Selbstmotivation

„Selbstmotivation“ klingt aufgesetzt, angestrengt, so, als müsste man immer wieder mühevoll einen neuen Anlauf nehmen. Es wird Situationen geben, in denen es sich genau so anfühlt, und es wird bestimmt Menschen geben, für die sich das immer so anfühlt.
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Als ich letztens bei Freunden war, lag da eine Zeitschrift aufgeschlagen, und die Worte Markt und Künstler sprangen mich an. Da die Freunde kurzzeitig anderweitig beschäftigt waren, begann ich den Artikel anzulesen, aber viel Zeit wollte ich mir dafür dort nicht nehmen, und so fotografierte ich ihn ab. Die Titelzeilen habe ich nur halb im Bild, da mir der Name des Autors wichtig war: Tim Sommer.

Der Chefredakteur des Kunstmagazins „art“ beschreibt in dem Artikel des Magazins „dbmobil“ auf eindrucksvolle Weise, wie der Weg eines Menschen aussieht, der beschließt, Künstler zu werden. Er lässt nichts aus: „prekäre, konjunkturabhängige Tätigkeit“, „schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, „zweifelhaftes Sozialprestige“ sind die Beschreibungen schon im ersten Absatz, einer fiktiven Stellenbeschreibung.

„… der berufsmäßig Andersdenkende, der Lieferant für Alternativen“ startet mit etwa 4999 Mitstudenten jährlich in Deutschland, „macht 50000 Konkurrenten in den nächsten zehn Jahren.“ Er oder sie erprobt Techniken, redet viel und lernt zumindest sich selbst mit „Glück“ „sehr gut kennen“. „Regeln, nach denen eine Arbeit nachvollziehbar als gut oder schlecht bewertet werden könnte“, gibt es nicht.

„Ihr Werk bedeutet nichts, gilt nichts, hat keinen Preis, solange es im Atelier schlummert. Zur Kunst wird ein Gegenstand erst, wenn er durch die Betrachtung Sinn und durch die Diskussion darüber eine Stimme bekommt – frei skalierbar von Ihrem Bekanntenkreis bis zur Weltpresse.“

Nachdem man die 30 überschritten hat, wird es eng mit Atelier-Programmen, Stipendien und Förderpreisen. Es wird schwierig für jemanden, der bis dahin keine Galerie hat, die für ihn mitarbeitet, wobei der Name der Galerie den „Rang“ des Künstlers zum Großteil mit ausmacht.

„Vorausgesetzt, Sie sind wirklich zeitgemäß, fleißig und umtriebig, jetzt in Ihren besten Jahren, dann wird Sie der kreisende Suchscheinwerfer der Geltung hoffentlich treffen. Garantiert ist das keineswegs.“ Wer es bis dahin geschafft hat und auf einem großen Festival, einer Biennale oder der Documenta (weiter) entdeckt wird, kann bald schon wieder im Nebel verschwinden, „weil sich selbst die Berufsauskenner unmöglich alles in ihr Langzeitgedächtnis schaufeln können, was die globalisierte Kunstmaschine wichtig macht.“

Je älter man und frau wird, desto schwieriger wird ein würdevoller Aufenthalt auf dem offiziellen Kunstparkett dem, der unentdeckt bleibt, und kommt es zu später „Wieder- oder Erstentdeckung“, „[schämt] sich [der Kunstbetrieb] dabei nicht ein bisschen seiner Ignoranz durch Abgelenktheit in der Zwischenzeit“.

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Ich habe dieses Beschriebene wohl früh in meinem Leben befürchtet, so dass Kunst für mich nie als „Beruf“ in Frage gekommen wäre; ich habe nie auch nur im Traum mit dem Gedanken gespielt, ein Kunststudium zu beginnen. Vor zehn Jahren habe ich mir den Streit zwischen „Hobby“- und „Berufs“künstlern beherzt und emotional von der Seele geschrieben, ohne jede Rücksicht auf leichte Lesbarkeit 😉 (http://www.sabinepint.de/diskussion.htm).

Immer war in mir der augenscheinliche Widerspruch: wie leben denn die anderen ihre Kreativität? Versteckt? Denn ich kannte von allen, die zwar von Hause aus und teilweise langjährig kreativ waren, nur ein verschämtes ‚ich schreibe ja auch ein bisschen‘ oder ein ‚manchmal male ich auch‘, wenn sie es nicht auf dem „offiziellen“ Weg taten. Aus Sorge, sich zu outen, weil man ja nie und nimmer so „gut“ wie irgendein Ausstudierter sein könne.

Später, als Quereinsteiger in allen möglichen Bereichen Normalität wurden und/oder man immer mehr davon mitbekam, stieg das Selbstbewusstsein mancher Betroffener, aber längst nicht bei allen. Und in mir blieb immer dieser Widerspruch.

Nur: ich wollte mich ihm nicht beugen. Zeigte ein Bild mit 16 und las meinen Text mit 20 vor einem fremden Berliner Publikum. Dachte nicht, dass ich jetzt bekannt würde, sondern lebte genau so weiter: malte weiter, stellte ab und an aus bei dem, der das auch wollte, begann zu bloggen, nachdem ich nicht mehr belletristisch schrieb. Sah und sehe alles als Angebot, das man auch ablehnen kann, genau so, wie ich Dinge ablehne, wenn ich sie gerade nicht „suche“. Kunst ist in meinem Leben; sie ist ein Ausdrucksmittel, eine Sprache mehr, in der ich Kontakt pflegen kann.

Wenn sich Menschen fragten, wie ich motiviert bleiben kann, dann wäre meine Antwort, dass ich mir das nicht aussuche. Mich über Kreativität auszudrücken strengt mich nicht an, sondern ist mir ein Bedürfnis. Ich warte dabei auf nichts. Ich halte es mit Wilfried Schmickler, der in den letzten „Mitternachtsspitzen“ sagte „Leben wir öffentlich!“ und dabei nicht meinte, sich immer und überall selbst gläsern zu machen, sondern zu Haltung aufrief, wie er es meistens tut.

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„Die Welt der Kunst ist der letzte große Freiheitsraum, den die durchrationalisierte Gegenwart zu bieten hat. Eine wunderbare Nebenwelt, die uns die Wirklichkeit verstehen lehrt, indem wir sie verlassen. Hier begegnen wir den extremsten Gestalten, den verstiegensten Ideen, den zartesten Empfindungen und den brutalsten Erkenntnissen, der vollendeten Schönheit und vollendeten Hässlichkeit. Wer sich dieser Zumutung aussetzt, wird sich dabei verändern.“ (Tim Sommer)

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Kunst-Hand-Werk

„Der Begriff ‚Kunsthandwerk‘ wurde, nachdem die Metiers der Maler, Buchmaler, Glasmaler, Glasbläser, Graveure, Bildhauer, Gold- und Silberschmiede, Schnitzer, Möbelschreiner, Drechsler, Weber, Instrumentenbauer, Bildwirker, Töpfer und dergleichen jahrhundertelang als reines Handwerk betrachtet worden waren, erst in jüngerer Zeit ausgeprägt.

[…]

Der Begriff Kunsthandwerk hebt – im Vergleich zur Kunst – das handwerkliche und technische Interesse hervor. In der Erhaltung traditioneller handwerklicher Techniken übernimmt das Kunsthandwerk eine wichtige Aufgabe: Materialität, Verarbeitung und Ästhetik der Formgebung spielen eine wichtige Rolle, wobei tiefer gehende autonome geistige Prozesse in den Hintergrund treten. Vorwiegend bleibt das Schaffen in funktionalen und angewandten Bereichen. Häufig werden Gestaltungen und ästhetische Interessen angewandt, um insbesondere Gebrauchsartikel aufwerten zu können.“ [Wikipedia]

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Nicht nur die Grenzen zwischen Handwerk und Kunsthandwerk waren schon immer fließend, sondern auch die zwischen Kunsthandwerk und Kunst. Denn man kann umgekehrt ja nicht sagen, dass Künstler das Handwerkliche durchweg vernachlässigten. Manchmal haben sie ausführende Kräfte, die ihre Ideen umsetzen. Und auch, wenn sie es selber tun, sieht man die Handwerkskunst hinter der Arbeit nicht mehr unbedingt, weil die Kreation vielleicht nicht schön, sondern genau so umgesetzt ihre Idee vertritt. Aber „nur“ Kunst, das heißt Idee ohne irgendeine Ausführung, gibt es ebenso wenig, wobei die Arten der „Handwerke“ dabei mannigfaltig sind, bis hin zu Wort-, Kommunikations- und Netzkunst.

Alles hat seine Berechtigung; ein gegeneinander Aufrechnen hätte keinen Sinn. Und die fließenden Grenzen – beispielsweise im Fall von Möbeln oder Schmuck – zeigen, dass dogmatisch vertretene Urteile mindestens schwierig sind… ein Weiterdenken, auch schriftlich hier gelassen, freut mich sehr!

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Im Fall von Margarete Steiffs Plüschtieren scheint die Sache durch die Fließbandproduktion klar zu sein: eindeutig Kunsthandwerk. Aber sie hat nach ihrem ersten nach einem schon bestehenden Schnittmuster entstandenen Teil, dem „Elefäntle“, auch Tiere selbst entworfen.

Gerne teile ich mit Euch den Spielfilm über ihr Leben mit der fabelhaften, glaubwürdigen Heike Makatsch in der Titelrolle.

Und auch hier wieder: Verzahnung und fließende Grenzen: HandwerksKunst inspiriert Schauspiel- und InszenierungsKunst… handwerk.

https://www.youtube.com/watch?v=0oOE953-AlY

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Begeisterung

http://www.wdr.de/programmvorschau/wdrfernsehen/sendung/2017-01-02/41733143/beat-im-pott.html

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Was ich an Oliver Schwabes Dokumentation so besonders fand ist die Tatsache, dass über Personen berichtet wird, deren Namen heute vielleicht nur in Szenekreisen noch bekannt sind, die aber „zu ihrer Zeit“ die Musik mit einer ungeheuren Begeisterung gelebt haben. Einigen von ihnen fehlt es heute nicht, einige beschäftigen sich immer noch damit, wieder andere sagen, dass es ihnen vermutlich dadurch nicht fehlt, weil sie es früher so intensiv gelebt haben; sie zehren mental, emotional noch davon. Alle einte die Begeisterung für Kunst, in dem Fall eben Musik.

Es ist also durchaus möglich, eine Kunstrichtung so unmittelbar zu erfahren, dass man angeregt wird, „selber zu machen“, ohne Scheu und vor allem: ohne Scham. Dass, obwohl auch Widerstand erlebt wird, obwohl es ohrenscheinlich Bessere und Schlechtere gibt, einfach damit weiter gemacht wird, weil die Begeisterung einen trägt.

So erlebe auch ich Kunst: begeistert und begeisternd. Durch die eigene Freude, das eigene Feuer werden unter Umständen andere angesteckt, die ebenfalls ihre kreative Seite entdecken – oder auch „nur“ durch die Kreativität anderer bereichert werden. Es ist Musik oder Malerei, Skulptur oder Schreiben, Schauspielen oder auch Bloggen. Es kann das Leben sein.

In der Unterschiedlichkeit der ausübenden Personen liegt eine Antwort: es gibt nicht den Weg, der für alle gilt, weder im Beginnen, noch im Begehen, noch im Beenden. Aber es gibt einen kleinsten gemeinsamen Nenner: Begeisterung.

Also, wenn es im Hirn, in den Fingern, in den Füßen juckt (IN den Füßen 😉 !): traut Euch, Begeisterung zu leben, wenn Ihr sie empfindet, und lasst Euch anstecken und mitreißen!

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Standpunkt

Magazin alverde, Oktober 2016: „… warum dieses Format?“

Jana Pallaske: „Ich liebe Tanzen und ich tanze jeden Tag. Aber am besten barfuß und so wild und frei wie nur irgend möglich! Tanzen zu bewerten und nach Regeln zu tanzen, wie bei ‚Let’s dance‘, ist für mich eigentlich absurd und völlig konträr zu meiner Lebenseinstellung. Aber ich wollte zeigen, dass ich die Regelwerke respektieren kann. Denn wenn ich jetzt empfehle, dass jeder mindestens fünf Minuten täglich mal bitte so richtig frei und so wild wie nur möglich tanzt, um alles rauszulassen, dann kann niemand sagen „Die sagt das nur, weil sie es nicht kann.“ Nein, meine Intention, meine Herzensmission, in allem was ich tue, ist einfach nur,  Menschen zu ermutigen, ihr kreatives Potenzial zu entfalten, ihre Flügel auszubreiten und sich zu trauen, ihr Leben zu leben. Jetzt.“

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Zum Beispiel: Toleranz

Zum Beispiel frage ich mich, ob ich tolerant sein sollte gegenüber Dingen, die witzig sein sollen, wenn sie beispielsweise gepaart sind mit dem Stolz (den ich nicht nachempfinde bei Zufallsdingen wie den Geburtsort) auf die „eigene“ Stadt (kürzlich sah ich einen Auto-Aufkleber „Deutscher durch Geburt und Gladbacher durch die Gnade Gottes“, alles in ‚alter‘ Schrift), tolerant sein kann gegenüber Fußballfeiern mit Nationalflaggenmeer (die Meisten wollen nur feiern und ich kein Spielverderber sein, empfinde aber derart begeisterte Nationalitätsbekundungen als ungeheuer destruktiv), tolerant sein kann gegenüber dem Kunstbetrieb (der vom Ausschluss lebt und damit den ausgesprochenen Widerspruch praktiziert dazu, wie ich Kunst gelebt wissen möchte) u. ä. Ich gebe zu, dass ich damit Schwierigkeiten habe.

Beim Kunstbetrieb habe ich bisher immer alles gelten lassen.

Er war für mich eine „Firma“, wie jede Firma mit Chefs, eigenen Regeln, manchmal nach außen willkürlichen, zumindest nicht für alle nachvollziehbaren Entscheidungen. Bewerbe ich mich in einer solchen Firma, tue ich gut daran, mich vorher ausreichend zu informieren. Zwar habe ich keinen Einfluss auf spätere Änderungen mancher Bedingungen, den Wechsel der Mitarbeiter oder Führungskräfte zum Beispiel, aber grob kann ich wissen, worauf ich mich einlasse. Die genannten Dinge sind solche, die sich relativ schnell als guter (neuer) Weg zeigen oder nicht; „Kleinigkeiten“ wie Personal – zumindest aus Sicht ganz vieler Führungsmenschen – kann man durch Entlassungen und Neueinstellungen „korrigieren“. Und auch die Führungsmenschen zählen mehrheitlich zum Personal und haben meistens noch jemanden, der hierarchisch über ihnen steht (auch wenn er meistens sitzt). Als Mitarbeiter kann ich versuchen, die Bedingungen mitzugestalten, indem ich mich mit Wort und Tat einbringe, also sind auch da Änderungen, Kurskorrekturen zumindest nicht unmöglich.

Das ganz große Leit-Motto, das, was man das Mission-Statement nennt, das, wofür eine Firma nach außen bekannt ist, ist etwas, das gemeinhin nicht so schnell geändert wird. Das wäre nicht nur für die Marke fatal, sondern es wäre aus allen möglichen Überlegungen heraus sinnlos; jeder kann sich eigene Beispiele vorstellen.

Das ist der Grund, warum ich nie irgendwelche Anstrengungen unternommen habe, im Kunstbetrieb Fuß zu fassen, aber der mich darüber hinaus jetzt die Eingangsfragen stellen lässt. Der Leitgedanke hat mir nie gefallen. Ich hätte mich ja auch nie bei Nestlé beworben, die Wasserressourcen privatisieren (http://www.facing-finance.org/de/database/cases/nestle-privatization-of-water/). Auch dieser Leitgedanke der Ausbeutung anderer Menschen hat mir nie zugesagt. Vielleicht ( 😉 ) ist es im Kunstbetrieb nicht ganz so lebensbedrohlich, die Auswirkungen nicht dramatisch, aber dass auf der Welt eine große Firma existiert, die das kreative Potenzial der Menschen ausdünnt, begradigt und verwaltet, empfinde ich als so wenig konstruktiv wie (wenn auch friedlich ausgelebter) National- oder Regionalstolz.

Warum sollte ich zum Beispiel bei den genannten Dingen tolerant sein, Dinge widerspruchslos erdulden? Denn dabei geht es bei dieser Art Erduldung, die Toleranz genannt wird: um Widerspruchslosigkeit. Schon die vorsichtige Äußerung von Kritik oder das Einfordern einer differenzierten Diskussion wirkt manchmal ja schon intolerant. Wie sinnvoll ist eine so empfundene Intoleranz, wie sinnvoll ist es, an der vermeintlichen Tugend Toleranz festzuhalten? Sollten wir nicht auch diese Begriffe, die je nach Standpunkt unterschiedlich ausgelegt werden, loslassen und lieber miteinander ins Gespräch gehen?

Rechtes Gedankengut fällt auch bei nicht rechts orientierten, bei sogenannten – und oft sehr nachvollziehbar – nur „besorgten“ Bürgern auf fruchtbaren Boden, wo Existenz- und andere Ängste nicht nur nicht gemeinsam, vernünftig, menschlich und politisch (das heißt wirksam) angegangen, sondern negiert und oft sogar befeuert werden.

Ich bin sehr dafür, dass sich Menschen, gleich welcher Nationalität, für Fairness und Mitmenschlichkeit zusammenschließen, was nichts zu tun hat mit „Gleichmacherei“, ein beliebtes, aber unhaltbares Argument der neuen Rechten.

http://www.zdf.de/ZDF/zdfportal/programdata/befc0476-9f54-36cb-bcb9-43012ec8ac62/7ddbbbc2-ff49-4799-b6ea-ff049a4f3b54?generateCanonicalUrl=true

Die „T.H.I.N.K.“-Fragen helfen auch hier. Man soll sich diese stellen, bevor man spricht; ich würde ergänzen: auch, bevor man Gedanken und Worte zu Taten werden lässt:

  1. Is it true? – Ist es wahr/wahrhaftig?
  2. Is it helpful? – Ist es hilfreich?
  3. Is it inspiring? – Inspiriert es?
  4. Is it necessary? – Ist es notwendig?
  5. Is it kind? – Ist es freundlich/human/menschlich?

Und sie sind hilfreich bezogen auf die Firmen und anderen Zusammenschlüsse und Äußerungen dieser Welt. Und wenn man nur bei einer Frage mit „nein“ antworten oder nur schon länger überlegen muss, gilt es (wenn man selbst die/der Agierende ist) noch einmal differenzierter nachzudenken, oder (wenn man etwas von anderen hört, sieht, liest oder sonstwie mitbekommt) seine Stimme einzubringen.

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Benennung und Inhalt, Fortsetzung

 

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Ich war einmal eine entschieden deutlichere Anhängerin der Europäischen Idee. Ich fand und finde es für das Zusammenwachsen der Welt nicht hilfreich, wenn selbst kleinste Staaten (wieder) souverän sein woll(t)en. Allerdings kann ich es nachvollziehen, wie gerade aktuell die Befürworter des ‚Brexit‘; ich kann deren Enttäuschung nachvollziehen; nein: ich fühle sie auch.

Der Nachteil einer zusammenwachsenden Welt ist sicherlich die schwierigere Organisation und Verwaltung, aber wo nicht von vornherein echte Fairness angestrebt wird, ist die Idee eben von vornherein zum Scheitern verurteilt. Sei es, dass Staaten auf unrealistische Art miteinander verglichen werden, sei es, dass im Grunde andere, undurchsichtige politische Interessen ein konstruktives Miteinander vereiteln.

Sebastian Köpcke sagt es in einem facebook-Posting vom 25. Juni 2016 so: „Nicht die Rechtspopulisten verraten die Europäische Idee, denn dafür haben sie sich noch nie sonderlich erwärmen können. Es sind die »Demokraten«, die handelnden Eliten, die Europa geopfert haben, weil sie klein im Geist und mit vollgeschissenen Hosen oder schlimmer noch aus kaltem Kalkül die Krise als Normalfall etabliert haben, um mit Angst vor noch mehr Krise und mit der moralischen Integrität einer osteuropäischen Hütchenspielerbande [sic] ihr politisches Geschäft zu betreiben. Ob beim Bau von Großprojekten wie dem BER oder Stuttgart 21, ob bei Bankenrettungen durch Steuerzahler, ob beim Abbau von Freiheitsrechten zur »Terrorabwehr«, ob bei der Endlagerung ganzer Bevölkerungsschichten in staatlich organisierter Armut, ob bei der Endlagerung ganzer Länder in europäisch verwalteter Armut, ob bei einer Außenpolitik, die die eigenen Sicherheitsinteressen hintertreibt und Krieg zum Friedensdienst umdeutet, ob bei einer Friedenspolitik, die Tod, Elend und Millionen von Flüchtlingen produziert, die man sich dann mit Geld und Militär vom Halse hält – als Bürger kann man all das nur noch als irrational, gefährlich, undemokratisch und schlicht kriminell empfinden. Die europäischen Rechtspopulisten erfüllen bei all dem eine wichtige Funktion, denn sie treiben die Zweifler und die Wankelmütigen immer wieder zurück an die Seite der »Demokratie- und Wertewahrer« … Die dummen Briten auf dem flachen Land haben nun einen Akzent gesetzt, der eine Zäsur bedeutet und Europa in eine weitere Krise stürzt. Allerdings ist nicht zu befürchten, dass dies bei den Verantwortungsträgern in Resteuropa tatsächlich zu tieferen Einsichten führt, denn Schuld haben immer die Anderen und Krise ist ja ohnehin ihr alltägliches Geschäft.“

Wenn Zweifler meinen, dass mehr direkte Demokratie mehr Chaos bedeutete, weil auch uninformierte, politisch uninteressierte Menschen dann komplexe Sachverhalte mitbestimmten, ohne die Tragweite zu erfassen, dann muss ich ihnen einerseits zustimmen. Andererseits sehe ich wie Sebastian Köpcke und viele andere kein gesteigertes Interesse seitens der Politik am wirklich mündigen Bürger. Wie kann man ohne echte Transparenz Mitdenken und Mitsprache erwarten? Gar nicht; man kann nur besonders gut ausnutzen, die Menschen mit Hilfe geschickter Demagogie lediglich auf der emotionalen Ebene anzusprechen und so bestimmte Ergebnisse lancieren. (Perverserweise findet das in manchen Ländern schon für Kindesalter statt – in meinen Augen ein Verbrechen am jeweiligen Kind und an der Menschheit.)

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„Statt der nackten Gesprächsergebnisse zwischen Lobbyisten, statt bloßer Verkündung von Regierungshandeln brauchen wir Einblicke in die Prozesse. […] und wir brauchen dafür den vielfältigen Sachverstand der unterschiedlichsten Mitglieder dieser Gesellschaft.

[…]Erklärungen, die keine Prozesse, sondern druckbare Überschriften vermitteln, sind verbales Fastfood. Und warum erklärt die Bundesregierung nicht regelmäßig im Fernsehen, an welchen Fragen sie arbeitet, auf welche Lösungsmöglichkeiten sie baut, welche Modelle und deren Risiken sie gegeneinander abwägt?“ fragt Adrienne Goehler in ihrem lesenswerten Buch „Verflüssigungen“, bereits 2006 im Campus-Verlag erschienen.

Carsten Hueck schreibt in seiner Kritik dazu (http://www.deutschlandradiokultur.de/gegen-den-politischen-stillstand.950.de.html?dram:article_id=134214 ) von einem Widerspruch, den er bei der Lektüre empfunden hat: „Wenn der Sozialstaat die ‚kreative Klasse‘ hervorbringt, die beispielhaft für eine zu schaffende Kulturgesellschaft sein soll, kann er so schlecht oder unbrauchbar doch nicht sein?“

Für mich gibt es keine einheitliche „kreative Klasse“ in unserem Staat, eher dieses „unbestimmte Gefühl der Differenz“ (Adrienne Goehler). Die Autorin fängt den vermeintlichen Widerspruch gleich in ihren Vorbemerkungen auf: „Das Buch wendet sich auch an die Gruppe, die der amerikanische Sozialwissenschaftler Richard Florida die Kreative Klasse nennt, zu der die oben genannten alle gehören oder gehören könnten. Alle zusammen, auch wenn sie noch kein umfassendes Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickelt haben, sondern sie ein eher unbestimmtes Gefühl der Differenz vereint, sind nicht ein paar vereinzelte AbweichlerInnen vom Mainstream, sondern wir reden hier mittlerweile von einem beachtlichen Teil der Bevölkerung, der auf 20 bis 25 Prozent zu schätzen ist.“

Hueck schreibt: „Nach Goehler sind Kulturschaffende die Avantgarde einer neuen Arbeitswelt. Ein zweischneidiges Kompliment. Denn das Bild des Künstlers als ‚flexibler Mensch‘ ist nicht weit entfernt von neoliberalen Vorstellungen – die eben doch wieder ökonomische Effizienz vor Sinnstiftung im Auge haben und den Menschen letztlich als Material betrachten.“

Goehler sagt auf Seite 28: „Neoliberalismus und Neokonservatismus mit ihren Altideologien des Jeder-ist-seines-Glückes-Schmied sind keine Alternativen zum zerfallenden Sozialstaat, denn sie beschränken sich auf die phrasenhafte Forderung, die Einzelnen sollten ihre ‚Freiheit‘ wahrnehmen und Eigenverantwortung zeigen. Alle kennen den Subtext: Es geht darum, anderer Leute Gürtel enger zu schnallen und das Ehrenamt als Kitt für die Risse im Sozialstaat zu bemühen. Verändert wird so gar nichts, weil von den Einzelnen eine reparierende, eine kompensierende Übernahme für fehlende staatliche Verantwortung gefordert wird. Es fehlt, dass die Einzelnen an den Entscheidungen darüber beteiligt sind, was eigentlich das Soziale in dem Land, in dem sie leben, ausmachen soll und was ihr Beitrag dazu sein könnte.“

Und eben nicht nur das Soziale. Was soll miteinander leben überhaupt ausmachen, im Kleinen wie im Großen?

Wir können an der Beantwortung der großen Fragen doch nur teilnehmen, wenn wir „in unserem Kleinen“ zu reflektieren gewohnt sind. Indem wir uns der direkten Umstände um uns und unsere Mitmenschen bewusst sind. Wie möchte ich leben? Sind meine Werte mit der Freiheit meines Gegenübers (auch desjenigen, der auf einem anderen Kontinent lebt) vereinbar? Wie geht es mir gerade? Sind die Voraussetzungen so, dass ich meine Vorstellung von „leben“ umsetzen kann? Was kann ich dazu beitragen, dass auch das Leben anderer besser wird? Was ist das für mich: ein „gutes“, ein gelungenes Leben? Und: ist es nicht nur spannend zu erfahren, sondern sogar unerlässlich zu wissen, was mein Gegenüber darunter versteht?

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Man kann jedes System fair oder unfair gestalten. Wie das Kind heißt, ist nebensächlich, wenn es sich asozial oder deviant verhält. Aber: alle Begriffe sind so oder so zu füllen. „Ein von der anerkannten gesellschaftlichen Norm abweichendes Verhalten“ (Wikipedia) kann in höchstem Maße „sozial“ sein: gemeinnützig, hilfreich – wenn das anerkannte gesellschaftliche Verhalten ins A- oder Antisoziale kippt.

Inhalt ist wichtig.

Wie fülle ich eine Sache, einen Begriff? Du kannst die geschlechtergerechteste Sprache haben – ändert sich nichts im Denken und dann im Verhalten der Mitglieder einer Gesellschaft, hilft alles nichts. Das bedeutet nicht, dass sich so etwas nicht bedingt; natürlich tut es das, und ein sensibler Umgang mit Worten fördert und fordert die Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Inhalt. Aber ich glaube auch, dass der Krieg auf den Nebenschauplätzen oft vom eigentlich Wichtigen ablenkt.

Wie fülle ich Begriffe wie „Europa“, „Gleichberechtigung“ oder „Kunst“? Geographische Bezeichnung oder eine Idee des Zusammenlebens? Ein schönes Wort oder eine Idee des Zusammenlebens? Das, was im Museum hängt oder eine Idee des Zusammenlebens? Was bedeutet „Kreativität“, was „Demokratie“, was „Verantwortung“? Wovon bin ich da eigentlich Teil? Wie nehme ich eigentlich teil? Nehme ich teil?

So, wie ich glaube, dass es Kunst für alle Menschen geben sollte, die sie sich in ihrem Leben wünschen, so denke ich, dass es gut ist, sich als alle Menschen zusammenzuschließen: für ein kreatives und faires Miteinander, nicht nur europaweit.

 

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Die Entwicklung eines Workshops, Teil 3

Hallo liebe MitleserInnen,

eigentlich wollte ich „Teil 3“ noch gar nicht beginnen, sondern ganz unabhängig von der Workshop-Erarbeitung von den Filmen „alphabet“ und „who cares?“ erzählen.

Es fällt leicht, von diesen beiden Filmen den Bogen zur Kunst zu schlagen, wie ich sie begreife.

Auf der website zum Film „alphabet“ heißt es: „‘Leistung‘ als Fetisch der Wettbewerbsgesellschaft ist weltweit zum unerbittlichen Maß aller Dinge geworden. Doch die einseitige Ausrichtung auf technokratische Lernziele und auf die fehlerfreie Wiedergabe isolierter Wissensinhalte lässt genau jene spielerische Kreativität verkümmern, die uns helfen könnte, ohne Angst vor dem Scheitern nach neuen Lösungen zu suchen.“

Der ganzheitlichen Sicht auf das Thema „Bildung“ liegt die ganzheitliche Sicht auf den Menschen zugrunde. Da ich auch „Kunst“ und deren Voraussetzung „Kreativität“ als etwas dem Menschen Grundzugehöriges begreife und eine ausschließende Sicht darauf – wie sie das etablierte Kunstsystem vorsieht – nicht als vernünftig für den Menschen ansehen kann, spricht mir der Film geradezu aus der Seele!

Genauso „who cares?“, aus dem ich nur ein Zitat bringen möchte: „Wenn du beginnst, deinen Verstand zu benutzen und dich mit der Welt der Ideen, der Bilder und auch mit den Gedanken anderer zu befassen, dann stellst du fest, dass es eine unendliche Quelle ständiger Freude, Beschäftigung und Unterhaltung gibt, die kostenlos, absolut kostenlos ist.“ (John Mighton)

Der Film berichtet von „Sozialunternehmern“ aus verschiedenen Erdteilen, die alle gemeinsam haben, „dass sie gesellschaftliche Veränderungen vorantreiben wollen oder gar Lösungen für schwerwiegende soziale Probleme gefunden haben. Ansatzpunkte gibt es in der gegenwärtigen Welt zuhauf: Armut, Krieg, Unterdrückung, die Finanzkrise und den Klimawandel.“ (www.filmstarts.de)

Mich inspiriert besonders das unabhängige Denken der Protagonisten, ihre KREATIVITÄT. Sowohl im Bildungssystem als auch in allen anderen etablierten gesellschaftlichen Systemen herrscht Starrheit, und es gibt genügend Leute, die es so behalten wollen, obwohl (oder gar weil…?) es dem jeweiligen System eher dient als dem Menschen. Mich inspiriert das aktive teilnehmen-Wollen von Menschen an ihrem eigenen Leben.

Mich fasziniert, dass so viele Dinge, die mir begegnen, mich einerseits unabhängig von den Vorbereitungen auf den Workshop begeistern als auch so Vieles damit zusammenzuhängen scheint, was sich erst auf den zweiten Blick offenbart… so kann es weitergehen!

Trailer „alphabet“ https://www.youtube.com/watch?v=GInqHl8MnIU

Trailer „who cares?“ https://www.youtube.com/watch?v=yKNhH9tdzd4 

 

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