Offenheit

Carolin Emcke:

„Und doch – oder gerade deswegen – ist es so dringend nötig, offen zu sein, sich eben nicht zu maskieren, sondern die Maskierungen der Normen zu entlarven, sich zu zeigen als Liebende, als Begehrende, als ‚uns‘ zu zeigen, ohne Scham, ohne Verstellung, ohne Not. […]

Vielleicht ist es deswegen wichtig, beides zu betonen: die Selbstverständlichkeit, mit der ich lieben möchte wie ich liebe, die Selbstverständlichkeit, mit der ich auch von dem Glück sprechen möchte, das es mir bedeutet, dieses queere Leben und Begehren, die politischen Reflexionen auf all die Techniken und Mechanismen der Ausgrenzung und Stigmatisierung hier und anderswo, und meinen Wunsch, mir auch die Freiheit zu erhalten, in anderen Bezügen zu denken, andere Allianzen, andere Verbindungen, lokale und internationale, zu betonen. Ich möchte wachsam bleiben für die identitären Verklumpungen, die Dynamiken zur Homogenisierung auch innerhalb verschiedener marginalisierter Lebensformen oder politischer Bewegungen. Ich möchte mir meine Selbstzweifel erhalten, meine Vorsicht, nicht bloß neue Formen einer vermeintlich ‚authentischen‘ Kultur zu reproduzieren, nicht selber wieder Techniken der Distinktion von anderen zu generieren. Ich möchte auch die eigenen kollektiven Rituale, die Sprachspiele und Codes befragen können, ob sie uns womöglich eher einschließen und festschreiben anstatt uns zu öffnen und zu dynamisieren. Ob sie nicht selber wieder symbolisches Kapital anhäufen, das die einen auszeichnet und andere herabsetzt.

Das ist keine Anklage, sondern eben nur eine Frage an mich selbst, und es sind diese Fragen, die ich nicht verlieren möchte. Ich möchte nicht im politischen Gestus erstarren, möchte nicht, dass die Pflicht des ‚out loud‘ mir die leiseren, poetischeren, zarteren Begriffe und Gesten überformt.

In Abwandlung eines Zitats von Claude Lévi-Strauss, ‚In Identitäten lässt sich fortbewegen, aber nicht leben‘ – vielleicht macht mir das am meisten Sorge bei dem Motto des ‚out loud‘; ich bin ja nicht queer geworden, um mich wieder in anderen Schablonen des Denkens, Sprechens und Handelns zurichten zu lassen; ich schreibe ja nicht, um nur mehr andere Parolen zu produzieren, die wiederum andere herabsetzen oder lächerlich machen, sondern ich schreibe, um die Mechanismen der Ausgrenzung zu entlarven, aber vor allem auch um Räume zu öffnen, in denen wir atmen und denken können, vor allem andere Vokabeln, andere Begriffe, andere Bilder, andere Erzählungen zu schaffen, in denen dann andere Allianzen, andere Bezüge, andere Hoffnungen sichtbar werden können. […]

Dabei gibt es keinen Grund, sich in die Defensive drängen zu lassen, keinen Grund, sich einschüchtern zu lassen, denn die eigene Vision einer offenen, inklusiven, pluralen Gesellschaft ist nicht nur schöner oder gerechter; sie ist auch pragmatischer. In ihr können sich mehr Menschen wiederfinden, weil in ihr auch die unterschiedlichsten Entwürfe von gutem Leben sein dürfen.

[…] Wir brauchen [dafür] keine Liebe; uns reicht schon Respekt. […] Eine plurale Gesellschaft wirklich zu wollen heißt auch, vielfältige Differenzen und Distanzen auszuhalten und zu respektieren – alles andere wäre kollektivierter Narzissmus.“

*

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Selbstkritik und Energie

Als Feedback zu http://stefanbeck.de/das-seminar/ vom 10.02.2017

Zu Deinen Gedanken zu Clement Greenberg u. a.

 

Selbstkritik und Energie

 

Lieber Stefan,

Du willst Dich als Künstler im „Prozess der Selbstkritik“ üben, und ich frage mich: wie geht das praktisch? Womit findet dann Vergleich statt? Und wenn man etwas oder jemanden findet, um im gegeneinander-Abwägen so einen wertenden Vergleich zu starten: wer legt die Kriterien fest? Man selbst? Der andere? Irgendjemand? Wer oder was ist die Instanz, der Maßstab? Und wenn ich „Selbstkritik“ so landläufig denke wie bisher: ich nehme irgendein anderes Verhalten/Vorgehen als das möglicherweise „richtigere“ an und hinterfrage mich dahingehend: warum nehme ich dann – auf die Kunst bezogen – das „andere“ als das „richtigere“ an?

Oder ist solches Empfinden nicht nur eine „normale“ Weiterentwicklung, ob auf dem Weg der Kunst oder einem anderen? Man wird beeinflusst und nimmt Dinge an oder nicht, entwickelt sich also von einem bestimmten Punkt x weg? Will sagen: wenn jemand annimmt, dass die Kunst für ihn oder sie an einen Endpunkt gelangt ist, was veranlasst ihn oder sie dann, es für alle Menschen als objektive Erkenntnis anzusehen, wenn es immer wieder Menschen gibt, die eine andere Entwicklung durchmachen und es deswegen anders sehen (und eben nicht heillos „romantische“, sondern kritische, selbstbewusste, differenziert denkende Personen sind)?

Wenn Du sagst, dass Du die Kunst beinahe in Richtung Aufhebung gehen siehst oder gehen wollen siehst… kommt es mir so vor, als wolltest Du einen Riesensprung über jede (doch zumindest) mögliche Entwicklung* der Kunst machen zu einem Punkt, den Du (subjektiv, persönlich) schon jetzt als gekommen siehst (und damit auch vorwegnimmst, dass er kommen wird). Ich denke, dass das sogar geht, aber eher auf der persönlichen Ebene, gleich einer Philosophie, einer Lebens- oder eben Kunstphilosophie, wirklich ähnlich der Einstellung zu beispielsweise Religiosität. Wenn es authentisch empfunden ist, beeinflusst diese Einstellung ja einfach alles, und ich verstehe Dich insofern sogar. Nur – wie immer – habe ich Schwierigkeiten mit dem Überstülpen einer Einstellung auf auch nur eine andere Person, die es aus ihrer Entwicklung heraus ganz anders sieht. Ich lese gerade „So viel Energie“ von Hanna Gagel quer. Darin geht es um „Künstlerinnen in der dritten Lebensphase“, so auch der Untertitel. Was da an persönlichem Hadern, sich-Quälen abging in so manchem Leben, das Hin und Her des „Was bringt es?“, „Genüge ich?“ usw. usf. – wolltest Du auch nur einer von ihnen sagen, dass es mit der Kunst, wie wir sie bisher kannten oder begriffen haben, sowieso aus ist, sie sich also nicht weiter quälen braucht? Dabei ist doch genau dieses Ringen „das Äußerste versuchen“!

Nun kann man argumentieren, dass die portraitierten Ladies alle alten Semesters wenn nicht schon verstorben sind, aber es gibt immer wieder Nachwuchs für die Kunst. Und das auch im Kunstbetrieb, auf dem Gebiet der Marktkunst, was damit dem Argument begegnet, Kunstlaien und schaffende Hobby-Künstler sähen das vielleicht so, „aber…“

Was Dir fehlt, wenn ich Dich richtig verstehe, ist Minimalismus bis hin zur „Reinigung“ hin zur Tilgung, und das auf allen Gebieten der Kunst.

Wikipedia: „Minimalismus strebt nach Objektivität, schematischer Klarheit, Logik und Entpersönlichung. Typisch für Skulpturen und Objekte des Minimalismus ist das Reduzieren auf einfache und übersichtliche, meist geometrische Grundstrukturen […]“

Bei Adorno habe ich (denke ich/hoffe ich!) begriffen, dass er forderte, die Kunst/das Kunstwerk möge sich bitte vom Erschaffer emanzipieren, ein für sich selbst sprechendes Ding werden/sein. Entpersönlichung in Reinform, aber eben dann doch auch Entmenschlichung! Künstlerkollege Peter Busch (http://www.aus-der-waldhuette.de/), der minimalistisch arbeitet und den ich schätze, ist doch nicht beliebig austauschbar durch jeden Menschen, der auch minimalistisch arbeitet; es spielt doch eine Rolle, dass da der Mensch Peter Busch arbeitet! Und wenn da Menschen arbeiten in der Kunst, dann gibt es sehr legitim so lange alles, was Menschen eben für notwendig halten bei der Kunstarbeit.

Wikipedia: „Als ihre Stärke hebt Schnädelbach die Pluralität der Philosophie hervor und begreift sie als fortlaufend kritisches Gespräch im Spannungsfeld von Aufklärung und Wissenschaft.“

Zitat Herbert Schnädelbach: „Die Philosophie ist ein Plural; ihre innere Pluralität ist ihre Stärke. Ein Grund hierfür liegt in dem Doppelcharakter, mit dem sie im Abendland entstand – als Wissenschaft und Aufklärung. Welterkenntnis und Selbstdeutung, objektive Theoriebildung und subjektive Orientierung – das Erbe von Aristoteles und Sokrates – sind in unserer Tradition immer wieder neue Konstellationen eingegangen. Auch darum müssen wir heute Aufklärungsbedarfe immer zugleich an die Wissenschaften verweisen – hier wird m. E. über die Differenz zwischen Philosophie und Pseudophilosophie entschieden – wie wir umgekehrt in den Wissenschaften Aufklärungsprozesse anzumahnen und zu ermuntern haben. Aber auch der Sache nach ist die Philosophie ein Plural, wenn wir sie als Inbegriff gedanklicher Orientierungsversuche im Bereich der Grundsätze unseres Denkens, Erkennens und Handelns verstehen. […] Hierbei werden wir uns der verschiedensten Hilfsmittel bedienen – nicht nur was uns die historisch-hermeneutische Wissenschaftlichkeit an die Hand gibt; Monopole sind auch in der Philosophie kontraproduktiv. So vielfältig und vielgestaltig die Erwartungen sind, die an uns herangetragen werden, so phantasievoll und flexibel müssen wir sein, wenn es darum geht, ob wir sie verantwortlich erfüllen oder sie enttäuschen.“

Ich mag disziplinübergreifendes Denken, weil es vor Fachidiotie bewahrt, Dialog fördert und sich mit der „Alltagstauglichkeit“ der Dinge beschäftigt, wenn man so will. Und auch, wenn Philosophie und Kunst nicht direkt vergleichbar sind: kann man nicht auch die Kunst als einen Plural denken…?

Viele Grüße,

Sabine

 

* Ich glaube nicht an eine Entwicklung „der“ Kunst, weil ich zum Beispiel ja auch nicht an einen Gewinn durch „Entpersönlichung“ glaube. Oder, um dem Vorwurf zu entgehen, dass alles eine „Glaubenssache“ sei: ich halte eine Entwicklung in der Kunst für nicht in dem Sinne vorhanden, wie es gelehrt wird, sondern bin der Ansicht, dass man nur in der Rückschau einen „roten Faden“ zu sehen meint. Du hast selbst (mindestens ein Mal, an das ich mich erinnere) beklagt, worauf im Studium mittlerweile Wert gelegt wird, und die Anpassung der Studenten an die aktuelle „Mode“, an das, was „läuft“, spielt eine Rolle bei dieser später in der Rückschau gesehenen angeblichen Weiterentwicklung. Ich halte das also nicht für authentisch. An eine persönliche Weiterentwicklung glaube ich unbedingt, aber wiederum nicht in dem Sinne, dass das dann unbedingt für einen Betrachter sichtbar wäre; ich verweise immer gern auf die Anekdote, wo jemand die Weiterentwicklung eines Künstlers x lobt, aber die Kunstwerke, die das belegen sollen, auf der Zeitachse vertauscht…

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Politische Kunst

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=6338:hate-radio-milo-rau-und-sein-internationales-institut-fuer-politischen-mord-fuehren-eine-radio-hass-sendung-aus-ruanda-wieder-auf-&catid=38:die-nachtkritik&Itemid=40

 

https://www.youtube.com/watch?v=pm1eYaP7JIM

 

Milo Rau:

„Es scheint tatsächlich ein globales Verständnis zu geben für Kunst, das gewachsen ist, vielleicht in den letzten 20 Jahren; ich weiß es nicht… Mich hat’s jedenfalls sehr sehr sehr erstaunt, als wir das in Japan gezeigt haben, dass das komplett funktioniert hat; dass es keine Verständnisfragen gab, sondern jeder das sofort übersetzt hat in […] die Massaker der japanischen Armee in China beispielsweise… es sofort übersetzt hat in ‚sein Ding‘: in der Schweiz war die Demokratiefrage wichtig, in Frankreich die Rolle Frankreichs und in Ruanda natürlich die eigenen biografischen Bedingungen.“

Juliane Rebentisch:

„Könnt‘ ja aber auch’n Problem sein… wenn man es in alles immer so rückübersetzt, dass dann sozusagen der Gehalt auf so was allgemein Menschliches runterdimmt und so’n bisschen ’nen depolitisierenden Zug auch dadurch bekommt, sozusagen was dann der ‚gemeinsame Nenner‘ immer ist… die dunkle Seite im Menschen oder so… das wär‘ ja’n bisschen kurz…

[…]

Natürlich stellt sich diese ethische Frage: Welches Material […] unterwirft man überhaupt dieser Logik der Kunst, ja, die eben eine Logik des Unbestimmtmachens auch ist? Man vergisst, dass es von Breivik ist [vorher war von einem Originaltext des Attentäters die Rede, der im Kunstkontext vorgetragen worden ist], man vergisst sozusagen in gewisser Weise den Kontext und sieht andere Dinge, andere Dinge scheinen auf, und es kann ja sein, dass es Material gibt – oder Zeiten gibt – in denen es nicht angemessen ist, aus diversen Gründen, aus ethischen Gründen, politischen Gründen, bestimmtes Material dieser Logik des Unbestimmtmachens des Bestimmten zu unterwerfen. “

*

Ich verstehe und teile das, was Juliane Rebentisch in dem zuletzt hier zitierten Satz sagt. Bestimmte Erinnerungen, die Individualität von Leid zum Beispiel, sollten nicht verloren gehen. Einzelschicksale gehören gewürdigt, so, wie jeder seiner verstorbenen Angehörigen gedenkt und sich beispielsweise auf bestimmte Art und Weise um die Bestattung kümmert. Destruktives politisches Verhalten seitens einer Regierung gehört angesprochen und muss ja sogar durch konkrete Beispiele belegt werden.

Genau so wichtig wäre es mir aber auch, gerade auch das „allgemein Menschliche“ in den Dingen anzusprechen, wo das möglich ist. Verliert man einen geliebten Menschen durch Krankheit, ist das ein schwerer Schock, der alles Mögliche auslösen kann, aber man kann keine gesellschaftliche Entwicklung dafür verantwortlich machen. Verliert man einen Angehörigen durch beispielsweise ein Attentat mit eindeutig politischem Hintergrund – wobei ich aufs Schärfste verurteile, wenn Regierungen und/oder Einzelpersonen diese Eindeutigkeit nicht ‚brauchen‘ und ein Verbrechen zugunsten ihrer Ziele missbrauchen –, ist das etwas anderes. Eine künstlerische Arbeit, die das „allgemein Menschliche“ darin aufgreift, ‚übergeht‘ ein Opfer, die Opfer nicht. Die Akzeptanz der „dunklen Seite im Menschen“ muss nicht zu übermäßigem Täterschutz oder Täterverständnis führen; jede Gesellschaft wird vermutlich immer Repressalien brauchen, um im Gleichgewicht zu bleiben. Aber für mich ist zum Beispiel die Todesstrafe die Bankrotterklärung der Menschheit bezüglich einer annehmbaren Weiterentwicklung, und geht es nicht darum, sich sowohl in der Ahndung bestimmter Tätlichkeiten als auch grundsätzlich im Denken und Handeln als alle Menschen weiterzuentwickeln? Was ist nötig auf diesem Weg?

Gründe, Inhalte müssen eine Rolle spielen jenseits der Tatsache, dass nicht alle Menschen gleich auf Inhalte reagieren. Soll heißen: selbst, wenn nicht alle von sozialer Benachteiligung Betroffene zu Attentätern werden, muss sich eine Gesellschaft trotzdem dem Problem der sozialen Benachteiligung stellen. Und selbst, wenn eine Tat nicht eindeutig auf eine einzige und bestimmte Ursache (wie eben soziale Benachteiligung) zurückzuführen ist, muss sich eine Gesellschaft ja trotzdem ihren Problemen stellen. Dass diese immer eine Rolle spielen, sogar eine ziemlich große, dürfte ja unbestritten sein…

Ob ein politisches System diesen oder jenen Namen hat: geht es den Menschen nicht gut damit – und im Augenblick geht es vielen Menschen auf dieser Erde nicht gut mit der politisch gewollten und bestimmten Weltordnung – dann muss es angesprochen und angegangen und darf nicht verschwiegen werden.

Beinahe nichts bekommt einen „depolitisierenden Zug“ dadurch, dass man es auf das allgemein Menschliche runterbricht; das allgemein Menschliche ist, denke ich, der Schlüssel zu nahezu allem.

Der Mensch schafft sich seine Systeme selbst.

Verständnis für die psychologischen Vorgänge im Menschen beugt Selbstgerechtigkeit vor, weil das klar macht, dass wir alle die gleichen oder sehr ähnliche Voraussetzungen mitbringen. Wir alle neigen zum Verdrängen, auch wider besseres Wissen, und es kostet einige Anstrengung, sich immer wieder neu aus- und auseinanderzusetzen. Vielleicht neigen alle Menschen in bestimmten Positionen der Macht irgendwann dazu, diese um jeden Preis festzuhalten. Einige Menschen kämpfen mit Neid aufgrund von Minderwertigkeitsgefühlen. All das passiert wider die Vernunft. Kinder sollten altersgerecht verstehen lernen, wie wir Menschen ticken; der Schulunterricht, wie er bisher gestaltet ist, scheint dazu nicht auszureichen. Und nur das Wissen um Zusammenhänge macht handlungsfähig.

Damit hat das Gefühl, dass diese Anstrengung es wert ist, überhaupt erst eine Chance. Wenn ich weiß, dass ich nicht ausgeliefert bin, auch mir selbst nicht, dass es einen Unterschied macht, dass ich mein Denken jederzeit revidieren oder etwas jederzeit erklären kann, dass ich weiß, wo ich auf mich selbst aufpassen, mich selbst beobachten muss, dass ich eine persönliche Verantwortung innerhalb des allgemein Menschlichen habe, bekommen Fühlen, Denken und Handeln eine andere Dimension.

Politische Kunst ist und bleibt wichtig, im Konkreten und im Abstrakten.

 

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„Was hält eine Gesellschaft zusammen?“

Heute möchte ich wieder einen Film empfehlen und ihn und seine Protagonisten für sich sprechen lassen. Ein paar Appetithäppchen in Form von Zitaten habe ich vorbereitet:

Sprecherin: „Welche gesellschaftliche Verantwortung haben Kunst und Kultur? Was können sie leisten in Zeiten des Umbruchs, in Krisenzeiten, wenn alte Gewissheiten zerbrechen, wenn Neues entsteht?“

„Kunst macht den Geist elastisch.“ (Jean Blaise)

„… dauernd notwendige Neujustierung.“ (Karl-Josef Pazzini)

„… Freiheit von den jeweils geltenden Ideologien…“ (Shermin Langhoff)

All diese Ressortaufteilung, all die Sprachlosigkeiten zwischen den Disziplinen – das ist das, was wir uns gar nicht mehr leisten können. Wir brauchen, wenn wir aus der Welt einen besseren Ort machen wollen – und zwar nicht nur für die Privilegierten dieser Welt –, dann brauchen wir andere Allianzen, dann müssen wir unser Wissen verflüssigen, dann müssen wir unser Handeln zusammenschmeißen, unser ganzes Denken und Forschen […]“ (Adrienne Goehler, Kuratorin der Ausstellung „Zur Nachahmung empfohlen“)

https://www.youtube.com/watch?v=7Gu-euSSuxY – Film „Kultur – Koste es, was es wolle!“

http://www.defi-filmproduktion.de/de/filme/kultur-koste-es-was-es-wolle – Info zum Film

http://www.kulturstiftung-des-bundes.de/cms/de/programme/kultur_der_nachhaltigkeit/zur_nachahmung_empfohlen.html – Info zur Ausstellung „Zur Nachahmung empfohlen“

https://www.youtube.com/watch?v=NNxdQIf8aIU – Impressionen der Ausstellung

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Individualität ist überbewertet

<ironie>Individualität ist überbewertet</ironie>

Durch’s Netz geistern seit dem 4. September 2015 erneut und wiederholt Aussagen von Ulrich Kutschera; das war der Tag, an dem Armin Himmelrath bei SpiegelOnline über den Evolutionsbiologen berichtete.

Derzeit ist es ziemlich leicht, über Dinge zu spotten, über die man auf den ersten Blick fast nur spotten kann; man spricht schnell eine Vielzahl von Menschen an, die es verzichtbar finden, dass es ein Binnen-I gibt, und die es unmöglich finden, dass Bücher umgeschrieben werden müssen, um politisch korrekt zu sein. Die Dinge, die in diesem Kontext dann diskutiert werden, sind nicht selten komisch: bei der Wikipedia fand ich „eineN verständnisvolleN geduldigeN LehrerIn“. Klar, dass die Meisten dafür kein Geld ausgeben wollen.

Meine Eltern haben die klassische Rollenverteilung gelebt, wie auch schon die Großeltern, und schwammen damit im Mainstream ihrer Generationen. Es ist auch heute nichts gegen dieses Modell einzuwenden – wenn es freiwillig gewählt wird und alle anderen Varianten bewusst abgewählt werden. Dass die Frau im Durchschnitt immer noch weniger Geld für ihre Arbeit bekommt als der Mann (wohlgemerkt: bei gleicher Tätigkeit) sollte als Unfreiwilligkeit gewertet werden dürfen, ebenso die Tatsache, dass die „gute Mutter“, die mit Kind zu Hause bleibt, meist in ihrem alten Job nie wieder das Bein so an den Boden bekommen wird, wie es gewesen wäre, wenn sie dort weiterhin „ihren Mann gestanden“ hätte. Ich befürchte, Menschen wie Herr Kutschera sprechen ihr auch jeglichen diesbezüglichen Wunsch ab…

Es gibt bestimmt krude Blüten, die die Genderforschung treibt, vergleichbar mit denen, die erblühen, wenn wir unsere Sprache generell kritisch unter die Lupe nehmen. Ich kenne nur Leute, die finden, dass es ihnen nicht geschadet hat, in ihrer Kindheit „Neger“- statt „Schoko“- oder „Schaumkuss“ gesagt zu haben, und ich glaube ihnen; auch ich gehöre dieser Generation an, und aus mir ist kein Nazi geworden.

Es wäre alles halb so wild, wenn wir als Menschen beweisen würden, dass es so ist: nicht weiter von Belang. Wenn wir beweisen würden, dass es nicht immer wieder solcher Sensibilisierung bedarf, um Dinge wirklich zu hinterfragen. Um uns zu fragen, wie „selbstverständliche“ Begriffe unser Denken und Handeln beeinflussen.

*

Wir haben eine Entwicklung mitgemacht, die nicht stehen bleiben wird, die immer weiter geht. In Deutschland wurde das Frauenwahlrecht mit der „Verordnung über die Wahlen zur verfassungsgebenden deutschen Nationalversammlung“ vom 30. November 1918 gesetzlich fixiert. (Die erneuten Einschränkungen, die das Regime des Nationalsozialismus mit sich brachte, vernachlässige ich hier.) Im Online-Geschichtsdossier der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg heißt es dazu:

„Das Frauenwahlrecht, das uns heute so selbstverständlich ist, musste sich gegen viele Vorurteile von Männern und Frauen durchsetzen. So wurde Frauen etwa verminderte Intelligenz und durch ihre Gebärfähigkeit eine „natürliche“ Bestimmung für den privaten, scheinbar politikfernen Bereich zugeschrieben. Viele weitere Schritte mussten gemacht, viele weitere Rechte und Ansprüche gesetzlich verankert werden. Die Juristin Elisabeth Selbert, eine der vier „Mütter des Grundgesetzes“, setzte mit großem Einsatz durch, dass der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ am 23. Mai 1949 im Artikel 3 unseres Grundgesetzes in Absatz 2 als Verfassungsgrundsatz aufgenommen wurde.“

Etwas anderes ist es, diese Gleichberechtigung als selbstverständlich in den Menschen zu verankern; dabei ist die oben bereits angesprochene ungleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit, die, obwohl schon lange als Tatsache erkannt, trotzdem scheinbar nicht schnell zu ändern ist, nur ein Beispiel. Wer möchte schon schwören, dass zum Beispiel unsere männlich dominierte Sprache überhaupt keine Rolle dabei spielt, dass so Viele vieles als „natürlich“ hinnehmen…

*

Menschen wie Ulrich Kutschera diskutieren, indem sie Klischees bedienen und weiterhin betonen, es ginge um Gleichmacherei statt um Gleichstellung, indem sie eine Haltung pflegen, die sich in Sätzen äußert wie ‚Frauen wollen heute keine Frauen mehr sein‘ und dergleichen mehr, keinesfalls in der Sache, obwohl es genau diesem Herrn angeblich darum geht, ernsthafte von „Pseudowissenschaftlern“ zu trennen. Egal, ob es ein Studienzweig ist oder nicht: Begriffe und Haltungen zu hinterfragen ist notwendig und wird es voraussichtlich immer sein. Es ist völlig unstrittig, dass alle Menschen unterschiedliche biologische Voraussetzungen mitbringen; darüber diskutiert niemand ernsthaft. Das heißt aber eben nicht, dass dann auch eine Ungleichbehandlung folgerichtig ist. Es ist beschämend, ernüchternd und traurig, dass man das heute immer noch als Gegengewicht zu einer solch eindimensionalen und letztlich menschenverachtenden Haltung, beworben durch einen Artikel, der abertausendmal öfter gelesen werden wird als zum Beispiel der meine, sagen zu müssen.

Es müsste eigentlich jedem auffallen, dass die dort beschriebene Geisteshaltung menschenverachtend ist, und zwar verachtend gegenüber Menschen jeglichen Geschlechts. Sie lässt Unterschiede, die es selbstverständlich auch innerhalb eines Geschlechts gibt, nicht zu. Jede Frau ist gleich, jeder Mann ist gleich, und das Schlimmste: alles wird (soll?) so bleiben, wie es ist. Entwicklung, auch zum Guten für alle Menschen, ist „überbewertet“. (Übrigens weiß jeder Mensch selbst meistens am besten, was gut für ihn ist. Daher brauchte es auch keine moralinsauren Gesetze, die allzu Privates regeln…)

Dabei sei Kutschera „ein ausgewiesener Frauenförderer“. Wer solche Förderer hat, tut gut daran, sie schnellstens loszuwerden. Oder ich weiß einfach nicht zu schätzen, wie hilfreich für alle Menschen Aussprüche sind wie: „Männer wollen einfach eine nette Frau, mit der man nicht viel diskutieren muss; jung, attraktiv, gut kochen muss sie können, Kinder großziehen.“ Das sei in allen Kulturen so. Ich denke mir, dass auch Frauen in allen Kulturen einfach einen netten Partner oder eine nette Partnerin haben wollen, was soll man denn anderes wünschen: einen unnetten Menschen an seiner Seite? Das Perfide an der Ausdrucksweise des Wissenschaftlers: er baut darauf, dass die Menschen mehrheitlich nicht unterscheiden zwischen dem verständlichen Wunsch, einen „netten“ Menschen an ihrer Seite zu haben (wenn sie überhaupt mit jemandem leben möchten), und dem Hinterfragen tradierter Vorstellungen von Zusammenleben. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Und was ermächtigt ihn, seine reduzierte Sicht auf seine Partnerin (ein Partner wird es ja keinesfalls sein; ach du lieber Himmel!) auf alle Menschen hochzurechnen…? Er kann es für sich ja sehen, wie er mag; es im großen Stil kundzutun, es „allen Kulturen“ und damit jedem einzelnen Menschen überzustülpen, ist selbstüberschätzend, arrogant und nicht intelligent.

*

Ich bin in erster Linie als Mensch auf die Welt gekommen; ich muss alles unter dem Aspekt betrachten, dass auch mein Geschlecht zufällig ist. Ich muss mich nur im direkten Umfeld umsehen, um festzustellen, dass jeder Mensch einzigartig ist, unterschiedlich zum anderen in Biologie, Einstellung, Wünschen.

Als Mensch setze ich mich für Menschenrechte ein; für mich ist das eine beinahe zwangsläufige logische Schlussfolgerung. Es ist, je nach Sachverhalt und Situation, nachrangig oder komplett egal, ob mein Gegenüber schwarz, weiß oder grün ist, an was er glaubt, wenn er dadurch nicht die Freiheit seines Nächsten beschneidet, wofür er seine Lebenszeit einsetzt, wenn er niemanden bewusst an Leib und Seele verletzt, ob er direkte Nachkommen hat oder nicht, ob er Mann oder Frau ist oder sich irgendwo dazwischen fühlt.

Die von vielen gehassten „Quoten“ – auch für mich sind sie nur Mittel zum Zweck, ein notwendiges Übel – gibt es nur, weil es durch die Jahrhunderte nicht geschafft wurde, eine wirkliche Gleichberechtigung aller MENSCHEN zu erreichen. Das erstreckt sich auf alle Gebiete; das gibt‘s nicht nur in Geschlechterdiskussionen. Haltungen wie die Ulrich Kutschera’s tragen dazu bei, sich im „Klein/Klein“ zu verheddern, anstatt sich in der Welt dafür einzusetzen, was für uns doch logisch sein müsste: für uns. Und was nicht allen zu Gute oder sogar bewusst zu Schaden kommt, muss selbstverständlich diskutiert werden, immer und immer wieder. Ob es der Hunger in der Welt ist, der nur scheinbar nicht zu bekämpfen ist, ob es scheinheilige Politik ist, die angeblich keine Kriege oder hier Tausenden weismachen will, es gäbe noch für alle in Europa Arbeit, die „wirklich welche wollen“. Ob es die Wirtschaft ist, deren Gier keine Grenzen kennt und die auch vor bewusster Schädigung der Bevölkerung oder nicht rückgängig zu machenden Umweltschäden nicht Halt macht – oder ob es um den Respekt und die individuelle Herangehensweise an jeden Menschen geht.

Es hat alles eine Ursache, ob Flüchtlingsstrom oder Genderforschung. Sich diese Ursachen anzusehen ist Pflicht für alle, denen Inhalt wichtig ist, um sich positionieren zu können. Eine Positionierung über die reine Form, über die Ausprägung und Gestalt einer Ursache wird einem mitdenkenden Menschen nicht gerecht. In diesem Sinne, Herr Kutschera…

*

Meine Sache ist die Kunst, und mir wird immer klarer, warum: weil „meine Sache“ eigentlich der Mensch ist, seine Individualität, die Vielfalt der Möglichkeiten. Seine Offenheit sich selbst und den Möglichkeiten seiner Mitmenschen gegenüber macht Kunst erst möglich, denn sie ereignet sich nur in Offenheit.

http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/universitaet-kassel-professor-ulrich-kutschera-zieht-ueber-genderforschung-her-a-1050888.html

http://www.lpb-bw.de/12_november.html

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… und der vorerst letzte Artikel zur Reihe „Kunst und…“

Kunst und Hiltrud Neumann

Die Sammlerin und Mentorin der Mönchengladbacher Kunstszene habe ich gegen Ende der 1990er Jahren kennenlernen dürfen.

Von 1989 bis 2008 lud sie zum „Offenen Wohnzimmer“ ein, was eine Untertreibung war, denn es gab in ihrer Wohnung keinen Raum, in dem sich keine Kunst befand oder der nicht für offene Besucheraugen zugänglich gewesen wäre. Und kein Kunstwerk war mehr als einen halben Meter vom anderen entfernt, oft näher. Wenn man sich im Internet auf die Suche begibt, stößt man auf Bilder, die eine Ahnung geben vom Flair dieses Zuhauses, das heute immer noch genau so aussieht:

http://www.kuenstlermg.de/neumann.htm

In 20 Jahren ist dieses Treffen, das monatlich stattfand und für viele Künstler und Kunstfreunde die Begegnungsstätte war, nie ausgefallen. Ich war auch öfter dort und erinnere mich, dass – selbst nach einem langen Arbeitstag mit schon müden Augen und strapaziertem Hirn – ich dort immer auftanken konnte, egal ob durch Gespräch mit Gast oder Künstler (die sich dort, immer einer pro Freitag, mit ihrer Kunst vorstellten), durch eben deren „Auftritte“ oder durch Hiltrud selbst – ich habe diese Wohnung immer inspiriert verlassen.

So auch heute, als ich sie wieder einmal besuchen durfte, diesmal alleine, ohne den Trubel des „Offenen Wohnzimmers“. Was erstaunlich war: es fehlten Künstler und Gäste, aber trotzdem war alles da: die Schöpfungen all dieser kreativen Köpfe, die Erinnerungen an so manches Gespräch – und natürlich Hiltrud, die dort alles zusammen hielt und hält. Ich habe in diesem schwierigen, weil oft so empfindlichen Bereich „Kunst“ selten so eine offene Herzlichkeit – oder herzliche Offenheit – erlebt wie mit ihr. Selten, dass diese vielbesungene Offenheit nicht nur in Laudationes und Beschreibungen vorkommt, sondern so sehr gelebt wird. Selten, dass in diesem Bereich „Kunst“ bei jemandem, der „sich auskennt“ so gar kein Dünkeldenken vorhanden ist, ja Hiltrud dieses sogar verurteilt, zumindest belächelt. Selten, dass Menschen zusammen gebracht werden, die sich normalerweise auf dem „offiziellen Parkett“ der Kunstszene nie begegnen würden, wenn man von rein physischen Zusammentreffen absieht, und selbst die kommen ja kaum vor.

Wenn sie erzählt, wird deutlich, wie untrennbar ein so einladender Charakter mit Haltung und Handeln verbunden ist. „Ich wollte hier Heimat finden, und das konnte ich nur über die Kunst“, sagt Hiltrud Neumann über ihren damaligen Umzug von Dortmund nach Mönchengladbach, als hier Lehrer gesucht wurden.

Um vermitteln zu können, muss man zuhören können, in der Lage sein, sich immer wieder auf unterschiedliche Menschen einzustellen. Demnach muss Hiltrud eine sehr gute Lehrerin gewesen sein. Klassenraum und „Offenes Wohnzimmer“ haben eine ganze Weile nebeneinander bestanden, und als Hiltrud im Jahr 2000 pensioniert wurde, hörte sie nicht auf, Mittlerin zu sein. Mir und vielen anderen vermittelt sie bis heute, dass Grenzen nur in den Köpfen existieren. Es ist unser Kopf, und es ist an uns, ihn zu öffnen.

Jemand, der auf diese Art und Weise ein Fürsprecher ist, ist es für Mensch und Sache. Es konnte und kann „der Kunst“ – nicht nur in Mönchengladbach – kein größerer Gefallen getan werden, als durch solch einen unbestechlichen Menschen vertreten, gefördert und besprochen zu werden.

Mönchengladbach, 30. Juni 2015

Hiltrud_Kaffee   Hiltrud

Hiltrud_Markise   Die Wohnung über dem Hardter Wald

Hiltrud_Schachbretttisch   Der Tisch mit dem Schachbrettmuster, der gebraucht von Hiltrud übernommen wurde und so wunderbar in dieses Zuhause passt

Hiltrud_Sabine   Ich zeige Hiltrud, was man mit einem Smartphone machen kann 😉

Hiltrud_Schatten   Kunst an Kunst an Kunst an Kunst…

Hiltrud_Ein_kreativer_Kopf   Ein kreativer Kopf

Hiltrud_Sonnenuntergang   Sonnenuntergang

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Interview 5

Interview 5 – Der Stand der Dinge in 2015 und Ausblick ins nächste Jahr

Interviewer: Da sind wir wieder; guten Tag!

Pint: Guten Tag – ich freue mich!

I: Dieses Mal gibt es gar keinen unmittelbaren Anlass zum Fragen… was mache ich hier eigentlich…? [guckt gespielt verwirrt]

P: Ich [betont das Wort] kann ja erstmal Kaffee machen.

I: Gute Idee!

P: Kommen Sie doch einfach mit, sonst müssen wir so schreien…

[gehen in die Küche]

P: Ich kann ja darüber erzählen, warum derzeit weniger Bilder entstehen… wenn [betont das Wort] jemand fragt, ist es nämlich das: was macht das Malen?

I: Und? Was macht das Malen? [lacht]

P: Es ist immer da, derzeit meist in Kartenmotiven, aber auch in meiner geplanten Serie „Empathie in Gefahr“, von der allerdings erst anderthalb Bilder fertig sind… – und die nächste Frage ist dann immer „Stellst du nochmal aus?“ oder „Stellst du gerade irgendwo aus?“ Es konzentriert sich die Wahrnehmung der Leute sehr auf mein Malen und Ausstellen, was ja beides nie meine komplette Zeit ausgefüllt hat…

I: Ja. Beim letzten Mal war Ihr „Projekt 2013“ in Ihren Fenstern zur Straße hin zu sehen, zwei Leinwand-Drucke vom abfotografierten Computerbildschirm mit eigenen Kunst-Statements, die zum Nachdenken anregen sollten…

P: Richtig. Die beiden Drucke sind dann bald darauf ins „Bunte Haus“ in die Altstadt gezogen, wo sie die Ausstellung RE-/UPCYCLING begleiten durften, und waren dann darüber hinaus noch länger dort. Leider gibt es das „Bunte Haus“ als Kunstort nicht mehr. Die Bilder stehen da im Flur [weist aus der Küche] und werden sicher irgendwann wieder mal in meinen Fenstern hängen. Und dann gab es noch einen Logo-Entwurf für eine Mönchengladbacher Band.

I: … nur den Entwurf?

P: [lacht] Nein, es ist dann auch zur Umsetzung gekommen! Alles, was im Augenblick entsteht, hat wirklich eher Projekt-Charakter als dass es eine einzelne kleine schnell abgeschlossene Sache wäre – oder eben ein Bild.

I: Dann gibt es doch Neuigkeiten?

P: Noch nichts Spruchreifes. Das eine ist eine eventuelle Zusammenarbeit als freie Mitarbeiterin bei zwei kreativen Mönchengladbacher Köpfen, die an einer schönen Website-Idee arbeiten; dafür würde ich schreiben. Und das andere ist die schon länger schwelende Idee, zusammen mit einer Freundin eine Art Seminar anzubieten, das– ich möchte eigentlich noch nichts darüber verraten, weil wir beide selbst noch ganz am Anfang stehen. Aber ich denke, ich werde meinen Teil der Erarbeitung als eine Art Tagebuch führen, das ich mir vorstellen könnte, als praktischen Erfahrungsbericht auch öffentlich zu machen… später dann.

I: Ist das ein Wandel, weg vom Malen, oder zumindest weg vom Bild? Woher kommt der?

P: Ach, es ist eigentlich kein wirklicher Wandel in dem Sinn… es hat schon noch einen– ja: roten Faden, wenn man so will. Ich müsste dann doch mehr über die Pläne erzählen, als ich es derzeit kann… [macht eine kurze Pause; der Interviewer unterbricht nicht] Ich habe letztens mehrere zusammengeschnittene Interviews mit Adrian Piper gesehen, die jetzt auf der Biennale den Goldenen Löwen gewonnen hat. Sie ist als Konzeptkünstlerin geehrt worden, aber sie ist auch Philosophin und hat über Jahrzehnte an einem zweibändigen Werk gearbeitet. In den Interviews erklärt sie, warum es ihres Erachtens diese Zeit beansprucht hat. Sie ist sehr gründlich. Und sie hat angedeutet, dass es ihr schwer fällt, einen Gedanken zu durchdenken, ohne gleichzeitig Gegengedanken zu haben oder Ergänzendes zu denken… ich kann das so sehr nachvollziehen! Sie sagt z. B., dass sie in der Kunst Anomalien schafft, die sie in der Philosophie zu erklären versucht. Ich finde das toll, dass sie Bereiche verknüpft, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben oder, besser, für viele Menschen nichts miteinander zu tun haben. Ich habe richtig Lust bekommen, sie zu lesen!

I: Das glaube ich; es klingt wirklich interessant…

P: Ja! Ich erzähle das übrigens nicht, weil ich mich mit ihr vergleichen will, sondern ich vergleiche damit eventuell einen Teilaspekt in unseren Leben – und in dem noch einiger anderer, denke ich. Kunst und Lebenseinstellung gehören zusammen; es ist zweitrangig, durch was sich die Haltung gerade ausdrückt oder mehr ausdrückt. Adrian Piper gilt als Aushängeschild der politisch engagierten Konzeptkunst. Der Biennale-Kurator Okwui Enwezor hat bei der Eröffnung gesagt „Ihre Präsentationen laden uns zu einer lebenslangen Performance persönlicher Verantwortung ein.“ Das fand ich unglaublich treffend! Es hängt alles miteinander zusammen.

I: Engagieren Sie sich auch politisch jenseits mancher Ihrer Bildmotive? „Empathie in Gefahr“ klingt jedenfalls gesellschaftskritisch…

P: Ich war letztens zum ersten Mal tatsächlich auf der Straße, bei der Anti-Nazi-Demo hier in Mönchengladbach. Aber ich kann trotzdem nicht sagen, dass das meine erste „Demonstration“ [deutet die Anführungszeichen an] war, denn ich setze mich schon längere Zeit öffentlich ein: in sozialen Netzwerken, für Amnesty International, Unicef, beteilige mich an Petitionen, die mir sinnvoll erscheinen… ich möchte meinen kleinen Einsatz nicht überbewerten, aber ich finde es wichtig, sich zu positionieren: für den Menschen. Und ich glaube eben, dass auch jemand, der sich für nichts engagiert, politisch agiert. Wenn Menschen sagen, dass sie nicht politisch sind, dann ist ihnen meines Erachtens nicht bewusst, dass ihre Haltung etwas bewirkt, und wenn es das ist, dass alles beim Alten bleibt. Oder – noch schlimmer – den Machtinhabern und ihren Geldinteressen immer mehr in die Hände spielt. Mein Wunsch ist es einfach, mich gesellschaftlich einzubringen.

I: Ein verständlicher Wunsch… man hat nur oft den Eindruck, Vieles geht einfach unter… dass nichts von den persönlichen Einsätzen bleibt…

P: Ja, wenn man vom Gedanken ausgeht, dass etwas von einem bleiben muss, nachdem man gestorben ist, etwas irgendwie Greifbares. Diesen Gedanken habe ich so nicht. Ich denke eher, dass alles eine Rolle spielt, was man tut oder lässt, und ich glaube, dass alles eine Spur zieht, auch, wenn diese von nachfolgenden Generationen nicht personalisiert erinnert wird. Da komme ich wieder auf Adrian Piper: in den angesprochenen Interviews sagt sie, dass alles, was von einem Menschen bleibt, sein Werk sein wird, und dass sie auch deshalb so sorgfältig damit ist. Es stimmt: die Werke überdauern den Menschen oft. Aber es gibt Tausende Menschen ohne „Werk“ [demonstriert die Anführungszeichen], und das hieße für mich im Umkehrschluss, dass deren Denken und Handeln belanglos wäre. Und das kann im wahrsten Wortsinne nicht wahr sein! Außerdem würde es sie von einer Verantwortung entbinden, die jeder hat, der nicht ums nackte Überleben kämpfen muss – davon gibt es ja leider auch genug…

I: Höre ich heraus, dass Ihr kreatives Schaffen immer mehr mit ihrer Person zusammenwächst… wäre das richtig ausgedrückt?

P: Mein kreatives Schaffen, auch ohne „Werk“! [demonstriert die Anführungszeichen, lacht, wird wieder ernst] Ich hoffe es… aber ich glaube auch, dass das normal ist. Jeder wird doch immer mehr er selbst im Laufe seines Lebens, jetzt ganz wertfrei gesprochen. Man weiß, was man nicht mag, man weiß, wofür man eintreten, sich einsetzen will; man kennt sein Lebensthema, wenn man das so sagen will…

I: Welches ist Ihr Lebensthema?

P: [überlegt, verzieht den Mund] Ich glaube, Offenheit, wenn ich einen Begriff wählen müsste. Denn er beinhaltet ganz viel: dass man anderen und sich selbst Entwicklung zugesteht, dass man erstmal hilft, wo es nötig ist, ohne den Hilfesuchenden zu bewerten, zuhören, mehr fragen, weniger urteilen, und wenn man urteilt, weil es z. B. ein eigener ethischer Grundsatz gebietet: erklären, warum und wie es zu dem Urteil kommt. Ich glaube, ich hab‘ das schon mal gesagt, aber ich habe sowieso das Gefühl, mich ständig zu wiederholen [lacht]: die populäre „Ich muss mich nicht rechtfertigen“-Einstellung finde ich nicht besonders hilfreich, um sich besser zu verstehen. Denn es geht ja selten um Rechtfertigung; manchmal möchte man einen anderen einfach nur besser oder überhaupt begreifen… oder eben sich begreifbar machen…

I: [nickt] … ja… [nach kurzer Pause] müsste man dann nicht auch mit Nazis reden…?

P: Mit Vorleuten von Pegida sicher nicht; nicht mit Parteivorständen, denke ich. Irgendwie muss man das „Kein Fußbreit den Faschisten“ [demonstriert die Anführungszeichen] ja auch außerhalb einer Demo leben. Ich bin sicher kein Fan von Sigmar Gabriel, aber dass er damals in Dresden an der Diskussionsrunde mit Gegnern und Anhängern von Pegida teilgenommen hat, fand ich richtig, jetzt mal neben den Interessen seiner Partei, was ja auch immer eine Rolle spielt. Denn es muss in der Demokratie um das Gespräch mit der Bevölkerung gehen, um das ernst-Nehmen jedes Mitglieds, und dass das in der Politik meistens nur nach außen demonstriert wird ohne von Herzen so gemeint zu sein, macht die Sache an sich ja nicht falsch. [macht eine längere Pause, der Interviewer unterbricht nicht] Es ist unglaublich schwer, im Gespräch zu bleiben, gerade, wenn man nicht einer Ansicht ist. Schon das einander fern bleiben verhärtet. Es gehören allerdings immer mindestens zwei offene Ohren und Herzen dazu, damit das Gespräch fruchtbar ist. Jeder, der eigentlich nur sich selbst beantworten möchte, der keine ehrliche [betont sehr das Wort] Neugier auf die andere Ansicht hat, wird nichts für sich gewinnen und ist im Grunde auch kein Gewinn für den Dialog. Viele können sich da gut tarnen; man merkt nicht auf den ersten Blick, dass es da kein Hin und Her in der Unterhaltung gibt, wo sich in den Antworten einer auf den anderen bezieht. Sich in so einem Gespräch zu befinden ist unglaublich anstrengend. Man fühlt sich komplett unbeantwortet – eher wie in einer Vorlesung als in einem Gespräch. Wie vor einer Glaswand, bei der die Geräusche nur einseitig durchlässig sind: man sieht sich zwar, aber nur einer hört den anderen auch.

I: [schmunzelt] So plastisch, wie Sie das schildern, ist das nicht nur Theorie…

P: [lacht] Nein. Wenn man sich oft unterhält, erlebt man das auch öfter… öfter als Leute, die das Gespräch nicht so offensiv suchen, denke ich.

I: Ist es immer noch so, dass Sie eher im Internet Gesprächspartner finden?

P: Für viele Themen ja. Aber Offenheit und Unoffenheit haben damit nichts zu tun; das gibt es beides überall. In einem offenen Gespräch, in dem mein Gesprächspartner genau so aufrichtig neugierig auf mich ist wie ich auf ihn, ist das Thema, mit dem man vielleicht einsteigt, vollkommen nebensächlich. Denn es ergibt sich ein Austausch, bei dem beide auf ihre Kosten kommen, wenn ich es mal so unpassend ausdrücken darf. Es ist für beide Bereicherung, und das nicht nur als leeres Wort; es ist tatsächlich so. Und man wird automatisch auch auf Themen kommen, die beide interessieren, entweder wechselseitig oder gemeinsam. Solche Menschen muss man festhalten – sanft festhalten – [betont das sehr und lacht] … Unsinn, das muss man gar nicht. Solche Menschen werden freiwillig und gerne immer wieder zueinander finden.

I: Ein schönes Schlusswort für heute! Ich danke für’s Gespräch.

P: Ebenfalls. [lacht] Und jetzt ist auch der Kaffee fertig!

[Das Interview wurde privat geführt und aufgezeichnet im Mai 2015]

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