Offenheit

Carolin Emcke:

„Und doch – oder gerade deswegen – ist es so dringend nötig, offen zu sein, sich eben nicht zu maskieren, sondern die Maskierungen der Normen zu entlarven, sich zu zeigen als Liebende, als Begehrende, als ‚uns‘ zu zeigen, ohne Scham, ohne Verstellung, ohne Not. […]

Vielleicht ist es deswegen wichtig, beides zu betonen: die Selbstverständlichkeit, mit der ich lieben möchte wie ich liebe, die Selbstverständlichkeit, mit der ich auch von dem Glück sprechen möchte, das es mir bedeutet, dieses queere Leben und Begehren, die politischen Reflexionen auf all die Techniken und Mechanismen der Ausgrenzung und Stigmatisierung hier und anderswo, und meinen Wunsch, mir auch die Freiheit zu erhalten, in anderen Bezügen zu denken, andere Allianzen, andere Verbindungen, lokale und internationale, zu betonen. Ich möchte wachsam bleiben für die identitären Verklumpungen, die Dynamiken zur Homogenisierung auch innerhalb verschiedener marginalisierter Lebensformen oder politischer Bewegungen. Ich möchte mir meine Selbstzweifel erhalten, meine Vorsicht, nicht bloß neue Formen einer vermeintlich ‚authentischen‘ Kultur zu reproduzieren, nicht selber wieder Techniken der Distinktion von anderen zu generieren. Ich möchte auch die eigenen kollektiven Rituale, die Sprachspiele und Codes befragen können, ob sie uns womöglich eher einschließen und festschreiben anstatt uns zu öffnen und zu dynamisieren. Ob sie nicht selber wieder symbolisches Kapital anhäufen, das die einen auszeichnet und andere herabsetzt.

Das ist keine Anklage, sondern eben nur eine Frage an mich selbst, und es sind diese Fragen, die ich nicht verlieren möchte. Ich möchte nicht im politischen Gestus erstarren, möchte nicht, dass die Pflicht des ‚out loud‘ mir die leiseren, poetischeren, zarteren Begriffe und Gesten überformt.

In Abwandlung eines Zitats von Claude Lévi-Strauss, ‚In Identitäten lässt sich fortbewegen, aber nicht leben‘ – vielleicht macht mir das am meisten Sorge bei dem Motto des ‚out loud‘; ich bin ja nicht queer geworden, um mich wieder in anderen Schablonen des Denkens, Sprechens und Handelns zurichten zu lassen; ich schreibe ja nicht, um nur mehr andere Parolen zu produzieren, die wiederum andere herabsetzen oder lächerlich machen, sondern ich schreibe, um die Mechanismen der Ausgrenzung zu entlarven, aber vor allem auch um Räume zu öffnen, in denen wir atmen und denken können, vor allem andere Vokabeln, andere Begriffe, andere Bilder, andere Erzählungen zu schaffen, in denen dann andere Allianzen, andere Bezüge, andere Hoffnungen sichtbar werden können. […]

Dabei gibt es keinen Grund, sich in die Defensive drängen zu lassen, keinen Grund, sich einschüchtern zu lassen, denn die eigene Vision einer offenen, inklusiven, pluralen Gesellschaft ist nicht nur schöner oder gerechter; sie ist auch pragmatischer. In ihr können sich mehr Menschen wiederfinden, weil in ihr auch die unterschiedlichsten Entwürfe von gutem Leben sein dürfen.

[…] Wir brauchen [dafür] keine Liebe; uns reicht schon Respekt. […] Eine plurale Gesellschaft wirklich zu wollen heißt auch, vielfältige Differenzen und Distanzen auszuhalten und zu respektieren – alles andere wäre kollektivierter Narzissmus.“

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Die Tiefen der Menschenseele

„Unser Leben mit all seinen Geschichten gleicht in seiner kunstvollsten Ausprägung vielleicht mehr einem Novellenroman als einem Roman.“

So sagt es Jean-Claude Lin im Vorwort des ‚a tempo‘-Magazins in der August-Ausgabe 2017.

Er bezieht sich dabei auf Leo Perutz‘ Novellenroman „Nachts unter der steinernen Brücke“; ich verlinke unten einen Artikel, in dem er liebevoll besprochen wird.

Ein Roman also, der sich aus Novellen zusammensetzt.

Friedrich Spielhagen definiert in „Novelle oder Roman?“ 1876: 

„Der Unterschied zwischen Novelle und Roman hat den Aesthetikern schon viel Kopfzerbrechen verursacht. Indessen, man hat sich im ganzen und großen doch geeinigt und braucht keinen erheblichen Widerspruch zu fürchten, wenn man jenen Unterschied ungefähr so charakterisiert: die Novelle hat es mit fertigen Charakteren zu thun, die, durch eine besondere Verkettung der Umstände und Verhältnisse, in einen interessanten Konflikt gebracht werden, wodurch sie gezwungen sind, sich in ihrer allereigensten Natur zu offenbaren, also, daß der Konflikt, der sonst Gott weiß wie hätte verlaufen können, gerade diesen, durch die Eigentümlichkeit der engagierten Charaktere bedingten und schlechterdings keinen anderen Ausgang nehmen kann und muß. […] Der Roman hat es weniger auf eine möglichst interessante Handlung abgesehen, als auf eine möglichst vollkommene Uebersicht der Breite und Weite des Menschenlebens. Er braucht deshalb – und gerade zu seinen Hauptpersonen – nicht Menschen, die schon fertig sind, und, weil sie es sind, wo immer sie eingreifen, die Situation zu einem raschen Abschluß bringen, sondern solche Individuen, die noch in der Entwicklung stehen, infolgedessen eine bestimmende Wirkung nicht wohl ausüben können, vielmehr selbst durch die Verhältnisse, durch die Menschen ihrer Umgebung in ihrer Bildung, Entwicklung bestimmt werden, und so dem Dichter Gelegenheit geben, ja ihn nötigen, den Leser auf großen, weiten (allerdings möglichst blumenreichen) Umwegen zu seinem Ziele zu führen.

Natürlich ist dieses Ziel für den Novellisten und Romandichter im Grunde dasselbe: die Einsicht in die Tiefen der Menschenseele;[…]“ [Friedrich Spielhagen: „Novelle oder Roman?“ (1876). In: Ders. Beiträge zur Theorie und Technik des Romans. Leipzig (Staackmann) 1883, S. 245 – 257, hier S. 245 – 248.]

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Ich mag beide Genres, und ich stimme Lin und Spielhagen zu: die Ereignisse bilden am Ende den „Lebensroman“. Es ist dasselbe Leben, das man einmal als Ganzes, aus der Ferne, „von oben“ betrachten (und das in groben Zügen durch Daten und Lebensabschnitte strukturiert ist und in seiner Entwicklung grob verfolgt werden) kann. Und zum anderen wird man einem Leben, einem Menschen erst durch „Heran-Zoomen“ wirklich gerecht, kann so manche Entwicklung besser nachvollziehen, im besten Fall verstehen.

Es braucht die Betrachtung der Details, das genaue Hinschauen, das bewusste Lesen, das Innehalten auch – vielleicht gerade – in Zeiten, in denen alles so schnell vorangetrieben wird, wo ein schneller kurzer Erfolg einem langfristig angestrebten guten Ergebnis vorgezogen wird. Wo heute in derselben Sache Hype und morgen „Sau-durchs-Dorf-Treiben“ angesagt ist. Wo Menschen von ihrer Erfahrung berichten, dass Aufklärung nicht so „interessant“ ist wie manche Falschmeldung und daher weniger Gehör findet.

Wir brauchen, denke ich, sowohl die Übersicht über die Epochen und ihre Entwicklung, um die Dinge in Relation zu bringen, aber müssen uns trotzdem zu den Ereignissen positionieren (und manchmal auf sie reagieren), die unser Hier und Jetzt bilden. 

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https://www.welt.de/welt_print/kultur/literatur/article8997757/Nachts-unter-der-steinernen-Bruecke.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Perutz

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Bei Nichtbeachtung droht vielleicht irgendwann mehr als „Kunstverlust“…

„Ich habe miterlebt, wie Jugendliche, die noch nie etwas mit Kunst zu tun hatten, nie in einem Museum waren, durch einen Kunstworkshop angefangen haben zu strahlen. Sie wirkten plötzlich selbstbewusst, kreativ, individuell und interessiert an allem, was über ihren bisherigen ‚Tellerrand‘ hinausging. Aus diesem Grund müssen wir unseren Blick nach vorne richten und dieses Potenzial stärken, denn ohne Kunst würde unsere Gesellschaft eingehen.“ [Juliane Köhler]

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Warum ist es durch Kunst so niederschwellig möglich, Interesse, gar Selbstbewusstsein zu erleben?

Ich denke, weil jeder einen natürlichen Zugang zu ihr hat oder haben könnte, gerade in jungen Jahren. Mit zunehmendem Alter wird dieser natürliche Zugang immer mehr zugestellt mit Erwartungen der Umwelt, die in die jungen Menschen kriechen und irgendwann als eigene Haltungen erlebt werden. Auch Kunst hat in der Gesellschaft ein Gerüst, einen starren Rahmen, den man schon spürt, wenn man nur die Bezeichnung nimmt: Kunst. Der Begriff ist abstrakt; jeder füllt ihn anders. Ein Teil der Gesellschaft sieht ihn als Qualitätsbegriff an: alles, was so genannt wird, ist durch einen Filter gelaufen, hat „Tests“ bestanden, ist von „Experten“, deren Urteil wir vertrauen, für gut befunden worden, gut genug, diesen „Titel“ zu tragen. Junge Menschen, die mit dieser Begriffsdefinition aufwachsen und sie verinnerlichen, werden, wenn sie „offiziell“ einen zum Beispiel naturwissenschaftlichen Weg einschlagen, kaum wagen, auch noch „Kunst“ zu machen oder auch nur diese Neigung verspüren. Das eigentlich so leicht zu weckende Gefühl, das Juliane Köhler bei ‚KunstVerLust‘ beschreibt und das Menschen sich gut und zufrieden fühlen hilft – zu Frieden – wird leichtfertig weggegeben zugunsten eines Lebens im Wettbewerb.

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Und ist das nicht genau der richtige Ansatz, auch jenseits von Kunst? Zu welchen Themen könnt Ihr Euch Workshops vorstellen, die bereits im Jugendalter ihren Anfang nehmen und über reine „Beschäftigungstherapie“ hinausgehen können? Wie könnten sich Jugendliche – selbstverständlich freiwillig! – einbringen können, ohne ihre kostbare Frei- oder Schulzeit zu opfern; vielleicht gekoppelt an den Unterricht? Kann Unterricht nicht generell anders gestaltet werden? Wie erreicht man Schüler, die ihrer Herkunft (Sprachbarriere, Kulturbarriere) oder Wohnsituation nach benachteiligt sind, wenn man den Maßstab unserer Gesellschaft anlegt?

Wodurch wird der erste Funke für Beteiligungswunsch entzündet?

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http://www.kunstverlust.de/galerie/2015/12/23/juliane-khler

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„Es geht um das kollektive Verständnis unseres vergangenen, aktuellen und künftigen Verhältnisses zur Welt.“

Die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy schreibt in der deutschen Ausgabe von ‚LE MONDE diplomatique‘ von August 2017 darüber, wie wenig sich die meisten Museen mit der Geschichte ihrer Objekte auseinandersetzen.
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„Wilhelm von Humboldt schreibt über die Bedeutung der Bildung für den Menschen: ‚Je mehr Mannigfaltigkeit er in Einheit verwandelt, desto reicher, lebendiger, kraftvoller, fruchtbarer ist er. Eine solche Mannigfaltigkeit aber gibt ihm der Einfluss vielfältiger Verhältnisse.‘ Indem sie jedes Artefakt in ein vielschichtiges Koordinatensystem von Raum und Geschichte, Sein und Zeit, Ästhetik und Politik verankert, trägt dokumentierte Provenienz [Herkunft] im Museum zu dieser Mannigfaltigkeit bei. […] Es geht […] um das kollektive Verständnis unseres vergangenen, aktuellen und künftigen Verhältnisses zur Welt.“

Ein Satz, der mir beim ersten Lesen schon so wichtig war… er beinhaltet Vernunft, Herz und Verantwortung; er drückt die Möglichkeit zu echter menschlicher Weiterentwicklung aus; Verständnis ist Chance.

„Die Provenienzforschung ist historische Wissenschaftsforschung. Sie gilt der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und ist für die Museen das, was für die Dresdner Bank oder Daimler Benz die Aufarbeitung ihrer Unternehmensgeschichte im Dritten Reich gewesen ist: die Erfüllung einer historischen Verantwortung, die Selbstbefreiung von allzu bequemen Mythen und ein Akt des Anstands gegenüber den Opfern und Nutzern ihrer Sammlungspolitik.“

„Was noch bitter vermisst wird, ist die Bereitschaft der meisten Museen, diese [Sammlungs]Geschichten dem Publikum offen und verständlich zu erzählen.“

Savoys Erfahrung korrespondiert mit vielen meiner Erfahrungen, wenn ich mir verschiedene Lebens- und Gesellschaftsbereiche ansehe: Erkenntnisse, einmal gewonnen, müssen nicht als diese dauerhaft wirken, und Einsichten führen nicht unbedingt zu mehr gewollter Transparenz und Weitergabewunsch an die Menschen.

Den meisten Museen stellt sie ein schlechtes Zeugnis aus („offenbar überfordert“), aber es sei auch schwierig. Welche Instanzen können es leisten, „für Millionen von Objekten […] die Herkunft zu ermitteln?“

Sie macht deutlich, dass das sich-Auskennen in der Kunst an sich dabei lange nicht reicht, „nur bedingt weiterhilft“. Vielmehr sei umfangreiche Recherche in Polizeiarchiven, ein sich-Auskennen in Verwaltungsstrukturen von Ländern zu bestimmten Zeiten, „in der Wissenschaftsgeschichte der Ethnologie und der europäischen Militär- und Missionsgeschichte“ notwendig.

„Provenienzforschung kann, muss aber nicht im Museum stattfinden. Sie erfordert freien Zugang zu vielen in aller Welt verstreuten Archiven, Teamgeist und methodische Transparenz, universitäre Verankerung und die Bereitschaft zu grenzüberschreitender Kooperation.“ Wunderbar: disziplinübergreifendes Leben und Arbeiten! Wir brauchen noch viel mehr Rufe danach.

„Auch für Museen muss gelten: Erst Provenienzen systematisch erforschen (lassen) und ‚on display‘ stellen. Und dann, irgendwann, darüber nachdenken, was die Rückgabe von Objekten und Objektgruppen in symbolischer, politischer oder diplomatischer Hinsicht bewirken kann und soll“ – die Wiedergutmachung (die nie eine ist) im juristischen Sinn (Restitution = Rückerstattung geraubter, enteigneter und zwangsverkaufter Kulturgüter).

Das Unterlassen dieser Bemühungen beziffere sich nicht nur „in Dollar oder Euro. Es sind gesellschaftliche und politische Kosten, die entstehen, wenn sich eine Gesellschaft ihrer Vergangenheit nicht annehmen will und kann.“

Und sie bezeichnet die gebotene Aufklärung als „die geringste Höflichkeit, welche Europa den Menschen und den Orten, aus denen die Objekte kommen, erweisen kann.“

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Zum Beispiel:

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Frau_in_Gold_(2015)

https://de.wikipedia.org/wiki/Adele_Bloch-Bauer

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-135214503.html

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Doppelleben

„Verreisen und ankommen, die Fremde erkunden und sich selber finden, unterwegs sein und heimkehren – darüber [sprach] Thomas Hermanns mit seinen Gästen: der Musikerin Elif Demirezer, dem Schriftsteller Matthias Politycki, dem Comedian Ususmango und dem Künstler Roger Löcherbach“ in der ‚Westart live‘ vom29.05.2017. 

Ich nehme heute einmal nur den Beitrag

http://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/elif-demirezer-102.html

heraus, um anhand von Elifs Lied „Doppelleben“ folgende Frage zu beleuchten:

Inwiefern sind sich allgemein menschlicher und künstlerischer Abnabelungsprozess ähnlich?

„Alles sagen können“… „Angenommen werden, wie man ist“… das sind doch allgemein menschliche Wünsche…

… und wie das Kind bis ins Erwachsenenalter lernt, davon emotional nicht mehr (so) abhängig zu sein, so werden auch Künstler authentischer in (innerlich) immer freierer Arbeit…

… aber wo bleibt der Wunsch? Bleibt er irgendwo, vielleicht sogar im Grunde unverändert?

„Man besichtigt […] untergehende Welten“, sagt der reisende Schriftsteller Matthias Politycki, und das ständig, was einem bewusst würde, wenn man einen Ort wiederholt besuchte. Die Veränderungen seien sehr sicht- und vor allem auch spürbar.

Und was ist mit einem selbst? Kreiert man nicht selbst ständig Welten, die nach einer Weile, nach gewisser Zeit überholt sind, untergegangen sind?

Und wo bleibt dieser Wunsch: „Alles sagen können“… „Angenommen werden, wie man ist“… bleibt er irgendwo, vielleicht sogar im Grunde unverändert…?

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Im Dialog

https://www.youtube.com/watch?v=wjPJIwI-M2g

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Michael Hirz im Gespräch mit Richard David Precht

 

Der Philosoph macht deutlich, dass es keine absolute, sondern nur gefühlte Gerechtigkeit gibt, was den Begriff an sich schwierig macht. Zudem schwankt unsere Gesellschaft zwischen zwei Modellen: der liberalen Gerechtigkeit, in der jede/r die gleichen Chancen hat, und der sozialistischen Gerechtigkeit, in der jede/r am Ende das gleiche bekommt. Es drängt mich, zu ergänzen: Wir mögen schwanken, aber leben in unserer Gesellschaft keine der beiden Formen.

Wenn nun Parteien hingehen und mit diesem undefinierten Begriff Wahlkampf machen, noch dazu solche, die viele konkreten Ungerechtigkeiten erst losgetreten haben, ist es klar, dass das Vertrauen weiter erschüttert werden muss; „von der AfD gar nicht zu reden“. (Volker Pispers sagt dazu: „Sie bekommen in unserer Demokratie bei einer demokratischen Wahl keine Mehrheit für eine Politik, von der 80 % der Bevölkerung wirtschaftlich profitieren würden; kriegen Sie keine Mehrheit für. Sie kriegen jederzeit eine Mehrheit für eine Politik, von der die reichen 10 % profitieren, denn die Politik wird seit 40 Jahren gemacht und gewählt. CDU, CSU, SPD, FDP und Grüne sind wirtschaftspolitisch eine Einheitspartei.“ Und Rudolf Dreßler dazu, warum davon enttäuschte Menschen die AfD wählen: „Weil sie nicht wissen, was die AfD programmatisch denn eigentlich anbietet. Bei der SPD sehen sie und empfinden nichts mehr, und bei der AfD glauben sie zur Zeit, dieses finden zu können, und es wird für sie auch eine schlimme Entwicklung sein, ein Erwachen sein, wenn sie merken, dass diese Partei in ihrer Programmatik, wenn man das mal liest, was die eigentlich will, genau das Gegenteil von dem anbietet, was genau diese Wählerklientel erwartet.“)

Precht kommt recht schnell weg von der Parteienpolitik hin zu dem, wohin die Gesellschaft – selbstverständlich nicht ohne Politik! – kommen müsste, um mit den neuen Herausforderungen (nicht mehr genug Arbeit für alle, Strukturumbruch durch Digitalisierung) zurechtzukommen.

„Was macht das eigentlich mit einer Gesellschaft, wenn [sie] bislang daran orientiert war, dass möglichst jeder in Arbeit und Brot kommt und dass der Wert von Menschen danach gemessen wird, was sie leisten und was sie verdienen?“

Dass er nicht sehr optimistisch ist, wenn dieser gesellschaftliche Wandel nicht gestaltet wird, die an sich gute freie Zeit nicht auch gut genutzt wird („gut“ im Sinne von sinnvoll für den, der sie nun übrig hat), daran lässt er keinen Zweifel. Und die Politik bietet mit keiner Partei etwas an, das die Menschen in diesen Umbruchzeiten stärkt und stützt; Precht drückt es so aus, dass „die Parteien keine Szenarien dafür entwerfen, und dass sie es schon aus dem Grund nicht zum Wahlkampfthema machen, weil sie Angst haben, den Leuten Angst zu machen. Also lieber lullen sie sie ein und versprechen – mit Raute oder schönen warmen rhetorischen Worten – ein Gefühl von Sicherheit, von Beständigkeit und dass alles weitergeht wie bisher, aber damit werden Kartenhäuser gebaut, während die Erde Risse bekommt.“

Er empfindet es so, dass wir durch die und mit den Parteien schwanken zwischen „Retropien“ und Dystopien; dass unsere Zukunftssorge uns zurückgezogen und rückwärtsgewandt sein lässt, anstatt uns an Zukunftsvisionen arbeiten zu lassen, die uns zumindest weniger Angst machen. Und wir in Wahlkämpfen mit „Kinkerlitzchen-Themen“ abgelenkt werden von diesem Wesentlichen.

„Wer etwas erreichen will, der sucht sich Ziele, und wer etwas verhindern will, der hat Gründe. Und wir leben in einem Land, in dem, verstärkt durch die Medien, eine Diktatur der Gründe über die Ziele vorliegt. Und weil die Politiker das wissen, gehen sie immer den risikolosesten Weg.“

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„Wie viel Angebote die Gesellschaft bereitstellt“, damit ein Mensch etwas mit seiner Zeit anzufangen weiß, und wie er von Kleinkindbeinen an gut angeleitet wird, seine Potenziale zu entfalten und den Wunsch entwickelt, Gesellschaft mitzugestalten, das ist seit längerem ja auch mein Überlegungsfeld.

Dass ich dabei alles das, was trennt statt zu verbinden, das ausschließt statt einlädt sehr kritisch sehe, ist für die, die mich begleiten, kein Geheimnis; im Gegenteil werbe ich sehr offensiv für co-kreatives, disziplinenübergreifendes Miteinander.

„Das ist eine elementare Herausforderung an ein Bildungssystem. Wir haben ein Bildungssystem, das funktioniert über extrinsische Belohnung, also: in der Schule lernen sie für Noten, und später im Leben arbeiten sie für Geld.“ Wenn aber so viel Arbeit schon weggefallen ist und weiter wegfallen wird, „… dann müssen auch die anderen genug Pläne und Ideen haben…“

Das, was Richard David Precht im Interview ausstellt, ist ein Armutszeugnis für diejenigen, die unsere Gesellschaft führen und leiten und die Bedingungen schaffen.

Solange sich Menschen nicht nur abgehängt fühlen, sondern es im Vergleich mit anderen definitv auch sind, herrscht Verbesserungsbedarf. Solange Regierungsvertreter diese Menschen weniger im Blick haben als sich selbst, herrscht Skandal. Solange die wesentlichen Punkte bewusst unter den Teppich gekehrt werden, ebenfalls.

Wir sollten uns alle bemühen und „diese Entwicklung nicht mit geschlossenen Augen machen, sondern sehenden Auges, und das heißt, dass wir all die wichtigen politischen und sozialen Umgestaltungen aktiv angehen, die wir angehen müssen, damit wir auch in Zukunft in einer lebenswerten Gesellschaft bei uns in Deutschland und in Europa leben.“

Precht schlägt als Beispiel schon mal – im Gegensatz zum Modell, Arbeit zu besteuern – eine Finanztransaktionssteuer vor, die, prozentual angelegt, schon an sich mehr (konkrete) Gerechtigkeit brächte.

Was kann die/der Einzelne beitragen?

Dazu zählt für mich die Besinnung auf unsere ureigenen Bedürfnisse. Diese Besinnung muss man selbst als wacher, kritischer Erwachsener ständig trainieren bei all dem, was uns als „Must-haves“ verkauft wird, worauf das Scheinwerferlicht für uns gerichtet wird. Sollten wir zu dem Schluss kommen, dass unsere Bedürfnisse nicht viel mit dem zu tun haben, worauf sich unsere Aufmerksamkeit richten soll, sollten wir widerstehen, oder nicht?

Ich bin dafür, dass wir Kindern (eigenen, denen, die uns anvertraut werden in offiziellen und inoffiziellen Patenschaften und denen, die wir nur kurz und vielleicht nur zufällig begleiten) vorleben, dass Talente wertvoller sind als Äußerlichkeiten, und dass wir vorleben, dass man anderen Menschen erst mal zuhören und das Gehörte im Sinne des Sprechenden verstehen muss, ehe man antworten kann. Jugendlichen und Erwachsenen kann man zum Beispiel prima vorleben, dass es auf Feiern, bei denen man neue Menschen kennenlernt, andere erste Fragen als die nach dem Beruf gibt…

Ich glaube, dass eine Gesellschaft, die sich nicht ablenken und abspeisen lässt, anders lebt und anders wählt. Ich wünsche mir den nächsten Schritt von den Mausfeld’schen Erkenntnissen, „warum die Lämmer schweigen“ hin zum konstruktiven Angehen der inneren und äußeren Schweinehunde. Und beim nächsten Zusammentreffen mit neuen Leuten… na, Ihr wisst schon… 😉

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Ohne Toleranz kein künstlerisches Leben

„Viele Jahre war die Kunsthalle der einzige Ort in Düsseldorf, an dem aktuelle Kunst gezeigt wurde. Zum 50jährigen Bestehen schaut man auf spannende Ausstellungen und leidenschaftliche Debatten zurück.“ (WDR)

 

http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/lokalzeit-duesseldorf/video–jahre-kunsthalle-duesseldorf-100.html

 

„Ich meine, dass wir den Werken der Architektur eben so viel Toleranz entgegenbringen sollten wie Werken der modernen Malerei oder anderen Schöpfungen der Bildenden Kunst. Ohne Toleranz, meine Damen und Herren, gibt es kein künstlerisches Leben. Es ist natürlich das gute Recht eines jeden Einzelnen von uns, den neuen Bau nicht schön zu finden und dem öffentlich Ausdruck zu geben.“ Willi Becker, OB Düsseldorf, zur Eröffnung der Kunsthalle 1967

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Willi_Becker

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