Markttreiben

Der Begriff „Kreativität“ ist etwas abgenutzt, aber ich finde, er tut’s noch ziemlich gut!
Hier im Blog ist er ein paar Mal zur Sprache gekommen; ich habe hier und anderswo konstruktiv zu ihm gestritten.

Über die Schwierigkeit, den Begriff sauber zu definieren, erzählt u. a. die Wikipedia; der Artikel lässt ahnen, von wie vielen Seiten und unterschiedlichen Aspekten man der Kreativität begegnen kann.

Über das kreative Produkt heißt es dort:

„Eine subjektive Sichtweise jeder einzelnen Person ist in der Bewertung nicht auszuschließen, da jedes Individuum nach eigenen Kriterien bewertet, wenn es keine Normwerte zur Verfügung hat und keine allgemeingültige, weil bekannte und gleichzeitig gültige und verlässliche Definition von Kreativität zur Bewertung herangezogen wird. Das bedeutet, dass durch die mangelnde Definition des Begriffs die Wertung eines einzelnen Individuums fast immer subjektiv ausfällt. Erst durch eine (oft implizite) Einigung auf eine Definition und Maßstäben zur Messung von Kreativität ist eine Gruppe dazu in der Lage ist, Kreativität zu bewerten und zu messen. Dieser Vorgang unterliegt dabei auch immer dem Zeitgeist.“

Objektiv messen lässt sich Kreativität also nur sehr ungern. Aber wir haben alle eine Vorstellung von ihr.

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Kreativität bezeichnet nicht alleine Hobby-Kunst, obwohl diese darunterfällt.
Kreativität ist Lebenseinstellung und Fantasie Sie zeigt sich im Umgang mit schwierigen Kunden und wenn man in der Küche ein Gericht noch mal gerade so rettet. Wenn man in der Lage ist, ein Problem auch noch mal von einer anderen Seite aus anzugehen. Und manchmal lässt sie Bilder entstehen. Oder Bücher.

Die Autorin Melanie Lahmer weist in ihrem Blog deutlich auf etwas Wichtiges hin:
Auf einem Markt wird die Kreativität des Erschaffers, der Erschafferin oft so gelähmt, dass diese mitunter ihre Arbeit aufgeben.

Die Wikipedia schreibt:
„In der Kunst erfordert der hier geltende Innovationszwang, dass Kreativität mit Normenbruch, also dem Verstoß gegen tradierte Normen, einhergeht.“

Melanie Lahmer sagt:
„Alle wollen das neue, große Ding, mit dem man für die nächsten Jahre ausgesorgt hat – aber keiner traut sich aus seiner Komfortzone heraus.
Das führt zu der paradoxen Situation, dass Verlage zwar händeringend nach Neuem suchen, das Neue soll aber bitte nicht zu stark vom Gewohnten abweichen.
Und darunter leiden zuallererst wir Autoren. Denn unsere Figuren und Settings dürfen nicht zu ungewöhnlich sein, wir sollen aktuelle Trends bedienen und trotzdem noch etwas Eigenes einbringen (aber nicht zu viel, bitte!). Diese Vorgaben sind so diffus und gleichzeitig einengend, dass sie immer auch Einfluss auf unsere Geschichten haben. Manchmal fühlt man sich wie ein Pferd, das Hufe scharrend vor dem Gatter steht, das sich niemand zu öffnen traut. Man könnte ja aus Versehen im Galopp irgendetwas umreißen.“

Wohin soll ein Künstler ausweichen, den der Markt entweder gebrochen hat oder der zu den Bedingungen dort nicht arbeiten, aber trotzdem weiter künstlerisch tätig sein möchte? Zu dessen Persönlichkeit es untrennbar gehört, sich auf diese seine Weise auszudrücken?
Von mir selbst kann ich sagen, dass auch mich Schranken einschränken und Normen angleichen. Vorgaben geben auch mir etwas vor; ich kann nichts mehr selbst entwickeln, und unter Druck funktioniere ich allenfalls, aber das Wunder der Kreativität wird sich mit Sicherheit nicht ereignen! Es braucht das Spielen, die Ergebnisoffenheit.

Einem Markt, der auf Gewinn aus ist oder zumindest Verluste vermeiden soll, macht ergebnisoffenes Arbeiten Bauchschmerzen, was ich aus Marktsicht sogar verstehe. Der Markt ist Mechanismen unterworfen, die ihn zu dem System machen, das er ist. Würde er den Wachstums- und Konkurrenzgedanken aufgeben, würden Köpfe und Arme des Marktkörpers sterben.

Handel ist die Bestimmung des Marktes. Doch wie kann etwas so Flatterhaftes, manchmal Flüchtiges, Lehrendes, manchmal im Flow Erlebtes, manchmal hart Erarbeitetes, mit Zeit und auch sonst nicht objektiv Messbares wie Kreativität sinnvoll gehandelt werden?
Es ist, wie Luft an der Börse zu handeln, also entweder unmöglich, oder es braucht fast schon kleinkriminelle Energie, Menschen außerhalb der Gewinnzone die Mechanismen schmackhaft zu machen. KreativarbeiterInnen liegen oft außerhalb jeglicher Gewinnzonen.

Der Gewinn für jemanden, der seine Kunst leben möchte, hat oft nichts mit materiellem Gut zu tun.

Melanie Lahmer: „Für jeden Autor, der einen Vertrag wegen seiner schlechten Bedingungen nicht unterschreibt, kommt ein neuer nach, der ihn zu noch schlechteren Bedingungen unterschreibt und sich dafür eine Flasche Sekt öffnet. Das mit dem Jubel und dem Sekt kann ich natürlich gut verstehen, das habe ich auch gemacht. Aber leider hat man damit schon den ersten Schritt in Richtung Selbstaufgabe und fehlende Wertschätzung getan. Wer sich unter Wert verkauft, setzt damit automatisch auch einen Marker. Dann zeigt man, dass man zu allen möglichen Kompromissen bereit ist, solange man sein Buch veröffentlichen darf.
Denn eines ist klar: Wenn ich diesen Vertrag nicht unterschreibe, bekomme ich möglicherweise gar keinen. Und eigentlich wollen wir doch nur eines: gelesen werden. Und dafür brauchen wir Leser, die wir auf irgendeine Weise erreichen müssen – sei es durch Verlage und den Buchhandel oder ohne Verlag im Internet.“

Das habe ich mich oft gefragt: verraten KreativarbeiterInnen sich und ihre Gabe, wenn sie sie zum Verkauf stellen, Kompromisse machen? Ich tu mich schwer, jegliche Verantwortung bei ihnen zu suchen. Der eine wird es aus guten, gerade zitierten Gründen tun, jemand anderes wird es aus genau so guten persönlichen Gründen lassen. Ich tu mich schwer damit, zu akzeptieren, dass gerade die Energie der KreativarbeiterInnen mit solchen Fragen angefressen wird. Aber ich kenne sie gut…

In Gesprächen habe ich oft ein Szenario aufgemacht, bei dem ich davon ausging, dass man die Absurdität sofort erkennt: alle KreativarbeiterInnen, die nicht gut bezahlt werden, stellen die Arbeit ein. Ein Streik. Der ist nämlich bei der Vielzahl von zum Beispiel AutorInnen mit ihrer unterschiedlichen Haltung und der vielen unterschiedlichen Verlage nicht zu organisieren. Und was sollen MalerInnen tun, die vielleicht – ich weiß es nicht – noch zahlreicher sind? Ein Aspekt des Problems: KreativarbeiterInnen auf dem Markt unterscheiden sich nicht von denen anderswo. Ihr „Endprodukt“ kann das gleiche sein. Unter MalerInnen ist daher „Schwarzarbeit“ ein großes Thema. Doch warum wird das nicht so ernst genommen wie beispielsweise bei Fliesenlegern oder anderen HandwerkerInnen, warum klingt das eher lustig? Weil Kunst in der Gesellschaft noch nicht als akzeptiert angekommen ist? Oder weil Handel mit einer nicht messbaren, nicht objektiv bewertbaren Sache so schwierig ist?

Ich gehe so weit zu sagen, dass fairer Handel auf dem Parkett der Kreativarbeit nicht möglich ist. Weil Unvergleichliches zum Vergleichen – und Handel vergleicht immer – angeglichen wird. Weil Nischenprodukte, die sich nicht verkaufen, aber die es geben muss, um Individualität und Vielfalt zu würdigen, hintenüber fallen, in der wahrnehmbaren Welt nicht mehr vorkommen. Weil mit etwas gehandelt werden soll, das allen gehört wie die Luft, die wir atmen: Fantasie und unser individueller Ausdruck dieser Fantasie.

Melanie Lahmer: „Es ist hart und es bleibt hart und ich bin nicht optimistisch genug, um an eine Besserung zu glauben. Irgendwann fällt das bisherige System in sich zusammen, und dann bleiben vermutlich nur wenige übrig. Aber bis es soweit ist, schreibe ich weiterhin meine Geschichten und versuche, so gut wie möglich davon zu leben.“

Vielleicht – wenn sich der Mensch bis dahin nicht selbst vernichtet, was ich in der letzten Zeit öfter fürchte – gibt es mal eine Gesellschaft, in der unser Versorgtsein nicht an unsere Lebensidee gekoppelt ist. Wir uns nicht entscheiden müssen, ob wir Essen kaufen oder Stifte, ob zum Malen oder Schreiben. Die Kinder fürs Leben lernen und nicht dafür, ihr Leben lang der materiellen Versorgtheit hinterher zu laufen und gesellschaftlicher Ächtung unterliegen, wenn das nicht gelingt, und das Gelingen FÜR ALLE wird immer schwieriger.

Vielleicht, wenn wir alle in einem Punkt zusammenhalten: das, was unser Menschsein ausmacht, nicht zu verraten. Und das individuell, unterschiedlich.

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https://de.wikipedia.org/wiki/Kreativit%C3%A4t

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https://siegerlandkrimis.wordpress.com/2018/03/23/autoren-unter-druck-ii/

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Zombie

http://www.sueddeutsche.de/kultur/tod-von-cranberries-saengerin-dolores-oriordan-es-bleibt-ein-lied-zum-weinen-schoen-1.3827182

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https://de.wikipedia.org/wiki/Zombie_(Lied)

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https://www.youtube.com/watch?v=o61N93V0IdM

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https://www.youtube.com/watch?v=zvdDjA_CTrw

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http://networking-media.de/musik/the-cranberries-something-else/

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Vielleicht noch mit „Linger“ und „Dreams“ – und Fans der Band „The Cranberries“ werden auch andere Stücke selbstverständlich kennen –, aber Dolores O’Riordan verbindet man besonders mit diesem einen Lied, „Zombie“. Es war der einzige Nr. 1-Hit der Band.

1994, als es erschien, musste es sich einreihen in die Song-Schlangen von Girl- und Boygroups, sich unvergleichlicherweise vergleichen lassen mit Musik von DJ Bobo, Whigfield oder Lucilectric, Nummern ohne tiefere Bedeutung. Hip-Hop gab’s auch noch in den 90ern und Grunge, der mehr und länger hätte Bedeutung haben können, wenn er sich nicht so auf Äußerlichkeiten hätte reduzieren, sich nicht hätte ver-hypen lassen.

„Zombie“ war anders. Es „griff ein konkretes Ereignis der jüngeren Geschichte auf: einen Bombenanschlag der IRA in der englischen Stadt Warrington im März 1993. Zwei Kinder starben, drei und zwölf Jahre alt“, und war damit hochpolitisch.

O’Riordan musste die Motivation zu Text und Musik höchstwahrscheinlich nicht lange suchen; als Irin fühlte sie augenscheinlich eine persönliche Betroffenheit, was das sinnlose Töten in ihrem Land anging. Trotzdem gehört doch eine gewisse künstlerische Haltung dazu, etwas so gegen jeden Trend zu machen. Kann sein, dass das Lied eingängig genug war, den Inhalt vergessen zu lassen; dass es „egal“ zu sein scheint, was die tolle Stimme da singt. Ich denke, dass genau dieser Inhalt Dolores O’Riordan es genau so hat singen lassen, mit Zorn und Trauer und Hilflosigkeit.

Ein beeindruckendes Lied, eine beeindruckende Künstlerpersönlichkeit, die zeigt, dass man zu jedem Zeitpunkt, ob in gerade angesagtem Stil oder eben anders, seine Stimme einbringen kann. Und eine politische Haltung, transformiert in Kunst, dieser nicht schadet – ganz im Gegenteil.

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cof

 

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Authentizität

„Jedenfalls ist es immer ein Dialog.“

Es hilft zum Verständnis der folgenden Interview-Ausschnitte, die Geigerin Patricia Kopatchinskaja einmal beim Sprechen zu hören und zu sehen. Ich bedaure, dass ich die Dokumentation nirgendwo mehr komplett finde.

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http://www.migros-kulturprozent.ch/de/home/ein-konzertsaal-ist-keine-wellnessoase

„Ich wollte keine Kompromisse machen, sondern die Leute finden, mit denen ich eine gemeinsame Sprache teilen kann.“

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„Das lässt Raum zum Lernen. Es ist nicht wie in Wien oder London, wo man wirklich gut sein muss.“

Bitte? An kleinen Orten müssen Sie nicht so gut sein?

„Doch, doch … aber da kann ich es wagen, auch einmal zu experimentieren. Da kann ich Dinge tun, von denen ich noch nicht weiß, ob sie gelingen oder nicht. Und deswegen sind für mich die kleineren Orte fast interessanter als die großen, wo man wirklich das liefert, was man schon über die Stücke herausgefunden hat. Allerdings bin ich auf gutem Weg, auch dort freier spielen zu können. Ich möchte den Konzertbesuchern in London oder Wien verständlich machen, dass diese Freiheit der Motor für Bewegung und Entwicklung ist. Musik ist nicht etwas, das immer zu 100 Prozent klappt. Es geht nicht darum, alle Töne rund und schön abzuliefern.“

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„Wer mit einer vorgefertigten Meinung ins Konzert kommt, kann bei mir nur enttäuscht werden. Ich spiele nicht das, was man erwartet.“

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„Das Publikum hat sich an mich gewöhnt. Es erwartet sogar zunehmend das, was ich verständlich zu machen versuche: Dass es neben spielerischer Perfektion und der immer gleichen einbetonierten Fassung eines Stückes, die man von den Schallplatten her kennt, auch andere Wege gibt.“

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Ist, wer Ihr Mozart-Spiel kritisiert, in der Zeit stehen geblieben?

„Eine solche Person ist in ihrer Persönlichkeit stehengeblieben und kann nicht aus sich heraus – eine solche Person will immer wieder das genießen, was sie verstanden hat. Ich glaube, Kunst muss einen Menschen auch mit Dingen konfrontieren, die er nicht mag.“

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„Das ist wie mit den Kleidergeschäften – von London bis Zürich: Alles sieht gleich aus! Die musikalische Globalisierung ist enorm stark. Überall spielen die gleichen Leute das gleiche Programm. Es gibt kein Gesicht mehr.“

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Personen des öffentlichen Lebens

Ab wann man eine „Person des öffentlichen Lebens“ ist, darin sind sich manchmal nicht mal angehende JuristInnen einig. ( http://www.juraforum.de/forum/t/wann-wird-man-von-einer-privatperson-zur-person-des-oeffentlichen-lebens.435537/ )

Kürzer und klarer versucht es der Eintrag im Journalisten-Kolleg: https://www.journalistenkolleg.de/lexikon-journalismus/person-des-oeffentlichen-lebens 

Mir ist vollkommen bewusst, dass ich jeglichen juristischen Sachverstand beleidige, indem ich sage: auch ich bin eine Person des öffentlichen Lebens – nicht des öffentlichen Interesses; das ist klar 😉 .

Ich bin nicht nur nicht berühmt, ich bin nicht mal bekannt (außer meinen Bekannten natürlich). Trotzdem empfinde ich es als hilfreich, mich und meine Mitmenschen jenseits einer juristischen Definition als Personen des öffentlichen Lebens zu begreifen.

Wir alle leben – bis auf einige Ausnahmen aus unterschiedlichen Gründen – in der Öffentlichkeit. Diese Öffentlichkeit beginnt, wenn wir unseren Wohnraum verlassen, mit anderen Personen als mit unseren Familienangehörigen in Kontakt kommen. Wir brauchen gar keinen ‚Hoppla, hier komm‘ ich!‘-Auftritt hinlegen; selbst mit gesenktem Hoodie-Haupt sind wir nun „draußen“, sichtbar, hörbar.

Vielleicht empfinden es eher Menschen ähnlich, die – vielleicht auch nur bedingt bekannt – sich der Öffentlichkeit, in die sie treten, bewusster sind: TheaterschauspielerInnen, TänzerInnen, KünstlerInnen, BloggerInnen, …

Heute möchte ich empfehlen, sich beim nächsten vor-die-Tür-Treten, beim nächsten mit-jemandem-in-Kontakt-Treten, sich seiner Gefühle, Gedanken, Worte, Handlungen, seiner ganzen Person bewusst zu sein. Falls Ihr Euch auf das Experiment einlasst, freute mich wie immer Feedback – ob in zwei Worten à la ‚Hab’s probiert‘ oder als ausführliche Feldstudien-Analyse 😉 .

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„[…] Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.“

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Laurence Olivier

*

aus: Hamlet, 1. Aufzug, 3. Szene:

[…]

POLONIUS

Noch hier, Laertes? Ei, ei, an Bord, an Bord!

Der Wind sitzt in dem Nacken Eures Segels,

Und man verlangt Euch. Hier mein Segen mit dir –

[indem er dem Laertes die Hand aufs Haupt legt]

Und diese Regeln präg in dein Gedächtnis:

Gib den Gedanken, die du hegst, nicht Zunge,

Noch einem ungebührlichen die Tat.

Leutselig sei, doch mach dich nicht gemein.

Den Freund, der dein, und dessen Wahl erprobt,

Mit eh‘rnen Haken klammr‘ ihn an dein Herz.

Doch schwäche deine Hand nicht durch Begrüßung

Von jedem neugeheckten Bruder. Hüte dich,

In Händel zu geraten; bist du drin,

Führ sie, dass sich dein Feind vor dir mag hüten.

Dein Ohr leih jedem, wenigen deine Stimme;

Nimm Rat von allen, aber spar dein Urteil.

Die Kleidung kostbar, wie’s dein Beutel kann,

Doch nicht ins Grillenhafte: reich, nicht bunt;

Denn es verkündigt oft die Tracht den Mann,

Und die vom ersten Rang und Stand in Frankreich

Sind darin ausgesucht und edler Sitte.

Kein Borger sei und auch Verleiher nicht;

Sich und den Freund verliert das Darleh‘n oft,

Und Borgen stumpft der Wirtschaft Spitze ab.

Dies über alles: Sei dir selber treu,

Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage,

Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.

Leb wohl! Mein Segen förd‘re dies an dir!

[…]

*

Diese „Regeln“ des Vaters für den Sohn sind über Shakespeares Schauspiel hinaus erprobt, würde ich sagen; sie haben als Ratschläge beinahe – Ausnahmen gibt es ja immer, weil Menschen Individuen sind – Allgemeingültigkeit.

Besonders von den Schlusssätzen wird dies gerne zitiert:

„Dies über alles: Sei dir selber treu. Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage: Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.“

Auch auf mich wirken diese Sätze. Sie bedeuten nicht, dass man sich anderen gegenüber nicht für diese unpassend verhalten kann; das kann immer passieren, denn wir gehen erst einmal von uns aus und wissen nicht, wie unser Gegenüber uns und das Gesagte aufnehmen wird. (Den Vorsatz, das Gegenüber fies zu treffen, gibt’s natürlich auch, aber das schließe ich hier jetzt einmal aus.)

Um sich selbst treu zu sein, bedarf es der Reflexion; man muss seine Gefühle und Gedanken sortieren, um eine Position einnehmen zu können. Ist diese nicht starr, sondern in dem Sinne beweglich, dass sie veränderbar ist, wenn sich Gegebenheiten verändern, bleibt man wahrhaftig – und kann daher „nicht falsch sein gegen irgendwen“. Ich interpretiere es also so, dass man zu allererst eine gute Verbindung zu sich selbst hat, spürt, was einem gut und nicht gut tut, was man denkt und warum, und dem Gegenüber damit eine ehrliche, eine wahrhaftige Person zeigt.

Nachlässigkeit, Ignoranz und Lethargie haben da kaum Chancen, ihr ungesundes Wirken zu betreiben; man lebt in steter Auseinandersetzung mit sich und anderen. Es ist leicht vorstellbar, dass man diese Auseinandersetzung ohne echte Verbindung zu sich selbst eher als Bürde erlebt als das Geschenk, das es ist: das Geschenk des sich-Einbringens, des im-Gespräch-Bleibens.

So, wie man andere nur lieben kann, wenn man sich selbst zumindest mag, kann man sich dem Ausdruck eines anderen erst öffnen, wenn man seinen eigenen Ausdruck spürt, deuten kann und versteht. Wenn man einsieht, dass man überhaupt einen eigenen, individuellen Ausdruck hat! Und hat man das einmal bewusst gespürt, gibt es im Grunde kein Argument mehr dafür, sich einer anderen Expression von vornherein zu entziehen.

Es ist vollkommen zweitrangig, ob ich das Lächeln der Mona Lisa betrachte oder eines in der Stadt erwidere, das mir begegnet – ich begegne immer Menschen in ihrem jeweiligen Ausdruck. Das Lächeln der Person, die mir entgegenkommt, ist vielleicht unmittelbarer, aber auch Leonardo da Vinci freute sich bestimmt, wenn man seinem künstlerischen Ausdruck zurücklächelte; dessen bin ich mir fast sicher…

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http://www.william-shakespeare.de/hamlet/hamlet1_3.htm

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Alien und andere Filme

Niemand erklärt mir so empathisch und wohlwollend wie meine Freundin Uta, warum ich mich manchmal wie ein Alien fühlen muss. Sei es, dass ich Menschen, die mich im Grunde gut kennen müssten, rechtfertigen muss, warum ich finde, dass ein persönlicher Kampf gegen Ungerechtigkeit nicht nur mir zugute käme, sei es, dass ich erklären muss, dass ich mein Lebensmodell nicht als Konkurrenz verstehe zu ihrem. Dazu kommt, dass ich mich zuhause sauwohl fühle, trotzdem keinen gesteigerten Wert auf schicke gleich teure Möbel lege, aber auch andere Wohnungen behaglich finde, bei deren Einrichtung darauf geachtet wurde. Oder mal nach einem Rezept frage, aber mich trotzdem nicht stundenlang über Küchenthemen unterhalten mag. Und es nach einer längeren Zeit des einander Kennens befremdlich finde, wenn es nicht auch mal darum geht, was mich interessiert.

Uta versteht das gut und kennt so etwas auch. Ich darf das outen, denn das Netz kennt Uta nicht. Wir sind uns einig, dass man ein echtes Interesse aneinander nicht einfordern kann, aber wir beide haben es. Wenn wir uns unterhalten, überschlagen wir uns fast, weil uns so oft so ähnliche Personen und Situationen begeistern, wie kürzlich die Emcke-Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Wir empfehlen uns Filme und liegen immer richtig. Zum Geburtstag bekomme ich einen Brief mit verschiedensten Sprüchen aller möglichen Persönlichkeiten, die (die Sprüche) meistens Bezug nehmen zu irgendetwas, das uns im letzten Gespräch beschäftigt hat. Meistens denke ich ihr zuviel nach, aber das hat mir schon so manchen Tipp eingebracht, dem nachzugehen sich dann natürlich wieder gelohnt hat: „Als ich den/die letztens gehört/gesehen/gelesen hab‘, musste ich gleich an dich denken!“ So etwas ist schön.

Uta meint, so zu sein, mache manchmal eben einsam. Ob ich den Film „Séraphine“ kennen würde (Selbstverständlich; den besitze ich sogar!) oder ob mir der Name „Mirabehn“ etwas sagt (Klar; habe letztens erst nochmal „Gandhi“ geschaut!), aber da sei sie ein bisschen zu süßlich dargestellt; ich solle vielleicht („Nur als Tipp – ist ja kein ‚Muss‘!“) ihre Biografie lesen (Ist vorgemerkt!). Frauen, die auch ziemlich alleine gehen, die anderen oft unverständlich sind, die sich vielleicht selbst manchmal unverständlich sind.

Obwohl das alles wahr ist, bin ich dabei – vielleicht ist das dann besonders „tragisch“ – auch und in besonderem Maße ein „Rausgeher“, ein Austauscher, ein Gesprächsanfänger. Oft wird das nicht beantwortet, aber vielleicht ist das auch nicht das Wichtigste. Vielleicht ist wichtig, nicht aufzugeben, ein Angebot zu sein mit den Dingen, die einen interessieren, weil das, was man eventuell in anderen anstößt, einem oft nicht gespiegelt wird. Man erfährt es schlichtweg nicht, ob irgendjemand „was damit anfangen“ konnte. (Meistens sind leider die beflissener, die einem sagen wollen, dass sie nichts damit anfangen konnten.) Trotzdem ist der Anstoß in der Welt. Und um den zu entwickeln, bedarf es manchmal eben Einsamkeit.

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Thomas Hermanns als Moderator der ‚Westart live‘ vom 31.10.2016: „Frau Raabe, wenn Sie so am Schreibtisch sitzen und’n neues Buch schreiben, hätten Sie dann manchmal nicht lieber auch’n bisschen Rock’n’Roll, zwischendurch mal?“

Melanie Raabe: „Ehrlich gesagt überhaupt nicht. Tatsächlich bin ich überhaupt niemand, der darunter leidet, an dieser berühmten Einsamkeit am Schreibtisch… ich liebe das, irgendwie, zuhause zu sitzen am Schreibtisch und autark, über Monate oder Jahre hinweg an einer Geschichte zu feilen, …“

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Vision

Ich kann und möchte niemanden benennen und einzelne Personen „bewerben“ – ich bewerbe die Idee, dass man offen durchs Leben gehen sollte. Niemand ist in allem, was er künstlerisch tut, eine Bereicherung für jeden, aber jeder kann eine Bereicherung für JEMANDEN sein. Mir ist bewusst, dass sich das nicht mit einem Ausschluss-System decken kann und auch die Versorgungsfrage nicht beantwortet. Mir reicht – bezüglich Duchamps Urinal-Beispiel aus „Benennung und Inhalt“, dem Beitrag vom 20. Juni – dass nicht ich und auch niemand anderes tatsächlich vollkommen ausschließen kann, dass es solche Ideen außerhalb des Kunstmarktes geben KANN.

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Ich möchte das ganzheitliche Denken, das ich nicht von Jugend an hatte, nicht mehr aufgeben, eher noch weiter trainieren. Gerade der künstlerische Bereich bietet sich dafür an, da er eine Sache behandelt, die so unmittelbar zum Menschen gehört: seine Freiheit im Denken, sein Ausdruck.

Wie könnte ich, wenn ich einmal damit angefangen habe, einzelne Bereiche vom ganzheitlichen Denken ausschließen? Wenn man zum Beispiel Lehren und Lernen auch vollkommen anders begreifen und aufziehen könnte (was man könnte!), hätte das Auswirkungen auch auf die Kunst.

Vielleicht so:

Meinetwegen würde irgendwann keiner mehr „Künstler“ genannt, weil jede Arbeit eines jeden gleichwertig nebeneinander stünde. Es gäbe keine „Berufskünstler“.

Unter anderem das, was heute in künstlerischer Hinsicht in Therapien gemacht wird, um Menschen in Heilungsprozessen zu unterstützen, wäre Teil eines wichtigen Schulfachs, um den Kontakt zu sich selbst nicht erst finden zu müssen, sondern stetig aufrechtzuerhalten mittels kreativer Ansätze.

(Ach ja: das Fach „Religion“ wäre komplett durch Ethik-Unterricht ersetzt, und Fächer solcher -humanistischer- Art könnten kombiniert unterrichtet werden, wie auch die Naturwissenschaften untereinander.)

Lehrer wären angesehen und würden anders ausgebildet (zum Beispiel nicht so allein gelassen bezüglich didaktischer und sozialer Fragen), und die Berufe, die die Schüler später in künstlerischer Hinsicht ergreifen könnten, wären wieder „Lehrer“, oder es ginge in Richtung „Therapie“. Es wäre niemand gezwungen, aber ganz viele würden gewohnt sein, sich künstlerisch auszudrücken. Ein diesbezüglicher Hype um etwas oder jemanden wäre geradezu lächerlich.

Für alle die, die die Schätze der Kunstwelt in Gefahr sähen: alles gäbe es noch, und es würden auch weiter neue Dinge entstehen (zum Beispiel Netzkunst, die es vor wenigen Jahrzehnten noch nicht gab, nicht geben konnte). Weil der Hype um Einzelnes wegfiele und es stattdessen viel, viel mehr gäbe, müsste man neue Wege ausprobieren, Kunst zu zeigen und erfahrbar zu machen, was tatsächlich das Museum, wie es jetzt noch existiert, in Frage stellte.

Auch andere Berufe wären von den Änderungen betroffen; die Arbeitszeit wäre reduziert; Menschen hätten mehr Zeit für ihre Selbstbestimmung, und Sozialdienste wären eine Art Pflichtprogramm, das, vielleicht kommunal verwaltet, jeder nach seinen Neigungen und Fähigkeiten in seine Woche einbinden müsste. Die Hilfe bei der Pflege Angehöriger würde enorm ausgebaut; es gäbe keine finanziellen Einbußen deswegen.

Berufe, die rund um die Uhr besetzt sein müssen (wie zum Beispiel die Feuerwehr), hätten dafür genügend Personal, um das neue verkürzte Zeitmanagement stemmen zu können.

Und alle hätten ein Auskommen.

Einige Schulfächer blieben ganz ähnlich wie schon jetzt, zum Beispiel Fremdsprachen oder die Naturwissenschaften. Wie gute Denker in ihren Gebieten am besten gefördert würden, läge sehr in der jeweiligen Natur des Fachgebietes. Auf diesen Gebieten hielte ich auch Studiengänge wie heute angeboten weiterhin für sinnvoll, nur würde ich mir alles praktischer wünschen, von der Schule an. (In meiner Schule würden die Menschen nicht mit zehn Jahren in trennende Systeme einsortiert und müssten auch nicht mit siebzehn „fertig“ sein.)

Mir fällt keine bessere Methode ein, Menschen zu zeigen, „was alles mit ihnen zu tun hat“. Und auch keine bessere, jenseits unterschiedlicher menschlicher Charaktere Missbrauch vorzubeugen, z. B. im Umgang mit künstlicher Intelligenz oder Forschungsergebnissen, die Dinge möglich machen, die vielleicht aber nicht wünschenswert sind und/oder stetige öffentliche Diskussion und Begleitung erfordern.

Die Disziplinen müssten miteinander ins Gespräch kommen und im Gespräch bleiben. Diesbezügliche Arroganz würde ebenfalls als lächerlich empfunden, könnte sich aber auch nicht mehr gut entwickeln.

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Meine Gedanken erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit; ich fühle mich, als hätte ich gerade erst konkret darüber nachzudenken begonnen, und ich habe selbstverständlich keine Beweise für die daraus folgende Entwicklung einer „besseren Welt“. Aber ich glaube es, weil, wenn Dinge davon im Kleinen umgesetzt werden (spielerisches Lernen, Kunsttherapie, guter Ethik-Unterricht), man bei den Menschen direkt eine Veränderung bemerkt. Warum sollte man gute Ideen, Dinge, die für den Menschen funktionieren, nicht lostreten und in einem stetigen Prozess weiterentwickeln?

Dass so vielen Menschen Kunst nicht nah ist (was so ist), halte ich für eine Fehlentwicklung unseres politischen und gesellschaftlichen Systems (neben vielen anderen Dingen).

Ich führe es unter anderem auch darauf zurück:

http://www.alphabet-film.com/ :

Mit erschreckender Deutlichkeit wird nun sichtbar, dass uns die Grenzen unseres Denkens von Kindheit an zu eng gesteckt wurden. Egal, welche Schule wir besucht haben, bewegen wir uns in Denkmustern, die aus der Frühzeit der Industrialisierung stammen, als es darum ging, die Menschen zu gut funktionierenden Rädchen einer arbeitsteiligen Produktionsgesellschaft auszubilden. Die Lehrinhalte haben sich seither stark verändert und die Schule ist auch kein Ort des autoritären Drills mehr. Doch die Fixierung auf normierte Standards beherrscht den Unterricht mehr denn je.“

In der sehenswerten Diskussionsrunde https://www.youtube.com/watch?v=lk98IRFTWNs , die zum Thema hat, ob der Mensch ein Feindbild braucht, spricht Rüdiger Lenz so ab ca. Stunde 2:20:… „das ganze Spektrum von Bildung“ an. „Wir brauchen Menschen, die an sich selbst reifen […] wir brauchen Menschen, die Gestalter werden.“

Ich kann mir nicht vorstellen, dass, wenn solche Gedanken in der Gesellschaft ehrlich ernst genommen würden, das keine enormen und vor allem guten Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens hätte…

und eben deswegen auch auf die Kunst.

 

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