Die Tiefen der Menschenseele

„Unser Leben mit all seinen Geschichten gleicht in seiner kunstvollsten Ausprägung vielleicht mehr einem Novellenroman als einem Roman.“

So sagt es Jean-Claude Lin im Vorwort des ‚a tempo‘-Magazins in der August-Ausgabe 2017.

Er bezieht sich dabei auf Leo Perutz‘ Novellenroman „Nachts unter der steinernen Brücke“; ich verlinke unten einen Artikel, in dem er liebevoll besprochen wird.

Ein Roman also, der sich aus Novellen zusammensetzt.

Friedrich Spielhagen definiert in „Novelle oder Roman?“ 1876: 

„Der Unterschied zwischen Novelle und Roman hat den Aesthetikern schon viel Kopfzerbrechen verursacht. Indessen, man hat sich im ganzen und großen doch geeinigt und braucht keinen erheblichen Widerspruch zu fürchten, wenn man jenen Unterschied ungefähr so charakterisiert: die Novelle hat es mit fertigen Charakteren zu thun, die, durch eine besondere Verkettung der Umstände und Verhältnisse, in einen interessanten Konflikt gebracht werden, wodurch sie gezwungen sind, sich in ihrer allereigensten Natur zu offenbaren, also, daß der Konflikt, der sonst Gott weiß wie hätte verlaufen können, gerade diesen, durch die Eigentümlichkeit der engagierten Charaktere bedingten und schlechterdings keinen anderen Ausgang nehmen kann und muß. […] Der Roman hat es weniger auf eine möglichst interessante Handlung abgesehen, als auf eine möglichst vollkommene Uebersicht der Breite und Weite des Menschenlebens. Er braucht deshalb – und gerade zu seinen Hauptpersonen – nicht Menschen, die schon fertig sind, und, weil sie es sind, wo immer sie eingreifen, die Situation zu einem raschen Abschluß bringen, sondern solche Individuen, die noch in der Entwicklung stehen, infolgedessen eine bestimmende Wirkung nicht wohl ausüben können, vielmehr selbst durch die Verhältnisse, durch die Menschen ihrer Umgebung in ihrer Bildung, Entwicklung bestimmt werden, und so dem Dichter Gelegenheit geben, ja ihn nötigen, den Leser auf großen, weiten (allerdings möglichst blumenreichen) Umwegen zu seinem Ziele zu führen.

Natürlich ist dieses Ziel für den Novellisten und Romandichter im Grunde dasselbe: die Einsicht in die Tiefen der Menschenseele;[…]“ [Friedrich Spielhagen: „Novelle oder Roman?“ (1876). In: Ders. Beiträge zur Theorie und Technik des Romans. Leipzig (Staackmann) 1883, S. 245 – 257, hier S. 245 – 248.]

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Ich mag beide Genres, und ich stimme Lin und Spielhagen zu: die Ereignisse bilden am Ende den „Lebensroman“. Es ist dasselbe Leben, das man einmal als Ganzes, aus der Ferne, „von oben“ betrachten (und das in groben Zügen durch Daten und Lebensabschnitte strukturiert ist und in seiner Entwicklung grob verfolgt werden) kann. Und zum anderen wird man einem Leben, einem Menschen erst durch „Heran-Zoomen“ wirklich gerecht, kann so manche Entwicklung besser nachvollziehen, im besten Fall verstehen.

Es braucht die Betrachtung der Details, das genaue Hinschauen, das bewusste Lesen, das Innehalten auch – vielleicht gerade – in Zeiten, in denen alles so schnell vorangetrieben wird, wo ein schneller kurzer Erfolg einem langfristig angestrebten guten Ergebnis vorgezogen wird. Wo heute in derselben Sache Hype und morgen „Sau-durchs-Dorf-Treiben“ angesagt ist. Wo Menschen von ihrer Erfahrung berichten, dass Aufklärung nicht so „interessant“ ist wie manche Falschmeldung und daher weniger Gehör findet.

Wir brauchen, denke ich, sowohl die Übersicht über die Epochen und ihre Entwicklung, um die Dinge in Relation zu bringen, aber müssen uns trotzdem zu den Ereignissen positionieren (und manchmal auf sie reagieren), die unser Hier und Jetzt bilden. 

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https://www.welt.de/welt_print/kultur/literatur/article8997757/Nachts-unter-der-steinernen-Bruecke.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Perutz

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Identität

Heute habe ich es schwer, über die letzte ‚Westart live‘ zu berichten, die für mich schwierig begann…

In der Assoziationsrunde zum Thema „Frankreich“ sollte – so gab es Siham El-Maimoudi vor – Politik ausgenommen werden. Das würde mich nicht weiter gestört haben, wenn der Theatermacher Thomas Ostermeier nicht etwas später (als Politik nicht mehr vermieden werden sollte und wohl auch nicht länger konnte) für seine Macron-Skepsis etwas unsanft abgewürgt worden wäre und auch sein leiser Widerspruch nicht fruchtete. Selbstverständlich sind alle, denen die braune Soße zuwider ist, froh, dass nicht Marine Le Pen Frankreichs Präsidentin wird, aber ob ein „Aufatmen“ angebracht ist, das versuchte als einziger Thomas Ostermeier kritisch zu hinterfragen. Er machte (sehr wichtig!) sehr deutlich, dass Kritiker der EU nicht zwangsläufig europafeindlich eingestellt sind; oft ist sogar das Gegenteil der Fall. Wenn aber nur die Stärksten von einem System profitieren, ist Kritik in meinen Augen nicht nur verständlich, sondern notwendig. (Ich hinterlasse unten einmal Oskar Lafontaines Worte zur und vor der Frankreich-Wahl; Quelle www.nachdenkseiten.de)

„Das Theater ist eine Kunst des Konflikts.“

Hannelore Hogers bester Satz war für mich: „Nett? Nein. Man muss nur aufrichtig sein.“

Auch gefiel mir das Credo des Tanz-Performance-Kollektivs Richter/Meyer/Marx: „gemeinsam etwas gestalten“, das u. a. mit DJs zusammenarbeitet.

Der Kino-Tipp war diesmal ‚You’ll never walk alone: auf den Spuren der Fußball-Hymne‘. „André Schäfer hat eine Doku über die Entstehung […] gedreht. Sein Freund Joachim Król, Schauspieler und bekennender Fußballfan, hat die Rolle des Erzählers übernommen und zeichnet den Weg des Liedes nach: von einer Budapester Theaterbühne Anfang des 20. Jahrhunderts über den Broadway ins Stadion des FC Liverpool an der Anfield Road, von dort zum BVB nach Dortmund und auf die Fußballtribünen in aller Welt.“

Klasse fand ich den Beitrag über das ‚Zentrum für Internationale Lichtkunst‘ in Unna, wo noch bis zum 3. September faszinierende Lichtkunst zu sehen sein wird. Ich werde auf jeden Fall einen Besuch planen!

Und beim Einzel-Interview mit der Sängerin Y’akoto kam ich mit dem Mitschreiben gar nicht mehr mit, so vieles war in meinen Augen zitierwürdig! Wenn ich heute etwas dringend empfehlen kann, dann ist es dieses Interview und sind es ihre Gesangseinlagen!

„Das müsste reichen für mich als Künstler“ – Y’akoto über das Dankbarkeitsgefühl, dass trotz Überangebot sich Menschen entscheiden, eben ihrer Band zuzuhören, und über ihre Haltung, von ihrem Publikum keine bestimmte Reaktion zu erwarten.

„Darin liegt die Herausforderung, einen gemeinsamen Nenner zu finden…“

„Ich möchte ein Lebensgefühl einfangen, und das ist unabhängig von Nationalität.“

„… Menschen um sich zu scharen, die einen bereichern.“

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http://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/sendungen/uebersichtwestartlive160.html

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http://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/yakoto-106.html

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http://yakoto.de

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„Wäre es nicht so ernst, dann wäre es fast komisch mit anzusehen, wie deutsche Politiker den Franzosen Tipps für die Präsidentschaftswahl am kommenden Sonntag geben. Die Franzosen sind regelrecht „begierig“ darauf, zu erfahren, was deutsche Politiker, von denen die meisten in Frankreich völlig unbekannt sind, zu Macron oder Le Pen meinen.

Sie können es nicht lassen und haben nichts begriffen. In vielen Ländern Europas wird die deutsche Bevormundung schon länger als unerträglich empfunden, und die wirtschaftlich Informierten wissen, dass das deutsche Lohndumping Menschen in Europa arbeitslos gemacht hat und dass die deutschen Sozialabbau-Diktate via Brüssel vor allem in Südeuropa viele in Armut und Elend gestürzt haben.

Auch unsere „Qualitätsmedien“ raten – von einer Minderheit abgesehen – zur Wahl des Investmentbankers Macron. Dass viele französische Intellektuelle davor warnen, weil die Wahl Macrons zu einer weiteren Stärkung des Front National führt, interessiert nicht. Dass demnächst in Frankreich Parlamentswahlen sind und Jean-Luc Mélenchon mit seiner Bewegung „La France insoumise“ versuchen muss, unter den schwierigen Bedingungen des französischen Mehrheitswahlrechts möglichst viele Sitze in der Assemblée nationale zu erobern, um dem Neoliberalismus eines Präsidenten Macron Widerstand entgegenzusetzen, interessiert auch nicht.

Mélenchon, der seine Anhänger beschworen hat, in keinem Fall Le Pen zu wählen, mit deutscher Herrenreiter-Mentalität nötigen zu wollen, auch zur Wahl Macrons aufzurufen, kommt der Aufforderung gleich, sich ins eigene Knie zu schießen. Ein solcher Rat hieße, Mélenchon solle seine Anhänger jetzt verärgern, indem er ihnen empfiehlt, den Mann zu wählen, gegen dessen Politik er schon heute mit Blick auf die Parlamentswahlen im Juni mobilisieren muss.

Régis Debray, Weggefährte Che Guevaras und Berater Mitterands sagte in der Zeitung „Le Monde“: „Zwischen einem Finanzkapital, dem alles erlaubt ist, und einem Sozialismus, der sein kleines Einmaleins vergessen hat, hat sich eine große Bresche geöffnet, und der Luftzug, der von da kommt, treibt seit 20 Jahren die Mühlen Le Pens an. Wer dies fühlt, hat wohl das Recht… sich zu fragen, ob man dem Teufelskreis entkommt, wenn man in den Sumpf zurückkehrt, um dem Regen auszuweichen.“ Die französische Linke muss sich jetzt versammeln, um den Luftzug, der seit 20 Jahren die Mühlen Le Pens antreibt nach der sich abzeichnenden Wahl Macrons nicht zu stark werden zu lassen.“ (Quelle: Oskar Lafontaine via Facebook)

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Orientierung

Ich finde ja, dass die letzte scobel-Diskussion auch sehr viel mit Kunst zu tun hat. Es geht um die Gefahr, die droht, wenn man das selber-Denken aufgibt, um das Dilemma, dass man zwar oft vereinfachen muss, um klarere Orientierung zu gewinnen, man aber dadurch die Zwischentöne und Graustufen vernachlässigt. Es geht um Sinnfelder, Glücksempfinden und Kant’sche Vernunft und darum, dass Weltauffassungen und Lebensformen erst zum Konflikt werden, wenn sie globale Geltung beanspruchen. Kurz: eine gelungene Diskussionsrunde, zu der ich viel Vergnügen wünsche:

http://www.3sat.de/mediathek/index.php?mode=play&obj=47607

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