Haben wir immer nur diesen einen Moment? Und: wer sind wir eigentlich?

*

Im kürzlich angelaufene Kino-Film „Your Name.“ ist eines bald kein Geheimnis mehr: zu wissen, dass das Mädchen Mitsuha und der Junge Taki einem Körpertausch unterliegen, der mehrmals in der Woche, aber immer nur für einen Tag geschieht, ist unerlässlich, um die Geschichte verfolgen zu können.

Mir war klar, dass ich den Film mögen würde, und zwar nicht, weil er ein Anime ist; ich fürchtete, dass ich mich zu sehr an die Anime-„Heidi“ meiner Kinderjahre erinnert fühlen würde oder an „Nils Holgersson“. Doch die beiden „alten“ Helden waren rasch vergessen. Ich wunderte mich auch nur kurz, warum selbst asiatische Menschen in einem asiatischen Film kaum asiatisch aussehen… – dann fing mich die Geschichte ein.

Klar war mir, dass ich den Film mögen würde, weil ich das Grundthema kannte: den Gestaltenwandel der Hauptfiguren verbunden mit dem Spiel der Zeitebenen. Beides fasziniert mich, zweitrangig, wie es umgesetzt ist.

Hannah Pilarczyk schreibt bei SPIEGEL ONLINE:

Mit dem Gestaltenwandel macht der Film jedoch nicht vor sich selbst halt. Kaum hat man sich in das bezaubernde Geflecht aus Takis und Mitsuhas Leben verstrickt, wandelt sich Your Name selbst und streift die Hülle der Coming-of-Age-Komödie ab. Was der Film danach wird, soll hier nicht verraten werden, denn es zu entdecken, gehört zu den schönsten Überraschungen, die man seit Langem im Kino erleben kann. Nicht festgelegt zu sein – auf das eine Genre oder die eine Zielgruppe – ist auch das, was Your Name so herausragen lässt.“

Nicht festgelegt zu sein – auch das fasziniert mich in seinen verschiedenen Möglichkeiten. Nicht festgelegt im Denken zu sein, offen für Aspektwechsel zu bleiben, das wünsche ich mir für mich. Nicht festgelegt im Sein zu sein, das wäre schön, denn es veränderte Hoffnung ins beinahe Grenzenlose. Als ein Mensch, der nicht an Wiedergeburt in den gängigen Definitionen glaubt, wäre ich sicher ähnlich erschrocken wie Mitsuha und Taki – oder Sofie Amundsen und Hilde Møller Knag. Jostein Gaarders Sofie muss nach etlichen seiner Romanseiten feststellen, dass nicht sie die reale Person ist, sondern die für Fiktion gehaltene Hilde. So den „vermeintlich sicheren Platz in der Welt in Frage“ stellen zu müssen, wie es die Wikipedia formuliert, kann sicher schockierend sein. Es ab und an freiwillig zu tun, kann nur persönlich zu begreifende, bereichernde Weiterentwicklung sein.

*

Das ist musubi, denke ich.

Ob nun Wasser, Reis oder Sake, alles, was man dem Körper zuführt, nennt man ebenfalls musubi.

Denn alles, was in den Körper kommt, stellt eine Verbindung zur Seele her.

An jenem Tag hatte ich mir vorgenommen, mir das zu merken, um es beim Aufwachen noch zu wissen. Versuchsweise sage ich es laut: ‚… sich verdrehen und verwickeln, gelegentlich zurückkehren und sich wieder verbinden. Das ist musubi. Das ist die Zeit.‘ “

*

http://www.spiegel.de/kultur/kino/anime-meisterwerk-your-name-in-dir-finde-ich-mein-glueck-filmkritik-a-1186885.html

*

http://www.zeit.de/kultur/film/2018-01/your-name-animefilm-makoto-shinkai-japan-bilddaten-your-name-animefilm

*

https://www.youtube.com/watch?v=twVtDMVShTs

*

https://books.google.de/books?id=ZVMzDwAAQBAJ&pg=PT144&lpg=PT144&dq=was+ist+musubi&source=bl&ots=1ARmeDpfMa&sig=oZzvfGoo76ZIQpGpbewVKSEIL3s&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjA4vDk_4HZAhWIyqQKHWq8Cb8Q6AEIRTAE#v=onepage&q=was%20ist%20musubi&f=false

*

Advertisements
Standard

Kunst und „täglich grüßt das Murmeltier“

Kunst und „täglich grüßt das Murmeltier“

Ich habe im Grunde keinen meiner Texte, die ich bisher veröffentlicht habe, als etwas ganz Abgeschlossenes gesehen. Sogar auf meinem Blog www.sabinepint.wordpress.com, der als Blog eben nicht in erster Linie kommentiert wird, erscheinen meine Texte als Gesprächsangebote; jedenfalls sind sie so gemeint, auch, wenn ich bei manchen Themen klar positioniert bin. Ich hoffe immer, dass gerade eine klare Position auch zum Widerspruch und damit zur Diskussion einlädt und meine Art bei aller Herausforderung nicht als provokant aufgefasst wird.

Auch die regelmäßig unregelmäßigen Zerschneideaktionen mancher meiner Bilder sollen nicht provozieren, sondern mir gefällt der Gedanke der Weiterentwicklung; dass einzelne Fragmente als eigene kleine Bilder mit derselben „Information“, ähnlich einer Körperzelle, z. B. als Grußkarte auf Reisen gehen, ver-teilt, ge-teilt werden.

Sowohl beim Bloggen als auch beim Bilder-Teilen bleibt Feedback manchmal komplett aus. Nach allen konstruktiven und weniger konstruktiven Gesprächen der letzten Zeit mit KreativkollegInnen halte ich es aber nicht für hilfreich, daraus nur die eigene penetrante Unrelevanz zu schließen und seine Lebensart aufzugeben, wozu manche meiner Gesprächspartner durchaus tendieren. Dass das ein „Fehler“ sei, wäre aber auch unpassend, denn jede und jeder muss es selbstverständlich für sich fühlen und entscheiden. Ich selbst glaube nur an Fehler in Mathe-Aufgaben, wenn nach strengen Definitionen und festgelegten Regeln eine Aufgabe nicht gelöst wird. Wenn man im Leben aber niemanden bewusst verletzt, ob an Geist oder Körper, gibt es weder „Fehler“ noch „scheitern“. Es gibt nur lernen. Daher würde ich es für mich für einen Fehler halten 😉 , eine Facette meiner Lebensart als „Fehler“ irgendwann einzustellen, obwohl sie mir für mich noch sinnvoll erscheint.

Worin hat wohl Phil Connors, der Held aus dem 1993 erschienenen Film „Groundhog Day – Und täglich grüßt das Murmeltier“ den Sinn gesehen, als er – ich weiß nicht zum wievielten Mal – beim Aufwachen „I got you, babe“ gehört hat, und das, obwohl er sich nicht nur am Vortag, sondern an ungezählten „Vortagen“ nun wirklich in sein Schicksal ergeben und wirklich das Allerbeste aus seinem Tag (denn es war ja immer derselbe!) gemacht hat? Der Zuschauer wünscht ihm Erlösung: „Also jetzt hat er es doch nun WIRKLICH verdient, dass dieser Tag endlich von einem nachfolgenden, von der Zukunft oder zumindest einer neuen Gegenwart abgelöst wird! Was soll er denn noch machen??“ Der Clou ist, dass es gegen Ende gar nicht mehr so scheint, als wolle Phil noch aus seiner Zeitschleife fliehen, so wie er es zu Anfang unbedingt wollte. Der „letzte Tag vor der neuen Gegenwart“ zeigt, wie er seine Zeit genutzt und wie es ihm geholfen hat, das Beste aus dem zu machen, was ist, statt sich zu wünschen, was vielleicht nie mehr sein kann.

Dabei wollen sowohl der Film (mutmaßlich) als auch ich (ganz bestimmt!) nicht für Fatalismus plädieren; er ist ein Gleichnis. Bei der Wikipedia ist es gut erklärt: „Ein Gleichnis ist eine kurze Erzählung. Sie dient zur Veranschaulichung eines Sachverhalts nicht durch einen Begriff, sondern durch bildhafte Rede. Über die Veranschaulichung hinaus wird dem Gleichnis auch verändernde Funktion zugeschrieben. Der Hörer/Leser soll sich in der Erzählung selbst entdecken können und damit eingeladen werden, seine Situation zu verändern.“

Ich ergänze: auch der Zuschauer! Phil Connors entschließt sich nicht sofort nach dem zweiten oder dritten und auch nicht nach dem zehnten Erwachen am „selben“ Tag, das für ihn Beste aus der Situation zu machen, wozu seine eigene Veränderung gehört; er hadert und verzweifelt bis hin zu Selbstmorden, die zwar immer klappen, aber durch die Zeitschleife doch nur Versuche bleiben. Dabei schafft es der Film, diesen tragischen Momenten dank Bill Murray trotzdem Komik abzugewinnen, nicht zuletzt auch wegen der am Schluss dieser Phase rasant zusammengeschnittenen Selbstmorde. Erst, als er in den täglichen – und aufgrund der Zeitschleife im wahrsten Wortsinne alltäglichen – Gegebenheiten eine eigene Qualität entdeckt, beginnt die Veränderung in ihm. Das immer bessere Kennenlernen seiner selbst, das erzwungene Fokussieren auf das Wesentliche eines Tages bis hin zum Begleiten eines alten Obdachlosen bei dessen Tod, hilft ihm durch die Prüfung und kommt allen Menschen in seiner Umgebung zugute. Abgesehen von einer gewandelten Kleidungs- oder Einrichtungsmode ist der Film so aktuell wie vor 22 Jahren und ich glaube, auch noch für heute junge Leute witzig.

Warum erzähle ich das?

Weil ich immer öfter an Phil und seine Lehre denken muss: bestimmte Gegebenheiten sind einfach da; sie gelten, weil du dich irgendwann im Leben auch für Dinge entschieden hast, die nicht mehr revidierbar sind oder deren Revision so unbedingt nötig wie vollkommen unrealistisch ist (wie z. B. ein Berufswechsel in den 50er Jahren des eigenen Lebens). Dann gilt es, von Phil Connors zu lernen, wie man Sinn im Leben aufrechterhalten kann, ohne sich etwas vor zu machen oder schön zu reden, denn beides tut dieser nicht. Da ist kein Zwang in diesem „Sinn“, den er in seinem Leben neu sieht; er „macht“ den Sinn nicht oder nennt Dinge sinnvoll, die es nicht sind – er lebt einen Sinn.

Und ich glaube, so lebe ich „Kunst“. Dadurch, dass ich mich bewusst nicht für einen „offiziellen“ Weg entschieden habe aus ähnlichen Gründen, die mich vor einigen Jahren endlich aus der Kirche haben austreten lassen oder mir die Gewissheit geben, niemals einer Partei angehören zu wollen, bin ich in der Gestaltung meines kreativen Lebens frei. Ich muss niemandem gefallen, ich muss mich nach niemandem richten, ich kann ausdrücken, was ich will und wie ich es will. Ich kann verkaufen oder verschenken. Menschen, mit denen ich mich für Projekte zusammentue, begegne ich auf Augenhöhe, partnerschaftlich statt hierarchisch. Dadurch, dass sich niemand mit meinem unbekannten Namen schmücken will, kann ich bei von anderen signalisiertem Interesse davon ausgehen, dass wirklich meine Arbeit, meine Leistung gemeint ist und gehe so von vornherein gestärkt in neue Vorhaben. Risiken dürfen sein, denn ich riskiere nie das für mich Wesentliche: meine in Jahrzehnten gewachsene Überzeugung, dass alles Menschengemachte Menschen zugute kommen sollte statt sie zu diskriminieren, zu boykottieren, zu verletzen. Auch die Kunst ist menschengemacht für Menschen: zur Erbauung, zur Horizonterweiterung, zur Veränderung zum Positiven oder noch Positiveren. Sie soll nicht ausgrenzen, sie soll einladen! Sie ist eine lebendige Ausdrucksform und keine tote Sprache, die man – bestenfalls und rückblickend – studiert.

Ich habe noch eine andere Plattform für meinen Blog auf Facebook. Auch dort heißt es ‚Sabine Pint: Kunst ist für die Menschen‘. Als eine Firma dort anbot, den Blog für einen gewünschten Zeitraum als Buch zu drucken, konnte ich nur eine kleine Weile widerstehen; die Kosten sollten sich in Grenzen halten, und das Ergebnis sollte also dasselbe in haptischer Form sein; etwas zum Zeigen, wenn kein Stromanschluss in der Nähe war. Aber das Ergebnis war enttäuschend: das Wichtigste, die Gespräche, waren nur angerissen ausgedruckt, so dass das Zeigen dieses Buches eher wie ein Ego-Trip scheinen würde als aussagekräftig zu sein. Auch Foto-Bücher habe ich schon versucht. Da ist der Vorteil, dass man bei einem guten Programm Texte und Bilder auf verschiedene Art einsetzen und zeigen kann – besonders schön als wirklich persönliches Geschenk, aber wegen der dann explodierenden Kosten nur bedingt zur Vervielfältigung geeignet. Eines aber fehlt bei allen Print-Varianten: die Lebendigkeit. So dass ich mir auch dabei eingestehen muss: für mich ist das Internet bei allen Missbrauchsmöglichkeiten der Ort meiner Wahl, das Netz und das persönliche Gespräch, und manchmal findet das eine im anderen statt. Und so habe ich mich in meinem Punxsutawney eingerichtet, tatsächlich ohne dass mir etwas fehlt. Und wenn morgen der Radiowecker „I got you, babe“ spielt, bin ich da, wo ich sein möchte: mitten in meinem Leben!

wordpress

Standard

Kunst und Philosophie, Teil 3

Kunst und Philosophie, Teil 3

Ich rekapituliere noch einmal das Fazit aus dem letzten Text:

Da die vier Perspektiven (ich-Position, objektive Sicht, die Synthese dieser beiden und das Verstehen durch Erfahrung) nicht gleichzeitig eingenommen werden können, „ohne dabei einen Aspekt zu verabsolutieren“, braucht es etwas, das aus der Widersprüchlichkeit heraushilft: die direkte Erfahrung des Lebens, weil sie sich theoretischer Spekulation entzieht. Gert Scobel formuliert es so: „Gedanken und Theorien sind gut, aber sie erschöpfen sich. Dann ist es notwendig, wieder ins Leben hineinzugehen, so tief man kann, um klar zu werden. Man muss wieder einfache Dinge tun, um klar zu sehen.“ Vielleicht muss man die Dinge auch gar nicht werten, sie gar nicht unterscheiden zwischen „einfach“ und etwas anderem, muss also vielleicht nicht „einfache Dinge tun“, sondern muss einfach etwas tun!

Im Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ von Jean-Pierre Jeunet gibt es viele schöne Szenen, aber eine berührt mich immer besonders, weil sie ein so kostbares Gefühl beschreibt. Es ist die, die Amélies Lebensgefühl widerspiegelt, nachdem sie sich zum ersten Mal in das Leben eines anderen Menschen eingemischt, ihm ein intensives Erlebnis ermöglicht hat. Man sieht sie in Zeitlupe gehen; obwohl erst nur ihr Kopf aus einer niedrigeren Perspektive zu sehen ist, nimmt man ihren beschwingten Schritt wahr. Die Szene ist neben leiser Musik unterlegt mit der Stimme des Erzählers:

„Amélie hat plötzlich das Gefühl, in absoluter Harmonie mit sich selbst zu sein. In diesem Augenblick ist alles perfekt: die Weichheit des Lebens, dieser feine Duft, die ruhige Atmosphäre der Stadt. Sie atmet tief ein, und das Leben erscheint ihr so einfach, so klar, dass sie eine Anwandlung von Liebe überkommt und das Verlangen, der gesamten Menschheit zu helfen.“

Dieses Gefühl oder zumindest ein verwandtes Gefühlserlebnis durfte ich auch schon ein paar Mal genießen; ich habe den Eindruck, dass es mir mit zunehmendem Alter öfter zuteil wird; als junge Frau kannte ich es gar nicht, obwohl Amélie im Film es mit Anfang 20 erlebt. Menschen, die es noch nicht kennen, würden es evtl. mit Selbstzufriedenheit verwechseln; so wäre es mir gegangen. Das Gefühl geht aber weit darüber hinaus, und es ist sehr schwer zu beschreiben. Scobel’s weitere Ausführungen sind für mich der Versuch, es trotzdem zu tun, und für mich trifft er es sehr gut:

„Vielleicht lässt sich dieser Zustand der Klarheit beschreiben als eine tiefe Ausgeglichenheit, eine Art alle Kampfzonen umfassenden Waffenstillstand zwischen Geist und Körper, Innen und Außen, der Welt der ersten und der Welt der dritten Person, dem Ich und den Dingen. Das denken [Gert Scobel schreibt das durchgehend klein; Anm. d. Verfasserin] verliert dann seine quälenden Eigenschaften. Es geht dabei jedoch gerade nicht um ein der Erfahrung enthobenes spekulatives denken, sondern um eine im realen, alltäglichen Handeln erreichte Balance zwischen körperlichen und geistigen Prozessen.“

Dass denken und Lebenspraxis sich nicht voneinander trennen lassen, führt zur Erfahrung des Perspektiven- oder Aspektwechsels. Wir alle kennen sogenannte Kippfiguren, zwei Figuren in einem Bild. Eine der bekanntesten ist der „Hasen-Enten-Kopf“, bei der man oft lange erst nur eins der beiden enthaltenen Motive erkennt, aber irgendwann die Wahrnehmung „kippt“ – und man auf einmal das andere Motiv sieht. Im Fall des Würfels, bei dem man sowohl sehen kann, dass er nach vorne zeigt, als auch (wenn die Wahrnehmung kippt) nach hinten, fällt es mir sogar schwer, das zuerst gesehene Motiv noch einmal wieder zu sehen – das jeweils andere zu sehen macht gewissermaßen Mühe. Einige sagen auch, dass sie den Sichtwechsel gar nicht schaffen, so sehr sie sich auch bemühen, selbst wenn jemand ihnen z. B. sagt, auf was sie achten müssen, um das andere ihnen verborgene Motiv sehen zu können. Das heißt natürlich nicht, dass sie es niemals sehen werden, aber im Augenblick sind sie „aspektblind“. Die Fähigkeit, einen Perspektivenwechsel vornehmen zu können oder das eben nicht zu können prägt unsere Wahrnehmung, auch die Wahrnehmung unseres Lebens. „Zu welchen Aspektwechseln müssen wir fähig sein, um wirklich sehen, um verstehen zu können?“ fragt Scobel.

Im letzten Text sprach ich den vermeintlichen Widerspruch zwischen den zahllosen kreativen Arbeiten dieser Welt an; dass es Menschen gibt, die in der einen Umsetzung (z. B. Malerei) „Kunst“ (nach ihrer Definition) sehen und in einer anderen (z. B. eine Performance, die sich einem nicht leicht erschließt) nicht (wieder nach ihrer Definition). Der Nebenmann, die Nebenfrau sieht es genau umgekehrt; er, sie definiert anders, nicht falsch. Das ist das für mich Hochphilosophische an Kunstbetrachtung: der Aspektwechsel, dessen Möglichkeit man sogar ein und derselben Arbeit einräumen muss – und auch das birgt keinen Widerspruch. Deswegen ist es möglich, ein und dieselbe künstlerische Arbeit einmal zu verreißen (dem, dem der Aspektwechsel hier zunächst versagt ist) und einmal zu rühmen (dem, dem eine Aussage, ein neues Gefühl, eine neue Denkanregung „entgegen gekippt“ ist). Deswegen ist es unsinnig, künstlerische Arbeiten generell zu bewerten: man bewertet sie immer unter eigenem Aspekt. Und weil das nicht nur Laien tun, sondern auch Experten, erklären sich so auch Widersprüche in der Kunstkritik; das Problem ist lediglich, dass die Kritik oft absolut vertreten wird – und mögliche Aspektwechsel außer Acht gelassen oder sogar negiert werden.

Ansgar Lorenz und Reiner Ruffing sagen in ihrem 2012 im Wilhelm Fink Verlag erschienenen „Theodor W. Adorno – Philosophie für Einsteiger“ Folgendes:

„Für Adorno hat die Kunst einen hohen Stellenwert.“ … „Er meint, dass sich an der in großen Kunstwerken vorzufindenden ‚Versöhnung zwischen Mimesis und Rationalität’ die gesellschaftliche Praxis zu orientieren hätte.“, aber:

„Laut Adorno gibt es in der Kunst einen Wahrheitsanspruch, der sich nicht an der Weltanschauung des Künstlers orientiert, sondern in der Form des künstlerischen Werkes zum Ausdruck kommt. Man kann im 20. Jahrhundert nicht mehr so malen, komponieren, bauen oder schreiben wie im Zeitalter der Aufklärung. Der Künstler ist nicht – wie im Expressionismus behauptet – nur seiner inneren Stimme verpflichtet, sondern muss gerade seine Partikularität überwinden, wenn er Bleibendes schaffen will.“

Ich würde an dieser Stelle Adorno geantwortet haben: Ein Künstler heute wird nicht mehr so malen, komponieren, bauen etc. wie zu früheren Zeiten; die Beeinflussung der sich weiter entwickelt habenden und immer noch weiter entwickelnden Welt wird in seinen Arbeiten zu sehen sein, selbst, wenn er eine alte Technik benutzt.

„Dieser letzte Gedanke, dass Kunst sich von ihrem Schöpfer emanzipiert und einen eigenen kritischen Sachgehalt zum Sprechen bringt, liegt Adorno besonders am Herzen. Kunst ist nicht in erster Linie eine Angelegenheit des subjektiven Geschmacks, sondern drückt objektive Wahrheiten aus.“ Adorno-Zitat: Das Kunstwerk wird ja zu einem Objektiven gerade dadurch, dass es dem Künstler sich als ein Selbstständiges und in sich Organisiertes entgegensetzt. … Je vollständiger ihm das gelingt, je weniger es nur Dokumentation des Künstlers, je mehr es ein in sich selber Sprechendes ist, um so höher wird das Kunstwerk im allgemeinen ja auch rangieren.

Wenn ich den Philosophen hier richtig deute, wird er – zumindest in dieser Behauptung – u. a. durch mittlerweile unzählige Mem-Beispiele widerlegt. Obwohl die Mem-Theorie umstritten ist, ist der Prozess unstrittig, dass sich Bewusstseinsinhalte durch Kommunikation verbreiten und irgendwann ein Eigenleben führen können – „ein Selbstständiges“, „ein in sich selber Sprechendes“ werden können. Nur ist das nicht unbedingt ein Merkmal für hohe Qualität, wie z. B. die „Bielefeldverschwörung“ zeigt, ein zuerst über das Internet verbreiteter Dauerwitz, der zum Inhalt hat, dass es die Stadt Bielefeld nicht gäbe. Dieses und andere verbreitete Nonsens-Beispiele (auch Comic-Strips und Bilder aller Art) haben mal mehr und mal weniger witzigen Charakter, und das eine oder andere mit mehr Tiefgang wird auch trotz der inflationären Verbreitung berühren können, aber „als Kunstwerk rangieren“ wird wohl offiziell kaum jemals eines von diesen.

Alles erwächst aus Menschen und ist in meinen Augen IMMER AUCH Dokumentation des Erschaffers. Ich halte nichts davon, dass man sich bemühen sollte, sich dort weitgehend raus- oder zurückzuzuhalten; ich glaube auch gar nicht, dass man das kann. Es gilt zu hinterfragen, was mit „objektiven Wahrheiten“ gemeint ist, denn abgesehen von einem allgemein menschlichen Konsens – dass man beispielsweise keinen anderen Menschen tötet – gibt es keine „objektiven Wahrheiten“.

Bin ich auf der Suche nach etwas, nach einer persönlichen Antwort auf eine Lebensfrage, die sich durchaus nicht nur auf mich beziehen muss, sondern – und das möchte ich ausdrücklich nicht pathetisch verstanden wissen – auf alle Menschen, auf die Menschheit, auf die Welt, dann kann ich das u. U. in einem ur-persönlichen Erzeugnis eines anderen Menschen finden, der die Tragweite seiner Kreation zur Zeit der Erschaffung nicht absehen konnte und auch nicht später. Vielleicht hilft mir gerade, dass der Erschaffer „ganz bei sich“ geblieben ist, sich dokumentiert hat.

Mir gefällt der Gedanke, dass die Art, wie Amélie Poulain die Menschen in ihrer Umgebung berührt, sich in der Bedeutung und in der Resonanz nicht unterscheidet vom berührt-Werden durch eine künstlerische Arbeit, und dass Bedeutung und Resonanz immer auf beiden Seiten liegen: beim Erschaffer einer Sache, beim Anreger eines Gedankens, beim Hervorrufer eines Gefühls und bei dessen Adressaten. Echter Dialog beschenkt immer beide Seiten, und das ist in der Kunst eben nicht anders. „Authentische Kunsterfahrung öffnet den Blick für Ungewohntes. Sie zeigt, dass es existenzielle Erkenntnisse jenseits der Logik und den Wissenschaften gibt.“ Und Authentizität bedeutet für mich, dass man nicht unbedingt danach strebt, etwas Bleibendes zu schaffen, sondern dass man auf seine Art einfach im Gespräch bleibt – und sich und anderen weiterhilft auf den verschlungenen Pfaden durch das eigene Leben und durch eine sich stetig verändernde und oft auch brutale Welt.

Für Melanie

Zitate aus
Gert Scobel: „Warum wir philosophieren müssen“, 2012, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main
Ansgar Lorenz, Reiner Ruffing: „Theodor W. Adorno“, 2012, Wilhelm Fink Verlag, München
„Die fabelhafte Welt der Amélie“, Film von Jean-Pierre Jeunet, 2001, Frankreich

Standard