Offenheit

Carolin Emcke:

„Und doch – oder gerade deswegen – ist es so dringend nötig, offen zu sein, sich eben nicht zu maskieren, sondern die Maskierungen der Normen zu entlarven, sich zu zeigen als Liebende, als Begehrende, als ‚uns‘ zu zeigen, ohne Scham, ohne Verstellung, ohne Not. […]

Vielleicht ist es deswegen wichtig, beides zu betonen: die Selbstverständlichkeit, mit der ich lieben möchte wie ich liebe, die Selbstverständlichkeit, mit der ich auch von dem Glück sprechen möchte, das es mir bedeutet, dieses queere Leben und Begehren, die politischen Reflexionen auf all die Techniken und Mechanismen der Ausgrenzung und Stigmatisierung hier und anderswo, und meinen Wunsch, mir auch die Freiheit zu erhalten, in anderen Bezügen zu denken, andere Allianzen, andere Verbindungen, lokale und internationale, zu betonen. Ich möchte wachsam bleiben für die identitären Verklumpungen, die Dynamiken zur Homogenisierung auch innerhalb verschiedener marginalisierter Lebensformen oder politischer Bewegungen. Ich möchte mir meine Selbstzweifel erhalten, meine Vorsicht, nicht bloß neue Formen einer vermeintlich ‚authentischen‘ Kultur zu reproduzieren, nicht selber wieder Techniken der Distinktion von anderen zu generieren. Ich möchte auch die eigenen kollektiven Rituale, die Sprachspiele und Codes befragen können, ob sie uns womöglich eher einschließen und festschreiben anstatt uns zu öffnen und zu dynamisieren. Ob sie nicht selber wieder symbolisches Kapital anhäufen, das die einen auszeichnet und andere herabsetzt.

Das ist keine Anklage, sondern eben nur eine Frage an mich selbst, und es sind diese Fragen, die ich nicht verlieren möchte. Ich möchte nicht im politischen Gestus erstarren, möchte nicht, dass die Pflicht des ‚out loud‘ mir die leiseren, poetischeren, zarteren Begriffe und Gesten überformt.

In Abwandlung eines Zitats von Claude Lévi-Strauss, ‚In Identitäten lässt sich fortbewegen, aber nicht leben‘ – vielleicht macht mir das am meisten Sorge bei dem Motto des ‚out loud‘; ich bin ja nicht queer geworden, um mich wieder in anderen Schablonen des Denkens, Sprechens und Handelns zurichten zu lassen; ich schreibe ja nicht, um nur mehr andere Parolen zu produzieren, die wiederum andere herabsetzen oder lächerlich machen, sondern ich schreibe, um die Mechanismen der Ausgrenzung zu entlarven, aber vor allem auch um Räume zu öffnen, in denen wir atmen und denken können, vor allem andere Vokabeln, andere Begriffe, andere Bilder, andere Erzählungen zu schaffen, in denen dann andere Allianzen, andere Bezüge, andere Hoffnungen sichtbar werden können. […]

Dabei gibt es keinen Grund, sich in die Defensive drängen zu lassen, keinen Grund, sich einschüchtern zu lassen, denn die eigene Vision einer offenen, inklusiven, pluralen Gesellschaft ist nicht nur schöner oder gerechter; sie ist auch pragmatischer. In ihr können sich mehr Menschen wiederfinden, weil in ihr auch die unterschiedlichsten Entwürfe von gutem Leben sein dürfen.

[…] Wir brauchen [dafür] keine Liebe; uns reicht schon Respekt. […] Eine plurale Gesellschaft wirklich zu wollen heißt auch, vielfältige Differenzen und Distanzen auszuhalten und zu respektieren – alles andere wäre kollektivierter Narzissmus.“

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Stimmungen, Schwingungen

Ob in der Familie, am Arbeitsplatz oder beim Spazierengehen in einer Stadt: wir nehmen eine bestimmte Stimmung wahr. Mal sind wir mehr, mal weniger empfänglich dafür. Manchmal nehmen wir sie wahr, wollen uns aber aus unterschiedlichen Gründen nicht dafür öffnen, manchmal können wir uns nicht vor ihrem Einfluss schützen, selbst, wenn wir es mit aller Kraft versuchen.
Ganzen Ländern werden bestimmte Atmosphären nachgesagt: das gelassene Schweden, die coolen Niederlande, die gemütliche Schweiz, das (bis auf die Stunden der Siesta) temperamentvolle Spanien oder Italien.

Woher kommen solche Eindrücke, die ja tatsächlich oft über das Klischee hinausgehen? Wie ist eine solch umfassend wirkende Schwingung möglich, wo sie doch aus so vielen unterschiedlichen Individuen besteht?

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Ich glaube, dass Gedanken zu Worten werden und Worte zu Taten, und dass daher bereits jeder Gedanke, der uns kommt, Gewicht hat. Zwar darf mich diese gefühlte Bedeutsamkeit nicht lähmen und zu überkritischer Selbstbeobachtung bringen – man würde ja irre –, aber das Bewusstmachen hilft mir, mein Denken ein wenig zu führen. In den meisten Fällen leitet mich Kants Kategorischer Imperativ ganz gut; Ausnahmen (1) bestätigen die Regel.

Beim Sprechen kann ich mich in den meisten Fällen auf die T.H.I.N.K.-Formel verlassen („Think before you speak“), wenn mich keine starke Emotion hindert:

T = Is it true?

H = Is it helpful?

I = Is it inspiring?

N = Is it necessary?

K = Is it kind?

Bevor man etwas sagt, soll man sich idealerweise fragen, ob das, was man äußern will, wahr, hilfreich, inspirierend, notwendig und freundlich/wohlwollend ist.

Ich bin davon überzeugt, dass es wirkt, und dass es weltweit wirkt – oder wirken könnte. Das Destruktive wird es in der Welt vermutlich geben, solange es Menschen gibt. Aber die, die nicht hungern müssen, nicht verfolgt werden, nicht im Kriegsgebiet leben, nicht physisch oder psychisch krank sind oder krank gemacht wurden, die konstruktiv mitgestalten können und wollen, damit es möglichst allen gut oder zumindest besser geht, könnten das Experiment doch wagen: bewusst denken und sprechen. Und wenn man es nicht einhält, weil man Mensch ist: es wieder versuchen. Und wieder. Oder nur mal einen halben Tag lang. Oder nur eine halbe Stunde. Ich glaube ja, dass, wenn man es eine kleine Strecke bewusst durchgehalten hat – erstmal nur, um es durchzuhalten –, man dann kaum mehr zurück kann. Bewusst eine eigene Wahrheit verleugnen (die übrigens nichts zu tun hat mit „alternativen Fakten“) fällt schwer, lästern wird beinahe unmöglich. Unfreundlich zu sein fällt einem selbst auf, wo es vorher vielleicht nicht so war.

Man braucht keine Sorge haben, dass man zu einem Engel oder Übermenschen wird; das passiert nicht. Man bleibt durchaus ein fehlbarer Mensch, aber wird ein netterer fehlbarer Mensch. Die Wenigsten werden von sich glauben, dass sie bewusst anderen schaden – die T.H.I.N.K.-Formel ist ein Augenöffner für sich selbst!

Und dann: stellt Euch vor, alle Menschen einer Stadt machten gleichzeitig das Experiment. Wie wären die Begegnungen, die Gespräche?

Glaubt auch Ihr, dass die Stimmung eine andere wäre…? Glaubt auch Ihr, dass die Menschen friedlicher wären…?

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(1) Eine Antwort zu Kants Befürwortung der Todesstrafe: „Das Recht der Vergeltung ist daraus nicht abzuleiten und willkürlich gesetzt. Eine Befriedigung der Gerechtigkeit durch den Tod des Delinquenten stellt die Reduktion auf einen Zweck dar und steht im Widerspruch zur vorgeblichen Ethik des Kategorischen Imperativs.“ (aus: Herbert Weiler: Warum Moses das versprochene Land nicht betreten durfte)

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CITIZENFOUR

Ich spüre immer stärker, dass Kunst für mich nichts Abgehobenes, nicht „fern von der Welt“ ist. Es gibt natürlich für alle Varianten Beispiele, aber sinnvoll ist für mich nur eine Kunst, die Kontakt sucht, die sprechen möchte, und zwar auch von den verbesserungswürdigen Dingen dieser Welt. Deswegen bin ich derzeit stark angezogen von Menschen, Büchern, Filmen, Dingen im Netz, die das thematisieren.

Als ich vor ein paar Tagen zum ersten Mal Laura Poitras‘ Dokumentation CITIZENFOUR aus dem Jahr 2014 über Edward Snowden sah, war ich wieder konfrontiert mit der Frage „Wie wollen wir leben? Wofür wollen wir streiten? Was ist uns wichtig?“ Weil sich für manchen sicher nicht sofort erschließt, was das Thema mit Kunst zu tun hat, möchte ich es hier sofort sagen: auf den ersten Blick nicht viel.

Gerade habe ich begonnen, „Verflüssigungen“ von Adrienne Goehler zu lesen. Der Autorin geht es um den Dialog zwischen den Disziplinen, um das Aufbrechen alter, festgefahrener Abgrenzungsgedanken. Schon der Untertitel war interessant für mich („Wege und Umwege vom Sozialstaat zur Kulturgesellschaft“), und nach Lektüre des Klappentextes war ich überzeugt, dass das Buch sich für mich zu lesen lohnt.

Der Begriff, der alles verbindet, ist „Freiheit“. Der Mensch kann sich nur wirklich entfalten, wenn er nicht in Denkstrukturen gefangen ist. Jeder von uns kennt das sich-im-Kreis-Drehen, das uns manchmal auf dem Weg zu einer Lösung lähmt. Angst macht unfrei, Abhängigkeit macht unfrei. Sich in Wort und Bild nicht vollkommen unzensiert äußern zu können, ist ein Mangel; wenn wir sogar einen inneren Zensor selbst bestärken, begrenzen wir uns selbst.

Mit Freiheit verbunden ist Verantwortung; die beiden gehen Hand in Hand. Verantwortlich zu denken, zu sprechen und zu handeln ist die Voraussetzung, im sich-Äußern bei sich bleiben zu können, fair bleiben zu können, sich sachlich auseinandersetzen zu können – und sich gegebenenfalls auch jederzeit erklären zu können. Die populäre „Ich muss mich nicht rechtfertigen“-Haltung empfinde ich nicht als hilfreich. Insofern fand ich bei CITIZENFOUR die Auseinandersetzung Edward Snowdens interessant: was möchte ich und warum, wer ist auch betroffen, was löst es unter Umständen aus, welche Konsequenzen hat es in der Welt, welche ganz persönlich für mich? Und zwar alles weit entfernt von der Frage „Wer hat Recht?“, denn es gibt selten ein universell empfundenes Recht.

Kunst ist weder jemals harmlos gleich unbedeutend, noch drückt sie Recht aus, noch steht sie für die moralisch bessere Haltung. Sie ist stete Verhandlung, Dialogangebot, individueller Ausdruck, der einmal ganz persönlich und „klein“ sein kann, einmal groß und bedeutend fürs Weltgeschehen, alles zusammen und alles dazwischen. Nur Hinschauen und Hinhören sind Voraussetzung, Auseinandersetzung, damit sie wirken und beantwortet werden kann. So wie jeder Skandal, so wie jede Enthüllung, so wie jeder Satz und jede kreative Schöpfung eines jeden Menschen. Wie will ich leben? Wofür will ich streiten? Was ist mir wichtig?

Was hat es mit mir zu tun?“

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CITIZENFOUR

https://de.wikipedia.org/wiki/Citizenfour

https://vimeo.com/146807890

Für mich geht es letztlich um die Macht des Staates im Vergleich zu den Möglichkeiten des Volkes, sich dieser Macht zu widersetzen. Ich sitze da jeden Tag und werde dafür bezahlt, Methoden zu entwickeln, um die Macht des Staates zu stärken. Und mir wird klar: wenn sich die Politik verändert, die als einzige den Staat im Zaum hält, dann gibt es keinen Widerstand mehr. Dazu müsste man schon ein absolutes technisches Genie sein. Ich weiß nicht, ob sich noch irgendjemand – egal wie begabt er ist – all diesen Behörden und schlauen Leuten widersetzen könnte. Nicht mal gegen die mittelmäßigen Leute und ihre Hilfsmittel kommt man an. Ich habe gesehen, dass die Versprechungen der Obama-Regierung verraten und verworfen wurden. Man entwickelte die Dinge sogar noch weiter, von denen man versprochen hatte, sie einzudämmen und zu zügeln. Es wurde schlimmer.“ (Edward Snowden)

Da ist was dran. Ich will mich nicht verstecken; das seh‘ ich nicht ein, auch, wenn die Umstände dafür sprechen. Ich finde, es ist ein starkes Signal, einfach zu sagen: ich habe keine Angst. Andere sollten auch keine Angst haben. Ich hab‘ letzte Woche noch neben euch im Büro gesessen. Das geht uns alle an. Es ist unser Land. Das Machtverhältnis zwischen Bürgern und Regierung wird allmählich das von Herrschern und Beherrschten, nicht mehr das von Gewählten und Wählern.“ (Edward Snowden)

Zunächst einmal: die USA rechtfertigen alles, was seit dem 11. September passiert, mit dem Terrorismus. Alles geschieht im Namen der Sicherheit, um unser Volk zu beschützen. In Wirklichkeit gilt das Gegenteil. Viele, viele Dokumente haben nichts mit Terrorismus oder nationaler Sicherheit zu tun, sondern mit Konkurrenz zwischen Staaten und mit der Konkurrenz von Firmen auf industriellem oder finanziellem Gebiet.“ (Glenn Greenwald)

Die Konsequenzen dieser Ausschaltung der Privatsphäre sind schwer abzusehen, aber uns muss klar sein, dass es enorme Auswirkungen haben könnte. Die Möglichkeit der Bürger, zu demonstrieren oder sich politisch zu organisieren, ist stark eingeschränkt, wenn es keine Privatsphäre gibt.“ (Glenn Greenwald)

Wie sie wissen gab es im Juni drei Strafanzeigen gegen Snowden wegen schwerer Verbrechen. […] Dies ist ein sehr ungewöhnliches Mandat, nicht nur für sie alle, sondern auch für mich. Das Gesetz unterscheidet nicht zwischen Leaks an die Presse im öffentlichen Interesse und dem Verkauf von Geheimnissen an den Feind zur persönlichen Bereicherung. Nach dem Espionage Act schützt es also nicht vor Strafe, wenn die veröffentlichte Information gar nicht geheimhaltungswürdig war oder wenn die Verbreitung im öffentlichen Interesse ist und zu Reformen führt. Selbst wenn ein Gericht entscheidet, dass die aufgedeckten Praktiken verfassungswidrig waren, schützt das nicht vor Strafe. Die Regierung muss die Geheimhaltung nicht rechtfertigen; sie muss nicht nachweisen, dass die Veröffentlichung schädlich war. All das ist irrelevant. Wenn wir sagen, dass es keinen fairen Prozess gibt, meinen wir nicht das, was Menschenrechtler als faire Prozessbedingungen bezeichnen, wir sagen, dass das Gesetz an sich für Snowden jegliche Verteidigung unmöglich macht. Er wird mit einem Spion gleichgesetzt. Aus den drei Anklagepunkten könnten noch hundert oder zweihundert oder dreihundert werden; er könnte für jedes Dokument angeklagt werden, das ein Journalist veröffentlicht. Uns allen ist wohl klar – auch, wenn wir hier als Anwälte diskutieren – dass zu 95 % die Politik und nur zu 5 % das Recht entscheidet, wie diese Sache ausgeht.“ (Ben Wizner)

Es muss schwierig sein, in die Privatsphäre eines Menschen einzudringen, weil es so ein schwerwiegendes Eindringen ist. Weil es so verstörend ist. Wie sollen wir ohne Privatsphäre frei und offen diskutieren? Was nützt uns das Recht auf freie Meinungsäußerung, wenn es nicht geschützt wird? Man kann nicht mehr vertraulich über etwas diskutieren, das einem nicht gefällt. Überlegen sie mal, was das für eine entmutigende Wirkung hat, und was für eine Wirkung auf Länder, die kein Recht auf Privatsphäre haben!“ (Ladar Levison)

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Kunst und Pfingsten

Ich bin geneigt, an eine Höhere Macht zu glauben, aber mein Glauben schwankt. Meine Konfession war römisch-katholisch, aber religiös bin ich gar nicht, und ich gehöre keiner Kirche mehr an. Ich kann an keines dieser menschlichen Konstrukte wirklich glauben.
 
Trotzdem haben mich manche Kirchenfeste mehr angesprochen als andere. Das war zum einen das Osterfest, und zum anderen das, das gläubige Christen heute begehen: Pfingsten.
 
„Vom Heiligen Geist erfüllt zu werden“ oder zu sein habe ich schon als größeres Kind für mich interpretiert, und vermutlich nicht ganz im Sinne der Kirche. Buße und Taufe sind Wege einer Religion, aber es müsste doch auch für Atheisten oder Agnostiker Wege zu dem geben, was gemeint ist, wenn man diesen Ausdruck braucht: „vom Heiligen Geist erfüllt“. Vermutlich steht dieses Gefühl jedem Lebewesen offen, nur wird es ein jedes anders benennen.
 
Am besten gefiel mir immer diese Stelle:
 
„Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“ – Apg 2,1-4 EU
 
Nicht nur, dass ich das schön dramatisch fand und ein bisschen gruselig – die Fähigkeit, sich auf einmal verständlich machen zu können und andere verstehen zu können, wo das vorher unmöglich war, das war für mich der Kern, das war für mich schon immer die Essenz von „Pfingsten“.
 
Die Bemühung dazu und den Wunsch ‚ja, so möge es sein!’ habe ich hinübergerettet ins Erwachsenenalter. Ich glaube, ich lebe den Pfingst-Gedanken, wie ich ihn – jenseits religiöser Vorgaben – schon als Kind interpretiert habe: seid und bleibt offen füreinander, für die vielen Ausdrucksformen und –möglichkeiten eines jeden Lebewesens.
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Grußkarten-Auftragsarbeit 2015
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Ein Nachmittag Zeit

Ich kann nicht sagen, dass mir Theodor Fontane schon zu Schulzeiten gefallen hätte, jedenfalls nicht durchweg. „Effi Briest“ mochte ich, weil ich es erstaunlich fand, wie modern sie war und bedauerte, was sie zu ihren Lebzeiten sozialgesellschaftlich auszuhalten hatte. Ich fühlte mit ihr. Allerdings bestraft Fontane – ja auch ein Kind seiner Zeit wie wir alle – seine Heldin mit einem frühen Tod, frei nach dem Motto „Das hat sie nun davon“, besonders sicher von ihrer Untreue…

Die Themen seiner anderen Romanarbeiten, die ich neben dem übrigen Stoff des Fachs „Deutsch“ nur angerissen kennenlernen konnte, waren mir wohl nicht wirklich nah in meiner Jugendzeit…

Eine Geschichte aber faszinierte mich, und die lernte ich sogar noch vor „Effi Briest“ kennen, was mir vermutlich den Weg zu ihr geebnet hatte: die Geschichte um das tragische Schiffsunglück der „Schwalbe“ und ihres Steuermanns, John Maynard, 1841 auf dem Eriesee zwischen Kanada und den USA. Immer noch kann ich die Ballade in großen Stücken auswendig, und wenn mir jemand bei einem Hänger hilft, geht’s meistens auch weiter 😉 . Ich kann sie – ähnlich wie Rilkes „Panther“ – nicht vortragen, ohne selbst wieder ergriffen zu sein; die Sprachbilder fand ich einfach nur klasse.

Obwohl historisch nicht alles korrekt ist, stimmt in diesem Fall wohl der Ausspruch Fontanes: „Das Poetische hat immer recht, es wächst weit über das Historische hinaus.”

Elisabeth Hohmeister beschreibt in ihrem Text, der am 20. November 2008 in der Online-Ausgabe der „Zeit“ erschienen ist, die malerische Sicht des freischaffenden Illustrators und Autors Tobias Krejtschi, der auch als Dozent arbeitet: „Die bildnerische Umsetzung dieser packenden Szenen zeigt das Können des jungen Künstlers. Das befand auch die Jury, die seine Illustrationen zu John Maynard in einem Wettbewerb der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg zur Veröffentlichung auswählte.“

Hohmeister beschreibt die Wirkung der Farben, die der Illustrator gewählt und dass er eine Rahmenhandlung um Fontanes Ballade ersonnen hat. Diese Rahmenhandlung hat etwas episch Berührendes: der alte Mann, der einem Mädchen die Geschichte erzählt, hat das Ereignis als Junge persönlich miterlebt.

Da werden gleich mehrere Bögen geschlagen, Brücken gebaut, Verbindungen geschaffen: eine Fantasie ergänzt eine andere; Personen, die real existiert haben oder noch existieren verbinden sich mit solchen, die sie persönlich nie kennengelernt haben oder die es so gar nicht gegeben hat, damals verbindet sich mit heute, Geschichte mit Kultur.

Das ist es, was Kunst kann: öffnen, verbinden. Lasst Euch nicht künstlich(!) von solchen Erlebnissen trennen, bleibt offen für jede Art des Ausdrucks und seht, was es mit Euch macht. Guckt, wie, auf welche Art Verbindungen entstehen. Nehmt Euch heute Nachmittag Zeit und achtet auf alles, was um Euch herum trennt und was verbindet, was in der Welt trennt und was verbindet. Ich kann Euch, ohne Euch zu kennen, Erkenntnisse versprechen! 🙂 Ich bin gespannt auf Eure Erfahrungen!

 

Zum Tiefertauchen je nach Lust und Laune:

http://www.fontaneseite.de/index.html zu Theodor Fontanes Leben und Schaffen

http://www.btk-fh.de/de/news/tobias-krejtschi-dozent-campus-hamburg/ Interview mit Tobias Krejtschi zum Beruf des Illustrators

http://www.zeit.de/2008/48/KJ-Fontane zu: Tobias Krejtschi: John Maynard, Bilderbuch nach der gleichnamigen Ballade von Theodor Fontane

https://de.wikipedia.org/wiki/John_Maynard Der Wikipedia-Eintrag zu „John Maynard“ mit historischem Hintergrund

http://rainer-maria-rilke.de/080027panther.html Rainer Maria Rilke: Der Panther

http://www.ulrico.de/galerie.htm Der Zonser Künstler Ulrico

 

Das Meer, Ulrico, 2005

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Kunst und Aufrichtigkeit

Ein Gedankenfluss-Experiment

Aufrichtigkeit oder auch Integrität sind definiert als Übereinstimmung von Innen und Außen einer Person. Was hat das mit Kunst zu tun?

Was die einen sich fragen mögen, liegt für die anderen vielleicht auf der Hand: Ohne Aufrichtigkeit der Person ist eine aufrichtige Kunst nicht möglich. „Aufrichtige“ oder „ehrliche“ Kunst ist demnach Kunst, für die es einen aufrichtigen Erschaffer braucht, jemanden, der sich nicht verstellt. Also nicht einen „guten“, sondern einen authentischen Menschen.

In meinen Gesprächen der letzten Zeit bezüglich „Kunst“ spielte Aufrichtigkeit eine große Rolle, die nicht sofort auffiel. Es ging im Vordergrund darum, ob man Kunst auch abseits eines irgendwie gestalteten Bezahlsystems denken darf. Mein eindeutiges „Ja“ schloss und schließt alle die als Rezipienten ein, die sich Kunst nicht leisten können (ja, nicht mal den Museumsbesuch) oder sich durch die oft genannten „anderen Sorgen“, die für mich überaus nachvollziehbar sind, nicht angesprochen fühlen und der Kunst eher zufällig begegnen.

In einem anderen Text und sicher schon öfter im Alltag habe ich gesagt, dass es allen Menschen im Grunde unmöglich ist, einen anderen Menschen wirklich zu „verstehen“, und dass dieses Verständnis demnach meistens überbewertet wird. Ich bin gefangen in mir, in meinen Denkschemata, in meiner Erlebniswelt, in meinen Erfahrungen mit der Welt. Ein älterer oder gar alter Mensch hat soviel Geschichte angehäuft, er ist so komplex in seinem Sein – wie soll ein Mensch außerhalb dieser Person sie begreifen im Sinne von: ganz genau so sehen und fühlen wie diese? Denn das ist oft unsere Idealvorstellung von „verstehen“ oder „Verständnis“.

Erschließt eine kreative Arbeit sich nicht SOFORT, dann ist die Folge meistens weitergehen, wegzappen, vergessen. Müssen wir jede Kunst in der Sekunde, in der wir mit ihr in Berührung kommen, begreifen in dem Sinne, den der Erschaffer (vielleicht!) „vorgesehen“ hat? Hat jeder Erschaffer immer etwas als Reaktion vorgesehen? Wie können wir uns in unserer Antwort darauf sicher sein? … Ich denke, dass es da alles gibt, was man sich vorstellen kann, „ja“ und „nein“ und alles dazwischen. Warum sollten wir das festlegen wollen?

Warum sollten wir einen Menschen, der uns begegnet, sofort festlegen, sofort in seinem ganzen Wesen begreifen? Das können wir überhaupt nicht, weswegen ich es nicht für sinnvoll halte, daran zu arbeiten, es irgendwann zu können. Seine immerwährende Entdeckung halte ich dagegen für anstrebenswert und lebendiger und konstruktiver im Miteinander.

Ich komme selbst an Grenzen, wenn ich mich z. B. weigere, den neuen Text eines Schriftstellers überhaupt zu beginnen, den ich jahrelang nur noch als menschenverachtenden Provokateur erlebt habe. Ich müsste mich zwingen, ihn wieder an mich heran zu lassen, und verzichte auf dieses Zwingen, aber wenn ein Mensch ihn mir im Gespräch wieder sozusagen „neu vorstellt“, durch seine Augen ihn beschreibt, kann es durchaus sein, dass ich mich wieder öffne. Meist hält diese Öffnung im Fall von menschenverachtenden Provokateuren nicht lange an (und ich weiß, dass ich gerade ein Urteil fälle und gestatte es mir an dieser Stelle), aber worauf ich hinaus will, ist Folgendes: durch das Gespräch habe ich die Möglichkeit, meinem Gegenüber näherzukommen, ihn oder sie besser zu verstehen. Und vielleicht – als wünschenswertes Nebenprodukt unseres Dialogs – komme ich dritten und vierten Personen dadurch auch wieder näher. Offenheit – da ist sie wieder.

Ich erlaube mir selbst „weitergehen“, wenn es bewusst geschieht. Auch ein Weitergehen aus Zeitmangel kann bewusst und unbewusst geschehen; unsere Zeit ist begrenzt. Wir werden oft durch unseren Alltag getrieben, was Bewusstheit schwer macht. Was mich aber IMMER wenigstens aufmerken lässt, ist Aufrichtigkeit. Mir ist bewusst, dass ich sie als solche beurteile, und dass mein Urteil subjektiv ist, wie es alle menschlichen Urteile immer sind. Aber irgendetwas bringt mich in diesem Moment dazu, diesem Menschen Glauben zu schenken, ihn unabhängig vom Thema als ehrlich zu empfinden. Was ist das, woher kommt das Gefühl? Und zwar – und das finde ich am erstaunlichsten – auch bei Menschen, die ich erst zehn Sätze lang kenne!

Jeder von Euch wird nachvollziehen können, welches Gefühl ich meine; jede/r hat es schon erlebt, und auch das Gegenteil davon: Skepsis, das Gefühl des „nicht-warm-Werdens“, das nur unsicher empfundene Gefühl der Unehrlichkeit auf der anderen Seite.

Auch Künstler und Künstlerinnen „sortieren“ wir so. Woher kommt das Gefühl, dass wir die einen als „ehrlich“ erleben und die anderen als „Scharlatane“?

Ich stelle bei mir fest, dass ich es ungeheuer schwierig finde, einem Künstler wie einem Menschen ohne kreative Absicht 😉 Unehrlichkeit zu unterstellen, es sei denn, man ertappt jemanden bei einer nachgewiesenen bewussten Lüge. Wie aber überführt man einen Künstler, eine Künstlerin der „Lüge“ in ihren Arbeiten, jetzt mal von Kunstfälschungen abgesehen? Wie „funktioniert“ da Lügen, Eures Erachtens nach? Spielen solche Überlegungen bei der Kunstbetrachtung überhaupt eine Rolle für Euch? Wie wichtig ist der Mensch hinter den Arbeiten für Euch, gerade bei Arbeiten, die sich nicht leicht erschließen, z. B. durch ihr ästhetisch-Sein oder ihr „Gefallen“?

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