Markttreiben

Der Begriff „Kreativität“ ist etwas abgenutzt, aber ich finde, er tut’s noch ziemlich gut!
Hier im Blog ist er ein paar Mal zur Sprache gekommen; ich habe hier und anderswo konstruktiv zu ihm gestritten.

Über die Schwierigkeit, den Begriff sauber zu definieren, erzählt u. a. die Wikipedia; der Artikel lässt ahnen, von wie vielen Seiten und unterschiedlichen Aspekten man der Kreativität begegnen kann.

Über das kreative Produkt heißt es dort:

„Eine subjektive Sichtweise jeder einzelnen Person ist in der Bewertung nicht auszuschließen, da jedes Individuum nach eigenen Kriterien bewertet, wenn es keine Normwerte zur Verfügung hat und keine allgemeingültige, weil bekannte und gleichzeitig gültige und verlässliche Definition von Kreativität zur Bewertung herangezogen wird. Das bedeutet, dass durch die mangelnde Definition des Begriffs die Wertung eines einzelnen Individuums fast immer subjektiv ausfällt. Erst durch eine (oft implizite) Einigung auf eine Definition und Maßstäben zur Messung von Kreativität ist eine Gruppe dazu in der Lage ist, Kreativität zu bewerten und zu messen. Dieser Vorgang unterliegt dabei auch immer dem Zeitgeist.“

Objektiv messen lässt sich Kreativität also nur sehr ungern. Aber wir haben alle eine Vorstellung von ihr.

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Kreativität bezeichnet nicht alleine Hobby-Kunst, obwohl diese darunterfällt.
Kreativität ist Lebenseinstellung und Fantasie Sie zeigt sich im Umgang mit schwierigen Kunden und wenn man in der Küche ein Gericht noch mal gerade so rettet. Wenn man in der Lage ist, ein Problem auch noch mal von einer anderen Seite aus anzugehen. Und manchmal lässt sie Bilder entstehen. Oder Bücher.

Die Autorin Melanie Lahmer weist in ihrem Blog deutlich auf etwas Wichtiges hin:
Auf einem Markt wird die Kreativität des Erschaffers, der Erschafferin oft so gelähmt, dass diese mitunter ihre Arbeit aufgeben.

Die Wikipedia schreibt:
„In der Kunst erfordert der hier geltende Innovationszwang, dass Kreativität mit Normenbruch, also dem Verstoß gegen tradierte Normen, einhergeht.“

Melanie Lahmer sagt:
„Alle wollen das neue, große Ding, mit dem man für die nächsten Jahre ausgesorgt hat – aber keiner traut sich aus seiner Komfortzone heraus.
Das führt zu der paradoxen Situation, dass Verlage zwar händeringend nach Neuem suchen, das Neue soll aber bitte nicht zu stark vom Gewohnten abweichen.
Und darunter leiden zuallererst wir Autoren. Denn unsere Figuren und Settings dürfen nicht zu ungewöhnlich sein, wir sollen aktuelle Trends bedienen und trotzdem noch etwas Eigenes einbringen (aber nicht zu viel, bitte!). Diese Vorgaben sind so diffus und gleichzeitig einengend, dass sie immer auch Einfluss auf unsere Geschichten haben. Manchmal fühlt man sich wie ein Pferd, das Hufe scharrend vor dem Gatter steht, das sich niemand zu öffnen traut. Man könnte ja aus Versehen im Galopp irgendetwas umreißen.“

Wohin soll ein Künstler ausweichen, den der Markt entweder gebrochen hat oder der zu den Bedingungen dort nicht arbeiten, aber trotzdem weiter künstlerisch tätig sein möchte? Zu dessen Persönlichkeit es untrennbar gehört, sich auf diese seine Weise auszudrücken?
Von mir selbst kann ich sagen, dass auch mich Schranken einschränken und Normen angleichen. Vorgaben geben auch mir etwas vor; ich kann nichts mehr selbst entwickeln, und unter Druck funktioniere ich allenfalls, aber das Wunder der Kreativität wird sich mit Sicherheit nicht ereignen! Es braucht das Spielen, die Ergebnisoffenheit.

Einem Markt, der auf Gewinn aus ist oder zumindest Verluste vermeiden soll, macht ergebnisoffenes Arbeiten Bauchschmerzen, was ich aus Marktsicht sogar verstehe. Der Markt ist Mechanismen unterworfen, die ihn zu dem System machen, das er ist. Würde er den Wachstums- und Konkurrenzgedanken aufgeben, würden Köpfe und Arme des Marktkörpers sterben.

Handel ist die Bestimmung des Marktes. Doch wie kann etwas so Flatterhaftes, manchmal Flüchtiges, Lehrendes, manchmal im Flow Erlebtes, manchmal hart Erarbeitetes, mit Zeit und auch sonst nicht objektiv Messbares wie Kreativität sinnvoll gehandelt werden?
Es ist, wie Luft an der Börse zu handeln, also entweder unmöglich, oder es braucht fast schon kleinkriminelle Energie, Menschen außerhalb der Gewinnzone die Mechanismen schmackhaft zu machen. KreativarbeiterInnen liegen oft außerhalb jeglicher Gewinnzonen.

Der Gewinn für jemanden, der seine Kunst leben möchte, hat oft nichts mit materiellem Gut zu tun.

Melanie Lahmer: „Für jeden Autor, der einen Vertrag wegen seiner schlechten Bedingungen nicht unterschreibt, kommt ein neuer nach, der ihn zu noch schlechteren Bedingungen unterschreibt und sich dafür eine Flasche Sekt öffnet. Das mit dem Jubel und dem Sekt kann ich natürlich gut verstehen, das habe ich auch gemacht. Aber leider hat man damit schon den ersten Schritt in Richtung Selbstaufgabe und fehlende Wertschätzung getan. Wer sich unter Wert verkauft, setzt damit automatisch auch einen Marker. Dann zeigt man, dass man zu allen möglichen Kompromissen bereit ist, solange man sein Buch veröffentlichen darf.
Denn eines ist klar: Wenn ich diesen Vertrag nicht unterschreibe, bekomme ich möglicherweise gar keinen. Und eigentlich wollen wir doch nur eines: gelesen werden. Und dafür brauchen wir Leser, die wir auf irgendeine Weise erreichen müssen – sei es durch Verlage und den Buchhandel oder ohne Verlag im Internet.“

Das habe ich mich oft gefragt: verraten KreativarbeiterInnen sich und ihre Gabe, wenn sie sie zum Verkauf stellen, Kompromisse machen? Ich tu mich schwer, jegliche Verantwortung bei ihnen zu suchen. Der eine wird es aus guten, gerade zitierten Gründen tun, jemand anderes wird es aus genau so guten persönlichen Gründen lassen. Ich tu mich schwer damit, zu akzeptieren, dass gerade die Energie der KreativarbeiterInnen mit solchen Fragen angefressen wird. Aber ich kenne sie gut…

In Gesprächen habe ich oft ein Szenario aufgemacht, bei dem ich davon ausging, dass man die Absurdität sofort erkennt: alle KreativarbeiterInnen, die nicht gut bezahlt werden, stellen die Arbeit ein. Ein Streik. Der ist nämlich bei der Vielzahl von zum Beispiel AutorInnen mit ihrer unterschiedlichen Haltung und der vielen unterschiedlichen Verlage nicht zu organisieren. Und was sollen MalerInnen tun, die vielleicht – ich weiß es nicht – noch zahlreicher sind? Ein Aspekt des Problems: KreativarbeiterInnen auf dem Markt unterscheiden sich nicht von denen anderswo. Ihr „Endprodukt“ kann das gleiche sein. Unter MalerInnen ist daher „Schwarzarbeit“ ein großes Thema. Doch warum wird das nicht so ernst genommen wie beispielsweise bei Fliesenlegern oder anderen HandwerkerInnen, warum klingt das eher lustig? Weil Kunst in der Gesellschaft noch nicht als akzeptiert angekommen ist? Oder weil Handel mit einer nicht messbaren, nicht objektiv bewertbaren Sache so schwierig ist?

Ich gehe so weit zu sagen, dass fairer Handel auf dem Parkett der Kreativarbeit nicht möglich ist. Weil Unvergleichliches zum Vergleichen – und Handel vergleicht immer – angeglichen wird. Weil Nischenprodukte, die sich nicht verkaufen, aber die es geben muss, um Individualität und Vielfalt zu würdigen, hintenüber fallen, in der wahrnehmbaren Welt nicht mehr vorkommen. Weil mit etwas gehandelt werden soll, das allen gehört wie die Luft, die wir atmen: Fantasie und unser individueller Ausdruck dieser Fantasie.

Melanie Lahmer: „Es ist hart und es bleibt hart und ich bin nicht optimistisch genug, um an eine Besserung zu glauben. Irgendwann fällt das bisherige System in sich zusammen, und dann bleiben vermutlich nur wenige übrig. Aber bis es soweit ist, schreibe ich weiterhin meine Geschichten und versuche, so gut wie möglich davon zu leben.“

Vielleicht – wenn sich der Mensch bis dahin nicht selbst vernichtet, was ich in der letzten Zeit öfter fürchte – gibt es mal eine Gesellschaft, in der unser Versorgtsein nicht an unsere Lebensidee gekoppelt ist. Wir uns nicht entscheiden müssen, ob wir Essen kaufen oder Stifte, ob zum Malen oder Schreiben. Die Kinder fürs Leben lernen und nicht dafür, ihr Leben lang der materiellen Versorgtheit hinterher zu laufen und gesellschaftlicher Ächtung unterliegen, wenn das nicht gelingt, und das Gelingen FÜR ALLE wird immer schwieriger.

Vielleicht, wenn wir alle in einem Punkt zusammenhalten: das, was unser Menschsein ausmacht, nicht zu verraten. Und das individuell, unterschiedlich.

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https://de.wikipedia.org/wiki/Kreativit%C3%A4t

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https://siegerlandkrimis.wordpress.com/2018/03/23/autoren-unter-druck-ii/

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Authentizität

„Jedenfalls ist es immer ein Dialog.“

Es hilft zum Verständnis der folgenden Interview-Ausschnitte, die Geigerin Patricia Kopatchinskaja einmal beim Sprechen zu hören und zu sehen. Ich bedaure, dass ich die Dokumentation nirgendwo mehr komplett finde.

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http://www.migros-kulturprozent.ch/de/home/ein-konzertsaal-ist-keine-wellnessoase

„Ich wollte keine Kompromisse machen, sondern die Leute finden, mit denen ich eine gemeinsame Sprache teilen kann.“

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„Das lässt Raum zum Lernen. Es ist nicht wie in Wien oder London, wo man wirklich gut sein muss.“

Bitte? An kleinen Orten müssen Sie nicht so gut sein?

„Doch, doch … aber da kann ich es wagen, auch einmal zu experimentieren. Da kann ich Dinge tun, von denen ich noch nicht weiß, ob sie gelingen oder nicht. Und deswegen sind für mich die kleineren Orte fast interessanter als die großen, wo man wirklich das liefert, was man schon über die Stücke herausgefunden hat. Allerdings bin ich auf gutem Weg, auch dort freier spielen zu können. Ich möchte den Konzertbesuchern in London oder Wien verständlich machen, dass diese Freiheit der Motor für Bewegung und Entwicklung ist. Musik ist nicht etwas, das immer zu 100 Prozent klappt. Es geht nicht darum, alle Töne rund und schön abzuliefern.“

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„Wer mit einer vorgefertigten Meinung ins Konzert kommt, kann bei mir nur enttäuscht werden. Ich spiele nicht das, was man erwartet.“

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„Das Publikum hat sich an mich gewöhnt. Es erwartet sogar zunehmend das, was ich verständlich zu machen versuche: Dass es neben spielerischer Perfektion und der immer gleichen einbetonierten Fassung eines Stückes, die man von den Schallplatten her kennt, auch andere Wege gibt.“

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Ist, wer Ihr Mozart-Spiel kritisiert, in der Zeit stehen geblieben?

„Eine solche Person ist in ihrer Persönlichkeit stehengeblieben und kann nicht aus sich heraus – eine solche Person will immer wieder das genießen, was sie verstanden hat. Ich glaube, Kunst muss einen Menschen auch mit Dingen konfrontieren, die er nicht mag.“

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„Das ist wie mit den Kleidergeschäften – von London bis Zürich: Alles sieht gleich aus! Die musikalische Globalisierung ist enorm stark. Überall spielen die gleichen Leute das gleiche Programm. Es gibt kein Gesicht mehr.“

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Die mögliche Verbindung zum individuellen Wesentlichen

https://www.taz.de/!5396305/

Zitat aus dem Interview: „Wenn sich ein Werk auf Malewitschs Schwarzes Quadrat bezieht, muss man erstens Malewitsch kennen und zweitens wissen, dass er sich auf Ikonenmalerei bezieht. Man muss drei Ebenen erklären. Wir überlegen gerade, wie wir das geknackt kriegen. Im Idealfall hätte man den Multimedia-Guide für jedes Exponat. Das ist ein kostspieliges, langfristiges Ziel.“

Dazu Anke von Heyl am 12. April auf ihrer facebook-Seite:

„Sehr spannendes Interview mit dem Chef der Hamburger Kunsthalle. Ich wage mal die These, dass ein Multimedia-Guide nicht zwingend die Lösung für das Vermitteln äußerst komplexer Zusammenhänge sein muss. Die Frage ist, ob man als Vermittlungsziel das Wissen um alle historischen Bezüge in den Vordergrund stellen sollte.“

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Inspiriert durch Anke von Heyls Beitrag auf ihrer facebook-Seite und das dortige gute Gespräch dazu, aus dem ich hier nichts wiederholen möchte, steige ich gleich steil ein: Wenn Kunst für alle Menschen ist – wovon ich ja ausgehe – kann Kunstvermittlung dann überhaupt zielgerichtet funktionieren, wenn das Ziel ständig umdefiniert werden muss nach Gruppe und Einzelperson, Alter, Wissensstand, kultureller Herkunft, Interesse (Stichwort „Schülergruppen“) …?

Ist der geringste Anspruch dann der, dass der Mensch, dem vermittelt werden soll, überhaupt erst mal bleibt und weiter zusieht und zuhört, und liegt die Kür dann darin, einem best-vorgebildeten, wissensdurstigen, kunstinteressierten Menschen, der alle Zitate versteht, noch mehr Wissen zu geben in einem „Fach“, das in seinen Inhalten keine allgemein menschliche Objektivität hat, sondern die bestimmt werden durch die jeweiligen Machthaber der einzelnen Kunst-Bereiche und Institutionen, ungeachtet der vielen Einflüsse und Eindrücke drumherum? Ungeachtet der Tatsache, dass das, was innerhalb des Kunstbetriebes, -marktes, -kanons entsteht, für „Kunst“ befunden wird und in diesem Begriff verbleiben darf, immer auch außerhalb gedacht und gearbeitet werden kann und, setzt man dieses voraus, dann sicher auch wird?

Vielleicht liegt der Gewinn von „Vermittlung“ ja gar nicht im (ohnehin überschätzten) „Verständnis“ für eine künstlerische Arbeit. Vielleicht liegt der Gewinn schlicht darin, Menschen, denen das fremd ist zu zeigen, dass Menschen sich über Kunst ausdrücken und das genau so „normal“ ist wie der Ausdruck über jede andere Sprache. Vielleicht bringen Gespräche auf den unterschiedlich möglichen Niveaus, vielleicht bringen die Fragen der Menschen auf den unterschiedlich möglichen Niveaus die – ich glaube, ebenfalls allen – mögliche Verbindung zu ihrem individuellen Wesentlichen.

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KunstvermittlerInnen leisten gute Arbeit – innerhalb des Systems.

Ich komme immer wieder dazu, mich zu fragen, ob ich in der Ansicht und in der Diskussion radikaler sein muss, was mir total widerstrebt.

Kann ich gleichzeitig sagen:

o.k., das ist der Kunstbetrieb, der so funktioniert, wie er eben funktioniert, mit all seinen Kreativschätzen und dem Bemühen um deren Vermittlung, aber eben auch mit den negativen Auswirkungen: Ausschluss Vieler im Erschaffen und Rezipieren (auch wider alle Vermittlungsversuche), Entwicklung krimineller Energien (Stichworte „Handel“ und „Fälschung“) usw. (die Liste ist beliebig verlängerbar)

und

ich wünsche mir ein co-kreatives Herangehen an Kunst, und zwar an jegliche Kreativarbeit eines jeglichen Menschen?

Passt das? Geht das? Und wenn ja: wie geht das?

Oder geht das einfach nicht zusammen, weil ein co-kreatives Herangehen an jegliches Thema Bewertung verbietet, Belehrung verbietet, und „Lehre“ und „Lernen“ da einfach anders funktionieren…?

Ich habe immer gesagt: die Arbeiten, die heute offiziell zu „Kunst“ zählen, und die wir alle schätzen und bewundern, gehen doch nicht verloren, und sie entstehen auch weiterhin neu.

Aber was ist, wenn wir uns das neu-Entstehen unter anderen, unter co-kreativen Vorzeichen vorstellen? Wie funktioniert dann zum Beispiel Aufmerksamkeit ohne geförderte Bewerbung, wie funktioniert dann überhaupt Förderung – gibt es sie dann überhaupt noch? Muss es sie dann noch geben? Wenn Kunst überall und frei auftreten kann, ohne in den Kontexten gefangen zu sein, in denen wir sie erwarten: Museen, Auftritte, Vernissagen, Midissagen, Finissagen, Konzerte, Ausstellungen, … wie stehen wir dann zum kreativen Ausdruck von Menschen? Wie wird dann geplant, wie wird dann bezahlt (Hallennutzung, Museumsunterhaltung, Technik, Strom, Personal, …)? Wie werden die Kreativen entlohnt? Werden sie entlohnt, oder kann man sich „Bezahlung“ für eine „Leistung“ auch ganz anders vorstellen, auch jenseits von Tauschhandel? Was passiert mit hochpreisigen Umsetzungen von Kunst? Denken Künstler durch etwaige Beschränkung (die ja andererseits durchaus vernünftig sein kann) anders, ohne ihre Idee verraten zu müssen?

Was wäre, wenn „Kunst“ ein „ganz normaler“ zusätzlicher Ausdruck der Menschen wäre?

Vielleicht unterstützte es sie ja im Finden ihres individuellen Wesentlichen, das, wie ich es empfinde, ein wichtiger Beitrag für inneren und äußeren Frieden ist.

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„[…] Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.“

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Laurence Olivier

*

aus: Hamlet, 1. Aufzug, 3. Szene:

[…]

POLONIUS

Noch hier, Laertes? Ei, ei, an Bord, an Bord!

Der Wind sitzt in dem Nacken Eures Segels,

Und man verlangt Euch. Hier mein Segen mit dir –

[indem er dem Laertes die Hand aufs Haupt legt]

Und diese Regeln präg in dein Gedächtnis:

Gib den Gedanken, die du hegst, nicht Zunge,

Noch einem ungebührlichen die Tat.

Leutselig sei, doch mach dich nicht gemein.

Den Freund, der dein, und dessen Wahl erprobt,

Mit eh‘rnen Haken klammr‘ ihn an dein Herz.

Doch schwäche deine Hand nicht durch Begrüßung

Von jedem neugeheckten Bruder. Hüte dich,

In Händel zu geraten; bist du drin,

Führ sie, dass sich dein Feind vor dir mag hüten.

Dein Ohr leih jedem, wenigen deine Stimme;

Nimm Rat von allen, aber spar dein Urteil.

Die Kleidung kostbar, wie’s dein Beutel kann,

Doch nicht ins Grillenhafte: reich, nicht bunt;

Denn es verkündigt oft die Tracht den Mann,

Und die vom ersten Rang und Stand in Frankreich

Sind darin ausgesucht und edler Sitte.

Kein Borger sei und auch Verleiher nicht;

Sich und den Freund verliert das Darleh‘n oft,

Und Borgen stumpft der Wirtschaft Spitze ab.

Dies über alles: Sei dir selber treu,

Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage,

Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.

Leb wohl! Mein Segen förd‘re dies an dir!

[…]

*

Diese „Regeln“ des Vaters für den Sohn sind über Shakespeares Schauspiel hinaus erprobt, würde ich sagen; sie haben als Ratschläge beinahe – Ausnahmen gibt es ja immer, weil Menschen Individuen sind – Allgemeingültigkeit.

Besonders von den Schlusssätzen wird dies gerne zitiert:

„Dies über alles: Sei dir selber treu. Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage: Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.“

Auch auf mich wirken diese Sätze. Sie bedeuten nicht, dass man sich anderen gegenüber nicht für diese unpassend verhalten kann; das kann immer passieren, denn wir gehen erst einmal von uns aus und wissen nicht, wie unser Gegenüber uns und das Gesagte aufnehmen wird. (Den Vorsatz, das Gegenüber fies zu treffen, gibt’s natürlich auch, aber das schließe ich hier jetzt einmal aus.)

Um sich selbst treu zu sein, bedarf es der Reflexion; man muss seine Gefühle und Gedanken sortieren, um eine Position einnehmen zu können. Ist diese nicht starr, sondern in dem Sinne beweglich, dass sie veränderbar ist, wenn sich Gegebenheiten verändern, bleibt man wahrhaftig – und kann daher „nicht falsch sein gegen irgendwen“. Ich interpretiere es also so, dass man zu allererst eine gute Verbindung zu sich selbst hat, spürt, was einem gut und nicht gut tut, was man denkt und warum, und dem Gegenüber damit eine ehrliche, eine wahrhaftige Person zeigt.

Nachlässigkeit, Ignoranz und Lethargie haben da kaum Chancen, ihr ungesundes Wirken zu betreiben; man lebt in steter Auseinandersetzung mit sich und anderen. Es ist leicht vorstellbar, dass man diese Auseinandersetzung ohne echte Verbindung zu sich selbst eher als Bürde erlebt als das Geschenk, das es ist: das Geschenk des sich-Einbringens, des im-Gespräch-Bleibens.

So, wie man andere nur lieben kann, wenn man sich selbst zumindest mag, kann man sich dem Ausdruck eines anderen erst öffnen, wenn man seinen eigenen Ausdruck spürt, deuten kann und versteht. Wenn man einsieht, dass man überhaupt einen eigenen, individuellen Ausdruck hat! Und hat man das einmal bewusst gespürt, gibt es im Grunde kein Argument mehr dafür, sich einer anderen Expression von vornherein zu entziehen.

Es ist vollkommen zweitrangig, ob ich das Lächeln der Mona Lisa betrachte oder eines in der Stadt erwidere, das mir begegnet – ich begegne immer Menschen in ihrem jeweiligen Ausdruck. Das Lächeln der Person, die mir entgegenkommt, ist vielleicht unmittelbarer, aber auch Leonardo da Vinci freute sich bestimmt, wenn man seinem künstlerischen Ausdruck zurücklächelte; dessen bin ich mir fast sicher…

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http://www.william-shakespeare.de/hamlet/hamlet1_3.htm

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Politische Kunst

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=6338:hate-radio-milo-rau-und-sein-internationales-institut-fuer-politischen-mord-fuehren-eine-radio-hass-sendung-aus-ruanda-wieder-auf-&catid=38:die-nachtkritik&Itemid=40

 

https://www.youtube.com/watch?v=pm1eYaP7JIM

 

Milo Rau:

„Es scheint tatsächlich ein globales Verständnis zu geben für Kunst, das gewachsen ist, vielleicht in den letzten 20 Jahren; ich weiß es nicht… Mich hat’s jedenfalls sehr sehr sehr erstaunt, als wir das in Japan gezeigt haben, dass das komplett funktioniert hat; dass es keine Verständnisfragen gab, sondern jeder das sofort übersetzt hat in […] die Massaker der japanischen Armee in China beispielsweise… es sofort übersetzt hat in ‚sein Ding‘: in der Schweiz war die Demokratiefrage wichtig, in Frankreich die Rolle Frankreichs und in Ruanda natürlich die eigenen biografischen Bedingungen.“

Juliane Rebentisch:

„Könnt‘ ja aber auch’n Problem sein… wenn man es in alles immer so rückübersetzt, dass dann sozusagen der Gehalt auf so was allgemein Menschliches runterdimmt und so’n bisschen ’nen depolitisierenden Zug auch dadurch bekommt, sozusagen was dann der ‚gemeinsame Nenner‘ immer ist… die dunkle Seite im Menschen oder so… das wär‘ ja’n bisschen kurz…

[…]

Natürlich stellt sich diese ethische Frage: Welches Material […] unterwirft man überhaupt dieser Logik der Kunst, ja, die eben eine Logik des Unbestimmtmachens auch ist? Man vergisst, dass es von Breivik ist [vorher war von einem Originaltext des Attentäters die Rede, der im Kunstkontext vorgetragen worden ist], man vergisst sozusagen in gewisser Weise den Kontext und sieht andere Dinge, andere Dinge scheinen auf, und es kann ja sein, dass es Material gibt – oder Zeiten gibt – in denen es nicht angemessen ist, aus diversen Gründen, aus ethischen Gründen, politischen Gründen, bestimmtes Material dieser Logik des Unbestimmtmachens des Bestimmten zu unterwerfen. “

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Ich verstehe und teile das, was Juliane Rebentisch in dem zuletzt hier zitierten Satz sagt. Bestimmte Erinnerungen, die Individualität von Leid zum Beispiel, sollten nicht verloren gehen. Einzelschicksale gehören gewürdigt, so, wie jeder seiner verstorbenen Angehörigen gedenkt und sich beispielsweise auf bestimmte Art und Weise um die Bestattung kümmert. Destruktives politisches Verhalten seitens einer Regierung gehört angesprochen und muss ja sogar durch konkrete Beispiele belegt werden.

Genau so wichtig wäre es mir aber auch, gerade auch das „allgemein Menschliche“ in den Dingen anzusprechen, wo das möglich ist. Verliert man einen geliebten Menschen durch Krankheit, ist das ein schwerer Schock, der alles Mögliche auslösen kann, aber man kann keine gesellschaftliche Entwicklung dafür verantwortlich machen. Verliert man einen Angehörigen durch beispielsweise ein Attentat mit eindeutig politischem Hintergrund – wobei ich aufs Schärfste verurteile, wenn Regierungen und/oder Einzelpersonen diese Eindeutigkeit nicht ‚brauchen‘ und ein Verbrechen zugunsten ihrer Ziele missbrauchen –, ist das etwas anderes. Eine künstlerische Arbeit, die das „allgemein Menschliche“ darin aufgreift, ‚übergeht‘ ein Opfer, die Opfer nicht. Die Akzeptanz der „dunklen Seite im Menschen“ muss nicht zu übermäßigem Täterschutz oder Täterverständnis führen; jede Gesellschaft wird vermutlich immer Repressalien brauchen, um im Gleichgewicht zu bleiben. Aber für mich ist zum Beispiel die Todesstrafe die Bankrotterklärung der Menschheit bezüglich einer annehmbaren Weiterentwicklung, und geht es nicht darum, sich sowohl in der Ahndung bestimmter Tätlichkeiten als auch grundsätzlich im Denken und Handeln als alle Menschen weiterzuentwickeln? Was ist nötig auf diesem Weg?

Gründe, Inhalte müssen eine Rolle spielen jenseits der Tatsache, dass nicht alle Menschen gleich auf Inhalte reagieren. Soll heißen: selbst, wenn nicht alle von sozialer Benachteiligung Betroffene zu Attentätern werden, muss sich eine Gesellschaft trotzdem dem Problem der sozialen Benachteiligung stellen. Und selbst, wenn eine Tat nicht eindeutig auf eine einzige und bestimmte Ursache (wie eben soziale Benachteiligung) zurückzuführen ist, muss sich eine Gesellschaft ja trotzdem ihren Problemen stellen. Dass diese immer eine Rolle spielen, sogar eine ziemlich große, dürfte ja unbestritten sein…

Ob ein politisches System diesen oder jenen Namen hat: geht es den Menschen nicht gut damit – und im Augenblick geht es vielen Menschen auf dieser Erde nicht gut mit der politisch gewollten und bestimmten Weltordnung – dann muss es angesprochen und angegangen und darf nicht verschwiegen werden.

Beinahe nichts bekommt einen „depolitisierenden Zug“ dadurch, dass man es auf das allgemein Menschliche runterbricht; das allgemein Menschliche ist, denke ich, der Schlüssel zu nahezu allem.

Der Mensch schafft sich seine Systeme selbst.

Verständnis für die psychologischen Vorgänge im Menschen beugt Selbstgerechtigkeit vor, weil das klar macht, dass wir alle die gleichen oder sehr ähnliche Voraussetzungen mitbringen. Wir alle neigen zum Verdrängen, auch wider besseres Wissen, und es kostet einige Anstrengung, sich immer wieder neu aus- und auseinanderzusetzen. Vielleicht neigen alle Menschen in bestimmten Positionen der Macht irgendwann dazu, diese um jeden Preis festzuhalten. Einige Menschen kämpfen mit Neid aufgrund von Minderwertigkeitsgefühlen. All das passiert wider die Vernunft. Kinder sollten altersgerecht verstehen lernen, wie wir Menschen ticken; der Schulunterricht, wie er bisher gestaltet ist, scheint dazu nicht auszureichen. Und nur das Wissen um Zusammenhänge macht handlungsfähig.

Damit hat das Gefühl, dass diese Anstrengung es wert ist, überhaupt erst eine Chance. Wenn ich weiß, dass ich nicht ausgeliefert bin, auch mir selbst nicht, dass es einen Unterschied macht, dass ich mein Denken jederzeit revidieren oder etwas jederzeit erklären kann, dass ich weiß, wo ich auf mich selbst aufpassen, mich selbst beobachten muss, dass ich eine persönliche Verantwortung innerhalb des allgemein Menschlichen habe, bekommen Fühlen, Denken und Handeln eine andere Dimension.

Politische Kunst ist und bleibt wichtig, im Konkreten und im Abstrakten.

 

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Der goldene Mittelweg

Erstmals vom „goldenen Mittelweg“ gehört habe ich vermutlich damals von meiner Mutter. Als Kind und Jugendliche war ich lange ohne bestimmte Meinung dazu, obschon natürlich durch die Erziehung meiner Eltern geprägt. Aber erst in den letzten Jahren weiß ich diesen goldenen Mittelweg bewusst zu schätzen.

Was ist am „Mittleren“ schon Besonderes, fragt man sich wohl unbewusst in seinem ersten Lebensdrittel (das sich durch die Jahre ja erst als solches herausstellt und dadurch in Abgrenzung erlebt wird zu dem, was schon war oder was noch kommt). Kinder und sehr junge Leute sind meist kein Fan vom Mittelweg. Und später werden die als in der Mitte des Lebens empfundenen Jahre – also die nach dem ersten bewusst empfundenen Drittel – manchmal als schwierig erlebt: man sucht sich vielleicht neu und findet sich nicht sofort… Midlife-Crisis… schon wieder ist die „Mitte“ unbeliebt.

Das Mittlere von drei Kindern ist weder das Älteste, das die meiste und längste Aufmerksamkeitsspanne abbekommt, noch das ewig niedliche Nesthäkchen. (Dass dieses familiäre Dazwischensein ebenfalls schwierig sein kann, musste ich mir als ältere Schwester in einer Zweier-Geschwisterbeziehung von anderen erzählen lassen.) Auf einer Feier sticht bei den Frauen meist die mit den hellsten Haaren heraus oder die mit den dunkelsten, bei den Herren der größte oder kleinste. In Klassenräumen erinnert man sich noch nach Jahrzehnten an den Schlauesten und an den, bei dem der Groschen immer erst später fiel. Die mit der extremen Haltung bleiben länger im Gedächtnis als die mit der ausgewogenen, der Laute, die „Rampensau“ wird eher erinnert als die Leise, es sei denn, es ist die leiseste und schüchternste Person, die einem je begegnet ist. Oder man kämpft mit Klischees: „Für eine Frau ist sie aber ziemlich…“, „Für einen Mann ist er aber ziemlich…“, wobei die Sprecher meist nicht bedenken, dass sie gerade einen Menschen in eine Schublade zurückstopfen, aus der er sich ihnen durch sein Unerwartetes entgegenreckte.

Es ist wohl menschlich, dass wir das bevorzugt wahrnehmen, was sich uns aufdrängt. Genau so, wie viele von uns einfache Lösungen bevorzugen. Daneben denken und gucken ist mühevoll. Es kostet manchmal Anstrengung, sich ein Urteil zu bilden und dieses Urteil jederzeit revidieren zu können, es kostet manchmal enorme Anstrengung, das – sich – zu erklären. Derzeit fällt es schwer, zu erklären, warum man gleichzeitig gegen Terror und die Methoden eines Überwachungsstaates sein kann; warum man gleichzeitig jedem Flüchtling helfen möchte und die Politik Merkels trotzdem nicht gutheißt.

Ich möchte keinen extremen Standpunkt einnehmen müssen, um gehört zu werden, oder herausragend aussehen, um sichtbar zu sein. Ich möchte nicht von Menschen geführt werden, die einer Parteiräson unterliegen, sondern von den vernünftigsten, die wir haben, die weder nur auf sich noch nur auf andere achten. Ich möchte das Beste aus Sozialismus und Kapitalismus, das Beste aus etabliert und independent.  Es geht nicht um Etiketten oder Benennungen, sondern um Inhalte. Ich möchte privat mit Menschen zu tun haben, die mir immer wieder neu begegnen; auf die ich mich verlassen kann, aber die sich trotzdem verändern dürfen, denn auch das ist kein Widerspruch. Und ich möchte selbst so ein Mensch sein dürfen.

Es gibt nicht nur Juwelen oder Modeschmuck, nicht nur Arte oder RTL, nicht nur schwarz oder weiß.

Im Programm PULS des Bayerischen Rundfunks, das als Webradio vorrangig für die jüngeren Zuhörer konzipiert ist, heißt es dazu unter dem Hashtag „mehrgrau“:

„Wir brauchen das langweilige Abwägen. Klar: Mittelmaß ist unpopulär. Das bekommt auf Facebook keine Likes. Das wird nicht retweetet. Dafür wird man auf keiner Party gefeiert und in keine Talkshow eingeladen. Aber genau das ist es, was uns hier so verdammt gut leben lässt.“

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Ein Mensch fragt auf Facebook „What is the purpose of life?“ Was ist der Sinn des Lebens? Für mich ist das nicht nur eine Sache, an der es dann hängt, ob das Leben gelungen oder missraten ist. (Sowie es keine durchweg gelungene oder komplett missratene Leben gibt; Krieg oder Krankheit von der Wiege an jeweils ausgeschlossen, Geschehnisse und Schicksale, die uns bisher nicht Betroffene den Kopf immer wieder zurechtrücken können.) Es muss nichts Spektakuläres passieren, ich muss es nur für mich als sinnvoll erachten. Ich verleihe Sinn, jeden Tag neu. Dazu gehört, dass ich alles versuche zu sehen und zu hören, was mir begegnet, um mich dazu in Relation setzen, mich mit den Dingen verbinden zu können. Es wäre ein Wunder, wenn ich alles sofort und glasklar einsortieren könnte. Es wäre fatal, wenn ich das auch nur versuchen würde.

Alles und jeder muss individuell angeschaut werden, immer, mit all seinen Facetten.

Genau so funktioniert auch Kunst.

 

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Individualität ist überbewertet

<ironie>Individualität ist überbewertet</ironie>

Durch’s Netz geistern seit dem 4. September 2015 erneut und wiederholt Aussagen von Ulrich Kutschera; das war der Tag, an dem Armin Himmelrath bei SpiegelOnline über den Evolutionsbiologen berichtete.

Derzeit ist es ziemlich leicht, über Dinge zu spotten, über die man auf den ersten Blick fast nur spotten kann; man spricht schnell eine Vielzahl von Menschen an, die es verzichtbar finden, dass es ein Binnen-I gibt, und die es unmöglich finden, dass Bücher umgeschrieben werden müssen, um politisch korrekt zu sein. Die Dinge, die in diesem Kontext dann diskutiert werden, sind nicht selten komisch: bei der Wikipedia fand ich „eineN verständnisvolleN geduldigeN LehrerIn“. Klar, dass die Meisten dafür kein Geld ausgeben wollen.

Meine Eltern haben die klassische Rollenverteilung gelebt, wie auch schon die Großeltern, und schwammen damit im Mainstream ihrer Generationen. Es ist auch heute nichts gegen dieses Modell einzuwenden – wenn es freiwillig gewählt wird und alle anderen Varianten bewusst abgewählt werden. Dass die Frau im Durchschnitt immer noch weniger Geld für ihre Arbeit bekommt als der Mann (wohlgemerkt: bei gleicher Tätigkeit) sollte als Unfreiwilligkeit gewertet werden dürfen, ebenso die Tatsache, dass die „gute Mutter“, die mit Kind zu Hause bleibt, meist in ihrem alten Job nie wieder das Bein so an den Boden bekommen wird, wie es gewesen wäre, wenn sie dort weiterhin „ihren Mann gestanden“ hätte. Ich befürchte, Menschen wie Herr Kutschera sprechen ihr auch jeglichen diesbezüglichen Wunsch ab…

Es gibt bestimmt krude Blüten, die die Genderforschung treibt, vergleichbar mit denen, die erblühen, wenn wir unsere Sprache generell kritisch unter die Lupe nehmen. Ich kenne nur Leute, die finden, dass es ihnen nicht geschadet hat, in ihrer Kindheit „Neger“- statt „Schoko“- oder „Schaumkuss“ gesagt zu haben, und ich glaube ihnen; auch ich gehöre dieser Generation an, und aus mir ist kein Nazi geworden.

Es wäre alles halb so wild, wenn wir als Menschen beweisen würden, dass es so ist: nicht weiter von Belang. Wenn wir beweisen würden, dass es nicht immer wieder solcher Sensibilisierung bedarf, um Dinge wirklich zu hinterfragen. Um uns zu fragen, wie „selbstverständliche“ Begriffe unser Denken und Handeln beeinflussen.

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Wir haben eine Entwicklung mitgemacht, die nicht stehen bleiben wird, die immer weiter geht. In Deutschland wurde das Frauenwahlrecht mit der „Verordnung über die Wahlen zur verfassungsgebenden deutschen Nationalversammlung“ vom 30. November 1918 gesetzlich fixiert. (Die erneuten Einschränkungen, die das Regime des Nationalsozialismus mit sich brachte, vernachlässige ich hier.) Im Online-Geschichtsdossier der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg heißt es dazu:

„Das Frauenwahlrecht, das uns heute so selbstverständlich ist, musste sich gegen viele Vorurteile von Männern und Frauen durchsetzen. So wurde Frauen etwa verminderte Intelligenz und durch ihre Gebärfähigkeit eine „natürliche“ Bestimmung für den privaten, scheinbar politikfernen Bereich zugeschrieben. Viele weitere Schritte mussten gemacht, viele weitere Rechte und Ansprüche gesetzlich verankert werden. Die Juristin Elisabeth Selbert, eine der vier „Mütter des Grundgesetzes“, setzte mit großem Einsatz durch, dass der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ am 23. Mai 1949 im Artikel 3 unseres Grundgesetzes in Absatz 2 als Verfassungsgrundsatz aufgenommen wurde.“

Etwas anderes ist es, diese Gleichberechtigung als selbstverständlich in den Menschen zu verankern; dabei ist die oben bereits angesprochene ungleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit, die, obwohl schon lange als Tatsache erkannt, trotzdem scheinbar nicht schnell zu ändern ist, nur ein Beispiel. Wer möchte schon schwören, dass zum Beispiel unsere männlich dominierte Sprache überhaupt keine Rolle dabei spielt, dass so Viele vieles als „natürlich“ hinnehmen…

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Menschen wie Ulrich Kutschera diskutieren, indem sie Klischees bedienen und weiterhin betonen, es ginge um Gleichmacherei statt um Gleichstellung, indem sie eine Haltung pflegen, die sich in Sätzen äußert wie ‚Frauen wollen heute keine Frauen mehr sein‘ und dergleichen mehr, keinesfalls in der Sache, obwohl es genau diesem Herrn angeblich darum geht, ernsthafte von „Pseudowissenschaftlern“ zu trennen. Egal, ob es ein Studienzweig ist oder nicht: Begriffe und Haltungen zu hinterfragen ist notwendig und wird es voraussichtlich immer sein. Es ist völlig unstrittig, dass alle Menschen unterschiedliche biologische Voraussetzungen mitbringen; darüber diskutiert niemand ernsthaft. Das heißt aber eben nicht, dass dann auch eine Ungleichbehandlung folgerichtig ist. Es ist beschämend, ernüchternd und traurig, dass man das heute immer noch als Gegengewicht zu einer solch eindimensionalen und letztlich menschenverachtenden Haltung, beworben durch einen Artikel, der abertausendmal öfter gelesen werden wird als zum Beispiel der meine, sagen zu müssen.

Es müsste eigentlich jedem auffallen, dass die dort beschriebene Geisteshaltung menschenverachtend ist, und zwar verachtend gegenüber Menschen jeglichen Geschlechts. Sie lässt Unterschiede, die es selbstverständlich auch innerhalb eines Geschlechts gibt, nicht zu. Jede Frau ist gleich, jeder Mann ist gleich, und das Schlimmste: alles wird (soll?) so bleiben, wie es ist. Entwicklung, auch zum Guten für alle Menschen, ist „überbewertet“. (Übrigens weiß jeder Mensch selbst meistens am besten, was gut für ihn ist. Daher brauchte es auch keine moralinsauren Gesetze, die allzu Privates regeln…)

Dabei sei Kutschera „ein ausgewiesener Frauenförderer“. Wer solche Förderer hat, tut gut daran, sie schnellstens loszuwerden. Oder ich weiß einfach nicht zu schätzen, wie hilfreich für alle Menschen Aussprüche sind wie: „Männer wollen einfach eine nette Frau, mit der man nicht viel diskutieren muss; jung, attraktiv, gut kochen muss sie können, Kinder großziehen.“ Das sei in allen Kulturen so. Ich denke mir, dass auch Frauen in allen Kulturen einfach einen netten Partner oder eine nette Partnerin haben wollen, was soll man denn anderes wünschen: einen unnetten Menschen an seiner Seite? Das Perfide an der Ausdrucksweise des Wissenschaftlers: er baut darauf, dass die Menschen mehrheitlich nicht unterscheiden zwischen dem verständlichen Wunsch, einen „netten“ Menschen an ihrer Seite zu haben (wenn sie überhaupt mit jemandem leben möchten), und dem Hinterfragen tradierter Vorstellungen von Zusammenleben. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Und was ermächtigt ihn, seine reduzierte Sicht auf seine Partnerin (ein Partner wird es ja keinesfalls sein; ach du lieber Himmel!) auf alle Menschen hochzurechnen…? Er kann es für sich ja sehen, wie er mag; es im großen Stil kundzutun, es „allen Kulturen“ und damit jedem einzelnen Menschen überzustülpen, ist selbstüberschätzend, arrogant und nicht intelligent.

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Ich bin in erster Linie als Mensch auf die Welt gekommen; ich muss alles unter dem Aspekt betrachten, dass auch mein Geschlecht zufällig ist. Ich muss mich nur im direkten Umfeld umsehen, um festzustellen, dass jeder Mensch einzigartig ist, unterschiedlich zum anderen in Biologie, Einstellung, Wünschen.

Als Mensch setze ich mich für Menschenrechte ein; für mich ist das eine beinahe zwangsläufige logische Schlussfolgerung. Es ist, je nach Sachverhalt und Situation, nachrangig oder komplett egal, ob mein Gegenüber schwarz, weiß oder grün ist, an was er glaubt, wenn er dadurch nicht die Freiheit seines Nächsten beschneidet, wofür er seine Lebenszeit einsetzt, wenn er niemanden bewusst an Leib und Seele verletzt, ob er direkte Nachkommen hat oder nicht, ob er Mann oder Frau ist oder sich irgendwo dazwischen fühlt.

Die von vielen gehassten „Quoten“ – auch für mich sind sie nur Mittel zum Zweck, ein notwendiges Übel – gibt es nur, weil es durch die Jahrhunderte nicht geschafft wurde, eine wirkliche Gleichberechtigung aller MENSCHEN zu erreichen. Das erstreckt sich auf alle Gebiete; das gibt‘s nicht nur in Geschlechterdiskussionen. Haltungen wie die Ulrich Kutschera’s tragen dazu bei, sich im „Klein/Klein“ zu verheddern, anstatt sich in der Welt dafür einzusetzen, was für uns doch logisch sein müsste: für uns. Und was nicht allen zu Gute oder sogar bewusst zu Schaden kommt, muss selbstverständlich diskutiert werden, immer und immer wieder. Ob es der Hunger in der Welt ist, der nur scheinbar nicht zu bekämpfen ist, ob es scheinheilige Politik ist, die angeblich keine Kriege oder hier Tausenden weismachen will, es gäbe noch für alle in Europa Arbeit, die „wirklich welche wollen“. Ob es die Wirtschaft ist, deren Gier keine Grenzen kennt und die auch vor bewusster Schädigung der Bevölkerung oder nicht rückgängig zu machenden Umweltschäden nicht Halt macht – oder ob es um den Respekt und die individuelle Herangehensweise an jeden Menschen geht.

Es hat alles eine Ursache, ob Flüchtlingsstrom oder Genderforschung. Sich diese Ursachen anzusehen ist Pflicht für alle, denen Inhalt wichtig ist, um sich positionieren zu können. Eine Positionierung über die reine Form, über die Ausprägung und Gestalt einer Ursache wird einem mitdenkenden Menschen nicht gerecht. In diesem Sinne, Herr Kutschera…

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Meine Sache ist die Kunst, und mir wird immer klarer, warum: weil „meine Sache“ eigentlich der Mensch ist, seine Individualität, die Vielfalt der Möglichkeiten. Seine Offenheit sich selbst und den Möglichkeiten seiner Mitmenschen gegenüber macht Kunst erst möglich, denn sie ereignet sich nur in Offenheit.

http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/universitaet-kassel-professor-ulrich-kutschera-zieht-ueber-genderforschung-her-a-1050888.html

http://www.lpb-bw.de/12_november.html

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