Offenheit

Carolin Emcke:

„Und doch – oder gerade deswegen – ist es so dringend nötig, offen zu sein, sich eben nicht zu maskieren, sondern die Maskierungen der Normen zu entlarven, sich zu zeigen als Liebende, als Begehrende, als ‚uns‘ zu zeigen, ohne Scham, ohne Verstellung, ohne Not. […]

Vielleicht ist es deswegen wichtig, beides zu betonen: die Selbstverständlichkeit, mit der ich lieben möchte wie ich liebe, die Selbstverständlichkeit, mit der ich auch von dem Glück sprechen möchte, das es mir bedeutet, dieses queere Leben und Begehren, die politischen Reflexionen auf all die Techniken und Mechanismen der Ausgrenzung und Stigmatisierung hier und anderswo, und meinen Wunsch, mir auch die Freiheit zu erhalten, in anderen Bezügen zu denken, andere Allianzen, andere Verbindungen, lokale und internationale, zu betonen. Ich möchte wachsam bleiben für die identitären Verklumpungen, die Dynamiken zur Homogenisierung auch innerhalb verschiedener marginalisierter Lebensformen oder politischer Bewegungen. Ich möchte mir meine Selbstzweifel erhalten, meine Vorsicht, nicht bloß neue Formen einer vermeintlich ‚authentischen‘ Kultur zu reproduzieren, nicht selber wieder Techniken der Distinktion von anderen zu generieren. Ich möchte auch die eigenen kollektiven Rituale, die Sprachspiele und Codes befragen können, ob sie uns womöglich eher einschließen und festschreiben anstatt uns zu öffnen und zu dynamisieren. Ob sie nicht selber wieder symbolisches Kapital anhäufen, das die einen auszeichnet und andere herabsetzt.

Das ist keine Anklage, sondern eben nur eine Frage an mich selbst, und es sind diese Fragen, die ich nicht verlieren möchte. Ich möchte nicht im politischen Gestus erstarren, möchte nicht, dass die Pflicht des ‚out loud‘ mir die leiseren, poetischeren, zarteren Begriffe und Gesten überformt.

In Abwandlung eines Zitats von Claude Lévi-Strauss, ‚In Identitäten lässt sich fortbewegen, aber nicht leben‘ – vielleicht macht mir das am meisten Sorge bei dem Motto des ‚out loud‘; ich bin ja nicht queer geworden, um mich wieder in anderen Schablonen des Denkens, Sprechens und Handelns zurichten zu lassen; ich schreibe ja nicht, um nur mehr andere Parolen zu produzieren, die wiederum andere herabsetzen oder lächerlich machen, sondern ich schreibe, um die Mechanismen der Ausgrenzung zu entlarven, aber vor allem auch um Räume zu öffnen, in denen wir atmen und denken können, vor allem andere Vokabeln, andere Begriffe, andere Bilder, andere Erzählungen zu schaffen, in denen dann andere Allianzen, andere Bezüge, andere Hoffnungen sichtbar werden können. […]

Dabei gibt es keinen Grund, sich in die Defensive drängen zu lassen, keinen Grund, sich einschüchtern zu lassen, denn die eigene Vision einer offenen, inklusiven, pluralen Gesellschaft ist nicht nur schöner oder gerechter; sie ist auch pragmatischer. In ihr können sich mehr Menschen wiederfinden, weil in ihr auch die unterschiedlichsten Entwürfe von gutem Leben sein dürfen.

[…] Wir brauchen [dafür] keine Liebe; uns reicht schon Respekt. […] Eine plurale Gesellschaft wirklich zu wollen heißt auch, vielfältige Differenzen und Distanzen auszuhalten und zu respektieren – alles andere wäre kollektivierter Narzissmus.“

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„Es geht um das kollektive Verständnis unseres vergangenen, aktuellen und künftigen Verhältnisses zur Welt.“

Die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy schreibt in der deutschen Ausgabe von ‚LE MONDE diplomatique‘ von August 2017 darüber, wie wenig sich die meisten Museen mit der Geschichte ihrer Objekte auseinandersetzen.
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„Wilhelm von Humboldt schreibt über die Bedeutung der Bildung für den Menschen: ‚Je mehr Mannigfaltigkeit er in Einheit verwandelt, desto reicher, lebendiger, kraftvoller, fruchtbarer ist er. Eine solche Mannigfaltigkeit aber gibt ihm der Einfluss vielfältiger Verhältnisse.‘ Indem sie jedes Artefakt in ein vielschichtiges Koordinatensystem von Raum und Geschichte, Sein und Zeit, Ästhetik und Politik verankert, trägt dokumentierte Provenienz [Herkunft] im Museum zu dieser Mannigfaltigkeit bei. […] Es geht […] um das kollektive Verständnis unseres vergangenen, aktuellen und künftigen Verhältnisses zur Welt.“

Ein Satz, der mir beim ersten Lesen schon so wichtig war… er beinhaltet Vernunft, Herz und Verantwortung; er drückt die Möglichkeit zu echter menschlicher Weiterentwicklung aus; Verständnis ist Chance.

„Die Provenienzforschung ist historische Wissenschaftsforschung. Sie gilt der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und ist für die Museen das, was für die Dresdner Bank oder Daimler Benz die Aufarbeitung ihrer Unternehmensgeschichte im Dritten Reich gewesen ist: die Erfüllung einer historischen Verantwortung, die Selbstbefreiung von allzu bequemen Mythen und ein Akt des Anstands gegenüber den Opfern und Nutzern ihrer Sammlungspolitik.“

„Was noch bitter vermisst wird, ist die Bereitschaft der meisten Museen, diese [Sammlungs]Geschichten dem Publikum offen und verständlich zu erzählen.“

Savoys Erfahrung korrespondiert mit vielen meiner Erfahrungen, wenn ich mir verschiedene Lebens- und Gesellschaftsbereiche ansehe: Erkenntnisse, einmal gewonnen, müssen nicht als diese dauerhaft wirken, und Einsichten führen nicht unbedingt zu mehr gewollter Transparenz und Weitergabewunsch an die Menschen.

Den meisten Museen stellt sie ein schlechtes Zeugnis aus („offenbar überfordert“), aber es sei auch schwierig. Welche Instanzen können es leisten, „für Millionen von Objekten […] die Herkunft zu ermitteln?“

Sie macht deutlich, dass das sich-Auskennen in der Kunst an sich dabei lange nicht reicht, „nur bedingt weiterhilft“. Vielmehr sei umfangreiche Recherche in Polizeiarchiven, ein sich-Auskennen in Verwaltungsstrukturen von Ländern zu bestimmten Zeiten, „in der Wissenschaftsgeschichte der Ethnologie und der europäischen Militär- und Missionsgeschichte“ notwendig.

„Provenienzforschung kann, muss aber nicht im Museum stattfinden. Sie erfordert freien Zugang zu vielen in aller Welt verstreuten Archiven, Teamgeist und methodische Transparenz, universitäre Verankerung und die Bereitschaft zu grenzüberschreitender Kooperation.“ Wunderbar: disziplinübergreifendes Leben und Arbeiten! Wir brauchen noch viel mehr Rufe danach.

„Auch für Museen muss gelten: Erst Provenienzen systematisch erforschen (lassen) und ‚on display‘ stellen. Und dann, irgendwann, darüber nachdenken, was die Rückgabe von Objekten und Objektgruppen in symbolischer, politischer oder diplomatischer Hinsicht bewirken kann und soll“ – die Wiedergutmachung (die nie eine ist) im juristischen Sinn (Restitution = Rückerstattung geraubter, enteigneter und zwangsverkaufter Kulturgüter).

Das Unterlassen dieser Bemühungen beziffere sich nicht nur „in Dollar oder Euro. Es sind gesellschaftliche und politische Kosten, die entstehen, wenn sich eine Gesellschaft ihrer Vergangenheit nicht annehmen will und kann.“

Und sie bezeichnet die gebotene Aufklärung als „die geringste Höflichkeit, welche Europa den Menschen und den Orten, aus denen die Objekte kommen, erweisen kann.“

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Zum Beispiel:

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Frau_in_Gold_(2015)

https://de.wikipedia.org/wiki/Adele_Bloch-Bauer

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-135214503.html

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Ingrid Bergman, Margot Käßmann und ich

Wenn man dabei bleibt, sich unter anderem über ein/en Blog auszudrücken, obwohl selten ein „Like“ verteilt wird, noch seltener eine Wortmeldung oder gar ein Wortwechsel stattfindet, dann muss man vom Blog als „guter Idee“ ziemlich überzeugt sein.

Ich weiß nicht, für wen ich schreibe, außer für mich, die ich damit meine Gedanken sortiere, und das mache ich auf diese Weise bereits im vierten Jahr. Nicht, dass das objektiv gesehen eine lange Zeit wäre, aber gemessen an den Rückmeldungen ist es ein relativ einsamer Marathonlauf – oder sogar mehrere. (In diesem Zusammenhang ganz herzlichen Dank an die „Bananenreicher“, die doch ab und zu an der Strecke sind!)

Es ist schwierig, eine gleichbleibend gute Qualität aufrechtzuerhalten unter diesen Bedingungen, immer sorgfältig zu sein, aber neben dem Gedankensortieren treibt mich eines an: es gibt so unendlich viel da draußen, das zu teilen sich lohnt! So kommt es, dass die Vielfalt es gleichzeitig undurchsichtig macht, einige den roten Faden nicht sehen, sich fragen, was so manche gesellschaftspolitische Äußerung mit Kunst zu tun hat – oder von Anfang an durch das Wort „Kunst“ im Blog-Titel abgeschreckt sind. (Für die, die vielleicht zum ersten Mal oder durch Zufall hier reingeraten sind: Kunst ist für mich der freiheitlichste Ausdruck des Menschen und die ungefährliche und niedrigschwellige Möglichkeit, Offenheit gegenüber einem fremden Ausdruck zu üben. Und: ich betrachte Kunst nicht losgelöst von allem anderen, das in der Welt geschieht.)

Auf der anderen Seite macht die Vielfalt es abwechslungsreich. Ich glaube, dass ich die, die tatsächlich interessiert sind, nicht oft langweile. Es ist mir ein Anliegen, neben eigenen Texten und Themen die Beiträge anderer zu teilen, die ich dem Bereich Kunst/Gesellschaft zuordne und die im weitesten Sinne mit offenen Augen und Ohren zu tun haben.

Mir macht es Spaß, dass sich in meinem Kopf sofort Verknüpfungen auf den Weg machen: ich sehe die Biografie „Ich bin Ingrid Bergman“ und schreibe mir Sätze heraus wie „Ich will keine Wurzeln“, „Die Liebe kam direkt durch die Linse“ oder „Es ist, als hätte immer ein Zugvogel in mir gelebt“; einen Tag später sehe ich die ‚Westart live‘ und notiere mit, wenn Hannes Jaenicke die Worte „Herde, Held, Haltung“ für den Beitrag niederschreibt, seine Feststellung „Wir [Deutsche] haben den Hang, den Makel zu suchen“ und Margot Käßmanns Worte „… dann können wir uns nur einmischen, wenn wir selber denken.“ Mich bestärkt Katharina Marie Schuberts Haltung, eine gesunde Demut vor der anderen Ansicht zu haben, oder mich inspiriert die der Raum-Zeit-Piraten, „in der Vergrößerung […] Strukturen zu entdecken.“ Und wenn Adrian Piper im YouTube-Interview sagt, dass sie sich schon gewünscht hätte, dass KollegInnen auch öffentlich sagen, dass sie ihre Arbeit schätzen, aber sich damit tröstet, dass das am Ende nicht, sondern nur die Arbeit zähle, „nur das Werk“ – dann verbinden sich die Dinge in meinem Kopf auf wundersame Weise.

Heute habe ich mich entschlossen, nicht bei den einzelnen Beiträgen in die Tiefe zu gehen, sondern über die Verbindungen zu erzählen, die sich in mir ergeben. Ich weiß nicht, ob das nachvollziehbar ist, ob sich meine Spannung und Freude mitteilen… ich glaube, da ist dieses Mittel hier sehr begrenzt, und ich gehe ja auch recht sparsam mit Ausrufezeichen um 😉 . Vielleicht bin ich auch einfach nur besonders begeisterungsfähig. Als meine Freundin mir vor einiger Zeit von ihrer Workshop-Idee erzählt hatte, muss ich sie sofort angestrahlt und laut losgedacht haben; das sagte sie mir jedenfalls – ihrerseits von meiner Reaktion begeistert – am Ende unseres ersten diesbezüglichen Treffens. (Ich hoffe, da bald von der nächsten Etappe unseres Vorhabens berichten zu können.)

Ja, ich bin gerne begeistert, und ich bin froh, dass sich dieser Zustand in mir herstellen kann, denn ich kann ihn wohl nicht herbeirufen; er muss sich an irgendetwas entzünden.

In Bezug auf die genannten Berichte und Dokumentationen war es das Gefühl, dass es für mich immer einen roten Faden gibt zwischen Personen, Ideen, allgemein menschlichen Gefühlen und Bedürfnissen wie Sicherheit, Versorgtsein und Entfaltung, neben allen individuellen Ausprägungen. Wir sollten uns nicht mundtot machen lassen mit Sätzen wie „davon verstehst du nichts“ oder „auf dem Gebiet kennst du dich nicht aus“, die allzu oft und oft allzu schnell auch von unserem inneren Zensor kommen. Stattdessen können wir sehen, hören und miteinander verhandeln, um die Dinge „ringen“, wie Margot Käßmann sagt, und Privates privat sein lassen, wie vielleicht der Fall Margot Käßmann zeigt, oder auch der Fall Ingrid Bergman, die nicht nur in Kriegszeiten ihrer Kunst nachgehen musste, sondern ebenfalls an gesellschaftlichen Vorgaben (bis hin zur Ächtung) litt, die sie weder erfüllen wollte noch konnte. „Ich tat, was sich richtig angefühlt hat“, hat sie gesagt.

Wenn Ihr die Doku guckt – sie ist zumindest in der 3sat-Mediathek nicht mehr lange online – guckt bis zum Ende (oder nur das Ende 😉 ): die Bergman’schen Familienbilder zum Song von Eva Dahlgren „The movie about us“ – wunderschön! Und die Verknüpfungen gehen weiter… ich informiere mich schon mal über Eva Dahlgren… 🙂

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http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=66821

http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/westart-live/video-westart-live-174.html

https://www.youtube.com/watch?v=_tURuyb76XQ

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Co-Kreativität

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Ich bin eine Co-Kreative.

 

Auf einmal wird klar, warum einige Gespräche so gelaufen sind, wie sie gelaufen sind, besonders hier im Netz, wo man ohne Mimik und Gestik auskommen muss; jedenfalls größtenteils, es sei denn, man benutzt Skype. Emojis helfen da nur bedingt.

 

Wenn ich mich mit Menschen unterhalten habe, die in irgendeiner Form professionell mit Kunst zu tun hatten, kamen wir miteinander recht schnell an unsere Grenzen. (Ich muss hier einschieben, dass meine Erfahrungen in der letzten Zeit besser bis gut geworden sind, womöglich, weil immer alle beteiligten Parteien mit Klarnamen und Foto unterwegs waren. Womöglich läuft das wie bei der Hundebegegnung: entweder sind beide an- oder abgeleint 😉 …)

 

Damals aber, in Chatrooms, wo sie sich klangvolle Nutzernamen gaben, haben Gespräche nicht funktioniert; „funktioniert“ im Sinne von „Austausch, der beiden Seiten etwas gibt“; ich habe hier schon davon berichtet. Sowie klar war, dass ich nicht akademisch, sondern „nur“ mit dem oft zitierten, zumindest halbwegs gesunden Menschenverstand unterwegs war, fanden sich immer zwei, drei, vier Personen, die sich zusammentaten, um mich „wegzubeißen“.

 

Ich hatte für mein Anliegen keinen schnellen, treffenden Namen, kein Schlagwort, kein Etikett. So musste ich es beschreiben; das braucht halt manchmal fünf Sätze, aber ich hatte nur diese. Danach war ich raus. Jede weitere Bemühung, mich noch einmal neu, noch einmal anders zu erklären, wurde mit der Frage beantwortet, was ich dort noch wolle, warum ich mich weiter „abarbeite“ und dergleichen mehr.

 

Ich weiß nicht, ob der Ansatz Gerald Hüthers dort geholfen hätte, mich zu erklären, aber ich weiß, dass er mir jetzt, Jahre später, hilft, indem er mir einen Begriff liefert. Da ist auf einmal ein schnelles Wort, auf das ich zumindest aufbauen kann!

 

Es ist auf einmal völlig klar, dass man mit der Bewerbung für Offenheit nicht in einer Gemeinschaft punkten kann, die sich abgrenzen will. Mein Ansatz war falsch; mir leuchtete auf einmal auch ein, dass schon meine bloßen Fragen Angst einflößten, denn anders als mit diesem Begriff ist die unfassbare Unfreundlich-, ja beinahe Feindseligkeit nicht zu erklären gewesen. Was ich da wohl auslöste, wurde mir lange, lange Zeit später erst so richtig bewusst: die Mauer, deren Bauplan in den real existierenden Köpfen hinterlegt und die in monatelanger Kleinarbeit nun eins zu eins in diesem virtuellen Raum aufgebaut worden war, war in Gefahr, und ich war die Abrissbirne.

 

Mein Wunsch wäre gewesen, sich ohne Arroganz zu begegnen, denn ich denke (weil erlebe), dass Fragen, die irgendwie unpassend erscheinen, oft gerade wunde Punkte berühren, genau ins Schwarze, genau den Kern der Sache treffen.

 

Wofür ist Kunst gut?

 

Das habe ich oft gefragt, wenn ich den Eindruck hatte, dass das Ausschlussverfahren im System Kunst nur einer ausgesuchten Menschengruppe dient. Für mich geht es immer und überall um ein gemeinsames Weiterkommen, um das bestmögliche Zusammenleben und Weiterentwickeln von Menschen; bestmöglich in jedem Bereich. Da kann Kunst gar nicht alleine stehen und eifersüchtig abschirmen, wen oder was auch immer.

 

Dass man sich frei begegnen, interdisziplinär austauschen und sich starren Systemen entziehen möge, wird oft verwechselt mit der Ablehnung von „Leistung“, was mir aber völlig fern liegt. Was ich ablehne, ist der Energieabzug durch ein Leistungsdenken, das durch Konkurrenz geprägt ist und zumindest auf mich lähmend wirkt. Und welches Systeme nur immer starrer und enger werden lässt und durch Intransparenz merkwürdige, manchmal sogar kriminelle Blüten treiben kann (s. Kunstmarkt).

 

Diese (in meinen Augen gesunde) Art der Ablehnung wird meines Erachtens noch nicht ausreichend gesellschaftlich diskutiert. So verheddern sich Menschen in Talkshows in der Frage, welche Berufsgruppe wohl welchen Verdienst verdient hat, alle hervorgegangen aus einem System des Zusammenlebens, das Unterschiede da macht, wo sie dem friedlichen Zusammenleben schaden. Ja, natürlich gleicher Lohn für gleiche Arbeit, aber doch auch: gleicher Lohn für unvergleichliche Arbeit, oder? Wenn wir, die Gesellschaft, glauben, dass wir Banker brauchen und Krankenschwestern, Schreiner und Pädagogen, Tierheim- und TagespflegeleiterInnen – wo liegt dann das Problem, allen, ohne Ausnahme, ein Auskommen zu gönnen mit ihrem Einkommen? Wo liegt dann das Problem, den Finger in die Wunde zu legen mit der Frage, warum wir derartige Ungleichheiten zulassen, derartige Ungerechtigkeiten?

 

Ich denke, dass das Problem in der Ausbildung zu suchen ist, die beginnt, wenn wir auf die Welt kommen. Gerald Hüther erklärt anschaulich, wie wir als kleine Entdecker und Gestalter in die Belohnungssysteme geraten und irgendwann keine Chance mehr haben, dort herauszukommen, zumindest nicht gesellschaftlich oder sonst wie geächtet. Und von entdecken und gestalten darf, aber kann dann auch gar nicht mehr die Rede sein.

 

Wenn sich alle auf ihre Art einbringen dürften, würden sich auch mehr von denen einbringen, denen wir den Wunsch bisher absprechen, die wir als „faul“ wahrnehmen, als „dumm“, als gesellschaftlich „nicht tragbar“. Warum fühlen sich Menschen abgehängt? Weil diese, die sich so fühlen, es vermutlich durch unser Modell des Zusammenlebens tatsächlich sind!

 

Es ist sicher nicht die Erklärung für alles in der Welt, aber für sehr, sehr vieles. Auch würden nicht alle einer solchen Einladung folgen, bestimmt nicht. Trotzdem ist es doch eine Überlegung oder gar ein Antesten wert, was es auslöste, „sich als Subjekt zu begegnen, anstatt sich als Objekt zu behandeln“.

 

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https://www.youtube.com/watch?v=mqPMduxo2DY

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Ein spannendes Menschenbild

http://www.deutschlandradiokultur.de/dokumentarfilmer-andres-veiel-ueber-joseph-beuys-was-ich.2168.de.html?dram%3Aarticle_id=378989

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„Beuys ist nicht von einem abstrakten Politiksystem ausgegangen, sondern er ist vom Menschen selber ausgegangen. Er hatte die These ‚Jeder Mensch ist ein Künstler‘, das heißt, jeder Mensch ist durch seine Fähigkeiten befähigt, Gesellschaft mitzugestalten. Diese Unterstellung ist ja erstmal ein sehr spannendes Menschenbild, weil es heißt: Wir müssen politische Verantwortung nicht delegieren, sondern wir können sie selbst erstmal wahrnehmen, indem wir uns mit Politik beschäftigen und dann auch eingreifen.“ Andres Veiel

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Offenheit

Buntstift und Öl-Pastellkreide auf Skizzenpapier, DIN A 5

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Kunst-Hand-Werk

„Der Begriff ‚Kunsthandwerk‘ wurde, nachdem die Metiers der Maler, Buchmaler, Glasmaler, Glasbläser, Graveure, Bildhauer, Gold- und Silberschmiede, Schnitzer, Möbelschreiner, Drechsler, Weber, Instrumentenbauer, Bildwirker, Töpfer und dergleichen jahrhundertelang als reines Handwerk betrachtet worden waren, erst in jüngerer Zeit ausgeprägt.

[…]

Der Begriff Kunsthandwerk hebt – im Vergleich zur Kunst – das handwerkliche und technische Interesse hervor. In der Erhaltung traditioneller handwerklicher Techniken übernimmt das Kunsthandwerk eine wichtige Aufgabe: Materialität, Verarbeitung und Ästhetik der Formgebung spielen eine wichtige Rolle, wobei tiefer gehende autonome geistige Prozesse in den Hintergrund treten. Vorwiegend bleibt das Schaffen in funktionalen und angewandten Bereichen. Häufig werden Gestaltungen und ästhetische Interessen angewandt, um insbesondere Gebrauchsartikel aufwerten zu können.“ [Wikipedia]

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Nicht nur die Grenzen zwischen Handwerk und Kunsthandwerk waren schon immer fließend, sondern auch die zwischen Kunsthandwerk und Kunst. Denn man kann umgekehrt ja nicht sagen, dass Künstler das Handwerkliche durchweg vernachlässigten. Manchmal haben sie ausführende Kräfte, die ihre Ideen umsetzen. Und auch, wenn sie es selber tun, sieht man die Handwerkskunst hinter der Arbeit nicht mehr unbedingt, weil die Kreation vielleicht nicht schön, sondern genau so umgesetzt ihre Idee vertritt. Aber „nur“ Kunst, das heißt Idee ohne irgendeine Ausführung, gibt es ebenso wenig, wobei die Arten der „Handwerke“ dabei mannigfaltig sind, bis hin zu Wort-, Kommunikations- und Netzkunst.

Alles hat seine Berechtigung; ein gegeneinander Aufrechnen hätte keinen Sinn. Und die fließenden Grenzen – beispielsweise im Fall von Möbeln oder Schmuck – zeigen, dass dogmatisch vertretene Urteile mindestens schwierig sind… ein Weiterdenken, auch schriftlich hier gelassen, freut mich sehr!

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Im Fall von Margarete Steiffs Plüschtieren scheint die Sache durch die Fließbandproduktion klar zu sein: eindeutig Kunsthandwerk. Aber sie hat nach ihrem ersten nach einem schon bestehenden Schnittmuster entstandenen Teil, dem „Elefäntle“, auch Tiere selbst entworfen.

Gerne teile ich mit Euch den Spielfilm über ihr Leben mit der fabelhaften, glaubwürdigen Heike Makatsch in der Titelrolle.

Und auch hier wieder: Verzahnung und fließende Grenzen: HandwerksKunst inspiriert Schauspiel- und InszenierungsKunst… handwerk.

https://www.youtube.com/watch?v=0oOE953-AlY

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Rauhnächte

„Die Weihnachtsvorbereitungen erreichen die heiße Phase, während die Rauhnächte beginnen. Die Weihnachtsmärkte sind besonders voll, denn wer noch keine Geschenke hat, der will sich sputen. […]

Andere planen schon die Silvesterfeier oder freuen sich einfach über ein paar freie Tage.

All dies findet gleichzeitig statt und macht den besonderen Reiz dieser Zeit aus. Für manch einen aber ist das Stress pur.

Dabei ist die Zeit, die jetzt kommt – die Zeit zwischen den Jahren – eine besondere Zeit. Vielleicht können Sie dieses Anhalten spüren, als würde ein riesengroßes Tier zwischen zwei Atemzügen eine Pause einlegen.

Nun sind die Wände zwischen den Welten dünner als sonst, so sagen alte Überlieferungen und hellsichtige Weise. Aber auch jeder von uns kann dies spüren. Wir müssen uns nur darauf einlassen: Was ist in diesem Jahr passiert, was war schön, was kündigt sich neu an, was wächst noch im Verborgenen? Was sind meine Seelenwünsche?

Es ist eine gute Zeit, um nach innen zu schauen. […]“

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Das schreibt das Team von Zinnoberfluss in der letzten E-Mail des Jahres an seine Kunden/Abonnenten, wenige Tage bevor ein LKW in den Berliner Weihnachtsmarkt rast.

Einen größeren Gegensatz kann man sich nicht vorstellen. Auf der einen Seite die friedlichen und inspirierenden Worte, auf der anderen die feindselige und niederdrückende Tat.

Angesichts der Weltgeschehnisse kann man verzweifeln. Sowohl Gewalttaten Einzelner als auch die ganzer Regierungen (wobei man sich stets die „wem nützt was?“-Frage stellen und sich vergegenwärtigen sollte, dass Sender, die landesweit ausstrahlen dürfen, stets das Lied ihrer jeweiligen Regierung singen und nicht unabhängig berichten) sind auszuhalten, wobei das eine Unmenschlichkeit durch tragische Fehlleitung darstellt, das andere aber oft den wirklichen menschlichen Skandal.

In Anbetracht dieser „wirklich wichtigen“ Geschehnisse – meist sind damit Realitäten gemeint – kippen Dinge hintenüber, die zur Herzens- und Gewissensbildung aber ebenso „wirklich wichtig“ sind, wie zum Beispiel Kunst in all ihren Ausprägungen. Das zu vergleichen und gegeneinander auszuspielen wäre ein Fehler.

Alles, was Menschen anderen Menschen gegenüber öffnet oder zumindest das Potenzial dazu hat, hilft mit, Missachtung und Hass kleinzuhalten und ist wirklich wichtig, immer, und zwar jeder Ausdruck eines jeden. Und auch dabei machen Vergleiche keinen Sinn.

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Für meine Gäste, die es begehen, ein schönes Weihnachtsfest, und allen eine friedliche Zeit auf dem Weg ins nächste Jahr!

Ich möchte es meiner Kollegin Andrea gleichtun und Martin Luther King zitieren:

„Darkness cannot drive out darkness; only light can do that.

Hate cannot drive out hate; only love can do that.“

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