Die NachDenkSeiten über „fühlen“ und „mitnehmen“

Was hat dieser politische Beitrag, den man hier hören kann, mit Kunst zu tun?

Nun, zum einen geht es um Sprache, und Sprache war immer schon auch ein Mittel des künstlerischen Ausdrucks. Die Analyse von Marcus Klöckner macht anhand von Beispielen deutlich, dass Sprache – neben dem Wunsch nach Verständigung und dem Mittel zu ästhetischem Ausdruck – auch als Manipulationsmittel verwendet werden kann, schon immer wurde und wird.

Hier ist sozusagen das offene und wache Ohr gefragt:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=40414

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Zombie

http://www.sueddeutsche.de/kultur/tod-von-cranberries-saengerin-dolores-oriordan-es-bleibt-ein-lied-zum-weinen-schoen-1.3827182

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https://de.wikipedia.org/wiki/Zombie_(Lied)

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https://www.youtube.com/watch?v=o61N93V0IdM

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https://www.youtube.com/watch?v=zvdDjA_CTrw

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http://networking-media.de/musik/the-cranberries-something-else/

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Vielleicht noch mit „Linger“ und „Dreams“ – und Fans der Band „The Cranberries“ werden auch andere Stücke selbstverständlich kennen –, aber Dolores O’Riordan verbindet man besonders mit diesem einen Lied, „Zombie“. Es war der einzige Nr. 1-Hit der Band.

1994, als es erschien, musste es sich einreihen in die Song-Schlangen von Girl- und Boygroups, sich unvergleichlicherweise vergleichen lassen mit Musik von DJ Bobo, Whigfield oder Lucilectric, Nummern ohne tiefere Bedeutung. Hip-Hop gab’s auch noch in den 90ern und Grunge, der mehr und länger hätte Bedeutung haben können, wenn er sich nicht so auf Äußerlichkeiten hätte reduzieren, sich nicht hätte ver-hypen lassen.

„Zombie“ war anders. Es „griff ein konkretes Ereignis der jüngeren Geschichte auf: einen Bombenanschlag der IRA in der englischen Stadt Warrington im März 1993. Zwei Kinder starben, drei und zwölf Jahre alt“, und war damit hochpolitisch.

O’Riordan musste die Motivation zu Text und Musik höchstwahrscheinlich nicht lange suchen; als Irin fühlte sie augenscheinlich eine persönliche Betroffenheit, was das sinnlose Töten in ihrem Land anging. Trotzdem gehört doch eine gewisse künstlerische Haltung dazu, etwas so gegen jeden Trend zu machen. Kann sein, dass das Lied eingängig genug war, den Inhalt vergessen zu lassen; dass es „egal“ zu sein scheint, was die tolle Stimme da singt. Ich denke, dass genau dieser Inhalt Dolores O’Riordan es genau so hat singen lassen, mit Zorn und Trauer und Hilflosigkeit.

Ein beeindruckendes Lied, eine beeindruckende Künstlerpersönlichkeit, die zeigt, dass man zu jedem Zeitpunkt, ob in gerade angesagtem Stil oder eben anders, seine Stimme einbringen kann. Und eine politische Haltung, transformiert in Kunst, dieser nicht schadet – ganz im Gegenteil.

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cof

 

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„Die Sprache kann der letzte Hort der Freiheit sein“ 

http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=70095

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„Ansichten eines Anarchisten“

Die christlichen Kirchen in Deutschland haben im Nationalsozialismus versagt und sich schuldig gemacht; darunter leidet der gläubige Heinrich Böll.

Es ist geradezu ekelhaft, wie Widerständler als Gegenargument ins Feld geführt werden, die sich allerdings (nach Böll) ihrem Gewissen und nicht der Kirche gegenüber verpflichtet fühlen.

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„Ich hasse den Krieg […] er ist so völlig sinnlos.“

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Welche Rolle spielen die tragenden Säulen/wichtigen Köpfe der Gesellschaft nach dem 2. Weltkrieg? (Stichwort Funktions“eliten“; es sind nicht auf einmal alle demokratisch gestimmt…) 

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Böll stellt sich gegen Aufrüstung und Wiederbewaffnung, Kanzler Adenauer ist dafür; dieser argumentiert mit Freiheit, und die Kirchen unterstützen ihn, weil sie sich gegen den eher atheistischen Osten behaupten wollen. Es ist also für die Kirche eine Frage der Macht und nicht die einer ethisch korrekten Haltung.

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Die Kirchensteuer verrechtlicht das Verhältnis zur Religion, und Böll verurteilt auch das. Und er kritisiert die „sinnentleerten Rituale“ der Kirche.

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Dass Konsum zur Entsolidarisierung des Menschen führt, nahm in den Wirtschaftswunderjahren seinen Anfang, und diesbezügliche Warnungen wurden wahrscheinlich nur allzu gerne in den Wind geschlagen. Ich will nicht „heute“ sagen, aber durch die Zeit sieht man, was Konsum als „neue Gottheit“ angerichtet hat. Die Entsolidarisierung geht über einzelne Personen hinaus, ergreift ganze Länder und lässt die ganze Welt in ein immer stärkeres Ungleichgewicht kippen.

Wo die Ungleichheit, die soziale Ungerechtigkeit – Lebensentscheidungen in jungen Jahren können sich auch in reichen Ländern später als in diesem Sinne falsch herausstellen, selbst, wenn sie an sich nichts „Falsches“ haben (soziale Berufe: Alten- und KrankenpflegerInnen, Berufssparten, die sich verändern: Verlagswesen, Berg- und Autobau, Versicherungs- und Bankangestellte, um nur ein paar Beispiele zu nennen) – mit Händen zu greifen ist, haben Politiker, die eine totalitäre Haltung vertreten, wieder Chancen.

Bölls Warnung vor Totalitarismus ist hochaktuell; für mich ist wünschenswert, wenn man es als wichtige Warnung begreift und danach spricht und handelt; Stichwort (heutiger möglicher nötiger) Widerstand, der oft als übertrieben gehandelt und daher manchmal an Stellen vermieden wird, wo er hingehört. Als kontraproduktiv empfinde ich dabei allerdings, wenn Menschen sich in Gesprächen weder aussprechen lassen noch dem anderen zuhören; so ist die „rechte Ecke“, die es leider selbstverständlich gibt, ein gern genommener Sammelort auch für Menschen, die unbequeme Wahrheiten ansprechen. Die Kunst liegt darin, echte Fremden- gleich Menschenfeindlichkeit zu erkennen und davon zu unterscheiden. Je länger ein Gespräch dauert, je mehr Zeit man sich nimmt, desto klarer werden menschliche Grundhaltungen.

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„Die Sprache kann der letzte Hort der Freiheit sein“, sagt Heinrich Böll.

Ihm wird Terrorismusempathie unterstellt, weil er die Werte des Grundgesetzes auch auf Terroristen angewandt sehen will, dem Wort also für alle Menschen dieselbe Bedeutung zugesteht. Wie kann er es mit diesem Argument in Diskussionen schwer gehabt haben…? Wie argumentierten seine Gegner?

Vielleicht würde „ein Böll“ heute ganz gut tun, sagt Wolfgang Niedecken, und ich sage: selbstverständlich! Aber ich sage auch: wir hatten immer Mahner und haben sie; der letzte, der mir spontan einfällt und an den ich mich lebhaft erinnere, war Roger Willemsen. Man muss die Mahner nur sehen und hören, wenn sie da sind, und nicht jedes Mal das Gleiche beklagen, als wäre es neu.

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http://signaturen-magazin.de/heinrich-boell–die-sprache-als-hort-der-freiheit.html

Auszug aus einer Rede von 1958:

„Es mag Ihnen merkwürdig erscheinen, daß einer, der sich als leidenschaftlicher Liebhaber der Sprache bekannt hat, hier eine Rede hält, die nur düstere politische Prognosen zu enthalten scheint, aus Vergangenheit und Gegenwart Worte auswählt, die tödlich gewirkt haben oder tödlich wirken können, die Zukunft aus Worten beschwört; aber der politische Akzent solcher Beschwörungen und Erinnerungen, das Mahnende und Drohende, kommt aus dem Wissen, daß Politik mit Worten gemacht wird, daß es Worte sind, die den Menschen zum Gegenstand der Politik machen und ihn Geschichte erleiden lassen, Worte, die geredet, gedruckt werden, und es kommt aus dem Wissen, daß Meinungsbildung, Stimmungsmache sich immer des Wortes bedienen. Die Maschinen sind da: Presse, Rundfunk-Fernsehen, von freien Menschen bedient, bieten sie uns Harmloses an, beschränken sich aufs Kommerzielle, Werbung, Unterhaltung – aber nur eine geringe Drehung am Schalter der Macht, und wir würden erkennen, daß die Harmlosigkeit der Maschinen nur eine scheinbare ist.“

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Rainer Mausfeld: Wie Machteliten Meinung und Demokratie steuern: https://www.youtube.com/watch?v=LBndWYhld40

Philipp Möller: „Ohne Religion wäre die Welt besser dran“: https://www.youtube.com/watch?v=PV8tUv-6X8Q

Iris Radisch zu Roger Willemsens: „Wer wir waren“: http://www.zeit.de/2016/51/roger-willemsen-wer-wir-waren

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Kunst für Klima

Ein weiteres Beispiel für das breite Wirkungsfeld der Kunst, die sich nicht in um sich selbst kreisendem Blenden erschöpft: die Yes Men auf der Weltklimakonferenz in Bonn:

http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/westart/video-david-gegen-goliath-das-aktivisten-duo-yes-men-beim-klimagipfel-100.html

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http://theyesmen.org/

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cof

 

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Den Ursprung aller Besserung wecken: die Hoffnung

Das sagte Max Moor in der Anmoderation zum ttt-Beitrag vom 29.10.2017 über den Regisseur Milo Rau.

Prädikat: sehens- und auseinandersetzenswert.

Wenn Kunst auf Leben trifft:

http://www.ardmediathek.de/tv/ttt-titel-thesen-temperamente/Das-Kongo-Tribunal/Das-Erste/Video?bcastId=431902&documentId=47256386

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Gegen „Die Vergeblichkeit von allem“

Arundhati Roy – Das Ministerium des äußersten Glücks

Die etwas andere Rezension

 

Das Ministerium des äußersten Glücks wollte ich lesen, seit ich wusste, dass es erscheinen würde. Ich habe Arundhati Roys Roman-Debut Der Gott der kleinen Dinge vor 20 Jahren verschlungen und nenne die Geschichte immer noch eine der traurigsten und schönsten, die ich jemals gelesen habe.

 

Einräumen muss ich, dass, wenn ich mir Das Ministerium… nicht als Hörbuch zu Gemüte führen, ich bei der Lektüre wohl scheitern würde; zu vielschichtig sind die Ebenen, zu verwirrend die vielen Orts- und Personennamen. Gabriele Blum, die das Hörbuch eingesprochen hat, hilft mit ihrer ruhigen Stimme und ihren Betonungen sehr, das Beschriebene nachzuvollziehen.

 

Die „Süddeutsche“ schreibt: „Roy ist wie eine Kartografin, die Kaschmirs Geschichte im Maßstab 1:1 darstellen will, scheitert und es dann widerwillig mit 1:10 versucht. Sie häuft Charaktere und Orte an, historische und erfundene Ereignisse, Nachrichten und Halluzinationen, je mehr, desto besser. Doch ihr mimetischer Versuch geht nicht auf. Chaos lässt sich nicht durch literarisches Chaos wiedergeben – und Gewalt nicht durch literarische Aggression anprangern.“

 

ZEIT ONLINE stößt in ein ähnliches Horn: „Doch Arundhati Roy ist es mit dem Glücksthema, mit dem Glücksverlangen vollkommen ernst. Die Schwächen ihres Romans und auch ihres Aktivistinnentums hängen genau damit zusammen: Ihr Bewusstsein der permanenten, brutalen Glücksverweigerung in Indien und sonst auf der Welt ist so scharf, dass die Dokumentation von Unmenschlichkeiten den Erzählfluss verstopft und die moralische Empörung die politische Analyse überwältigt.“ Immerhin untertitelt der Autor des Artikels „Die Chronistin des Grauens“, Jan Roß, mit „Was für ein misslungenes und gleichzeitig großartiges Buch!“ und schließt mit folgenden Worten:

 

„Indien, mit seinem Chaos und seinen Widersprüchen, mit seiner abenteuerlichen Spannweite zwischen quasimittelalterlichem Landleben und hypermoderner IT-Ökonomie, bedeutet die ultimative Überforderung durch eine bedrängende Realität: Die Versuchung, vor dem Angriff der Tatsachen in Deckung zu gehen, sich aus dem unverdaulichen Ganzen bequeme Teilwahrheiten herauszusuchen, ist fast übermächtig. Aber man kennt sie auch außerhalb Indiens. Dem tritt Arundhati Roy mit ihrem Projekt einer schutz- und filterlosen Wahrnehmung entgegen, die vom Antiterrorkampf des frühen 21. Jahrhunderts bis zu den Teeblättern auf der Schnauze eines Hundes alles umfasst. Das Ministerium des äußersten Glücks ist eine Lektion in der Kunst, die Augen offen zu halten.“

 

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Eigentlich wollte ich das letzte Zitat ans Ende meines Beitrags stellen; nun befindet es sich mittendrin. Eigentlich wollte ich persönlicher beginnen; nun befindet sich der „persönliche“ Part ebenfalls mittendrin. Eigentlich wollte ich mit dem Beitrag warten, bis ich zuende gehört habe; nun drängt mich das Viele bereits Gesammelte: Zitate, notierte Gedanken, Gefühle und das Telefonat mit einer Freundin über „die Vergeblichkeit von allem“ sofort an die Tasten.

 

Ich habe Schwierigkeiten, allzu persönlich zu werden in meinen Beiträgen. Ich halte es oft für unnötig. Normalerweise mache ich es so, dass ich mit Stichworten arbeite, die ich mir zu einem Thema, zu einem entstehenden Beitrag notiere. In diesen befindet sich jede Menge auch persönlicher – treffender wäre fast der Begriff „privater“ – Gedanken; persönlich spreche und schreibe ich im Grunde immer. Aber meine Definition von „persönlich“ genügt vielen wohl nicht.

 

Durch das fehlende Private bediene ich kaum Voyeurismus, nicht die Neugier, die Viele erst Blogs verfolgen lässt. Das, was ich mir selbst auf die Fahne sowohl meines Netz- als auch meines „real life“-“Auftritts“ geschrieben habe, für friedliche Offenheit dem Mitmenschen gegenüber zu werben, ist unspektakulär. Es holt kaum jemanden hinter dem oft zitierten Ofen, sprich: aus seiner Komfortzone, hervor bzw. trifft mit meinem Interesse das seine. Ich werde kaum gehört, kaum gelesen, und wenn, erfahre ich es oft nicht. Mir würde es schon genügen, wenn jemand meiner MitleserInnen, der ähnlich empfindet und denkt, mal hinterlassen würde: du bist nicht allein… Stattdessen kommt anscheinend kaum jemand über meine ersten Absätze hinaus, und wenn, dann erlebte ich manchmal sogar Anfeindungen als Reaktion. Ich gebe zu: auch diesmal ist das „Persönlichere“ ein bisschen schwerer zu erreichen, weil der Beitrag nicht gleich damit beginnt. Aber es ist nicht versteckt, und ich habe keine Angst vor einer wie auch immer gearteten Reaktion, wenngleich ich mir natürlich respektvolle wünsche und nur auf solche antworten würde.

 

Ich liebe es, Dinge und Dinge, Dinge und Menschen und Menschen und Menschen miteinander zu verbinden, auch literarisch; das wird oft als Vergleich missverstanden. So vergleiche ich mich nicht mit Arundhati Roy, wenn ich empfinde und ausspreche, dass auch sie bestimmt Gleichgesinnte sucht, sowohl als Schriftstellerin als auch als Aktivistin – wie gern würde ich mit ihr darüber reden, um so viel lieber, als spekulierend zu schreiben! Sie fühlt sich nicht allein, wie sie im NDR-Interview sagt, aber wie geht sie wohl damit um, mit der Hoffnungslosigkeit durch die Jahrhunderte…? Im Gespräch mit Cornelia Zetzsche sagt sie: „Was geschieht mit einer Gesellschaft, die solche Dinge zulässt?“ Sie wird sich vielleicht manches Mal auch fragen: WARUM lassen Gesellschaften immer wieder zu, was Menschen einander an Schlechtem, an Bösem antun, warum lassen die einzelnen MENSCHEN es zu?

 

Meine Freundin tröstet mich am Telefon mit einem weisen Rat, aufbauend auf das, was ich sowieso schon so sehe: Gutes und Schlechtes geschieht gleichzeitig, immerzu. Ich möchte doch versuchen, nach dem Übergeordneten zu suchen, danach, was das Gute und das Schlechte einschließt. Ist es wie in der Natur? Grausamkeiten geschehen, und das bewahrt das Gleichgewicht…?

 

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„Dann kam die Teilung. Gottes Halsschlagader platzte auf die neue Grenze zwischen Indien und Pakistan, und eine Million Menschen starben an Hass. Nachbarn gingen aufeinander los, als hätten sie sich nicht gekannt, sich nie gegenseitig zu Hochzeiten eingeladen und nie die Lieder der anderen gesungen.“ [Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks; Interpunktion nach Gehör]

 

„Auf ihrem Banner stand: ‚Die Geschichte Kaschmirs: Tot: 68.000, Verschwunden: 10.000. Democracy or Demon-crazy?‘ Keine Fernsehkamera filmte das Banner, nicht einmal versehentlich. Die meisten, die sich für ‚Indiens 2. Freiheitskampf‘ engagierten, empfanden nichts weniger als Empörung über die Vorstellung von Freiheit für Kaschmir und die Unverfrorenheit der Frauen. Manche Mütter waren – wie manche Opfer des Gasaustritts in Bhopal – etwas erschöpft; sie hatten ihre Geschichte auf zahllosen Treffen und Tribunalen im internationalen Supermarkt des Leids erzählt, gemeinsam mit den Opfern anderer Kriege in anderen Ländern. Sie hatten öffentlich und oft geweint, und es hatte nichts genützt.“ [Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks; Interpunktion nach Gehör]

 

„Ich hastete nach Hause und wartete auf den Schock über das, was ich mit angesehen hatte [einen brutalen Lynchmord]. Seltsamerweise trat er nie ein. Der einzige Schock, den ich verspürte, war der Schock über meinen Gleichmut. Die Dummheit, die Vergeblichkeit von allem widerte mich an, aber irgendwie war ich nicht geschockt. Möglicherweise hatte meine Vertrautheit mit der blutrünstigen Geschichte dieser Stadt, in der ich aufgewachsen war, etwas damit zu tun. Es war, als wäre das Ungeheuer, dessen Anwesenheit wir in Indien ständig und intensiv spüren, plötzlich an die Oberfläche gekrochen, hätte aus tiefster Kehle geknurrt und sich genau so verhalten, wie wir es von ihm erwarteten. Nachdem es seinen Appetit gesättigt hatte, tauchte es wieder ab in seinen unterirdischen Schlupfwinkel, und die Normalität schloss sich erneut darüber. Wahnsinnige Mörder zogen ihre Giftzähne ein und kehrten zu ihren täglichen Aufgaben zurück, als Angestellte, Schneider, Klempner, Schreiner, Verkäufer,… das Leben ging weiter wie zuvor.“ [Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks; Interpunktion nach Gehör]

 

„Ihr Problem ist nicht Konfusion, nicht wirklich. Es ist eher eine schreckliche Klarheit, die außerhalb der Sprache der modernen Geopolitik existiert. Alle Protagonisten aller Konfliktparteien […] haben diese Verwerfungslinie gnadenlos ausgenutzt. Das ist einem perfekten Krieg dienlich, einem Krieg, der weder gewonnen noch verloren werden kann, einem Krieg ohne Ende.“ [Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks; Interpunktion nach Gehör]

 

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„Der Kapitalismus ist ein Raubtier, und wir müssen es gemeinsam jetzt bändigen.“ Milo Rau

 

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Auch Kritiker eines Systems befinden sich innerhalb dieses Systems.

 

Arundhati Roy hat später zuvor gewonnene Preise zurück gegeben, aber durch den Gewinn und die daraus resultierende Bekanntheit konnte sie erst wirksam werden.

 

Die Kritik an den Kritikern ist in meinen Ohren oft unberechtigt. Wie soll es für Systemkritiker denn möglich sein, zu agieren, wie machten sie es denn „richtig“? Es geht nur innerhalb der Welt, in der sie, wir alle, leben.

 

Die Kritik des ZEIT-Journalisten an Arundhati Roy, die politische Analyse käme im Ministerium… gegenüber der moralischen Empörung zu kurz, ist einerseits vielleicht gerechtfertigt, aber gibt es nicht schon genug Analysen dieser Art? Das Aufzeigen persönlicher Schicksale, das mitfühlen-Lassen ist sicher doch genau so gewollt!

Die Analysen sind da, die Erkenntnisse sind alle da. Es dürften nicht so viele die Ungerechtigkeiten der Welt hinnehmen, wenn man die Verantwortung der Regierungen ernst nimmt. (Und nimmt man sie nicht ernst, was Mode ist in manchen Gesprächen, was bedeutet dann diese – oft als coole Abgeklärtheit missverstandene – Lethargie?)

 

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Ich kann nicht hinnehmen, was Menschen einander an Grausamkeiten antun, ohne mich dazu zu positionieren. Obwohl so viele sagen, dass sich-Positionieren einem ja erstmal nichts abverlange, wundere ich mich, warum es in meinem Umfeld noch so wenige tun, zumal sie auch nichts darüber hinaus tun. Kann man sich nicht einfach einmal oder erstmal bestärken und damit das „Wir sind Viele“-Gefühl stärken, aus dem erst Widerstand erwachsen kann, Widerstand gegen Feindbilder, gegen Kriegshetze? Wem es mit friedlichem Zusammenschluss ernst ist, braucht nicht unbedingt einen Verein oder gar eine Partei, damit die Idee wirksam wird und Kreise zieht, dessen bin ich mir sicher. Das Problem ist, dass die Menschen es nicht voneinander wissen, dass sie offensiv für Frieden eintreten oder es in Zukunft tun wollen. Und kann man es von jemandem wissen oder weiß es gar, wird für diesen Menschen kaum oder gar nicht geworben.

 

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Unsere Vernetzung ist nicht die Lösung, sondern ein Anfang. Ich möchte die Menschen kennenlernen, vielleicht nur ein kleines ‚hallo‘ bekommen von dem einen oder der anderen, die mit mir auf demselben Weg sind. Ist das zu viel verlangt?
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https://www.br.de/themen/kultur/arundhati-roy-interview-ministerium-des-gluecks-100.html (Cornelia Zetzsche im Gespräch mit Arundhati Roy; auch zum Hören)

http://www.ndr.de/kultur/buch/Arundhati-Roy-Das-Ministerium-des-aeussersten-Gluecks,arundhatiroy106.html

(mit kleinem Film-Portrait der Autorin)

http://www.zeit.de/2017/32/arundhati-roy-das-ministerium-des-aeussersten-gluecks

https://www.femundo.de/urlaub-buch-film/das-ministerium-des-aeussersten-gluecks/

https://www.youtube.com/watch?v=dnXqJWt8ha8 (Gabriele Blum, die das Hörbuch eingelesen hat, im Interview)

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Verändern wir unseren Deutungsrahmen

https://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=68916

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Die sehr sehenswerte Diskussion beschäftigte sich mit dem Framing-Effekt, der bedeutet, dass unterschiedliche Formulierungen trotz gleichen Inhalts den Empfänger unterschiedlich beeinflussen. https://de.wikipedia.org/wiki/Framing-Effekt
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Was mir besonders gefiel: dass es völlig unstrittig – sozusagen die Grundlage der Diskussion überhaupt – war, dass Sprache eine immense Bedeutung hat. In dem Zusammenhang fällt mir die Gender-Theorie als gutes Beispiel ein: die rechtliche Gleichstellung des Menschen ist immer noch nicht geschafft, und Bemühungen, mit Sprache diesbezüglich sensibel umzugehen, werden trotzdem häufig torpediert. Zwar treiben die Bemühungen manchmal auch merkwürdige Blüten, aber diese machen die Unternehmung als solche ja nicht falsch.

„Offen in der Beobachtung zu sein“ und zu bleiben war für mich ein wichtiges Zwischenergebnis der Sendung. Denn obwohl der Anspruch eigentlich klar ist oder sein sollte, wird er häufig nicht gelebt; im Gegenteil haben es Beobachter und Aussprecher des Beobachteten in Gesprächen oft schwer. Die Beteiligten der ‚scobel‘-Diskussion rangen denn auch miteinander, warum das so ist. Soziologe Dirk Baecker sprach den offensichtlichen Zeitmangel der Menschen an, worauf die Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling zusammen mit Gert Scobel zurück fragte, warum denn keine Zeit für diese Sorgfalt sei. Wehling schlug vor, dass wir das „politische Denken entschleunigen“ sollten – das halte ich für unser Denken grundsätzlich für einen guten Ansatz! Wenn wir uns Zeit nehmen (nähmen!), Metaphern und Frames zu analysieren und das gesellschaftsfähig, mehrheitsfähig wäre, würden wir den Inhalten der Dinge einen großen Gefallen tun. Es wäre nicht mehr so leicht, andere sittenwidrig zu manipulieren. Es wäre den Gegnern notwendiger gesellschaftlicher Veränderungen nicht mehr so leicht gemacht, Nebenschauplätze aufzumachen und vom eigentlich Wichtigen abzulenken.

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„Offen in der Beobachtung zu sein“, auch und gerade sich selbst gegenüber, manchmal klischeehaft benutzten Metaphern gegenüber, ist auch das Grundthema der Kunst. Dabei dazu zu stehen, wenn das Klischee einfach trifft, hat mit Auseinandersetzung zu tun, WARUM es trifft. Es geht nicht um Ge- oder Verbote. Es geht um Auseinandersetzung. Findet die statt, ist alles erlaubt, was einem anderen nicht seelisch oder körperlich bewusst schadet. Und schadet es unbewusst: dafür gibt es den Dialog. Und ist jemand außerstande für Dialog: dafür gibt es den mitfühlenden Mitmenschen. „Offen in der Beobachtung zu sein“, das beginnt also mit ihm.

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