Gegenstandpunkt

http://postmondaen.net/2017/07/13/documenta-dinosaurier-ufo/

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Für mich geht es genau darum: für wen ist Kunst gedacht? Wen soll sie berühren, wenn nicht möglicherweise JEDEN ANDEREN MENSCHEN?

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Zwei Leben

Drei, vier Klicks, und ich bin fasziniert.
Bei facebook wurde mir über den dortigen ZEIT ONLINE-Auftritt der Link angeboten. In dem Artikel http://www.zeit.de/2012/33/Hermann-Hesse aus dem Jahr 2012, der jetzt editiert wurde, bringt uns Benjamin Lebert, der 1999 mit 17 zum Autoren-Shooting-Star wurde („Crazy“, Kiepenheuer & Witsch), Hermann Hesse näher. Dieser Text begeisterte mich, und ich hatte zuerst bloß vor, auf die Verbindung zweier Schriftsteller hinzuweisen, zwischen deren Geburtstagen 105 Jahre liegen. Ein Mensch bricht eine Lanze für einen Kollegen, der 105 Jahre vor ihm selbst zur Welt gekommen ist und sie schon wieder verlassen hatte, bevor er, Lebert, 20 Jahre später geboren wurde.

Der Text ist für mein inneres Ohr wunderbar formuliert und sehr wertschätzend und warmherzig Hesse gegenüber.

„Um in der heutigen Zeit bestehen zu können, scheint es geradezu erforderlich zu sein, das Talent zu entwickeln, sich selbst in zweite Welten zu transportieren. […] Bei der Suche aber nach einer zweiten Welt, in der man sich wohlfühlt und Halt findet, kann kaum ein Autor so sehr helfen wie Hermann Hesse.“

Mit den folgenden Worten schlägt Lebert einen weiteren Bogen zu sich selbst, was ich nicht verwerflich finde, sondern – und es wurde mir bei der dann folgenden Auseinandersetzung für meinen Blog-Beitrag klar – enorm aufschlussreich:

„Was zu hoffen ist: dass Hesse auch weiterhin viele Leser findet. Denn seine Stimme zu hören kann sich als ein Lebensgeschenk erweisen. Ich habe zum Beispiel unter anderem durch ihn erfahren, wie wichtig und erstrebenswert es ist, sich immer wieder aufs Neue mit der eigenen Geschichte auszusöhnen. Und ihr auch ihre Launenhaftigkeit zu lassen. Denn ebenso rasch, wie sich eine Liebesgeschichte zu einem Spuk wandelt, geschieht es auch umgekehrt.“ Offen, weise, ein bisschen, aber nicht überzogen ich-bezogen.

Als ich dann über Benjamin Lebert nachzulesen begann – der Wikipedia-Eintrag ist kurz und schmerzlos – fielen mir neben immer wiederkehrenden oder neuen Charakterisierungen (halbseitige Lähmung, wahrscheinlich mittlerweile überwundene Essstörung) die wohl zahlreichen „missglückten Interviews“ (1) und Verrisse wie dieser (2) auf. Es scheint so, als sei da ein Stern nicht nur gesunken, sondern würde zudem auch von ziemlich Vielen bereitwillig niedergezogen und dort gehalten.

Ich habe keinen Lebert-Roman gelesen und kann mir hier nicht mal ein laienhaftes literaturkritisches Urteil erlauben. Aber der junge Autor scheint in den persönlichen Begegnungen seinen Gesprächspartnern so schwierig erschienen zu sein, übertrieben leidend und so, als wolle er klüger wirken, als er ist, in einem Wort: unsympathisch, dass diese sich zu auffällig persönlichen Kritiken hinreißen ließen; die die Art des Auftritts verurteilen und spekulative Rückschlüsse ziehen, was Lebert wohl mit dem einen oder anderen Satz, mit dem einen oder anderen Habitus bezwecken mag.

Ob man den Schreibstil und die Themen einer Person mag oder nicht, ob diese einem sympathisch oder unsympathisch ist: Urteile solcher Art finde ich schwierig. Sie schreiben die Person im wahrsten Sinne des Wortes fest, gehen unter die Gürtellinie und damit zu weit, wollen nicht mehr entdecken, sondern verurteilen. Dass sich in mir nach kurzem Suchen schon so ein Bild ergeben hat, fand ich so bemerkenswert, dass mein Blog-Beitrag nun diesen Twist bekommt.

Kurz zurück zu Hermann Hesse: recherchiert man über ihn – einiges ist aus Schulzeiten noch hängengeblieben – ergibt sich auch da in kürzester Zeit ein Charakterbild: intelligent, unangepasst, „rebellisch“, jung depressiv (erste Suizidgedanken mit 14), gediegenes Elternhaus, Schulabbrecher, Lehrabbrecher, „Bücher kompensierten auch mangelnde soziale Kontakte“, „vielfältige psychische Leiden“, teilweise autobiografischer Erzählstil; Wikipedia schreibt: „Seine nächsten größeren Werke, Kurgast von 1925 und Die Nürnberger Reise von 1927, sind autobiografische Erzählungen mit ironischem Unterton. In ihnen kündigt sich bereits der erfolgreichste Roman Hesses an, Der Steppenwolf von 1927, der sich für ihn als „ein angstvoller Warnruf“ vor dem kommenden Weltkrieg darstellte und in der damaligen deutschen Öffentlichkeit entsprechend geschulmeistert oder belächelt wurde.“

Vielleicht wurden die Verbindungen zwischen dem jungen Lebert und dem jungen Hesse von Benjamin Lebert als stark empfunden, als er ihn in der Schule – vielleicht wie ich als Pflichtlektüre – kennenlernte. Vielleicht kann man sich „ins Unglücklichsein verlieben“, wie er 2012 als Dreißigjähriger in einem anderen Interview sagte, und vielleicht treibt den einen oder anderen frühe Bekanntheit in ein bestimmtes Bild von sich selbst, das sich dann auch nach außen manifestiert und nicht als ein authentisches wahrgenommen wird.

Im letzten Jahr sagte er auf die Frage, wie er damit umgehe, öffentlich kategorisiert zu werden: „Was die Menschen über einen sagen, hat mehr mit den Menschen zu tun als mit einem selbst. Das finde ich tröstlich. Über mich wurde sowohl im Negativen als auch im Positiven alles Mögliche geschrieben. Es gibt eine schöne Geschichte in ‚Wir Kinder von Bullerbü‘, in der das kleine Mädchen sagt: ‚Wenn ich mit meinen Brüdern spielen will, sagen sie, ich bin zu klein. Wenn ich meiner Mutter beim Abwasch helfen soll, dann sagt sie, ich bin groß genug.‘ Ich glaube, man ist nie so gut oder schlecht, wie die Menschen einen empfinden.“ (3)

In seinen Worten über Hermann Hesse gab es für mich viel Zitierfähiges; ich hoffe, auf meine Empfehlung hin lesen es noch ein paar Menschen mehr. Diese Sätze möchte ich – auch bezogen auf das Thema „Kritik“ – hier an den Schluss setzen:

„Der Philosoph Immanuel Kant formulierte bekanntlich die drei elementaren menschlichen Fragen: Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was können wir hoffen? Und ebendiese drei Fragen sind es auch, so finde ich, die der Schriftsteller in sich trägt, ehe er darangeht, seine Geschichte zu erzählen. Ich glaube, dass Literatur hauptsächlich von der letzten durchdrungen ist: Was dürfen wir hoffen? Insbesondere eben auch die fein gestrickten und seherischen Werke des großen Hermann Hesse. In Wahrheit speist sich Literatur aus dem, was nicht nachgewiesen, was nur erahnt, ersehnt werden kann und auf Glauben beruht, und sei der Glaube auch, wie es beinahe stets der Fall ist, ein verkennender. Literaturwissenschaft und Literaturkritik jedoch lassen – so scheint mir – diese letzte der drei Fragen meist außer Acht und beschäftigen sich viel lieber mit der ersten Frage: Was können wir wissen? Und stoßen damit nur in ebenjene große, staubdurchtanzte Leere, der sie von Beginn an zu entrinnen suchten.“

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(1) Dana Buchzik, 2014: https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article131569874/Darueber-moechte-ich-lieber-nicht-sprechen.html  

(2) Patrick Bauer, 2009: http://www.neon.de/artikel/freie-zeit/literatur/der-sinn-des-leberts/685234  

(3) http://www.litaffin.de/im-gespraech-mit-benjamin-lebert  

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Botschaften

„Bücher, Menschen, Abenteuer: Im Frühling wird Köln zur Hochburg der Literatur. Vom 7. bis zum 18. März lockt die „Lit.Cologne“ Hunderttausende Besucher in ihre Veranstaltungen. In ‚Westart live – extra‘ zu Europas größtem Literaturfestival begrüßt Denis Scheck den Bestsellerautor Frank Schätzing, die Publizistin und Friedenspreisträgerin Carolin Emcke, die Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader, den Slampoeten Sebastian 23 sowie die Musiker Scott Matthew & Rodrigo Leão.“

http://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/sendungen/uebersichtwestartlive148.html

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Denis Scheck liegt mir als Literaturkritiker nicht sonderlich, da er sich (vielleicht auch durch die oft geforderte Kürze) nicht immer inhaltlich auseinandersetzt; ich schrieb letztens darüber (https://sabinepint.wordpress.com/2017/02/22/denis-scheck-und-ich-ueber-john-irvings-strasse-der-wunder/). Als Interviewer in der ‚Westart‘ fällt er gegenüber zum Beispiel Thomas Hermanns darin ab, ein bei aller Tiefe lockeres Gespräch zu führen, in dem dieser in erster Linie auf das Gesagte des Gegenübers eingeht, anstatt eine nächste Frage oder den nächsten Programmpunkt anzureihen.

Neben vielen anderen erwähnenswerten Dingen wie die von Schätzing angesprochene Distanz zwischen Erschaffer und Rezipient, die gerade beim Schreiben gegeben ist, vielen Sätzen der überlegt und ehrlich sprechenden Carolin Emcke fand ich in dieser ‚Westart‘-Ausgabe Folgendes für’s Weiterdenken interessant:

Denis Scheck: „Wie politisch begreifen Sie eigentlich das, was Sie tun?“

[Maria Schrader atmet durch] „Ja, die Frage wird mir natürlich im Moment durch den Film oft gestellt […] es gibt auch inzwischen ja fast einen Standardsatz: nichts ist nicht politisch. Aber […] – wie Carolin vorhin gesagt hat – dem Theater den Auftrag zu geben… das gibt es ja im Moment auch oft: Theater, Filme… geben sich selbst den politischen Auftrag. Und das ist oft sehr problematisch, finde ich. […] oder um mit Stefan Zweig zu sprechen: ein Kunstwerk kann eine politische Dimension bekommen, in dem Moment, wo man aber etwas, eine Geschichte instrumentalisiert für eine bestimmte Aussage, geht […] das Unvorhersehbare, das Poetische, das Unsagliche, das Atmosphärische, was ja im besten Fall auch Kunst ausmacht, verloren.“

Denis Scheck: „Hemingway sagt: Wer eine Botschaft hat, soll auf’s Telegraphenamt gehen und‘n Telegramm schicken.“

Ich kann das nicht teilen. Liegt nicht die Kunst auch darin, eine Aussage versiert, charmant, unangestrengt zu verpacken, zu transformieren eben in die künstlerische Arbeit? Wäre nicht die versuchte Vermeidung, obwohl mich die Aussage überhaupt erst zur Arbeit drängt, viel destruktiver für’s Endprodukt? Sollte man Kunst thematisch beschneiden?

Einen Gegenentwurf zu dieser Haltung fand ich bei der „Kulturtussi“ Anke von Heyl; sehr lesenswert: http://www.kulturtussi.de/begegnung-mit-otto-freundlich/

Über Stimmen dazu freute ich mich sehr!

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P.S.: Hyperlink-Einfügungen fehlgeschlagen; ich benutze nun die unelegante Variante.

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Selbstkritik und Energie

Als Feedback zu http://stefanbeck.de/das-seminar/ vom 10.02.2017

Zu Deinen Gedanken zu Clement Greenberg u. a.

 

Selbstkritik und Energie

 

Lieber Stefan,

Du willst Dich als Künstler im „Prozess der Selbstkritik“ üben, und ich frage mich: wie geht das praktisch? Womit findet dann Vergleich statt? Und wenn man etwas oder jemanden findet, um im gegeneinander-Abwägen so einen wertenden Vergleich zu starten: wer legt die Kriterien fest? Man selbst? Der andere? Irgendjemand? Wer oder was ist die Instanz, der Maßstab? Und wenn ich „Selbstkritik“ so landläufig denke wie bisher: ich nehme irgendein anderes Verhalten/Vorgehen als das möglicherweise „richtigere“ an und hinterfrage mich dahingehend: warum nehme ich dann – auf die Kunst bezogen – das „andere“ als das „richtigere“ an?

Oder ist solches Empfinden nicht nur eine „normale“ Weiterentwicklung, ob auf dem Weg der Kunst oder einem anderen? Man wird beeinflusst und nimmt Dinge an oder nicht, entwickelt sich also von einem bestimmten Punkt x weg? Will sagen: wenn jemand annimmt, dass die Kunst für ihn oder sie an einen Endpunkt gelangt ist, was veranlasst ihn oder sie dann, es für alle Menschen als objektive Erkenntnis anzusehen, wenn es immer wieder Menschen gibt, die eine andere Entwicklung durchmachen und es deswegen anders sehen (und eben nicht heillos „romantische“, sondern kritische, selbstbewusste, differenziert denkende Personen sind)?

Wenn Du sagst, dass Du die Kunst beinahe in Richtung Aufhebung gehen siehst oder gehen wollen siehst… kommt es mir so vor, als wolltest Du einen Riesensprung über jede (doch zumindest) mögliche Entwicklung* der Kunst machen zu einem Punkt, den Du (subjektiv, persönlich) schon jetzt als gekommen siehst (und damit auch vorwegnimmst, dass er kommen wird). Ich denke, dass das sogar geht, aber eher auf der persönlichen Ebene, gleich einer Philosophie, einer Lebens- oder eben Kunstphilosophie, wirklich ähnlich der Einstellung zu beispielsweise Religiosität. Wenn es authentisch empfunden ist, beeinflusst diese Einstellung ja einfach alles, und ich verstehe Dich insofern sogar. Nur – wie immer – habe ich Schwierigkeiten mit dem Überstülpen einer Einstellung auf auch nur eine andere Person, die es aus ihrer Entwicklung heraus ganz anders sieht. Ich lese gerade „So viel Energie“ von Hanna Gagel quer. Darin geht es um „Künstlerinnen in der dritten Lebensphase“, so auch der Untertitel. Was da an persönlichem Hadern, sich-Quälen abging in so manchem Leben, das Hin und Her des „Was bringt es?“, „Genüge ich?“ usw. usf. – wolltest Du auch nur einer von ihnen sagen, dass es mit der Kunst, wie wir sie bisher kannten oder begriffen haben, sowieso aus ist, sie sich also nicht weiter quälen braucht? Dabei ist doch genau dieses Ringen „das Äußerste versuchen“!

Nun kann man argumentieren, dass die portraitierten Ladies alle alten Semesters wenn nicht schon verstorben sind, aber es gibt immer wieder Nachwuchs für die Kunst. Und das auch im Kunstbetrieb, auf dem Gebiet der Marktkunst, was damit dem Argument begegnet, Kunstlaien und schaffende Hobby-Künstler sähen das vielleicht so, „aber…“

Was Dir fehlt, wenn ich Dich richtig verstehe, ist Minimalismus bis hin zur „Reinigung“ hin zur Tilgung, und das auf allen Gebieten der Kunst.

Wikipedia: „Minimalismus strebt nach Objektivität, schematischer Klarheit, Logik und Entpersönlichung. Typisch für Skulpturen und Objekte des Minimalismus ist das Reduzieren auf einfache und übersichtliche, meist geometrische Grundstrukturen […]“

Bei Adorno habe ich (denke ich/hoffe ich!) begriffen, dass er forderte, die Kunst/das Kunstwerk möge sich bitte vom Erschaffer emanzipieren, ein für sich selbst sprechendes Ding werden/sein. Entpersönlichung in Reinform, aber eben dann doch auch Entmenschlichung! Künstlerkollege Peter Busch (http://www.aus-der-waldhuette.de/), der minimalistisch arbeitet und den ich schätze, ist doch nicht beliebig austauschbar durch jeden Menschen, der auch minimalistisch arbeitet; es spielt doch eine Rolle, dass da der Mensch Peter Busch arbeitet! Und wenn da Menschen arbeiten in der Kunst, dann gibt es sehr legitim so lange alles, was Menschen eben für notwendig halten bei der Kunstarbeit.

Wikipedia: „Als ihre Stärke hebt Schnädelbach die Pluralität der Philosophie hervor und begreift sie als fortlaufend kritisches Gespräch im Spannungsfeld von Aufklärung und Wissenschaft.“

Zitat Herbert Schnädelbach: „Die Philosophie ist ein Plural; ihre innere Pluralität ist ihre Stärke. Ein Grund hierfür liegt in dem Doppelcharakter, mit dem sie im Abendland entstand – als Wissenschaft und Aufklärung. Welterkenntnis und Selbstdeutung, objektive Theoriebildung und subjektive Orientierung – das Erbe von Aristoteles und Sokrates – sind in unserer Tradition immer wieder neue Konstellationen eingegangen. Auch darum müssen wir heute Aufklärungsbedarfe immer zugleich an die Wissenschaften verweisen – hier wird m. E. über die Differenz zwischen Philosophie und Pseudophilosophie entschieden – wie wir umgekehrt in den Wissenschaften Aufklärungsprozesse anzumahnen und zu ermuntern haben. Aber auch der Sache nach ist die Philosophie ein Plural, wenn wir sie als Inbegriff gedanklicher Orientierungsversuche im Bereich der Grundsätze unseres Denkens, Erkennens und Handelns verstehen. […] Hierbei werden wir uns der verschiedensten Hilfsmittel bedienen – nicht nur was uns die historisch-hermeneutische Wissenschaftlichkeit an die Hand gibt; Monopole sind auch in der Philosophie kontraproduktiv. So vielfältig und vielgestaltig die Erwartungen sind, die an uns herangetragen werden, so phantasievoll und flexibel müssen wir sein, wenn es darum geht, ob wir sie verantwortlich erfüllen oder sie enttäuschen.“

Ich mag disziplinübergreifendes Denken, weil es vor Fachidiotie bewahrt, Dialog fördert und sich mit der „Alltagstauglichkeit“ der Dinge beschäftigt, wenn man so will. Und auch, wenn Philosophie und Kunst nicht direkt vergleichbar sind: kann man nicht auch die Kunst als einen Plural denken…?

Viele Grüße,

Sabine

 

* Ich glaube nicht an eine Entwicklung „der“ Kunst, weil ich zum Beispiel ja auch nicht an einen Gewinn durch „Entpersönlichung“ glaube. Oder, um dem Vorwurf zu entgehen, dass alles eine „Glaubenssache“ sei: ich halte eine Entwicklung in der Kunst für nicht in dem Sinne vorhanden, wie es gelehrt wird, sondern bin der Ansicht, dass man nur in der Rückschau einen „roten Faden“ zu sehen meint. Du hast selbst (mindestens ein Mal, an das ich mich erinnere) beklagt, worauf im Studium mittlerweile Wert gelegt wird, und die Anpassung der Studenten an die aktuelle „Mode“, an das, was „läuft“, spielt eine Rolle bei dieser später in der Rückschau gesehenen angeblichen Weiterentwicklung. Ich halte das also nicht für authentisch. An eine persönliche Weiterentwicklung glaube ich unbedingt, aber wiederum nicht in dem Sinne, dass das dann unbedingt für einen Betrachter sichtbar wäre; ich verweise immer gern auf die Anekdote, wo jemand die Weiterentwicklung eines Künstlers x lobt, aber die Kunstwerke, die das belegen sollen, auf der Zeitachse vertauscht…

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Denis Scheck und ich über John Irvings „Straße der Wunder“

„… der traurige Fall eines Schriftstellers, der stark begann […] um dann Buch um Buch immer schwächer zu werden.“

„… dieses allzu langen Romans… es ist nicht mehr als die Asche einer längst vergangenen Glut.“

Seiner Ansicht kann Denis Scheck gerne sein, nur: mich ‚stört‘ nicht nur das gemeinte Buch nicht, mich stört diese Art Kritik! Schecks markige Worte sind inhaltsleer – im Gegensatz zu Irvings Geschichten. Die Personen sind – auch in „Straße der Wunder“ – Beispiele von „echten“ Menschen, die fehlen, glauben, hoffen, leiden und lieben und die – wie ebenfalls immer bei Irving – nicht schwarz/weiß gezeichnet sind. Anhand ihres erfundenen, aber selbst in größter Skurrilität glaubwürdigen Schicksals verpackt der Autor treffende, feine Kritik an der katholischen Kirche, gesellschaftlichen Missständen und politisch festgezurrten Unmenschlichkeiten. Und selbst, wenn man keine Sympathie für die Charaktere empfindet, ist man wie bei den Vorgängerromanen von den Personen eingenommen; man nimmt Anteil an deren Leben, will wissen, wie es für sie weitergeht. Aber mindestens eine/n findet man immer auch persönlich nett.

Selbst wenn Denis Scheck gespoilert hat, was das genaue Schicksal der kleinen Lupe angeht, und ich noch nicht an dieser Stelle bin, lese ich trotzdem gerne weiter. SEHR gerne!

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http://www.ardmediathek.de/tv/WESTART-Live/Der-Scheck-ist-da/WDR-Fernsehen/Video?bcastId=35007896&documentId=35681780

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Die Arbeit des Kritikers ist in vieler Hinsicht eine leichte. Wir riskieren sehr wenig und erfreuen uns dennoch einer Überlegenheit gegenüber jenen, die ihr Werk und sich selbst unserem Urteil überantworten. Am dankbarsten sind negative Kritiken, da sie amüsant zu schreiben und auch zu lesen sind. Aber wir Kritiker müssen uns der bitteren Wahrheit stellen, dass, im Großen und Ganzen betrachtet, das gewöhnliche Durchschnittsprodukt wohl immer noch bedeutungsvoller ist als unsere Kritik, die es als solches bezeichnet.“

(Auszug der Rede des Restaurantkritikers Anton Ego im Disney/Pixar-Film ‚Ratatouille‘)

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Navid Kermani

Navid Kermani liest am kommenden Donnerstag, dem 1. Dezember, in der Stadtteilbibliothek Rheydt (Mönchengladbach) um 20:00 Uhr aus seinem Roman „Sozusagen Paris“ [ACHTUNG: AUSVERKAUFT; keine Abendkasse!/Nachtrag v. 1. Dezember]. Das ist aber nicht mal der Grund für meinen Beitrag; es sei hiermit nur gerne und in jedem Fall natürlich erwähnt!

Im Netz geriet ich an folgendes Interview von Iris Radisch mit dem Autor:

http://www.zeit.de/2016/40/navid-kermani-roman-sozusagen-paris

, das ich auf der einen Seite hochinteressant geführt fand, weil es nicht so „weichgespült“ daherkommt wie manches andere. Andererseits hat mich die Art mancher Fragen zu Schreibstil und Thematik fast so geärgert wie Frau Radisch die Lektüre; es erinnerte mich sehr an manchen Kommentar zu manchem Bildwerk: „Ich hätte es aber anders gemacht/lieber gehabt, wenn…“

Warum nicht einfach sagen und fragen: ich empfinde es so und so – was war Ihr Beweggrund, es so und nicht anders zu machen?

Soll jeder Autor, Komponist, Schauspieler, Maler, Sänger, Bildhauer auf jede einzelne Person seines Publikums so eingehen, dass die Arbeit ihm oder ihr gefällt? Erstens: wie soll das praktisch gehen? Zweitens: wie sinnvoll wäre es?

Man bekommt die Kunst, die man erwartet, auch noch in genau der Art, in der man sie erwartet?

Da das so also nicht gemeint sein kann… wie ist eine solche Art der Fragestellung dann wohl gemeint?

Irgendwelche Ideen…? Wie würdet Ihr es machen? Wie empfindet Ihr?

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