Laute Kunst

Ich selbst kann mich nicht davon freisprechen, manchmal Schwierigkeiten zu empfinden, mich mit mancher Kunst auseinanderzusetzen. Dann bleibt aber mein Anspruch, es trotzdem zu tun, eben nach dem Motto „Was hat es mit dir zu tun?“ Und in dem Fall eben: was hat die Ablehnung in mir mit mir zu tun?

Im facebook-Netzwerk gab es für mich ein Fundstück, das ziemlich gut beschreibt, was ich anfangs empfinde: setze ich mich mit lauter, brutaler, provokanter,… Kunst auseinander, fühle ich mich quasi „angeschrieen“. Schreit mich tatsächlich jemand an, mache ich sofort klar, dass er/sie den Ton ändern muss, weil ich sonst nicht zur Auseinandersetzung bereit bin. Beim angeschrieen-Werden durch Kunst ist ebenfalls spontan dieses „Nicht in diesem Ton!“ in mir.

Das Überbrücken dieses Gefühls – denn der „Ton“ wird sich bei einem abgeschlossenen Kunstwerk nicht ändern – ist für mich die Aufgabe in den Sekunden nach der ersten Wahrnehmung.

Wer bin ich, der anderen Person vorzuschreiben, wie sie mich „anzusprechen“ hat?

Aber wir tun es im sogenannten „wirklichen“ Leben; wir verbitten uns manchen Ton. Eine gewisse Etikette, ein gewisser Anstand im Zusammenleben ist hilfreich; „gutes Benehmen“ hilft, dass man sich zuhört, erst einmal unabhängig vom Inhalt des Gesagten. Es ist nichts Verkehrtes daran, erst einmal die Form auszuhandeln…

Macht es sich „laute“ Kunst selbst und den Betrachtern schwer? Sicher oftmals. Muss/Sollte sie sich ändern/geändert werden? Keinesfalls! Warum nicht, wenn sie es sich doch ungeändert selbst schwer macht, vielleicht weniger oder keine Augen und Ohren findet? Weil „die Form aushandeln“ im Fall von Kunst nicht funktioniert; die Authentizität des Erschaffers ginge komplett verloren. Und vielleicht empfindet derjenige, dem „laute“ Kunst keine Schwierigkeiten macht, der sie vielleicht sogar selbst erschafft, inneren Widerstand beim Hören leiserer Töne, beim Betrachten zarterer Formen und Farben…

Beides darf sein: der freie Ausdruck und die Ablehnung. Hinderlich wäre lediglich, die faire Auseinandersetzung mit dem Inhalt – eigenem und fremdem – aufzugeben.

*

Eines Tages fragte Mahatma Gandhi: „Warum schreien die Menschen so, wenn sie wütend sind?“

„Sie schreien, weil sie die Ruhe verlieren“, antwortete ein Mann.

„Doch warum schreien sie, wenn die andere Person neben ihnen steht?“ fragte Gandhi erneut.

„Wir schreien, weil wir wollen, dass die andere Person uns zuhört“, erwiderte ein anderer Mann.

Gandhi fragte weiter: „Ist es dann nicht möglich, mit leiser Stimme zu sprechen?“ Weitere Antworten folgten, doch keine konnte ihn überzeugen. Nach einem Augenblick des Nachdenkens sagte er: „Wollt ihr wissen, weshalb man eine andere Person anschreit, wenn man wütend ist?

Es ist so, dass sich bei einem Streit die Herzen zweier Menschen weit voneinander entfernen.

Um diese Distanz zu überwinden, muss man schreien. Je wütender die Menschen sind, desto lauter müssen sie schreien, um einander zu hören. Darum lasst es nicht zu, dass eure Herzen sich bei einer Diskussion voneinander entfernen.

Sagt keine Worte, die die Herzen auseinandertreiben, denn der Tag wird kommen, an dem die Distanz so groß ist, dass es keinen Weg mehr zurück geben wird.

Ganz anders ist es zwischen zwei Menschen, die sich lieben.

Sie schreien nicht, sie reden sanft miteinander.

Weshalb wohl? Weil ihre Herzen einander sehr nahe sind. Die Distanz zwischen ihnen ist klein. Manchmal sind sich die Herzen so nahe, dass sie nicht einmal sprechen, sondern nur flüstern. Und wenn die Liebe noch stärker ist, braucht es nicht einmal mehr ein Flüstern. Es genügt, sich anzusehen und die Herzen hören einander. […]“

*

Konsequenz

Buntstift und Öl-Pastellkreide auf Skizzenpapier

DIN A 5

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„Kunst-Werke sind von einer unendlichen Einsamkeit und mit nichts so wenig erreichbar als mit Kritik. Nur Liebe kann sie erfassen und halten und kann gerecht sein gegen sie.“ Rainer Maria Rilke

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„[…] Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.“

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Laurence Olivier

*

aus: Hamlet, 1. Aufzug, 3. Szene:

[…]

POLONIUS

Noch hier, Laertes? Ei, ei, an Bord, an Bord!

Der Wind sitzt in dem Nacken Eures Segels,

Und man verlangt Euch. Hier mein Segen mit dir –

[indem er dem Laertes die Hand aufs Haupt legt]

Und diese Regeln präg in dein Gedächtnis:

Gib den Gedanken, die du hegst, nicht Zunge,

Noch einem ungebührlichen die Tat.

Leutselig sei, doch mach dich nicht gemein.

Den Freund, der dein, und dessen Wahl erprobt,

Mit eh‘rnen Haken klammr‘ ihn an dein Herz.

Doch schwäche deine Hand nicht durch Begrüßung

Von jedem neugeheckten Bruder. Hüte dich,

In Händel zu geraten; bist du drin,

Führ sie, dass sich dein Feind vor dir mag hüten.

Dein Ohr leih jedem, wenigen deine Stimme;

Nimm Rat von allen, aber spar dein Urteil.

Die Kleidung kostbar, wie’s dein Beutel kann,

Doch nicht ins Grillenhafte: reich, nicht bunt;

Denn es verkündigt oft die Tracht den Mann,

Und die vom ersten Rang und Stand in Frankreich

Sind darin ausgesucht und edler Sitte.

Kein Borger sei und auch Verleiher nicht;

Sich und den Freund verliert das Darleh‘n oft,

Und Borgen stumpft der Wirtschaft Spitze ab.

Dies über alles: Sei dir selber treu,

Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage,

Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.

Leb wohl! Mein Segen förd‘re dies an dir!

[…]

*

Diese „Regeln“ des Vaters für den Sohn sind über Shakespeares Schauspiel hinaus erprobt, würde ich sagen; sie haben als Ratschläge beinahe – Ausnahmen gibt es ja immer, weil Menschen Individuen sind – Allgemeingültigkeit.

Besonders von den Schlusssätzen wird dies gerne zitiert:

„Dies über alles: Sei dir selber treu. Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage: Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.“

Auch auf mich wirken diese Sätze. Sie bedeuten nicht, dass man sich anderen gegenüber nicht für diese unpassend verhalten kann; das kann immer passieren, denn wir gehen erst einmal von uns aus und wissen nicht, wie unser Gegenüber uns und das Gesagte aufnehmen wird. (Den Vorsatz, das Gegenüber fies zu treffen, gibt’s natürlich auch, aber das schließe ich hier jetzt einmal aus.)

Um sich selbst treu zu sein, bedarf es der Reflexion; man muss seine Gefühle und Gedanken sortieren, um eine Position einnehmen zu können. Ist diese nicht starr, sondern in dem Sinne beweglich, dass sie veränderbar ist, wenn sich Gegebenheiten verändern, bleibt man wahrhaftig – und kann daher „nicht falsch sein gegen irgendwen“. Ich interpretiere es also so, dass man zu allererst eine gute Verbindung zu sich selbst hat, spürt, was einem gut und nicht gut tut, was man denkt und warum, und dem Gegenüber damit eine ehrliche, eine wahrhaftige Person zeigt.

Nachlässigkeit, Ignoranz und Lethargie haben da kaum Chancen, ihr ungesundes Wirken zu betreiben; man lebt in steter Auseinandersetzung mit sich und anderen. Es ist leicht vorstellbar, dass man diese Auseinandersetzung ohne echte Verbindung zu sich selbst eher als Bürde erlebt als das Geschenk, das es ist: das Geschenk des sich-Einbringens, des im-Gespräch-Bleibens.

So, wie man andere nur lieben kann, wenn man sich selbst zumindest mag, kann man sich dem Ausdruck eines anderen erst öffnen, wenn man seinen eigenen Ausdruck spürt, deuten kann und versteht. Wenn man einsieht, dass man überhaupt einen eigenen, individuellen Ausdruck hat! Und hat man das einmal bewusst gespürt, gibt es im Grunde kein Argument mehr dafür, sich einer anderen Expression von vornherein zu entziehen.

Es ist vollkommen zweitrangig, ob ich das Lächeln der Mona Lisa betrachte oder eines in der Stadt erwidere, das mir begegnet – ich begegne immer Menschen in ihrem jeweiligen Ausdruck. Das Lächeln der Person, die mir entgegenkommt, ist vielleicht unmittelbarer, aber auch Leonardo da Vinci freute sich bestimmt, wenn man seinem künstlerischen Ausdruck zurücklächelte; dessen bin ich mir fast sicher…

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http://www.william-shakespeare.de/hamlet/hamlet1_3.htm

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Verstörend und mitten ins Herz

In der a tempo-Ausgabe dieses März berührt mich ein Artikel besonders: „Vergesslich“ von Brigitte Werner. (Leider ist der Artikel nicht zu verlinken, da er in der Online-Ausgabe fehlt.)

Die Autorin beschreibt darin ihre Beziehung zu einer Zeichnung, die sie als Kind in der Wohnung ihrer Freundin entdeckt hat. Als Erstes sticht der damals Achtjährigen die Andersartigkeit des Bildes ins Auge. Weder hat es Farbe noch entspricht es den Engelbildklischees, die dem Kind bereits begegnet sind. Da die Mutter des Haushalts den Titel den Bildes – „Vergesslicher Engel“ – deutlich darunter geschrieben hatte, war das die nächste Überraschung: „Ich dachte immer, Engel seien vollkommen.“

Die Fragen, die sich das Kind bezüglich des Bildes stellt, drängen sich ihm auf, beschäftigen es, fragen in verschiedene Richtungen: war der Engel aus dem Himmel verstoßen, hatte er etwas Konkretes vergessen, hatte er etwas verloren, schämte er sich, war er traurig? „Ich ging sofort in Kontakt zu ihm.“

Und sie mag ihn sehr. Ich glaube zwar, dass er ihr von Beginn an sympathisch war, aber ich denke, dass ihre Beschäftigung mit ihm sie ihn hat mögen lassen. Sie sagt sogar: „Ich liebte ihn.“

Sie betrachtet ihn unbeobachtet länger, „heimlich, heimlich“, spricht zu ihm, tröstet ihn, will in seinen etwas Unsichtbares haltenden Händen „sein großes Geheimnis entdecken“.

Als Brigitte Werner später Kunst studiert und sich mit Paul Klee beschäftigt, stößt sie auf seine Engelserie und ihren alten Freund. Ihre Fragen werden erwachsen und beschäftigen sich zunehmend mit dem Erschaffer der Zeichnung, der schwer erkrankt war, als er seine Engelbilder begann. Und noch später, „in einer großen Klee-Ausstellung, begegnete ich ihm aufs Neue. Und wieder die alten Rätsel. Und wieder ein paar neue. Dieser Engel verstört mich. Und dieser Engel trifft mich mitten ins Herz. Aber ist es nicht genau das, was Engel immer tun? So wie die Kunst?“

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Was mich an der Geschichte fasziniert, ist die Tatsache, dass uns ein bestimmtes Bild, eine bestimmte künstlerische Arbeit viele Jahre, manchmal ein Leben lang begleiten kann, ohne dass wir sie jemals ganz begreifen. Es geht auch gar nicht um ein „Begreifen“, um „totales Verständnis“. Es geht um Annäherung. Und zwar um die an den Erschaffer, der mittels seiner Kunst kommuniziert, genau wie an die Annäherung an uns selbst. Denn das Bemühen, sich und andere zu verstehen, immer besser zu verstehen, obwohl man an das vermeintliche Ideal von umfassendem Verständnis nie heranreicht, nie heranreichen kann, ist das Geschenk, das beide Seiten bereichert.

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http://www.hamburger-kunsthalle.de/index.php/paul-klee-material.html

 

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Die Liebe zu so ziemlich allem…

… und der Schatten der Avantgarde

Beginnen möchte ich heute mal mit einer kleinen Enttäuschung: das Buch, das ich mir neben anderen mit in die Urlaubszeit genommen habe, hört für mich auf Seite 50 auf; für meinen Geschmack ist es einen guten Hauch zu kitschig, zum Beispiel in seinen Personenbeschreibungen, und die Liebesgeschichte hat noch nicht einmal richtig angefangen!

Den Weg in meine Tasche geschafft hatte es mit seinem Titel, der mich den Klappentext lesen ließ, und mit dessen Worten: „Es ist ein ziemlich ungewöhnliches Museum, in dem Carlotta Goldkorn gerade die nächste Ausstellung vorbereitet. Große Gemälde neben Buntstift-Kinderbildchen, Saurierskelette neben Rokokokostümen, etruskischer Goldschmuck neben Bonbon-Armbändern, und dazwischen blaue Schmetterlinge: dies war 1895 das Konzept des Gründers August Gayette.“

S. 35: „[…] August war ein kreativer Exzentriker. Er wollte, dass die Menschen durch Neugierde lernen, durch Kontraste, durch extreme Kombinationen. Seine Idee von einem guten Museum war für das neunzehnte Jahrhundert höchst ungewöhnlich. […]“

Und auf S. 37 bringt uns ein Dialog diese Idee noch näher. Der Besucher wundert sich über ein Kinderarmband aus dem Automaten neben echtem Goldschmuck, und die Kuratorin erklärt, dass der Museumsgründer „immer die Unterschiede, aber auch die Verwandtschaften zwischen den Epochen aufzeigen“ wollte, „egal, wie weit sie auseinanderliegen.“ Und der Besucher entgegnet: „Stimmt. Das Bonbonkettchen wirkt plötzlich ganz anders, wenn die Klassiker daneben liegen. Nämlich ebenfalls klassisch. Erstaunlich.“

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Im gestrigen „Kölner Treff“, der für mich in Gänze interessant war, beginnt Bettina Böttinger das Gespräch mit dem Kurator Kasper König in Minute 43. Wenn Jürgen Domian – nachdem König von seiner aktuellen Ausstellung im Essener Folkwang Museum erzählt hat, in der er wenig bekannte bis unbekannte Maler neben die Schlüsselwerke der Moderne hängt und das als seinen „Traum“ bezeichnet – in Minute 48 fragt: „Lassen Sie mich da zwischenfragen: das sind nicht-akademische Künstler (Ja.), die aber alle schon verstorben sind. Oder? (Jaja… die sind alle gestorben…) Ich überlege gerade: wie viele nicht-akademische Künstler mag es im Verborgenen geben… (Ganz wenige.) Wie findet man die? (Nix ist verborgen…)“

In meinen Ohren spricht der Kurator da gegen sein eigenes Ausstellungskonzept – warum? Seine weiteren Sätze entlarven einmal mehr, dass künstlerische Arbeiten durchaus neben dem Kunstbetrieb entstehen, die bestehen können. Indem Kuratoren sie einmal kurz „hochheben“, aber trotzdem am bestehenden Ausschluss-System festhalten… was sagt das aus? Was zeigt es?

König sagt weiter, es ginge nicht um „Wichtigkeit“, sondern es bereichere „enorm und macht die Sache sehr viel komplexer.“ Ja, das finde ich auch! Die „Wichtigkeit“ bestimmt das System durch seine Machthaber, durch alle Epochen. Wie ernst zu nehmen ist ein System, das sich zum Selbsterhalt dauernd gegen bereichernde Bandbreite und Komplexität stellen muss?

Ich hoffe, dass viele Besucher den Eindruck bekommen, dass es nicht die Arbeiten sind, diese es nicht sein können, aufgrund derer ein Mensch bekannt wird oder nicht. Ich hoffe, dass viele Besucher hinterfragen, was die Mechanismen sind, die jemanden bekannt werden lassen, und dass die Auseinandersetzung für weitere und größere Offenheit sorgt. Denn Kunst ereignet sich nur in Offenheit.

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(Zitate aus: Christine Vogeley: „Die Liebe zu so ziemlich allem“, Knaur, München 2014 und aus dem „Kölner Treff“ vom 2. Oktober 2015:

http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/koelner_treff/videokoelnertreffescgewinnerinnachttalkerundkunstprofessor100.html

http://www.museum-folkwang.de/de/ausstellungen/ausblick/der-schatten-der-avantgarde.html)

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Kunst und Philosophie, Teil 3

Kunst und Philosophie, Teil 3

Ich rekapituliere noch einmal das Fazit aus dem letzten Text:

Da die vier Perspektiven (ich-Position, objektive Sicht, die Synthese dieser beiden und das Verstehen durch Erfahrung) nicht gleichzeitig eingenommen werden können, „ohne dabei einen Aspekt zu verabsolutieren“, braucht es etwas, das aus der Widersprüchlichkeit heraushilft: die direkte Erfahrung des Lebens, weil sie sich theoretischer Spekulation entzieht. Gert Scobel formuliert es so: „Gedanken und Theorien sind gut, aber sie erschöpfen sich. Dann ist es notwendig, wieder ins Leben hineinzugehen, so tief man kann, um klar zu werden. Man muss wieder einfache Dinge tun, um klar zu sehen.“ Vielleicht muss man die Dinge auch gar nicht werten, sie gar nicht unterscheiden zwischen „einfach“ und etwas anderem, muss also vielleicht nicht „einfache Dinge tun“, sondern muss einfach etwas tun!

Im Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ von Jean-Pierre Jeunet gibt es viele schöne Szenen, aber eine berührt mich immer besonders, weil sie ein so kostbares Gefühl beschreibt. Es ist die, die Amélies Lebensgefühl widerspiegelt, nachdem sie sich zum ersten Mal in das Leben eines anderen Menschen eingemischt, ihm ein intensives Erlebnis ermöglicht hat. Man sieht sie in Zeitlupe gehen; obwohl erst nur ihr Kopf aus einer niedrigeren Perspektive zu sehen ist, nimmt man ihren beschwingten Schritt wahr. Die Szene ist neben leiser Musik unterlegt mit der Stimme des Erzählers:

„Amélie hat plötzlich das Gefühl, in absoluter Harmonie mit sich selbst zu sein. In diesem Augenblick ist alles perfekt: die Weichheit des Lebens, dieser feine Duft, die ruhige Atmosphäre der Stadt. Sie atmet tief ein, und das Leben erscheint ihr so einfach, so klar, dass sie eine Anwandlung von Liebe überkommt und das Verlangen, der gesamten Menschheit zu helfen.“

Dieses Gefühl oder zumindest ein verwandtes Gefühlserlebnis durfte ich auch schon ein paar Mal genießen; ich habe den Eindruck, dass es mir mit zunehmendem Alter öfter zuteil wird; als junge Frau kannte ich es gar nicht, obwohl Amélie im Film es mit Anfang 20 erlebt. Menschen, die es noch nicht kennen, würden es evtl. mit Selbstzufriedenheit verwechseln; so wäre es mir gegangen. Das Gefühl geht aber weit darüber hinaus, und es ist sehr schwer zu beschreiben. Scobel’s weitere Ausführungen sind für mich der Versuch, es trotzdem zu tun, und für mich trifft er es sehr gut:

„Vielleicht lässt sich dieser Zustand der Klarheit beschreiben als eine tiefe Ausgeglichenheit, eine Art alle Kampfzonen umfassenden Waffenstillstand zwischen Geist und Körper, Innen und Außen, der Welt der ersten und der Welt der dritten Person, dem Ich und den Dingen. Das denken [Gert Scobel schreibt das durchgehend klein; Anm. d. Verfasserin] verliert dann seine quälenden Eigenschaften. Es geht dabei jedoch gerade nicht um ein der Erfahrung enthobenes spekulatives denken, sondern um eine im realen, alltäglichen Handeln erreichte Balance zwischen körperlichen und geistigen Prozessen.“

Dass denken und Lebenspraxis sich nicht voneinander trennen lassen, führt zur Erfahrung des Perspektiven- oder Aspektwechsels. Wir alle kennen sogenannte Kippfiguren, zwei Figuren in einem Bild. Eine der bekanntesten ist der „Hasen-Enten-Kopf“, bei der man oft lange erst nur eins der beiden enthaltenen Motive erkennt, aber irgendwann die Wahrnehmung „kippt“ – und man auf einmal das andere Motiv sieht. Im Fall des Würfels, bei dem man sowohl sehen kann, dass er nach vorne zeigt, als auch (wenn die Wahrnehmung kippt) nach hinten, fällt es mir sogar schwer, das zuerst gesehene Motiv noch einmal wieder zu sehen – das jeweils andere zu sehen macht gewissermaßen Mühe. Einige sagen auch, dass sie den Sichtwechsel gar nicht schaffen, so sehr sie sich auch bemühen, selbst wenn jemand ihnen z. B. sagt, auf was sie achten müssen, um das andere ihnen verborgene Motiv sehen zu können. Das heißt natürlich nicht, dass sie es niemals sehen werden, aber im Augenblick sind sie „aspektblind“. Die Fähigkeit, einen Perspektivenwechsel vornehmen zu können oder das eben nicht zu können prägt unsere Wahrnehmung, auch die Wahrnehmung unseres Lebens. „Zu welchen Aspektwechseln müssen wir fähig sein, um wirklich sehen, um verstehen zu können?“ fragt Scobel.

Im letzten Text sprach ich den vermeintlichen Widerspruch zwischen den zahllosen kreativen Arbeiten dieser Welt an; dass es Menschen gibt, die in der einen Umsetzung (z. B. Malerei) „Kunst“ (nach ihrer Definition) sehen und in einer anderen (z. B. eine Performance, die sich einem nicht leicht erschließt) nicht (wieder nach ihrer Definition). Der Nebenmann, die Nebenfrau sieht es genau umgekehrt; er, sie definiert anders, nicht falsch. Das ist das für mich Hochphilosophische an Kunstbetrachtung: der Aspektwechsel, dessen Möglichkeit man sogar ein und derselben Arbeit einräumen muss – und auch das birgt keinen Widerspruch. Deswegen ist es möglich, ein und dieselbe künstlerische Arbeit einmal zu verreißen (dem, dem der Aspektwechsel hier zunächst versagt ist) und einmal zu rühmen (dem, dem eine Aussage, ein neues Gefühl, eine neue Denkanregung „entgegen gekippt“ ist). Deswegen ist es unsinnig, künstlerische Arbeiten generell zu bewerten: man bewertet sie immer unter eigenem Aspekt. Und weil das nicht nur Laien tun, sondern auch Experten, erklären sich so auch Widersprüche in der Kunstkritik; das Problem ist lediglich, dass die Kritik oft absolut vertreten wird – und mögliche Aspektwechsel außer Acht gelassen oder sogar negiert werden.

Ansgar Lorenz und Reiner Ruffing sagen in ihrem 2012 im Wilhelm Fink Verlag erschienenen „Theodor W. Adorno – Philosophie für Einsteiger“ Folgendes:

„Für Adorno hat die Kunst einen hohen Stellenwert.“ … „Er meint, dass sich an der in großen Kunstwerken vorzufindenden ‚Versöhnung zwischen Mimesis und Rationalität’ die gesellschaftliche Praxis zu orientieren hätte.“, aber:

„Laut Adorno gibt es in der Kunst einen Wahrheitsanspruch, der sich nicht an der Weltanschauung des Künstlers orientiert, sondern in der Form des künstlerischen Werkes zum Ausdruck kommt. Man kann im 20. Jahrhundert nicht mehr so malen, komponieren, bauen oder schreiben wie im Zeitalter der Aufklärung. Der Künstler ist nicht – wie im Expressionismus behauptet – nur seiner inneren Stimme verpflichtet, sondern muss gerade seine Partikularität überwinden, wenn er Bleibendes schaffen will.“

Ich würde an dieser Stelle Adorno geantwortet haben: Ein Künstler heute wird nicht mehr so malen, komponieren, bauen etc. wie zu früheren Zeiten; die Beeinflussung der sich weiter entwickelt habenden und immer noch weiter entwickelnden Welt wird in seinen Arbeiten zu sehen sein, selbst, wenn er eine alte Technik benutzt.

„Dieser letzte Gedanke, dass Kunst sich von ihrem Schöpfer emanzipiert und einen eigenen kritischen Sachgehalt zum Sprechen bringt, liegt Adorno besonders am Herzen. Kunst ist nicht in erster Linie eine Angelegenheit des subjektiven Geschmacks, sondern drückt objektive Wahrheiten aus.“ Adorno-Zitat: Das Kunstwerk wird ja zu einem Objektiven gerade dadurch, dass es dem Künstler sich als ein Selbstständiges und in sich Organisiertes entgegensetzt. … Je vollständiger ihm das gelingt, je weniger es nur Dokumentation des Künstlers, je mehr es ein in sich selber Sprechendes ist, um so höher wird das Kunstwerk im allgemeinen ja auch rangieren.

Wenn ich den Philosophen hier richtig deute, wird er – zumindest in dieser Behauptung – u. a. durch mittlerweile unzählige Mem-Beispiele widerlegt. Obwohl die Mem-Theorie umstritten ist, ist der Prozess unstrittig, dass sich Bewusstseinsinhalte durch Kommunikation verbreiten und irgendwann ein Eigenleben führen können – „ein Selbstständiges“, „ein in sich selber Sprechendes“ werden können. Nur ist das nicht unbedingt ein Merkmal für hohe Qualität, wie z. B. die „Bielefeldverschwörung“ zeigt, ein zuerst über das Internet verbreiteter Dauerwitz, der zum Inhalt hat, dass es die Stadt Bielefeld nicht gäbe. Dieses und andere verbreitete Nonsens-Beispiele (auch Comic-Strips und Bilder aller Art) haben mal mehr und mal weniger witzigen Charakter, und das eine oder andere mit mehr Tiefgang wird auch trotz der inflationären Verbreitung berühren können, aber „als Kunstwerk rangieren“ wird wohl offiziell kaum jemals eines von diesen.

Alles erwächst aus Menschen und ist in meinen Augen IMMER AUCH Dokumentation des Erschaffers. Ich halte nichts davon, dass man sich bemühen sollte, sich dort weitgehend raus- oder zurückzuzuhalten; ich glaube auch gar nicht, dass man das kann. Es gilt zu hinterfragen, was mit „objektiven Wahrheiten“ gemeint ist, denn abgesehen von einem allgemein menschlichen Konsens – dass man beispielsweise keinen anderen Menschen tötet – gibt es keine „objektiven Wahrheiten“.

Bin ich auf der Suche nach etwas, nach einer persönlichen Antwort auf eine Lebensfrage, die sich durchaus nicht nur auf mich beziehen muss, sondern – und das möchte ich ausdrücklich nicht pathetisch verstanden wissen – auf alle Menschen, auf die Menschheit, auf die Welt, dann kann ich das u. U. in einem ur-persönlichen Erzeugnis eines anderen Menschen finden, der die Tragweite seiner Kreation zur Zeit der Erschaffung nicht absehen konnte und auch nicht später. Vielleicht hilft mir gerade, dass der Erschaffer „ganz bei sich“ geblieben ist, sich dokumentiert hat.

Mir gefällt der Gedanke, dass die Art, wie Amélie Poulain die Menschen in ihrer Umgebung berührt, sich in der Bedeutung und in der Resonanz nicht unterscheidet vom berührt-Werden durch eine künstlerische Arbeit, und dass Bedeutung und Resonanz immer auf beiden Seiten liegen: beim Erschaffer einer Sache, beim Anreger eines Gedankens, beim Hervorrufer eines Gefühls und bei dessen Adressaten. Echter Dialog beschenkt immer beide Seiten, und das ist in der Kunst eben nicht anders. „Authentische Kunsterfahrung öffnet den Blick für Ungewohntes. Sie zeigt, dass es existenzielle Erkenntnisse jenseits der Logik und den Wissenschaften gibt.“ Und Authentizität bedeutet für mich, dass man nicht unbedingt danach strebt, etwas Bleibendes zu schaffen, sondern dass man auf seine Art einfach im Gespräch bleibt – und sich und anderen weiterhilft auf den verschlungenen Pfaden durch das eigene Leben und durch eine sich stetig verändernde und oft auch brutale Welt.

Für Melanie

Zitate aus
Gert Scobel: „Warum wir philosophieren müssen“, 2012, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main
Ansgar Lorenz, Reiner Ruffing: „Theodor W. Adorno“, 2012, Wilhelm Fink Verlag, München
„Die fabelhafte Welt der Amélie“, Film von Jean-Pierre Jeunet, 2001, Frankreich

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Anleitung für das aggressionsfreie Rezipieren von Kunst

Derzeit beschäftigen mich vorwiegend zwei Dinge, mit denen ich ständig konfrontiert werde und die zwar getrennt erscheinen, aber unbedingt zusammengehören: die Abkehr sehr vieler Menschen von „Kunst“ oder ihr Gefühl, das Thema gar nicht erst näher an sich heran zu lassen und das Thematisieren einer fehlenden adäquaten Bezahlung von „Kunst“ derjenigen, die keine Megastars im Kunstbetrieb sind.

Und dieses Wort, Kunstbetrieb, setzt jetzt hier auch das Ende der Anführungszeichen um Kunst.

Ich stelle immer wieder fest, dass Kreativität, die jeder schon automatisch lebt, weil beinahe jeder Mensch auf die eine oder andere Weise kreativ ist, keine Aggression bei anderen hervorruft. Aus dieser Kreativität heraus kann Kunst entstehen, die andere Menschen berührt, bewegt im Sinne von „weiter denken lässt“, „neu denken lässt“. Das Entstandene muss nicht mal so benannt werden, damit es als auseinandersetzenswert auffällt – es fällt auf und wirkt, oder es wirkt nicht, und beides ist in Ordnung. Die Freiwilligkeit in der Begegnung ist das, was einem aggressiven Gefühl entgegenwirkt. Es mag auch ein Preis dran stehen, den ich sehen oder nicht sehen, den ich zahlen oder nicht zahlen kann. Alles macht noch kein Problem.

In dem Augenblick, in dem etwas aber von vornherein Kunst sein soll (so geht das etablierte Kunstsystem jedenfalls vor), indem eine Sache mit einem Etikett behängt werden soll, an die jeder Mensch ein anderes Etikett hängen würde, beginnt bei den Meisten der aggressive Reiz zu kitzeln. Wer das Gefühl kennt, sollte sich vielleicht fragen, was für ihn Kunst ist, und das möglich abstrakt beschreiben, ohne konkretes Beispiel. Also nicht: „Also DAS ist bestimmt KEINE Kunst, Fett in eine Ecke zu schmieren!“ oder: „Wenn etwas SO ist, DANN ist es für mich Kunst!“, sondern:

„Wenn ich,
ohne ein konkretes Beispiel benennen zu müssen,
Worte finden müsste,
was Kunst für mich ist,
dann wären es diese: …“

Dabei ist enorm wichtig, nicht an ein bestimmtes Kunstwerk zu denken. Ich gehe heute mit meinen Lesern jede Wette ein, dass jeder, der ernsthaft, sachlich, ohne Ironie, innere Abwehr oder besonderes Wohlwollen nach einer abstrakten Beschreibung für Kunst sucht, diese auch findet. Und ich kann beinahe versprechen, dass, wenn man sich diese Worte, seine eigenen Worte ins Gedächtnis ruft, sich danach alles ansehen kann, was irgendjemand kreativ erschaffen hat, und – wenn es nicht gedacht ist zu provozieren und sein Ziel erreicht – auch vollkommen ohne Aggression. Und ohne Kunst in „etabliert“ und „amateurhaft betrieben“ trennen zu müssen. (Man darf nicht ganz außer acht lassen, dass der etablierte Kunstbetrieb selbstverständlich weiter trennen wird; das muss er sogar, möchte er sich erhalten. Aber wir, die wir nicht zu ihm gehören und seinen Regeln nicht gerecht werden müssen, kön-nen frei gestalten, können frei betrachten.)

Selbstverständlich ist man nicht frei von Gefühlen oder Gedanken beim Betrachten. Also wäre der nächste Schritt, um weiterhin aggressionsfrei zu bleiben, sich zu fragen: „Was macht das gerade mit mir?“ oder: „Was hat es mit mir zu tun?“ Man kann ziemlich sicher sein, dass es auf keinen Fall geschaffen worden ist, um jemanden persönlich zu ärgern, also kann man auch locker möglichen Ärger zulassen… Und man findet etwas über sich selbst heraus, sieht eine neue Facette seiner selbst, lernt sich selbst besser kennen.

Der dritte und letzte Schritt ist, sich die Arbeit ohne Preis vorzustellen, ob vorhanden oder nicht.

*

Wenn Chris Dercon, der Direktor der Tate Gallery of Modern Art in London, bemängelt, dass seine Mitarbeiter unterbezahlt sind, dann bin ich ganz bei ihm. Das dürfte es in keinem Museum und auch sonst nirgendwo geben, wie es so Vieles nicht geben dürfte. Und ich bin bei ihm, wenn Birte Carolin Sebastian in der Online-Ausgabe der FAZ vom 09.01.2014 seine Sicht so beschreibt: „Deshalb funktioniere Ai Weiwei so gut. Man müsse seine Werke nicht besitzen oder zu Hause ausstellen, man fühle sich seinen Ideen verbunden. Der Betrachter habe das Gefühl, an Ai Weiweis Leben teilzuhaben. Seine Kunst sei imstande, die eigenen Sichtachsen zu ändern, neue Perspektiven auf die Welt zu gewinnen.“ Die Überschrift des Artikels lautet: „Kunst soll verbinden, nicht gekauft werden.“ …

Wie kann derselbe Mann in denselben Topf werfen, dass z. B. immer Jüngere bloggen, und durch ihre Gratis-Lieferungen damit schon früh begönnen, „Preise kaputt zu machen“, wie ich seine Aussagen im Artikel von Holger Liebs in der Online-Ausgabe von „Monopol“ aus dem Jahr 2010 deute? Finanziell mag Vieles selbstausbeuterisch sein, aber was ist mit kreativer Herzensbildung und mentaler Zufriedenheit? Was, wenn Menschen heute einfach von vornherein durch die gegebenen Möglichkeiten anders leben, durch die Kunst in den alltäglichen Gegenständen beeinflusst anders denken? Was, wenn sie sich deswegen Ai Weiwei verbunden fühlen, weil sie, seit sie Kinder sind, gelernt haben, Ideen wertzuschätzen? Was, wenn sie einen Zugang zu Kunst haben, ohne dass das so benannt wird: Kunst.

Viele, die später, denkend, Kunst ablehnen, tun das, weil sie in ihrem Leben auf den Betrieb um das gestoßen sind, das sie als Kind bereits natürlich gelebt haben, als sie einen Sommer lang im Museumsgarten arbeiten und ausstellen durften, als sie zulassen durften, zu berühren und berührt zu werden. Es floss im besten Sinne durch sie hindurch; sie mussten sich keine Gedanken darüber machen, ob sie nicht etwas davon zurückhalten sollten, um es „später“ „gewinnbringend“ zu vermarkten… Sie haben mit Kunst zu tun, jeden Tag, auch die, die sagen „Das ist nichts für mich“ oder „Damit kenne ich mich nicht aus“. Womit sie sich nicht auskennen, sind die Regeln des Kunstsystems, wenn sie kein Insider sind. Alles andere tragen sie in sich, seit sie Kinder waren.

Worauf sollte ich in meinem Leben noch warten? Ich werde als No-Name ohne diesbezügliche Kontakte keine bessere Möglichkeit bekommen, mich auszuleben, ohne damit anderen zu schaden oder ihnen etwas wegzunehmen. Ja, Vieles von dem, was ich mache, ist gratis. Weil es mir ein Anliegen ist, es zu tun oder zu sagen, und man kann es mir stehlen, weil es nicht geschützt ist. Aber die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, auf die Wenigen zu warten, die durch ihre finanziellen Möglichkeiten oder ihr Netzwerk „durchkommen“, sichtbar, hörbar werden und damit sogar ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Wir brauchen Bandbreite, in allem. Und trotzdem muss ich, solange sich die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens nicht durchgesetzt hat (ich werde es in meiner berufstätigen Zeit sicher nicht mehr erleben), Geld verdienen, werde das tun, solange es mir möglich ist und mit dafür streiten, dass es eine faire Bezahlung für jeden am System Beteiligten geben muss. Ein Vollzeitjob muss reichen, um mit einem fairen Stundenlohn über die Runden zu kommen, auch als MuseumsmitarbeiterIn, auch in der Tate Modern. Aber Kunst, deren mangelnde Vergleichbarkeit eine Bezahlung, eine Be-Lohnung niemals objektiv fair sein lässt, muss weiterhin von Kapitalmärkten abgelöst betrachtet werden können, sonst wird selbst das urmenschliche Verlangen, sich miteinander auszutauschen, korrumpiert. Sonst werden die Museumsgarten-Kinder enttäuscht.

Mit der Kunst bewahren sich Menschen das vielleicht letzte Bisschen Unkäuflichkeit, vielleicht ähnlich dem Erleben bedingungsloser und damit unerklärlicher Liebe. Und wo sie sehen, dass das verraten und verkauft wird, erleben sie Wut.

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Ich habe das Wort, das ich gesucht hatte, um Kunst als Dachbegriff für jede menschliche kreative Transformation zu benennen, bislang nicht gefunden; dies einmal als Zwischenstand. Ich muss weiterhin „Kunst“ sagen und laufe Gefahr, dass ich in dem Augenblick weniger etwas sage, als gehört und gedeutet zu werden. Und da sind sie wieder, die Anführungszeichen.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/tate-modern-kunst-soll-verbinden-nicht-gekauft-werden-12741326.html

http://www.monopol-magazin.de/artikel/20101584/-chris-dercon-kuenstlerprekariat.html

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