Beuys, Teil 2

Ich gehe nicht unbedingt mit Joseph Beuys konform – ohne zu behaupten, dass ich ihn da richtig verstehe – dass Provokation „nichts anderes“ sei als Produktion. Und er stellt die Qualitätsfrage, was ich durchgehend als schwierig empfinde beim Kunst-Thema. Er sagt, dass „alles Spekulieren mit Schocks […] unsinnig“ sei, und fordert „beschreibt also ganz genau, was Ihr politisch wollt“, was nach meiner Provokations-Definition den Begriff mindestens relativiert. Und er relativiert weiter, indem er ausführt, dass viele voraussetzen, dass Menschen durch Provokation einfach nur ihre (negativen) Gefühle auslebten und nicht „das bewegende Element“ im Sinn hätten. Er hält in diesem Sinne das Provokative, wie er es definiert, für „dringend erforderlich“.

Die Frage Wieland Schmieds an Gehlen, ob er sich von der Kunst, der Provokation Beuys‘ als „bewegendes Element“ angesprochen fühle, muss so gestellt ins Leere laufen. So unterbricht Beuys an dieser Stelle und möchte weggehen von der konkreten Arbeit („Wir unterhalten uns doch über eine Theorie […] Schmeißen wir doch meine Werke mal zum Fenster raus! […] Beginnt doch mal, hier zu denken und demonstriert, dass der Mensch in jedem Augenblick in die Lage gesetzt ist und ermöglichen kann, einen Schritt weiter zu tun! Gemeinschaftlich auch etwas zu tun, nicht einer gegen den anderen!“).

Schmied konkretisiert daraufhin: wenn das Publikum Kunst nicht mehr als Provokation erlebe, und Beuys setze Provokation mit Produktion gleich, dann sei die Funktion der Kunst doch zu einem Ende gekommen… und erteilt Arnold Gehlen das Wort. Diesem muss ich immer noch insofern recht geben, als dass auch ich Provokation und Produktion rein von der Begriffsdefinition her nicht gleichsetzen kann. Er findet, dass die Kunst keinen „Gegner“ mehr habe und empfindet es für die Künstler „schwierig, eine kämpferische Haltung einzunehmen und der Gegner ist weg.“ Er argumentiert, dass die Künstler das Wort Provokation deswegen umdeuten in Produktion, weil Provokation niemanden mehr als solche träfe.

„Wollen Sie eine Revolution ohne Lachen machen?“ fragt Beuys, weil Gehlen „belustigt“ gewesen sei über die von Beuys installierten Schlitten, die scheinbar aus einem VW-Bus quillen, und fragt seinerseits: „Warum haben Sie keine Kinderwagen genommen?“ Joseph Beuys Antwort spricht mir aus der Seele meiner Kunst-Definition: „Warum? Ich würde sagen, weil ich doch das Thema bestimmt habe […] die Kinderwagen sollen Sie nehmen und mal versuchen, ob Sie da was mit hinkriegen, was die Menschen interessiert!“ Zwar begibt er sich mit diesem letzten Zusatz wieder auf das dünnere Eis – Gegner wären sicher schnell mit der Frage, woher Beuys denn wissen will, dass seine Arbeit „die Menschen interessiert“ – aber die Kernaussage ist für mich, dass Fragen der Art, wie Gehlen sie formuliert hat, nie treffen, es sei denn wieder, man möchte nicht ernsthaft wissen, „warum keine Kinderwagen“, sondern möchte lediglich demonstrieren, wie angeblich willkürlich künstlerische Materialien und Umsetzungen gewählt sind.

Max Bill spricht etwas Wichtiges an: wie wird Qualität von Provokation gemessen und: ist das überhaupt möglich? „Wer ist in der Lage, das zu messen?“ Und klug sagt er weiter, dass auch er dafür ist, die „humanen Fragen“ in den Mittelpunkt zu stellen, aber man ja nicht davon ausgehen könne, zu wissen, was der jeweils andere darunter verstehe. Beuys stellt die Sinnfrage: „Was hat es für einen Sinn, aus der Kunst heraus zu entwickeln: es muss in einem Verhältnis stehen zu dem, was die Menschen brauchen, sonst ist es tatsächlich sinnlos, Kunst zu machen.“ Bills Frage, woraus abgeleitet werden könne, dass Kunst dazu Sinn mache, ist meines Erachtens wieder müßig, noch bevor ich eine Antwort eines an der Diskussion Beteiligten kenne. Sie ist nicht zu beantworten. Den Menschen – nicht allen, ich weiß, aber den meisten auf ihre individuelle Weise mit ihren individuellen Themen – wohnt der Drang zum kreativen Ausdruck nun mal inne, und genau so wenig ist zu beweisen, dass dieser Ausdruck keinen Sinn macht. Seine Kreativität aber in den Sinn einer allgemeinen, immer verhandelbaren Weiterentwicklung zu stellen, halte ich nicht nur für nachvollziehbar, sondern für sehr vernünftig.

„Der Mensch ist selbst die Ästhetik, der Mensch ist selbst das Kunstwerk.“

„Wie kommt ein Mensch in die Welt und wie verlässt er diese; das sind doch schließlich alles wichtige Fragen für den Künstler.“

Aus jeder Beuys’schen Äußerung spricht der Wunsch und Wille (auch) zu (innerer) Auseinandersetzung und Verantwortung. Diese wichtigen Fragen für den Künstler – sind das nicht relevante Fragen für jeden Menschen? Ich kann verstehen, wenn man es müßig findet, zu fragen, woher man kommt und wohin man geht, weil es höchstwahrscheinlich keine alles erklärende Antwort jemals gibt, aber ich finde die Auseinandersetzung mit der Frage, wofür man sich im Leben einsetzt niemals müßig, sondern unerlässlich.

Max Bill gefällt mir mit seinen Äußerungen. So besonders auch diese: „[…] dass […] Herr Beuys […] ein so glücklicher Mensch ist, dass er glaubt, wirklich Kunstwerke zu machen. Dann bin ich wirklich sehr zufrieden darüber. Ich weiß es nämlich über mich nicht. Ich mache etwas, das mich interessiert, von dem ich irgendwie den Eindruck habe, es bringe ein Problem, das ich mir gestellt habe, das vielleicht auch von außen kommt, weiter, und dieses Problem werde zu irgendeiner Lösung entgegengebracht, und es hätte nachher vielleicht irgendwelche Auswirkungen; vielleicht hat es keine. […] Es kann generell Kunst Auswirkungen haben, aber ob das, was ich mache, Auswirkungen hat oder nicht, das spielt dabei gar keine Rolle. Das hat übrigens Herr Beuys bis zu einem gewissen Grad auch gesagt“, und dieser antwortet. „Ja sicher; kann ich nur bestätigen. […] Man kann doch sicher voraussetzen, dass jeder […] sich bemühen sollte, dass er eine Arbeit […] gewissenhaft macht, also nach allen Seiten hin durchdenkt. Denn sonst kann er der Menschheit kein Produkt vorlegen, was er verantworten kann. Ich glaube, zumindest sagen zu können, dass, was ich gemacht habe, ich verantworten kann. […] Ich stelle nur fest, dass es unterschiedliche menschliche Begabungen gibt, und es ist ganz klar, dass eines Tages vielleicht Menschen da sein werden, die das alles für außerordentlich unzulänglich betrachten, was ich gemacht habe. Und auch etwas hinstellen, was mich überzeugt als wesentlich besser. Es ist also sogar jeder aufgerufen, das zu korrigieren, was ich falsch mache […]“

Wieder: Beuys fordert lediglich Auseinandersetzung ein vor dem Urteil und zwingt damit alle Menschen zu Verantwortung. Dass das als unbequem empfunden wurde (und wird!) glaube ich gern… Er glaubt an die Eigenverantwortung der Menschen, er glaubt an die mögliche erfolgreiche Umsetzung direkter Demokratie.

Er liest eine Frage vor, die ihn aus dem Publikum erreicht: „Da steht: ‚Können Sie definieren, was Sie konkret unter Revolution verstehen?‘ Ja, sicher: unter einer Revolution verstehe ich, dass der Mensch in diesem Sinne wie ich geschildert habe, sich selbst betrachtet nach seinen Möglichkeiten hin, dass er aber über diese philosophischen Fragen, über diese Menschenerkenntnisfragen hinaus nicht vernachlässigt, was […] am Tage geschieht. Dass er also, indem er sich ausbildet und danach fragt: wie kann ich mich zu einem besseren Instrument innerhalb der Welt machen, danach zugleich fragt, wie geht es meinem Nebenmann, wie geht es meinem Bruder? Also einfach zu fragen: wie sind die Verhältnisse in der Welt? Wer ist hier der Benachteiligte, wie kann ich ihm helfen? Also ist da doch nach zu fragen: was ist los in unserem politischen System? Was kann ich vorschlagen? Und da könnte ich sehr Vieles vorschlagen. Ich könnte zum Beispiel vorschlagen, dass es dringend notwendig wäre, die parteipolitischen Bürokratien zu überwinden, durch direkte Befragung des Volkes zu jedem einzelnen Punkt. Da könnte ich nennen, dass es sehr wichtig ist, dass die Grundgesetze ernstgenommen werden; dass ernstgenommen wird zum Beispiel, dass der Mensch sich selbst bestimmt, dass er selbst bestimmt, was gemacht wird in der Welt, dass er gefragt wird: wollen wir eine Bundeswehr haben oder wollen wir keine haben. Dass also direkte Volksbefragungen stattfinden. […] Dass weiterhin ernst gemacht wird mit der Frage der Gleichberechtigung der Menschen, der absoluten Gleichberechtigung. Dass es aufhört, dass es gewisse Menschen gibt, die privilegiert sind. Dass es aufhören muss mit der Verstaatlichung von Produktionsmitteln und ebenfalls mit dem privaten Besitz von Produktionsgütern usw. usf. – nur ein kleiner Ausschnitt […]“

(3. Teil folgt in ein paar Tagen)

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https://www.erziehungskunst.de/artikel/standpunkt/seele-richte-dich-auf/

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Offenheit

Buntstift und Öl-Pastellkreide auf Skizzenpapier

DIN A 5

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Markttreiben

Der Begriff „Kreativität“ ist etwas abgenutzt, aber ich finde, er tut’s noch ziemlich gut!
Hier im Blog ist er ein paar Mal zur Sprache gekommen; ich habe hier und anderswo konstruktiv zu ihm gestritten.

Über die Schwierigkeit, den Begriff sauber zu definieren, erzählt u. a. die Wikipedia; der Artikel lässt ahnen, von wie vielen Seiten und unterschiedlichen Aspekten man der Kreativität begegnen kann.

Über das kreative Produkt heißt es dort:

„Eine subjektive Sichtweise jeder einzelnen Person ist in der Bewertung nicht auszuschließen, da jedes Individuum nach eigenen Kriterien bewertet, wenn es keine Normwerte zur Verfügung hat und keine allgemeingültige, weil bekannte und gleichzeitig gültige und verlässliche Definition von Kreativität zur Bewertung herangezogen wird. Das bedeutet, dass durch die mangelnde Definition des Begriffs die Wertung eines einzelnen Individuums fast immer subjektiv ausfällt. Erst durch eine (oft implizite) Einigung auf eine Definition und Maßstäben zur Messung von Kreativität ist eine Gruppe dazu in der Lage ist, Kreativität zu bewerten und zu messen. Dieser Vorgang unterliegt dabei auch immer dem Zeitgeist.“

Objektiv messen lässt sich Kreativität also nur sehr ungern. Aber wir haben alle eine Vorstellung von ihr.

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Kreativität bezeichnet nicht alleine Hobby-Kunst, obwohl diese darunterfällt.
Kreativität ist Lebenseinstellung und Fantasie Sie zeigt sich im Umgang mit schwierigen Kunden und wenn man in der Küche ein Gericht noch mal gerade so rettet. Wenn man in der Lage ist, ein Problem auch noch mal von einer anderen Seite aus anzugehen. Und manchmal lässt sie Bilder entstehen. Oder Bücher.

Die Autorin Melanie Lahmer weist in ihrem Blog deutlich auf etwas Wichtiges hin:
Auf einem Markt wird die Kreativität des Erschaffers, der Erschafferin oft so gelähmt, dass diese mitunter ihre Arbeit aufgeben.

Die Wikipedia schreibt:
„In der Kunst erfordert der hier geltende Innovationszwang, dass Kreativität mit Normenbruch, also dem Verstoß gegen tradierte Normen, einhergeht.“

Melanie Lahmer sagt:
„Alle wollen das neue, große Ding, mit dem man für die nächsten Jahre ausgesorgt hat – aber keiner traut sich aus seiner Komfortzone heraus.
Das führt zu der paradoxen Situation, dass Verlage zwar händeringend nach Neuem suchen, das Neue soll aber bitte nicht zu stark vom Gewohnten abweichen.
Und darunter leiden zuallererst wir Autoren. Denn unsere Figuren und Settings dürfen nicht zu ungewöhnlich sein, wir sollen aktuelle Trends bedienen und trotzdem noch etwas Eigenes einbringen (aber nicht zu viel, bitte!). Diese Vorgaben sind so diffus und gleichzeitig einengend, dass sie immer auch Einfluss auf unsere Geschichten haben. Manchmal fühlt man sich wie ein Pferd, das Hufe scharrend vor dem Gatter steht, das sich niemand zu öffnen traut. Man könnte ja aus Versehen im Galopp irgendetwas umreißen.“

Wohin soll ein Künstler ausweichen, den der Markt entweder gebrochen hat oder der zu den Bedingungen dort nicht arbeiten, aber trotzdem weiter künstlerisch tätig sein möchte? Zu dessen Persönlichkeit es untrennbar gehört, sich auf diese seine Weise auszudrücken?
Von mir selbst kann ich sagen, dass auch mich Schranken einschränken und Normen angleichen. Vorgaben geben auch mir etwas vor; ich kann nichts mehr selbst entwickeln, und unter Druck funktioniere ich allenfalls, aber das Wunder der Kreativität wird sich mit Sicherheit nicht ereignen! Es braucht das Spielen, die Ergebnisoffenheit.

Einem Markt, der auf Gewinn aus ist oder zumindest Verluste vermeiden soll, macht ergebnisoffenes Arbeiten Bauchschmerzen, was ich aus Marktsicht sogar verstehe. Der Markt ist Mechanismen unterworfen, die ihn zu dem System machen, das er ist. Würde er den Wachstums- und Konkurrenzgedanken aufgeben, würden Köpfe und Arme des Marktkörpers sterben.

Handel ist die Bestimmung des Marktes. Doch wie kann etwas so Flatterhaftes, manchmal Flüchtiges, Lehrendes, manchmal im Flow Erlebtes, manchmal hart Erarbeitetes, mit Zeit und auch sonst nicht objektiv Messbares wie Kreativität sinnvoll gehandelt werden?
Es ist, wie Luft an der Börse zu handeln, also entweder unmöglich, oder es braucht fast schon kleinkriminelle Energie, Menschen außerhalb der Gewinnzone die Mechanismen schmackhaft zu machen. KreativarbeiterInnen liegen oft außerhalb jeglicher Gewinnzonen.

Der Gewinn für jemanden, der seine Kunst leben möchte, hat oft nichts mit materiellem Gut zu tun.

Melanie Lahmer: „Für jeden Autor, der einen Vertrag wegen seiner schlechten Bedingungen nicht unterschreibt, kommt ein neuer nach, der ihn zu noch schlechteren Bedingungen unterschreibt und sich dafür eine Flasche Sekt öffnet. Das mit dem Jubel und dem Sekt kann ich natürlich gut verstehen, das habe ich auch gemacht. Aber leider hat man damit schon den ersten Schritt in Richtung Selbstaufgabe und fehlende Wertschätzung getan. Wer sich unter Wert verkauft, setzt damit automatisch auch einen Marker. Dann zeigt man, dass man zu allen möglichen Kompromissen bereit ist, solange man sein Buch veröffentlichen darf.
Denn eines ist klar: Wenn ich diesen Vertrag nicht unterschreibe, bekomme ich möglicherweise gar keinen. Und eigentlich wollen wir doch nur eines: gelesen werden. Und dafür brauchen wir Leser, die wir auf irgendeine Weise erreichen müssen – sei es durch Verlage und den Buchhandel oder ohne Verlag im Internet.“

Das habe ich mich oft gefragt: verraten KreativarbeiterInnen sich und ihre Gabe, wenn sie sie zum Verkauf stellen, Kompromisse machen? Ich tu mich schwer, jegliche Verantwortung bei ihnen zu suchen. Der eine wird es aus guten, gerade zitierten Gründen tun, jemand anderes wird es aus genau so guten persönlichen Gründen lassen. Ich tu mich schwer damit, zu akzeptieren, dass gerade die Energie der KreativarbeiterInnen mit solchen Fragen angefressen wird. Aber ich kenne sie gut…

In Gesprächen habe ich oft ein Szenario aufgemacht, bei dem ich davon ausging, dass man die Absurdität sofort erkennt: alle KreativarbeiterInnen, die nicht gut bezahlt werden, stellen die Arbeit ein. Ein Streik. Der ist nämlich bei der Vielzahl von zum Beispiel AutorInnen mit ihrer unterschiedlichen Haltung und der vielen unterschiedlichen Verlage nicht zu organisieren. Und was sollen MalerInnen tun, die vielleicht – ich weiß es nicht – noch zahlreicher sind? Ein Aspekt des Problems: KreativarbeiterInnen auf dem Markt unterscheiden sich nicht von denen anderswo. Ihr „Endprodukt“ kann das gleiche sein. Unter MalerInnen ist daher „Schwarzarbeit“ ein großes Thema. Doch warum wird das nicht so ernst genommen wie beispielsweise bei Fliesenlegern oder anderen HandwerkerInnen, warum klingt das eher lustig? Weil Kunst in der Gesellschaft noch nicht als akzeptiert angekommen ist? Oder weil Handel mit einer nicht messbaren, nicht objektiv bewertbaren Sache so schwierig ist?

Ich gehe so weit zu sagen, dass fairer Handel auf dem Parkett der Kreativarbeit nicht möglich ist. Weil Unvergleichliches zum Vergleichen – und Handel vergleicht immer – angeglichen wird. Weil Nischenprodukte, die sich nicht verkaufen, aber die es geben muss, um Individualität und Vielfalt zu würdigen, hintenüber fallen, in der wahrnehmbaren Welt nicht mehr vorkommen. Weil mit etwas gehandelt werden soll, das allen gehört wie die Luft, die wir atmen: Fantasie und unser individueller Ausdruck dieser Fantasie.

Melanie Lahmer: „Es ist hart und es bleibt hart und ich bin nicht optimistisch genug, um an eine Besserung zu glauben. Irgendwann fällt das bisherige System in sich zusammen, und dann bleiben vermutlich nur wenige übrig. Aber bis es soweit ist, schreibe ich weiterhin meine Geschichten und versuche, so gut wie möglich davon zu leben.“

Vielleicht – wenn sich der Mensch bis dahin nicht selbst vernichtet, was ich in der letzten Zeit öfter fürchte – gibt es mal eine Gesellschaft, in der unser Versorgtsein nicht an unsere Lebensidee gekoppelt ist. Wir uns nicht entscheiden müssen, ob wir Essen kaufen oder Stifte, ob zum Malen oder Schreiben. Die Kinder fürs Leben lernen und nicht dafür, ihr Leben lang der materiellen Versorgtheit hinterher zu laufen und gesellschaftlicher Ächtung unterliegen, wenn das nicht gelingt, und das Gelingen FÜR ALLE wird immer schwieriger.

Vielleicht, wenn wir alle in einem Punkt zusammenhalten: das, was unser Menschsein ausmacht, nicht zu verraten. Und das individuell, unterschiedlich.

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https://de.wikipedia.org/wiki/Kreativit%C3%A4t

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https://siegerlandkrimis.wordpress.com/2018/03/23/autoren-unter-druck-ii/

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Standard

Mail Art, Teil 1

Ich sende Ihnen einen Gedanken zu. Bitte denken Sie ihn weiter.“ [Robert Rehfeldt]

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Den Begriff der „Mail Art“ kannte ich bereits, und meine Vorstellung davon war eher schwammig, bis ich Ende letzten Jahres den Aufruf meiner Kreativkollegin Heike Sackmann auf deren Blog sah. (Heike ruft schon länger dazu auf; einen Eindruck bekommt man auf ihrer Website; unten ist es der erste Link.)

Irgendetwas muss mich diesmal stärker gezogen haben, so dass ich zum ersten Mal – unfassbar, tatsächlich – mitbekam, dass mehrere Personen an ein und demselben Bild arbeiten und so miteinander in eine Art Gespräch kommen – ein gezeichnetes, gemaltes Gespräch. Ich war sofort entzündet!

Der Quantenphysiker David Bohm, der grundlegend über die Frage, wie unser Denken arbeitet geforscht hat, schlägt den Dialog als Mittel und Möglichkeit vor, wie sich das Denken bei seinem Tun beobachten und verstehen lässt. Bohm verwendet den Begriff Dialog im ursprünglichen Wortsinn: „dia“ heißt „durch“ und „logos“ meint „das bedeutungsvolle Wort“. Der Begriff meint also das Fließen von Sinn und das Erschließen von Bedeutung um und durch uns Menschen. Ein solcher Sinnstrom führt vielleicht zu neuen Einsichten oder zu Verständnis. Im kommunikativen Prozess wird etwas Neues geschaffen, etwas, was weder absehbar noch planbar sondern kreativ ist. Dieser so geteilte Sinn ist das Band, das uns Menschen zusammenhält.“

Ich war also gespannt darauf, ob es tatsächlich zu Kommunikation käme…

In einer Gruppe wird auf diese Weise eine andere Art des Bewusstseins möglich, ein partizipierendes Bewusstsein. Jeder einzelne hat Teil an der daraus resultierenden energetischen Aufladung einer Gruppe, deren Kraft ungleich höher ist, als es der summierten Teilnehmeranzahl entspricht. Bei einer funktionierenden Gruppe ist das gemeinsame Denken ein Prozess gemeinsamer Partizipation. Wenn wir das Denken anderer erkennen, wird es zu unserem Denken, und wir behandeln es, als sei es unser Denken.“

Im aktuellen „Dialoge“-Projekt von Heike wurden mehrere Gruppen gebildet; „meine“ bestand aus Heike Sackmann, Zoé von Neuwirth-Szilágyi und mir. Heike schickte uns beiden Mitteilnehmerinnen je vier neue Pappen im DIN A 4-Format zu; selbst begann sie auch vier Zeichnungen/Malarbeiten.

Bei diesen ersten Bögen waren mir zwei Dinge bewusst: es mussten noch die Arbeiten der beiden folgenden Zeichnerinnen aufs Blatt passen, und ich hatte den Anspruch, obschon ich keine „Serie“ zu zeichnen plante, den Motiven eine Verbindung zu geben.

Auf mein erstes Blatt kam das Augenpaar eines Kleinkindes:

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Von den kleinen runden Augäpfeln in blau war es nur ein kleiner Schritt zu etwas Großem Rundem in blau,

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und von diesem Bild wiederum ein kleiner Schritt zu der Situation unserer Welt, die derzeit für mich vorherrschend unfriedlich ist, in vielerlei Hinsicht. Mit der Yoda-Figur entschloss ich mich zu einem Bild, das „die Weisheit“ – ganz weit gefasst als universelle Weisheit, die Weisheit aller Menschen, zu der sie fähig sind – bedroht zeigt:

S1_3.jpg

Als Letztes wollte ich ein Motiv, das man sowohl schön als auch schaurig interpretieren kann, und wählte den roten Blütenregen:

S1_4.jpg

Für meinen Anfang hatte ich Motive gewählt, die unterschiedlich sind und auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben, auf den zweiten aber schon.

Bei einer zeichnerischen Gemeinschaftsarbeit den Anfang zu machen ist relativ einfach; es ist wie der Beginn eines Gespräches, bei dem man selbst das Thema vorgibt. Man spricht eine Einladung aus, sich auf für das Gegenüber mehr oder weniger zusammenhängende Gedanken einzulassen.

Kurz darauf erreichten mich Heikes Erstzeichnungen; welch tolle Steilvorlagen zum Weiterdenken!

Leider kann ich Euch die Entwicklung unserer Gemeinschaftsarbeit und meine Gedanken zu den Vorlagen, die mich erreichten, hier noch nicht zeigen, da die Mappe noch ausgestellt wird. Ich schließe also diesen ersten Teil des Berichts so ab:

„… ich will immer Geschichten erzählen“, schrieb Heike begleitend in der von ihr eingerichteten Messenger-Gruppe zu diesem Dialog, und Zoé kommentierte: „Das ist doch toll!“ Ja, dem konnte und kann ich mich nur anschließen: es war eine tolle neue Erfahrung für mich, so ins Gespräch kommen zu dürfen; ich fühle es so, dass ich tatsächlich Kommunikation erlebt habe. Die Art der Zeichnungen/Malarbeiten zeigen unsere Individualität, aber die Themen griffen direkt so auf eine Art ineinander, reichten sich die Hände, bestätigten einander im Bemühen um Sensibilität menschlichen Themen gegenüber… dass ich mich nur bereichert aus diesem Projekt jetzt weiterbewegen (lassen) kann.

Dankeschön!

WaB

M1

M2

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Es geht nicht um Standpunkte, sondern um innere Bewegtheit, nicht um Auseinandersetzung sondern um Teilhabe.“

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http://www.heike-sackmann.de/index.html/kollaborationen/

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http://www.gemeinschaftserfahrung.de/inhalte/gemeinschaftsbildung/der-dialogische-prozess/

Standard

Betreff: Kontakt von Frau Schneider

Gestern fragte eine Galerie an, ob ich nicht Interesse hätte, meine „großARTigen“ Bilder bei ihnen auszustellen; sie würden wunderbar in ihre April-Ausstellung passen. Oder in die von Mai. Oder in irgendeine andere zukünftige, alle schon terminiert und betitelt. Oder ich solle mir doch einfach auf ihrer Website eine aussuchen.

Früher hätte ich geantwortet. Nicht zustimmend, wie manche Leser jetzt vielleicht meinen könnten, nicht in freudiger naiver Erwartung kommender Unterstützung und Wertschätzung, sondern ich hätte gerne ausführlichst erzählt, warum ich mich auch gut selbst verarschen kann. Dazu brauche ich Frau Schneider nicht (die übrigens das Schreiben auch nicht durch ihre Unterschrift geadelt, sondern das man als ansonsten namenloses „Team“ unterschrieben hat).

Heute finde ich meine Antwort im Blog besser aufgehoben.

Was mich am meisten empört, ist die womögliche Geldschneiderei (wie passend!), die mit Menschen versucht wird, die eh keins haben, und wenn, dann sicher nicht durch ihre Kunst. Stellt man als No-Name im Internet aus, ist das einer der allerersten Schritte, sich von künstlerischer Seriosität zu verabschieden. Es wird Kreative geben, die das überrascht; den allermeisten wird diese Erkenntnis aber nicht neu sein. Und über eben diesen Weg habe besagte Galerie mich „zufällig“ gefunden. Man stelle sich das mal vor: zufällig! Und dann passen meine Bilder auch noch zufällig genau in die Ausstellung von April! Oder Mai. Oder in eine der übrigen zukünftig geplanten.

Ob sie tatsächlich Geld nehmen, weiß ich nicht; das geht aus der Website nicht hervor. Man muss aber davon ausgehen, und zwar nicht auf die Art, wie man es kennt: erst muss verkauft werden, ehe Geld geteilt werden kann. Und am Anfang steht eben das Vertrauen einer Galerie in den potenziell Ausstellenden, dass überhaupt Geld aus Kunden-Portemonnaies ins Haus fließt, weil der Kunde/Sammler sich etwas vom Kauf des Werkes verspricht. Und würde keine Arbeit dieser ganzen No-Names je verkauft: wie finanziert die Galerie wohl ihre Räumlichkeiten, den Strom, eventuelle Events, die dazugehören, will sie ihre KünstlerInnen wirklich „betreuen“ (Präsentation, Organisation – inkl. steuerlicher und rechtlicher Fragen – und Vermarktung)? Die Antwort kann nur sein: die armen Naivlinge, die auf bekannter-Werden hoffen, müssen monetär bluten.

Wenn man der Galerie mal zugutehalten will, dass es sich um eine sogenannte Primärmarkt-Galerie handelt, die durchaus neue, unbekannte KünstlerInnen ausstellt und verkauft, bleibt immer noch das Problem, dass sie mit mir jemanden angesprochen haben, der a) 50 Jahre alt ist, b) keine akademische Ausbildung hat, c) von dem sie nicht wissen, wie verlässlich er in welchem Turnus und in welcher Quantität „liefert“ – ja d): sie die Person eben überhaupt nicht kennen! Ich ziehe also das Fazit: weder die Galerie vertraut mir noch ich ihr, Geld ist weder für mich noch für sie zu erwarten, aber wenn, dann eher für sie, nämlich erst mal von mir. Und ich wäre gespannt, zu erfahren, wie diese Galerie potenziellen Käufern gegenüber meine „Marktentwicklung“ einschätzte – was absurd lustig ist, da es diese Entwicklung selbstverständlich nicht gibt, so dass auch potenzielle Käufer dieser Galerie zumindest nicht vertrauen dürften.

40 % der Galerien im deutschsprachigen Raum machen Verluste. Mich würde überraschen, gehörte diese hier nicht dazu. Ernsthaft interessieren würde mich, durch welche Finanzierungsart sie besteht; es steht nicht zu erwarten, bei Nachfragen eine ehrliche Antwort zu erhalten.

Was mich zusätzlich empört, aber worüber ich durch die ganzen Über’n-Tisch-Zieh-Versuche, denen man ausgesetzt ist – ob persönlich, per Telefon oder Mail/Brief – mittlerweile gelassener hinwegsehe, ist die dreiste Unpersönlichkeit der Ansprache.

Man kann nur hoffen, dass den allermeisten Angeschriebenen das auffällt und die dubiose „Galerie“ ihnen gestohlen bleiben kann.

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Unabhängig von all dem stelle ich durch die Jahre fest: es ist nicht planbar, ob, wie oder wann einen anderen Menschen meine ur-persönliche kreative Arbeit anspricht. Egal, ob sie sich in real existierenden oder in virtuellen Räumen zur Ausstellung befindet. Ob ich seriös, unseriös oder überhaupt nicht beworben werde beziehungsweise mich selbst bewerbe. Ob mich noch so viele loben oder mich monatelang weder Lob, noch Kritik, noch lediglich eine Frage zu meiner Arbeit erreicht.

Mein Bedürfnis, auszustellen, schwand mit dieser Erkenntnis zusehends. Die Menschen, die mich immer mal wieder fragten, „wann ich nochmal ausstelle“ waren sehr oft nicht die, die mir zur Zeit dieser Ausstellungen besonders viel Interesse entgegenbrachten, so dass ich die Frage nicht oder lediglich als Smalltalk verstehen konnte.

Ich habe immer öfter festgestellt, dass es die tatsächlich zufälligen Begegnungen waren, die eine gewisse Auseinandersetzung und manchmal sogar einen kleinen Austausch brachten. Ich bin sicher, dass, wenn etwas in der Erinnerung haften bleibt, es Bilder und Gespräche sind, die durch ein freiwilliges sich-Einlassen aus persönlicher subjektiver Motivation heraus betrachtet und geführt werden.

Ich denke nicht, dass ich noch einmal im klassischen Sinn ausstellen würde.

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Erwartungen – Interview zum Jahresende

Interviewer: Guten Tag! Heute wollen wir uns also über das Thema „Erwartungen“ unterhalten… wobei gleich die Frage nahe liegt: was erwarten Sie von diesem Gespräch?

Sabine Pint: [lacht] Guten Tag! Tja, was erwarte ich von unserem Gespräch? Dass es ein gutes wird… vielleicht, dass mich die eine oder andere Antwort, die ich gebe, selbst überrascht… dass meine Antworten Sie zu weiteren spannenden Fragen inspirieren… ja, und dass Sie sich selbst auch einbringen mit Ihren [betont das Wort] Antworten zu meinen Antworten.

I: [schmunzelt] Ich werde mir Mühe geben!

SP: [lacht] o.k.!

I: Fangen wir beim Begriff selbst mal an: positiv oder negativ besetzt?

SP: Upps… [zögert] eigentlich weder/noch, aber da müsste ich länger drüber nachdenken…

I: Wir haben doch Zeit, oder?

SP: Klar! [zögert länger] Ich würde bei weder/noch bleiben; der Begriff selbst ist weder positiv noch negativ; er beschreibt nur ganz neutral ein Gefühl. Ich glaube, ob und wie man das wertet, Erwartungen zu haben [betont das Wort] – das wird an den Erfahrungen liegen, die man dann jeweils macht… [schmunzelt] ich merke gerade, dass der Begriff bei mir doch irgendwie besetzt ist, weil ich mir vorgestellt habe, dass die Erwartungen bestätigt oder enttäuscht werden können – und man ja demnach etwas Gutes erwartet hat! Dabei können ja auch negative Erwartungen bestätigt werden; wenn sie enttäuscht [demonstriert Anführungszeichen] werden, ist man ja selten enttäuscht, eher erleichtert und froh…

I: Ja, aber das stimmte dann ja trotzdem, dass es eng mit Erfahrungen verknüpft ist: wie oft wird meine Erwartung bestätigt, egal ob eine positive oder eine negative…

SP: Ja. Ich frage mich gerade, inwiefern sich Erwartung [demonstriert Anführungszeichen] unterscheidet von Erfahrung [demonstriert Anführungszeichen]…

I: Ich glaube schon, dass das zwei verschiedene Dinge sind.

SP: Irgendwo kommen die ja her, die Erwartungen…

I: Sie meinen, die beruhen auf Erfahrungen?

SP: Oje… [verzieht den Mund] ich glaube, mein Kopf qualmt jetzt schon! o.k., nochmal neu gedacht… vielleicht mit einem Beispiel: erstes Verliebtsein. Damit hat man dann noch keine Erfahrungen, aber jede Menge diffuser Erwartungen, guter [betont das Wort] Erwartungen! Je nachdem, ob das erwidert wird oder nicht, ist man enttäuscht oder nicht.

[Interviewer nickt]

Und die Erfahrungen, die man in verschiedenen Lebensbereichen macht, lassen einen eher Gutes oder eher Schlechtes erwarten… da bilden die Erfahrungen quasi die Erwartungen.

I: Dann hat das eher mit dem Alter zu tun…?

SP: Nicht schon wieder! [verdreht gespielt die Augen] Seit ich in diesem Jahr 50 geworden bin und dachte, einen Blog-Beitrag dazu bringen zu müssen [demonstriert Anführungszeichen], jagt mich das Thema etwas…

I: Wirklich? Das tut mir leid! [macht gespielt mitleidigen Gesichtsausdruck]

SP: Muss es nicht! [macht gespielt souveränen Gesichtsausdruck] Aber ernsthaft: ist es nicht so, dass zumindest das Wort Erfahrung schon von sich aus ganz viel mit Alter oder Älterwerden zu tun hat? Erfahrungen kommen eben mit der Zeit, und Zeit ist gleich Alter. Und ich denke, dass auch Erwartungen sich da irgendwie anpassen…

I: Das kann schon sein…

SP: Aber Sie haben recht; nicht in allem, fällt mir gerade ein! Zum Beispiel weiß ich schon ganz lange, dass man von sich nicht auf andere schließen sollte, und weiß vom Kopf her auch, dass das ja auch vermessen wäre, zu tun. Aber bestimmte Dinge zu erwarten kann ich einfach nicht abstellen! Irgendeine Reaktion zu bekommen zum Beispiel auf irgendetwas von mir, eine Frage, eine Aussage, eine Handlung, einen Gruß. [macht eine kleine Pause] Vielleicht habe ich den Ruf weg, oft das letzte Wort haben zu wollen, weil ich dem anderen nicht das Gefühl geben möchte, ihn oder sie zu ignorieren… [lacht]

I: Sie wollen sich mit Ihren Mitmenschen auseinandersetzen…

SP: Ja. Sicher mal mehr und mal weniger, je nachdem, aber Ignoranz [betont das Wort] ist der Untergang für’s Miteinander schlechthin, der Untergang für Verständigung. Oder erst mal für den Willen zu Verständigung.

I: Womit wir wieder bei der eher neutralen Bewertung des Begriffs Erwartung wären – Erwartungen sind ja nicht per se schlecht.

SP: Nein, eben. Was sind Freundschaft und Liebe wert, wenn man an die beteiligten Menschen keine Erwartungen hätte! Erwartung von grundsätzlichem Wohlwollen, von Loyalität, dass die Worte, die gewechselt werden, zum Verhalten passen…

I: Ja.

SP: [nachdenklich] Ich möchte verlässlich sein, im besten Sinne einschätzbar, und nicht nur im Privaten. Es wäre schlimm, wenn ein Chef nichts von mir erwartete. [hebt die Schultern, macht eine kleine Pause] Oder wenn er oder sie nicht wüsste, was von mir zu erwarten ist. [Pause] Oder wäre… [Pause, der Interviewer unterbricht nicht] Was mein „mentales Standbein“ [demonstriert die Anführungszeichen], wie ich mein kreatives Leben immer nenne, angeht: ich habe nur wenige Menschen, die es interessiert, was ich mache; derzeit verfolgen 35 Menschen meinen Blog. Aber selbst, wenn es nur eine Person wäre, könnte die sich drauf verlassen, dass sie dieselbe Qualität bekäme wie wenn es 350 wären, oder 3500.

I: Erleben Sie Erwartungen an Sie nie als Druck?

SP: Ich glaube, ich bin durch die Jahre ziemlich gut darin geworden, zu spüren, was ich fühle, und das dann auch zu sagen. Sie müssen sich das jetzt nicht so vorstellen, dass ich jede klitzekleine Empfindung mitteile, aber so etwas wie Druck – das müsste [betont das Wort] ich ja schon fast kundtun!

I: Warum, weil die Empfindung eine größere, eine wichtigere ist?

SP: Ja, weil Druck mit mir so viel macht, das nicht gut ist. Er macht mein Denken eng, Kreativität verabschiedet sich beinahe völlig…

I: Könnten Sie Ihre Kreativität nicht dazu nutzen, den Druck auszugleichen… oder ihm auszuweichen?

SP: Ich glaube einerseits, dass da die Grenze meiner persönlichen Kreativität erreicht wäre, ernsthaft… [macht eine kleine Pause] Andererseits sehe ich gar nicht mehr ein, dass etwas in meinen Augen so Unnötiges wie Druck die sonst mögliche gute Qualität meiner Arbeit schmälert. Wenn man nach einiger Zeit die schlecht gemachte Arbeit betrachtet, steht da nicht dran, dass sie unter Druck entstanden und daher schlecht ist.

I: Apropos Zeit: Zeitdruck ist etwas, das auch mal einfach so entsteht, und mit dem zum Beispiel ein Mitarbeiter umgehen muss…

SP: Ich würde mir die größte Mühe geben! [schmunzelt] Aber auch Zeitdruck hat doch meistens eine Geschichte…

I: Älterwerden lässt Sie die Erwartungen an sich selbst herunterschrauben; könnte man das so sagen?

SP: Ich würde es anders ausdrücken: Mein Älterwerden verändert [betont das Wort] die Erwartungen an mich selbst. Einige verabschieden sich möglicherweise ganz – das Druck-Thema, oder, auch ganz beliebt in jungen Jahren, anderen gefallen zu wollen – andere wie Authentizität steigen womöglich noch…

I: Tatsächlich? Sie kommen mir sehr authentisch vor!

SP: Dankeschön! [lächelt, wird sofort nachdenklich] Manchmal weiß ich nicht, wie ich Menschen sagen soll, dass ich denke, dass sie zu wenig Interesse an mir haben, um es Freundschaft [demonstriert Anführungszeichen] zu nennen. Ich schwanke dann zwischen dem Impuls, das irgendwann auszusprechen und dem Wunsch, Beziehungen einfach hinzunehmen, wie sie sind, auf die Gefahr hin, nicht erklären zu können, warum ich mich vielleicht wirklich zurückziehe. Dieses Thema arbeitet schon jahrelang in mir… [macht eine Pause, der Interviewer unterbricht nicht] Vielleicht ist das mein ewiger Wunsch nach Klarheit, gepaart mit meiner Abscheu vor Willkür… ich möchte [betont das Wort], wenn ich mich von jemandem zurückziehe, gerne auch erklären, warum… und es ist ja nur schwierig, wenn im Grunde nichts Nennenswertes vorgefallen ist…

I: Vielleicht machen Sie sich zu viele Gedanken…? Oder anders: Sie denken sehr bewusst über die Dinge nach. Glauben Sie, dass andere das auch machen?

SP: Ja, das glaube ich schon. Manchmal erlebt man in Gesprächen ja die Überraschung, dass sehr ähnliche Gefühle und Gedanken im Gegenüber sind, und fragt sich, warum man nicht schon längst mal miteinander geredet hat… ich hätte aber bei einigen Sorgen, dass sie sich zu dem Satz ‚Stimmt, im Grunde interessierst du mich nicht besonders‘ nicht durchringen könnten, wir im Gespräch rumeiern und die Betroffenen in Zukunft glauben, sie müssten Interesse zeigen, wo gar keines ist… gruselige Vorstellung!

I: Ja, etwas an- oder auszusprechen birgt immer ein Risiko! [lacht]

SP: Ja. Ich bräuchte schon vorher die Garantie eines konstruktiven Austauschs… gibt’s natürlich nicht…

I: Sie erwarten [zieht die Augenbrauen hoch und nickt mehrmals] etwas Bestimmtes von zum Beispiel Freundschaft…

SP: Ja klar… wie alle anderen auch, sollte man doch meinen… es muss ein gegenseitiges ungefähr gleich großes ehrliches Interesse am anderen sein, sonst wird es nicht funktionieren, bei allem guten Willen nicht… Interesse kann man aber nicht einfordern; auch das macht ein Gespräch darüber schwierig… [Pause; guckt auf die aufgeschlagene ‚a tempo‘-Ausgabe von Dezember 2017; der Interviewer fängt den Blick auf]

I: [verdreht den Kopf, liest] „Du wirst erwartet“.

SP: Ja. Wieder was Lesenswertes von Jean-Claude Lin… ich nehm‘ das Heft regelmäßig bei ‚dm‘ mit; hängt kostenlos an den Kassen aus.

I: [dreht es zu sich um, liest] „Zu jedem menschlichen Leben gehört die Empfindung, erwartet zu sein.“ Von wann ist das Heft?

SP: Von diesem Monat. [schmunzelt] Wenn ich mich mit einem Thema beschäftige, ziehe ich alles Mögliche zum Thema an, immer. Aber das erzählen andere auch; das ist anscheinend normal.

I: Ja, das Beispiel mit den Schwangeren, die man auf einmal nur noch sieht, wenn man selbst schwanger ist.

SP: Genau! [lacht; wird wieder ernst] Lin zitiert hier Rudolf Steiner: [nimmt das Heft auf, liest] „Wir kommen uns dann so vor, wie wenn wir unser individuelles, persönliches Dasein auf der Erde etwa durch folgenden Vergleich charakterisieren können. Irgendwo ist eine Versammlung. Wir sind aufgefordert, in diese Versammlung zu kommen. Wir sind deshalb aufgefordert, in diese Versammlung als Einzelner zu kommen, weil man dort darauf wartet, dass gerade das gesagt wird, was nur wir, was das einzelne Ich als persönliche Individualität vorbringen kann.“ Und Lin schreibt weiter: „Es kann aber sein, dass wir nicht hingehen, dass wir im Leben etwas tun, wodurch wir verhindert werden, dort hinzugelangen, wo wir erwartet werden – oder dass wir nicht verstehen, was von uns erwartet wird. Manches Tragische im Leben scheint mit dieser verfehlten Wahrnehmung des geheimnisvollen Erwartet-Werdens zusammenzuhängen.“ Das erscheint mir sehr wahr…

I: Ja…

SP: Ich bin nicht sehr gut im Auswählen. Mir reicht, wenn mir eine Person sympathisch ist; dann kann quasi alles aus der Verbindung entstehen! Naja, fast [betont das Wort, schmunzelt] alles. Man muss nicht dieselben Beschäftigungsvorstellungen haben, nicht dieselben Neigungen und Abneigungen, nicht dieselbe politische Einstellung. [Pause] Obwohl die sehr viel bedeutet. Ich merke jetzt, da mein Lebensgefährte auch ein Seelenverwandter ist, wie wichtig es ist, jemanden zu haben, der da ähnlich tickt, der so ähnlich oder sogar deckungsgleich auf die Gesellschaft schaut, auf die Welt. Wie wir unsere Rolle darin sehen, darin unterscheiden wir uns dann wieder, aber von vielen anderen trennt mich offensichtlich entschieden mehr. Das weiß ich aber beim Kennenlernen noch nicht, und wüsste ich es, [macht eine kleine Pause] würde ich dann anders mit dem Menschen umgehen, würde ich das weitere Kennenlernen, die Verbindung vermeiden? [Pause] Vermutlich ja nicht…

I: Ich überlege gerade, ob Menschen, aus deren Kennenlernen dann keine Freundschaft entsteht, das bewusst vermeiden… [schüttelt den Kopf]

SP: Nein, so glaube ich das auch nicht… aber was mein Leben angeht finde ich es schon bemerkenswert, dass sich da so viele so unterschiedliche Menschen tummeln, die es nicht weiter interessiert, womit ich mich beschäftige, wohingegen Menschen, die sich leichter finden müssten – die mich [betont das Wort] leichter finden müssten – irgendwie an mir vorbei kommen [lacht]… oder, finde ich mal jemanden, mit dem ich Austausch spannend fände, weil ich viele Berührungspunkte sehe, möchte sie mich nicht weiter kennenlernen, weil es durch räumliche Trennung in erster Linie über’s Netz gepflegt werden würde.

I: Sie?

SP: Ja, diese Person, die ich gerade meinte, ist eine Frau. Hat sich entschieden, mit Kunst aufzuhören; vielleicht war das ja mit ausschlaggebend. Obwohl ich damit, was man gemeinhin darunter versteht, ja nie angefangen habe. Ich gehöre – zum Glück – [hebt den Zeigefinger, schmunzelt] keiner Szene an, bin keine offizielle Künstlerin, aber bezeichne mich auch inoffiziell nicht so, weil es nicht gut passen würde. Ich habe keinen Namen, keinen bestimmten Stil. Ich drücke mich auf verschiedenen Wegen kreativ aus, als irgendein Mensch. Ich glaube, das trifft es am besten.

I: Vielleicht ist das gerade schwierig für andere, einer Person zu begegnen, die sie nicht direkt sauber „einsortieren“ [demonstriert die Anführungszeichen] können…

SP: Kann auch ’ne Rolle spielen, klar… wobei ich mich immer frage, ob man irgendjemanden „sauber einsortieren“ [demonstriert die Anführungszeichen] sollte beim Kennenlernen oder ob nicht gerade das ein echtes Kennenlernen verhindert.

I: Mir ist etwas aufgefallen: vorhin sagten Sie, dass Sie denen, von denen Sie sich zurückziehen, das gern erklären würden…

SP: Ja…

I: Sie sagten auch, dass Sie den Eindruck hätten, dass zu wenig Interesse an Ihrer Person bestünde, was Sie erst veranlasste, sich zurückzuziehen, richtig?

SP: Ja…

I: Haben Sie es schon mal so betrachtet – wenn man voraussetzt, dass es stimmt, dass Ihr Gegenüber nicht wirklich Interesse hat – dass der Rückzug schon längst von der anderen Seite aus stattgefunden hat…?

[eine längere Pause entsteht]

SP: [lächelt, nickt] Ja, irgendwie schon… also nein: so habe ich es noch nicht betrachtet… dankeschön…

I: Sie haben insgeheim die ganze Verantwortung übernommen.

SP: [gespielt entrüstet] Ist das ein Interview oder ’ne Therapie-Sitzung? [schmunzelt]

I: Sagen Sie nicht immer, dass die Dinge kein Etikett brauchen?

[beide lachen]

SP: Nein, wirklich: dankeschön! So betrachtet beruhigt sich sogar der sonst so starke Impuls, das irgendwann ansprechen zu müssen… erstaunlich! Mal sehen, ob ich diese Betrachtungsweise etwas kultivieren kann…

I: Vielleicht neigen Sie auch beim Netz-Auftritt dazu, die gesamte Verantwortung zu übernehmen…? Ist nur eine Frage…

SP: Da würde ich ziemlich entschieden ‚nein‘ sagen.

I: Sie schreiben für 35 Personen, sagen Sie…?

SP: Ja, derzeit sind es 35, die den Blog abonniert haben. Wer davon tatsächlich mitliest, weiß ich nicht; Feedback durch ein Like oder gar eine Wortmeldung bekomme ich selten. Das heißt, ein Künstlerkollege setzt regelmäßig unregelmäßig mal ein Sternchen, aber Wortmeldungen sind – auch in den vier Jahren jetzt – eine absolute Ausnahme. Aber wenn, war es jemand der immer selben drei Personen.

I: In welchem Abstand bekommen Sie Kommentare?

SP: Das sind ziemliche Abstände… manchmal liegen Monate, manchmal ein halbes Jahr, manchmal ein Jahr dazwischen… so ungefähr.

I: Und in welchen Abständen posten Sie Beiträge?

SP: Ca. alle drei bis sechs Tage. [kurze Pause] Was ich wirklich gerne wissen würde: ob meine Abonnenten den Blog auch so abwechslungsreich finden wie ich selbst ihn finde. [lacht] Vielleicht reduziere ich die Postings im nächsten Jahr auf einmal wöchentlich, aber das hatte ich mir schon mal vorgenommen und nicht durchgehalten. Es gibt so viel Teilenswertes zum Thema Kunst, Kultur, Mensch, Gesellschaft!

I: „Offener Blick und offenes Ohr – für respektvolles und vernünftiges Miteinander“ heißt Ihr Blog im Untertitel. Sind Sie von der Kunst als alleinigem Thema abgerückt?

SP: Kunst war und ist der Aufhänger, weil Offenheit mit ihr am „ungefährlichsten“ [demonstriert die Anführungszeichen] zu trainieren ist. Aber sie war von Beginn an nicht alleiniges Thema.

I: Haben Sie dann überhaupt eine Zielgruppe im eigentlichen Sinn?

SP: Sicher keine spezielle… aber ich habe eine Wunschvorstellung von einem Gast, der meine Seiten besucht, egal ob Blog, Homepage oder meine Gemeinschaftsseite bei facebook, die auch „Kunst ist für die Menschen“ heißt. In meinem gedachten Idealfall trifft ein Mensch, der kein Kind mehr aber sonst egal welchen Alters ist – nach unten ist der Reifegrad ja offen – auf-

I: Nach oben aber auch! [lacht]

SP: [schmunzelt] Das stimmt! Also dieser gedachte Mensch kommt zufällig auf meine Seite, im Blog entweder auf den aktuellen Beitrag oder auf irgendeinen älteren, liest an, liest ihn bis zum Ende und wird durch irgendetwas dort zum Weiterdenken meiner und seiner Gedanken angeregt. Manchmal schlage ich eine spezielle Übung [demonstriert Anführungszeichen] vor, auf die man sich bei Interesse einlassen kann. Die Steigerung ist, dass dieser Jemand Kontakt zu mir aufnimmt, mir erzählt, was der Beitrag eventuell ausgelöst hat. Die Steigerung dazu wäre, dass ein Gespräch zwischen uns entsteht, und die nochmalige Steigerung wäre, dass sich andere, die ebenso zufällig dort hineingeraten sind, sich mit unterhalten. Und die abermalige [betont sehr das Wort] Steigerung wäre, wenn dieser – ich sage mal: Ur-Gast [schmunzelt] noch ein, zwei andere Beiträge bei mir anliest, feststellt beziehungsweise das auch so sieht, dass der Blog unglaublich abwechslungsreich, und, wenn man die Anregungen und Einladungen zum sich-Einbringen wahrnimmt, auch spannend ist, mich öfter bewusst aufsucht. Die Schwierigkeit liegt lediglich darin, dass dieser gedachte Jemand, den es bestimmt gibt, mich beziehungsweise einen Beitrag von mir findet, der genau das anspricht, was ihn gerade im Leben interessiert. Ein Klacks. [schmunzelt]

I: Sie bewegen sich in einer Nische.

SP: Ich glaube, dass mir das bewusst ist, hilft mit, dass ich nicht wie viele, viele andere aufstecke, bei denen das Feedback genauso ausbleibt. Noch schwerer haben es wissenschaftliche BloggerInnen. Die müssen ständig Relevantes veröffentlichen, aber dürfen es nicht in einem Blog tun, wenn sie anerkannt sein wollen. Ich kann mir vorstellen, dass das Problem ist, dass dann „jeder Hinz und Kunz“… [demonstriert die Anführungszeichen, der Interviewer nickt] aber ich stelle es mir noch frustrierender vor. Kürzlich las ich im Blog einer wissenschaftlichen Bloggerin, dass sie Dinge zurückhält, die sie nicht „versenken“ will, wie sie es nannte. Wenn ich das auch so sehen und handhaben würde, ginge mein Leben vorbei, die Dinge blieben in mir verborgen und vergammelten da. Ich möchte [betont sehr das Wort] nichts zurückhalten müssen! Wofür?

I: Ja, ich verstehe die beiden Seiten…

SP: Ja, ich auch. [längere Pause] Es geht doch darum, egal, womit man sich im Leben beschäftigt, einen Sinn in dem zu sehen, was man tut. Und wenn ich mir die Weltnachrichten so ansehe, gibt es sicher sinnfreiere Unterfangen, als im Netz für Offenheit dem Mitmenschen gegenüber zu werben. Und wenn ich mit dem Argument konfrontiert werde – und manchmal findet diese Konfrontation schon von allein in mir selbst statt –, dass ich doch so wenige bloß erreiche – ich habe auch schon mal von einer Person gehört, dass sie es unverständlich findet, was ich schreibe –, dann würde ich mit dieser Text-Passage von Rudolf Steiner antworten. [tippt auf das ‚a tempo‘-Heft] Also frei formuliert: andere Stimmen gibt es schon. Warum soll ich nicht mit meiner individuellen Stimme das in die Welt einbringen, was mir sinnvoll erscheint? Ich war noch nie der Ansicht, dass jeder zu jedem Zeitpunkt jedem, der ihm begegnet, etwas geben kann; es muss sich die wunderbare Fügung des Zusammenpassens ereignen. Und ich kann nicht sagen, dass ich das erwarte [betont sehr das Wort] – es wäre mir aber jedes Mal ein Geschenk. Ich habe das Gefühl, das sage ich jedes Mal, wenn es Thema wird: ich bin oder habe nur ein Angebot, das man annehmen oder ablehnen kann. Auch die Ablehnung ist o.k., aber ich halte es nicht für sinnvoll, über das Angebot an sich zu diskutieren. Damit träte man mir, damit träte man aber auch allen anderen Menschen zu nah, finde ich.

I: Die Erwartung ginge Ihnen zu weit, dass Sie sich für andere ändern, verändern müssten…

SP: So eine Veränderung, die dann allen gerecht würde, gibt es nicht, also bleibt man doch lieber bei sich! Das hat nichts mit Kompromisslosigkeit zu tun; ohne Kompromisse würde kein Zusammenleben funktionieren. Aber das ureigene individuelle Angebot, das man mit dem persönlichen Sinn, mit dem eigenen Lebensinhalt macht – das sollte doch schon so stehenbleiben dürfen, wie der Lebens“inhaber“ [demonstriert die Anführungszeichen] es sich vorstellt, oder? [schmunzelt, der Interviewer nickt]

I: Ich hoffe, die Gesprächserwartung hat sich erfüllt!

SP: Von meiner Warte aus sehr! Und von Ihrer?

I: Ich hätte gerne noch den Ausblick auf’s nächste Jahr… erwarten Sie etwas? [schmunzelt]

SP: Ich erwarte tatsächlich etwas, aber nicht sehr konkret… ich werde zum ersten Mal an einem Mail Art-Projekt einer Kreativkollegin teilnehmen. Drei Personen kommen zeichnend miteinander ins Gespräch – nur über das Zeichnen, wohlgemerkt. Die Initiatorin ist eine Künstlerin, die ich nur online kenne, die dritte Person im Bunde ist mit ihr bekannt, also kennen wir drei uns untereinander eher nicht. Als ich den Aufruf bei Heike Sackmann sah, war ich sofort begeistert! Ich bin gespannt, ob man nachher den Eindruck hat, sich ein bisschen kennengelernt zu haben, oder das Gespräch nach außen eine bestimmte Wirkung hat. Ich würde fast sagen: ich erwarte nichts, bin aber voller Vorfreude. [lächelt]

I: Dann kommen Sie mit dieser Vorfreude gut ins nächste Jahr! Vielen Dank für das Gespräch.

SP: Ebenfalls einen gelungenen Jahreswechsel und herzlichen Dank.

 

[Das Gespräch wurde privat geführt und aufgezeichnet im Dezember 2017]

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cof

cof

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„Allow your instincts to do the work“ 

„Allow your instincts to do the work.“ Michael Stipe

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http://www.ardmediathek.de/tv/Rockpalast/Rockpalast-R-E-M-Hamburg-Gr%C3%BCnspan-1/WDR-Fernsehen/Video?bcastId=8051040&documentId=48230902

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Als ich vor ein paar Tagen – oder sind es etwas schon wieder Wochen!? – in das Rockpalast-Konzert von R.E.M. geriet, das sie 1998 vor ausgesuchtem Fan-Publikum gegeben haben, ahnte ich noch nicht, wie sehr es mich weiter beschäftigen würde. Ich blieb dran bis in die tiefe Nacht hinein.

Ich habe schon damals R.E.M. gemocht und gehört, zu der Zeit, als ich eher MTV einschaltete als eine CD einzulegen. (Bei „Shiny Happy People“ musste ich aber regelmäßig ausmachen, so nervig fand ich Video und Song!) Aber ich war nie ein Fan im klassischen Sinn, von keiner Band; ich hörte, was und wie’s kam, und wenn ich mitbekam, dass viele Lieder, die ich mochte, auf einem Album versammelt waren, kaufte ich es auch. So geschehen auch bei R.E.M.s „Automatic for the People“, das ich – zugegeben – diesmal besonders wegen einem Lied, „Nightswimming“, unterstützen und besitzen wollte.

Nach diesem 8. Studioalbum von 1992 geriet die Band für mich ein bisschen in Vergessenheit – völlig zu Unrecht, wie ich heute weiß.

Am Tag nach meinem nächtlichen Konzert“besuch“ recherchierte ich weitere Konzertmitschnitte, Musik- und Interview-Videos und geriet in einen regelrechten Sog… wenn man an einer Sache, einer Idee oder Band über Tage dranbleibt, besonders, wenn man stellvertretend eine Person „verfolgt“, meint man sie – zwar von weitem und durch einen Filter, aber doch – ein bisschen kennenzulernen. Das Faszinierende daran war für mich, mir einen Menschen quasi im Zeitraffer über fast 40 Jahre lang anzusehen, was im Fall von Michael Stipe rein äußerlich schon absolut kurzweilig ist!

Unten habe ich Euch eine kleine Auswahl der Links hinterlassen; es ist wirklich nur eine ganz kleine, gemessen an meinem Guck- und Lese-Marathon.

(Vielleicht ist das ja auch eine Beschäftigungs-Anregung für freie Tage, wenn man nicht im Dauerweihnachtsstress ist oder sich mal ausklinken möchte: sucht Euch etwas oder jemanden aus, was/den es schon länger gibt und was/der Euch vielleicht durch die Jahre ein bisschen aus dem Blickfeld geraten ist, und begebt Euch auf die Spur – ein anderes Leben kann unglaublich inspirierend sein!)

Mich fasziniert grundsätzlich, wenn Menschen daran, was sie antreibt, dergestalt dranbleiben, dass sich irgendwann nach Jahren – wie zum Beispiel in diesem Fall – ein Künstlerleben „rund“ anfühlt, abgerundet, vollendet. In der Zeit nach R.E.M. hat Stipe mit dem Erschaffen von Skulpturen und der Fotografie eine andere Richtung eingeschlagen, drückt sich aber dadurch ja weiterhin künstlerisch aus… Und sollte er sich das für sich selbst gar nicht wünschen, ein sich „rund“ anfühlendes kreatives Leben… dann wünsche ich es mir für mich. 🙂

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http://www.fnp.de/nachrichten/kultur/Interview-mit-R-E-M-Unsere-Slogans-von-damals-sind-immer-noch-aktuell;art679,2821762

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http://www.laut.de/R.E.M./Interviews/Meine-eigene-Vergaenglichkeit-war-damals-kein-Problem-13-11-2017-1521

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