Offenheit

Carolin Emcke:

„Und doch – oder gerade deswegen – ist es so dringend nötig, offen zu sein, sich eben nicht zu maskieren, sondern die Maskierungen der Normen zu entlarven, sich zu zeigen als Liebende, als Begehrende, als ‚uns‘ zu zeigen, ohne Scham, ohne Verstellung, ohne Not. […]

Vielleicht ist es deswegen wichtig, beides zu betonen: die Selbstverständlichkeit, mit der ich lieben möchte wie ich liebe, die Selbstverständlichkeit, mit der ich auch von dem Glück sprechen möchte, das es mir bedeutet, dieses queere Leben und Begehren, die politischen Reflexionen auf all die Techniken und Mechanismen der Ausgrenzung und Stigmatisierung hier und anderswo, und meinen Wunsch, mir auch die Freiheit zu erhalten, in anderen Bezügen zu denken, andere Allianzen, andere Verbindungen, lokale und internationale, zu betonen. Ich möchte wachsam bleiben für die identitären Verklumpungen, die Dynamiken zur Homogenisierung auch innerhalb verschiedener marginalisierter Lebensformen oder politischer Bewegungen. Ich möchte mir meine Selbstzweifel erhalten, meine Vorsicht, nicht bloß neue Formen einer vermeintlich ‚authentischen‘ Kultur zu reproduzieren, nicht selber wieder Techniken der Distinktion von anderen zu generieren. Ich möchte auch die eigenen kollektiven Rituale, die Sprachspiele und Codes befragen können, ob sie uns womöglich eher einschließen und festschreiben anstatt uns zu öffnen und zu dynamisieren. Ob sie nicht selber wieder symbolisches Kapital anhäufen, das die einen auszeichnet und andere herabsetzt.

Das ist keine Anklage, sondern eben nur eine Frage an mich selbst, und es sind diese Fragen, die ich nicht verlieren möchte. Ich möchte nicht im politischen Gestus erstarren, möchte nicht, dass die Pflicht des ‚out loud‘ mir die leiseren, poetischeren, zarteren Begriffe und Gesten überformt.

In Abwandlung eines Zitats von Claude Lévi-Strauss, ‚In Identitäten lässt sich fortbewegen, aber nicht leben‘ – vielleicht macht mir das am meisten Sorge bei dem Motto des ‚out loud‘; ich bin ja nicht queer geworden, um mich wieder in anderen Schablonen des Denkens, Sprechens und Handelns zurichten zu lassen; ich schreibe ja nicht, um nur mehr andere Parolen zu produzieren, die wiederum andere herabsetzen oder lächerlich machen, sondern ich schreibe, um die Mechanismen der Ausgrenzung zu entlarven, aber vor allem auch um Räume zu öffnen, in denen wir atmen und denken können, vor allem andere Vokabeln, andere Begriffe, andere Bilder, andere Erzählungen zu schaffen, in denen dann andere Allianzen, andere Bezüge, andere Hoffnungen sichtbar werden können. […]

Dabei gibt es keinen Grund, sich in die Defensive drängen zu lassen, keinen Grund, sich einschüchtern zu lassen, denn die eigene Vision einer offenen, inklusiven, pluralen Gesellschaft ist nicht nur schöner oder gerechter; sie ist auch pragmatischer. In ihr können sich mehr Menschen wiederfinden, weil in ihr auch die unterschiedlichsten Entwürfe von gutem Leben sein dürfen.

[…] Wir brauchen [dafür] keine Liebe; uns reicht schon Respekt. […] Eine plurale Gesellschaft wirklich zu wollen heißt auch, vielfältige Differenzen und Distanzen auszuhalten und zu respektieren – alles andere wäre kollektivierter Narzissmus.“

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Botschaften

„Bücher, Menschen, Abenteuer: Im Frühling wird Köln zur Hochburg der Literatur. Vom 7. bis zum 18. März lockt die „Lit.Cologne“ Hunderttausende Besucher in ihre Veranstaltungen. In ‚Westart live – extra‘ zu Europas größtem Literaturfestival begrüßt Denis Scheck den Bestsellerautor Frank Schätzing, die Publizistin und Friedenspreisträgerin Carolin Emcke, die Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader, den Slampoeten Sebastian 23 sowie die Musiker Scott Matthew & Rodrigo Leão.“

http://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/sendungen/uebersichtwestartlive148.html

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Denis Scheck liegt mir als Literaturkritiker nicht sonderlich, da er sich (vielleicht auch durch die oft geforderte Kürze) nicht immer inhaltlich auseinandersetzt; ich schrieb letztens darüber (https://sabinepint.wordpress.com/2017/02/22/denis-scheck-und-ich-ueber-john-irvings-strasse-der-wunder/). Als Interviewer in der ‚Westart‘ fällt er gegenüber zum Beispiel Thomas Hermanns darin ab, ein bei aller Tiefe lockeres Gespräch zu führen, in dem dieser in erster Linie auf das Gesagte des Gegenübers eingeht, anstatt eine nächste Frage oder den nächsten Programmpunkt anzureihen.

Neben vielen anderen erwähnenswerten Dingen wie die von Schätzing angesprochene Distanz zwischen Erschaffer und Rezipient, die gerade beim Schreiben gegeben ist, vielen Sätzen der überlegt und ehrlich sprechenden Carolin Emcke fand ich in dieser ‚Westart‘-Ausgabe Folgendes für’s Weiterdenken interessant:

Denis Scheck: „Wie politisch begreifen Sie eigentlich das, was Sie tun?“

[Maria Schrader atmet durch] „Ja, die Frage wird mir natürlich im Moment durch den Film oft gestellt […] es gibt auch inzwischen ja fast einen Standardsatz: nichts ist nicht politisch. Aber […] – wie Carolin vorhin gesagt hat – dem Theater den Auftrag zu geben… das gibt es ja im Moment auch oft: Theater, Filme… geben sich selbst den politischen Auftrag. Und das ist oft sehr problematisch, finde ich. […] oder um mit Stefan Zweig zu sprechen: ein Kunstwerk kann eine politische Dimension bekommen, in dem Moment, wo man aber etwas, eine Geschichte instrumentalisiert für eine bestimmte Aussage, geht […] das Unvorhersehbare, das Poetische, das Unsagliche, das Atmosphärische, was ja im besten Fall auch Kunst ausmacht, verloren.“

Denis Scheck: „Hemingway sagt: Wer eine Botschaft hat, soll auf’s Telegraphenamt gehen und‘n Telegramm schicken.“

Ich kann das nicht teilen. Liegt nicht die Kunst auch darin, eine Aussage versiert, charmant, unangestrengt zu verpacken, zu transformieren eben in die künstlerische Arbeit? Wäre nicht die versuchte Vermeidung, obwohl mich die Aussage überhaupt erst zur Arbeit drängt, viel destruktiver für’s Endprodukt? Sollte man Kunst thematisch beschneiden?

Einen Gegenentwurf zu dieser Haltung fand ich bei der „Kulturtussi“ Anke von Heyl; sehr lesenswert: http://www.kulturtussi.de/begegnung-mit-otto-freundlich/

Über Stimmen dazu freute ich mich sehr!

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P.S.: Hyperlink-Einfügungen fehlgeschlagen; ich benutze nun die unelegante Variante.

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Zum Beispiel: Toleranz

Zum Beispiel frage ich mich, ob ich tolerant sein sollte gegenüber Dingen, die witzig sein sollen, wenn sie beispielsweise gepaart sind mit dem Stolz (den ich nicht nachempfinde bei Zufallsdingen wie den Geburtsort) auf die „eigene“ Stadt (kürzlich sah ich einen Auto-Aufkleber „Deutscher durch Geburt und Gladbacher durch die Gnade Gottes“, alles in ‚alter‘ Schrift), tolerant sein kann gegenüber Fußballfeiern mit Nationalflaggenmeer (die Meisten wollen nur feiern und ich kein Spielverderber sein, empfinde aber derart begeisterte Nationalitätsbekundungen als ungeheuer destruktiv), tolerant sein kann gegenüber dem Kunstbetrieb (der vom Ausschluss lebt und damit den ausgesprochenen Widerspruch praktiziert dazu, wie ich Kunst gelebt wissen möchte) u. ä. Ich gebe zu, dass ich damit Schwierigkeiten habe.

Beim Kunstbetrieb habe ich bisher immer alles gelten lassen.

Er war für mich eine „Firma“, wie jede Firma mit Chefs, eigenen Regeln, manchmal nach außen willkürlichen, zumindest nicht für alle nachvollziehbaren Entscheidungen. Bewerbe ich mich in einer solchen Firma, tue ich gut daran, mich vorher ausreichend zu informieren. Zwar habe ich keinen Einfluss auf spätere Änderungen mancher Bedingungen, den Wechsel der Mitarbeiter oder Führungskräfte zum Beispiel, aber grob kann ich wissen, worauf ich mich einlasse. Die genannten Dinge sind solche, die sich relativ schnell als guter (neuer) Weg zeigen oder nicht; „Kleinigkeiten“ wie Personal – zumindest aus Sicht ganz vieler Führungsmenschen – kann man durch Entlassungen und Neueinstellungen „korrigieren“. Und auch die Führungsmenschen zählen mehrheitlich zum Personal und haben meistens noch jemanden, der hierarchisch über ihnen steht (auch wenn er meistens sitzt). Als Mitarbeiter kann ich versuchen, die Bedingungen mitzugestalten, indem ich mich mit Wort und Tat einbringe, also sind auch da Änderungen, Kurskorrekturen zumindest nicht unmöglich.

Das ganz große Leit-Motto, das, was man das Mission-Statement nennt, das, wofür eine Firma nach außen bekannt ist, ist etwas, das gemeinhin nicht so schnell geändert wird. Das wäre nicht nur für die Marke fatal, sondern es wäre aus allen möglichen Überlegungen heraus sinnlos; jeder kann sich eigene Beispiele vorstellen.

Das ist der Grund, warum ich nie irgendwelche Anstrengungen unternommen habe, im Kunstbetrieb Fuß zu fassen, aber der mich darüber hinaus jetzt die Eingangsfragen stellen lässt. Der Leitgedanke hat mir nie gefallen. Ich hätte mich ja auch nie bei Nestlé beworben, die Wasserressourcen privatisieren (http://www.facing-finance.org/de/database/cases/nestle-privatization-of-water/). Auch dieser Leitgedanke der Ausbeutung anderer Menschen hat mir nie zugesagt. Vielleicht ( 😉 ) ist es im Kunstbetrieb nicht ganz so lebensbedrohlich, die Auswirkungen nicht dramatisch, aber dass auf der Welt eine große Firma existiert, die das kreative Potenzial der Menschen ausdünnt, begradigt und verwaltet, empfinde ich als so wenig konstruktiv wie (wenn auch friedlich ausgelebter) National- oder Regionalstolz.

Warum sollte ich zum Beispiel bei den genannten Dingen tolerant sein, Dinge widerspruchslos erdulden? Denn dabei geht es bei dieser Art Erduldung, die Toleranz genannt wird: um Widerspruchslosigkeit. Schon die vorsichtige Äußerung von Kritik oder das Einfordern einer differenzierten Diskussion wirkt manchmal ja schon intolerant. Wie sinnvoll ist eine so empfundene Intoleranz, wie sinnvoll ist es, an der vermeintlichen Tugend Toleranz festzuhalten? Sollten wir nicht auch diese Begriffe, die je nach Standpunkt unterschiedlich ausgelegt werden, loslassen und lieber miteinander ins Gespräch gehen?

Rechtes Gedankengut fällt auch bei nicht rechts orientierten, bei sogenannten – und oft sehr nachvollziehbar – nur „besorgten“ Bürgern auf fruchtbaren Boden, wo Existenz- und andere Ängste nicht nur nicht gemeinsam, vernünftig, menschlich und politisch (das heißt wirksam) angegangen, sondern negiert und oft sogar befeuert werden.

Ich bin sehr dafür, dass sich Menschen, gleich welcher Nationalität, für Fairness und Mitmenschlichkeit zusammenschließen, was nichts zu tun hat mit „Gleichmacherei“, ein beliebtes, aber unhaltbares Argument der neuen Rechten.

http://www.zdf.de/ZDF/zdfportal/programdata/befc0476-9f54-36cb-bcb9-43012ec8ac62/7ddbbbc2-ff49-4799-b6ea-ff049a4f3b54?generateCanonicalUrl=true

Die „T.H.I.N.K.“-Fragen helfen auch hier. Man soll sich diese stellen, bevor man spricht; ich würde ergänzen: auch, bevor man Gedanken und Worte zu Taten werden lässt:

  1. Is it true? – Ist es wahr/wahrhaftig?
  2. Is it helpful? – Ist es hilfreich?
  3. Is it inspiring? – Inspiriert es?
  4. Is it necessary? – Ist es notwendig?
  5. Is it kind? – Ist es freundlich/human/menschlich?

Und sie sind hilfreich bezogen auf die Firmen und anderen Zusammenschlüsse und Äußerungen dieser Welt. Und wenn man nur bei einer Frage mit „nein“ antworten oder nur schon länger überlegen muss, gilt es (wenn man selbst die/der Agierende ist) noch einmal differenzierter nachzudenken, oder (wenn man etwas von anderen hört, sieht, liest oder sonstwie mitbekommt) seine Stimme einzubringen.

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Benennung und Inhalt, Fortsetzung

 

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Ich war einmal eine entschieden deutlichere Anhängerin der Europäischen Idee. Ich fand und finde es für das Zusammenwachsen der Welt nicht hilfreich, wenn selbst kleinste Staaten (wieder) souverän sein woll(t)en. Allerdings kann ich es nachvollziehen, wie gerade aktuell die Befürworter des ‚Brexit‘; ich kann deren Enttäuschung nachvollziehen; nein: ich fühle sie auch.

Der Nachteil einer zusammenwachsenden Welt ist sicherlich die schwierigere Organisation und Verwaltung, aber wo nicht von vornherein echte Fairness angestrebt wird, ist die Idee eben von vornherein zum Scheitern verurteilt. Sei es, dass Staaten auf unrealistische Art miteinander verglichen werden, sei es, dass im Grunde andere, undurchsichtige politische Interessen ein konstruktives Miteinander vereiteln.

Sebastian Köpcke sagt es in einem facebook-Posting vom 25. Juni 2016 so: „Nicht die Rechtspopulisten verraten die Europäische Idee, denn dafür haben sie sich noch nie sonderlich erwärmen können. Es sind die »Demokraten«, die handelnden Eliten, die Europa geopfert haben, weil sie klein im Geist und mit vollgeschissenen Hosen oder schlimmer noch aus kaltem Kalkül die Krise als Normalfall etabliert haben, um mit Angst vor noch mehr Krise und mit der moralischen Integrität einer osteuropäischen Hütchenspielerbande [sic] ihr politisches Geschäft zu betreiben. Ob beim Bau von Großprojekten wie dem BER oder Stuttgart 21, ob bei Bankenrettungen durch Steuerzahler, ob beim Abbau von Freiheitsrechten zur »Terrorabwehr«, ob bei der Endlagerung ganzer Bevölkerungsschichten in staatlich organisierter Armut, ob bei der Endlagerung ganzer Länder in europäisch verwalteter Armut, ob bei einer Außenpolitik, die die eigenen Sicherheitsinteressen hintertreibt und Krieg zum Friedensdienst umdeutet, ob bei einer Friedenspolitik, die Tod, Elend und Millionen von Flüchtlingen produziert, die man sich dann mit Geld und Militär vom Halse hält – als Bürger kann man all das nur noch als irrational, gefährlich, undemokratisch und schlicht kriminell empfinden. Die europäischen Rechtspopulisten erfüllen bei all dem eine wichtige Funktion, denn sie treiben die Zweifler und die Wankelmütigen immer wieder zurück an die Seite der »Demokratie- und Wertewahrer« … Die dummen Briten auf dem flachen Land haben nun einen Akzent gesetzt, der eine Zäsur bedeutet und Europa in eine weitere Krise stürzt. Allerdings ist nicht zu befürchten, dass dies bei den Verantwortungsträgern in Resteuropa tatsächlich zu tieferen Einsichten führt, denn Schuld haben immer die Anderen und Krise ist ja ohnehin ihr alltägliches Geschäft.“

Wenn Zweifler meinen, dass mehr direkte Demokratie mehr Chaos bedeutete, weil auch uninformierte, politisch uninteressierte Menschen dann komplexe Sachverhalte mitbestimmten, ohne die Tragweite zu erfassen, dann muss ich ihnen einerseits zustimmen. Andererseits sehe ich wie Sebastian Köpcke und viele andere kein gesteigertes Interesse seitens der Politik am wirklich mündigen Bürger. Wie kann man ohne echte Transparenz Mitdenken und Mitsprache erwarten? Gar nicht; man kann nur besonders gut ausnutzen, die Menschen mit Hilfe geschickter Demagogie lediglich auf der emotionalen Ebene anzusprechen und so bestimmte Ergebnisse lancieren. (Perverserweise findet das in manchen Ländern schon für Kindesalter statt – in meinen Augen ein Verbrechen am jeweiligen Kind und an der Menschheit.)

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„Statt der nackten Gesprächsergebnisse zwischen Lobbyisten, statt bloßer Verkündung von Regierungshandeln brauchen wir Einblicke in die Prozesse. […] und wir brauchen dafür den vielfältigen Sachverstand der unterschiedlichsten Mitglieder dieser Gesellschaft.

[…]Erklärungen, die keine Prozesse, sondern druckbare Überschriften vermitteln, sind verbales Fastfood. Und warum erklärt die Bundesregierung nicht regelmäßig im Fernsehen, an welchen Fragen sie arbeitet, auf welche Lösungsmöglichkeiten sie baut, welche Modelle und deren Risiken sie gegeneinander abwägt?“ fragt Adrienne Goehler in ihrem lesenswerten Buch „Verflüssigungen“, bereits 2006 im Campus-Verlag erschienen.

Carsten Hueck schreibt in seiner Kritik dazu (http://www.deutschlandradiokultur.de/gegen-den-politischen-stillstand.950.de.html?dram:article_id=134214 ) von einem Widerspruch, den er bei der Lektüre empfunden hat: „Wenn der Sozialstaat die ‚kreative Klasse‘ hervorbringt, die beispielhaft für eine zu schaffende Kulturgesellschaft sein soll, kann er so schlecht oder unbrauchbar doch nicht sein?“

Für mich gibt es keine einheitliche „kreative Klasse“ in unserem Staat, eher dieses „unbestimmte Gefühl der Differenz“ (Adrienne Goehler). Die Autorin fängt den vermeintlichen Widerspruch gleich in ihren Vorbemerkungen auf: „Das Buch wendet sich auch an die Gruppe, die der amerikanische Sozialwissenschaftler Richard Florida die Kreative Klasse nennt, zu der die oben genannten alle gehören oder gehören könnten. Alle zusammen, auch wenn sie noch kein umfassendes Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickelt haben, sondern sie ein eher unbestimmtes Gefühl der Differenz vereint, sind nicht ein paar vereinzelte AbweichlerInnen vom Mainstream, sondern wir reden hier mittlerweile von einem beachtlichen Teil der Bevölkerung, der auf 20 bis 25 Prozent zu schätzen ist.“

Hueck schreibt: „Nach Goehler sind Kulturschaffende die Avantgarde einer neuen Arbeitswelt. Ein zweischneidiges Kompliment. Denn das Bild des Künstlers als ‚flexibler Mensch‘ ist nicht weit entfernt von neoliberalen Vorstellungen – die eben doch wieder ökonomische Effizienz vor Sinnstiftung im Auge haben und den Menschen letztlich als Material betrachten.“

Goehler sagt auf Seite 28: „Neoliberalismus und Neokonservatismus mit ihren Altideologien des Jeder-ist-seines-Glückes-Schmied sind keine Alternativen zum zerfallenden Sozialstaat, denn sie beschränken sich auf die phrasenhafte Forderung, die Einzelnen sollten ihre ‚Freiheit‘ wahrnehmen und Eigenverantwortung zeigen. Alle kennen den Subtext: Es geht darum, anderer Leute Gürtel enger zu schnallen und das Ehrenamt als Kitt für die Risse im Sozialstaat zu bemühen. Verändert wird so gar nichts, weil von den Einzelnen eine reparierende, eine kompensierende Übernahme für fehlende staatliche Verantwortung gefordert wird. Es fehlt, dass die Einzelnen an den Entscheidungen darüber beteiligt sind, was eigentlich das Soziale in dem Land, in dem sie leben, ausmachen soll und was ihr Beitrag dazu sein könnte.“

Und eben nicht nur das Soziale. Was soll miteinander leben überhaupt ausmachen, im Kleinen wie im Großen?

Wir können an der Beantwortung der großen Fragen doch nur teilnehmen, wenn wir „in unserem Kleinen“ zu reflektieren gewohnt sind. Indem wir uns der direkten Umstände um uns und unsere Mitmenschen bewusst sind. Wie möchte ich leben? Sind meine Werte mit der Freiheit meines Gegenübers (auch desjenigen, der auf einem anderen Kontinent lebt) vereinbar? Wie geht es mir gerade? Sind die Voraussetzungen so, dass ich meine Vorstellung von „leben“ umsetzen kann? Was kann ich dazu beitragen, dass auch das Leben anderer besser wird? Was ist das für mich: ein „gutes“, ein gelungenes Leben? Und: ist es nicht nur spannend zu erfahren, sondern sogar unerlässlich zu wissen, was mein Gegenüber darunter versteht?

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Man kann jedes System fair oder unfair gestalten. Wie das Kind heißt, ist nebensächlich, wenn es sich asozial oder deviant verhält. Aber: alle Begriffe sind so oder so zu füllen. „Ein von der anerkannten gesellschaftlichen Norm abweichendes Verhalten“ (Wikipedia) kann in höchstem Maße „sozial“ sein: gemeinnützig, hilfreich – wenn das anerkannte gesellschaftliche Verhalten ins A- oder Antisoziale kippt.

Inhalt ist wichtig.

Wie fülle ich eine Sache, einen Begriff? Du kannst die geschlechtergerechteste Sprache haben – ändert sich nichts im Denken und dann im Verhalten der Mitglieder einer Gesellschaft, hilft alles nichts. Das bedeutet nicht, dass sich so etwas nicht bedingt; natürlich tut es das, und ein sensibler Umgang mit Worten fördert und fordert die Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Inhalt. Aber ich glaube auch, dass der Krieg auf den Nebenschauplätzen oft vom eigentlich Wichtigen ablenkt.

Wie fülle ich Begriffe wie „Europa“, „Gleichberechtigung“ oder „Kunst“? Geographische Bezeichnung oder eine Idee des Zusammenlebens? Ein schönes Wort oder eine Idee des Zusammenlebens? Das, was im Museum hängt oder eine Idee des Zusammenlebens? Was bedeutet „Kreativität“, was „Demokratie“, was „Verantwortung“? Wovon bin ich da eigentlich Teil? Wie nehme ich eigentlich teil? Nehme ich teil?

So, wie ich glaube, dass es Kunst für alle Menschen geben sollte, die sie sich in ihrem Leben wünschen, so denke ich, dass es gut ist, sich als alle Menschen zusammenzuschließen: für ein kreatives und faires Miteinander, nicht nur europaweit.

 

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Der goldene Mittelweg

Erstmals vom „goldenen Mittelweg“ gehört habe ich vermutlich damals von meiner Mutter. Als Kind und Jugendliche war ich lange ohne bestimmte Meinung dazu, obschon natürlich durch die Erziehung meiner Eltern geprägt. Aber erst in den letzten Jahren weiß ich diesen goldenen Mittelweg bewusst zu schätzen.

Was ist am „Mittleren“ schon Besonderes, fragt man sich wohl unbewusst in seinem ersten Lebensdrittel (das sich durch die Jahre ja erst als solches herausstellt und dadurch in Abgrenzung erlebt wird zu dem, was schon war oder was noch kommt). Kinder und sehr junge Leute sind meist kein Fan vom Mittelweg. Und später werden die als in der Mitte des Lebens empfundenen Jahre – also die nach dem ersten bewusst empfundenen Drittel – manchmal als schwierig erlebt: man sucht sich vielleicht neu und findet sich nicht sofort… Midlife-Crisis… schon wieder ist die „Mitte“ unbeliebt.

Das Mittlere von drei Kindern ist weder das Älteste, das die meiste und längste Aufmerksamkeitsspanne abbekommt, noch das ewig niedliche Nesthäkchen. (Dass dieses familiäre Dazwischensein ebenfalls schwierig sein kann, musste ich mir als ältere Schwester in einer Zweier-Geschwisterbeziehung von anderen erzählen lassen.) Auf einer Feier sticht bei den Frauen meist die mit den hellsten Haaren heraus oder die mit den dunkelsten, bei den Herren der größte oder kleinste. In Klassenräumen erinnert man sich noch nach Jahrzehnten an den Schlauesten und an den, bei dem der Groschen immer erst später fiel. Die mit der extremen Haltung bleiben länger im Gedächtnis als die mit der ausgewogenen, der Laute, die „Rampensau“ wird eher erinnert als die Leise, es sei denn, es ist die leiseste und schüchternste Person, die einem je begegnet ist. Oder man kämpft mit Klischees: „Für eine Frau ist sie aber ziemlich…“, „Für einen Mann ist er aber ziemlich…“, wobei die Sprecher meist nicht bedenken, dass sie gerade einen Menschen in eine Schublade zurückstopfen, aus der er sich ihnen durch sein Unerwartetes entgegenreckte.

Es ist wohl menschlich, dass wir das bevorzugt wahrnehmen, was sich uns aufdrängt. Genau so, wie viele von uns einfache Lösungen bevorzugen. Daneben denken und gucken ist mühevoll. Es kostet manchmal Anstrengung, sich ein Urteil zu bilden und dieses Urteil jederzeit revidieren zu können, es kostet manchmal enorme Anstrengung, das – sich – zu erklären. Derzeit fällt es schwer, zu erklären, warum man gleichzeitig gegen Terror und die Methoden eines Überwachungsstaates sein kann; warum man gleichzeitig jedem Flüchtling helfen möchte und die Politik Merkels trotzdem nicht gutheißt.

Ich möchte keinen extremen Standpunkt einnehmen müssen, um gehört zu werden, oder herausragend aussehen, um sichtbar zu sein. Ich möchte nicht von Menschen geführt werden, die einer Parteiräson unterliegen, sondern von den vernünftigsten, die wir haben, die weder nur auf sich noch nur auf andere achten. Ich möchte das Beste aus Sozialismus und Kapitalismus, das Beste aus etabliert und independent.  Es geht nicht um Etiketten oder Benennungen, sondern um Inhalte. Ich möchte privat mit Menschen zu tun haben, die mir immer wieder neu begegnen; auf die ich mich verlassen kann, aber die sich trotzdem verändern dürfen, denn auch das ist kein Widerspruch. Und ich möchte selbst so ein Mensch sein dürfen.

Es gibt nicht nur Juwelen oder Modeschmuck, nicht nur Arte oder RTL, nicht nur schwarz oder weiß.

Im Programm PULS des Bayerischen Rundfunks, das als Webradio vorrangig für die jüngeren Zuhörer konzipiert ist, heißt es dazu unter dem Hashtag „mehrgrau“:

„Wir brauchen das langweilige Abwägen. Klar: Mittelmaß ist unpopulär. Das bekommt auf Facebook keine Likes. Das wird nicht retweetet. Dafür wird man auf keiner Party gefeiert und in keine Talkshow eingeladen. Aber genau das ist es, was uns hier so verdammt gut leben lässt.“

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Ein Mensch fragt auf Facebook „What is the purpose of life?“ Was ist der Sinn des Lebens? Für mich ist das nicht nur eine Sache, an der es dann hängt, ob das Leben gelungen oder missraten ist. (Sowie es keine durchweg gelungene oder komplett missratene Leben gibt; Krieg oder Krankheit von der Wiege an jeweils ausgeschlossen, Geschehnisse und Schicksale, die uns bisher nicht Betroffene den Kopf immer wieder zurechtrücken können.) Es muss nichts Spektakuläres passieren, ich muss es nur für mich als sinnvoll erachten. Ich verleihe Sinn, jeden Tag neu. Dazu gehört, dass ich alles versuche zu sehen und zu hören, was mir begegnet, um mich dazu in Relation setzen, mich mit den Dingen verbinden zu können. Es wäre ein Wunder, wenn ich alles sofort und glasklar einsortieren könnte. Es wäre fatal, wenn ich das auch nur versuchen würde.

Alles und jeder muss individuell angeschaut werden, immer, mit all seinen Facetten.

Genau so funktioniert auch Kunst.

 

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Lesenswert!

Neues Jahr, neue Reihe. Meine Gespräche zur Kunstvermittlung

 

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