Markttreiben

Der Begriff „Kreativität“ ist etwas abgenutzt, aber ich finde, er tut’s noch ziemlich gut!
Hier im Blog ist er ein paar Mal zur Sprache gekommen; ich habe hier und anderswo konstruktiv zu ihm gestritten.

Über die Schwierigkeit, den Begriff sauber zu definieren, erzählt u. a. die Wikipedia; der Artikel lässt ahnen, von wie vielen Seiten und unterschiedlichen Aspekten man der Kreativität begegnen kann.

Über das kreative Produkt heißt es dort:

„Eine subjektive Sichtweise jeder einzelnen Person ist in der Bewertung nicht auszuschließen, da jedes Individuum nach eigenen Kriterien bewertet, wenn es keine Normwerte zur Verfügung hat und keine allgemeingültige, weil bekannte und gleichzeitig gültige und verlässliche Definition von Kreativität zur Bewertung herangezogen wird. Das bedeutet, dass durch die mangelnde Definition des Begriffs die Wertung eines einzelnen Individuums fast immer subjektiv ausfällt. Erst durch eine (oft implizite) Einigung auf eine Definition und Maßstäben zur Messung von Kreativität ist eine Gruppe dazu in der Lage ist, Kreativität zu bewerten und zu messen. Dieser Vorgang unterliegt dabei auch immer dem Zeitgeist.“

Objektiv messen lässt sich Kreativität also nur sehr ungern. Aber wir haben alle eine Vorstellung von ihr.

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Kreativität bezeichnet nicht alleine Hobby-Kunst, obwohl diese darunterfällt.
Kreativität ist Lebenseinstellung und Fantasie Sie zeigt sich im Umgang mit schwierigen Kunden und wenn man in der Küche ein Gericht noch mal gerade so rettet. Wenn man in der Lage ist, ein Problem auch noch mal von einer anderen Seite aus anzugehen. Und manchmal lässt sie Bilder entstehen. Oder Bücher.

Die Autorin Melanie Lahmer weist in ihrem Blog deutlich auf etwas Wichtiges hin:
Auf einem Markt wird die Kreativität des Erschaffers, der Erschafferin oft so gelähmt, dass diese mitunter ihre Arbeit aufgeben.

Die Wikipedia schreibt:
„In der Kunst erfordert der hier geltende Innovationszwang, dass Kreativität mit Normenbruch, also dem Verstoß gegen tradierte Normen, einhergeht.“

Melanie Lahmer sagt:
„Alle wollen das neue, große Ding, mit dem man für die nächsten Jahre ausgesorgt hat – aber keiner traut sich aus seiner Komfortzone heraus.
Das führt zu der paradoxen Situation, dass Verlage zwar händeringend nach Neuem suchen, das Neue soll aber bitte nicht zu stark vom Gewohnten abweichen.
Und darunter leiden zuallererst wir Autoren. Denn unsere Figuren und Settings dürfen nicht zu ungewöhnlich sein, wir sollen aktuelle Trends bedienen und trotzdem noch etwas Eigenes einbringen (aber nicht zu viel, bitte!). Diese Vorgaben sind so diffus und gleichzeitig einengend, dass sie immer auch Einfluss auf unsere Geschichten haben. Manchmal fühlt man sich wie ein Pferd, das Hufe scharrend vor dem Gatter steht, das sich niemand zu öffnen traut. Man könnte ja aus Versehen im Galopp irgendetwas umreißen.“

Wohin soll ein Künstler ausweichen, den der Markt entweder gebrochen hat oder der zu den Bedingungen dort nicht arbeiten, aber trotzdem weiter künstlerisch tätig sein möchte? Zu dessen Persönlichkeit es untrennbar gehört, sich auf diese seine Weise auszudrücken?
Von mir selbst kann ich sagen, dass auch mich Schranken einschränken und Normen angleichen. Vorgaben geben auch mir etwas vor; ich kann nichts mehr selbst entwickeln, und unter Druck funktioniere ich allenfalls, aber das Wunder der Kreativität wird sich mit Sicherheit nicht ereignen! Es braucht das Spielen, die Ergebnisoffenheit.

Einem Markt, der auf Gewinn aus ist oder zumindest Verluste vermeiden soll, macht ergebnisoffenes Arbeiten Bauchschmerzen, was ich aus Marktsicht sogar verstehe. Der Markt ist Mechanismen unterworfen, die ihn zu dem System machen, das er ist. Würde er den Wachstums- und Konkurrenzgedanken aufgeben, würden Köpfe und Arme des Marktkörpers sterben.

Handel ist die Bestimmung des Marktes. Doch wie kann etwas so Flatterhaftes, manchmal Flüchtiges, Lehrendes, manchmal im Flow Erlebtes, manchmal hart Erarbeitetes, mit Zeit und auch sonst nicht objektiv Messbares wie Kreativität sinnvoll gehandelt werden?
Es ist, wie Luft an der Börse zu handeln, also entweder unmöglich, oder es braucht fast schon kleinkriminelle Energie, Menschen außerhalb der Gewinnzone die Mechanismen schmackhaft zu machen. KreativarbeiterInnen liegen oft außerhalb jeglicher Gewinnzonen.

Der Gewinn für jemanden, der seine Kunst leben möchte, hat oft nichts mit materiellem Gut zu tun.

Melanie Lahmer: „Für jeden Autor, der einen Vertrag wegen seiner schlechten Bedingungen nicht unterschreibt, kommt ein neuer nach, der ihn zu noch schlechteren Bedingungen unterschreibt und sich dafür eine Flasche Sekt öffnet. Das mit dem Jubel und dem Sekt kann ich natürlich gut verstehen, das habe ich auch gemacht. Aber leider hat man damit schon den ersten Schritt in Richtung Selbstaufgabe und fehlende Wertschätzung getan. Wer sich unter Wert verkauft, setzt damit automatisch auch einen Marker. Dann zeigt man, dass man zu allen möglichen Kompromissen bereit ist, solange man sein Buch veröffentlichen darf.
Denn eines ist klar: Wenn ich diesen Vertrag nicht unterschreibe, bekomme ich möglicherweise gar keinen. Und eigentlich wollen wir doch nur eines: gelesen werden. Und dafür brauchen wir Leser, die wir auf irgendeine Weise erreichen müssen – sei es durch Verlage und den Buchhandel oder ohne Verlag im Internet.“

Das habe ich mich oft gefragt: verraten KreativarbeiterInnen sich und ihre Gabe, wenn sie sie zum Verkauf stellen, Kompromisse machen? Ich tu mich schwer, jegliche Verantwortung bei ihnen zu suchen. Der eine wird es aus guten, gerade zitierten Gründen tun, jemand anderes wird es aus genau so guten persönlichen Gründen lassen. Ich tu mich schwer damit, zu akzeptieren, dass gerade die Energie der KreativarbeiterInnen mit solchen Fragen angefressen wird. Aber ich kenne sie gut…

In Gesprächen habe ich oft ein Szenario aufgemacht, bei dem ich davon ausging, dass man die Absurdität sofort erkennt: alle KreativarbeiterInnen, die nicht gut bezahlt werden, stellen die Arbeit ein. Ein Streik. Der ist nämlich bei der Vielzahl von zum Beispiel AutorInnen mit ihrer unterschiedlichen Haltung und der vielen unterschiedlichen Verlage nicht zu organisieren. Und was sollen MalerInnen tun, die vielleicht – ich weiß es nicht – noch zahlreicher sind? Ein Aspekt des Problems: KreativarbeiterInnen auf dem Markt unterscheiden sich nicht von denen anderswo. Ihr „Endprodukt“ kann das gleiche sein. Unter MalerInnen ist daher „Schwarzarbeit“ ein großes Thema. Doch warum wird das nicht so ernst genommen wie beispielsweise bei Fliesenlegern oder anderen HandwerkerInnen, warum klingt das eher lustig? Weil Kunst in der Gesellschaft noch nicht als akzeptiert angekommen ist? Oder weil Handel mit einer nicht messbaren, nicht objektiv bewertbaren Sache so schwierig ist?

Ich gehe so weit zu sagen, dass fairer Handel auf dem Parkett der Kreativarbeit nicht möglich ist. Weil Unvergleichliches zum Vergleichen – und Handel vergleicht immer – angeglichen wird. Weil Nischenprodukte, die sich nicht verkaufen, aber die es geben muss, um Individualität und Vielfalt zu würdigen, hintenüber fallen, in der wahrnehmbaren Welt nicht mehr vorkommen. Weil mit etwas gehandelt werden soll, das allen gehört wie die Luft, die wir atmen: Fantasie und unser individueller Ausdruck dieser Fantasie.

Melanie Lahmer: „Es ist hart und es bleibt hart und ich bin nicht optimistisch genug, um an eine Besserung zu glauben. Irgendwann fällt das bisherige System in sich zusammen, und dann bleiben vermutlich nur wenige übrig. Aber bis es soweit ist, schreibe ich weiterhin meine Geschichten und versuche, so gut wie möglich davon zu leben.“

Vielleicht – wenn sich der Mensch bis dahin nicht selbst vernichtet, was ich in der letzten Zeit öfter fürchte – gibt es mal eine Gesellschaft, in der unser Versorgtsein nicht an unsere Lebensidee gekoppelt ist. Wir uns nicht entscheiden müssen, ob wir Essen kaufen oder Stifte, ob zum Malen oder Schreiben. Die Kinder fürs Leben lernen und nicht dafür, ihr Leben lang der materiellen Versorgtheit hinterher zu laufen und gesellschaftlicher Ächtung unterliegen, wenn das nicht gelingt, und das Gelingen FÜR ALLE wird immer schwieriger.

Vielleicht, wenn wir alle in einem Punkt zusammenhalten: das, was unser Menschsein ausmacht, nicht zu verraten. Und das individuell, unterschiedlich.

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https://de.wikipedia.org/wiki/Kreativit%C3%A4t

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https://siegerlandkrimis.wordpress.com/2018/03/23/autoren-unter-druck-ii/

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Standard

Offenheit

Carolin Emcke:

„Und doch – oder gerade deswegen – ist es so dringend nötig, offen zu sein, sich eben nicht zu maskieren, sondern die Maskierungen der Normen zu entlarven, sich zu zeigen als Liebende, als Begehrende, als ‚uns‘ zu zeigen, ohne Scham, ohne Verstellung, ohne Not. […]

Vielleicht ist es deswegen wichtig, beides zu betonen: die Selbstverständlichkeit, mit der ich lieben möchte wie ich liebe, die Selbstverständlichkeit, mit der ich auch von dem Glück sprechen möchte, das es mir bedeutet, dieses queere Leben und Begehren, die politischen Reflexionen auf all die Techniken und Mechanismen der Ausgrenzung und Stigmatisierung hier und anderswo, und meinen Wunsch, mir auch die Freiheit zu erhalten, in anderen Bezügen zu denken, andere Allianzen, andere Verbindungen, lokale und internationale, zu betonen. Ich möchte wachsam bleiben für die identitären Verklumpungen, die Dynamiken zur Homogenisierung auch innerhalb verschiedener marginalisierter Lebensformen oder politischer Bewegungen. Ich möchte mir meine Selbstzweifel erhalten, meine Vorsicht, nicht bloß neue Formen einer vermeintlich ‚authentischen‘ Kultur zu reproduzieren, nicht selber wieder Techniken der Distinktion von anderen zu generieren. Ich möchte auch die eigenen kollektiven Rituale, die Sprachspiele und Codes befragen können, ob sie uns womöglich eher einschließen und festschreiben anstatt uns zu öffnen und zu dynamisieren. Ob sie nicht selber wieder symbolisches Kapital anhäufen, das die einen auszeichnet und andere herabsetzt.

Das ist keine Anklage, sondern eben nur eine Frage an mich selbst, und es sind diese Fragen, die ich nicht verlieren möchte. Ich möchte nicht im politischen Gestus erstarren, möchte nicht, dass die Pflicht des ‚out loud‘ mir die leiseren, poetischeren, zarteren Begriffe und Gesten überformt.

In Abwandlung eines Zitats von Claude Lévi-Strauss, ‚In Identitäten lässt sich fortbewegen, aber nicht leben‘ – vielleicht macht mir das am meisten Sorge bei dem Motto des ‚out loud‘; ich bin ja nicht queer geworden, um mich wieder in anderen Schablonen des Denkens, Sprechens und Handelns zurichten zu lassen; ich schreibe ja nicht, um nur mehr andere Parolen zu produzieren, die wiederum andere herabsetzen oder lächerlich machen, sondern ich schreibe, um die Mechanismen der Ausgrenzung zu entlarven, aber vor allem auch um Räume zu öffnen, in denen wir atmen und denken können, vor allem andere Vokabeln, andere Begriffe, andere Bilder, andere Erzählungen zu schaffen, in denen dann andere Allianzen, andere Bezüge, andere Hoffnungen sichtbar werden können. […]

Dabei gibt es keinen Grund, sich in die Defensive drängen zu lassen, keinen Grund, sich einschüchtern zu lassen, denn die eigene Vision einer offenen, inklusiven, pluralen Gesellschaft ist nicht nur schöner oder gerechter; sie ist auch pragmatischer. In ihr können sich mehr Menschen wiederfinden, weil in ihr auch die unterschiedlichsten Entwürfe von gutem Leben sein dürfen.

[…] Wir brauchen [dafür] keine Liebe; uns reicht schon Respekt. […] Eine plurale Gesellschaft wirklich zu wollen heißt auch, vielfältige Differenzen und Distanzen auszuhalten und zu respektieren – alles andere wäre kollektivierter Narzissmus.“

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Standard

Benennung und Inhalt, Fortsetzung

 

EI1

 

Ich war einmal eine entschieden deutlichere Anhängerin der Europäischen Idee. Ich fand und finde es für das Zusammenwachsen der Welt nicht hilfreich, wenn selbst kleinste Staaten (wieder) souverän sein woll(t)en. Allerdings kann ich es nachvollziehen, wie gerade aktuell die Befürworter des ‚Brexit‘; ich kann deren Enttäuschung nachvollziehen; nein: ich fühle sie auch.

Der Nachteil einer zusammenwachsenden Welt ist sicherlich die schwierigere Organisation und Verwaltung, aber wo nicht von vornherein echte Fairness angestrebt wird, ist die Idee eben von vornherein zum Scheitern verurteilt. Sei es, dass Staaten auf unrealistische Art miteinander verglichen werden, sei es, dass im Grunde andere, undurchsichtige politische Interessen ein konstruktives Miteinander vereiteln.

Sebastian Köpcke sagt es in einem facebook-Posting vom 25. Juni 2016 so: „Nicht die Rechtspopulisten verraten die Europäische Idee, denn dafür haben sie sich noch nie sonderlich erwärmen können. Es sind die »Demokraten«, die handelnden Eliten, die Europa geopfert haben, weil sie klein im Geist und mit vollgeschissenen Hosen oder schlimmer noch aus kaltem Kalkül die Krise als Normalfall etabliert haben, um mit Angst vor noch mehr Krise und mit der moralischen Integrität einer osteuropäischen Hütchenspielerbande [sic] ihr politisches Geschäft zu betreiben. Ob beim Bau von Großprojekten wie dem BER oder Stuttgart 21, ob bei Bankenrettungen durch Steuerzahler, ob beim Abbau von Freiheitsrechten zur »Terrorabwehr«, ob bei der Endlagerung ganzer Bevölkerungsschichten in staatlich organisierter Armut, ob bei der Endlagerung ganzer Länder in europäisch verwalteter Armut, ob bei einer Außenpolitik, die die eigenen Sicherheitsinteressen hintertreibt und Krieg zum Friedensdienst umdeutet, ob bei einer Friedenspolitik, die Tod, Elend und Millionen von Flüchtlingen produziert, die man sich dann mit Geld und Militär vom Halse hält – als Bürger kann man all das nur noch als irrational, gefährlich, undemokratisch und schlicht kriminell empfinden. Die europäischen Rechtspopulisten erfüllen bei all dem eine wichtige Funktion, denn sie treiben die Zweifler und die Wankelmütigen immer wieder zurück an die Seite der »Demokratie- und Wertewahrer« … Die dummen Briten auf dem flachen Land haben nun einen Akzent gesetzt, der eine Zäsur bedeutet und Europa in eine weitere Krise stürzt. Allerdings ist nicht zu befürchten, dass dies bei den Verantwortungsträgern in Resteuropa tatsächlich zu tieferen Einsichten führt, denn Schuld haben immer die Anderen und Krise ist ja ohnehin ihr alltägliches Geschäft.“

Wenn Zweifler meinen, dass mehr direkte Demokratie mehr Chaos bedeutete, weil auch uninformierte, politisch uninteressierte Menschen dann komplexe Sachverhalte mitbestimmten, ohne die Tragweite zu erfassen, dann muss ich ihnen einerseits zustimmen. Andererseits sehe ich wie Sebastian Köpcke und viele andere kein gesteigertes Interesse seitens der Politik am wirklich mündigen Bürger. Wie kann man ohne echte Transparenz Mitdenken und Mitsprache erwarten? Gar nicht; man kann nur besonders gut ausnutzen, die Menschen mit Hilfe geschickter Demagogie lediglich auf der emotionalen Ebene anzusprechen und so bestimmte Ergebnisse lancieren. (Perverserweise findet das in manchen Ländern schon für Kindesalter statt – in meinen Augen ein Verbrechen am jeweiligen Kind und an der Menschheit.)

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„Statt der nackten Gesprächsergebnisse zwischen Lobbyisten, statt bloßer Verkündung von Regierungshandeln brauchen wir Einblicke in die Prozesse. […] und wir brauchen dafür den vielfältigen Sachverstand der unterschiedlichsten Mitglieder dieser Gesellschaft.

[…]Erklärungen, die keine Prozesse, sondern druckbare Überschriften vermitteln, sind verbales Fastfood. Und warum erklärt die Bundesregierung nicht regelmäßig im Fernsehen, an welchen Fragen sie arbeitet, auf welche Lösungsmöglichkeiten sie baut, welche Modelle und deren Risiken sie gegeneinander abwägt?“ fragt Adrienne Goehler in ihrem lesenswerten Buch „Verflüssigungen“, bereits 2006 im Campus-Verlag erschienen.

Carsten Hueck schreibt in seiner Kritik dazu (http://www.deutschlandradiokultur.de/gegen-den-politischen-stillstand.950.de.html?dram:article_id=134214 ) von einem Widerspruch, den er bei der Lektüre empfunden hat: „Wenn der Sozialstaat die ‚kreative Klasse‘ hervorbringt, die beispielhaft für eine zu schaffende Kulturgesellschaft sein soll, kann er so schlecht oder unbrauchbar doch nicht sein?“

Für mich gibt es keine einheitliche „kreative Klasse“ in unserem Staat, eher dieses „unbestimmte Gefühl der Differenz“ (Adrienne Goehler). Die Autorin fängt den vermeintlichen Widerspruch gleich in ihren Vorbemerkungen auf: „Das Buch wendet sich auch an die Gruppe, die der amerikanische Sozialwissenschaftler Richard Florida die Kreative Klasse nennt, zu der die oben genannten alle gehören oder gehören könnten. Alle zusammen, auch wenn sie noch kein umfassendes Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickelt haben, sondern sie ein eher unbestimmtes Gefühl der Differenz vereint, sind nicht ein paar vereinzelte AbweichlerInnen vom Mainstream, sondern wir reden hier mittlerweile von einem beachtlichen Teil der Bevölkerung, der auf 20 bis 25 Prozent zu schätzen ist.“

Hueck schreibt: „Nach Goehler sind Kulturschaffende die Avantgarde einer neuen Arbeitswelt. Ein zweischneidiges Kompliment. Denn das Bild des Künstlers als ‚flexibler Mensch‘ ist nicht weit entfernt von neoliberalen Vorstellungen – die eben doch wieder ökonomische Effizienz vor Sinnstiftung im Auge haben und den Menschen letztlich als Material betrachten.“

Goehler sagt auf Seite 28: „Neoliberalismus und Neokonservatismus mit ihren Altideologien des Jeder-ist-seines-Glückes-Schmied sind keine Alternativen zum zerfallenden Sozialstaat, denn sie beschränken sich auf die phrasenhafte Forderung, die Einzelnen sollten ihre ‚Freiheit‘ wahrnehmen und Eigenverantwortung zeigen. Alle kennen den Subtext: Es geht darum, anderer Leute Gürtel enger zu schnallen und das Ehrenamt als Kitt für die Risse im Sozialstaat zu bemühen. Verändert wird so gar nichts, weil von den Einzelnen eine reparierende, eine kompensierende Übernahme für fehlende staatliche Verantwortung gefordert wird. Es fehlt, dass die Einzelnen an den Entscheidungen darüber beteiligt sind, was eigentlich das Soziale in dem Land, in dem sie leben, ausmachen soll und was ihr Beitrag dazu sein könnte.“

Und eben nicht nur das Soziale. Was soll miteinander leben überhaupt ausmachen, im Kleinen wie im Großen?

Wir können an der Beantwortung der großen Fragen doch nur teilnehmen, wenn wir „in unserem Kleinen“ zu reflektieren gewohnt sind. Indem wir uns der direkten Umstände um uns und unsere Mitmenschen bewusst sind. Wie möchte ich leben? Sind meine Werte mit der Freiheit meines Gegenübers (auch desjenigen, der auf einem anderen Kontinent lebt) vereinbar? Wie geht es mir gerade? Sind die Voraussetzungen so, dass ich meine Vorstellung von „leben“ umsetzen kann? Was kann ich dazu beitragen, dass auch das Leben anderer besser wird? Was ist das für mich: ein „gutes“, ein gelungenes Leben? Und: ist es nicht nur spannend zu erfahren, sondern sogar unerlässlich zu wissen, was mein Gegenüber darunter versteht?

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Man kann jedes System fair oder unfair gestalten. Wie das Kind heißt, ist nebensächlich, wenn es sich asozial oder deviant verhält. Aber: alle Begriffe sind so oder so zu füllen. „Ein von der anerkannten gesellschaftlichen Norm abweichendes Verhalten“ (Wikipedia) kann in höchstem Maße „sozial“ sein: gemeinnützig, hilfreich – wenn das anerkannte gesellschaftliche Verhalten ins A- oder Antisoziale kippt.

Inhalt ist wichtig.

Wie fülle ich eine Sache, einen Begriff? Du kannst die geschlechtergerechteste Sprache haben – ändert sich nichts im Denken und dann im Verhalten der Mitglieder einer Gesellschaft, hilft alles nichts. Das bedeutet nicht, dass sich so etwas nicht bedingt; natürlich tut es das, und ein sensibler Umgang mit Worten fördert und fordert die Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Inhalt. Aber ich glaube auch, dass der Krieg auf den Nebenschauplätzen oft vom eigentlich Wichtigen ablenkt.

Wie fülle ich Begriffe wie „Europa“, „Gleichberechtigung“ oder „Kunst“? Geographische Bezeichnung oder eine Idee des Zusammenlebens? Ein schönes Wort oder eine Idee des Zusammenlebens? Das, was im Museum hängt oder eine Idee des Zusammenlebens? Was bedeutet „Kreativität“, was „Demokratie“, was „Verantwortung“? Wovon bin ich da eigentlich Teil? Wie nehme ich eigentlich teil? Nehme ich teil?

So, wie ich glaube, dass es Kunst für alle Menschen geben sollte, die sie sich in ihrem Leben wünschen, so denke ich, dass es gut ist, sich als alle Menschen zusammenzuschließen: für ein kreatives und faires Miteinander, nicht nur europaweit.

 

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