… und noch ein Gedanke zum „Urteilen“:

„Der Grund dafür [dass es ein äußerst extravagantes Forschungsprojekt wäre, einen Gegenstand zu suchen, über den man mit einer wahren Aussage behaupten kann, er sei (das) alles] liegt darin, dass ein Gegenstand, der alle Eigenschaften hat, kriterienlos er selbst ist. Das Wort ‚Kriterium‘ stammt vom altgriechischen Verb ‚krinein‘, das ‚unterscheiden‘ und in der Philosophie auch ‚urteilen‘ bedeutet, ein Wortstamm, der sich auch hinter der ‚Krise‘ verbirgt. Kriterien entsprechen Unterschieden, die einem bestimmten Gegenstand oder Gegenstandsbereich angemessen sind. Wo es keine Kriterien gibt, gibt es keine bestimmten Gegenstände und damit nicht einmal unbestimmte Gegenstände. Denn auch unbestimmte oder relativ unbestimmte Gegenstände (wie etwa die Menge Reis, die man beim Abendessen serviert) sind kriteriell bestimmt und müssen sich irgendwie von anderen Gegenständen unterscheiden.“

Markus Gabriel: „Warum es die Welt nicht gibt“, Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2013

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Ich unterstütze den Dialoggedanken in der Kunst leidenschaftlich

Am häufigsten werde ich zu meiner Haltung gefragt, wie, auf welche Art und Weise ich mir diesen Dialog im kreativen Austausch wünsche, von dem bei mir so oft die Rede ist.

Viele verstehen es so, dass ich wünsche, z. B. von Menschen konkret auf eine meiner kreativen Arbeiten angesprochen zu werden, um dann mit ihnen über diese zu reden. Je nachdem, wie mir da begegnet würde, würde mich das aber sicher auch manchmal überfordern bzw. ich könnte das, was ich da in Form und Farbe ausgedrückt habe, überhaupt nicht adäquat „besprechen“.

Bekäme ich Fragen gestellt, könnte ich mich besser da heran tasten, was den anderen beim Betrachten meiner Arbeit vielleicht beschäftigt, was uns beide darüber evtl. zusammenbringt oder auch trennt und vielleicht auch noch, warum das vielleicht so ist… das machte es mir in jedem Fall leichter und brächte ein Gespräch in Gang, das im besten Sinne philosophisch zu nennen wäre; das weg geht von meiner Arbeit, aber von ihr ausgehend weitere Kreise im miteinander-Reden zieht; das zeigte, wie sehr die Rezeption einer kreativen Arbeit mit dem Rezipienten zu tun hat und erst das Wechselspiel mit dem Erschaffer einen Dialog anstoßen kann. Ich glaube, dass das die mir liebste Variante des realen miteinander-Redens ist.

Trotzdem fasse ich den Dialoggedanken viel weiter: ein möglicher Betrachter muss nicht unbedingt etwas sagen, nicht zu anderen, nicht zu mir – er muss mich nicht mal kennen.

Ich glaube daran, dass eine kreative Schöpfung in der Lage ist, einem Menschen auf der Suche einen Denk-, einen Antwortansatz „liefern“ zu können, der ihm den Impuls zu einer neuen Sicht- und dann vielleicht auch Handlungsweise gibt. Auch das ist Austausch. Und zudem glaube ich, dass wir alle uns im Leben ständig auf einer Suche befinden, auch, wenn wir nicht immer eine konkrete Sache oder einen Umstand benennen können, nach der oder dem wir suchen, die oder der uns bewusst ist.

Deshalb glaube ich, dass „Kunst“ in unserem Leben dazu gehört, für alle und egal wie, wo oder von wem erschaffen sie stattfindet. Sie ist der Beginn vieler unterschiedlicher Dialoge neben dem Austausch durch die Sprache (und manchmal trotz dem auch mittels Worten, ob in der Kunst „verarbeitet“ oder im darüber-Sprechen gebraucht). So viele Herangehensweisen der Menschen an andere Menschen, an Fragen, an Herausforderungen, an Probleme, einfach an alles, was den Menschen in ihren unterschiedlichen Leben widerfährt braucht ein breit gefächertes Angebot an Kreativen und Kreativem, denn man kann nie vorhersagen, was diesen neuen Gedanken- oder Gefühlsansatz bei wem auslöst; man kann nie vorhersagen, wer durch was berührt wird. Denn die Suche des Menschen wandelt sich ständig, wie auch dieser sich im Leben ständig entwickelt und verändert.

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