Gemeinsame Kunst

Mit dem heutigen Zitat der Jazz-Sängerin Simin Tander möchte ich auch ein Gefühl teilen. Es ist nicht Menschen vorbehalten, die singen oder musizieren; jedeR kann das erleben, selbst bei auf den ersten Blick „unkünstlerischen“ Begegnungen.

So lade ich heute ein, sich auf die Worte einzulassen, die Simin Tander im ‚a tempo‘-Gespräch Ralf Lilienthal auf die Frage gab, was gemeinsames Musizieren für sie bedeute:

„Für alles Musizieren gilt: Hören, Hören, Hören! Zuerst nach innen, auf den eigenen Klang, die eigenen Schwingungen. Und zugleich auf das, was die anderen im Moment spielen. Es geht immer um die Geschichte, die erzählt wird. Gerade in der Improvisation muss ich darauf hören: Was braucht die Musik, was braucht das musikalische Kollektiv jetzt? Wer tritt zurück, wer nach vorne? Da ist ganz viel wort- und blicklose Kommunikation. Das ist sehr intim und wird noch intimer, wenn der andere sich auch öffnet. Es geht um Hingabe, um Vertrauen, auch wenn man sich, wie bei kurzen Gastauftritten, kaum kennt. Spielt man länger zusammen und entwickelt einen bestimmten Bandsound, geht es darum, sich dennoch immer wieder zu überraschen. Aber egal, ob man das erste Mal oder schon ewig zusammenspielt – die besten Momente sind für mich die, in denen etwas Höheres – ein Eigenleben – durch das Musizieren entsteht. Wenn alles wie von selbst zusammenfließt, jeder den anderen antizipiert und das aktive ‚Machen‘ in den Hintergrund rückt.“

*

*

Advertisements
Standard

Zombie

http://www.sueddeutsche.de/kultur/tod-von-cranberries-saengerin-dolores-oriordan-es-bleibt-ein-lied-zum-weinen-schoen-1.3827182

*

https://de.wikipedia.org/wiki/Zombie_(Lied)

*

https://www.youtube.com/watch?v=o61N93V0IdM

*

https://www.youtube.com/watch?v=zvdDjA_CTrw

*

http://networking-media.de/musik/the-cranberries-something-else/

*

Vielleicht noch mit „Linger“ und „Dreams“ – und Fans der Band „The Cranberries“ werden auch andere Stücke selbstverständlich kennen –, aber Dolores O’Riordan verbindet man besonders mit diesem einen Lied, „Zombie“. Es war der einzige Nr. 1-Hit der Band.

1994, als es erschien, musste es sich einreihen in die Song-Schlangen von Girl- und Boygroups, sich unvergleichlicherweise vergleichen lassen mit Musik von DJ Bobo, Whigfield oder Lucilectric, Nummern ohne tiefere Bedeutung. Hip-Hop gab’s auch noch in den 90ern und Grunge, der mehr und länger hätte Bedeutung haben können, wenn er sich nicht so auf Äußerlichkeiten hätte reduzieren, sich nicht hätte ver-hypen lassen.

„Zombie“ war anders. Es „griff ein konkretes Ereignis der jüngeren Geschichte auf: einen Bombenanschlag der IRA in der englischen Stadt Warrington im März 1993. Zwei Kinder starben, drei und zwölf Jahre alt“, und war damit hochpolitisch.

O’Riordan musste die Motivation zu Text und Musik höchstwahrscheinlich nicht lange suchen; als Irin fühlte sie augenscheinlich eine persönliche Betroffenheit, was das sinnlose Töten in ihrem Land anging. Trotzdem gehört doch eine gewisse künstlerische Haltung dazu, etwas so gegen jeden Trend zu machen. Kann sein, dass das Lied eingängig genug war, den Inhalt vergessen zu lassen; dass es „egal“ zu sein scheint, was die tolle Stimme da singt. Ich denke, dass genau dieser Inhalt Dolores O’Riordan es genau so hat singen lassen, mit Zorn und Trauer und Hilflosigkeit.

Ein beeindruckendes Lied, eine beeindruckende Künstlerpersönlichkeit, die zeigt, dass man zu jedem Zeitpunkt, ob in gerade angesagtem Stil oder eben anders, seine Stimme einbringen kann. Und eine politische Haltung, transformiert in Kunst, dieser nicht schadet – ganz im Gegenteil.

*

cof

 

Standard

„Allow your instincts to do the work“ 

„Allow your instincts to do the work.“ Michael Stipe

*

http://www.ardmediathek.de/tv/Rockpalast/Rockpalast-R-E-M-Hamburg-Gr%C3%BCnspan-1/WDR-Fernsehen/Video?bcastId=8051040&documentId=48230902

*

Als ich vor ein paar Tagen – oder sind es etwas schon wieder Wochen!? – in das Rockpalast-Konzert von R.E.M. geriet, das sie 1998 vor ausgesuchtem Fan-Publikum gegeben haben, ahnte ich noch nicht, wie sehr es mich weiter beschäftigen würde. Ich blieb dran bis in die tiefe Nacht hinein.

Ich habe schon damals R.E.M. gemocht und gehört, zu der Zeit, als ich eher MTV einschaltete als eine CD einzulegen. (Bei „Shiny Happy People“ musste ich aber regelmäßig ausmachen, so nervig fand ich Video und Song!) Aber ich war nie ein Fan im klassischen Sinn, von keiner Band; ich hörte, was und wie’s kam, und wenn ich mitbekam, dass viele Lieder, die ich mochte, auf einem Album versammelt waren, kaufte ich es auch. So geschehen auch bei R.E.M.s „Automatic for the People“, das ich – zugegeben – diesmal besonders wegen einem Lied, „Nightswimming“, unterstützen und besitzen wollte.

Nach diesem 8. Studioalbum von 1992 geriet die Band für mich ein bisschen in Vergessenheit – völlig zu Unrecht, wie ich heute weiß.

Am Tag nach meinem nächtlichen Konzert“besuch“ recherchierte ich weitere Konzertmitschnitte, Musik- und Interview-Videos und geriet in einen regelrechten Sog… wenn man an einer Sache, einer Idee oder Band über Tage dranbleibt, besonders, wenn man stellvertretend eine Person „verfolgt“, meint man sie – zwar von weitem und durch einen Filter, aber doch – ein bisschen kennenzulernen. Das Faszinierende daran war für mich, mir einen Menschen quasi im Zeitraffer über fast 40 Jahre lang anzusehen, was im Fall von Michael Stipe rein äußerlich schon absolut kurzweilig ist!

Unten habe ich Euch eine kleine Auswahl der Links hinterlassen; es ist wirklich nur eine ganz kleine, gemessen an meinem Guck- und Lese-Marathon.

(Vielleicht ist das ja auch eine Beschäftigungs-Anregung für freie Tage, wenn man nicht im Dauerweihnachtsstress ist oder sich mal ausklinken möchte: sucht Euch etwas oder jemanden aus, was/den es schon länger gibt und was/der Euch vielleicht durch die Jahre ein bisschen aus dem Blickfeld geraten ist, und begebt Euch auf die Spur – ein anderes Leben kann unglaublich inspirierend sein!)

Mich fasziniert grundsätzlich, wenn Menschen daran, was sie antreibt, dergestalt dranbleiben, dass sich irgendwann nach Jahren – wie zum Beispiel in diesem Fall – ein Künstlerleben „rund“ anfühlt, abgerundet, vollendet. In der Zeit nach R.E.M. hat Stipe mit dem Erschaffen von Skulpturen und der Fotografie eine andere Richtung eingeschlagen, drückt sich aber dadurch ja weiterhin künstlerisch aus… Und sollte er sich das für sich selbst gar nicht wünschen, ein sich „rund“ anfühlendes kreatives Leben… dann wünsche ich es mir für mich. 🙂

*

*

http://www.fnp.de/nachrichten/kultur/Interview-mit-R-E-M-Unsere-Slogans-von-damals-sind-immer-noch-aktuell;art679,2821762

*

*

http://www.laut.de/R.E.M./Interviews/Meine-eigene-Vergaenglichkeit-war-damals-kein-Problem-13-11-2017-1521

*

*

*

*

Standard

Authentizität

„Jedenfalls ist es immer ein Dialog.“

Es hilft zum Verständnis der folgenden Interview-Ausschnitte, die Geigerin Patricia Kopatchinskaja einmal beim Sprechen zu hören und zu sehen. Ich bedaure, dass ich die Dokumentation nirgendwo mehr komplett finde.

*

http://www.migros-kulturprozent.ch/de/home/ein-konzertsaal-ist-keine-wellnessoase

„Ich wollte keine Kompromisse machen, sondern die Leute finden, mit denen ich eine gemeinsame Sprache teilen kann.“

*

„Das lässt Raum zum Lernen. Es ist nicht wie in Wien oder London, wo man wirklich gut sein muss.“

Bitte? An kleinen Orten müssen Sie nicht so gut sein?

„Doch, doch … aber da kann ich es wagen, auch einmal zu experimentieren. Da kann ich Dinge tun, von denen ich noch nicht weiß, ob sie gelingen oder nicht. Und deswegen sind für mich die kleineren Orte fast interessanter als die großen, wo man wirklich das liefert, was man schon über die Stücke herausgefunden hat. Allerdings bin ich auf gutem Weg, auch dort freier spielen zu können. Ich möchte den Konzertbesuchern in London oder Wien verständlich machen, dass diese Freiheit der Motor für Bewegung und Entwicklung ist. Musik ist nicht etwas, das immer zu 100 Prozent klappt. Es geht nicht darum, alle Töne rund und schön abzuliefern.“

*

„Wer mit einer vorgefertigten Meinung ins Konzert kommt, kann bei mir nur enttäuscht werden. Ich spiele nicht das, was man erwartet.“

*

„Das Publikum hat sich an mich gewöhnt. Es erwartet sogar zunehmend das, was ich verständlich zu machen versuche: Dass es neben spielerischer Perfektion und der immer gleichen einbetonierten Fassung eines Stückes, die man von den Schallplatten her kennt, auch andere Wege gibt.“

*

Ist, wer Ihr Mozart-Spiel kritisiert, in der Zeit stehen geblieben?

„Eine solche Person ist in ihrer Persönlichkeit stehengeblieben und kann nicht aus sich heraus – eine solche Person will immer wieder das genießen, was sie verstanden hat. Ich glaube, Kunst muss einen Menschen auch mit Dingen konfrontieren, die er nicht mag.“

*

„Das ist wie mit den Kleidergeschäften – von London bis Zürich: Alles sieht gleich aus! Die musikalische Globalisierung ist enorm stark. Überall spielen die gleichen Leute das gleiche Programm. Es gibt kein Gesicht mehr.“

*

Standard

Klangexperiment

Ich wusste auch nicht, was ein Ostinato ist; ich musste nachsehen. Und nachgesehen habe ich, weil ich auch den Begriff „Chaconne“ nie vorher gehört hatte und beim Nachlesen dieses Begriffs erfuhr, dass Chaconne eine Ostinato-Form ist.

Obwohl… ich kannte die musikalische Figur sogar und wusste nur die Bezeichnung nicht. Ein Ostinato in der Musik ist ein sich ständig wiederholendes Element wie zum Beispiel eine Melodie oder ein Rhythmus, wie bei Ravels Boléro beispielsweise.

Tomaso Vitali wird die Chaconne zugeschrieben, die der Komponist Rüdiger Blömer für ein Crossover-Experiment aufgegriffen hat, das wir am vergangenen Freitag miterleben durften. Das Mönchengladbacher Jugend-Sinfonie-Orchester hat unter seiner Leitung Christian Malescov gemeinsam mit dem DJ Korbinian Groll Blömers „ChaconniADE“ aufgeführt, „ein Strudel aus romantischen und modernen, elektronischen und DJ-Klängen“.

Das altersmäßig gemischte Publikum ließ sich darauf ein und applaudierte am Ende stehend.

Wieder einmal durfte sich verbinden, was einmal als nicht vereinbar angesehen wurde… wunderbar!

*

Standard

„Wunderbar Unsinniges“

Dieter Meier hatte mich nach wenigen Sätzen.

Man wisse ja nicht so recht, was Kunst eigentlich sei, meint der Unternehmer und Rinderzüchter, der mir zum ersten Mal mit „The Race“ seiner Band Yello auffiel, ohne dass ich ahnte, dass er von der Performance-Kunst kam.

Diese sei „sinnlos und zwecklos [gewesen] wie wir selber auch“. Auf der anderen Seite sagt er, Kunst erreiche uns da, wo andere Dinge uns eben nicht erreichen können („reaches parts of your mind other things don’t“) – für mich hat das jede Menge Sinn!

Als Unbekannter wurde er von der Presse als „bekannter Underground-Künstler“ betitelt, damit diese überhaupt berichten konnte; ich musste (selbstverständlich wieder ohne mich zu vergleichen) an meine Ausstellungserfahrung damals in Holland denken, als der Veranstalter auch – wohlwissend, dass ich das nicht bin – mich als „bekannte deutsche Malerin“ auf seinen Flyer bringen ließ; Widerspruch zwecklos, da ich es zu spät erfuhr. Auch so etwas trägt dazu bei, dass „Kunst“ weiterhin von Vielen als Qualitätssiegel begriffen und nicht offen angeschaut wird.

Und als Eckart von Hirschhausen harmlos den überholten Witz „Kunst kommt von Können, nicht von Wollen, sonst hieße es ja Wunst“ bringt, pariert Meier: „Dieses ‚Können‘ – was heißt das schon in einem akademischen Sinne?“ Es sei eine „Floskel, mit der man der Kunst die Zähne zieht.“

Die Sendung verliert nach Aust und Wickert ihre für mich ärgerlichen Momente und wird mit dem Demenz-Bericht dann menschlich und wichtig. Aber das Highlight ist der zuletzt interviewte Gast, Dieter Meier. Leider konnte ich nicht eruieren, zu welcher Minute Ihr vorziehen müsst, aber das bekommt Ihr hin! 😉 Viel Vergnügen:

https://www.zdf.de/gesellschaft/markus-lanz/markus-lanz-vom-20-juni-2017-100.html

P.S.: … und dann knetet er auch noch Zufallsgesichter… wunderbar! 🙂

Standard