Beuys, Teil 3

Max Bense will von Beuys wissen, ob es für ihn auch Kunstwerke gäbe, die nicht politisch motiviert sind, und die aber genauso Kunstwerke seien. Beuys schließt – wie zu erwarten war, wenn man vorher zugehört hat – jede menschliche Produktion, also auch alle entstandenen und entstehenden Kunstwerke, ein, da der Mensch seines Erachtens nicht unpolitisch sein kann. Alles „macht“ etwas, alles macht etwas aus. Ich pflichte ihm absolut bei. Bense gibt die Frage weiter an Max Bill; dieser antwortet: „Ich bin der Auffassung, dass jeder Mensch politisch denken soll, sich politisch engagieren soll. Ob er sich als Künstler, wenn er das ist, politisch engagieren soll, das ist eine ganz andere Frage. Ich bin der Auffassung, dass Kunst genau so gut wie Physik oder irgendetwas anderes etwas ist, was man […] erarbeitet, ein Problem weiterentwickelt […]“

Arnold Gehlen, dem nach einigem Hin und Her, u. a. gekennzeichnet durch Wiederholungen das Wort erteilt wird: „Es gibt kein ungeeigneteres Instrument zur Revolution als die Kunst“, weil eine eindeutige Revolution durch Kunst kunstgeschichtlich nicht nachgewiesen worden sei. Wirkmächtiger sei da Literatur, „Brecht zum Beispiel.“ Ja, denke ich, die Literatur Brechts ist vielleicht konkreter als manche Bildende Kunst, und genau so wie Beuys‘ aktuell bis in die heutige Zeit, aber wo sind die Erkenntnisse und ihre Weitergabe bei dem einen wirkmächtiger als beim anderen? Sind nicht bisher alle, die versucht haben, soziale Missstände für die, die ihr Opfer sind, zu verbessern, gescheitert an den herrschenden Geld- und Machtverhältnissen? Nein, ich glaube nicht, dass das irgendwann ausgestanden sein wird; jede Generation muss erneut für Freiheit und Gleichwertigkeit ihrer Spezies eintreten.

Gehlen sagt, es fiele ihm schwer, in der Gesellschaft ein „drängendes Bedürfnis nach Kunst“ zu entdecken; ja, das glaube ich für damals so, wie ich es heute empfinde. In Gesellschaften, in denen zunehmend ein nicht-kommerzieller künstlerischer, ein nicht-kommerzieller kreativer Ausdruck verdrängt wird zugunsten des Geldwettbewerbs, wird dieses „drängende Bedürfnis nach Kunst“ niemals für eine sicht- und hörbare Mehrheit gelten. Und die Minderheit, die es verspürt, lebt ihr Bedürfnis in Nischen. Ihr Bemühen, freie Kunst als einen wichtigen und schützenswerten Bestandteil unseres Menschseins zu verankern, wird lächerlich oder gar zunichte gemacht, wenn die künstlerische Arbeit nicht augenfällig „schön“ ist oder sich nicht sofort erschließt.

Bei Beuys läuft der Schweiß mittlerweile in Strömen. „Instinktiv weiß jeder Mensch, dass ein Mensch nicht lebensfähig ist ohne Kunst […] dass also ein Mensch ohne eine künstlerische Erziehung wahrscheinlich verdorren würde […] von welchen Kräften wird er [der Mensch] ernährt? […]“ Durch diese geistige Nahrung gestärkt, würde der Mensch „besser rationalistisch denken können“, was nach ein paar weiteren Sätzen verdienten Applaus gibt. Selbstverständlich ist da die Beweisführung schwierig! Ein Beweis ist kurz gedacht und ohne langzeitige und kritische Betrachtung der Gesellschaftsentwicklung gar nicht zu erbringen! Der Kunst und dem Menschen wird kein Gefallen getan, indem das zwischendurch immer und immer wieder gefordert wird.

Das Podium kommt langsam zur Schlussfolgerung, dass Kunst und Antikunst keine Gegensätze seien und man den Begriff der Antikunst eigentlich streichen könnte – ich klatsche innerlich Beifall.

Beuys möchte den Begriff noch nicht so schnell streichen, weil viele noch nicht begriffen hätten, „dass sie in einer Kultur leben, die nicht abgeschlossen ist; dass wir uns in eine Kultur hineinbegeben werden, die ganz andere Fragen zur Diskussion stellt, zum Beispiel […] dass man nicht nur physisch die Mondfahrt begeht“, sondern man auch psychisch die Bewegung, die sich körperlich nach außen vollzieht, nachvollziehen müsse. Für mich ein ganz wunderbarer Vergleich, gerade wo im Augenblick Alexander Gersts im Juni anstehende ‚Horizon‘-Mission zur Internationalen Raumstation in aller Nachrichten-Munde ist… und die Erkenntnisse derer, die die Erde mit Abstand betrachten, wieder kein Umdenken im Beuys’schen Sinne auslösen werden…

„Ohne Kunst verarmt die Menschheit als Ganzes“, sagt auch Max Bill. Er geht davon aus, dass man sich nicht entscheiden könne, ob man Kunst konsumiert oder nicht, sondern dass der Mensch es ganz selbstverständlich, wenn auch manchmal unbewusst tut. Das kann ich teilen. Dann stellt auch er allerdings die Qualitätsfrage mit dem guten Hinweis, dass man sich darüber „sehr schlecht unterhalten“ könne, „weil wir einfach diese Qualitätsmaßstäbe nicht ohne Weiteres anlegen können.“ Man müsse den Künstlern quasi vertrauen, dass sie aufrichtig, „aus einem Verantwortungsbewusstsein heraus“ arbeiteten, „dann wird es wohl wirken.“

Max Bense ist „noch nicht soweit zu akzeptieren, dass es eine Kunst lediglich als ihren Prozess gibt“, er will die Arbeiten, will Ergebnisse sehen und diese als solche bewerten. Kunst als Produkt oder als Prozess – ob es so oder so zu betrachten ist, verdichtet Wieland Schmied als Frage. Dadurch, dass die Kunst immer offenere Werkkunst geworden sei, die Werke unabgeschlossen geworden seien, wäre dadurch die Rolle des Betrachters gewachsen; er würde immer mehr einbezogen. Das sei vielleicht, anders als Arnold Gehlen sagt, kein „Spiel“, sondern der Versuch, „dass Kunstwerke geschaffen werden […] die erst, wenn ein Betrachter auftritt, alle ihre Qualitäten enthüllen können“. Jawohl; genau so empfinde ich es.

„An welchem Punkt entsteht die Imagination und wodurch entsteht sie?“ fragt Beuys. Ist der Mensch größer als die irdischen Verhältnisse, die ihn umgeben, kann er weiter, kann er über sich hinaus denken? Die Kunst stelle die erkenntnistheoretischen Fragen, die die Wissenschaft nicht stelle, empfindet Beuys. „Um etwas wirklich aussagen zu können über den Menschen – erst dann kann man wissen, wie soll man einen Menschen erziehen. Soll man einen Menschen […] nach den politischen praktischen Notwendigkeiten erziehen, die die Politiker festlegen, ja? So wird es doch heute wohl gemacht im Großen und Ganzen! Warum haben wir kein freies Schulwesen? Die Politiker glauben heute festlegen zu können, was der Mensch braucht, um erzogen zu werden.“

Der Widerspruch von Max Bill, Beuys glaube es also „besser zu wissen“ und dessen Ausruf, dass „in diesem Gespräch alles doppelt gesagt“ würde zeigen langsam die Ungeduld, die es mit sich bringen kann, wenn Positionen grundlegend unterschiedlich sind. „Ich habe nicht gesagt, die Politiker sind ‚nichts wert‘; so einfach habe ich es mir wieder nicht gemacht. […] Ich habe eingangs gesagt, wenn man nach dem politischen und revolutionären Programm gefragt wird, handelt es sich um Selbstbestimmung. Um Selbstbestimmung, zu jedem einzelnen Punkt! Es handelt sich nicht darum, dass irgendeine revolutionäre Gruppe […] wieder eine Regierung bildet; das ist doch das Dilemma, dass wir immer Regierungen bilden wollen!“ Bei „Es darf gar keine Regierung mehr geben!“ folgt der erwartete Protestaufschrei aus dem Publikum; mir wird immer klarer, warum Joseph Beuys damals von der eigenen Partei fallen gelassen wurde. Klar zu radikal, aber auch zu radikal klar seine Haltung der eigenen Spezies gegenüber… mir fällt ein Wort ein: unbestechlich.

„Der Mensch ist soweit, sich heute selbst zu verwalten; der Mensch ist soweit, sich selbst zu bestimmen.“ Beuys möchte die Verhältnisse so vieler Menschen nicht durch eine Minderheit bestimmt wissen, die, einmal gewählt, sich weder den Bürgern gegenüber verantworten muss noch schnell wieder abgewählt werden kann.

Max Bill schätzt das eine „Gebiet, auf dem wir wirklich die Freiheit haben, […] und das ist das Gebiet der Kunst.“ Es wird zunehmend deutlich, dass Beuys‘ Gegner – und sicher nicht nur die am Tisch – den Gedanken, dass menschliche Disziplinen nicht zu trennen sind, grundsätzlich ablehnen und sich das Gespräch daher im Kreis dreht. Selbst, wo man aufeinander eingehen kann, sich beipflichten kann, bleibt der gravierende Unterschied in der grundsätzlichen Haltung dem menschlichen Zusammenleben gegenüber: „nur“ geführt von einigen Wenigen, die selten aus hehren Gründen und mit hehren Zielen an die Weichenhebel gelangt sind oder sich mit allem, was man denkt, sagt und tut verantwortungsvoll einbringen als genau so gestaltendes Gesellschaftsmitglied wie jedes offiziell gewählte.

Joseph Beuys stellt als Künstler die Grundsatzfrage nach einem für alle funktionierenden Gesellschaftssystem, „um auf der Welt bessere Verhältnisse zu erarbeiten.“ Dabei sieht er den Menschen als zwar individuelles, aber eben auch Gemeinschaftswesen in ständiger Verhandlung mit den umgebenden Mitmenschen: „Das ist mein Vorschlag; wie stehst du dazu?“

Er spricht beispielhaft die Notstandsgesetze an, die die Grundrechte aushebeln; der Bürger lässt es geschehen. „Er muss doch allmählich erkennen, dass er sich selbst bestimmen kann, dass er also das, was im Grundgesetz steht, auch anwenden kann. […] Er muss allerdings auch wissen, dass er Gleichberechtigung praktizieren muss, dass also nicht eine Revolution sein darf, die sozusagen wieder eine Minderheit zum Zuge kommen lässt, und die Besiegten dann sozusagen an die Wand stellt, wegputzt, sondern dass Gleichberechtigung herrscht für jede Meinung, und das muss sich bewähren.“

Als nach anderthalb Stunden die Gesprächsrunde zum Ende kommt, fragt Beuys: „Soll das Publikum sich nicht an der Diskussion beteiligen?“ Aber die Zeit ist um; Max Bill murmelt mit leicht verschmitztem Gesicht etwas von „Licht aus, Scheinwerfer aus“. „Sollen wir nicht Rücksicht nehmen auf Menschen, die sich melden aus dem Publikum und etwas zu sagen haben?“ fragt Beuys erneut.

Es folgt eine Überblendung, durch die man nicht sieht, ob die Publikumsfragen gehört wurden; Wieland Schmied schließt die Diskussionsrunde.

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Andres Veiel zeigt den Künstler in seiner mit Hilfe unzähliger Bilder montierten „Beuys“-Dokumentation geprägt von Natur- und Kriegserlebnissen, wobei ich es entgegen einer ZEIT ONLINE-Rezension aus dem vergangenen Jahr tatsächlich unerheblich finde, ob, wie viel oder was der Kriegsheimkehrer erfunden hat – er musste Kriegserlebnisse verdauen. Ob alles eine „Lebenslüge“ war, weil er Hitlerjunge war, wie es andernorts heißt… ich wage kein Urteil, ebenso wenig darüber, warum jemand, der Kriegsgräuel gesehen hat, später nicht darüber erzählt. Joseph Beuys hing Rudolf Steiner an, heißt es, und Rudolf Steiner war einer, an dem sich die Geister schieden. Ich weiß zu wenig über beide, um da eindeutig eine völkische Gesinnung zu diagnostizieren (die ich ablehnen würde). Ich kann mir aber vorstellen, dass einiges an menschlich nachvollziehbaren Anregungen so von Steiner zu Beuys geflossen ist, wie jetzt von Beuys zu mir. Ob der Künstler ein guter oder schlechter Pädagoge war – ich kann es nicht sagen, genau so wenig, wie der „Mythos Beuys“ entstanden ist; warum ihm einige geradezu jüngerhaft folgten, wie es immer wieder heißt.

Der Film zeigt einen Menschen, durchlässig und beinahe durchsichtig, eine „offene Wunde“. Rhea Thönges-Stringaris, eine mit Beuys befreundet gewesene deutsch-griechische Kunsthistorikerin, sagt an einer Stelle, wie vernünftig Beuys ihr sofort erschienen wäre: „[…] der erste vernünftige Mensch, den ich überhaupt treffe […] auf den kannst du dich total verlassen.“

Vielleicht ist die angestrebte Durchlässigkeit der Disziplinen das, was Joseph Beuys ihr so vernünftig erscheinen ließ, und vielleicht haben seine Gegner, die das als „Verwässerung“ empfunden haben und empfinden – der Begriff muss gar nicht negativ sein; Adrienne Goehler nennt ihr 2006 erschienenes Buch zum gleichen Thema „Verflüssigungen“ – nur noch nicht das schon damals geltende Gebot der Stunde begriffen: Zusammenhalt und Mitgestaltung. Das politische System der Parteien-Demokratie halte ich mit Beuys für überholt; es zeigt sich jetzt schon jahrzehntelang, wie die Gesellschaften länderübergreifend mit neoliberaler Grundrichtung in Führung und Teilen der Bevölkerung wegdriften von der Idee, es für alle immer besser zu gestalten. Das, was unsere Vorfahren erwirtschaftet und errungen haben kommt weder in Produktionsgütern noch Geldmitteln all ihren Nachfahren zugute, aber das scheint die Meisten nicht zu stören. Es geht sogar so weit, dass schon diejenigen als die mit der exotischen Meinung gelten, die das immer weiter fortschreitende abgehängt-Sein so vieler Menschen nicht als vollkommen natürliche Entwicklung sehen, weil, so das Gegenargument „es immer welchen schlechter gehen muss und eine totale Gleichberechtigung aller Menschen nie zu erreichen“ sei. Es wird aber auch nicht genug für tatsächliche Aufklärung getan, weil tatsächliche Bürgermündigkeit von den Herrschenden offensichtlich nicht gewollt ist. In den Schulen würden nicht mehr die Geschichtsbücher gewälzt, von denen geschrieben, die die Kriege gewonnen haben, sondern es würde neben dem, was in Erinnerung bleiben muss, sehr konkret die heutige Weltpolitik angesprochen, deren Teil unser Land ist. Die Rolle der Medien, hierzulande größtenteils durch nur wenige reiche Familien vertreten, die der Regierung mindestens nahe stehen, hätte eine sehr viel größere Betrachtung nötig, als es offensichtlich der Fall ist; kein Lehrer dürfte irgendjemanden, der zur Aufklärung beitragen möchte, als „VerschwörungstheoretikerIn“ abtun, sondern müsste die unterschiedlichen Ansichten wertfrei diskutieren und die heranwachsenden Gesellschaftsverantwortlichen zum selbst-Denken und sich-Einbringen animieren. Stattdessen wird offensichtlich gerne hingenommen, dass große Teile der Bevölkerung scheinbar auch kein Interesse an einer für sie positiven Veränderung haben – und/oder den Glauben an ihre Wirkmächtigkeit verloren haben.

Es heißt immer, es ginge nicht „von jetzt auf gleich“. Aber wie viele Anläufe sind schon gemacht und verworfen, verraten, verkauft worden? Die Grünen, die Beuys mitbegründet hat, haben sich und ihre Wähler verraten, indem sie von der Friedenspolitik und in Umweltfragen nicht nur abgewichen sind, sondern sogar die Kehrtwende vollzogen haben. Ich bezeichne diese Partei als die für mich bislang größte politische Enttäuschung, nachdem sie so hoffnungstiftend begonnen hat.

Ja, ich verstehe Politikverdrossenheit gut. Aber sie ist nicht die Lösung für eine Gesellschaft, egal, ob man daran glaubt, dass Wahlen etwas verändern oder nicht. Es beginnt bei der Auseinandersetzung jedes Einzelnen und endet nicht bei der Stimmabgabe alle paar Jahre.

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Ich würde selbst nicht – weder bei der Kunst von Joseph Beuys noch der eines anderen – von Antikunst sprechen, genau so wenig von Provokation. Zwar „darf“ sich jedeR selbst das Etikett anhängen, das er oder sie treffend findet, aber ich deute die Begriffe anders als er. Beuys provoziert mich nicht, er stößt mich an, fordert und fördert das Hinterfragen. Das, was er Antikunst nennt, ist einfach nur Kunst in der damalig neuen erweiterten Form. Der Begriff „Antikunst“ schafft eine Trennung, die nicht im Beuys’schen Sinne gewesen sein kann, da sie eben – sie hat’s im Wort – gegen etwas gestellt ist und so scheinbar nicht miteinander etwas schaffen will. Die Verantwortung zu Co-Kreativität ist heute dringender denn je, und Joseph Beuys‘ Anliegen könnten nicht aktueller sein.

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https://www.erziehungskunst.de/artikel/standpunkt/seele-richte-dich-auf/

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http://www.michaelluethy.de/scripts/arnold-gehlen-mensch-maengelwesen-kunst-funktion/

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http://www.deutschlandfunkkultur.de/neu-im-kino-beuys-andres-veiel-schafft-meisterhaftes.2150.de.html?dram:article_id=386448

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https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=1813576485360023&id=100001230675879

(„Die Aachener Grünen unterstützen unseren Protest gegen Emmanuel Macron NICHT. Heute ist in der AN zu lesen ‚Die Grünen … wollen hingegen nicht zur Teilnahme an den Protesten aufrufen.‘ ‚Wir begrüßen die Preisverleihung an Macron‘, sagt Fraktionsgeschäftsführer Helmut Ludwig, wobei man sich vor allem Macrons Europapolitik verbunden fühlt.“ – so ‚Stop Tihange‘ auf ihrer facebook-Seite. Das wird eingeleitet durch folgenden von mir geteilten Kommentar: „#Bündnis90/#DieGrünen – Atomkraft – nein danke! Der Kampf für den Atomausstieg ist doch bis heute das Kernthema der Grünen. Hat sich daran irgendetwas geändert, was unbemerkt an mir vorbeigegangen ist?“)

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https://www.nachdenkseiten.de/?p=40414

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https://kenfm.de/von-krieg-zu-frieden-vortrag-eugen-drewermann/

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Beuys, Teil 2

Ich gehe nicht unbedingt mit Joseph Beuys konform – ohne zu behaupten, dass ich ihn da richtig verstehe – dass Provokation „nichts anderes“ sei als Produktion. Und er stellt die Qualitätsfrage, was ich durchgehend als schwierig empfinde beim Kunst-Thema. Er sagt, dass „alles Spekulieren mit Schocks […] unsinnig“ sei, und fordert „beschreibt also ganz genau, was Ihr politisch wollt“, was nach meiner Provokations-Definition den Begriff mindestens relativiert. Und er relativiert weiter, indem er ausführt, dass viele voraussetzen, dass Menschen durch Provokation einfach nur ihre (negativen) Gefühle auslebten und nicht „das bewegende Element“ im Sinn hätten. Er hält in diesem Sinne das Provokative, wie er es definiert, für „dringend erforderlich“.

Die Frage Wieland Schmieds an Gehlen, ob er sich von der Kunst, der Provokation Beuys‘ als „bewegendes Element“ angesprochen fühle, muss so gestellt ins Leere laufen. So unterbricht Beuys an dieser Stelle und möchte weggehen von der konkreten Arbeit („Wir unterhalten uns doch über eine Theorie […] Schmeißen wir doch meine Werke mal zum Fenster raus! […] Beginnt doch mal, hier zu denken und demonstriert, dass der Mensch in jedem Augenblick in die Lage gesetzt ist und ermöglichen kann, einen Schritt weiter zu tun! Gemeinschaftlich auch etwas zu tun, nicht einer gegen den anderen!“).

Schmied konkretisiert daraufhin: wenn das Publikum Kunst nicht mehr als Provokation erlebe, und Beuys setze Provokation mit Produktion gleich, dann sei die Funktion der Kunst doch zu einem Ende gekommen… und erteilt Arnold Gehlen das Wort. Diesem muss ich immer noch insofern recht geben, als dass auch ich Provokation und Produktion rein von der Begriffsdefinition her nicht gleichsetzen kann. Er findet, dass die Kunst keinen „Gegner“ mehr habe und empfindet es für die Künstler „schwierig, eine kämpferische Haltung einzunehmen und der Gegner ist weg.“ Er argumentiert, dass die Künstler das Wort Provokation deswegen umdeuten in Produktion, weil Provokation niemanden mehr als solche träfe.

„Wollen Sie eine Revolution ohne Lachen machen?“ fragt Beuys, weil Gehlen „belustigt“ gewesen sei über die von Beuys installierten Schlitten, die scheinbar aus einem VW-Bus quillen, und fragt seinerseits: „Warum haben Sie keine Kinderwagen genommen?“ Joseph Beuys Antwort spricht mir aus der Seele meiner Kunst-Definition: „Warum? Ich würde sagen, weil ich doch das Thema bestimmt habe […] die Kinderwagen sollen Sie nehmen und mal versuchen, ob Sie da was mit hinkriegen, was die Menschen interessiert!“ Zwar begibt er sich mit diesem letzten Zusatz wieder auf das dünnere Eis – Gegner wären sicher schnell mit der Frage, woher Beuys denn wissen will, dass seine Arbeit „die Menschen interessiert“ – aber die Kernaussage ist für mich, dass Fragen der Art, wie Gehlen sie formuliert hat, nie treffen, es sei denn wieder, man möchte nicht ernsthaft wissen, „warum keine Kinderwagen“, sondern möchte lediglich demonstrieren, wie angeblich willkürlich künstlerische Materialien und Umsetzungen gewählt sind.

Max Bill spricht etwas Wichtiges an: wie wird Qualität von Provokation gemessen und: ist das überhaupt möglich? „Wer ist in der Lage, das zu messen?“ Und klug sagt er weiter, dass auch er dafür ist, die „humanen Fragen“ in den Mittelpunkt zu stellen, aber man ja nicht davon ausgehen könne, zu wissen, was der jeweils andere darunter verstehe. Beuys stellt die Sinnfrage: „Was hat es für einen Sinn, aus der Kunst heraus zu entwickeln: es muss in einem Verhältnis stehen zu dem, was die Menschen brauchen, sonst ist es tatsächlich sinnlos, Kunst zu machen.“ Bills Frage, woraus abgeleitet werden könne, dass Kunst dazu Sinn mache, ist meines Erachtens wieder müßig, noch bevor ich eine Antwort eines an der Diskussion Beteiligten kenne. Sie ist nicht zu beantworten. Den Menschen – nicht allen, ich weiß, aber den meisten auf ihre individuelle Weise mit ihren individuellen Themen – wohnt der Drang zum kreativen Ausdruck nun mal inne, und genau so wenig ist zu beweisen, dass dieser Ausdruck keinen Sinn macht. Seine Kreativität aber in den Sinn einer allgemeinen, immer verhandelbaren Weiterentwicklung zu stellen, halte ich nicht nur für nachvollziehbar, sondern für sehr vernünftig.

„Der Mensch ist selbst die Ästhetik, der Mensch ist selbst das Kunstwerk.“

„Wie kommt ein Mensch in die Welt und wie verlässt er diese; das sind doch schließlich alles wichtige Fragen für den Künstler.“

Aus jeder Beuys’schen Äußerung spricht der Wunsch und Wille (auch) zu (innerer) Auseinandersetzung und Verantwortung. Diese wichtigen Fragen für den Künstler – sind das nicht relevante Fragen für jeden Menschen? Ich kann verstehen, wenn man es müßig findet, zu fragen, woher man kommt und wohin man geht, weil es höchstwahrscheinlich keine alles erklärende Antwort jemals gibt, aber ich finde die Auseinandersetzung mit der Frage, wofür man sich im Leben einsetzt niemals müßig, sondern unerlässlich.

Max Bill gefällt mir mit seinen Äußerungen. So besonders auch diese: „[…] dass […] Herr Beuys […] ein so glücklicher Mensch ist, dass er glaubt, wirklich Kunstwerke zu machen. Dann bin ich wirklich sehr zufrieden darüber. Ich weiß es nämlich über mich nicht. Ich mache etwas, das mich interessiert, von dem ich irgendwie den Eindruck habe, es bringe ein Problem, das ich mir gestellt habe, das vielleicht auch von außen kommt, weiter, und dieses Problem werde zu irgendeiner Lösung entgegengebracht, und es hätte nachher vielleicht irgendwelche Auswirkungen; vielleicht hat es keine. […] Es kann generell Kunst Auswirkungen haben, aber ob das, was ich mache, Auswirkungen hat oder nicht, das spielt dabei gar keine Rolle. Das hat übrigens Herr Beuys bis zu einem gewissen Grad auch gesagt“, und dieser antwortet. „Ja sicher; kann ich nur bestätigen. […] Man kann doch sicher voraussetzen, dass jeder […] sich bemühen sollte, dass er eine Arbeit […] gewissenhaft macht, also nach allen Seiten hin durchdenkt. Denn sonst kann er der Menschheit kein Produkt vorlegen, was er verantworten kann. Ich glaube, zumindest sagen zu können, dass, was ich gemacht habe, ich verantworten kann. […] Ich stelle nur fest, dass es unterschiedliche menschliche Begabungen gibt, und es ist ganz klar, dass eines Tages vielleicht Menschen da sein werden, die das alles für außerordentlich unzulänglich betrachten, was ich gemacht habe. Und auch etwas hinstellen, was mich überzeugt als wesentlich besser. Es ist also sogar jeder aufgerufen, das zu korrigieren, was ich falsch mache […]“

Wieder: Beuys fordert lediglich Auseinandersetzung ein vor dem Urteil und zwingt damit alle Menschen zu Verantwortung. Dass das als unbequem empfunden wurde (und wird!) glaube ich gern… Er glaubt an die Eigenverantwortung der Menschen, er glaubt an die mögliche erfolgreiche Umsetzung direkter Demokratie.

Er liest eine Frage vor, die ihn aus dem Publikum erreicht: „Da steht: ‚Können Sie definieren, was Sie konkret unter Revolution verstehen?‘ Ja, sicher: unter einer Revolution verstehe ich, dass der Mensch in diesem Sinne wie ich geschildert habe, sich selbst betrachtet nach seinen Möglichkeiten hin, dass er aber über diese philosophischen Fragen, über diese Menschenerkenntnisfragen hinaus nicht vernachlässigt, was […] am Tage geschieht. Dass er also, indem er sich ausbildet und danach fragt: wie kann ich mich zu einem besseren Instrument innerhalb der Welt machen, danach zugleich fragt, wie geht es meinem Nebenmann, wie geht es meinem Bruder? Also einfach zu fragen: wie sind die Verhältnisse in der Welt? Wer ist hier der Benachteiligte, wie kann ich ihm helfen? Also ist da doch nach zu fragen: was ist los in unserem politischen System? Was kann ich vorschlagen? Und da könnte ich sehr Vieles vorschlagen. Ich könnte zum Beispiel vorschlagen, dass es dringend notwendig wäre, die parteipolitischen Bürokratien zu überwinden, durch direkte Befragung des Volkes zu jedem einzelnen Punkt. Da könnte ich nennen, dass es sehr wichtig ist, dass die Grundgesetze ernstgenommen werden; dass ernstgenommen wird zum Beispiel, dass der Mensch sich selbst bestimmt, dass er selbst bestimmt, was gemacht wird in der Welt, dass er gefragt wird: wollen wir eine Bundeswehr haben oder wollen wir keine haben. Dass also direkte Volksbefragungen stattfinden. […] Dass weiterhin ernst gemacht wird mit der Frage der Gleichberechtigung der Menschen, der absoluten Gleichberechtigung. Dass es aufhört, dass es gewisse Menschen gibt, die privilegiert sind. Dass es aufhören muss mit der Verstaatlichung von Produktionsmitteln und ebenfalls mit dem privaten Besitz von Produktionsgütern usw. usf. – nur ein kleiner Ausschnitt […]“

(3. Teil folgt in ein paar Tagen)

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https://www.erziehungskunst.de/artikel/standpunkt/seele-richte-dich-auf/

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Offenheit

Buntstift und Öl-Pastellkreide auf Skizzenpapier

DIN A 5

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Beuys, Teil 1

Klar, dass jemand so erzkonservatives wie der 1904 geborene Anthropologe und Soziologe Arnold Gehlen im „Bildungsforum“ mit Joseph Beuys aneinander gerät.

Das Motto: „Provokation – Lebenselement der Gesellschaft“

Der smb-webshop, der u. a. die DVD dazu vertreibt, formuliert:

„Die am 27. Januar 1970 im Düsseldorfer Bildungsforum veranstaltete Diskussion mit Joseph Beuys, Max Bill, Max Bense und Arnold Gehlen, moderiert vom Kunsthistoriker Wieland Schmied, ist nicht nur ein kulturhistorisches Dokument, das unterschiedliche ästhetische und philosophische Konzepte diskursiv aufscheinen lässt. Es stellt im Sinne des Werkbegriffs Beuys’, der das Sprechen oder die Sprache allgemein als Kunstwerk sieht, auch ein Sprachwerk des Künstlers dar.“

Es stellte sich dort und stellt sich bis heute die Frage: ist Kunst (nur) das, was nicht provoziert? Manche meinen das auch heute noch und definieren Kunst zu sehr nur über die Ästhetik – selbstverständlich meist die des Bewerters.

Meinen Text verstehe ich nicht als Alternative, die Diskussion anzusehen und zu -hören; die ist wirklich amüsant und lohnenswert für die Auseinandersetzung, auch für die Frage, wo man sich selbst verortet. Ich möchte die Argumente nur mit meiner Sichtweise verknüpfen, ein wenig kommentieren und den Begriff der Provokation im Kunstzusammenhang meinerseits zur Diskussion stellen. Damit es nicht überlang wird, gliedere ich den Beitrag in drei Teile. Dabei zitiere ich genau, aber nach Gehör.

Beuys antwortet auf die Frage Schmieds, ob er beim Kunstmachen jemals in Kategorien wie „Kunst“, „Antikunst“, „Provokation“ gedacht hätte, dass er sich schon theoretische Gedanken gemacht habe, warum er was täte. Er geht auf den Frager ein und wirkt auf mich kein bisschen provokant, obschon seine Kunst oft diesen Anstrich hatte. „Ich habe also versucht, den Kunstbegriff so zu erweitern, dass er jede menschliche Tätigkeit zu umgreifen in die Lage gesetzt wird.“ Er möchte auch den Wissenschaftsbegriff erweitert sehen und sagt, dass bei seinem Antikunst-Begriff „die Frage nach dem Menschen gestellt“ sei.

„Wie ist es berechtigt zu sagen, jeder Mensch ist Künstler? […] Jeder Mensch ist ein kreativer. In jedem Menschen kommt etwas heraus von einem Ursprünglichen, von einem Schöpferischen, von einem Element, was sozusagen an diesem Punkt des Denkens – hiermit setze ich den Begriff des Denkens als den wichtigsten Punkt in meinem Antikunst-Begriff – durch das Denken etwas völlig Neues in die Welt, was wieder hinüberleitet und klarstellt, den Begriff der Freiheit. […] Hier steht der Begriff der Freiheit zur Diskussion, und an diesem Problem steht die Menschheit ja in einem ganz akuten Sinne, indem sie fragt: ist der Mensch Gesellschaftswesen, das heißt, ist er gebunden, abhängig von den Stoffesverhältnissen, oder ist er ein freies Wesen? Hier ist selbstverständlich eine differenzierte Untersuchung notwendig insofern als man selbstverständlich sehen muss, dass der Mensch ein Gesellschaftswesen ist, hier ist aber ganz besonders wichtig zu erkennen, dass er darüber hinaus ein freies Wesen ist, was für den Teil, da, wo er gesellschaftlich gebunden ist – also mit anderen Menschen zusammenarbeiten muss – neue Denkmodelle, neue Substanzen in die Erde einführen muss, also in die Stoffesverhältnisse einführen muss, um sozusagen für das Soziale, für die Entwicklung der Menschheit ein neues Modell zu erarbeiten. […] Provokation wäre eine andere Sache; die müsste man jetzt daran anschließen.“

Joseph Beuys ist dort anfangs nicht provokant. Er redet deutlich und bestimmt; man spürt seine Authentizität und Konzentration. Auf mich wirkt er, als wüsste er einfach, wovon er spricht.

Als er nach wahrnehmbarem Gemurmel im Publikum und guten 11 Minuten vorschlägt, „bis zum Morgengrauen“ zu diskutieren, anstatt nach anderthalb Stunden Podiumsdiskussion „ins Wirtshaus“ zu gehen, merkt man daran, wie ernst er die Auseinandersetzung nimmt. So bekommt Max Bense, der im ersten Satz von der „Verwässerung des ganzen Themas“ spricht, sofort einigen Applaus. Beuys‘ erster Diskussionsgegner ist zumindest launig: „Meinen Sie, Sie hätten keine [Gegner]? Ich hab‘ auch welche!“ Von Bense gedrängt, was er konkret wolle, antwortet Beuys: „Ich will das Bewusstsein der Menschen erweitern; ich will es vor allen Dingen ausweiten auf die reale politische Situation […] Ich bin nicht der Ansicht, dass wir zum Beispiel in einer Demokratie leben, ich bin nicht der Ansicht, dass wir zu freien Menschen erzogen werden durch unsere parteipolitische Bürokratie […]“

Arnold Gehlen: „Ich möchte den sehen, der sich noch von Kunst provozieren lässt.“ Er möchte vom Provokations-Begriff weg und wieder hin zum Begriff der Kunst bzw. Antikunst. Sein Vergleichen mit einem Spiel an sich, woran ihn die Kunst erinnert, die zum Mitmachen, zur aktiven Teilnahme einlädt, und die Tatsache, dass ein Spiel eben nicht gut oder schlecht ist, führt er als Argument gegen den erweiterten Kunstbegriff an; für mich ist es aber genauso ein Argument dafür. Er meint jedoch: „Je umfangreicher ein Begriff wird, umso inhaltsleerer.“ Manche, die dadurch ins Straucheln kämen, auch manche Künstler, suchten „dann schnell eine Tür in die Politik; da hat man dann wieder den gewohnten schwankenden Boden unter den Füßen.“

„Wollen Sie weiter den schwankenden Boden unter den Füßen behalten, oder wollen Sie daran arbeiten, diesen schwankenden Boden in eine sichere Basis für die Menschen aufzubereiten?“ fragt Beuys. Er sieht die Kriterien des klassischen Kunstbegriffes als Basis („unter Umständen im pädagogischen Prozess eine gewisse Basis für den Unterricht“), die aber erweitert werden sollten um Begriffe, „die tatsächlich den Menschen betrachten als einen, der sich entwickelt, der ganz andere Dinge […] anzusteuern beginnt.“

„Kann ich mit dieser Kunst noch etwas bewirken für das Leben?“ sei die entscheidende Frage. „Ist diese meine Kunst zum Beispiel politisch relevant? Sie dürfen jetzt den Begriff der Politik nicht lächerlich machen und sagen hier wäre der übliche schwammige Begriff! Wir wollen doch gerade sehen, dass in der Zukunft für alle Menschen etwas erarbeitet wird, was brauchbar ist, was zum Beispiel pädagogische Modelle erarbeitet, und ich glaube, dass aus einem erweiterten Kunstbegriff heraus, aus einem erweiterten menschenkundlichen Begriff heraus, der damit verbunden ist, selbstverständlich sich etwas Gewissenhaftes sagen lässt über die Pädagogik. Das ist selbstverständlich auch damit verbunden, dass man Modelle erarbeitet, dass man also Projektwissenschaft betreibt, denn nichts ist dringender gerade für uns Mitteleuropäer als uns über unsere Zukunft im Klaren zu sein. Ob es unsere Aufgabe ist, zum Beispiel, mit wirtschaftlichen Größen zu konkurrieren, ob es für uns interessant ist, mit den Großmächten im Osten und im Westen auf wirtschaftlicher Basis, also technologisch zu konkurrieren, ob nicht gerade das der Weg ins Fellachentum [sic] ist für uns; ob es nicht vielleicht für Mitteleuropa viel interessanter wäre, die humanen Fragen in den Mittelpunkt zu stellen […] als ein Fruchtbares für die ganze Welt […]“

„Ich habe nie von […] Materialien geredet; ich habe von der Idee gesprochen“, sagt Beuys, als er zu einer bestimmten künstlerischen Aktion Stellung nimmt. Das erlebe ich, seit ich mich mit Kunst auch theoretisch auseinandersetze, immer wieder: es werden bestimmte Aktionen oder Werke herangezogen, um mit der Umsetzung oder dem Ergebnis zu argumentieren, dass das nun Kunst oder eben keine Kunst sei. Da sich der eine Mensch so und der andere anders ausdrückt, trifft diese Art Auseinandersetzung für mich nie den Kern, es sei denn, man spricht anderen ihren persönlichen Ausdruck schlicht ab. Arnold Gehlen verstehe ich nach ungefähr einer halben Stunde so, dass er sich nicht provozieren lassen möchte, und das kann ich nachvollziehen. Ich selbst bin auch nur sehr schwer zu provozieren, wenn überhaupt. Dieses nicht oder kaum provozierbar sein bedeutet in meinen Augen nicht unbedingte Unverletzlichkeit, sondern den Wunsch, sich vernünftig, wertschätzend auszutauschen, allen Gesprächsteilnehmern Zeit einzuräumen, sich wirklich anzuhören, aufeinander einzugehen usw.; ansonsten ist ein sich-Erreichen schwierig. Erlebt man Kunst als reine Provokation – ich glaube, hier ist nur wichtig, es individuell zu betrachten, also wer sich wodurch provoziert fühlt – glaube ich nicht an ein erreichen-Können (aus Künstlersicht) oder ein erreicht-Werden (aus Rezipientensicht). Provokation verschließt beinahe immer. Wenn nicht, trifft vielleicht der Begriff nicht richtig… Und umso trauriger, dass viele – sicher damals wie heute – Beuys nur als Provokateur wahrnehmen.

(2. Teil folgt in ein paar Tagen)

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https://www.erziehungskunst.de/artikel/standpunkt/seele-richte-dich-auf/

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„Nichts ist erledigt“ „… ob in Indonesien oder Garzweiler“

Über politische Kreative, kreative Politiker und unabhängigen Journalismus

 

Lasst mich noch einmal etwas politischer werden; die ‚Westart‘ vom vergangenen Montag war es auch. Zuerst hat mich das gefreut, da ich nicht nur nichts gegen Politik in der Kunst habe, sondern im Gegenteil disziplinübergreifendes Nachdenken und Diskutieren arg schätze. So war der erste Beitrag über die „grünen Lügen“ der Wirtschaft denn auch gut und wichtig:

https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/westart/video-die-gruene-luege—film-und-buch-ueber-falsche-oeko-versprechen-100.html

Aber dann: Manches in den Berichten und Interviews, das nur so hingeworfen schien, ärgerte mich an der ‚Westart‘-Sendung zunehmend. Siham El-Maimouni ist, wie sie sagte, durch den „11. September und den Irak-Krieg“ politisiert worden, ohne ihre Haltung weiter erklärt zu haben, was so eher die gängigen Meinungen zum Sachverhalt unterstützt; im Bericht über den Fotografen aus Aleppo wurde die eindimensionale Anti-Assad-Haltung propagiert. Natürlich würde in einer Sendung, in der es vorrangig um Kunst gehen soll, das den Rahmen sprengen, woraus Daniele Ganser und Rainer Mausfeld abendfüllende Vorträge machen. Ich kann aber nicht mehr rückgängig machen, dass mir die – ich muss noch nicht einmal Absicht unterstellen – Meinungsmache zunehmend auffällt, und das abseits jeder „Verschwörungstheorie“, und ich kann nicht verhindern, dass es mir sauer aufstößt.

(Hat nichts zu tun mit dieser ‚Westart‘, wohl aber mit der Sprachwahl unserer großen offiziellen Informationsmedien: über den ersten der unten stehenden Links zu erreichen ist die ruhige und verständliche Erklärung von Gabriele Krone-Schmalz, warum der Begriff der „Annexion“ der Krim durch Russland nicht stimmt, aber trotzdem ständig fällt. Ich kann, denke ich, versprechen, dass nach Anhören – zumindest was diesen Begriff angeht – passives Zuhören in Zukunft kaum mehr möglich ist.)

Zurück zur ‚Westart‘: Ulrich Matthes kritisierte heftig und sicher zu recht die AfD, gerade, weil es ihm zufolge so viele andere wählbare Parteien gäbe… ist das so?

Volker Pispers sieht es so, und ich kann es mir schon lange nicht mehr schönreden:

„… und oben haben immer weniger immer mehr. […] Sie erinnern sich, Zinsen? Das, wofür die Menschen gearbeitet haben, die tatsächlich arbeiten, ohne davon was zurücklegen zu können! 40 % von allem, das in diesem Land erwirtschaftet wird, wird in Form von Zinsen und Dividenden ausgeschüttet an die Leute, die Geld haben. Wir wollen die Zinsen der letzten 10 Jahre in den nächsten 10 Jahren wiederhaben, und dann ist Deutschland saniert! Und es müsste keiner auf was verzichten; lassen Sie sich nichts einreden! Es geht nicht darum, das sauer verdiente Vermögen von Menschen zu besteuern. Wir reden von Menschen mit einem Barvermögen von einer Million Euro pro Kopf aufwärts; das können Sie mit ehrlicher Arbeit nicht zusammensparen; versuchen S’e‘s mal auszurechnen. […] Wir reden von echtem Reichtum, der vor sich hinwächst, ohne irgendetwas Produktives damit zu tun. […] Das Gesetz wär‘ in fünf Minuten zu machen, es würde nicht dem Grundgesetz widersprechen, und es würde uns allen besser gehen hinterher – aber es hat keine Chance. Denn wir leben in einer Demokratie, und Sie bekommen in unserer Demokratie bei einer demokratischen Wahl keine Mehrheit für eine Politik, von der 80 % der Bevölkerung wirtschaftlich profitieren würden; kriegen Sie keine Mehrheit für. Sie kriegen jederzeit eine Mehrheit für eine Politik, von der die reichen 10 % profitieren, denn die Politik wird seit 40 Jahren gemacht und gewählt. CDU, CSU, SPD, FDP und Grüne sind wirtschaftspolitisch eine Einheitspartei; innerhalb der SED gab es mehr Streit über Wirtschaft. Die erzählen alle das gleiche: Beschäftigung durch Wachstum, kapitalgedeckte Altersversorgung, Zins und Zinseszins… das, was nur den reichen 10 % nützt. Und diese fünf Parteien holen immer über 80 % der Stimmen, bei jeder Wahl, meist sogar 85 %. Wie machen die das? Wie bringen die 70 % der Bevölkerung dazu, gegen ihre eigenen Interessen zu wählen? Das machen die mit einem Trick. Die haben den Leuten eingeredet, dass es nicht anders geht und dass irgendwann alle davon profitieren; dass alle irgendwann zu den Besserverdienern gehören können, wenn sie sich nur anstrengen… toi toi toi… […] Und wer hilft ihnen dabei? Das sind die Medien. […] Die haben den Stacheldraht durch die Köpfe der Menschen gezogen.“

Es ist ja alles richtig, schön und gut: wer halbwegs bei Verstand ist, wählt keine Menschenfeinde. Aber was ist, wenn die „wählbaren“ Personen/Parteien nur auf subtilere Art agieren? Wie umgeht man es, den Rechten in die Hände zu spielen, in deren Horn zu tuten, vor deren Karren gespannt zu werden, wenn man GLEICHZEITIG eine Politik verurteilt, die nicht das Wohl aller im Sinn hat, die Kinder früh im wahrsten Sinne des Wortes in Klassen trennt, die die Bürger ihres Landes seit Jahrzehnten schon für einen Arbeitsmarkt fit macht, den es so schon lange nicht mehr gibt, ihre Arbeitssuchenden verwaltet, Teilen ihrer arbeitenden Bevölkerung keinen Mindestlohn (von dem man leben kann, auch im Rentenalter!) sichern kann, ihre Nahrung nicht ausreichend schützt, zulässt, dass Wasserwirtschaft privatisiert wird, eine Politik, die der Wirtschaft und den Banken huldigt, Kriege unterstützt und immer wieder den notwendigen Klima- bzw. Umweltschutz vergeigt usw. usf. …? Es kann nicht sein, dass man sich nicht mehr für Solidarität und echte Sozialpolitik einsetzen kann, weil man dann Gefahr läuft, die Rechtsradikalen zu stärken. Klare Worte in alle Richtungen werden immer wichtiger. Und der „unabhängige Journalismus“, auf den wir angewiesen sind, versagt so oft und flächendeckend.

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Daniele Ganser, Rainer Mausfeld und andere treten dafür ein, dass, wenn es Argumente zu Theorien gibt, diese auch diskutiert werden können müssen, ohne die „Verschwörungstheorie“-Keule zu gebrauchen und sie so lächerlich und indiskutabel aussehen zu lassen.

Die USA schaffen es, im damals längst überfälligen offiziellen Bericht über die Anschläge des 11. September 2001, dort genauer über den Einsturz von WTC7 (ja, es gab ein drittes Gebäude, das eingestürzt ist; das für alle die, die das noch nicht wussten) eine fadenscheinige Erklärung abzugeben, die Statik-Experten auf der ganzen Welt stutzen lässt, und es darf nicht nur nicht weiter untersucht, sondern auch nicht darüber diskutiert werden?

Wenn der Irak-Krieg sozusagen offiziell beginnen darf, indem der damalige amerikanische Außenminister ein Fläschchen in die Kameras hält und so die Massenvernichtungswaffen „beweist“, was eine nachgewiesene und eingestandene Lüge war, und NICHTS GESCHIEHT daraufhin: kein Prozess, keine politische Ächtung, sondern nach Rückzug aus dem Staatsdienst Einstieg bei einem dicken Fisch der Wirtschaft und 2009 Aufnahme in die „American Academy of Arts and Sciences“ – was soll man dann denken, woran denn glauben?

Das alles sind nur wenige Beispiele über illegal begonnene Kriege und eine desaströse „Aufklärung“ der Bevölkerung. Wie soll ich mich des Anscheins von Propaganda denn erwehren; hat irgendjemand einen Vorschlag??

Und wenn das alles auch in Bereiche überschwappt, die erstmal politikfern sind… ich gebe die Fragen gerne weiter: was soll man dann denken, woran denn glauben…?

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https://www.youtube.com/watch?v=ZDsUmWxv76w (Gabriele Krone-Schmalz)

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https://www.youtube.com/watch?v=abibQYrh5ME (Daniele Ganser)

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https://www.youtube.com/watch?v=doWI3kOAozU (Daniele Ganser)

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https://www.youtube.com/watch?v=Rk6I9gXwack (Rainer Mausfeld)

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Die NachDenkSeiten über „fühlen“ und „mitnehmen“

Was hat dieser politische Beitrag, den man hier hören kann, mit Kunst zu tun?

Nun, zum einen geht es um Sprache, und Sprache war immer schon auch ein Mittel des künstlerischen Ausdrucks. Die Analyse von Marcus Klöckner macht anhand von Beispielen deutlich, dass Sprache – neben dem Wunsch nach Verständigung und dem Mittel zu ästhetischem Ausdruck – auch als Manipulationsmittel verwendet werden kann, schon immer wurde und wird.

Hier ist sozusagen das offene und wache Ohr gefragt:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=40414

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Zombie

http://www.sueddeutsche.de/kultur/tod-von-cranberries-saengerin-dolores-oriordan-es-bleibt-ein-lied-zum-weinen-schoen-1.3827182

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https://de.wikipedia.org/wiki/Zombie_(Lied)

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https://www.youtube.com/watch?v=o61N93V0IdM

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https://www.youtube.com/watch?v=zvdDjA_CTrw

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http://networking-media.de/musik/the-cranberries-something-else/

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Vielleicht noch mit „Linger“ und „Dreams“ – und Fans der Band „The Cranberries“ werden auch andere Stücke selbstverständlich kennen –, aber Dolores O’Riordan verbindet man besonders mit diesem einen Lied, „Zombie“. Es war der einzige Nr. 1-Hit der Band.

1994, als es erschien, musste es sich einreihen in die Song-Schlangen von Girl- und Boygroups, sich unvergleichlicherweise vergleichen lassen mit Musik von DJ Bobo, Whigfield oder Lucilectric, Nummern ohne tiefere Bedeutung. Hip-Hop gab’s auch noch in den 90ern und Grunge, der mehr und länger hätte Bedeutung haben können, wenn er sich nicht so auf Äußerlichkeiten hätte reduzieren, sich nicht hätte ver-hypen lassen.

„Zombie“ war anders. Es „griff ein konkretes Ereignis der jüngeren Geschichte auf: einen Bombenanschlag der IRA in der englischen Stadt Warrington im März 1993. Zwei Kinder starben, drei und zwölf Jahre alt“, und war damit hochpolitisch.

O’Riordan musste die Motivation zu Text und Musik höchstwahrscheinlich nicht lange suchen; als Irin fühlte sie augenscheinlich eine persönliche Betroffenheit, was das sinnlose Töten in ihrem Land anging. Trotzdem gehört doch eine gewisse künstlerische Haltung dazu, etwas so gegen jeden Trend zu machen. Kann sein, dass das Lied eingängig genug war, den Inhalt vergessen zu lassen; dass es „egal“ zu sein scheint, was die tolle Stimme da singt. Ich denke, dass genau dieser Inhalt Dolores O’Riordan es genau so hat singen lassen, mit Zorn und Trauer und Hilflosigkeit.

Ein beeindruckendes Lied, eine beeindruckende Künstlerpersönlichkeit, die zeigt, dass man zu jedem Zeitpunkt, ob in gerade angesagtem Stil oder eben anders, seine Stimme einbringen kann. Und eine politische Haltung, transformiert in Kunst, dieser nicht schadet – ganz im Gegenteil.

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cof

 

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„Die Sprache kann der letzte Hort der Freiheit sein“ 

http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=70095

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„Ansichten eines Anarchisten“

Die christlichen Kirchen in Deutschland haben im Nationalsozialismus versagt und sich schuldig gemacht; darunter leidet der gläubige Heinrich Böll.

Es ist geradezu ekelhaft, wie Widerständler als Gegenargument ins Feld geführt werden, die sich allerdings (nach Böll) ihrem Gewissen und nicht der Kirche gegenüber verpflichtet fühlen.

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„Ich hasse den Krieg […] er ist so völlig sinnlos.“

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Welche Rolle spielen die tragenden Säulen/wichtigen Köpfe der Gesellschaft nach dem 2. Weltkrieg? (Stichwort Funktions“eliten“; es sind nicht auf einmal alle demokratisch gestimmt…) 

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Böll stellt sich gegen Aufrüstung und Wiederbewaffnung, Kanzler Adenauer ist dafür; dieser argumentiert mit Freiheit, und die Kirchen unterstützen ihn, weil sie sich gegen den eher atheistischen Osten behaupten wollen. Es ist also für die Kirche eine Frage der Macht und nicht die einer ethisch korrekten Haltung.

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Die Kirchensteuer verrechtlicht das Verhältnis zur Religion, und Böll verurteilt auch das. Und er kritisiert die „sinnentleerten Rituale“ der Kirche.

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Dass Konsum zur Entsolidarisierung des Menschen führt, nahm in den Wirtschaftswunderjahren seinen Anfang, und diesbezügliche Warnungen wurden wahrscheinlich nur allzu gerne in den Wind geschlagen. Ich will nicht „heute“ sagen, aber durch die Zeit sieht man, was Konsum als „neue Gottheit“ angerichtet hat. Die Entsolidarisierung geht über einzelne Personen hinaus, ergreift ganze Länder und lässt die ganze Welt in ein immer stärkeres Ungleichgewicht kippen.

Wo die Ungleichheit, die soziale Ungerechtigkeit – Lebensentscheidungen in jungen Jahren können sich auch in reichen Ländern später als in diesem Sinne falsch herausstellen, selbst, wenn sie an sich nichts „Falsches“ haben (soziale Berufe: Alten- und KrankenpflegerInnen, Berufssparten, die sich verändern: Verlagswesen, Berg- und Autobau, Versicherungs- und Bankangestellte, um nur ein paar Beispiele zu nennen) – mit Händen zu greifen ist, haben Politiker, die eine totalitäre Haltung vertreten, wieder Chancen.

Bölls Warnung vor Totalitarismus ist hochaktuell; für mich ist wünschenswert, wenn man es als wichtige Warnung begreift und danach spricht und handelt; Stichwort (heutiger möglicher nötiger) Widerstand, der oft als übertrieben gehandelt und daher manchmal an Stellen vermieden wird, wo er hingehört. Als kontraproduktiv empfinde ich dabei allerdings, wenn Menschen sich in Gesprächen weder aussprechen lassen noch dem anderen zuhören; so ist die „rechte Ecke“, die es leider selbstverständlich gibt, ein gern genommener Sammelort auch für Menschen, die unbequeme Wahrheiten ansprechen. Die Kunst liegt darin, echte Fremden- gleich Menschenfeindlichkeit zu erkennen und davon zu unterscheiden. Je länger ein Gespräch dauert, je mehr Zeit man sich nimmt, desto klarer werden menschliche Grundhaltungen.

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„Die Sprache kann der letzte Hort der Freiheit sein“, sagt Heinrich Böll.

Ihm wird Terrorismusempathie unterstellt, weil er die Werte des Grundgesetzes auch auf Terroristen angewandt sehen will, dem Wort also für alle Menschen dieselbe Bedeutung zugesteht. Wie kann er es mit diesem Argument in Diskussionen schwer gehabt haben…? Wie argumentierten seine Gegner?

Vielleicht würde „ein Böll“ heute ganz gut tun, sagt Wolfgang Niedecken, und ich sage: selbstverständlich! Aber ich sage auch: wir hatten immer Mahner und haben sie; der letzte, der mir spontan einfällt und an den ich mich lebhaft erinnere, war Roger Willemsen. Man muss die Mahner nur sehen und hören, wenn sie da sind, und nicht jedes Mal das Gleiche beklagen, als wäre es neu.

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http://signaturen-magazin.de/heinrich-boell–die-sprache-als-hort-der-freiheit.html

Auszug aus einer Rede von 1958:

„Es mag Ihnen merkwürdig erscheinen, daß einer, der sich als leidenschaftlicher Liebhaber der Sprache bekannt hat, hier eine Rede hält, die nur düstere politische Prognosen zu enthalten scheint, aus Vergangenheit und Gegenwart Worte auswählt, die tödlich gewirkt haben oder tödlich wirken können, die Zukunft aus Worten beschwört; aber der politische Akzent solcher Beschwörungen und Erinnerungen, das Mahnende und Drohende, kommt aus dem Wissen, daß Politik mit Worten gemacht wird, daß es Worte sind, die den Menschen zum Gegenstand der Politik machen und ihn Geschichte erleiden lassen, Worte, die geredet, gedruckt werden, und es kommt aus dem Wissen, daß Meinungsbildung, Stimmungsmache sich immer des Wortes bedienen. Die Maschinen sind da: Presse, Rundfunk-Fernsehen, von freien Menschen bedient, bieten sie uns Harmloses an, beschränken sich aufs Kommerzielle, Werbung, Unterhaltung – aber nur eine geringe Drehung am Schalter der Macht, und wir würden erkennen, daß die Harmlosigkeit der Maschinen nur eine scheinbare ist.“

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Rainer Mausfeld: Wie Machteliten Meinung und Demokratie steuern: https://www.youtube.com/watch?v=LBndWYhld40

Philipp Möller: „Ohne Religion wäre die Welt besser dran“: https://www.youtube.com/watch?v=PV8tUv-6X8Q

Iris Radisch zu Roger Willemsens: „Wer wir waren“: http://www.zeit.de/2016/51/roger-willemsen-wer-wir-waren

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