Zombie

http://www.sueddeutsche.de/kultur/tod-von-cranberries-saengerin-dolores-oriordan-es-bleibt-ein-lied-zum-weinen-schoen-1.3827182

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https://de.wikipedia.org/wiki/Zombie_(Lied)

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https://www.youtube.com/watch?v=o61N93V0IdM

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https://www.youtube.com/watch?v=zvdDjA_CTrw

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http://networking-media.de/musik/the-cranberries-something-else/

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Vielleicht noch mit „Linger“ und „Dreams“ – und Fans der Band „The Cranberries“ werden auch andere Stücke selbstverständlich kennen –, aber Dolores O’Riordan verbindet man besonders mit diesem einen Lied, „Zombie“. Es war der einzige Nr. 1-Hit der Band.

1994, als es erschien, musste es sich einreihen in die Song-Schlangen von Girl- und Boygroups, sich unvergleichlicherweise vergleichen lassen mit Musik von DJ Bobo, Whigfield oder Lucilectric, Nummern ohne tiefere Bedeutung. Hip-Hop gab’s auch noch in den 90ern und Grunge, der mehr und länger hätte Bedeutung haben können, wenn er sich nicht so auf Äußerlichkeiten hätte reduzieren, sich nicht hätte ver-hypen lassen.

„Zombie“ war anders. Es „griff ein konkretes Ereignis der jüngeren Geschichte auf: einen Bombenanschlag der IRA in der englischen Stadt Warrington im März 1993. Zwei Kinder starben, drei und zwölf Jahre alt“, und war damit hochpolitisch.

O’Riordan musste die Motivation zu Text und Musik höchstwahrscheinlich nicht lange suchen; als Irin fühlte sie augenscheinlich eine persönliche Betroffenheit, was das sinnlose Töten in ihrem Land anging. Trotzdem gehört doch eine gewisse künstlerische Haltung dazu, etwas so gegen jeden Trend zu machen. Kann sein, dass das Lied eingängig genug war, den Inhalt vergessen zu lassen; dass es „egal“ zu sein scheint, was die tolle Stimme da singt. Ich denke, dass genau dieser Inhalt Dolores O’Riordan es genau so hat singen lassen, mit Zorn und Trauer und Hilflosigkeit.

Ein beeindruckendes Lied, eine beeindruckende Künstlerpersönlichkeit, die zeigt, dass man zu jedem Zeitpunkt, ob in gerade angesagtem Stil oder eben anders, seine Stimme einbringen kann. Und eine politische Haltung, transformiert in Kunst, dieser nicht schadet – ganz im Gegenteil.

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cof

 

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Authentizität

„Jedenfalls ist es immer ein Dialog.“

Es hilft zum Verständnis der folgenden Interview-Ausschnitte, die Geigerin Patricia Kopatchinskaja einmal beim Sprechen zu hören und zu sehen. Ich bedaure, dass ich die Dokumentation nirgendwo mehr komplett finde.

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http://www.migros-kulturprozent.ch/de/home/ein-konzertsaal-ist-keine-wellnessoase

„Ich wollte keine Kompromisse machen, sondern die Leute finden, mit denen ich eine gemeinsame Sprache teilen kann.“

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„Das lässt Raum zum Lernen. Es ist nicht wie in Wien oder London, wo man wirklich gut sein muss.“

Bitte? An kleinen Orten müssen Sie nicht so gut sein?

„Doch, doch … aber da kann ich es wagen, auch einmal zu experimentieren. Da kann ich Dinge tun, von denen ich noch nicht weiß, ob sie gelingen oder nicht. Und deswegen sind für mich die kleineren Orte fast interessanter als die großen, wo man wirklich das liefert, was man schon über die Stücke herausgefunden hat. Allerdings bin ich auf gutem Weg, auch dort freier spielen zu können. Ich möchte den Konzertbesuchern in London oder Wien verständlich machen, dass diese Freiheit der Motor für Bewegung und Entwicklung ist. Musik ist nicht etwas, das immer zu 100 Prozent klappt. Es geht nicht darum, alle Töne rund und schön abzuliefern.“

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„Wer mit einer vorgefertigten Meinung ins Konzert kommt, kann bei mir nur enttäuscht werden. Ich spiele nicht das, was man erwartet.“

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„Das Publikum hat sich an mich gewöhnt. Es erwartet sogar zunehmend das, was ich verständlich zu machen versuche: Dass es neben spielerischer Perfektion und der immer gleichen einbetonierten Fassung eines Stückes, die man von den Schallplatten her kennt, auch andere Wege gibt.“

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Ist, wer Ihr Mozart-Spiel kritisiert, in der Zeit stehen geblieben?

„Eine solche Person ist in ihrer Persönlichkeit stehengeblieben und kann nicht aus sich heraus – eine solche Person will immer wieder das genießen, was sie verstanden hat. Ich glaube, Kunst muss einen Menschen auch mit Dingen konfrontieren, die er nicht mag.“

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„Das ist wie mit den Kleidergeschäften – von London bis Zürich: Alles sieht gleich aus! Die musikalische Globalisierung ist enorm stark. Überall spielen die gleichen Leute das gleiche Programm. Es gibt kein Gesicht mehr.“

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Personen des öffentlichen Lebens

Ab wann man eine „Person des öffentlichen Lebens“ ist, darin sind sich manchmal nicht mal angehende JuristInnen einig. ( http://www.juraforum.de/forum/t/wann-wird-man-von-einer-privatperson-zur-person-des-oeffentlichen-lebens.435537/ )

Kürzer und klarer versucht es der Eintrag im Journalisten-Kolleg: https://www.journalistenkolleg.de/lexikon-journalismus/person-des-oeffentlichen-lebens 

Mir ist vollkommen bewusst, dass ich jeglichen juristischen Sachverstand beleidige, indem ich sage: auch ich bin eine Person des öffentlichen Lebens – nicht des öffentlichen Interesses; das ist klar 😉 .

Ich bin nicht nur nicht berühmt, ich bin nicht mal bekannt (außer meinen Bekannten natürlich). Trotzdem empfinde ich es als hilfreich, mich und meine Mitmenschen jenseits einer juristischen Definition als Personen des öffentlichen Lebens zu begreifen.

Wir alle leben – bis auf einige Ausnahmen aus unterschiedlichen Gründen – in der Öffentlichkeit. Diese Öffentlichkeit beginnt, wenn wir unseren Wohnraum verlassen, mit anderen Personen als mit unseren Familienangehörigen in Kontakt kommen. Wir brauchen gar keinen ‚Hoppla, hier komm‘ ich!‘-Auftritt hinlegen; selbst mit gesenktem Hoodie-Haupt sind wir nun „draußen“, sichtbar, hörbar.

Vielleicht empfinden es eher Menschen ähnlich, die – vielleicht auch nur bedingt bekannt – sich der Öffentlichkeit, in die sie treten, bewusster sind: TheaterschauspielerInnen, TänzerInnen, KünstlerInnen, BloggerInnen, …

Heute möchte ich empfehlen, sich beim nächsten vor-die-Tür-Treten, beim nächsten mit-jemandem-in-Kontakt-Treten, sich seiner Gefühle, Gedanken, Worte, Handlungen, seiner ganzen Person bewusst zu sein. Falls Ihr Euch auf das Experiment einlasst, freute mich wie immer Feedback – ob in zwei Worten à la ‚Hab’s probiert‘ oder als ausführliche Feldstudien-Analyse 😉 .

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„[…] Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.“

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Laurence Olivier

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aus: Hamlet, 1. Aufzug, 3. Szene:

[…]

POLONIUS

Noch hier, Laertes? Ei, ei, an Bord, an Bord!

Der Wind sitzt in dem Nacken Eures Segels,

Und man verlangt Euch. Hier mein Segen mit dir –

[indem er dem Laertes die Hand aufs Haupt legt]

Und diese Regeln präg in dein Gedächtnis:

Gib den Gedanken, die du hegst, nicht Zunge,

Noch einem ungebührlichen die Tat.

Leutselig sei, doch mach dich nicht gemein.

Den Freund, der dein, und dessen Wahl erprobt,

Mit eh‘rnen Haken klammr‘ ihn an dein Herz.

Doch schwäche deine Hand nicht durch Begrüßung

Von jedem neugeheckten Bruder. Hüte dich,

In Händel zu geraten; bist du drin,

Führ sie, dass sich dein Feind vor dir mag hüten.

Dein Ohr leih jedem, wenigen deine Stimme;

Nimm Rat von allen, aber spar dein Urteil.

Die Kleidung kostbar, wie’s dein Beutel kann,

Doch nicht ins Grillenhafte: reich, nicht bunt;

Denn es verkündigt oft die Tracht den Mann,

Und die vom ersten Rang und Stand in Frankreich

Sind darin ausgesucht und edler Sitte.

Kein Borger sei und auch Verleiher nicht;

Sich und den Freund verliert das Darleh‘n oft,

Und Borgen stumpft der Wirtschaft Spitze ab.

Dies über alles: Sei dir selber treu,

Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage,

Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.

Leb wohl! Mein Segen förd‘re dies an dir!

[…]

*

Diese „Regeln“ des Vaters für den Sohn sind über Shakespeares Schauspiel hinaus erprobt, würde ich sagen; sie haben als Ratschläge beinahe – Ausnahmen gibt es ja immer, weil Menschen Individuen sind – Allgemeingültigkeit.

Besonders von den Schlusssätzen wird dies gerne zitiert:

„Dies über alles: Sei dir selber treu. Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage: Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.“

Auch auf mich wirken diese Sätze. Sie bedeuten nicht, dass man sich anderen gegenüber nicht für diese unpassend verhalten kann; das kann immer passieren, denn wir gehen erst einmal von uns aus und wissen nicht, wie unser Gegenüber uns und das Gesagte aufnehmen wird. (Den Vorsatz, das Gegenüber fies zu treffen, gibt’s natürlich auch, aber das schließe ich hier jetzt einmal aus.)

Um sich selbst treu zu sein, bedarf es der Reflexion; man muss seine Gefühle und Gedanken sortieren, um eine Position einnehmen zu können. Ist diese nicht starr, sondern in dem Sinne beweglich, dass sie veränderbar ist, wenn sich Gegebenheiten verändern, bleibt man wahrhaftig – und kann daher „nicht falsch sein gegen irgendwen“. Ich interpretiere es also so, dass man zu allererst eine gute Verbindung zu sich selbst hat, spürt, was einem gut und nicht gut tut, was man denkt und warum, und dem Gegenüber damit eine ehrliche, eine wahrhaftige Person zeigt.

Nachlässigkeit, Ignoranz und Lethargie haben da kaum Chancen, ihr ungesundes Wirken zu betreiben; man lebt in steter Auseinandersetzung mit sich und anderen. Es ist leicht vorstellbar, dass man diese Auseinandersetzung ohne echte Verbindung zu sich selbst eher als Bürde erlebt als das Geschenk, das es ist: das Geschenk des sich-Einbringens, des im-Gespräch-Bleibens.

So, wie man andere nur lieben kann, wenn man sich selbst zumindest mag, kann man sich dem Ausdruck eines anderen erst öffnen, wenn man seinen eigenen Ausdruck spürt, deuten kann und versteht. Wenn man einsieht, dass man überhaupt einen eigenen, individuellen Ausdruck hat! Und hat man das einmal bewusst gespürt, gibt es im Grunde kein Argument mehr dafür, sich einer anderen Expression von vornherein zu entziehen.

Es ist vollkommen zweitrangig, ob ich das Lächeln der Mona Lisa betrachte oder eines in der Stadt erwidere, das mir begegnet – ich begegne immer Menschen in ihrem jeweiligen Ausdruck. Das Lächeln der Person, die mir entgegenkommt, ist vielleicht unmittelbarer, aber auch Leonardo da Vinci freute sich bestimmt, wenn man seinem künstlerischen Ausdruck zurücklächelte; dessen bin ich mir fast sicher…

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http://www.william-shakespeare.de/hamlet/hamlet1_3.htm

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Alien und andere Filme

Niemand erklärt mir so empathisch und wohlwollend wie meine Freundin Uta, warum ich mich manchmal wie ein Alien fühlen muss. Sei es, dass ich Menschen, die mich im Grunde gut kennen müssten, rechtfertigen muss, warum ich finde, dass ein persönlicher Kampf gegen Ungerechtigkeit nicht nur mir zugute käme, sei es, dass ich erklären muss, dass ich mein Lebensmodell nicht als Konkurrenz verstehe zu ihrem. Dazu kommt, dass ich mich zuhause sauwohl fühle, trotzdem keinen gesteigerten Wert auf schicke gleich teure Möbel lege, aber auch andere Wohnungen behaglich finde, bei deren Einrichtung darauf geachtet wurde. Oder mal nach einem Rezept frage, aber mich trotzdem nicht stundenlang über Küchenthemen unterhalten mag. Und es nach einer längeren Zeit des einander Kennens befremdlich finde, wenn es nicht auch mal darum geht, was mich interessiert.

Uta versteht das gut und kennt so etwas auch. Ich darf das outen, denn das Netz kennt Uta nicht. Wir sind uns einig, dass man ein echtes Interesse aneinander nicht einfordern kann, aber wir beide haben es. Wenn wir uns unterhalten, überschlagen wir uns fast, weil uns so oft so ähnliche Personen und Situationen begeistern, wie kürzlich die Emcke-Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Wir empfehlen uns Filme und liegen immer richtig. Zum Geburtstag bekomme ich einen Brief mit verschiedensten Sprüchen aller möglichen Persönlichkeiten, die (die Sprüche) meistens Bezug nehmen zu irgendetwas, das uns im letzten Gespräch beschäftigt hat. Meistens denke ich ihr zuviel nach, aber das hat mir schon so manchen Tipp eingebracht, dem nachzugehen sich dann natürlich wieder gelohnt hat: „Als ich den/die letztens gehört/gesehen/gelesen hab‘, musste ich gleich an dich denken!“ So etwas ist schön.

Uta meint, so zu sein, mache manchmal eben einsam. Ob ich den Film „Séraphine“ kennen würde (Selbstverständlich; den besitze ich sogar!) oder ob mir der Name „Mirabehn“ etwas sagt (Klar; habe letztens erst nochmal „Gandhi“ geschaut!), aber da sei sie ein bisschen zu süßlich dargestellt; ich solle vielleicht („Nur als Tipp – ist ja kein ‚Muss‘!“) ihre Biografie lesen (Ist vorgemerkt!). Frauen, die auch ziemlich alleine gehen, die anderen oft unverständlich sind, die sich vielleicht selbst manchmal unverständlich sind.

Obwohl das alles wahr ist, bin ich dabei – vielleicht ist das dann besonders „tragisch“ – auch und in besonderem Maße ein „Rausgeher“, ein Austauscher, ein Gesprächsanfänger. Oft wird das nicht beantwortet, aber vielleicht ist das auch nicht das Wichtigste. Vielleicht ist wichtig, nicht aufzugeben, ein Angebot zu sein mit den Dingen, die einen interessieren, weil das, was man eventuell in anderen anstößt, einem oft nicht gespiegelt wird. Man erfährt es schlichtweg nicht, ob irgendjemand „was damit anfangen“ konnte. (Meistens sind leider die beflissener, die einem sagen wollen, dass sie nichts damit anfangen konnten.) Trotzdem ist der Anstoß in der Welt. Und um den zu entwickeln, bedarf es manchmal eben Einsamkeit.

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Thomas Hermanns als Moderator der ‚Westart live‘ vom 31.10.2016: „Frau Raabe, wenn Sie so am Schreibtisch sitzen und’n neues Buch schreiben, hätten Sie dann manchmal nicht lieber auch’n bisschen Rock’n’Roll, zwischendurch mal?“

Melanie Raabe: „Ehrlich gesagt überhaupt nicht. Tatsächlich bin ich überhaupt niemand, der darunter leidet, an dieser berühmten Einsamkeit am Schreibtisch… ich liebe das, irgendwie, zuhause zu sitzen am Schreibtisch und autark, über Monate oder Jahre hinweg an einer Geschichte zu feilen, …“

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Vision

Ich kann und möchte niemanden benennen und einzelne Personen „bewerben“ – ich bewerbe die Idee, dass man offen durchs Leben gehen sollte. Niemand ist in allem, was er künstlerisch tut, eine Bereicherung für jeden, aber jeder kann eine Bereicherung für JEMANDEN sein. Mir ist bewusst, dass sich das nicht mit einem Ausschluss-System decken kann und auch die Versorgungsfrage nicht beantwortet. Mir reicht – bezüglich Duchamps Urinal-Beispiel aus „Benennung und Inhalt“, dem Beitrag vom 20. Juni – dass nicht ich und auch niemand anderes tatsächlich vollkommen ausschließen kann, dass es solche Ideen außerhalb des Kunstmarktes geben KANN.

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Ich möchte das ganzheitliche Denken, das ich nicht von Jugend an hatte, nicht mehr aufgeben, eher noch weiter trainieren. Gerade der künstlerische Bereich bietet sich dafür an, da er eine Sache behandelt, die so unmittelbar zum Menschen gehört: seine Freiheit im Denken, sein Ausdruck.

Wie könnte ich, wenn ich einmal damit angefangen habe, einzelne Bereiche vom ganzheitlichen Denken ausschließen? Wenn man zum Beispiel Lehren und Lernen auch vollkommen anders begreifen und aufziehen könnte (was man könnte!), hätte das Auswirkungen auch auf die Kunst.

Vielleicht so:

Meinetwegen würde irgendwann keiner mehr „Künstler“ genannt, weil jede Arbeit eines jeden gleichwertig nebeneinander stünde. Es gäbe keine „Berufskünstler“.

Unter anderem das, was heute in künstlerischer Hinsicht in Therapien gemacht wird, um Menschen in Heilungsprozessen zu unterstützen, wäre Teil eines wichtigen Schulfachs, um den Kontakt zu sich selbst nicht erst finden zu müssen, sondern stetig aufrechtzuerhalten mittels kreativer Ansätze.

(Ach ja: das Fach „Religion“ wäre komplett durch Ethik-Unterricht ersetzt, und Fächer solcher -humanistischer- Art könnten kombiniert unterrichtet werden, wie auch die Naturwissenschaften untereinander.)

Lehrer wären angesehen und würden anders ausgebildet (zum Beispiel nicht so allein gelassen bezüglich didaktischer und sozialer Fragen), und die Berufe, die die Schüler später in künstlerischer Hinsicht ergreifen könnten, wären wieder „Lehrer“, oder es ginge in Richtung „Therapie“. Es wäre niemand gezwungen, aber ganz viele würden gewohnt sein, sich künstlerisch auszudrücken. Ein diesbezüglicher Hype um etwas oder jemanden wäre geradezu lächerlich.

Für alle die, die die Schätze der Kunstwelt in Gefahr sähen: alles gäbe es noch, und es würden auch weiter neue Dinge entstehen (zum Beispiel Netzkunst, die es vor wenigen Jahrzehnten noch nicht gab, nicht geben konnte). Weil der Hype um Einzelnes wegfiele und es stattdessen viel, viel mehr gäbe, müsste man neue Wege ausprobieren, Kunst zu zeigen und erfahrbar zu machen, was tatsächlich das Museum, wie es jetzt noch existiert, in Frage stellte.

Auch andere Berufe wären von den Änderungen betroffen; die Arbeitszeit wäre reduziert; Menschen hätten mehr Zeit für ihre Selbstbestimmung, und Sozialdienste wären eine Art Pflichtprogramm, das, vielleicht kommunal verwaltet, jeder nach seinen Neigungen und Fähigkeiten in seine Woche einbinden müsste. Die Hilfe bei der Pflege Angehöriger würde enorm ausgebaut; es gäbe keine finanziellen Einbußen deswegen.

Berufe, die rund um die Uhr besetzt sein müssen (wie zum Beispiel die Feuerwehr), hätten dafür genügend Personal, um das neue verkürzte Zeitmanagement stemmen zu können.

Und alle hätten ein Auskommen.

Einige Schulfächer blieben ganz ähnlich wie schon jetzt, zum Beispiel Fremdsprachen oder die Naturwissenschaften. Wie gute Denker in ihren Gebieten am besten gefördert würden, läge sehr in der jeweiligen Natur des Fachgebietes. Auf diesen Gebieten hielte ich auch Studiengänge wie heute angeboten weiterhin für sinnvoll, nur würde ich mir alles praktischer wünschen, von der Schule an. (In meiner Schule würden die Menschen nicht mit zehn Jahren in trennende Systeme einsortiert und müssten auch nicht mit siebzehn „fertig“ sein.)

Mir fällt keine bessere Methode ein, Menschen zu zeigen, „was alles mit ihnen zu tun hat“. Und auch keine bessere, jenseits unterschiedlicher menschlicher Charaktere Missbrauch vorzubeugen, z. B. im Umgang mit künstlicher Intelligenz oder Forschungsergebnissen, die Dinge möglich machen, die vielleicht aber nicht wünschenswert sind und/oder stetige öffentliche Diskussion und Begleitung erfordern.

Die Disziplinen müssten miteinander ins Gespräch kommen und im Gespräch bleiben. Diesbezügliche Arroganz würde ebenfalls als lächerlich empfunden, könnte sich aber auch nicht mehr gut entwickeln.

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Meine Gedanken erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit; ich fühle mich, als hätte ich gerade erst konkret darüber nachzudenken begonnen, und ich habe selbstverständlich keine Beweise für die daraus folgende Entwicklung einer „besseren Welt“. Aber ich glaube es, weil, wenn Dinge davon im Kleinen umgesetzt werden (spielerisches Lernen, Kunsttherapie, guter Ethik-Unterricht), man bei den Menschen direkt eine Veränderung bemerkt. Warum sollte man gute Ideen, Dinge, die für den Menschen funktionieren, nicht lostreten und in einem stetigen Prozess weiterentwickeln?

Dass so vielen Menschen Kunst nicht nah ist (was so ist), halte ich für eine Fehlentwicklung unseres politischen und gesellschaftlichen Systems (neben vielen anderen Dingen).

Ich führe es unter anderem auch darauf zurück:

http://www.alphabet-film.com/ :

Mit erschreckender Deutlichkeit wird nun sichtbar, dass uns die Grenzen unseres Denkens von Kindheit an zu eng gesteckt wurden. Egal, welche Schule wir besucht haben, bewegen wir uns in Denkmustern, die aus der Frühzeit der Industrialisierung stammen, als es darum ging, die Menschen zu gut funktionierenden Rädchen einer arbeitsteiligen Produktionsgesellschaft auszubilden. Die Lehrinhalte haben sich seither stark verändert und die Schule ist auch kein Ort des autoritären Drills mehr. Doch die Fixierung auf normierte Standards beherrscht den Unterricht mehr denn je.“

In der sehenswerten Diskussionsrunde https://www.youtube.com/watch?v=lk98IRFTWNs , die zum Thema hat, ob der Mensch ein Feindbild braucht, spricht Rüdiger Lenz so ab ca. Stunde 2:20:… „das ganze Spektrum von Bildung“ an. „Wir brauchen Menschen, die an sich selbst reifen […] wir brauchen Menschen, die Gestalter werden.“

Ich kann mir nicht vorstellen, dass, wenn solche Gedanken in der Gesellschaft ehrlich ernst genommen würden, das keine enormen und vor allem guten Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens hätte…

und eben deswegen auch auf die Kunst.

 

diskussionsrunde.png

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Björk

Wenn man sich – wie die isländische Künstlerin Björk – immer wieder neu erfindet, braucht man ein Publikum, das diese Wandlungen mit geht. Ich glaube aber, dass ihre Fans genau das auch mögen und dass immer wieder neue Menschen sie entdecken, gerade weil sie so viele Facetten hat.

Für mich ist das unter anderem die Bestätigung, dass man vor solchen Veränderungen nicht nur keine Angst haben muss, sondern positiv im eigenen Fluss bleiben sollte und nachspüren, wohin es einen führt.

In der WDR-Dokumentation

http://www.ardmediathek.de/tv/WDR-DOK/Bj%C3%B6rk/WDR-Fernsehen/Video?bcastId=12877260&documentId=36100202

konnte ich Neues entdecken, aber Vieles hat mir auch gefehlt, besonders die Erwähnung ihres Schauspiel-Talents und des bei mir bis heute nachwirkenden Lars von Trier-Films „Dancer in the Dark“.

(Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=53vr9EiOH7g )

Selbstverständlich kann man alles auch nachlesen, also der (sicher unvollständigen!) Vollständigkeit halber:

https://de.wikipedia.org/wiki/Bj%C3%B6rk

Vor ein paar Jahren habe ich das Bedürfnis gehabt, in meine Portrait-Reihe von Persönlichkeiten, die mich stärker berühren als andere – wobei ich auch da weit entfernt von Vollständigkeit bin – Björk aufzunehmen.

Die Auseinandersetzung mit ihr lohnt sich!

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Buntstift, Öl-Pastellkreide und Acryl auf Skizzenpapier

DIN A 5 (nicht mehr zu haben)

extravaganz

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