#kultblick

http://blog.amh.de/blogparade-verloren-und-wiedergefunden-mein-kulturblick-kultblick

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▪ Wie erfährst, siehst und bewertest Du Kultur?

▪ Was hast Du vergessen, das dir beim Kulturgenuss plötzlich in den Sinn kommt? Hast Du Kindheitserinnerungen oder besondere Situationen, an die Du plötzlich denken musst, während Du dich auf Kultur einlässt?

▪ Gibt es dabei Aha-Erlebnisse, Geistesblitze oder besondere Erkenntnisse für dich?

▪ Was empfindest Du, wenn Du dich auf Kultur und Kunst einlässt? Was ist dir dabei wichtig?

▪ Gab es jemanden, der deine Neugierde für Kulturelles geweckt hat? Und wie informierst Du dich über Neuigkeiten?

▪ Welche Kulturerlebnisse sind dir warum die liebsten? Hast Du besondere Favoriten?

▪ Fehlt dir etwas? Gibt es einen Wunsch, den Du schon immer bei Kulturinstitutionen äußern wolltest? Was können Kulturinstitutionen für dich tun, damit Du gerne zu ihnen kommst?

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#KultBlick

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Liebe Tanja Praske, Katrin Schröder und liebes Archäologische Museum Hamburg,

welch ein schönes Projekt! Ich stolpere mit der Begeisterung gleich durch zu Eurer vorletzten Anregungsfrage: meine favorisierten Kulturerlebnisse sind genau so beschaffen wie das, in dem ich gerade stecke: ich darf nachdenken über das, was mich mit Kunst verbindet und mit anderen in Dialog treten.

Dabei ist ohne Frage mein Vater „schuld“ an meinem Kunstvirus. Da er als Musterzeichner (ja, so schlicht war die Bezeichnung damals für die kreativen Köpfe der Textilindustrie) tätig war und schon als Jugendlicher gezeichnet und gemalt hat, lagen bei uns zuhause immer jede Menge spannender Utensilien herum; Papiere in allen Beschaffenheiten und alle möglichen Stifte, Pinsel und Farben. Schon als Kind bewunderte ich erstaunt, wie mit wenigen prägnanten Strichen schon bald etwas zu erkennen war, eine Blüte… oder der Kopf eines Löwenbabys.

Er konnte wunderbar zeichnen, aber nichts lag meinem Vater ferner, als es „künstlerisch“ zu sehen; für ihn war es immer Handwerk. „Gut gemacht“ – das habe ich öfter mal gehört, wenn er andere Mal-Arbeiten begutachtete. Die Gedanken desjenigen, der da malte, Skulpturen schuf oder sonst wie tätig war, traten für ihn hinter der Umsetzung zurück. Ich war da bald anders. Ich wollte und möchte bis heute am liebsten jede Künstlerin, jeden Künstler nach eben diesen Gedanken fragen – sie sind für mich das, worum es eigentlich geht.

Daher kann ich Kunst und Kultur nur „abstrakt“ bewerten als immens wichtigen Bestandteil unseres Menschenlebens. Ohne den Freiraum, den Kunst uns schafft, würden wir immateriell verarmen. Und diesen Freiraum möchte ich mithelfen zu verteidigen, indem ich auch die Kunst selbst möglichst frei wissen möchte: frei von Diskriminierungen gleich welcher Art, frei von Bewertung, im Grunde frei von einem System, vor dessen Karren sie gespannt werden kann und wird. (Ich komme mit dieser Haltung in Konflikt, wenn mich eine Institution um Partizipation bittet; dazu werde ich zum Schluss noch etwas ausführlicher.)

„Besondere Erkenntnisse“ sind nur in dieser Freiheit möglich, denn sie sind persönlich – immer. Mir fällt spontan John Irvings Roman „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ ein, den ich in meinen Zwanzigern las und der meine Denkwelt gründlich auf den Kopf gestellt hat. Die Einsicht, dass es immer mehr als eine Perspektive braucht, um sich mit einem Thema differenziert auseinanderzusetzen, begleitet mich seither.

Ich verstehe mich als Botschafterin für Offenheit, bin als solche viel im Netz unterwegs und beziehe die meisten Anregungen und Informationen daher, gehe aber auch mit offenem Blick durch die nicht-virtuelle Welt.

Der „besondere Favorit“ ist bei mir immer der aktuell Betrachtete, die Arbeit, mit der ich mich gerade auseinandersetze. Ich weiß, dass es auch ungesund festlegen kann, sich seiner Favoriten bewusst zu sein – man sieht dann oft nur noch das, was man schon kennt. (Obwohl ich die Farb“landschaften“ von Conny Roßkamp, die informelle Exaktheit eines Peter Busch oder alles, was mit Licht zu tun hat wie bei manchen Arbeiten von Ólafur Elíasson, Heinz Mack oder William Turner gern einmal „favorisiere“. Ich finde wunderbar, wie Hetty Krist Menschen zeichnet und Salvador Dalís „anthropomorphen Kabinettschrank“, den ich besuchen muss, wenn ich im K20 bin. Stefan Becks Konversationskunst spricht mich an und alles, was vergänglich ist und erst im Zusammenspiel von Werk und Rezipient entsteht und manchmal auch nur solange besteht, um dann anders, transformiert weiter zu wirken. Ich liebe zufällige Kunstbegegnungen, wie sie sich zum Beispiel durch Streetart ereignen.)

Mir gefiel die Idee der Ausstellung „Der Schatten der Avantgarde – Rousseau und die vergessenen Meister“, die 2015/2016 im Essener Museum Folkwang zu sehen war. Ich versprach mir – und ich muss zugeben in erster Linie für andere 😉 – ein eventuelles Zulassen der Arbeitshypothese, dass zumindest nicht unbedingt die akademische Ausbildung den Künstler/die Künstlerin „macht“. Die unbekannten MeisterInnen sind „auf Augenhöhe mit den besten Künstlern des 20. Jahrhunderts“, wie es im Begleitheft heißt, und obwohl die Aufteilung in „gute“ und „schlechte“ Kunst für mich nicht funktioniert und ich sie daher vermeide, wünschte ich mir, dass die Erkenntnis daraus das Kunstverständnis der Menschen nachhaltig veränderte. Sicher hätte das Auswirkungen auf den offiziellen Kunstbetrieb, dem ich aber durchaus zutraue, sich auch noch einmal neu zu erfinden…

Die Kunstvermittlerin Anke von Heyl, durch deren Beitrag zur Sache ich auf die Blogparade aufmerksam geworden bin, sagt, dass sie durch ihre „Job-Brille“ bei der Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur „meistens […] gleich noch eine Metaebene mit [denke]“. Mir geht es so, dass ich eine Metaebene mit denke, wenn über Kunst gesprochen wird (und noch nicht, wenn ich sie frei betrachten darf). Ich erlebe mich dann in verschiedenen Facetten: als eine Person, die Kunst als eine zusätzliche Ausdrucksmöglichkeit des Menschen sieht und diese als solche verteidigen will, als eine Person, die diese Ausdrucksmöglichkeit diskriminierungsfrei selbst, für sich nutzen möchte, als eine Person, die das ur-persönliche Moment in der künstlerischen Arbeit sieht und einem eventuell angestrebten allgemeingültigen Verständnis misstraut und als eine Person, bei der all diese Punkte auch in der „offiziellen Kunstvermittlung“ berücksichtigt werden müssten. Das konstruktive Sprechen über Kunst kann aus diversen Gründen öfter scheitern als stattfinden. Ich frage mich und in die Welt, aufrichtig den Dialog suchend, ob Museen meine Wünsche berücksichtigen können, die Kinder in Aktionen auffordern, in Museen zu werkeln und sogar (selbstverständlich ganz stolz und befeuert durch ihre Umgebung) auszustellen, (manchmal) aber dieselben Menschen später belächeln, sollten sie sich neben ihrem erlernten Beruf auch noch als KünstlerIn fühlen. Jede/r füllt den Begriff „Kunst“ anders. Und auch, wenn es hier um den Begriff nicht gehen soll: ich kann nicht anders, als das ständig mit zu bedenken, zumindest beim Sprechen über Kunst.

Wofür ist Kunst gut?

Das habe ich rhetorisch oft gefragt, wenn ich den Eindruck hatte, dass das Ausschlussverfahren im System Kunst nur einer ausgesuchten Menschengruppe dient. Für mich geht es immer und überall um ein gemeinsames Weiterkommen, um das bestmögliche Zusammenleben und Weiterentwickeln von Menschen; bestmöglich in jedem Bereich. Da kann Kunst gar nicht alleine stehen und eifersüchtig abschirmen, wen oder was auch immer.

Dass man sich frei begegnen, interdisziplinär austauschen und sich starren Denkmustern entziehen möge, wünsche ich mir als Entwicklung für alle Kulturinstitutionen der Zukunft. Dass Partizipation nicht in erster Linie „Projekt“ der Institution ist, sondern dass Grenzen wirklich durchlässig werden, jeder, der teilnehmen mag, sich einbringen darf und nicht nur im Lippenbekenntnis ernst genommen wird. Dass Modelle entwickelt werden, wie Teilnahme honoriert werden kann, so dass auch nach außen die Wertschätzung von Partizipation demonstriert wird.

Indem ich hier schreibe, merke ich, wie viel wieder mit berührt wird: Menschenbild, Bildungschancen, Bildung und Erziehung als solche, Versorgungsmodelle, Utopien des Zusammenlebens… Wodurch auch immer ich aufgefordert bin, weiter mitzudenken: dankeschön. Und im Sinne der Sätze davor: bitteschön. 🙂 

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https://www.tanjapraske.de/

http://www.kulturtussi.de/kultur-ist-mein-geschaeft/

http://john-irving.com/

http://www.conny-rosskamp.de/bilder.php

http://www.ars-etcetera.de/Galerie/Zeichnungen-2013-heute.html

http://www.art-magazin.de/kunst/14218-rtkl-olafur-eliasson-versailles-der-meister-der-illusion

http://www.mack-kunst.com/

https://de.wikipedia.org/wiki/William_Turner

https://de.wikipedia.org/wiki/Hetty_Krist

https://de.wikipedia.org/wiki/Salvador_Dal%C3%AD

http://www.stefanbeck.de/

http://www.sabinepint.de/kommentar.htm

https://sabinepint.wordpress.com/2017/08/26/bei-nichtbeachtung-droht-vielleicht-irgendwann-mehr-als-kunstverlust/

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Standard

Verändern wir unseren Deutungsrahmen

https://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=68916

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Die sehr sehenswerte Diskussion beschäftigte sich mit dem Framing-Effekt, der bedeutet, dass unterschiedliche Formulierungen trotz gleichen Inhalts den Empfänger unterschiedlich beeinflussen. https://de.wikipedia.org/wiki/Framing-Effekt
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Was mir besonders gefiel: dass es völlig unstrittig – sozusagen die Grundlage der Diskussion überhaupt – war, dass Sprache eine immense Bedeutung hat. In dem Zusammenhang fällt mir die Gender-Theorie als gutes Beispiel ein: die rechtliche Gleichstellung des Menschen ist immer noch nicht geschafft, und Bemühungen, mit Sprache diesbezüglich sensibel umzugehen, werden trotzdem häufig torpediert. Zwar treiben die Bemühungen manchmal auch merkwürdige Blüten, aber diese machen die Unternehmung als solche ja nicht falsch.

„Offen in der Beobachtung zu sein“ und zu bleiben war für mich ein wichtiges Zwischenergebnis der Sendung. Denn obwohl der Anspruch eigentlich klar ist oder sein sollte, wird er häufig nicht gelebt; im Gegenteil haben es Beobachter und Aussprecher des Beobachteten in Gesprächen oft schwer. Die Beteiligten der ‚scobel‘-Diskussion rangen denn auch miteinander, warum das so ist. Soziologe Dirk Baecker sprach den offensichtlichen Zeitmangel der Menschen an, worauf die Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling zusammen mit Gert Scobel zurück fragte, warum denn keine Zeit für diese Sorgfalt sei. Wehling schlug vor, dass wir das „politische Denken entschleunigen“ sollten – das halte ich für unser Denken grundsätzlich für einen guten Ansatz! Wenn wir uns Zeit nehmen (nähmen!), Metaphern und Frames zu analysieren und das gesellschaftsfähig, mehrheitsfähig wäre, würden wir den Inhalten der Dinge einen großen Gefallen tun. Es wäre nicht mehr so leicht, andere sittenwidrig zu manipulieren. Es wäre den Gegnern notwendiger gesellschaftlicher Veränderungen nicht mehr so leicht gemacht, Nebenschauplätze aufzumachen und vom eigentlich Wichtigen abzulenken.

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„Offen in der Beobachtung zu sein“, auch und gerade sich selbst gegenüber, manchmal klischeehaft benutzten Metaphern gegenüber, ist auch das Grundthema der Kunst. Dabei dazu zu stehen, wenn das Klischee einfach trifft, hat mit Auseinandersetzung zu tun, WARUM es trifft. Es geht nicht um Ge- oder Verbote. Es geht um Auseinandersetzung. Findet die statt, ist alles erlaubt, was einem anderen nicht seelisch oder körperlich bewusst schadet. Und schadet es unbewusst: dafür gibt es den Dialog. Und ist jemand außerstande für Dialog: dafür gibt es den mitfühlenden Mitmenschen. „Offen in der Beobachtung zu sein“, das beginnt also mit ihm.

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Vor der Wahl

„Wir brauchen alles, was die Menschen können.“ [Alexander Kluge in einem Bericht des WestartMagazins vom 18.09.2017]

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„Wir müssen versuchen, zukunftsgerichtet zu leben.“ [Hilal Sezgin im WestartMagazin-Interview am 18.09.2017]

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„Krieg ist die Widerlegung aller Werte. […] Wann begreifen wir es endlich, dass Krieg kein Problem löst, aber alle bestehenden Probleme nur vermehren kann?“ [Eugen Drewermann im Rahmen der Aktionswoche vom 03. bis 10.09.2017 der Kampagne ‚Stopp Air Base Ramstein‘ in der Versöhnungskirche Kaiserslautern]

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Offenheit

Carolin Emcke:

„Und doch – oder gerade deswegen – ist es so dringend nötig, offen zu sein, sich eben nicht zu maskieren, sondern die Maskierungen der Normen zu entlarven, sich zu zeigen als Liebende, als Begehrende, als ‚uns‘ zu zeigen, ohne Scham, ohne Verstellung, ohne Not. […]

Vielleicht ist es deswegen wichtig, beides zu betonen: die Selbstverständlichkeit, mit der ich lieben möchte wie ich liebe, die Selbstverständlichkeit, mit der ich auch von dem Glück sprechen möchte, das es mir bedeutet, dieses queere Leben und Begehren, die politischen Reflexionen auf all die Techniken und Mechanismen der Ausgrenzung und Stigmatisierung hier und anderswo, und meinen Wunsch, mir auch die Freiheit zu erhalten, in anderen Bezügen zu denken, andere Allianzen, andere Verbindungen, lokale und internationale, zu betonen. Ich möchte wachsam bleiben für die identitären Verklumpungen, die Dynamiken zur Homogenisierung auch innerhalb verschiedener marginalisierter Lebensformen oder politischer Bewegungen. Ich möchte mir meine Selbstzweifel erhalten, meine Vorsicht, nicht bloß neue Formen einer vermeintlich ‚authentischen‘ Kultur zu reproduzieren, nicht selber wieder Techniken der Distinktion von anderen zu generieren. Ich möchte auch die eigenen kollektiven Rituale, die Sprachspiele und Codes befragen können, ob sie uns womöglich eher einschließen und festschreiben anstatt uns zu öffnen und zu dynamisieren. Ob sie nicht selber wieder symbolisches Kapital anhäufen, das die einen auszeichnet und andere herabsetzt.

Das ist keine Anklage, sondern eben nur eine Frage an mich selbst, und es sind diese Fragen, die ich nicht verlieren möchte. Ich möchte nicht im politischen Gestus erstarren, möchte nicht, dass die Pflicht des ‚out loud‘ mir die leiseren, poetischeren, zarteren Begriffe und Gesten überformt.

In Abwandlung eines Zitats von Claude Lévi-Strauss, ‚In Identitäten lässt sich fortbewegen, aber nicht leben‘ – vielleicht macht mir das am meisten Sorge bei dem Motto des ‚out loud‘; ich bin ja nicht queer geworden, um mich wieder in anderen Schablonen des Denkens, Sprechens und Handelns zurichten zu lassen; ich schreibe ja nicht, um nur mehr andere Parolen zu produzieren, die wiederum andere herabsetzen oder lächerlich machen, sondern ich schreibe, um die Mechanismen der Ausgrenzung zu entlarven, aber vor allem auch um Räume zu öffnen, in denen wir atmen und denken können, vor allem andere Vokabeln, andere Begriffe, andere Bilder, andere Erzählungen zu schaffen, in denen dann andere Allianzen, andere Bezüge, andere Hoffnungen sichtbar werden können. […]

Dabei gibt es keinen Grund, sich in die Defensive drängen zu lassen, keinen Grund, sich einschüchtern zu lassen, denn die eigene Vision einer offenen, inklusiven, pluralen Gesellschaft ist nicht nur schöner oder gerechter; sie ist auch pragmatischer. In ihr können sich mehr Menschen wiederfinden, weil in ihr auch die unterschiedlichsten Entwürfe von gutem Leben sein dürfen.

[…] Wir brauchen [dafür] keine Liebe; uns reicht schon Respekt. […] Eine plurale Gesellschaft wirklich zu wollen heißt auch, vielfältige Differenzen und Distanzen auszuhalten und zu respektieren – alles andere wäre kollektivierter Narzissmus.“

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„Es geht um das kollektive Verständnis unseres vergangenen, aktuellen und künftigen Verhältnisses zur Welt.“

Die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy schreibt in der deutschen Ausgabe von ‚LE MONDE diplomatique‘ von August 2017 darüber, wie wenig sich die meisten Museen mit der Geschichte ihrer Objekte auseinandersetzen.
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„Wilhelm von Humboldt schreibt über die Bedeutung der Bildung für den Menschen: ‚Je mehr Mannigfaltigkeit er in Einheit verwandelt, desto reicher, lebendiger, kraftvoller, fruchtbarer ist er. Eine solche Mannigfaltigkeit aber gibt ihm der Einfluss vielfältiger Verhältnisse.‘ Indem sie jedes Artefakt in ein vielschichtiges Koordinatensystem von Raum und Geschichte, Sein und Zeit, Ästhetik und Politik verankert, trägt dokumentierte Provenienz [Herkunft] im Museum zu dieser Mannigfaltigkeit bei. […] Es geht […] um das kollektive Verständnis unseres vergangenen, aktuellen und künftigen Verhältnisses zur Welt.“

Ein Satz, der mir beim ersten Lesen schon so wichtig war… er beinhaltet Vernunft, Herz und Verantwortung; er drückt die Möglichkeit zu echter menschlicher Weiterentwicklung aus; Verständnis ist Chance.

„Die Provenienzforschung ist historische Wissenschaftsforschung. Sie gilt der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und ist für die Museen das, was für die Dresdner Bank oder Daimler Benz die Aufarbeitung ihrer Unternehmensgeschichte im Dritten Reich gewesen ist: die Erfüllung einer historischen Verantwortung, die Selbstbefreiung von allzu bequemen Mythen und ein Akt des Anstands gegenüber den Opfern und Nutzern ihrer Sammlungspolitik.“

„Was noch bitter vermisst wird, ist die Bereitschaft der meisten Museen, diese [Sammlungs]Geschichten dem Publikum offen und verständlich zu erzählen.“

Savoys Erfahrung korrespondiert mit vielen meiner Erfahrungen, wenn ich mir verschiedene Lebens- und Gesellschaftsbereiche ansehe: Erkenntnisse, einmal gewonnen, müssen nicht als diese dauerhaft wirken, und Einsichten führen nicht unbedingt zu mehr gewollter Transparenz und Weitergabewunsch an die Menschen.

Den meisten Museen stellt sie ein schlechtes Zeugnis aus („offenbar überfordert“), aber es sei auch schwierig. Welche Instanzen können es leisten, „für Millionen von Objekten […] die Herkunft zu ermitteln?“

Sie macht deutlich, dass das sich-Auskennen in der Kunst an sich dabei lange nicht reicht, „nur bedingt weiterhilft“. Vielmehr sei umfangreiche Recherche in Polizeiarchiven, ein sich-Auskennen in Verwaltungsstrukturen von Ländern zu bestimmten Zeiten, „in der Wissenschaftsgeschichte der Ethnologie und der europäischen Militär- und Missionsgeschichte“ notwendig.

„Provenienzforschung kann, muss aber nicht im Museum stattfinden. Sie erfordert freien Zugang zu vielen in aller Welt verstreuten Archiven, Teamgeist und methodische Transparenz, universitäre Verankerung und die Bereitschaft zu grenzüberschreitender Kooperation.“ Wunderbar: disziplinübergreifendes Leben und Arbeiten! Wir brauchen noch viel mehr Rufe danach.

„Auch für Museen muss gelten: Erst Provenienzen systematisch erforschen (lassen) und ‚on display‘ stellen. Und dann, irgendwann, darüber nachdenken, was die Rückgabe von Objekten und Objektgruppen in symbolischer, politischer oder diplomatischer Hinsicht bewirken kann und soll“ – die Wiedergutmachung (die nie eine ist) im juristischen Sinn (Restitution = Rückerstattung geraubter, enteigneter und zwangsverkaufter Kulturgüter).

Das Unterlassen dieser Bemühungen beziffere sich nicht nur „in Dollar oder Euro. Es sind gesellschaftliche und politische Kosten, die entstehen, wenn sich eine Gesellschaft ihrer Vergangenheit nicht annehmen will und kann.“

Und sie bezeichnet die gebotene Aufklärung als „die geringste Höflichkeit, welche Europa den Menschen und den Orten, aus denen die Objekte kommen, erweisen kann.“

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Zum Beispiel:

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Frau_in_Gold_(2015)

https://de.wikipedia.org/wiki/Adele_Bloch-Bauer

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-135214503.html

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Gegenstandpunkt

http://postmondaen.net/2017/07/13/documenta-dinosaurier-ufo/

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Für mich geht es genau darum: für wen ist Kunst gedacht? Wen soll sie berühren, wenn nicht möglicherweise JEDEN ANDEREN MENSCHEN?

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Zwei Leben

Drei, vier Klicks, und ich bin fasziniert.
Bei facebook wurde mir über den dortigen ZEIT ONLINE-Auftritt der Link angeboten. In dem Artikel http://www.zeit.de/2012/33/Hermann-Hesse aus dem Jahr 2012, der jetzt editiert wurde, bringt uns Benjamin Lebert, der 1999 mit 17 zum Autoren-Shooting-Star wurde („Crazy“, Kiepenheuer & Witsch), Hermann Hesse näher. Dieser Text begeisterte mich, und ich hatte zuerst bloß vor, auf die Verbindung zweier Schriftsteller hinzuweisen, zwischen deren Geburtstagen 105 Jahre liegen. Ein Mensch bricht eine Lanze für einen Kollegen, der 105 Jahre vor ihm selbst zur Welt gekommen ist und sie schon wieder verlassen hatte, bevor er, Lebert, 20 Jahre später geboren wurde.

Der Text ist für mein inneres Ohr wunderbar formuliert und sehr wertschätzend und warmherzig Hesse gegenüber.

„Um in der heutigen Zeit bestehen zu können, scheint es geradezu erforderlich zu sein, das Talent zu entwickeln, sich selbst in zweite Welten zu transportieren. […] Bei der Suche aber nach einer zweiten Welt, in der man sich wohlfühlt und Halt findet, kann kaum ein Autor so sehr helfen wie Hermann Hesse.“

Mit den folgenden Worten schlägt Lebert einen weiteren Bogen zu sich selbst, was ich nicht verwerflich finde, sondern – und es wurde mir bei der dann folgenden Auseinandersetzung für meinen Blog-Beitrag klar – enorm aufschlussreich:

„Was zu hoffen ist: dass Hesse auch weiterhin viele Leser findet. Denn seine Stimme zu hören kann sich als ein Lebensgeschenk erweisen. Ich habe zum Beispiel unter anderem durch ihn erfahren, wie wichtig und erstrebenswert es ist, sich immer wieder aufs Neue mit der eigenen Geschichte auszusöhnen. Und ihr auch ihre Launenhaftigkeit zu lassen. Denn ebenso rasch, wie sich eine Liebesgeschichte zu einem Spuk wandelt, geschieht es auch umgekehrt.“ Offen, weise, ein bisschen, aber nicht überzogen ich-bezogen.

Als ich dann über Benjamin Lebert nachzulesen begann – der Wikipedia-Eintrag ist kurz und schmerzlos – fielen mir neben immer wiederkehrenden oder neuen Charakterisierungen (halbseitige Lähmung, wahrscheinlich mittlerweile überwundene Essstörung) die wohl zahlreichen „missglückten Interviews“ (1) und Verrisse wie dieser (2) auf. Es scheint so, als sei da ein Stern nicht nur gesunken, sondern würde zudem auch von ziemlich Vielen bereitwillig niedergezogen und dort gehalten.

Ich habe keinen Lebert-Roman gelesen und kann mir hier nicht mal ein laienhaftes literaturkritisches Urteil erlauben. Aber der junge Autor scheint in den persönlichen Begegnungen seinen Gesprächspartnern so schwierig erschienen zu sein, übertrieben leidend und so, als wolle er klüger wirken, als er ist, in einem Wort: unsympathisch, dass diese sich zu auffällig persönlichen Kritiken hinreißen ließen; die die Art des Auftritts verurteilen und spekulative Rückschlüsse ziehen, was Lebert wohl mit dem einen oder anderen Satz, mit dem einen oder anderen Habitus bezwecken mag.

Ob man den Schreibstil und die Themen einer Person mag oder nicht, ob diese einem sympathisch oder unsympathisch ist: Urteile solcher Art finde ich schwierig. Sie schreiben die Person im wahrsten Sinne des Wortes fest, gehen unter die Gürtellinie und damit zu weit, wollen nicht mehr entdecken, sondern verurteilen. Dass sich in mir nach kurzem Suchen schon so ein Bild ergeben hat, fand ich so bemerkenswert, dass mein Blog-Beitrag nun diesen Twist bekommt.

Kurz zurück zu Hermann Hesse: recherchiert man über ihn – einiges ist aus Schulzeiten noch hängengeblieben – ergibt sich auch da in kürzester Zeit ein Charakterbild: intelligent, unangepasst, „rebellisch“, jung depressiv (erste Suizidgedanken mit 14), gediegenes Elternhaus, Schulabbrecher, Lehrabbrecher, „Bücher kompensierten auch mangelnde soziale Kontakte“, „vielfältige psychische Leiden“, teilweise autobiografischer Erzählstil; Wikipedia schreibt: „Seine nächsten größeren Werke, Kurgast von 1925 und Die Nürnberger Reise von 1927, sind autobiografische Erzählungen mit ironischem Unterton. In ihnen kündigt sich bereits der erfolgreichste Roman Hesses an, Der Steppenwolf von 1927, der sich für ihn als „ein angstvoller Warnruf“ vor dem kommenden Weltkrieg darstellte und in der damaligen deutschen Öffentlichkeit entsprechend geschulmeistert oder belächelt wurde.“

Vielleicht wurden die Verbindungen zwischen dem jungen Lebert und dem jungen Hesse von Benjamin Lebert als stark empfunden, als er ihn in der Schule – vielleicht wie ich als Pflichtlektüre – kennenlernte. Vielleicht kann man sich „ins Unglücklichsein verlieben“, wie er 2012 als Dreißigjähriger in einem anderen Interview sagte, und vielleicht treibt den einen oder anderen frühe Bekanntheit in ein bestimmtes Bild von sich selbst, das sich dann auch nach außen manifestiert und nicht als ein authentisches wahrgenommen wird.

Im letzten Jahr sagte er auf die Frage, wie er damit umgehe, öffentlich kategorisiert zu werden: „Was die Menschen über einen sagen, hat mehr mit den Menschen zu tun als mit einem selbst. Das finde ich tröstlich. Über mich wurde sowohl im Negativen als auch im Positiven alles Mögliche geschrieben. Es gibt eine schöne Geschichte in ‚Wir Kinder von Bullerbü‘, in der das kleine Mädchen sagt: ‚Wenn ich mit meinen Brüdern spielen will, sagen sie, ich bin zu klein. Wenn ich meiner Mutter beim Abwasch helfen soll, dann sagt sie, ich bin groß genug.‘ Ich glaube, man ist nie so gut oder schlecht, wie die Menschen einen empfinden.“ (3)

In seinen Worten über Hermann Hesse gab es für mich viel Zitierfähiges; ich hoffe, auf meine Empfehlung hin lesen es noch ein paar Menschen mehr. Diese Sätze möchte ich – auch bezogen auf das Thema „Kritik“ – hier an den Schluss setzen:

„Der Philosoph Immanuel Kant formulierte bekanntlich die drei elementaren menschlichen Fragen: Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was können wir hoffen? Und ebendiese drei Fragen sind es auch, so finde ich, die der Schriftsteller in sich trägt, ehe er darangeht, seine Geschichte zu erzählen. Ich glaube, dass Literatur hauptsächlich von der letzten durchdrungen ist: Was dürfen wir hoffen? Insbesondere eben auch die fein gestrickten und seherischen Werke des großen Hermann Hesse. In Wahrheit speist sich Literatur aus dem, was nicht nachgewiesen, was nur erahnt, ersehnt werden kann und auf Glauben beruht, und sei der Glaube auch, wie es beinahe stets der Fall ist, ein verkennender. Literaturwissenschaft und Literaturkritik jedoch lassen – so scheint mir – diese letzte der drei Fragen meist außer Acht und beschäftigen sich viel lieber mit der ersten Frage: Was können wir wissen? Und stoßen damit nur in ebenjene große, staubdurchtanzte Leere, der sie von Beginn an zu entrinnen suchten.“

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(1) Dana Buchzik, 2014: https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article131569874/Darueber-moechte-ich-lieber-nicht-sprechen.html  

(2) Patrick Bauer, 2009: http://www.neon.de/artikel/freie-zeit/literatur/der-sinn-des-leberts/685234  

(3) http://www.litaffin.de/im-gespraech-mit-benjamin-lebert  

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