Was wir alle draus machen

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Ist es nicht, was wir alle draus machen?

Ich sehe die facebook-Situation so ähnlich wie meine übrigen Sozialkontakte: wenn mehr oder weniger offene Ablehnung stattfindet, setze ich mich sachlich auseinander oder bleibe friedlich weg; es gibt Smalltalk, der richtig nett ist und durchaus nützlich für ein grundsätzlich wohlwollendes Miteinander, und es gibt tiefer gehende, sehr konstruktive Äußerungen, aus denen manchmal – vielleicht zu selten – äußerst fruchtbare Gespräche entstehen.

Mir ist völlig klar, dass facebook ein gewinnorientiertes Unternehmen ist, das unsere Daten abgreift und nicht an einer „besseren Welt“ interessiert ist. Ich empfinde es aber als schwierig, eine Sache, die alles sein kann, die man als Nutzer so oder anders ausgestalten kann, in Bausch und Bogen zu verurteilen. Insofern klingt Palihapitiyas Bedauern in meinen Ohren überzogen:

„Ich denke, wir haben Tools geschaffen, die die Struktur unserer Gesellschaft auseinanderreißen […] Die kurzen, von Dopamin gesteuerten Feedback-Schleifen, die wir kreiert haben, zerstören, wie die Gesellschaft funktioniert.“

Und weiter heißt es auf Xing: „Durch die Pseudo-Interaktion auf die geposteten Inhalte finde kein ziviler Diskurs und keine Kooperation mehr statt; stattdessen dominierten Fehlinformationen und Unwahrheiten [als] ‚ein globales Problem‘.“

Sind wir nicht alle gefragt, das mitzugestalten? Wie stellen wir uns zu den Dingen; wie leiten wir beispielsweise Kinder und Jugendliche an? Wie gehen wir damit um, dass es überall um Profit geht und alle dem ausgesetzt sind; wie gehen wir beispielsweise mit Werbung für Kinder und Jugendliche um, die legal jeden Tag stattfindet, ob mit oder ohne facebook?

Was tun wir beispielsweise in Schulen dafür, dass es irgendwann vielleicht zwar genauso fies wie heute ist, es mit Social Bots zu tun zu haben, ihnen aber dadurch ein Stück ihrer Macht genommen wird, indem junge Menschen angeleitet werden, weniger impulsiv auf kurze Schlagsätze anzuspringen und das Auseinandersetzen nicht zu verlernen, immer wieder das selbst-Denken zu trainieren, um die Karren erkennen zu können, vor die sie gespannt werden sollen, wenn sie vor solche gespannt werden sollen? (Ich entschuldige mich aufrichtig für diesen Satz!)

Ob „ziviler Diskurs“ stattfinden kann, dazu schaffen doch wir die Bedingungen! Ob wir kooperieren, uns zusammenschließen, das entscheiden doch wir!

facebook ist und bleibt ein kapitalistisches Unternehmen. Ich stelle mir aber vor, wie viel gewonnen wäre, würden all die, die nicht an einer verbalen Prügelei interessiert sind, diese Stränge dort ver- und die Wort-Hooligans unter sich zurücklassen. Und möchte man bleiben: dass man in aufflammender Wut nicht in diesem Gefühl antwortet, sondern den oft wichtigen Zorn in Argumente und Sachlichkeit ummünzt. Wenn möglichst viele darauf achteten, würde das sowohl den Bots als auch den Trolls Macht entziehen. Ich stelle mir vor, dass jeder, der sich dort bewegt, es sowohl thematisch als auch im Umgang miteinander so ausreichend ernst nähme, als sei er nicht virtuell unterwegs, denn für viele macht das einen Unterschied. Doch: kaum jemand käme auf die Idee, sich im Bus in das Gespräch hinter ihm einzumischen, obwohl man jedes Wort versteht. Und machte es eine Einmischung nötig, drehte man sich ja auch nicht sofort mit den Worten ‚Sie Blödmann haben ja keine Ahnung!‘ um.

Es ist so viel Gutes mit diesem Medium möglich, ob Privatunternehmen oder nicht. Und höchstwahrscheinlich ist es nur als Privatunternehmen mit Gewinnerzielungsabsicht in diesem weltumspannenden Umfang realisierbar; wohlmeinende Einzelpersonen, die ein gemeinnütziges Unternehmen dieser Reichweite führten, kämen ja mit der Kontrolle gar nicht hinterher oder wären schon arm geklagt. Niemand würde das auf sich nehmen.

So bleibt uns nur der wache Blick, wieder einmal, wenn wir unsere guten Dinge nicht aus Scheu vor Eigenverantwortung opfern wollen.

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Gegen „Die Vergeblichkeit von allem“

Arundhati Roy – Das Ministerium des äußersten Glücks

Die etwas andere Rezension

 

Das Ministerium des äußersten Glücks wollte ich lesen, seit ich wusste, dass es erscheinen würde. Ich habe Arundhati Roys Roman-Debut Der Gott der kleinen Dinge vor 20 Jahren verschlungen und nenne die Geschichte immer noch eine der traurigsten und schönsten, die ich jemals gelesen habe.

 

Einräumen muss ich, dass, wenn ich mir Das Ministerium… nicht als Hörbuch zu Gemüte führen, ich bei der Lektüre wohl scheitern würde; zu vielschichtig sind die Ebenen, zu verwirrend die vielen Orts- und Personennamen. Gabriele Blum, die das Hörbuch eingesprochen hat, hilft mit ihrer ruhigen Stimme und ihren Betonungen sehr, das Beschriebene nachzuvollziehen.

 

Die „Süddeutsche“ schreibt: „Roy ist wie eine Kartografin, die Kaschmirs Geschichte im Maßstab 1:1 darstellen will, scheitert und es dann widerwillig mit 1:10 versucht. Sie häuft Charaktere und Orte an, historische und erfundene Ereignisse, Nachrichten und Halluzinationen, je mehr, desto besser. Doch ihr mimetischer Versuch geht nicht auf. Chaos lässt sich nicht durch literarisches Chaos wiedergeben – und Gewalt nicht durch literarische Aggression anprangern.“

 

ZEIT ONLINE stößt in ein ähnliches Horn: „Doch Arundhati Roy ist es mit dem Glücksthema, mit dem Glücksverlangen vollkommen ernst. Die Schwächen ihres Romans und auch ihres Aktivistinnentums hängen genau damit zusammen: Ihr Bewusstsein der permanenten, brutalen Glücksverweigerung in Indien und sonst auf der Welt ist so scharf, dass die Dokumentation von Unmenschlichkeiten den Erzählfluss verstopft und die moralische Empörung die politische Analyse überwältigt.“ Immerhin untertitelt der Autor des Artikels „Die Chronistin des Grauens“, Jan Roß, mit „Was für ein misslungenes und gleichzeitig großartiges Buch!“ und schließt mit folgenden Worten:

 

„Indien, mit seinem Chaos und seinen Widersprüchen, mit seiner abenteuerlichen Spannweite zwischen quasimittelalterlichem Landleben und hypermoderner IT-Ökonomie, bedeutet die ultimative Überforderung durch eine bedrängende Realität: Die Versuchung, vor dem Angriff der Tatsachen in Deckung zu gehen, sich aus dem unverdaulichen Ganzen bequeme Teilwahrheiten herauszusuchen, ist fast übermächtig. Aber man kennt sie auch außerhalb Indiens. Dem tritt Arundhati Roy mit ihrem Projekt einer schutz- und filterlosen Wahrnehmung entgegen, die vom Antiterrorkampf des frühen 21. Jahrhunderts bis zu den Teeblättern auf der Schnauze eines Hundes alles umfasst. Das Ministerium des äußersten Glücks ist eine Lektion in der Kunst, die Augen offen zu halten.“

 

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Eigentlich wollte ich das letzte Zitat ans Ende meines Beitrags stellen; nun befindet es sich mittendrin. Eigentlich wollte ich persönlicher beginnen; nun befindet sich der „persönliche“ Part ebenfalls mittendrin. Eigentlich wollte ich mit dem Beitrag warten, bis ich zuende gehört habe; nun drängt mich das Viele bereits Gesammelte: Zitate, notierte Gedanken, Gefühle und das Telefonat mit einer Freundin über „die Vergeblichkeit von allem“ sofort an die Tasten.

 

Ich habe Schwierigkeiten, allzu persönlich zu werden in meinen Beiträgen. Ich halte es oft für unnötig. Normalerweise mache ich es so, dass ich mit Stichworten arbeite, die ich mir zu einem Thema, zu einem entstehenden Beitrag notiere. In diesen befindet sich jede Menge auch persönlicher – treffender wäre fast der Begriff „privater“ – Gedanken; persönlich spreche und schreibe ich im Grunde immer. Aber meine Definition von „persönlich“ genügt vielen wohl nicht.

 

Durch das fehlende Private bediene ich kaum Voyeurismus, nicht die Neugier, die Viele erst Blogs verfolgen lässt. Das, was ich mir selbst auf die Fahne sowohl meines Netz- als auch meines „real life“-“Auftritts“ geschrieben habe, für friedliche Offenheit dem Mitmenschen gegenüber zu werben, ist unspektakulär. Es holt kaum jemanden hinter dem oft zitierten Ofen, sprich: aus seiner Komfortzone, hervor bzw. trifft mit meinem Interesse das seine. Ich werde kaum gehört, kaum gelesen, und wenn, erfahre ich es oft nicht. Mir würde es schon genügen, wenn jemand meiner MitleserInnen, der ähnlich empfindet und denkt, mal hinterlassen würde: du bist nicht allein… Stattdessen kommt anscheinend kaum jemand über meine ersten Absätze hinaus, und wenn, dann erlebte ich manchmal sogar Anfeindungen als Reaktion. Ich gebe zu: auch diesmal ist das „Persönlichere“ ein bisschen schwerer zu erreichen, weil der Beitrag nicht gleich damit beginnt. Aber es ist nicht versteckt, und ich habe keine Angst vor einer wie auch immer gearteten Reaktion, wenngleich ich mir natürlich respektvolle wünsche und nur auf solche antworten würde.

 

Ich liebe es, Dinge und Dinge, Dinge und Menschen und Menschen und Menschen miteinander zu verbinden, auch literarisch; das wird oft als Vergleich missverstanden. So vergleiche ich mich nicht mit Arundhati Roy, wenn ich empfinde und ausspreche, dass auch sie bestimmt Gleichgesinnte sucht, sowohl als Schriftstellerin als auch als Aktivistin – wie gern würde ich mit ihr darüber reden, um so viel lieber, als spekulierend zu schreiben! Sie fühlt sich nicht allein, wie sie im NDR-Interview sagt, aber wie geht sie wohl damit um, mit der Hoffnungslosigkeit durch die Jahrhunderte…? Im Gespräch mit Cornelia Zetzsche sagt sie: „Was geschieht mit einer Gesellschaft, die solche Dinge zulässt?“ Sie wird sich vielleicht manches Mal auch fragen: WARUM lassen Gesellschaften immer wieder zu, was Menschen einander an Schlechtem, an Bösem antun, warum lassen die einzelnen MENSCHEN es zu?

 

Meine Freundin tröstet mich am Telefon mit einem weisen Rat, aufbauend auf das, was ich sowieso schon so sehe: Gutes und Schlechtes geschieht gleichzeitig, immerzu. Ich möchte doch versuchen, nach dem Übergeordneten zu suchen, danach, was das Gute und das Schlechte einschließt. Ist es wie in der Natur? Grausamkeiten geschehen, und das bewahrt das Gleichgewicht…?

 

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„Dann kam die Teilung. Gottes Halsschlagader platzte auf die neue Grenze zwischen Indien und Pakistan, und eine Million Menschen starben an Hass. Nachbarn gingen aufeinander los, als hätten sie sich nicht gekannt, sich nie gegenseitig zu Hochzeiten eingeladen und nie die Lieder der anderen gesungen.“ [Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks; Interpunktion nach Gehör]

 

„Auf ihrem Banner stand: ‚Die Geschichte Kaschmirs: Tot: 68.000, Verschwunden: 10.000. Democracy or Demon-crazy?‘ Keine Fernsehkamera filmte das Banner, nicht einmal versehentlich. Die meisten, die sich für ‚Indiens 2. Freiheitskampf‘ engagierten, empfanden nichts weniger als Empörung über die Vorstellung von Freiheit für Kaschmir und die Unverfrorenheit der Frauen. Manche Mütter waren – wie manche Opfer des Gasaustritts in Bhopal – etwas erschöpft; sie hatten ihre Geschichte auf zahllosen Treffen und Tribunalen im internationalen Supermarkt des Leids erzählt, gemeinsam mit den Opfern anderer Kriege in anderen Ländern. Sie hatten öffentlich und oft geweint, und es hatte nichts genützt.“ [Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks; Interpunktion nach Gehör]

 

„Ich hastete nach Hause und wartete auf den Schock über das, was ich mit angesehen hatte [einen brutalen Lynchmord]. Seltsamerweise trat er nie ein. Der einzige Schock, den ich verspürte, war der Schock über meinen Gleichmut. Die Dummheit, die Vergeblichkeit von allem widerte mich an, aber irgendwie war ich nicht geschockt. Möglicherweise hatte meine Vertrautheit mit der blutrünstigen Geschichte dieser Stadt, in der ich aufgewachsen war, etwas damit zu tun. Es war, als wäre das Ungeheuer, dessen Anwesenheit wir in Indien ständig und intensiv spüren, plötzlich an die Oberfläche gekrochen, hätte aus tiefster Kehle geknurrt und sich genau so verhalten, wie wir es von ihm erwarteten. Nachdem es seinen Appetit gesättigt hatte, tauchte es wieder ab in seinen unterirdischen Schlupfwinkel, und die Normalität schloss sich erneut darüber. Wahnsinnige Mörder zogen ihre Giftzähne ein und kehrten zu ihren täglichen Aufgaben zurück, als Angestellte, Schneider, Klempner, Schreiner, Verkäufer,… das Leben ging weiter wie zuvor.“ [Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks; Interpunktion nach Gehör]

 

„Ihr Problem ist nicht Konfusion, nicht wirklich. Es ist eher eine schreckliche Klarheit, die außerhalb der Sprache der modernen Geopolitik existiert. Alle Protagonisten aller Konfliktparteien […] haben diese Verwerfungslinie gnadenlos ausgenutzt. Das ist einem perfekten Krieg dienlich, einem Krieg, der weder gewonnen noch verloren werden kann, einem Krieg ohne Ende.“ [Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks; Interpunktion nach Gehör]

 

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„Der Kapitalismus ist ein Raubtier, und wir müssen es gemeinsam jetzt bändigen.“ Milo Rau

 

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Auch Kritiker eines Systems befinden sich innerhalb dieses Systems.

 

Arundhati Roy hat später zuvor gewonnene Preise zurück gegeben, aber durch den Gewinn und die daraus resultierende Bekanntheit konnte sie erst wirksam werden.

 

Die Kritik an den Kritikern ist in meinen Ohren oft unberechtigt. Wie soll es für Systemkritiker denn möglich sein, zu agieren, wie machten sie es denn „richtig“? Es geht nur innerhalb der Welt, in der sie, wir alle, leben.

 

Die Kritik des ZEIT-Journalisten an Arundhati Roy, die politische Analyse käme im Ministerium… gegenüber der moralischen Empörung zu kurz, ist einerseits vielleicht gerechtfertigt, aber gibt es nicht schon genug Analysen dieser Art? Das Aufzeigen persönlicher Schicksale, das mitfühlen-Lassen ist sicher doch genau so gewollt!

Die Analysen sind da, die Erkenntnisse sind alle da. Es dürften nicht so viele die Ungerechtigkeiten der Welt hinnehmen, wenn man die Verantwortung der Regierungen ernst nimmt. (Und nimmt man sie nicht ernst, was Mode ist in manchen Gesprächen, was bedeutet dann diese – oft als coole Abgeklärtheit missverstandene – Lethargie?)

 

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Ich kann nicht hinnehmen, was Menschen einander an Grausamkeiten antun, ohne mich dazu zu positionieren. Obwohl so viele sagen, dass sich-Positionieren einem ja erstmal nichts abverlange, wundere ich mich, warum es in meinem Umfeld noch so wenige tun, zumal sie auch nichts darüber hinaus tun. Kann man sich nicht einfach einmal oder erstmal bestärken und damit das „Wir sind Viele“-Gefühl stärken, aus dem erst Widerstand erwachsen kann, Widerstand gegen Feindbilder, gegen Kriegshetze? Wem es mit friedlichem Zusammenschluss ernst ist, braucht nicht unbedingt einen Verein oder gar eine Partei, damit die Idee wirksam wird und Kreise zieht, dessen bin ich mir sicher. Das Problem ist, dass die Menschen es nicht voneinander wissen, dass sie offensiv für Frieden eintreten oder es in Zukunft tun wollen. Und kann man es von jemandem wissen oder weiß es gar, wird für diesen Menschen kaum oder gar nicht geworben.

 

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Unsere Vernetzung ist nicht die Lösung, sondern ein Anfang. Ich möchte die Menschen kennenlernen, vielleicht nur ein kleines ‚hallo‘ bekommen von dem einen oder der anderen, die mit mir auf demselben Weg sind. Ist das zu viel verlangt?
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https://www.br.de/themen/kultur/arundhati-roy-interview-ministerium-des-gluecks-100.html (Cornelia Zetzsche im Gespräch mit Arundhati Roy; auch zum Hören)

http://www.ndr.de/kultur/buch/Arundhati-Roy-Das-Ministerium-des-aeussersten-Gluecks,arundhatiroy106.html

(mit kleinem Film-Portrait der Autorin)

http://www.zeit.de/2017/32/arundhati-roy-das-ministerium-des-aeussersten-gluecks

https://www.femundo.de/urlaub-buch-film/das-ministerium-des-aeussersten-gluecks/

https://www.youtube.com/watch?v=dnXqJWt8ha8 (Gabriele Blum, die das Hörbuch eingelesen hat, im Interview)

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Der goldene Mittelweg

Erstmals vom „goldenen Mittelweg“ gehört habe ich vermutlich damals von meiner Mutter. Als Kind und Jugendliche war ich lange ohne bestimmte Meinung dazu, obschon natürlich durch die Erziehung meiner Eltern geprägt. Aber erst in den letzten Jahren weiß ich diesen goldenen Mittelweg bewusst zu schätzen.

Was ist am „Mittleren“ schon Besonderes, fragt man sich wohl unbewusst in seinem ersten Lebensdrittel (das sich durch die Jahre ja erst als solches herausstellt und dadurch in Abgrenzung erlebt wird zu dem, was schon war oder was noch kommt). Kinder und sehr junge Leute sind meist kein Fan vom Mittelweg. Und später werden die als in der Mitte des Lebens empfundenen Jahre – also die nach dem ersten bewusst empfundenen Drittel – manchmal als schwierig erlebt: man sucht sich vielleicht neu und findet sich nicht sofort… Midlife-Crisis… schon wieder ist die „Mitte“ unbeliebt.

Das Mittlere von drei Kindern ist weder das Älteste, das die meiste und längste Aufmerksamkeitsspanne abbekommt, noch das ewig niedliche Nesthäkchen. (Dass dieses familiäre Dazwischensein ebenfalls schwierig sein kann, musste ich mir als ältere Schwester in einer Zweier-Geschwisterbeziehung von anderen erzählen lassen.) Auf einer Feier sticht bei den Frauen meist die mit den hellsten Haaren heraus oder die mit den dunkelsten, bei den Herren der größte oder kleinste. In Klassenräumen erinnert man sich noch nach Jahrzehnten an den Schlauesten und an den, bei dem der Groschen immer erst später fiel. Die mit der extremen Haltung bleiben länger im Gedächtnis als die mit der ausgewogenen, der Laute, die „Rampensau“ wird eher erinnert als die Leise, es sei denn, es ist die leiseste und schüchternste Person, die einem je begegnet ist. Oder man kämpft mit Klischees: „Für eine Frau ist sie aber ziemlich…“, „Für einen Mann ist er aber ziemlich…“, wobei die Sprecher meist nicht bedenken, dass sie gerade einen Menschen in eine Schublade zurückstopfen, aus der er sich ihnen durch sein Unerwartetes entgegenreckte.

Es ist wohl menschlich, dass wir das bevorzugt wahrnehmen, was sich uns aufdrängt. Genau so, wie viele von uns einfache Lösungen bevorzugen. Daneben denken und gucken ist mühevoll. Es kostet manchmal Anstrengung, sich ein Urteil zu bilden und dieses Urteil jederzeit revidieren zu können, es kostet manchmal enorme Anstrengung, das – sich – zu erklären. Derzeit fällt es schwer, zu erklären, warum man gleichzeitig gegen Terror und die Methoden eines Überwachungsstaates sein kann; warum man gleichzeitig jedem Flüchtling helfen möchte und die Politik Merkels trotzdem nicht gutheißt.

Ich möchte keinen extremen Standpunkt einnehmen müssen, um gehört zu werden, oder herausragend aussehen, um sichtbar zu sein. Ich möchte nicht von Menschen geführt werden, die einer Parteiräson unterliegen, sondern von den vernünftigsten, die wir haben, die weder nur auf sich noch nur auf andere achten. Ich möchte das Beste aus Sozialismus und Kapitalismus, das Beste aus etabliert und independent.  Es geht nicht um Etiketten oder Benennungen, sondern um Inhalte. Ich möchte privat mit Menschen zu tun haben, die mir immer wieder neu begegnen; auf die ich mich verlassen kann, aber die sich trotzdem verändern dürfen, denn auch das ist kein Widerspruch. Und ich möchte selbst so ein Mensch sein dürfen.

Es gibt nicht nur Juwelen oder Modeschmuck, nicht nur Arte oder RTL, nicht nur schwarz oder weiß.

Im Programm PULS des Bayerischen Rundfunks, das als Webradio vorrangig für die jüngeren Zuhörer konzipiert ist, heißt es dazu unter dem Hashtag „mehrgrau“:

„Wir brauchen das langweilige Abwägen. Klar: Mittelmaß ist unpopulär. Das bekommt auf Facebook keine Likes. Das wird nicht retweetet. Dafür wird man auf keiner Party gefeiert und in keine Talkshow eingeladen. Aber genau das ist es, was uns hier so verdammt gut leben lässt.“

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Ein Mensch fragt auf Facebook „What is the purpose of life?“ Was ist der Sinn des Lebens? Für mich ist das nicht nur eine Sache, an der es dann hängt, ob das Leben gelungen oder missraten ist. (Sowie es keine durchweg gelungene oder komplett missratene Leben gibt; Krieg oder Krankheit von der Wiege an jeweils ausgeschlossen, Geschehnisse und Schicksale, die uns bisher nicht Betroffene den Kopf immer wieder zurechtrücken können.) Es muss nichts Spektakuläres passieren, ich muss es nur für mich als sinnvoll erachten. Ich verleihe Sinn, jeden Tag neu. Dazu gehört, dass ich alles versuche zu sehen und zu hören, was mir begegnet, um mich dazu in Relation setzen, mich mit den Dingen verbinden zu können. Es wäre ein Wunder, wenn ich alles sofort und glasklar einsortieren könnte. Es wäre fatal, wenn ich das auch nur versuchen würde.

Alles und jeder muss individuell angeschaut werden, immer, mit all seinen Facetten.

Genau so funktioniert auch Kunst.

 

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„Man muss ständig aufrüsten, hat aber am Ende nichts davon.“

„Man muss ständig aufrüsten, hat aber am Ende nichts davon.“ (Cornelia Koppetsch)

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Ich überlege, wie ich diesen Text beginnen soll; wahrscheinlich wird es wieder ein Gedankenfluss-Experiment…

Ausgang war die Frage an mich selbst, was mich davon abbringt (obwohl auch ich zum Beispiel für Auftragsarbeiten Geld nehme), alles und jedes unter dem „Verkaufsgebot“ zu betrachten?

Warum denke ich (obwohl ich andere sonst gerne selbst denken und für sich bestimmen lasse), dass es für alle besser wäre, von rein kapitalistischen Beweggründen abzusehen? Warum werde ich zunehmend wütend über bestimmte diesbezügliche Vorgehensweisen in der Welt?

Mir scheint es tatsächlich so, als ob alle alles nur noch verkaufen. Ich hatte Euch um Eure Gedanken dazu gebeten, und die zweier Kollegen – wie ich langjährig auf dem künstlerischen Parkett unterwegs – kann ich mit einfließen lassen; vielen Dank Euch beiden!

Trotzdem bleibt der Text schwierig zu beginnen, denn ich habe das Gefühl, mich schon zu Anfang und dann zunehmend zu wiederholen, gerade weil ich mich mit bestimmten Überlegungen immer wieder neu, nur in Variationen, auseinandersetze. Das kann auf Dauer eintönig werden! Ich selbst werde müde, mich immer wieder die bekannten Argumente sagen zu hören… – aber vielleicht lerne ich mit jeder Auseinandersetzung und jetzt mit der Arbeit an diesem Text einen anderen Aspekt des Themas kennen… oder eine andere Facette meiner Person…

Dann frage ich mich, ob ich anfangen kann, ohne mit ein paar Grundüberlegungen zu Kapitalismus und Sozialismus zu beginnen – und verwerfe den Zweifel: zu langweilig, und vielleicht kann ich später im Text noch auf bestimmte Dinge eingehen, die mir wichtig sind. Also setze ich jetzt das voraus, was man in der Schule dazu lernt – ich hoffe, immer noch!

Einer der beiden genannten Kollegen fragte, ob denn die bloße Verwendung von Geld schon kapitalistisch sei, denn das Geld sei doch nur der Gegenwert des Tauschhandels, wenn man etwas anderes als Tauschgegenstand entweder nicht brauchen oder nicht bekommen kann… – ja, so denke ich eigentlich auch. Es ist doch praktisch, dann für sein Angebot einen Wertgegenstand zu bekommen, der als Gegenwert zu wirklich allem funktioniert. Was macht es denn dann verwerflich oder besser gefragt: was lässt es denn dann kippen? Oder wann kippt es? Wann schlägt es in etwas für den Menschen Ungesundes um? Macht es eventuell der Wettbewerbscharakter, der in den kapitalistisch ausgerichteten Ländern vorherrscht…?

Ich stelle durch die Jahre fest, dass sich Wettbewerb da ausbreitet, wo er meines Erachtens wenig oder nichts verloren hat: in Schulen (es können nicht alle eine „eins“ bekommen, selbst dann nicht, wenn im sehr unwahrscheinlichen Fall trotzdem alle eine verdient hätten; es gibt große Unterschiede zwischen den Kindern, und ungleiche Startvoraussetzungen machen Wettbewerb unfair), im Rennen um die Uni-Plätze, wo es teilweise um Bruchteile im besagten Einser-Bereich geht – aber in die Richtung zur Null, nicht zur Zwei! Später im Wettlauf um die Jobs, dann innerhalb der Jobs, bis hin zu Konkurrenzdenken in Freundschaft und Liebe… – ist es das, was Geld zu etwas macht, das nicht mehr als reiner Gegenwert im Tauschhandel empfunden wird, sondern als Belohnung, als Preis, als Auszeichnung für das Erreichen der vorderen Plätze…? Und dann muss man diesen Platz ja auch noch verteidigen… und jagt nach dem nächsten „Pokal“, der die erfolgreiche Verteidigung demonstriert… Ich erinnere das Gefühl, dass mir persönlich zu viel Wettbewerb herrscht und dass eigentlich unvergleichbare Dinge oder gar Menschen verglichen werden, schon früh in meinem Leben.

Und ich stelle noch etwas anderes fest: die Menschen diskutieren immer weniger die Sachlagen sachlich, und sie suchen immer häufiger eine Schuld bei den Betroffenen. „Wieso bist du denn nicht einfach bei deinem Mann geblieben?“ „Das hättest du dir aber denken können, dass du jetzt unterhalb deiner Qualifikation arbeiten wirst… du kannst froh sein, dass sie dich zurück nehmen!“ „Sie lässt sich ausnutzen; jetzt pflegt sie sogar seine Eltern…“ „Hättest du damals was anderes gemacht, hättest du jetzt auch mehr Geld!“ „Dann musst du deine hohen Ansprüche eben etwas runterschrauben.“ Es geht nicht darum, warum der oder die Einzelne sich so entschieden hat; es geht nicht um Verständnis für persönliche Beweggründe; es geht darum, das System zu rechtfertigen und zu verteidigen gegenüber jenen, die es in Frage stellen durch ihr Scheitern darin, selbst, wenn sich überhaupt keine „Schuldfrage“ stellt. „… und jetzt beklagt sie/er sich auch noch!“

Mein Kollege sagt, dass nicht das Geld an sich schlecht ist, sondern „nur die Nebenwirkungen und Vergewaltigungen der Idee abzulehnen“ sind – also der Missbrauch. Dieser findet nur da statt, wo Geld ist. Entweder direkt ein dicker Batzen (Stichwort Korruption bei den großen Fischen in Politik und Wirtschaft; jedem fallen sicher sofort mehrere Beispiele ein), oder in den Fällen, in denen das Kleinvieh den Mist macht. Dabei denke ich zum Beispiel an die um sich greifende Unsitte, dass Ärzte von Kassenpatienten Geld nehmen, um diesen vielleicht doch den (unter Umständen lebensnotwendigen) früheren Termin zu geben. Die zwei (oder mehr) Klassen-Gesellschaft war nie überwunden, und wo an der unbedingt erforderlichen Gleichheit der Menschen an einer Stelle gearbeitet wird, wird an einer anderen ein umso größeres Loch gerissen…

Ist es nötig, dass Frauen, die sich gemeinsam mit dem Ehemann für die klassische Rollenverteilung entscheiden (nicht selten, weil es immer noch so ist, dass in den meisten Fällen der Mann den besserbezahlten Job hat), in Altersarmut fallen, wenn nach den Erziehungsjahren der Kinder die Ehe nicht mehr funktioniert? Oder sie nicht mehr in die Arbeit zurück finden, selbst wenn sie es wollen, weil es nahtlos weiter geht mit der Pflege, diesmal der Eltern? Oder weil sie nach den Jahren der Pause (die keine Erholungspause war!) nicht mehr Fuß fassen, weil man heute auch schon mit vierzig zu alt sein kann, wenn die Fünfundzwanzigjährigen von der Uni kommen und selbstverständlich einen Anspruch empfinden, jetzt loslegen zu können…?

Ist es nötig, dass Menschen sich dafür rechtfertigen müssen, dass sie auf der Suche nach für sie bezahlbarem Wohnraum fast verzweifeln? Ist es nötig, dass es immer weniger diesbezügliches Angebot für Otto Normalverdiener oder gar Otto Prekärverdiener gibt…?

Ist es nötig, dass Menschen aus ihrem Wohngebiet und ihrer dortigen Arbeit vertrieben werden, weil es zufällig Regenwaldgebiet ist, dass man gewinnbringender für Palmölanbau nutzen kann?

Warum decken Länder ihre Dopingfälle nicht auf bzw. sind an Aufklärung nicht interessiert? Weil sie an den Sport-Stars mit verdienen. Ist so etwas nötig?

Warum gehen manche Politiker nach nur wenigen Jahren als „Volksvertreter“ (die Anführungsstriche sind bewusst gesetzt) in die Wirtschaft? Weil sie es können; weil es keine Kontrollgremien gibt, die ihre Kontakte, die sie vorher geknüpft haben, obwohl sie es nicht durften, verurteilen und ahnden. Und warum das nicht? Weil jeder, der ein solches Gesetz erlassen und für seine Durchführung eintreten würde, sich damit gegebenenfalls ins eigene Fleisch schnitte.

Warum wird in einem Regionalblatt nur noch aus Gefälligkeit berichtet über Menschen, die jemanden kennen, der jemanden kennt, oder gegen Geld?

Muss es Anwälte geben, die Geld dafür bekommen, dass sie Personalchefs Seminare anbieten, wie diese am effektivsten Krankheit ihrer Mitarbeiter als Kündigungsgrund nutzen können?

Heißt „Kapitalismus“, dass einkalkuliert wird, dass sogar dazugehört, dass Menschen durch die Maschen fallen?

Geld macht die Wichtigkeit von Inhalten kleiner bzw. hebt sie ganz auf. Der sportliche Vergleich von Menschenkörpern und diesbezügliche Medaillenvergabe hat keinen Sinn, wenn es eigentlich nicht mehr darum geht, dass sich Menschen in ihren puren sportlichen Leistungen vergleichen. Und dass im Hintergrund eine Maschinerie in Kraft ist, die den Missbrauch bewacht, treibt die Sache auf die Spitze der Perversion. Wie bei allen Dingen, in denen viel Geld den Missbrauch deckt und bewacht, um noch mehr Geld zu verdienen.

Mir fällt die Geschichte vom „klugen Fischer“ ein, jetzt als Bilderbuch neu erschienen und 1963 von Heinrich Böll unter dem Titel: „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ zum Tag der Arbeit mitten im bundesdeutschen Wirtschaftswunder geschrieben. Ein Tourist trifft einen Fischer am Hafen, der auf seinem Boot in der Sonne döst, und schlägt ihm vor, das schöne Wetter doch zum erneuten Rausfahren zu nutzen, um noch mehr Fisch und noch mehr Fisch zu fangen, schließlich einen Kutter haben zu können und dafür Leute anzustellen, ein Kühlhaus zu bauen, eine Marinadenfabrik usw. usf. Und wozu das alles? Damit er irgendwann genug Geld hätte, in Ruhe und Zufriedenheit mitten am Tag in einem Boot am Hafen zu dösen…

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Aus den Köpfen verschwindet die Bandbreite des Angebots und Geschehens, weil Geld vorgibt, was wir zu sehen und zu hören kriegen. Im Guten wie im Schlechten. Inhalte spielen immer weniger eine Rolle, niemand will sich mehr mit ihnen auseinandersetzen. Zuerst einmal muss sich der Einsatz finanziell lohnen, sonst fängt man gar nicht erst an, ob mit Auseinandersetzung oder erstmal nur Kopfheben. Alles das hat mit Wertschätzung von Menschen, von menschlichen Inhalten nicht das Geringste mehr zu tun; es hat nur noch mit der Wertschätzung dessen zu tun, das als Gegenwert zu beinahe allem anderen funktioniert. Aber eben nur beinahe. Der Moment, in dem es kippt, ist der, in dem uns das Tauschmittel wichtiger wird als der Inhalt, mit dem es getauscht wird.

Alles das macht mich wütend und treibt mich an, ein Gegengewicht zu setzen, zumindest, indem ich es benenne.

Ist es möglich, dass der Missbrauch des Geldsystems schon mit dem Wettbewerbsgedanken beginnt?

Ich habe immer dringender den Wunsch, mich aus Wettbewerbssystemen auszuklinken. Daher kommt, dass ich den „verkaufbaren“ Teil meiner Kreativarbeit nicht bewerbe, zumindest nicht aggressiv. Der Homepage ist zu entnehmen, dass ich auch verkaufe, und damit ist es gut. Im Internet pflege ich keine Plattform mehr, auf der es um solche Verkäufe geht, und entdecke ich eine neu, die sich zuerst als reine Ausstellungsfläche tarnt und zwei Klicks später entlarvt, bin ich mit dem dritten Klick da weg. Ich definiere mich zunehmend über die Aspekte meiner kreativen Arbeit, die gar nicht verkäuflich sind, jedenfalls nicht unmittelbar. Wenn ich im sozialen Netzwerk eine Diskussion starte oder mich an einer beteilige, in der ich für den unverstellten, offenen Blick plädiere, und dort (ja: ganz bewusst und auch mir) kostbare Zeit verbringe, dann ist es mir – allein schon durch die Form – überhaupt nicht möglich, das zu „verkaufen“! Und wäre es möglich und ich würde es tun, würde ich die Freiheit des Zugangs verraten und damit einen Wert, der so dermaßen eng verknüpft ist mit meiner Herangehensweise ans Thema, dass ich dieses gleich mit verriete und damit mich. Genau so und nicht anders möchte ich in der Hauptsache mein Thema vertreten – völlig nebensächlich, was oder wie ich male, wenn ich male, oder was oder wie ich schreibe… sogar dass ich auch male oder schreibe, soll dann und dort kein Thema sein. Das ist für viele unglaublich schwer nachzuvollziehen. Will ich denn kein Geld? Brauche ich etwa keines? Doch, selbstverständlich. Ich brauche Geld für die Lebenshaltung, solange unser System so funktioniert, wie es funktioniert. Aber ich brauche es nicht unbedingt im direkten Gegentausch und Gegenwert zu meinen Arbeiten, wenn für meine Lebenshaltung anders gesorgt wäre. Ich brauche es nicht als Sternchen, Fleißkärtchen oder als Pokal. Gefällt jemandem mein Bild, darf er es gerne auch kaufen; es gibt bislang keine unmissverständlichere Art, Wertschätzung zu zeigen, weil allen Geld als Gegenwert zu allem anderen so viel wert ist. Aber in erster Linie sehe ich meine Aufgabe darin, Menschen eine andere Sichtweise anzubieten, und die liegt unter Umständen ja sogar gerade darin, ein Gegengewicht zum Profitdenken anzubieten.

Nun möchte ich zu dem eingangs erwähnten anderen Kollegen kommen, mit dem ich schon jahrelang über’s Netz kommuniziere und diskutiere, einmal im ganz direkten und einmal im übertragenen Sinn. Er gab zu bedenken, dass es „ja schon sehr viele Angebote des Leihens, Tauschens, Schenkens“ gäbe, „auch der gemeinsamen Benutzung, z. B. von Autos, Fahrrädern und Werkzeugen“, so dass nicht immer alles gleich gekauft oder in Geld ausgeglichen werden müsse. Das stimmt, und ich begrüße es sehr! Allerdings ist er auch derjenige, der sich für ein geregeltes Künstler-Einkommen stark macht, während ich eine allgemeine Bezahlung aller kreativ Tätiger, unabhängig von preislich festlegbaren konkreten Arbeiten, eher schwierig finde und als Alternative zum Bedingungslosen Grundeinkommen tendiere.

Cornelia Koppetsch hat sich im Magazin der Süddeutschen Zeitung in Heft 32/2015/Politik in dem von Gabriela Herpell geführten Interview »Freiheit ist kapitalistischer Mainstream« sehr lesenswert geäußert. Unter anderem sagt sie, dass Ideale wie „Kreativität“ dergestalt vom „kapitalistischem Mainstream“ vereinnahmt worden wären, dass sie „kein Widerstandspotenzial mehr“ enthielten. Indem jeder Arbeitgeber „Kreativität“ nun als selbstverständlich geforderte Tugend voraussetze, würde das sogar zu ihrer Ablehnung führen… wobei ich selbst glaube, dass man nicht „die Kreativität“ ablehnt, sondern ihre Annexion durch ein vielleicht nicht feindliches, aber früher eher gegensätzliches Terrain. Ich musste sehr an meinen Kollegen denken, als Koppetsch ausführte, dass sich Künstler selbst schwächten, indem sie ihre Freiheit und Unvergleichlichkeit betonten und damit ihren Zusammenschluss verhinderten: „Die Künstler sagen: Jeder ist anders und hat sein individuelles Feld. Dadurch verbaut man sich die Möglichkeit, kollektiv gegen schlechte Arbeitsbedingungen oder Unterbezahlung vorzugehen.“ Das ist sicher so. Aber vielleicht muss man sich auf diesem Gebiet einfach nur konsequenter als in anderen Arbeitsbereichen entscheiden: Inhalt oder Versorgung. Denn wenn es stimmt, was ich weiter oben befürchtete: dass Geld (mittlerweile!) die Wichtigkeit von Inhalten kleiner macht bzw. manchmal ganz aufhebt, dann ist gekaufter Inhalt (und diese Entwicklung wäre genau wie in allen anderen Bereichen nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich, wenn nicht schon Realität) der Tod der Kunst. Ist es nötig, dass etwas, das zur Erbauung, Weiterentwicklung und Austausch des Menschen geschaffen worden ist, an der Börse gehandelt wird…?

*

Ich stelle einen Unterschied fest zwischen freigebigen und „Ich hab‘ nichts zu verschenken!“-Menschen, der über den Inhalt ihres Portemonnaies hinausgeht.

Wer sich erlaubt, auch mal zu schenken, hilft leichter, weil er nicht immer einen Gegenwert erwartet; vielleicht gerade ein besonders aktuelles Thema. Die Kehrseite der Medaille ist das mögliche ausgenutzt-Werden: wer einmal etwas „umsonst“ gemacht hat, von dem wird das vielleicht immer wieder erwartet… Auf der anderen Seite gilt der als unsympathisch, der immer alles umsonst zu bekommen erwartet…

Jeder muss selbst das Maß finden und seine Entscheidung sachlich und deutlich vertreten.

Was ist also für mich die Lösung, was ist mein Maß? Die Lösung ist, dass es selbst für mich als Einzelperson, selbst wenn ich nur für mich selbst verantwortlich wäre, die Lösung nicht gibt. Es gibt nicht das Maß aller Dinge. Es gibt kein deutliches Entweder/Oder. Aber es gibt eine Haltung, die mein versorgt-Sein und ein Zukunftsdenken zum Wohle aller, über mein Leben hinaus, nicht ausschließt.

Für mich wäre es vorstellbar, eine Gesellschaft zu haben, bei der die Mitglieder nicht auf den Lebensentwürfen der anderen herumhacken. Natürlich habe ich mir den meinen ausgesucht, zumindest in der groben Richtung, so wie jede und jeder sich den ihren und seinen mehr oder weniger ausgesucht hat, aber es lässt sich doch alles verbessern! Warum sollen wir uns denn nicht fragen, was wirklich allen zu Gute kommt? Sollen wir uns das vielleicht nicht fragen…?

Ich wünsche mir eine Politik, in der die Volksvertreter (dass diesmal keine Anführungsstriche da sind, ist ebenfalls bewusst) genau dafür eintreten: dass es allen gut und es für alle fair zu geht. Eine Politik, die Ungerechtigkeit und Ungleichheit bekämpft, weil sie sie nicht mehr braucht… für Stimmungen, für Unfreiheiten, die man zuerst gar nicht als solche begreift, weil man nicht begreifen soll. Eine Politik, die eben nicht vom Geldgedanken bestimmt wird, sondern von Zusammenhalt und Zusammenarbeit aller Länder dieser Erde. Die ohne Ausbeutung auskommt.

Wenn das mit dem Kapitalismus nicht zu haben ist, dann muss ich ihn ablehnen.

Was ist mir jetzt, in diesem Moment, auch noch wichtig für die Zeit, wenn ich nicht mehr da bin…? Was wäre wichtig für die Personen, die noch bleiben, wenn wir gehen? Ich finde, ich sollte das, was mir dazu als Antwort einfällt, mit meinem Leben stärken.

Ich frage mich ja in den letzten Jahren verstärkt bei allen Themen, die ich besser verstehen und durchblicken möchte, „wer hat etwas davon?“ Also… wer hat etwas davon, dass es keine sozial gerechte Wirtschafts- und Sozialordnung gibt?

Die Kameradschaftlichkeit, die im Wort „Sozialismus“ steckt… – wer hat etwas davon, dass diese nicht in Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität gelebt wird, sondern als hohle Phrase verkommt?

Philipp Holstein hat am 13.08.2015 in der Online-Ausgabe der Rheinischen Post über den Kabarettisten Volker Pispers gesagt: „Pispers ist nicht der Wahrheit verpflichtet, obwohl er das behauptet, sondern etwas, das größer ist: einem Zustand, der erreichbar wäre, wenn alle gut miteinander umgingen.“

Wenn das mit dem Kapitalismus nicht zu haben ist, dann muss ich ihn ablehnen.

 

 http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/43404/2/1

http://www.rp-online.de/kultur/kabarett-dass-volker-pispers-aufhoeren-koennte-mag-man-nicht-glauben-aid-1.5309954

http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/der-kluge-fischer/978-3-446-24298-2/

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Kunst und Gewalt

Kunst und Gewalt

„Es geht nicht um Musik – es geht um Folter“, so die Schlussfolgerung von Christopher Cerf, dem Komponisten der ‚Sesamstraße’-Musik, der sich im Film „Musik als Waffe“ von Tristan Chytroschek verständlich entsetzt zeigt, dass etwas wie Musik, zur Unterhaltung und Erbauung gedacht, derart missbraucht wird.

Aber sein Fazit hatte für ihn am Ende auch etwas Versöhnliches: nicht die Musik an sich ist „schlecht“, sondern der Missbrauch ist zu verurteilen!

Auf diese Weise zu fragen bringt beinahe immer weiter: worum geht es? und: worum geht es wirklich? Wem nutzt was auf welche Art?

Geht es bei Musik, bei jeder Kunst nicht lediglich darum, sich individuell auszudrücken und über diesen Ausdruck andere Menschen zu erreichen, so dass ein gemeinsames Erkennen – Erkenntnis – möglich wird und darüber Herzensbildung, Toleranz und Empathie gefördert werden? Soll Kunst nicht im weitesten Sinne dem Menschen nutzen, helfen… ihn menschlich weiterbringen? Welche Berechtigung hätte sonst Kunst jenseits eines ästhetischen Wertes?

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Es gibt nichts Perfideres, als im Grunde „gute Dinge“ für etwas einzusetzen, das im weitesten Sinne schadet: Verlust ethischer Werte, Gewalt in jeglicher Form.

Ein kleiner Schritt in diese Richtung ist für mich bereits, Kunst nur mehr als Ware zu begreifen, die ich nur „konsumieren“ kann, wenn ich einen Gegenwert liefere, denn einen „Gegenwert“ muss man erst einmal liefern können, ansonsten ist man ausgeschlossen. Die Wikipedia schreibt zum Stichwort „Kapitalismus“: „In der marktkritischen Wahrnehmung steht Kapitalismus für ein ausschließlich an einer kapitalistischen Rationalität orientiertes Denken, das auf Profit und die optimierte Verwertung der eingesetzten Produktionsmittel abzielt, ohne dabei Aspekte der Nachhaltigkeit, der Ethik und möglicher sozialer Verwerfungen zu berücksichtigen.“ (Dabei möchte ich betonen, dass ich die Individualität, die man im Kapitalismus leben kann, unbeschreiblich schätze. Aber „Kapitalismus“ kann auch eine Form von „Gewalt“ sein…)

Mögliche soziale Verwerfungen… Einen kleinen Sprung muss der geneigte Leser jetzt verkraften, weil auch der Missbrauch z. B. von Musik in der Nazi-Propaganda vor und während des 2. Weltkriegs ja keine so kleine Rolle gespielt hat.

In der Sendung scobel vom 22. Januar 2015 mit dem Thema „Auschwitz – Zukunft der Erinnerung“ gibt Gert Scobel’s Gast Michel Friedman Folgendes zu bedenken: „Was ist mit den Anfangspunkten der Gewalt? […] Mit jedem Mal, wo Menschen Anfangspunkte überschritten haben, wurde der Endpunkt folgerichtiger. […] Wenn man die Nachbarn mit der GeStaPo abgeholt hat – reichte diese Brutalität nicht? Wenn man gesehen hat, dass Gotteshäuser angezündet werden – reichte die Brutalität nicht? Nein, sie reichte nicht, weil es Juden betraf, und der Jude gehörte nicht zur sozialen Gruppe, er war ‚pfui’; er war sowieso jemand, über den man seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden das Gefühl hatte: das ist suspekt; wir wollen den eigentlich nicht; das heißt: diese Gewaltexzesse, die man ja auch schon bei den Pogromen Jahrhunderte kennenlernen ‚durfte’, die waren noch nicht außerordentlich für die europäische antisemitische Kultur.“

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Es geht mir nicht darum, Unvergleichliches zu vergleichen; ich trete, wie Viele mittlerweile wissen, auch nicht ein für eine Religion. Ich möchte nur auch sensibel machen für „Anfangspunkte“, egal in welchem Bereich, und ich selbst möchte möglichst sensibel bleiben. Ich fand es zu keiner Zeit meines Lebens – egal, wie schwierig die Weltlage war mit Terrormeldungen Ende der siebziger und in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, mit Atomkraftwerkskatastrophen und Krieg, immer wieder Krieg – notwendiger als heute, sich eindeutig zu positionieren, und wo man selbst (noch) nicht eindeutig sein kann, ein „inneres Tauziehen“ spürt, das genau so zu kommunizieren; auch da im Dialog zu bleiben, um gemeinsam weiter zu kommen. Schnelle Definitionen und gelebter Meinungszwang sind da eher verantwortungslos.

Ich fand es noch nie notwendiger als in diesen Wochen und Monaten auch schon des letzten und vorletzten Jahres, sich zu positionieren, und ich möchte mit meiner Person und (ohne es opfern zu müssen) meinem Leben eintreten für größtmögliche Freiheit des Einzelnen in einer Sicherheit, die diese Freiheit nicht opfert, für Frieden, so weit uns das menschenmöglich ist – denn selbstverständlich kenne auch ich inneren Unfrieden –, für größtmögliche Individualität, gekoppelt an ein Gefühl für Angemessenheit und Verantwortung für die Zukunft der Welt, nachfolgender Generationen, des einzelnen Mitmenschen (für den dasselbe gilt) und für uns selbst.

Lasst uns gemeinsam daran arbeiten, dass wir immer erkennen mögen, wenn etwas Gutes für etwas Schlechtes missbraucht wird, und niemals anfangen, das Nützliche für das Schädliche verantwortlich zu machen. Ein Anfang ist, dass wir überhaupt beginnen zu fühlen, was uns – als ALLEN Menschen – nützt und was uns schadet.

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Kunst und Weltgeschehen

Kunst und Weltgeschehen

Mir schien selbst schon länger eine eher unpolitische Haltung bei den meinem Jahrgang nachfolgenden Generationen aufzufallen; nun las ich kürzlich den darauf bezogenen Text von Julia Friedrichs im ZEITmagazin ONLINE: „Entschleunigung – Die Welt ist mir zuviel.“ Im Untertitel: „Und ich selbst bin mir genug.“

Darin beschreibt die Autorin u. a. den großen Zulauf zu Entschleunigungs-Seminaren, den Zuwachs in der Handarbeitsbranche und den Wunsch und dessen Umsetzung, unter einfachen Bedingungen auf dem Land zu leben als eine Realitätsflucht der jungen berufstätigen Bevölkerung. Sei in den 70er- und 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts alles noch einigermaßen überschaubar gewesen, seien das die Bedrohungen der heutigen Zeit eben nicht mehr, sie seien „weltumspannend“. Sie bringt viele Beispiele; mir fielen spontan noch einige mehr ein – jeder kann die Liste vermutlich nach Belieben verlängern.

Was sie schreibt, was sie be-schreibt, ist der Auseinandersetzung wert, und wenn sie sich gegen Ende auf manche Artikel der einschlägigen Presse (ihr Beispiel ist u. a. das Magazin „Flow“) mit den Worten bezieht: „Wer solche Artikel liest, kann plötzlich genug kriegen von all den Anleitungen zur Weltflucht“, bin ich ganz bei ihr. Ich bin ganz bei ihr, wenn ich mir vorstelle, dass es so schwarz/weiß abläuft, dass alle Menschen entweder/oder sind.

Ich kenne von mir selbst, dass ich beim Helfen im elterlichen Garten abschalten kann, obwohl woanders Bomben fallen. Ich mache nicht mehr gerne den Fernseher zu den täglichen Nachrichten an und tu es trotzdem, um (halbwegs und gesteuert, aber) informiert zu sein. Ich gehe zur Wahl, obwohl ich an eine mit der Wirtschaft verheiratete Politik als eine Politik für den Menschen, für’s Gemeinwohl nicht mehr glaube. Ich demonstriere im Internet und beteilige mich an Petitionen, nicht, um mein Gewissen zu beruhigen, sondern weil es mir in diesem Augenblick ein Anliegen und weil es möglich ist. Und dann putz’ ich die Fenster. Oder lese ein Buch. Beispielsweise.

Ich kenne das Gefühl der Zerrissenheit, ob man weiter „gut bürgerlich“ leben oder nicht lieber zum Helfen auswandern soll; ich kenne die Suche nach einem eigenen Weg. Ich weiß, dass es keinen Sinn hat, sich zu etwas zu vergewaltigen, das man nicht leisten kann, ohne krank zu werden, oder zu etwas, das einem nicht entspricht. Und ich weiß auch, dass man, egal, was man geistig oder körperlich Aufreibendes tut, immer auch wieder entspannen muss. Selbst jemand im Widerstand darf die „Flow“ lesen, wenn er oder sie es denn möchte.

Obwohl ich auch eine oder zwei Personen kenne, die von sich sagen, dass Politik sie „nicht interessiert“, gibt es, glaube ich, insgesamt nur wenige, die entweder rund um die Uhr politisch aktiv sind oder rund um die Uhr den Kopf in den Wolken haben. Die Meisten tragen auf ihre Weise die Gemeinschaft mit, in der sie leben, und versuchen das Bestmögliche daraus zu machen. In Europa gibt es Widerstand bei der jungen Bevölkerung, die einerseits nicht weiß, wie sie ihr Leben finanzieren soll und andererseits den neuen „Staatssozialismus der Reichen“ erlebt, wie es der kürzlich verstorbene Soziologe Ulrich Beck in der 3sat-„Kulturzeit“ vom 25. Mai 2012 formuliert hat. „’Freiheit, Gleichheit und Demokratie’ ist sozusagen nur dann zu gewährleisten, wenn die Menschen auch das Gefühl haben, dass diese Perspektive für sie auch umgesetzt wird, dass sie nicht sozusagen wie das jetzt in der Sparpolitik – im Sparzwang muss man eigentlich sagen, für andere Länder – geschieht, in eine aussichtslose, fast aussichtslose Position hineingedrängt werden, wo ganze Bevölkerungsgruppen abfallen, ausgeschlossen werden; die Mittelschichten, die bisher das Rückgrat der Demokratie waren gleichsam geschluckt werden von dieser Krise… also selbst eine existenzielle Perspektive nicht haben und wo nicht sichtbar ist, dass — sozusagen wenn das alles und für eine vorübergehende Phase so sein müsste: wo ist das Licht am Ende des Tunnels? Wenn dieses Licht am Ende des Tunnels nicht wirklich greifbar wird für die Menschen, dann, meine ich, ist das eine wirkliche Selbstgefährdung der Demokratie in Europa.“

Junge Menschen werden durch die Geschehnisse in der Welt nicht unbedingt aufgefordert, sich einzubringen, im Gegenteil. Jeder wird mit elterlicher und eigener Sorge dazu angehalten, seine Schäfchen rechtzeitig ins Trockene zu bringen, um gegenüber der Konkurrenz bestehen zu können. Wenn Menschen dann Atem holen, indem sie sich vorübergehend dem Weltgeschehen verweigern, ist das m. E. nicht nur erlaubt, sondern notwendig. Denn nach der Meditation wird es nicht einfacher sein als vor ihr.

Ein sich-Einbringen des Otto-Normalbürgers scheint von denen, die uns regieren, nicht wirklich erwünscht zu sein. Angeblich gibt es die Sorge, dass, wenn „die Masse“ mit entschiede, damit auch „zu viel Dummheit“ Macht eingeräumt würde. Ich glaube das nicht. Das zeigen z. B. die Gegendemonstrationen zu den Pegida-Demos, bei denen bisher jedes Mal mehr Menschen auf die Straße gingen. Ich glaube, dass mehr Mitbeteiligung der Bürger nicht erwünscht ist, weil das auch bedeuten kann, dass etwas gegen das bestehende System gesagt oder getan wird, und das gefällt einem System, das in erster Linie am Selbsterhalt statt an konstruktivem Weiterkommen ALLER interessiert ist, natürlich nicht. Gegen dieses sich nicht erwünscht-Fühlen nicht mit eigener Abschottung zu reagieren, ist eine Herausforderung.

Julia Friedrichs schreibt: „Vielleicht sollten die Abgeschotteten es lieber mit Martin Luther halten, der sich sein Leben lang am Abgrund wähnte, die Apokalypse vor Augen, und trotzdem nicht aufhörte, zu kämpfen, sich aufzuregen, einzugreifen. Niemals ließ er der Resignation Raum. ‚Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge’, soll er gesagt haben, ‚würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.’ Und damit meinte der Reformator sicher nicht die Gartenarbeit auf der eigenen Scholle.“

Wer weiß. Wer weiß, wo und durch was Martin Luther Kraft getankt hat, denn die hat er mit Sicherheit gebraucht, und irgendwoher musste sie ja kommen.

Für mich ist kreatives Arbeiten eine Möglichkeit, meine Möglichkeit, mich einzubringen. Vom Marktgeschehen losgelöste freie Kunstbetrachtung und unabhängiges eigenes Schaffen sind mein Weg, politisch zu leben, diesbezüglich Dialog zu suchen und anzubieten. Mit dem Glauben, dass alles, was ein jeder von uns denkt, sagt und tut, von Belang ist, weil diese Dinge wirken, glaube ich schon „von Hause aus“, dass es im Grunde unmöglich ist, „unpolitisch“ zu sein. So, wie man auch nicht nicht kommunizieren kann zum Beispiel.

Ich hoffe, dass immer mehr Menschen das bewusst wird. Dass immer mehr Menschen sich zu urteilen und einzubringen trauen, jeder nach seinem Temperament, seinen Fähigkeiten und Neigungen. Dass sie sich, wenn schon nicht wichtig, dann zumindest ernst nehmen in ihrem Fühlen und Denken und dem Impuls folgen, dem Ausdruck zu verleihen. Und wissen, dass sie auch etwas aussagen, wenn sie sich nicht zu Wort melden.

Demonstrieren und Guerilla-Stricken müssen sich nicht ausschließen. Dramatisches Weltgeschehen und Kunst müssen sich nicht ausschließen, im Gegenteil: wir brauchen friedliche Gegengewichte, die das Unfriedliche thematisieren. Solange sie niemandem schaden, brauchen wir alle Formen des menschlichen Ausdrucks als Mittel zum Zweck, ein immer besseres Miteinander hinzubekommen.

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