unsagliche, das Atmosphärische, was ja im besten Fall auch Kunst ausmacht, verloren.“

Denis Scheck: „Hemingway sagt: Wer eine Botschaft hat, soll auf’s Telegraphenamt gehen und‘n Telegramm schicken.“

Ich kann das nicht teilen. Liegt nicht die Kunst auch darin, eine Aussage versiert, charmant, unangestrengt zu verpacken, zu transformieren eben in die künstlerische Arbeit? Wäre nicht die versuchte Vermeidung, obwohl mich die Aussage überhaupt erst zur Arbeit drängt, viel destruktiver für’s Endprodukt? Sollte man Kunst thematisch beschneiden?

Einen Gegenentwurf zu dieser Haltung fand ich bei der „Kulturtussi“ Anke von Heyl; sehr lesenswert: http://www.kulturtussi.de/begegnung-mit-otto-freundlich/

Über Stimmen dazu freute ich mich sehr!

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P.S.: Hyperlink-Einfügungen fehlgeschlagen; ich benutze nun die unelegante Variante.

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Individualität ist überbewertet

<ironie>Individualität ist überbewertet</ironie>

Durch’s Netz geistern seit dem 4. September 2015 erneut und wiederholt Aussagen von Ulrich Kutschera; das war der Tag, an dem Armin Himmelrath bei SpiegelOnline über den Evolutionsbiologen berichtete.

Derzeit ist es ziemlich leicht, über Dinge zu spotten, über die man auf den ersten Blick fast nur spotten kann; man spricht schnell eine Vielzahl von Menschen an, die es verzichtbar finden, dass es ein Binnen-I gibt, und die es unmöglich finden, dass Bücher umgeschrieben werden müssen, um politisch korrekt zu sein. Die Dinge, die in diesem Kontext dann diskutiert werden, sind nicht selten komisch: bei der Wikipedia fand ich „eineN verständnisvolleN geduldigeN LehrerIn“. Klar, dass die Meisten dafür kein Geld ausgeben wollen.

Meine Eltern haben die klassische Rollenverteilung gelebt, wie auch schon die Großeltern, und schwammen damit im Mainstream ihrer Generationen. Es ist auch heute nichts gegen dieses Modell einzuwenden – wenn es freiwillig gewählt wird und alle anderen Varianten bewusst abgewählt werden. Dass die Frau im Durchschnitt immer noch weniger Geld für ihre Arbeit bekommt als der Mann (wohlgemerkt: bei gleicher Tätigkeit) sollte als Unfreiwilligkeit gewertet werden dürfen, ebenso die Tatsache, dass die „gute Mutter“, die mit Kind zu Hause bleibt, meist in ihrem alten Job nie wieder das Bein so an den Boden bekommen wird, wie es gewesen wäre, wenn sie dort weiterhin „ihren Mann gestanden“ hätte. Ich befürchte, Menschen wie Herr Kutschera sprechen ihr auch jeglichen diesbezüglichen Wunsch ab…

Es gibt bestimmt krude Blüten, die die Genderforschung treibt, vergleichbar mit denen, die erblühen, wenn wir unsere Sprache generell kritisch unter die Lupe nehmen. Ich kenne nur Leute, die finden, dass es ihnen nicht geschadet hat, in ihrer Kindheit „Neger“- statt „Schoko“- oder „Schaumkuss“ gesagt zu haben, und ich glaube ihnen; auch ich gehöre dieser Generation an, und aus mir ist kein Nazi geworden.

Es wäre alles halb so wild, wenn wir als Menschen beweisen würden, dass es so ist: nicht weiter von Belang. Wenn wir beweisen würden, dass es nicht immer wieder solcher Sensibilisierung bedarf, um Dinge wirklich zu hinterfragen. Um uns zu fragen, wie „selbstverständliche“ Begriffe unser Denken und Handeln beeinflussen.

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Wir haben eine Entwicklung mitgemacht, die nicht stehen bleiben wird, die immer weiter geht. In Deutschland wurde das Frauenwahlrecht mit der „Verordnung über die Wahlen zur verfassungsgebenden deutschen Nationalversammlung“ vom 30. November 1918 gesetzlich fixiert. (Die erneuten Einschränkungen, die das Regime des Nationalsozialismus mit sich brachte, vernachlässige ich hier.) Im Online-Geschichtsdossier der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg heißt es dazu:

„Das Frauenwahlrecht, das uns heute so selbstverständlich ist, musste sich gegen viele Vorurteile von Männern und Frauen durchsetzen. So wurde Frauen etwa verminderte Intelligenz und durch ihre Gebärfähigkeit eine „natürliche“ Bestimmung für den privaten, scheinbar politikfernen Bereich zugeschrieben. Viele weitere Schritte mussten gemacht, viele weitere Rechte und Ansprüche gesetzlich verankert werden. Die Juristin Elisabeth Selbert, eine der vier „Mütter des Grundgesetzes“, setzte mit großem Einsatz durch, dass der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ am 23. Mai 1949 im Artikel 3 unseres Grundgesetzes in Absatz 2 als Verfassungsgrundsatz aufgenommen wurde.“

Etwas anderes ist es, diese Gleichberechtigung als selbstverständlich in den Menschen zu verankern; dabei ist die oben bereits angesprochene ungleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit, die, obwohl schon lange als Tatsache erkannt, trotzdem scheinbar nicht schnell zu ändern ist, nur ein Beispiel. Wer möchte schon schwören, dass zum Beispiel unsere männlich dominierte Sprache überhaupt keine Rolle dabei spielt, dass so Viele vieles als „natürlich“ hinnehmen…

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Menschen wie Ulrich Kutschera diskutieren, indem sie Klischees bedienen und weiterhin betonen, es ginge um Gleichmacherei statt um Gleichstellung, indem sie eine Haltung pflegen, die sich in Sätzen äußert wie ‚Frauen wollen heute keine Frauen mehr sein‘ und dergleichen mehr, keinesfalls in der Sache, obwohl es genau diesem Herrn angeblich darum geht, ernsthafte von „Pseudowissenschaftlern“ zu trennen. Egal, ob es ein Studienzweig ist oder nicht: Begriffe und Haltungen zu hinterfragen ist notwendig und wird es voraussichtlich immer sein. Es ist völlig unstrittig, dass alle Menschen unterschiedliche biologische Voraussetzungen mitbringen; darüber diskutiert niemand ernsthaft. Das heißt aber eben nicht, dass dann auch eine Ungleichbehandlung folgerichtig ist. Es ist beschämend, ernüchternd und traurig, dass man das heute immer noch als Gegengewicht zu einer solch eindimensionalen und letztlich menschenverachtenden Haltung, beworben durch einen Artikel, der abertausendmal öfter gelesen werden wird als zum Beispiel der meine, sagen zu müssen.

Es müsste eigentlich jedem auffallen, dass die dort beschriebene Geisteshaltung menschenverachtend ist, und zwar verachtend gegenüber Menschen jeglichen Geschlechts. Sie lässt Unterschiede, die es selbstverständlich auch innerhalb eines Geschlechts gibt, nicht zu. Jede Frau ist gleich, jeder Mann ist gleich, und das Schlimmste: alles wird (soll?) so bleiben, wie es ist. Entwicklung, auch zum Guten für alle Menschen, ist „überbewertet“. (Übrigens weiß jeder Mensch selbst meistens am besten, was gut für ihn ist. Daher brauchte es auch keine moralinsauren Gesetze, die allzu Privates regeln…)

Dabei sei Kutschera „ein ausgewiesener Frauenförderer“. Wer solche Förderer hat, tut gut daran, sie schnellstens loszuwerden. Oder ich weiß einfach nicht zu schätzen, wie hilfreich für alle Menschen Aussprüche sind wie: „Männer wollen einfach eine nette Frau, mit der man nicht viel diskutieren muss; jung, attraktiv, gut kochen muss sie können, Kinder großziehen.“ Das sei in allen Kulturen so. Ich denke mir, dass auch Frauen in allen Kulturen einfach einen netten Partner oder eine nette Partnerin haben wollen, was soll man denn anderes wünschen: einen unnetten Menschen an seiner Seite? Das Perfide an der Ausdrucksweise des Wissenschaftlers: er baut darauf, dass die Menschen mehrheitlich nicht unterscheiden zwischen dem verständlichen Wunsch, einen „netten“ Menschen an ihrer Seite zu haben (wenn sie überhaupt mit jemandem leben möchten), und dem Hinterfragen tradierter Vorstellungen von Zusammenleben. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Und was ermächtigt ihn, seine reduzierte Sicht auf seine Partnerin (ein Partner wird es ja keinesfalls sein; ach du lieber Himmel!) auf alle Menschen hochzurechnen…? Er kann es für sich ja sehen, wie er mag; es im großen Stil kundzutun, es „allen Kulturen“ und damit jedem einzelnen Menschen überzustülpen, ist selbstüberschätzend, arrogant und nicht intelligent.

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Ich bin in erster Linie als Mensch auf die Welt gekommen; ich muss alles unter dem Aspekt betrachten, dass auch mein Geschlecht zufällig ist. Ich muss mich nur im direkten Umfeld umsehen, um festzustellen, dass jeder Mensch einzigartig ist, unterschiedlich zum anderen in Biologie, Einstellung, Wünschen.

Als Mensch setze ich mich für Menschenrechte ein; für mich ist das eine beinahe zwangsläufige logische Schlussfolgerung. Es ist, je nach Sachverhalt und Situation, nachrangig oder komplett egal, ob mein Gegenüber schwarz, weiß oder grün ist, an was er glaubt, wenn er dadurch nicht die Freiheit seines Nächsten beschneidet, wofür er seine Lebenszeit einsetzt, wenn er niemanden bewusst an Leib und Seele verletzt, ob er direkte Nachkommen hat oder nicht, ob er Mann oder Frau ist oder sich irgendwo dazwischen fühlt.

Die von vielen gehassten „Quoten“ – auch für mich sind sie nur Mittel zum Zweck, ein notwendiges Übel – gibt es nur, weil es durch die Jahrhunderte nicht geschafft wurde, eine wirkliche Gleichberechtigung aller MENSCHEN zu erreichen. Das erstreckt sich auf alle Gebiete; das gibt‘s nicht nur in Geschlechterdiskussionen. Haltungen wie die Ulrich Kutschera’s tragen dazu bei, sich im „Klein/Klein“ zu verheddern, anstatt sich in der Welt dafür einzusetzen, was für uns doch logisch sein müsste: für uns. Und was nicht allen zu Gute oder sogar bewusst zu Schaden kommt, muss selbstverständlich diskutiert werden, immer und immer wieder. Ob es der Hunger in der Welt ist, der nur scheinbar nicht zu bekämpfen ist, ob es scheinheilige Politik ist, die angeblich keine Kriege oder hier Tausenden weismachen will, es gäbe noch für alle in Europa Arbeit, die „wirklich welche wollen“. Ob es die Wirtschaft ist, deren Gier keine Grenzen kennt und die auch vor bewusster Schädigung der Bevölkerung oder nicht rückgängig zu machenden Umweltschäden nicht Halt macht – oder ob es um den Respekt und die individuelle Herangehensweise an jeden Menschen geht.

Es hat alles eine Ursache, ob Flüchtlingsstrom oder Genderforschung. Sich diese Ursachen anzusehen ist Pflicht für alle, denen Inhalt wichtig ist, um sich positionieren zu können. Eine Positionierung über die reine Form, über die Ausprägung und Gestalt einer Ursache wird einem mitdenkenden Menschen nicht gerecht. In diesem Sinne, Herr Kutschera…

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Meine Sache ist die Kunst, und mir wird immer klarer, warum: weil „meine Sache“ eigentlich der Mensch ist, seine Individualität, die Vielfalt der Möglichkeiten. Seine Offenheit sich selbst und den Möglichkeiten seiner Mitmenschen gegenüber macht Kunst erst möglich, denn sie ereignet sich nur in Offenheit.

http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/universitaet-kassel-professor-ulrich-kutschera-zieht-ueber-genderforschung-her-a-1050888.html

http://www.lpb-bw.de/12_november.html

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… und der vorerst letzte Artikel zur Reihe „Kunst und…“

Kunst und Hiltrud Neumann

Die Sammlerin und Mentorin der Mönchengladbacher Kunstszene habe ich gegen Ende der 1990er Jahren kennenlernen dürfen.

Von 1989 bis 2008 lud sie zum „Offenen Wohnzimmer“ ein, was eine Untertreibung war, denn es gab in ihrer Wohnung keinen Raum, in dem sich keine Kunst befand oder der nicht für offene Besucheraugen zugänglich gewesen wäre. Und kein Kunstwerk war mehr als einen halben Meter vom anderen entfernt, oft näher. Wenn man sich im Internet auf die Suche begibt, stößt man auf Bilder, die eine Ahnung geben vom Flair dieses Zuhauses, das heute immer noch genau so aussieht:

http://www.kuenstlermg.de/neumann.htm

In 20 Jahren ist dieses Treffen, das monatlich stattfand und für viele Künstler und Kunstfreunde die Begegnungsstätte war, nie ausgefallen. Ich war auch öfter dort und erinnere mich, dass – selbst nach einem langen Arbeitstag mit schon müden Augen und strapaziertem Hirn – ich dort immer auftanken konnte, egal ob durch Gespräch mit Gast oder Künstler (die sich dort, immer einer pro Freitag, mit ihrer Kunst vorstellten), durch eben deren „Auftritte“ oder durch Hiltrud selbst – ich habe diese Wohnung immer inspiriert verlassen.

So auch heute, als ich sie wieder einmal besuchen durfte, diesmal alleine, ohne den Trubel des „Offenen Wohnzimmers“. Was erstaunlich war: es fehlten Künstler und Gäste, aber trotzdem war alles da: die Schöpfungen all dieser kreativen Köpfe, die Erinnerungen an so manches Gespräch – und natürlich Hiltrud, die dort alles zusammen hielt und hält. Ich habe in diesem schwierigen, weil oft so empfindlichen Bereich „Kunst“ selten so eine offene Herzlichkeit – oder herzliche Offenheit – erlebt wie mit ihr. Selten, dass diese vielbesungene Offenheit nicht nur in Laudationes und Beschreibungen vorkommt, sondern so sehr gelebt wird. Selten, dass in diesem Bereich „Kunst“ bei jemandem, der „sich auskennt“ so gar kein Dünkeldenken vorhanden ist, ja Hiltrud dieses sogar verurteilt, zumindest belächelt. Selten, dass Menschen zusammen gebracht werden, die sich normalerweise auf dem „offiziellen Parkett“ der Kunstszene nie begegnen würden, wenn man von rein physischen Zusammentreffen absieht, und selbst die kommen ja kaum vor.

Wenn sie erzählt, wird deutlich, wie untrennbar ein so einladender Charakter mit Haltung und Handeln verbunden ist. „Ich wollte hier Heimat finden, und das konnte ich nur über die Kunst“, sagt Hiltrud Neumann über ihren damaligen Umzug von Dortmund nach Mönchengladbach, als hier Lehrer gesucht wurden.

Um vermitteln zu können, muss man zuhören können, in der Lage sein, sich immer wieder auf unterschiedliche Menschen einzustellen. Demnach muss Hiltrud eine sehr gute Lehrerin gewesen sein. Klassenraum und „Offenes Wohnzimmer“ haben eine ganze Weile nebeneinander bestanden, und als Hiltrud im Jahr 2000 pensioniert wurde, hörte sie nicht auf, Mittlerin zu sein. Mir und vielen anderen vermittelt sie bis heute, dass Grenzen nur in den Köpfen existieren. Es ist unser Kopf, und es ist an uns, ihn zu öffnen.

Jemand, der auf diese Art und Weise ein Fürsprecher ist, ist es für Mensch und Sache. Es konnte und kann „der Kunst“ – nicht nur in Mönchengladbach – kein größerer Gefallen getan werden, als durch solch einen unbestechlichen Menschen vertreten, gefördert und besprochen zu werden.

Mönchengladbach, 30. Juni 2015

Hiltrud_Kaffee   Hiltrud

Hiltrud_Markise   Die Wohnung über dem Hardter Wald

Hiltrud_Schachbretttisch   Der Tisch mit dem Schachbrettmuster, der gebraucht von Hiltrud übernommen wurde und so wunderbar in dieses Zuhause passt

Hiltrud_Sabine   Ich zeige Hiltrud, was man mit einem Smartphone machen kann 😉

Hiltrud_Schatten   Kunst an Kunst an Kunst an Kunst…

Hiltrud_Ein_kreativer_Kopf   Ein kreativer Kopf

Hiltrud_Sonnenuntergang   Sonnenuntergang

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Kunst und Weltgeschehen

Kunst und Weltgeschehen

Mir schien selbst schon länger eine eher unpolitische Haltung bei den meinem Jahrgang nachfolgenden Generationen aufzufallen; nun las ich kürzlich den darauf bezogenen Text von Julia Friedrichs im ZEITmagazin ONLINE: „Entschleunigung – Die Welt ist mir zuviel.“ Im Untertitel: „Und ich selbst bin mir genug.“

Darin beschreibt die Autorin u. a. den großen Zulauf zu Entschleunigungs-Seminaren, den Zuwachs in der Handarbeitsbranche und den Wunsch und dessen Umsetzung, unter einfachen Bedingungen auf dem Land zu leben als eine Realitätsflucht der jungen berufstätigen Bevölkerung. Sei in den 70er- und 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts alles noch einigermaßen überschaubar gewesen, seien das die Bedrohungen der heutigen Zeit eben nicht mehr, sie seien „weltumspannend“. Sie bringt viele Beispiele; mir fielen spontan noch einige mehr ein – jeder kann die Liste vermutlich nach Belieben verlängern.

Was sie schreibt, was sie be-schreibt, ist der Auseinandersetzung wert, und wenn sie sich gegen Ende auf manche Artikel der einschlägigen Presse (ihr Beispiel ist u. a. das Magazin „Flow“) mit den Worten bezieht: „Wer solche Artikel liest, kann plötzlich genug kriegen von all den Anleitungen zur Weltflucht“, bin ich ganz bei ihr. Ich bin ganz bei ihr, wenn ich mir vorstelle, dass es so schwarz/weiß abläuft, dass alle Menschen entweder/oder sind.

Ich kenne von mir selbst, dass ich beim Helfen im elterlichen Garten abschalten kann, obwohl woanders Bomben fallen. Ich mache nicht mehr gerne den Fernseher zu den täglichen Nachrichten an und tu es trotzdem, um (halbwegs und gesteuert, aber) informiert zu sein. Ich gehe zur Wahl, obwohl ich an eine mit der Wirtschaft verheiratete Politik als eine Politik für den Menschen, für’s Gemeinwohl nicht mehr glaube. Ich demonstriere im Internet und beteilige mich an Petitionen, nicht, um mein Gewissen zu beruhigen, sondern weil es mir in diesem Augenblick ein Anliegen und weil es möglich ist. Und dann putz’ ich die Fenster. Oder lese ein Buch. Beispielsweise.

Ich kenne das Gefühl der Zerrissenheit, ob man weiter „gut bürgerlich“ leben oder nicht lieber zum Helfen auswandern soll; ich kenne die Suche nach einem eigenen Weg. Ich weiß, dass es keinen Sinn hat, sich zu etwas zu vergewaltigen, das man nicht leisten kann, ohne krank zu werden, oder zu etwas, das einem nicht entspricht. Und ich weiß auch, dass man, egal, was man geistig oder körperlich Aufreibendes tut, immer auch wieder entspannen muss. Selbst jemand im Widerstand darf die „Flow“ lesen, wenn er oder sie es denn möchte.

Obwohl ich auch eine oder zwei Personen kenne, die von sich sagen, dass Politik sie „nicht interessiert“, gibt es, glaube ich, insgesamt nur wenige, die entweder rund um die Uhr politisch aktiv sind oder rund um die Uhr den Kopf in den Wolken haben. Die Meisten tragen auf ihre Weise die Gemeinschaft mit, in der sie leben, und versuchen das Bestmögliche daraus zu machen. In Europa gibt es Widerstand bei der jungen Bevölkerung, die einerseits nicht weiß, wie sie ihr Leben finanzieren soll und andererseits den neuen „Staatssozialismus der Reichen“ erlebt, wie es der kürzlich verstorbene Soziologe Ulrich Beck in der 3sat-„Kulturzeit“ vom 25. Mai 2012 formuliert hat. „’Freiheit, Gleichheit und Demokratie’ ist sozusagen nur dann zu gewährleisten, wenn die Menschen auch das Gefühl haben, dass diese Perspektive für sie auch umgesetzt wird, dass sie nicht sozusagen wie das jetzt in der Sparpolitik – im Sparzwang muss man eigentlich sagen, für andere Länder – geschieht, in eine aussichtslose, fast aussichtslose Position hineingedrängt werden, wo ganze Bevölkerungsgruppen abfallen, ausgeschlossen werden; die Mittelschichten, die bisher das Rückgrat der Demokratie waren gleichsam geschluckt werden von dieser Krise… also selbst eine existenzielle Perspektive nicht haben und wo nicht sichtbar ist, dass — sozusagen wenn das alles und für eine vorübergehende Phase so sein müsste: wo ist das Licht am Ende des Tunnels? Wenn dieses Licht am Ende des Tunnels nicht wirklich greifbar wird für die Menschen, dann, meine ich, ist das eine wirkliche Selbstgefährdung der Demokratie in Europa.“

Junge Menschen werden durch die Geschehnisse in der Welt nicht unbedingt aufgefordert, sich einzubringen, im Gegenteil. Jeder wird mit elterlicher und eigener Sorge dazu angehalten, seine Schäfchen rechtzeitig ins Trockene zu bringen, um gegenüber der Konkurrenz bestehen zu können. Wenn Menschen dann Atem holen, indem sie sich vorübergehend dem Weltgeschehen verweigern, ist das m. E. nicht nur erlaubt, sondern notwendig. Denn nach der Meditation wird es nicht einfacher sein als vor ihr.

Ein sich-Einbringen des Otto-Normalbürgers scheint von denen, die uns regieren, nicht wirklich erwünscht zu sein. Angeblich gibt es die Sorge, dass, wenn „die Masse“ mit entschiede, damit auch „zu viel Dummheit“ Macht eingeräumt würde. Ich glaube das nicht. Das zeigen z. B. die Gegendemonstrationen zu den Pegida-Demos, bei denen bisher jedes Mal mehr Menschen auf die Straße gingen. Ich glaube, dass mehr Mitbeteiligung der Bürger nicht erwünscht ist, weil das auch bedeuten kann, dass etwas gegen das bestehende System gesagt oder getan wird, und das gefällt einem System, das in erster Linie am Selbsterhalt statt an konstruktivem Weiterkommen ALLER interessiert ist, natürlich nicht. Gegen dieses sich nicht erwünscht-Fühlen nicht mit eigener Abschottung zu reagieren, ist eine Herausforderung.

Julia Friedrichs schreibt: „Vielleicht sollten die Abgeschotteten es lieber mit Martin Luther halten, der sich sein Leben lang am Abgrund wähnte, die Apokalypse vor Augen, und trotzdem nicht aufhörte, zu kämpfen, sich aufzuregen, einzugreifen. Niemals ließ er der Resignation Raum. ‚Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge’, soll er gesagt haben, ‚würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.’ Und damit meinte der Reformator sicher nicht die Gartenarbeit auf der eigenen Scholle.“

Wer weiß. Wer weiß, wo und durch was Martin Luther Kraft getankt hat, denn die hat er mit Sicherheit gebraucht, und irgendwoher musste sie ja kommen.

Für mich ist kreatives Arbeiten eine Möglichkeit, meine Möglichkeit, mich einzubringen. Vom Marktgeschehen losgelöste freie Kunstbetrachtung und unabhängiges eigenes Schaffen sind mein Weg, politisch zu leben, diesbezüglich Dialog zu suchen und anzubieten. Mit dem Glauben, dass alles, was ein jeder von uns denkt, sagt und tut, von Belang ist, weil diese Dinge wirken, glaube ich schon „von Hause aus“, dass es im Grunde unmöglich ist, „unpolitisch“ zu sein. So, wie man auch nicht nicht kommunizieren kann zum Beispiel.

Ich hoffe, dass immer mehr Menschen das bewusst wird. Dass immer mehr Menschen sich zu urteilen und einzubringen trauen, jeder nach seinem Temperament, seinen Fähigkeiten und Neigungen. Dass sie sich, wenn schon nicht wichtig, dann zumindest ernst nehmen in ihrem Fühlen und Denken und dem Impuls folgen, dem Ausdruck zu verleihen. Und wissen, dass sie auch etwas aussagen, wenn sie sich nicht zu Wort melden.

Demonstrieren und Guerilla-Stricken müssen sich nicht ausschließen. Dramatisches Weltgeschehen und Kunst müssen sich nicht ausschließen, im Gegenteil: wir brauchen friedliche Gegengewichte, die das Unfriedliche thematisieren. Solange sie niemandem schaden, brauchen wir alle Formen des menschlichen Ausdrucks als Mittel zum Zweck, ein immer besseres Miteinander hinzubekommen.

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