Selbstmotivation

„Selbstmotivation“ klingt aufgesetzt, angestrengt, so, als müsste man immer wieder mühevoll einen neuen Anlauf nehmen. Es wird Situationen geben, in denen es sich genau so anfühlt, und es wird bestimmt Menschen geben, für die sich das immer so anfühlt.
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Als ich letztens bei Freunden war, lag da eine Zeitschrift aufgeschlagen, und die Worte Markt und Künstler sprangen mich an. Da die Freunde kurzzeitig anderweitig beschäftigt waren, begann ich den Artikel anzulesen, aber viel Zeit wollte ich mir dafür dort nicht nehmen, und so fotografierte ich ihn ab. Die Titelzeilen habe ich nur halb im Bild, da mir der Name des Autors wichtig war: Tim Sommer.

Der Chefredakteur des Kunstmagazins „art“ beschreibt in dem Artikel des Magazins „dbmobil“ auf eindrucksvolle Weise, wie der Weg eines Menschen aussieht, der beschließt, Künstler zu werden. Er lässt nichts aus: „prekäre, konjunkturabhängige Tätigkeit“, „schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, „zweifelhaftes Sozialprestige“ sind die Beschreibungen schon im ersten Absatz, einer fiktiven Stellenbeschreibung.

„… der berufsmäßig Andersdenkende, der Lieferant für Alternativen“ startet mit etwa 4999 Mitstudenten jährlich in Deutschland, „macht 50000 Konkurrenten in den nächsten zehn Jahren.“ Er oder sie erprobt Techniken, redet viel und lernt zumindest sich selbst mit „Glück“ „sehr gut kennen“. „Regeln, nach denen eine Arbeit nachvollziehbar als gut oder schlecht bewertet werden könnte“, gibt es nicht.

„Ihr Werk bedeutet nichts, gilt nichts, hat keinen Preis, solange es im Atelier schlummert. Zur Kunst wird ein Gegenstand erst, wenn er durch die Betrachtung Sinn und durch die Diskussion darüber eine Stimme bekommt – frei skalierbar von Ihrem Bekanntenkreis bis zur Weltpresse.“

Nachdem man die 30 überschritten hat, wird es eng mit Atelier-Programmen, Stipendien und Förderpreisen. Es wird schwierig für jemanden, der bis dahin keine Galerie hat, die für ihn mitarbeitet, wobei der Name der Galerie den „Rang“ des Künstlers zum Großteil mit ausmacht.

„Vorausgesetzt, Sie sind wirklich zeitgemäß, fleißig und umtriebig, jetzt in Ihren besten Jahren, dann wird Sie der kreisende Suchscheinwerfer der Geltung hoffentlich treffen. Garantiert ist das keineswegs.“ Wer es bis dahin geschafft hat und auf einem großen Festival, einer Biennale oder der Documenta (weiter) entdeckt wird, kann bald schon wieder im Nebel verschwinden, „weil sich selbst die Berufsauskenner unmöglich alles in ihr Langzeitgedächtnis schaufeln können, was die globalisierte Kunstmaschine wichtig macht.“

Je älter man und frau wird, desto schwieriger wird ein würdevoller Aufenthalt auf dem offiziellen Kunstparkett dem, der unentdeckt bleibt, und kommt es zu später „Wieder- oder Erstentdeckung“, „[schämt] sich [der Kunstbetrieb] dabei nicht ein bisschen seiner Ignoranz durch Abgelenktheit in der Zwischenzeit“.

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Ich habe dieses Beschriebene wohl früh in meinem Leben befürchtet, so dass Kunst für mich nie als „Beruf“ in Frage gekommen wäre; ich habe nie auch nur im Traum mit dem Gedanken gespielt, ein Kunststudium zu beginnen. Vor zehn Jahren habe ich mir den Streit zwischen „Hobby“- und „Berufs“künstlern beherzt und emotional von der Seele geschrieben, ohne jede Rücksicht auf leichte Lesbarkeit 😉 (http://www.sabinepint.de/diskussion.htm).

Immer war in mir der augenscheinliche Widerspruch: wie leben denn die anderen ihre Kreativität? Versteckt? Denn ich kannte von allen, die zwar von Hause aus und teilweise langjährig kreativ waren, nur ein verschämtes ‚ich schreibe ja auch ein bisschen‘ oder ein ‚manchmal male ich auch‘, wenn sie es nicht auf dem „offiziellen“ Weg taten. Aus Sorge, sich zu outen, weil man ja nie und nimmer so „gut“ wie irgendein Ausstudierter sein könne.

Später, als Quereinsteiger in allen möglichen Bereichen Normalität wurden und/oder man immer mehr davon mitbekam, stieg das Selbstbewusstsein mancher Betroffener, aber längst nicht bei allen. Und in mir blieb immer dieser Widerspruch.

Nur: ich wollte mich ihm nicht beugen. Zeigte ein Bild mit 16 und las meinen Text mit 20 vor einem fremden Berliner Publikum. Dachte nicht, dass ich jetzt bekannt würde, sondern lebte genau so weiter: malte weiter, stellte ab und an aus bei dem, der das auch wollte, begann zu bloggen, nachdem ich nicht mehr belletristisch schrieb. Sah und sehe alles als Angebot, das man auch ablehnen kann, genau so, wie ich Dinge ablehne, wenn ich sie gerade nicht „suche“. Kunst ist in meinem Leben; sie ist ein Ausdrucksmittel, eine Sprache mehr, in der ich Kontakt pflegen kann.

Wenn sich Menschen fragten, wie ich motiviert bleiben kann, dann wäre meine Antwort, dass ich mir das nicht aussuche. Mich über Kreativität auszudrücken strengt mich nicht an, sondern ist mir ein Bedürfnis. Ich warte dabei auf nichts. Ich halte es mit Wilfried Schmickler, der in den letzten „Mitternachtsspitzen“ sagte „Leben wir öffentlich!“ und dabei nicht meinte, sich immer und überall selbst gläsern zu machen, sondern zu Haltung aufrief, wie er es meistens tut.

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„Die Welt der Kunst ist der letzte große Freiheitsraum, den die durchrationalisierte Gegenwart zu bieten hat. Eine wunderbare Nebenwelt, die uns die Wirklichkeit verstehen lehrt, indem wir sie verlassen. Hier begegnen wir den extremsten Gestalten, den verstiegensten Ideen, den zartesten Empfindungen und den brutalsten Erkenntnissen, der vollendeten Schönheit und vollendeten Hässlichkeit. Wer sich dieser Zumutung aussetzt, wird sich dabei verändern.“ (Tim Sommer)

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Personen des öffentlichen Lebens

Ab wann man eine „Person des öffentlichen Lebens“ ist, darin sind sich manchmal nicht mal angehende JuristInnen einig. ( http://www.juraforum.de/forum/t/wann-wird-man-von-einer-privatperson-zur-person-des-oeffentlichen-lebens.435537/ )

Kürzer und klarer versucht es der Eintrag im Journalisten-Kolleg: https://www.journalistenkolleg.de/lexikon-journalismus/person-des-oeffentlichen-lebens 

Mir ist vollkommen bewusst, dass ich jeglichen juristischen Sachverstand beleidige, indem ich sage: auch ich bin eine Person des öffentlichen Lebens – nicht des öffentlichen Interesses; das ist klar 😉 .

Ich bin nicht nur nicht berühmt, ich bin nicht mal bekannt (außer meinen Bekannten natürlich). Trotzdem empfinde ich es als hilfreich, mich und meine Mitmenschen jenseits einer juristischen Definition als Personen des öffentlichen Lebens zu begreifen.

Wir alle leben – bis auf einige Ausnahmen aus unterschiedlichen Gründen – in der Öffentlichkeit. Diese Öffentlichkeit beginnt, wenn wir unseren Wohnraum verlassen, mit anderen Personen als mit unseren Familienangehörigen in Kontakt kommen. Wir brauchen gar keinen ‚Hoppla, hier komm‘ ich!‘-Auftritt hinlegen; selbst mit gesenktem Hoodie-Haupt sind wir nun „draußen“, sichtbar, hörbar.

Vielleicht empfinden es eher Menschen ähnlich, die – vielleicht auch nur bedingt bekannt – sich der Öffentlichkeit, in die sie treten, bewusster sind: TheaterschauspielerInnen, TänzerInnen, KünstlerInnen, BloggerInnen, …

Heute möchte ich empfehlen, sich beim nächsten vor-die-Tür-Treten, beim nächsten mit-jemandem-in-Kontakt-Treten, sich seiner Gefühle, Gedanken, Worte, Handlungen, seiner ganzen Person bewusst zu sein. Falls Ihr Euch auf das Experiment einlasst, freute mich wie immer Feedback – ob in zwei Worten à la ‚Hab’s probiert‘ oder als ausführliche Feldstudien-Analyse 😉 .

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Offener Blick

Heute möchte ich anhand eines Beispiels meine Behauptung veranschaulichen, dass und wie wichtig (und hoffentlich nicht nur mir!) der wache und möglichst vorurteilsfreie Blick ist und wie wenig man Kunstbetrachtung von allen anderen Betrachtungen in der Welt trennen muss.

Das, was ein waches Leben, einen wachen Blick ausmacht, ist meines Erachtens der Balanceakt zwischen Vertrauen in die Mitmenschen und Realitätssicht. Die Frage „Wem nützt was?“ ist dabei ein probates und das zentrale Hilfsmittel. Dabei sieht man zwangsläufig, wo das Vertrauen darin, dass alle Menschen ein immer besseres Leben für alle Menschen anstreben und mitgestalten wollen, unangebracht ist und wo man ansetzen kann/muss.

Kunstbetrachtung soll weiterbringen, soll den Menschen weiterbilden, nicht nur auf reines Faktenwissen bezogen; eben nicht nur rückwärts gedacht. Sie kann mithelfen, ein immer besseres Leben für alle Menschen zu verwirklichen. Eine innere Bildung, eine größere soziale Kompetenz wird gewonnen, wenn man sich auf die Worte und/oder Arbeit eines anderen Menschen einlässt.

Ob eine bestimmte Kunstbetrachtung „etwas bringt“, merkt man sofort oder mit einigem Abstand; man kann in sich hineinhorchen und da eine ziemlich sichere Aussage treffen, wenn man einen guten Draht zu seinen inneren Abläufen hat oder daran arbeiten möchte, ihn zu bekommen. Selbst Dinge, die man ablehnt, bringen einen in Kontakt zu sich und der Welt. Sie können Empathie schulen, indem man sich offen den Gedanken und Gefühlen stellt, die einen überkommen und eine immer bessere Ahnung erhält, dass es anderen ganz genau so geht.

Mit diesem Hintergrund und ohne dass es direkt ersichtlich (!) etwas mit den eben niedergeschriebenen Überlegungen zu tun hat, biete ich nun folgendes vertiefende Interview mit dem Psychologen Rainer Mausfeld zum Lesen an:

http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22955

Vertiefend deshalb, weil es sich auf die Behauptungen aus diesem Vortrag bezieht:

https://www.youtube.com/watch?v=UxUby8zVWUA

Wer also lieber einen Film sieht anstatt zu lesen (obwohl es sich – versprochen – sehr, sehr lohnt), ist herzlich aufgefordert; wie immer freue ich mich auf Eure Gedanken und einen Austausch!

 

auge

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CITIZENFOUR

Ich spüre immer stärker, dass Kunst für mich nichts Abgehobenes, nicht „fern von der Welt“ ist. Es gibt natürlich für alle Varianten Beispiele, aber sinnvoll ist für mich nur eine Kunst, die Kontakt sucht, die sprechen möchte, und zwar auch von den verbesserungswürdigen Dingen dieser Welt. Deswegen bin ich derzeit stark angezogen von Menschen, Büchern, Filmen, Dingen im Netz, die das thematisieren.

Als ich vor ein paar Tagen zum ersten Mal Laura Poitras‘ Dokumentation CITIZENFOUR aus dem Jahr 2014 über Edward Snowden sah, war ich wieder konfrontiert mit der Frage „Wie wollen wir leben? Wofür wollen wir streiten? Was ist uns wichtig?“ Weil sich für manchen sicher nicht sofort erschließt, was das Thema mit Kunst zu tun hat, möchte ich es hier sofort sagen: auf den ersten Blick nicht viel.

Gerade habe ich begonnen, „Verflüssigungen“ von Adrienne Goehler zu lesen. Der Autorin geht es um den Dialog zwischen den Disziplinen, um das Aufbrechen alter, festgefahrener Abgrenzungsgedanken. Schon der Untertitel war interessant für mich („Wege und Umwege vom Sozialstaat zur Kulturgesellschaft“), und nach Lektüre des Klappentextes war ich überzeugt, dass das Buch sich für mich zu lesen lohnt.

Der Begriff, der alles verbindet, ist „Freiheit“. Der Mensch kann sich nur wirklich entfalten, wenn er nicht in Denkstrukturen gefangen ist. Jeder von uns kennt das sich-im-Kreis-Drehen, das uns manchmal auf dem Weg zu einer Lösung lähmt. Angst macht unfrei, Abhängigkeit macht unfrei. Sich in Wort und Bild nicht vollkommen unzensiert äußern zu können, ist ein Mangel; wenn wir sogar einen inneren Zensor selbst bestärken, begrenzen wir uns selbst.

Mit Freiheit verbunden ist Verantwortung; die beiden gehen Hand in Hand. Verantwortlich zu denken, zu sprechen und zu handeln ist die Voraussetzung, im sich-Äußern bei sich bleiben zu können, fair bleiben zu können, sich sachlich auseinandersetzen zu können – und sich gegebenenfalls auch jederzeit erklären zu können. Die populäre „Ich muss mich nicht rechtfertigen“-Haltung empfinde ich nicht als hilfreich. Insofern fand ich bei CITIZENFOUR die Auseinandersetzung Edward Snowdens interessant: was möchte ich und warum, wer ist auch betroffen, was löst es unter Umständen aus, welche Konsequenzen hat es in der Welt, welche ganz persönlich für mich? Und zwar alles weit entfernt von der Frage „Wer hat Recht?“, denn es gibt selten ein universell empfundenes Recht.

Kunst ist weder jemals harmlos gleich unbedeutend, noch drückt sie Recht aus, noch steht sie für die moralisch bessere Haltung. Sie ist stete Verhandlung, Dialogangebot, individueller Ausdruck, der einmal ganz persönlich und „klein“ sein kann, einmal groß und bedeutend fürs Weltgeschehen, alles zusammen und alles dazwischen. Nur Hinschauen und Hinhören sind Voraussetzung, Auseinandersetzung, damit sie wirken und beantwortet werden kann. So wie jeder Skandal, so wie jede Enthüllung, so wie jeder Satz und jede kreative Schöpfung eines jeden Menschen. Wie will ich leben? Wofür will ich streiten? Was ist mir wichtig?

Was hat es mit mir zu tun?“

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CITIZENFOUR

https://de.wikipedia.org/wiki/Citizenfour

https://vimeo.com/146807890

Für mich geht es letztlich um die Macht des Staates im Vergleich zu den Möglichkeiten des Volkes, sich dieser Macht zu widersetzen. Ich sitze da jeden Tag und werde dafür bezahlt, Methoden zu entwickeln, um die Macht des Staates zu stärken. Und mir wird klar: wenn sich die Politik verändert, die als einzige den Staat im Zaum hält, dann gibt es keinen Widerstand mehr. Dazu müsste man schon ein absolutes technisches Genie sein. Ich weiß nicht, ob sich noch irgendjemand – egal wie begabt er ist – all diesen Behörden und schlauen Leuten widersetzen könnte. Nicht mal gegen die mittelmäßigen Leute und ihre Hilfsmittel kommt man an. Ich habe gesehen, dass die Versprechungen der Obama-Regierung verraten und verworfen wurden. Man entwickelte die Dinge sogar noch weiter, von denen man versprochen hatte, sie einzudämmen und zu zügeln. Es wurde schlimmer.“ (Edward Snowden)

Da ist was dran. Ich will mich nicht verstecken; das seh‘ ich nicht ein, auch, wenn die Umstände dafür sprechen. Ich finde, es ist ein starkes Signal, einfach zu sagen: ich habe keine Angst. Andere sollten auch keine Angst haben. Ich hab‘ letzte Woche noch neben euch im Büro gesessen. Das geht uns alle an. Es ist unser Land. Das Machtverhältnis zwischen Bürgern und Regierung wird allmählich das von Herrschern und Beherrschten, nicht mehr das von Gewählten und Wählern.“ (Edward Snowden)

Zunächst einmal: die USA rechtfertigen alles, was seit dem 11. September passiert, mit dem Terrorismus. Alles geschieht im Namen der Sicherheit, um unser Volk zu beschützen. In Wirklichkeit gilt das Gegenteil. Viele, viele Dokumente haben nichts mit Terrorismus oder nationaler Sicherheit zu tun, sondern mit Konkurrenz zwischen Staaten und mit der Konkurrenz von Firmen auf industriellem oder finanziellem Gebiet.“ (Glenn Greenwald)

Die Konsequenzen dieser Ausschaltung der Privatsphäre sind schwer abzusehen, aber uns muss klar sein, dass es enorme Auswirkungen haben könnte. Die Möglichkeit der Bürger, zu demonstrieren oder sich politisch zu organisieren, ist stark eingeschränkt, wenn es keine Privatsphäre gibt.“ (Glenn Greenwald)

Wie sie wissen gab es im Juni drei Strafanzeigen gegen Snowden wegen schwerer Verbrechen. […] Dies ist ein sehr ungewöhnliches Mandat, nicht nur für sie alle, sondern auch für mich. Das Gesetz unterscheidet nicht zwischen Leaks an die Presse im öffentlichen Interesse und dem Verkauf von Geheimnissen an den Feind zur persönlichen Bereicherung. Nach dem Espionage Act schützt es also nicht vor Strafe, wenn die veröffentlichte Information gar nicht geheimhaltungswürdig war oder wenn die Verbreitung im öffentlichen Interesse ist und zu Reformen führt. Selbst wenn ein Gericht entscheidet, dass die aufgedeckten Praktiken verfassungswidrig waren, schützt das nicht vor Strafe. Die Regierung muss die Geheimhaltung nicht rechtfertigen; sie muss nicht nachweisen, dass die Veröffentlichung schädlich war. All das ist irrelevant. Wenn wir sagen, dass es keinen fairen Prozess gibt, meinen wir nicht das, was Menschenrechtler als faire Prozessbedingungen bezeichnen, wir sagen, dass das Gesetz an sich für Snowden jegliche Verteidigung unmöglich macht. Er wird mit einem Spion gleichgesetzt. Aus den drei Anklagepunkten könnten noch hundert oder zweihundert oder dreihundert werden; er könnte für jedes Dokument angeklagt werden, das ein Journalist veröffentlicht. Uns allen ist wohl klar – auch, wenn wir hier als Anwälte diskutieren – dass zu 95 % die Politik und nur zu 5 % das Recht entscheidet, wie diese Sache ausgeht.“ (Ben Wizner)

Es muss schwierig sein, in die Privatsphäre eines Menschen einzudringen, weil es so ein schwerwiegendes Eindringen ist. Weil es so verstörend ist. Wie sollen wir ohne Privatsphäre frei und offen diskutieren? Was nützt uns das Recht auf freie Meinungsäußerung, wenn es nicht geschützt wird? Man kann nicht mehr vertraulich über etwas diskutieren, das einem nicht gefällt. Überlegen sie mal, was das für eine entmutigende Wirkung hat, und was für eine Wirkung auf Länder, die kein Recht auf Privatsphäre haben!“ (Ladar Levison)

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Verstörend und mitten ins Herz

In der a tempo-Ausgabe dieses März berührt mich ein Artikel besonders: „Vergesslich“ von Brigitte Werner. (Leider ist der Artikel nicht zu verlinken, da er in der Online-Ausgabe fehlt.)

Die Autorin beschreibt darin ihre Beziehung zu einer Zeichnung, die sie als Kind in der Wohnung ihrer Freundin entdeckt hat. Als Erstes sticht der damals Achtjährigen die Andersartigkeit des Bildes ins Auge. Weder hat es Farbe noch entspricht es den Engelbildklischees, die dem Kind bereits begegnet sind. Da die Mutter des Haushalts den Titel den Bildes – „Vergesslicher Engel“ – deutlich darunter geschrieben hatte, war das die nächste Überraschung: „Ich dachte immer, Engel seien vollkommen.“

Die Fragen, die sich das Kind bezüglich des Bildes stellt, drängen sich ihm auf, beschäftigen es, fragen in verschiedene Richtungen: war der Engel aus dem Himmel verstoßen, hatte er etwas Konkretes vergessen, hatte er etwas verloren, schämte er sich, war er traurig? „Ich ging sofort in Kontakt zu ihm.“

Und sie mag ihn sehr. Ich glaube zwar, dass er ihr von Beginn an sympathisch war, aber ich denke, dass ihre Beschäftigung mit ihm sie ihn hat mögen lassen. Sie sagt sogar: „Ich liebte ihn.“

Sie betrachtet ihn unbeobachtet länger, „heimlich, heimlich“, spricht zu ihm, tröstet ihn, will in seinen etwas Unsichtbares haltenden Händen „sein großes Geheimnis entdecken“.

Als Brigitte Werner später Kunst studiert und sich mit Paul Klee beschäftigt, stößt sie auf seine Engelserie und ihren alten Freund. Ihre Fragen werden erwachsen und beschäftigen sich zunehmend mit dem Erschaffer der Zeichnung, der schwer erkrankt war, als er seine Engelbilder begann. Und noch später, „in einer großen Klee-Ausstellung, begegnete ich ihm aufs Neue. Und wieder die alten Rätsel. Und wieder ein paar neue. Dieser Engel verstört mich. Und dieser Engel trifft mich mitten ins Herz. Aber ist es nicht genau das, was Engel immer tun? So wie die Kunst?“

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Was mich an der Geschichte fasziniert, ist die Tatsache, dass uns ein bestimmtes Bild, eine bestimmte künstlerische Arbeit viele Jahre, manchmal ein Leben lang begleiten kann, ohne dass wir sie jemals ganz begreifen. Es geht auch gar nicht um ein „Begreifen“, um „totales Verständnis“. Es geht um Annäherung. Und zwar um die an den Erschaffer, der mittels seiner Kunst kommuniziert, genau wie an die Annäherung an uns selbst. Denn das Bemühen, sich und andere zu verstehen, immer besser zu verstehen, obwohl man an das vermeintliche Ideal von umfassendem Verständnis nie heranreicht, nie heranreichen kann, ist das Geschenk, das beide Seiten bereichert.

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http://www.hamburger-kunsthalle.de/index.php/paul-klee-material.html

 

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Anleitung für das aggressionsfreie Rezipieren von Kunst

Derzeit beschäftigen mich vorwiegend zwei Dinge, mit denen ich ständig konfrontiert werde und die zwar getrennt erscheinen, aber unbedingt zusammengehören: die Abkehr sehr vieler Menschen von „Kunst“ oder ihr Gefühl, das Thema gar nicht erst näher an sich heran zu lassen und das Thematisieren einer fehlenden adäquaten Bezahlung von „Kunst“ derjenigen, die keine Megastars im Kunstbetrieb sind.

Und dieses Wort, Kunstbetrieb, setzt jetzt hier auch das Ende der Anführungszeichen um Kunst.

Ich stelle immer wieder fest, dass Kreativität, die jeder schon automatisch lebt, weil beinahe jeder Mensch auf die eine oder andere Weise kreativ ist, keine Aggression bei anderen hervorruft. Aus dieser Kreativität heraus kann Kunst entstehen, die andere Menschen berührt, bewegt im Sinne von „weiter denken lässt“, „neu denken lässt“. Das Entstandene muss nicht mal so benannt werden, damit es als auseinandersetzenswert auffällt – es fällt auf und wirkt, oder es wirkt nicht, und beides ist in Ordnung. Die Freiwilligkeit in der Begegnung ist das, was einem aggressiven Gefühl entgegenwirkt. Es mag auch ein Preis dran stehen, den ich sehen oder nicht sehen, den ich zahlen oder nicht zahlen kann. Alles macht noch kein Problem.

In dem Augenblick, in dem etwas aber von vornherein Kunst sein soll (so geht das etablierte Kunstsystem jedenfalls vor), indem eine Sache mit einem Etikett behängt werden soll, an die jeder Mensch ein anderes Etikett hängen würde, beginnt bei den Meisten der aggressive Reiz zu kitzeln. Wer das Gefühl kennt, sollte sich vielleicht fragen, was für ihn Kunst ist, und das möglich abstrakt beschreiben, ohne konkretes Beispiel. Also nicht: „Also DAS ist bestimmt KEINE Kunst, Fett in eine Ecke zu schmieren!“ oder: „Wenn etwas SO ist, DANN ist es für mich Kunst!“, sondern:

„Wenn ich,
ohne ein konkretes Beispiel benennen zu müssen,
Worte finden müsste,
was Kunst für mich ist,
dann wären es diese: …“

Dabei ist enorm wichtig, nicht an ein bestimmtes Kunstwerk zu denken. Ich gehe heute mit meinen Lesern jede Wette ein, dass jeder, der ernsthaft, sachlich, ohne Ironie, innere Abwehr oder besonderes Wohlwollen nach einer abstrakten Beschreibung für Kunst sucht, diese auch findet. Und ich kann beinahe versprechen, dass, wenn man sich diese Worte, seine eigenen Worte ins Gedächtnis ruft, sich danach alles ansehen kann, was irgendjemand kreativ erschaffen hat, und – wenn es nicht gedacht ist zu provozieren und sein Ziel erreicht – auch vollkommen ohne Aggression. Und ohne Kunst in „etabliert“ und „amateurhaft betrieben“ trennen zu müssen. (Man darf nicht ganz außer acht lassen, dass der etablierte Kunstbetrieb selbstverständlich weiter trennen wird; das muss er sogar, möchte er sich erhalten. Aber wir, die wir nicht zu ihm gehören und seinen Regeln nicht gerecht werden müssen, kön-nen frei gestalten, können frei betrachten.)

Selbstverständlich ist man nicht frei von Gefühlen oder Gedanken beim Betrachten. Also wäre der nächste Schritt, um weiterhin aggressionsfrei zu bleiben, sich zu fragen: „Was macht das gerade mit mir?“ oder: „Was hat es mit mir zu tun?“ Man kann ziemlich sicher sein, dass es auf keinen Fall geschaffen worden ist, um jemanden persönlich zu ärgern, also kann man auch locker möglichen Ärger zulassen… Und man findet etwas über sich selbst heraus, sieht eine neue Facette seiner selbst, lernt sich selbst besser kennen.

Der dritte und letzte Schritt ist, sich die Arbeit ohne Preis vorzustellen, ob vorhanden oder nicht.

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Wenn Chris Dercon, der Direktor der Tate Gallery of Modern Art in London, bemängelt, dass seine Mitarbeiter unterbezahlt sind, dann bin ich ganz bei ihm. Das dürfte es in keinem Museum und auch sonst nirgendwo geben, wie es so Vieles nicht geben dürfte. Und ich bin bei ihm, wenn Birte Carolin Sebastian in der Online-Ausgabe der FAZ vom 09.01.2014 seine Sicht so beschreibt: „Deshalb funktioniere Ai Weiwei so gut. Man müsse seine Werke nicht besitzen oder zu Hause ausstellen, man fühle sich seinen Ideen verbunden. Der Betrachter habe das Gefühl, an Ai Weiweis Leben teilzuhaben. Seine Kunst sei imstande, die eigenen Sichtachsen zu ändern, neue Perspektiven auf die Welt zu gewinnen.“ Die Überschrift des Artikels lautet: „Kunst soll verbinden, nicht gekauft werden.“ …

Wie kann derselbe Mann in denselben Topf werfen, dass z. B. immer Jüngere bloggen, und durch ihre Gratis-Lieferungen damit schon früh begönnen, „Preise kaputt zu machen“, wie ich seine Aussagen im Artikel von Holger Liebs in der Online-Ausgabe von „Monopol“ aus dem Jahr 2010 deute? Finanziell mag Vieles selbstausbeuterisch sein, aber was ist mit kreativer Herzensbildung und mentaler Zufriedenheit? Was, wenn Menschen heute einfach von vornherein durch die gegebenen Möglichkeiten anders leben, durch die Kunst in den alltäglichen Gegenständen beeinflusst anders denken? Was, wenn sie sich deswegen Ai Weiwei verbunden fühlen, weil sie, seit sie Kinder sind, gelernt haben, Ideen wertzuschätzen? Was, wenn sie einen Zugang zu Kunst haben, ohne dass das so benannt wird: Kunst.

Viele, die später, denkend, Kunst ablehnen, tun das, weil sie in ihrem Leben auf den Betrieb um das gestoßen sind, das sie als Kind bereits natürlich gelebt haben, als sie einen Sommer lang im Museumsgarten arbeiten und ausstellen durften, als sie zulassen durften, zu berühren und berührt zu werden. Es floss im besten Sinne durch sie hindurch; sie mussten sich keine Gedanken darüber machen, ob sie nicht etwas davon zurückhalten sollten, um es „später“ „gewinnbringend“ zu vermarkten… Sie haben mit Kunst zu tun, jeden Tag, auch die, die sagen „Das ist nichts für mich“ oder „Damit kenne ich mich nicht aus“. Womit sie sich nicht auskennen, sind die Regeln des Kunstsystems, wenn sie kein Insider sind. Alles andere tragen sie in sich, seit sie Kinder waren.

Worauf sollte ich in meinem Leben noch warten? Ich werde als No-Name ohne diesbezügliche Kontakte keine bessere Möglichkeit bekommen, mich auszuleben, ohne damit anderen zu schaden oder ihnen etwas wegzunehmen. Ja, Vieles von dem, was ich mache, ist gratis. Weil es mir ein Anliegen ist, es zu tun oder zu sagen, und man kann es mir stehlen, weil es nicht geschützt ist. Aber die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, auf die Wenigen zu warten, die durch ihre finanziellen Möglichkeiten oder ihr Netzwerk „durchkommen“, sichtbar, hörbar werden und damit sogar ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Wir brauchen Bandbreite, in allem. Und trotzdem muss ich, solange sich die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens nicht durchgesetzt hat (ich werde es in meiner berufstätigen Zeit sicher nicht mehr erleben), Geld verdienen, werde das tun, solange es mir möglich ist und mit dafür streiten, dass es eine faire Bezahlung für jeden am System Beteiligten geben muss. Ein Vollzeitjob muss reichen, um mit einem fairen Stundenlohn über die Runden zu kommen, auch als MuseumsmitarbeiterIn, auch in der Tate Modern. Aber Kunst, deren mangelnde Vergleichbarkeit eine Bezahlung, eine Be-Lohnung niemals objektiv fair sein lässt, muss weiterhin von Kapitalmärkten abgelöst betrachtet werden können, sonst wird selbst das urmenschliche Verlangen, sich miteinander auszutauschen, korrumpiert. Sonst werden die Museumsgarten-Kinder enttäuscht.

Mit der Kunst bewahren sich Menschen das vielleicht letzte Bisschen Unkäuflichkeit, vielleicht ähnlich dem Erleben bedingungsloser und damit unerklärlicher Liebe. Und wo sie sehen, dass das verraten und verkauft wird, erleben sie Wut.

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Ich habe das Wort, das ich gesucht hatte, um Kunst als Dachbegriff für jede menschliche kreative Transformation zu benennen, bislang nicht gefunden; dies einmal als Zwischenstand. Ich muss weiterhin „Kunst“ sagen und laufe Gefahr, dass ich in dem Augenblick weniger etwas sage, als gehört und gedeutet zu werden. Und da sind sie wieder, die Anführungszeichen.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/tate-modern-kunst-soll-verbinden-nicht-gekauft-werden-12741326.html

http://www.monopol-magazin.de/artikel/20101584/-chris-dercon-kuenstlerprekariat.html

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