„Die Sprache kann der letzte Hort der Freiheit sein“ 

http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=70095

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„Ansichten eines Anarchisten“

Die christlichen Kirchen in Deutschland haben im Nationalsozialismus versagt und sich schuldig gemacht; darunter leidet der gläubige Heinrich Böll.

Es ist geradezu ekelhaft, wie Widerständler als Gegenargument ins Feld geführt werden, die sich allerdings (nach Böll) ihrem Gewissen und nicht der Kirche gegenüber verpflichtet fühlen.

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„Ich hasse den Krieg […] er ist so völlig sinnlos.“

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Welche Rolle spielen die tragenden Säulen/wichtigen Köpfe der Gesellschaft nach dem 2. Weltkrieg? (Stichwort Funktions“eliten“; es sind nicht auf einmal alle demokratisch gestimmt…) 

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Böll stellt sich gegen Aufrüstung und Wiederbewaffnung, Kanzler Adenauer ist dafür; dieser argumentiert mit Freiheit, und die Kirchen unterstützen ihn, weil sie sich gegen den eher atheistischen Osten behaupten wollen. Es ist also für die Kirche eine Frage der Macht und nicht die einer ethisch korrekten Haltung.

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Die Kirchensteuer verrechtlicht das Verhältnis zur Religion, und Böll verurteilt auch das. Und er kritisiert die „sinnentleerten Rituale“ der Kirche.

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Dass Konsum zur Entsolidarisierung des Menschen führt, nahm in den Wirtschaftswunderjahren seinen Anfang, und diesbezügliche Warnungen wurden wahrscheinlich nur allzu gerne in den Wind geschlagen. Ich will nicht „heute“ sagen, aber durch die Zeit sieht man, was Konsum als „neue Gottheit“ angerichtet hat. Die Entsolidarisierung geht über einzelne Personen hinaus, ergreift ganze Länder und lässt die ganze Welt in ein immer stärkeres Ungleichgewicht kippen.

Wo die Ungleichheit, die soziale Ungerechtigkeit – Lebensentscheidungen in jungen Jahren können sich auch in reichen Ländern später als in diesem Sinne falsch herausstellen, selbst, wenn sie an sich nichts „Falsches“ haben (soziale Berufe: Alten- und KrankenpflegerInnen, Berufssparten, die sich verändern: Verlagswesen, Berg- und Autobau, Versicherungs- und Bankangestellte, um nur ein paar Beispiele zu nennen) – mit Händen zu greifen ist, haben Politiker, die eine totalitäre Haltung vertreten, wieder Chancen.

Bölls Warnung vor Totalitarismus ist hochaktuell; für mich ist wünschenswert, wenn man es als wichtige Warnung begreift und danach spricht und handelt; Stichwort (heutiger möglicher nötiger) Widerstand, der oft als übertrieben gehandelt und daher manchmal an Stellen vermieden wird, wo er hingehört. Als kontraproduktiv empfinde ich dabei allerdings, wenn Menschen sich in Gesprächen weder aussprechen lassen noch dem anderen zuhören; so ist die „rechte Ecke“, die es leider selbstverständlich gibt, ein gern genommener Sammelort auch für Menschen, die unbequeme Wahrheiten ansprechen. Die Kunst liegt darin, echte Fremden- gleich Menschenfeindlichkeit zu erkennen und davon zu unterscheiden. Je länger ein Gespräch dauert, je mehr Zeit man sich nimmt, desto klarer werden menschliche Grundhaltungen.

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„Die Sprache kann der letzte Hort der Freiheit sein“, sagt Heinrich Böll.

Ihm wird Terrorismusempathie unterstellt, weil er die Werte des Grundgesetzes auch auf Terroristen angewandt sehen will, dem Wort also für alle Menschen dieselbe Bedeutung zugesteht. Wie kann er es mit diesem Argument in Diskussionen schwer gehabt haben…? Wie argumentierten seine Gegner?

Vielleicht würde „ein Böll“ heute ganz gut tun, sagt Wolfgang Niedecken, und ich sage: selbstverständlich! Aber ich sage auch: wir hatten immer Mahner und haben sie; der letzte, der mir spontan einfällt und an den ich mich lebhaft erinnere, war Roger Willemsen. Man muss die Mahner nur sehen und hören, wenn sie da sind, und nicht jedes Mal das Gleiche beklagen, als wäre es neu.

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http://signaturen-magazin.de/heinrich-boell–die-sprache-als-hort-der-freiheit.html

Auszug aus einer Rede von 1958:

„Es mag Ihnen merkwürdig erscheinen, daß einer, der sich als leidenschaftlicher Liebhaber der Sprache bekannt hat, hier eine Rede hält, die nur düstere politische Prognosen zu enthalten scheint, aus Vergangenheit und Gegenwart Worte auswählt, die tödlich gewirkt haben oder tödlich wirken können, die Zukunft aus Worten beschwört; aber der politische Akzent solcher Beschwörungen und Erinnerungen, das Mahnende und Drohende, kommt aus dem Wissen, daß Politik mit Worten gemacht wird, daß es Worte sind, die den Menschen zum Gegenstand der Politik machen und ihn Geschichte erleiden lassen, Worte, die geredet, gedruckt werden, und es kommt aus dem Wissen, daß Meinungsbildung, Stimmungsmache sich immer des Wortes bedienen. Die Maschinen sind da: Presse, Rundfunk-Fernsehen, von freien Menschen bedient, bieten sie uns Harmloses an, beschränken sich aufs Kommerzielle, Werbung, Unterhaltung – aber nur eine geringe Drehung am Schalter der Macht, und wir würden erkennen, daß die Harmlosigkeit der Maschinen nur eine scheinbare ist.“

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Rainer Mausfeld: Wie Machteliten Meinung und Demokratie steuern: https://www.youtube.com/watch?v=LBndWYhld40

Philipp Möller: „Ohne Religion wäre die Welt besser dran“: https://www.youtube.com/watch?v=PV8tUv-6X8Q

Iris Radisch zu Roger Willemsens: „Wer wir waren“: http://www.zeit.de/2016/51/roger-willemsen-wer-wir-waren

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Geld Macht Kunst


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„Jede Vermarktung macht die Kunst zur Ware.“

„Um was geht es?“

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Ich denke nicht, dass es um die Diskussion geht, ob man mit Kunst seinen Lebensunterhalt verdienen dürfte – selbstverständlich (und viel zu selten) ist das der Fall.

Ich denke nicht, dass Menschen, die das (im besten Sinne) kritisch sehen, eben weil man dann (mindestens) zwei Herren dient, im Vergleich mit anderen besonders „romantisch“ veranlagt sind und das (Selbst)Bild des armen Künstlers pflegen wollen.

Sondern ich denke, dass in der kritischen Betrachtung der Vermarktung von Kunst das liegt, was der Film zeigt: die Perversion von Vermarktung bis hin zur Unkenntlichkeit der Sache.

In meiner Begriffswelt kann es gar nicht umstritten sein, dass das einen Menschen stören muss, der neben dem Wunsch, von seiner Arbeit leben zu können, auch noch eine – zum Beispiel gesellschaftskritische – Aussage treffen möchte. Die Perversion der Vermarktung reduziert jede Aussagemöglichkeit, höhlt sie aus, kann sie gar ins Lächerliche ziehen. Kann man das wünschen?

Ist es wünschenswert, dass eine Arbeit, die neben dem monetären noch einen anderen, eventuell unschätzbaren Wert hat, für lange, lange Zeit im Genfer Freihandelshafen liegt, wo niemand sie sieht?

Ist Kunst dafür da, von Oligarchen erstanden zu werden, in deren Privaträumen sie dann vielleicht Familie und Freunden zugänglich ist, aber sonst vielleicht nur einer Handvoll (ausgewählter) Menschen?

Ist es sinnvoll, Kunst in hochschwellig zu erreichenden, weil luxuriösen Häusern anzubieten, die für die Allermeisten, die sonst nichts mit Kunst zu tun haben, wie Festungen wirken?

Alles legitime Fragen, die einen Hintergrund haben: für wen ist Kunst? Gehört sie jemandem?

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Wege

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Kunst geht über einen direkten Nutzwert hinaus, soll aber im Gegenteil diesen manchmal sogar sofort beweisen.

Das ist so wenig möglich wie die theoretisch denkbare Gegebenheit, nach einer Demo – zum Beispiel gegen die herrschende Klimapolitik – träfen die pseudoverhandelnden Politiker wieder zusammen, um den oftmals sehr vernünftigen Vorschlägen der Bürger sofort Folge zu leisten. Aber trotzdem bleibt ja die Wortmeldung, das sich-Zeigen wichtig, gerade gegen Widerstände, gerade wenn sich Wenige gegenseitig stärken müssen.

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Kunst geht über einen direkten Nutzwert hinaus. Man sieht nicht oder selten, was sie mit Menschen macht. Das macht sie frei. Es gibt kein „Endziel“, das irgendjemand einmal formuliert hätte und das es zu erreichen gölte, und danach müsse es keine Kunst mehr geben. Das ist die Begründung dafür, dass in der Kunst beinahe alles erlaubt ist und lässt überdies die Schlussfolgerung zu, dass es sie immer geben wird.

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Einzelne können sich abwenden, sowohl auf Seiten der Rezipienten als auch auf Seiten der Erschaffer, aber grundsätzlich wird der Mensch wohl nie auf seinen freiheitlichsten Ausdruck verzichten – auf diese Art Demonstration.

Das Abwenden oder die Ausgestaltung ist jedem selbst überlassen. Ich möchte zu denen gehören, die sich Zeit ihres Lebens an der Mitgestaltung desselben und der Welt beteiligt fühlen, und dabei ist tatsächlich der Weg das Ziel, und auf meinem Weg liegt auch die Kunst. Vermutlich wird niemand an einem vorgestellten Ende „gewinnen“ im Sinne von „sich ein für alle Mal gegen andere durchsetzen“. Es wird alles immer stete Verhandlung bleiben, weil es den „guten“ Weg für alle eben nicht gibt. Aber wenn viele mitverhandeln und über „ihre“ Wege sprechen, nähert man sich vielleicht tatsächlich einmal einem Ideal für viele. Es gilt, dafür zu kämpfen, dass eben viele mitverhandeln. Auch und gerade über einen offiziellen Auftrag hinaus, denn offizielle Aufträge sind meistens an sehr viele Auflagen gebunden und schließen so viele potenzielle Gestalter aus.

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Kaum einer Sache tut es gut, wenn nur ein paar Wenige die Deutungshoheit haben; das gilt es überall in der Welt und in jedem Bereich zu hinterfragen. Denn meistens spielen dabei Dinge eine Hauptrolle, die mit der Sache, um die es eigentlich gehen müsste, einmal ging oder behauptet geht, nicht mehr viel zu tun haben. Eine gute Sache verkommt so unter Umständen zum Karrenzieher für Machtausübung, Prestige-Jagd und ähnliches. Dem gilt es zu begegnen. Immer wieder. Mit möglichst vielen, jedeR auf seinem eigenen Weg.

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Benennung und Inhalt

Benennung und Inhalt

1. als Feedback und Antwort zu: http://thinglabs.de/2016/06/kunst-oder-kunsttheorie/ , dem ’seminar‘ von Stefan Beck vom 10. Juni 2016, und seinem ThingLabs-Beitrag http://thinglabs.de/2016/05/welchen-sinn-hat-kunst/

2. als eigenständig zu lesender Text, wenn man über die persönliche Ansprache hinweg liest

Wichtig zum Einstieg ist vielleicht das, das, seit ich es kenne, für mich klar in Worte (und Bilder; siehe Video!) fasst, worauf meine eigene Ansicht fußt. Danke Katrin Herzner und wieder einmal Stefan Beck, der mich darauf gebracht hat: http://www.perisphere.de/werke/wie-alles-wirklich-funktioniert-grosse-kunst

Stefan, Du schreibst in den Kommentaren zu Katrins Beitrag Folgendes:

Ich glaube nicht, dass Kunst “da draußen”, quasi a priori, einfach so existiert. Vielmehr wird Kunst immer schon und vorab unter der Prämisse gemacht, dass sie im Kunstbetrieb erscheinen könnte. Peter Weibel sagt daher: “Wer Kunst macht, will auch Kunstgeschichte schreiben.” Kunstbetrieb (ob Ausstellung oder Handel) ist dem individuellen Schaffen nicht nachgeordnet, sondern soweit mit ihm verwoben, in es hineinreichend, dass eine Trennung kaum möglich ist. Auch Kunst, die es nie in den Ausstellungsbetrieb oder den Kunsthandel schafft, hat seine Prinzipien verinnerlicht und auf ihn ausgerichtet. Genau darin liegt auch ihre Tragik. Es gibt einige Ausnahmen, aber sie sind sonderlich rar. Moderne Kunst entsteht mit dem Moment, mit dem sie sich entschließt, der Logik der Sammlung und damit des Museums (von dem Du gar nicht redest) zu entsprechen. Und infolge kann nur der Kunst entdecken, der den musealen Blick akzeptiert. Darüber hinaus gibt es keine (oder kaum) Kunst.“

Für den akademischen Weg, das „Fach Kunst“ zu beschreiten, stimme ich Dir zu; alles andere machte womöglich für diejenigen, die diesen Weg einschlagen, überhaupt keinen Sinn. Sie wollen irgendwann einmal in das „System Kunst“, das bis heute so gewachsen ist, wie es jetzt existiert, passen und in diesem natürlich auch erfolgreich sein. Sie investieren Zeit und Geld in ein Studium, das der Staat anbietet, inklusive zertifizierendes Etikett. Für alle anderen Wege in der Kunst, die es auch noch gibt, die ich sehe und von denen auch Katrin spricht, gilt das eben nicht. Da will nichts einer bestimmten Logik entsprechen außer einer persönlichen und muss es auch nicht. Ein wie auch immer geartetes Etikett ist nicht vonnöten. Ein Museum wie einen Betrieb muss es nicht geben.

* Definitionen

Seit Jahren bin ich – aus Gesprächserfahrung gewachsen – der Ansicht, dass man seine Definitionen des Kunstbegriffes vor dem Gespräch klären müsste, um sich überhaupt ansatzweise erst einmal nur zu verstehen, geschweige aufeinander antworten zu können. Wir beide fragen uns nun auch schon seit etlichen Jahren, ob wir einander beantworten können (dass der eine recht gut versteht, was und wie der andere es meint, das glaube ich grundsätzlich). Eine wichtige Frage ist daher schon länger für mich: dürfen alle Menschen das Wort „Kunst“ benutzen, wie es ihrer persönlichen Definition entspricht, wo es durch ein mögliches Studium doch sozusagen eine staatliche Definition gibt?

Wenn Du von „Kunst“ sprichst, redest Du von Arbeiten, die innerhalb des „Systems Kunst“ entstanden sind, wenn ich von „Kunst“ (als Dachbegriff) spreche, rede ich über jegliche kreative Transformation des Menschen. Du siehst bestimmte kreative Transformationen (zum Beispiel Malerei) als überwunden an, ich sage: wenn es gerade passt für das, was ich schaffen möchte, was ich ausdrücken möchte, darf ich das selbstverständlich auch mit einem „alten“, einem veralteten Mittel (zum Beispiel Malerei) tun. Für Dich ist „Kunst“ unmittelbar an deren Wahrnehmung „als Kunst“ gekoppelt, für mich hat das eine mit dem anderen insofern zu tun, als dass ich sage, dass sich Kunst erst im Falle der Wahrnehmung ereignen kann; ansonsten bliebe es kreative Transformation, ein Ausdruck wie die Sprache oder Musik, die auch geschaffen wird und existiert ohne unbedingte Zuhörerschaft. So komme ich darum herum, darüber zu streiten, was Kunst „ist“ und was nicht. Ich komme um eine Bewertung herum, die für mich unmöglich ist, da es keine allgemeingültigen Kriterien gibt und jegliche Kriterien daher nur persönlich sein können. Das „System Kunst“ braucht Bewertung und Selektion, da es im System um Bewerbung und Förderung geht und es letztlich sogar um das ganz große Geld gehen kann – jedem Systemeinsteiger ist die Erfolgsgeschichte Gerhard Richters bewusst, um nur einen großen Namen zu nennen. Und allen ist die Uneinigkeit in diesem System bekannt: mit denselben Worten werden Arbeiten in den Himmel gelobt oder verrissen, je nach Standpunkt des Sprechers, der entweder Künstler oder (mitsprachewürdiger) Rezipient, Sammler oder Kurator, Galerist oder Kritiker, Museumsdirektor oder oder oder ist. Das System müsste diese Uneinigkeit erklären (was es nicht tut); außerhalb wird jede Uneinigkeit locker ausgehalten, auch jede „Unbegründbarkeit“.

* Willkür und Freiheit

Du schreibst: „Claus Borgeest versteht unter ‚Begründung‘: Für eine angemessene Anzahl von Kunstwerken gilt, dass sich ihr Kunststatus nicht aus ihren Eigenschaften herleiten lässt.“

Genau. Sie werden, unabhängig ihrer Form oder ihres Inhalts, von den jeweiligen Machtinhabern des „Systems Kunst“ in diesen Status gebracht (um nicht „gehoben“ zu sagen). Viel besser und kürzer kann man die Willkür dieses Systems nicht beschreiben. Außerhalb des Systems ist das Zitat genau so wahr, bedeutet aber Freiheit. Der entgrenzte Kunstbegriff muss dort nicht zu Eifersüchteleien oder (ich hoffe nur verbalen!) Prügeleien führen. Dass es das Urinal einmal im Baumarkt und einmal auf dem Kunstmarkt gibt, ist Beispiel dafür. Du kannst auf die Gedanken und Intention des kreativen Erschaffers (oder Readymade-Bringers) eines Kunstwerks nicht verzichten. Das macht das Urinal nicht als Kunstwerk lächerlich, sondern diejenigen, die außerhalb eines solchen Betriebes jedem mit Duchamps Idee die Stirn gefühlt hätten. Entweder/Oder, oder?

* Es geht um Deutungshoheit und damit Macht. Da mit Macht.

Ich fand interessant, wie Du die Begriffe „Kunst“ und „Kunsttheorie“ gegenüberstellst. Auch, wenn eine Arbeit in der Kunst nicht unbedingt und unmittelbar die kunsttheoretische Einstellung des Erschaffers zeigt und umgekehrt eine kunsttheoretische Abhandlung nicht unbedingt und unmittelbar darauf schließen lässt, was und wie genau der Schreiber als Künstler arbeitet, so gehe ich doch mit Dir konform, dass das trotzdem zusammenhängt. Warum muss man das aber selbst und für sich so auseinanderdividieren? Es muss ja nicht beides in einem Menschen zusammenkommen, aber es kann doch! Wo liegt der Gewinn des klaren Einsortierens? Läuft eine Vermischung einer (vielleicht sehr erwünschten) Wiedererkennung zuwider? Ist das wirklich eine Neufindung oder Neuerfindung? Oder soll nur das Etikett an derselben Person (die gut so ist, wie sie ist) ausgetauscht werden, weil die alte Etikettierung keinen (äußeren) Erfolg gebracht hat?

Für mich fließt da die Energie in Äußerlichkeiten, nicht ins (was auch immer) Tun. Würdest Du, wenn „Kunsttheoretiker“ und nicht „Künstler“ auf Deiner (vorgestellten) Visitenkarte stünde, anders agieren und arbeiten als jetzt?

Im überarbeitungsbedürftigen Eintrag der Wikipedia heißt es:

Als ‚Theorie der Kunst‘ können alle diskursiven Abhandlungen verstanden werden, die das Wesen, die Voraussetzungen sowie möglichen sachimmanenten Gesetzmäßigkeiten von Kunst (im weiten Sinne: Bildende Kunst, Literatur, Musik, Darstellende Kunst, Angewandte Kunst) theoretisch zu bestimmen versuchen.

Kunsttheorie ist ein umfassender Begriff, der sich mit der Genese, dem Wesen und der Funktion der Kunst, vorwiegend der bildenden Kunst, in Geschichte und Gesellschaft beschäftigt.

Es bestehen Verwandtschaften und Überschneidungen zur Kunstgeschichte, Ästhetik, Kunstkritik und neuerdings zu den Kulturwissenschaften, aber auch zur Philosophie, Psychologie, Medientheorie und zur Wahrnehmungsforschung.

[…]

Viele Künstler, zum Beispiel Paul Cézanne, Kasimir Malewitsch, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Joseph Beuys, Marcel Duchamp, Andy Warhol, John Heartfield, Wolf Vostell,[2]John Steinbeck, Jackson Pollock,[3] Jean Cocteau, verfassten selber Theorien ihrer Kunst.“

Jenseits einer akademischen Herangehensweise empfinde ich mich als kreative Transformatorin, durchaus mit einer Kunsttheorie oder – vielleicht besser – Kunstphilosophie. Das interessiert niemanden, womit wir schon wieder bei Machtfragen sind. „Da draußen“ geht es ständig darum, wer sich Gehör verschaffen kann, dann auch angehört wird und auf den dann auch gehört werden kann. Du sagst, Du möchtest keine Macht ausüben, aber Dir ist doch bewusst, dass in einer wirklich angehörten Kunsttheorie jede Menge Macht liegt…? Damit geht klar Verantwortung einher, und jetzt komme ich wieder mit etwas, das mir immens wichtig ist und für mein Gefühl und Denken unbedingt diskussionswürdig: Verantwortung gegenüber wem oder was? Meine Antwort und gerne Einstieg in jeglichen Dialog: allem und jedem gegenüber. Die klassische Frage muss gestellt werden, immer, in jedem Bereich: wem nützt was? Hier: Welche Kunsttheorie ist „gut“ „wofür“? Die „Verwandtschaften und Überschneidungen“, von denen im Wikipedia-Eintrag die Rede ist, sind diese und noch mehr (oder sollten es meines Erachtens sein).

* Verantwortung

Von Verantwortung spricht auch Juliane Rebentisch in der anhörenswerten Diskussion https://www.youtube.com/watch?v=pm1eYaP7JIM :

Ich find‘ schon dass wir in einem Moment der Kunstwelt leben, wo’s überhaupt nicht mehr so ist, nicht, dass das Gegenüber so ’ne bürgerliche… so’n Formalismus ist, nicht, der auf seine Autonomie beharrt in dem Sinne, dass die Gesellschaft draußen gehalten wird, sondern im Gegenteil: man muss schon sagen, die Anrufung des Politischen ist der… sozusagen das Schmiermittel überhaupt – derzeit – um die Kunstwelt am Laufen zu haben, nicht… also jede Biennale überbietet sich wechselseitig an Polizitätsanrufungen, und man muss sich natürlich fragen… sozusagen… in welchem sozialen Moment taucht das eigentlich auf, nicht… also ich finde da haben wir auch die Verantwortung, tatsächlich zurückzutreten und zu fragen: was trifft denn da aufeinander, und ich hab‘ den Eindruck, es gibt da so’n bisschen so ’ne unheilige Allianz mittlerweile zwischen… sozusagen so ’nem sehr kurzgegriffenen Verständnis der künstlerischen Avantgarde, nicht… dass es das Ziel der Avantgarde sei, sich selber im Leben aufzuheben auf der einen Seite und dieser neoliberalen Impact-Forderung, nach der sozusagen die Kunst und die Geisteswissenschaften sozusagen die Aufgabe haben, ihren unmittelbaren Einfluss in der Gesellschaft zu beweisen, ja – und das ist natürlich das Ende der Kunst in gewisser Weise. […] in welcher Weise macht sich die Differenz der Kunst zur Politik geltend […] dass es nicht schlicht darum geht, politische Erkenntnis zu gewinnen […] […] materialführende Auseinandersetzung für unterschiedliche Perspektiven […] für einen Diskurs gewissermaßen bereitzustellen […] Aussagen macht man in verschiedenen Sphären, aber nicht unbedingt in der Kunst.“

Das ist zum Beispiel ein für mich unnötiges Auseinanderdividieren: selbstverständlich muss ein Künstler nicht seine ureigene (politische) Ansicht verarbeiten – aber er kann doch. Ich glaube – wie bei „Kunst“ und „Kunsttheorie“ – dass sich die Bereiche überschneiden dürfen, vielleicht idealerweise sogar überschneiden sollten. Es geht um Dialoganstoß; „dass Konflikt auf öffentliche Bühnen kommt und dass er ausgetragen wird“, sagt Juliane Rebentisch an einer Stelle, hält sie für wichtig und einen „konstitutionellen Bestandteil demokratischen Lebens“. Heutzutage kann beinahe jeder jede Diskussion anstoßen, und ich bin in meinem Leben politisch, ohne für den Stadtrat zu kandidieren. Ich bin es mit jeder Äußerung und jeder Handlung, die ich als Privatperson vornehme, denn ich bewege mich mit anderen in einer Gesellschaft.

Das Problem ist das Erkämpfen der Aufmerksamkeit und damit wieder – im weitesten Sinne – das Macht- bzw. Ohnmachtsproblem.

Ich glaube aber nicht, dass Einschränkungen, die von vornherein auferlegt werden (zum Beispiel „Als Künstler ist es nicht deine Aufgabe, Aussagen zu machen.“), in der Kunst funktionieren, weil Auflagen für diesen freiheitlichsten Ausdruck des Menschen meines Erachtens nicht sinnvoll wären. Die individuelle Herangehensweise an ein Thema – womöglich egal in welcher Disziplin – ist immer eher Bereicherung. Und sollte übrigens auch nicht für mehr Aufmerksamkeit anderer geopfert werden. Wir brauchen alle jeden Ausdruck; Mainstream haben wir satt und genug.

* Kunst und Politik und …

In der Politik begrüße ich, dass zum Beispiel Begriffe wie „links“ und „rechts“ nicht mehr gut funktionieren ohne weitere Ausführungen. Am liebsten würde ich ganz auf sie verzichten (wie übrigens auch auf Parteien), halte das aber für schwierig in der Kommunikation. Auf der einen Seite bekämen die Inhalte einen größeren Raum und könnten eher auf ihr Gewicht hin untersucht und hinterfragt werden, auf der anderen Seite würde viele der Zwang zur Beschäftigung mit eben diesen Inhalten abschrecken. Mündigkeit wäre noch mehr gefragt, das verstehen-Müssen, das mitgestalten-Wollen. Die Individualität der agierenden Personen würde gestärkt dadurch, dass diese eventuell (eben ohne Parteien) keiner Parteiräson mehr unterlägen, aber natürlich könnten weiterhin sozial geschickt agierende Personen mit demagogischem Talent unabhängig von ihren Inhalten Menschen auf ihre Seite ziehen. Wenn Intransparenz herrschen soll, würde sie weiterhin herrschen.

Du kannst jedes System fair oder unfair gestalten. Mir wäre wichtig, dass es für die Allermeisten gut funktioniert. Jedes System, in dem es wenige Nutznießer gibt, wäre für mich in die Richtung zu verändern, dass es möglichst viele Nutznießer gibt. Dass es möglichst allen Menschen damit gut geht nach vernünftigen Maßstäben, ohne sie gleichzuschalten. Möglich wäre es; umsetzbar ist es erst, wenn sich alle auch Gehör verschaffen könnten, das erst einmal wollten. Milo Rau nennt es „die dunkle Seite der Demokratie“: dass Minderheiten in ihren Ansichten untergehen, jenseits von „Recht“ oder „Unrecht“. Unstrittig ist aber ja: zieht man sich raus, weil man meint, dass man erst an einen Schalthebel ran müsste (an den man so, ohne jegliches politisches Vor-Engagement ja auch nie käme), dann unterschlägt man die erste kleine dünne Stimme, die etwas (zumindest subjektiv) Wichtiges äußert. Erst nach einer ersten Äußerung kommt es eventuell irgendwann zum Dialog.

[Kunst] kann weniger als der allerkleinste Herrscher im allerkleinsten Lande“, aber sie „kann neu nachdenken lassen über etwas, das scheinbar abgeschlossen scheint“, sagt Rau. Ich halte das für ein immens großes Können, egal, ob an der Aktion, an dem Film, dem Text, dem Theaterstück, der Installation, dem Bild „Politik“ oder „Kunst“ dran steht oder irgendetwas anderes. Vielleicht brauchen wir einfach neue Begriffe für einige „Zwischendinge“.

Ich möchte also mit anderen Worten meine Machtlosigkeit nicht akzeptieren; ich glaube nicht an meine Belanglosigkeit. Beides ist nicht dadurch gegeben, dass ich nicht an den Schalthebeln der einen oder anderen Macht sitze, sondern es wäre gegeben, wenn ich mich nicht mehr zu Wort meldete, wenn ich nicht mehr daran glauben würde, dass viele kleine Stimmen zu einem hörbaren Chor werden können. Mir ist unwichtig, wie der Chor heißt. Zwar kann man ohne einen Namen, ohne eine Benennung kein Werbebanner aufhängen, aber indem ich mich mit dieser Frage der Bewerbung beschäftige, übe ich beispielsweise weder, noch trete ich auf. Um beim Bild des Chores oder des Orchesters zu bleiben: ich empfinde mich als ein Teil einer größeren Idee (den individuellen kreativen Ausdruck eines jeden Menschen zu unterstützen und jeden darin, sein Gegenüber anzusehen und anzuhören), jederzeit zum Flashmob bereit. Manchmal bedarf es größerer Organisation, um gehört zu werden, aber öfter werden kleine Sessions stattfinden, die manchmal sogar vollkommen ungeplant sind und auch mit wenigen MitmacherInnen wirken (z. B. Weblogs, Kommentare, öffentliche Diskussionen mit auch nur drei Beteiligten usw.). Es kostete dagegen unsagbar viel Mühe, viele „offizielle“ Mitglieder zu werben, die sich nicht irgendwann – wie in beinahe jedem Verein – über das KleinKlein verzetteln und schlimmstenfalls zerstreiten, was die Idee des Vereins unglaubwürdig machte. Ich ziehe meinen Karren allein, was mich unabhängig macht, kann aber jederzeit auch Teil eines Konvois sein.

Missversteh‘ es nicht als Rat; der steht mir nicht nur nicht zu, den brauchst Du auch nicht.

Sieh‘ es als meinen Wunsch an:

Es ist doch egal, wie es heißt. Bring‘ Dich einfach ein.

Alles findet gerade statt.

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CITIZENFOUR

Ich spüre immer stärker, dass Kunst für mich nichts Abgehobenes, nicht „fern von der Welt“ ist. Es gibt natürlich für alle Varianten Beispiele, aber sinnvoll ist für mich nur eine Kunst, die Kontakt sucht, die sprechen möchte, und zwar auch von den verbesserungswürdigen Dingen dieser Welt. Deswegen bin ich derzeit stark angezogen von Menschen, Büchern, Filmen, Dingen im Netz, die das thematisieren.

Als ich vor ein paar Tagen zum ersten Mal Laura Poitras‘ Dokumentation CITIZENFOUR aus dem Jahr 2014 über Edward Snowden sah, war ich wieder konfrontiert mit der Frage „Wie wollen wir leben? Wofür wollen wir streiten? Was ist uns wichtig?“ Weil sich für manchen sicher nicht sofort erschließt, was das Thema mit Kunst zu tun hat, möchte ich es hier sofort sagen: auf den ersten Blick nicht viel.

Gerade habe ich begonnen, „Verflüssigungen“ von Adrienne Goehler zu lesen. Der Autorin geht es um den Dialog zwischen den Disziplinen, um das Aufbrechen alter, festgefahrener Abgrenzungsgedanken. Schon der Untertitel war interessant für mich („Wege und Umwege vom Sozialstaat zur Kulturgesellschaft“), und nach Lektüre des Klappentextes war ich überzeugt, dass das Buch sich für mich zu lesen lohnt.

Der Begriff, der alles verbindet, ist „Freiheit“. Der Mensch kann sich nur wirklich entfalten, wenn er nicht in Denkstrukturen gefangen ist. Jeder von uns kennt das sich-im-Kreis-Drehen, das uns manchmal auf dem Weg zu einer Lösung lähmt. Angst macht unfrei, Abhängigkeit macht unfrei. Sich in Wort und Bild nicht vollkommen unzensiert äußern zu können, ist ein Mangel; wenn wir sogar einen inneren Zensor selbst bestärken, begrenzen wir uns selbst.

Mit Freiheit verbunden ist Verantwortung; die beiden gehen Hand in Hand. Verantwortlich zu denken, zu sprechen und zu handeln ist die Voraussetzung, im sich-Äußern bei sich bleiben zu können, fair bleiben zu können, sich sachlich auseinandersetzen zu können – und sich gegebenenfalls auch jederzeit erklären zu können. Die populäre „Ich muss mich nicht rechtfertigen“-Haltung empfinde ich nicht als hilfreich. Insofern fand ich bei CITIZENFOUR die Auseinandersetzung Edward Snowdens interessant: was möchte ich und warum, wer ist auch betroffen, was löst es unter Umständen aus, welche Konsequenzen hat es in der Welt, welche ganz persönlich für mich? Und zwar alles weit entfernt von der Frage „Wer hat Recht?“, denn es gibt selten ein universell empfundenes Recht.

Kunst ist weder jemals harmlos gleich unbedeutend, noch drückt sie Recht aus, noch steht sie für die moralisch bessere Haltung. Sie ist stete Verhandlung, Dialogangebot, individueller Ausdruck, der einmal ganz persönlich und „klein“ sein kann, einmal groß und bedeutend fürs Weltgeschehen, alles zusammen und alles dazwischen. Nur Hinschauen und Hinhören sind Voraussetzung, Auseinandersetzung, damit sie wirken und beantwortet werden kann. So wie jeder Skandal, so wie jede Enthüllung, so wie jeder Satz und jede kreative Schöpfung eines jeden Menschen. Wie will ich leben? Wofür will ich streiten? Was ist mir wichtig?

Was hat es mit mir zu tun?“

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CITIZENFOUR

https://de.wikipedia.org/wiki/Citizenfour

https://vimeo.com/146807890

Für mich geht es letztlich um die Macht des Staates im Vergleich zu den Möglichkeiten des Volkes, sich dieser Macht zu widersetzen. Ich sitze da jeden Tag und werde dafür bezahlt, Methoden zu entwickeln, um die Macht des Staates zu stärken. Und mir wird klar: wenn sich die Politik verändert, die als einzige den Staat im Zaum hält, dann gibt es keinen Widerstand mehr. Dazu müsste man schon ein absolutes technisches Genie sein. Ich weiß nicht, ob sich noch irgendjemand – egal wie begabt er ist – all diesen Behörden und schlauen Leuten widersetzen könnte. Nicht mal gegen die mittelmäßigen Leute und ihre Hilfsmittel kommt man an. Ich habe gesehen, dass die Versprechungen der Obama-Regierung verraten und verworfen wurden. Man entwickelte die Dinge sogar noch weiter, von denen man versprochen hatte, sie einzudämmen und zu zügeln. Es wurde schlimmer.“ (Edward Snowden)

Da ist was dran. Ich will mich nicht verstecken; das seh‘ ich nicht ein, auch, wenn die Umstände dafür sprechen. Ich finde, es ist ein starkes Signal, einfach zu sagen: ich habe keine Angst. Andere sollten auch keine Angst haben. Ich hab‘ letzte Woche noch neben euch im Büro gesessen. Das geht uns alle an. Es ist unser Land. Das Machtverhältnis zwischen Bürgern und Regierung wird allmählich das von Herrschern und Beherrschten, nicht mehr das von Gewählten und Wählern.“ (Edward Snowden)

Zunächst einmal: die USA rechtfertigen alles, was seit dem 11. September passiert, mit dem Terrorismus. Alles geschieht im Namen der Sicherheit, um unser Volk zu beschützen. In Wirklichkeit gilt das Gegenteil. Viele, viele Dokumente haben nichts mit Terrorismus oder nationaler Sicherheit zu tun, sondern mit Konkurrenz zwischen Staaten und mit der Konkurrenz von Firmen auf industriellem oder finanziellem Gebiet.“ (Glenn Greenwald)

Die Konsequenzen dieser Ausschaltung der Privatsphäre sind schwer abzusehen, aber uns muss klar sein, dass es enorme Auswirkungen haben könnte. Die Möglichkeit der Bürger, zu demonstrieren oder sich politisch zu organisieren, ist stark eingeschränkt, wenn es keine Privatsphäre gibt.“ (Glenn Greenwald)

Wie sie wissen gab es im Juni drei Strafanzeigen gegen Snowden wegen schwerer Verbrechen. […] Dies ist ein sehr ungewöhnliches Mandat, nicht nur für sie alle, sondern auch für mich. Das Gesetz unterscheidet nicht zwischen Leaks an die Presse im öffentlichen Interesse und dem Verkauf von Geheimnissen an den Feind zur persönlichen Bereicherung. Nach dem Espionage Act schützt es also nicht vor Strafe, wenn die veröffentlichte Information gar nicht geheimhaltungswürdig war oder wenn die Verbreitung im öffentlichen Interesse ist und zu Reformen führt. Selbst wenn ein Gericht entscheidet, dass die aufgedeckten Praktiken verfassungswidrig waren, schützt das nicht vor Strafe. Die Regierung muss die Geheimhaltung nicht rechtfertigen; sie muss nicht nachweisen, dass die Veröffentlichung schädlich war. All das ist irrelevant. Wenn wir sagen, dass es keinen fairen Prozess gibt, meinen wir nicht das, was Menschenrechtler als faire Prozessbedingungen bezeichnen, wir sagen, dass das Gesetz an sich für Snowden jegliche Verteidigung unmöglich macht. Er wird mit einem Spion gleichgesetzt. Aus den drei Anklagepunkten könnten noch hundert oder zweihundert oder dreihundert werden; er könnte für jedes Dokument angeklagt werden, das ein Journalist veröffentlicht. Uns allen ist wohl klar – auch, wenn wir hier als Anwälte diskutieren – dass zu 95 % die Politik und nur zu 5 % das Recht entscheidet, wie diese Sache ausgeht.“ (Ben Wizner)

Es muss schwierig sein, in die Privatsphäre eines Menschen einzudringen, weil es so ein schwerwiegendes Eindringen ist. Weil es so verstörend ist. Wie sollen wir ohne Privatsphäre frei und offen diskutieren? Was nützt uns das Recht auf freie Meinungsäußerung, wenn es nicht geschützt wird? Man kann nicht mehr vertraulich über etwas diskutieren, das einem nicht gefällt. Überlegen sie mal, was das für eine entmutigende Wirkung hat, und was für eine Wirkung auf Länder, die kein Recht auf Privatsphäre haben!“ (Ladar Levison)

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Die Liebe zu so ziemlich allem…

… und der Schatten der Avantgarde

Beginnen möchte ich heute mal mit einer kleinen Enttäuschung: das Buch, das ich mir neben anderen mit in die Urlaubszeit genommen habe, hört für mich auf Seite 50 auf; für meinen Geschmack ist es einen guten Hauch zu kitschig, zum Beispiel in seinen Personenbeschreibungen, und die Liebesgeschichte hat noch nicht einmal richtig angefangen!

Den Weg in meine Tasche geschafft hatte es mit seinem Titel, der mich den Klappentext lesen ließ, und mit dessen Worten: „Es ist ein ziemlich ungewöhnliches Museum, in dem Carlotta Goldkorn gerade die nächste Ausstellung vorbereitet. Große Gemälde neben Buntstift-Kinderbildchen, Saurierskelette neben Rokokokostümen, etruskischer Goldschmuck neben Bonbon-Armbändern, und dazwischen blaue Schmetterlinge: dies war 1895 das Konzept des Gründers August Gayette.“

S. 35: „[…] August war ein kreativer Exzentriker. Er wollte, dass die Menschen durch Neugierde lernen, durch Kontraste, durch extreme Kombinationen. Seine Idee von einem guten Museum war für das neunzehnte Jahrhundert höchst ungewöhnlich. […]“

Und auf S. 37 bringt uns ein Dialog diese Idee noch näher. Der Besucher wundert sich über ein Kinderarmband aus dem Automaten neben echtem Goldschmuck, und die Kuratorin erklärt, dass der Museumsgründer „immer die Unterschiede, aber auch die Verwandtschaften zwischen den Epochen aufzeigen“ wollte, „egal, wie weit sie auseinanderliegen.“ Und der Besucher entgegnet: „Stimmt. Das Bonbonkettchen wirkt plötzlich ganz anders, wenn die Klassiker daneben liegen. Nämlich ebenfalls klassisch. Erstaunlich.“

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Im gestrigen „Kölner Treff“, der für mich in Gänze interessant war, beginnt Bettina Böttinger das Gespräch mit dem Kurator Kasper König in Minute 43. Wenn Jürgen Domian – nachdem König von seiner aktuellen Ausstellung im Essener Folkwang Museum erzählt hat, in der er wenig bekannte bis unbekannte Maler neben die Schlüsselwerke der Moderne hängt und das als seinen „Traum“ bezeichnet – in Minute 48 fragt: „Lassen Sie mich da zwischenfragen: das sind nicht-akademische Künstler (Ja.), die aber alle schon verstorben sind. Oder? (Jaja… die sind alle gestorben…) Ich überlege gerade: wie viele nicht-akademische Künstler mag es im Verborgenen geben… (Ganz wenige.) Wie findet man die? (Nix ist verborgen…)“

In meinen Ohren spricht der Kurator da gegen sein eigenes Ausstellungskonzept – warum? Seine weiteren Sätze entlarven einmal mehr, dass künstlerische Arbeiten durchaus neben dem Kunstbetrieb entstehen, die bestehen können. Indem Kuratoren sie einmal kurz „hochheben“, aber trotzdem am bestehenden Ausschluss-System festhalten… was sagt das aus? Was zeigt es?

König sagt weiter, es ginge nicht um „Wichtigkeit“, sondern es bereichere „enorm und macht die Sache sehr viel komplexer.“ Ja, das finde ich auch! Die „Wichtigkeit“ bestimmt das System durch seine Machthaber, durch alle Epochen. Wie ernst zu nehmen ist ein System, das sich zum Selbsterhalt dauernd gegen bereichernde Bandbreite und Komplexität stellen muss?

Ich hoffe, dass viele Besucher den Eindruck bekommen, dass es nicht die Arbeiten sind, diese es nicht sein können, aufgrund derer ein Mensch bekannt wird oder nicht. Ich hoffe, dass viele Besucher hinterfragen, was die Mechanismen sind, die jemanden bekannt werden lassen, und dass die Auseinandersetzung für weitere und größere Offenheit sorgt. Denn Kunst ereignet sich nur in Offenheit.

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(Zitate aus: Christine Vogeley: „Die Liebe zu so ziemlich allem“, Knaur, München 2014 und aus dem „Kölner Treff“ vom 2. Oktober 2015:

http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/koelner_treff/videokoelnertreffescgewinnerinnachttalkerundkunstprofessor100.html

http://www.museum-folkwang.de/de/ausstellungen/ausblick/der-schatten-der-avantgarde.html)

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„Ist das jetzt auch ein Bluff? Lügst du jetzt?“ – Ein Kommentar

In der Juli-Sendung 2015 von „Anke hat Zeit“ hatte Anke Engelke u. a. die Künstlerin Cosima von Bonin zu Gast. Diese fiel von Beginn an mit für die Kunstwelt provokanten Äußerungen auf, die sie allerdings nicht provokant präsentierte, sondern sehr ruhig und gelassen. Ich hatte nicht den Eindruck, eine Frau zu sehen, die darauf aus war, ein Spektakel zu bieten, sondern die im Gegenteil bezüglich ihrer Arbeit Sätze sagte wie “Ich muss irgend so ‘nen spektakulären Quatsch machen, wo die Leute auch hinkommen, gucken.“

Auf der einen Seite wirkte das ehrlich bis zur Schmerzgrenze des Kunstbetriebs, worüber sich das Publikum sicht- und hörbar freute und die Respektlosigkeit der Künstlerin beklatschte. Auf der anderen Seite fragte sicher nicht nur ich mich, was ihre Triebfeder für diesen Auftritt war, denn von Bonin steht ja nicht allein mit ihrer Arbeitsweise, z. B. die kreativen Einfälle von Technikern und Assistenten umsetzen zu lassen, was sie mehrmals als ihr Unvermögen betonte.

Irgendwann hatte ich den Eindruck, dass Engelke beinahe an der (aufgesetzten oder echten) Ehrlichkeit ihres Gastes verzweifelte, da sie doch wohl stolz war, die Künstlerin von Bonin vorstellen zu können, und zunehmend flehte, diese möge sich „doch nicht so klein machen“. Aber von Bonin blieb bei ihrer Selbstdarstellung der Scharlatanin auf dem künstlerischen Parkett: „Die Kunst [ist] von allen, und wir verkaufen es unter meinem Namen.“ „Manchmal ist es ‘ne Idee, und manchmal stehl‘ ich – also oft stehl‘ ich Ideen. Es ist Lug und Trug, aber ich rede darüber, also… ich mach das nicht heimlich.“ „Kunst ist eigentlich nicht wichtig, ‘s is‘ halt ‘n guter Zeitvertreib…“ usw. usf.

Spätestens bei diesem letzten zitierten Satz, der fiel, als das Einzelgespräch beendet war und beide wieder in der Runde Platz nahmen, war es mir zu viel. Nicht zu viel an (hoffentlich ungespielter) Ehrlichkeit – davon kann es gar nicht genug geben –, sondern an Schmähungen ihres „Fachs“. Wozu sollte das gut sein? Der Kunst, die ohnehin bei der Allgemeinheit um Akzeptanz zu kämpfen hat, weil der Mainstream nur die „Großkopferten“ der Szene oder die inhaltslosen Selbstdarsteller wahrnimmt, so einen mitzugeben? Traf, trifft von Bonin damit nicht die Kunst härter als den Kunstbetrieb, den sie eventuell anprangern wollte? Dass sie das wollte war zumindest der Eindruck, den Shermin Langhoff, ein weiterer Gast der Sendung, hatte, und von Bonin bestätigte das nickend.

Langhoff ist Intendantin des Maxim Gorki Theaters in Berlin. Zu ihr leitete Anke Engelke über mit den Worten, dass sie von Bonin doch sicher heftig widersprechen würde, was sie dann zumindest sanft auch tat. Zum einen hatte sie ja den Eindruck von Systemkritik beim Auftritt der Künstlerin, was dem Gewinn abgerungen hätte – hätte diese das deutlich ausgesprochen. Zum anderen sagte Langhoff, dass sie selbst anträte, um Kritik an der Macht zu üben, worin sie die Funktion, die Aufgabe von Kunst sieht und was meilenweit entfernt ist von bloßem „Zeitvertreib“, und auch der Rest der Runde sah einen Sinn in seinem künstlerischen Tun.

Es ist sicher nicht hilfreich, alles bierernst zu nehmen, was, gemessen an vielem anderen in der Welt, vielleicht wirklich „eigentlich nicht wichtig“ ist. Aber was bedeutet es, zu sagen, dass man die Sache nicht wichtig findet, mit der man sein Leben – bis auf weitere Erkenntnisse das einzige, das man hat – zubringt? Gibt mir das nicht einen Respekt vor und daraus erwachsend Verantwortung gegenüber dieser Sache, was nichts zu tun hat mit Vorschriften, wie man nun dieser Verantwortung genau gerecht werden soll?

Cosima von Bonin war für mich nicht einzuschätzen. Denn sie ist trotz ihrer flapsigen Aussagen eine Frau, die sich empören kann. So erzählte sie beispielsweise vom jahrzehntelangen Aufführungs- und Publikationsverbot, das Thomas Bernhard für die Zeit nach seinem Tod verfügt hatte, das aber bereits zehn Jahre danach durch seinen Universalerben (von Bonin meinte, durch „die Regierung“) aufgeweicht und schließlich mit Gründung der Thomas Bernhard-Privatstiftung sogar aufgehoben wurde. „Also da geh‘ ich auf die Barrikaden!“ meinte sie dazu. Einem österreichischen Minister hätte sie „eine klatschen können“, was ebenfalls niemand sagt, der keine Emotionen kennt…

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Wenn man das, was man zu sagen hat, in irgendetwas umsetzt – in ihrem Fall in Kunst –, kann, sollte man dann nicht unmissverständlich dazu stehen? Und zur Kritik am System Kunst nicht genau so unmissverständlich?

Verquickt man diese beiden unterschiedlichen Dinge, gelingt weder das eine noch das andere.

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