Selbstmotivation

„Selbstmotivation“ klingt aufgesetzt, angestrengt, so, als müsste man immer wieder mühevoll einen neuen Anlauf nehmen. Es wird Situationen geben, in denen es sich genau so anfühlt, und es wird bestimmt Menschen geben, für die sich das immer so anfühlt.
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Als ich letztens bei Freunden war, lag da eine Zeitschrift aufgeschlagen, und die Worte Markt und Künstler sprangen mich an. Da die Freunde kurzzeitig anderweitig beschäftigt waren, begann ich den Artikel anzulesen, aber viel Zeit wollte ich mir dafür dort nicht nehmen, und so fotografierte ich ihn ab. Die Titelzeilen habe ich nur halb im Bild, da mir der Name des Autors wichtig war: Tim Sommer.

Der Chefredakteur des Kunstmagazins „art“ beschreibt in dem Artikel des Magazins „dbmobil“ auf eindrucksvolle Weise, wie der Weg eines Menschen aussieht, der beschließt, Künstler zu werden. Er lässt nichts aus: „prekäre, konjunkturabhängige Tätigkeit“, „schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, „zweifelhaftes Sozialprestige“ sind die Beschreibungen schon im ersten Absatz, einer fiktiven Stellenbeschreibung.

„… der berufsmäßig Andersdenkende, der Lieferant für Alternativen“ startet mit etwa 4999 Mitstudenten jährlich in Deutschland, „macht 50000 Konkurrenten in den nächsten zehn Jahren.“ Er oder sie erprobt Techniken, redet viel und lernt zumindest sich selbst mit „Glück“ „sehr gut kennen“. „Regeln, nach denen eine Arbeit nachvollziehbar als gut oder schlecht bewertet werden könnte“, gibt es nicht.

„Ihr Werk bedeutet nichts, gilt nichts, hat keinen Preis, solange es im Atelier schlummert. Zur Kunst wird ein Gegenstand erst, wenn er durch die Betrachtung Sinn und durch die Diskussion darüber eine Stimme bekommt – frei skalierbar von Ihrem Bekanntenkreis bis zur Weltpresse.“

Nachdem man die 30 überschritten hat, wird es eng mit Atelier-Programmen, Stipendien und Förderpreisen. Es wird schwierig für jemanden, der bis dahin keine Galerie hat, die für ihn mitarbeitet, wobei der Name der Galerie den „Rang“ des Künstlers zum Großteil mit ausmacht.

„Vorausgesetzt, Sie sind wirklich zeitgemäß, fleißig und umtriebig, jetzt in Ihren besten Jahren, dann wird Sie der kreisende Suchscheinwerfer der Geltung hoffentlich treffen. Garantiert ist das keineswegs.“ Wer es bis dahin geschafft hat und auf einem großen Festival, einer Biennale oder der Documenta (weiter) entdeckt wird, kann bald schon wieder im Nebel verschwinden, „weil sich selbst die Berufsauskenner unmöglich alles in ihr Langzeitgedächtnis schaufeln können, was die globalisierte Kunstmaschine wichtig macht.“

Je älter man und frau wird, desto schwieriger wird ein würdevoller Aufenthalt auf dem offiziellen Kunstparkett dem, der unentdeckt bleibt, und kommt es zu später „Wieder- oder Erstentdeckung“, „[schämt] sich [der Kunstbetrieb] dabei nicht ein bisschen seiner Ignoranz durch Abgelenktheit in der Zwischenzeit“.

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Ich habe dieses Beschriebene wohl früh in meinem Leben befürchtet, so dass Kunst für mich nie als „Beruf“ in Frage gekommen wäre; ich habe nie auch nur im Traum mit dem Gedanken gespielt, ein Kunststudium zu beginnen. Vor zehn Jahren habe ich mir den Streit zwischen „Hobby“- und „Berufs“künstlern beherzt und emotional von der Seele geschrieben, ohne jede Rücksicht auf leichte Lesbarkeit 😉 (http://www.sabinepint.de/diskussion.htm).

Immer war in mir der augenscheinliche Widerspruch: wie leben denn die anderen ihre Kreativität? Versteckt? Denn ich kannte von allen, die zwar von Hause aus und teilweise langjährig kreativ waren, nur ein verschämtes ‚ich schreibe ja auch ein bisschen‘ oder ein ‚manchmal male ich auch‘, wenn sie es nicht auf dem „offiziellen“ Weg taten. Aus Sorge, sich zu outen, weil man ja nie und nimmer so „gut“ wie irgendein Ausstudierter sein könne.

Später, als Quereinsteiger in allen möglichen Bereichen Normalität wurden und/oder man immer mehr davon mitbekam, stieg das Selbstbewusstsein mancher Betroffener, aber längst nicht bei allen. Und in mir blieb immer dieser Widerspruch.

Nur: ich wollte mich ihm nicht beugen. Zeigte ein Bild mit 16 und las meinen Text mit 20 vor einem fremden Berliner Publikum. Dachte nicht, dass ich jetzt bekannt würde, sondern lebte genau so weiter: malte weiter, stellte ab und an aus bei dem, der das auch wollte, begann zu bloggen, nachdem ich nicht mehr belletristisch schrieb. Sah und sehe alles als Angebot, das man auch ablehnen kann, genau so, wie ich Dinge ablehne, wenn ich sie gerade nicht „suche“. Kunst ist in meinem Leben; sie ist ein Ausdrucksmittel, eine Sprache mehr, in der ich Kontakt pflegen kann.

Wenn sich Menschen fragten, wie ich motiviert bleiben kann, dann wäre meine Antwort, dass ich mir das nicht aussuche. Mich über Kreativität auszudrücken strengt mich nicht an, sondern ist mir ein Bedürfnis. Ich warte dabei auf nichts. Ich halte es mit Wilfried Schmickler, der in den letzten „Mitternachtsspitzen“ sagte „Leben wir öffentlich!“ und dabei nicht meinte, sich immer und überall selbst gläsern zu machen, sondern zu Haltung aufrief, wie er es meistens tut.

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„Die Welt der Kunst ist der letzte große Freiheitsraum, den die durchrationalisierte Gegenwart zu bieten hat. Eine wunderbare Nebenwelt, die uns die Wirklichkeit verstehen lehrt, indem wir sie verlassen. Hier begegnen wir den extremsten Gestalten, den verstiegensten Ideen, den zartesten Empfindungen und den brutalsten Erkenntnissen, der vollendeten Schönheit und vollendeten Hässlichkeit. Wer sich dieser Zumutung aussetzt, wird sich dabei verändern.“ (Tim Sommer)

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Schwierig und schön

Ich bewege mich, was „Kunst“ oder meine Kreativität angeht, zugleich in schwierigen und schönen Verhältnissen.

Inspiriert durch ähnliche Äußerungen so mancher KreativkollegInnen komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass wir doch beinahe alle unsere diesbezügliche Tätigkeit selbst gewählt haben und sie „abwählen“ könnten, wenn wir wollten, gerade, wenn wir es als eher schwierig empfinden.

Warum also wollen wir das nicht oder bisher nicht?

Um direkt zu Anfang dem klassischen Missverständnis vorzubeugen: es geht mir auch in diesem Text nicht darum, uneingeschränkt für Gratisarbeit zu plädieren. Jeder darf jeden ihm angemessen erscheinenden Preis verlangen und bekommen; jeder darf für alles bezahlen, für das er bezahlen mag und wieviel er mag.

Mir geht es um den nicht zu unterschätzenden und kaum zu bezahlenden Wert, seine endliche Zeit für etwas zu geben, das einen inspiriert, befeuert, nährt.

Wir alle sind gefangen im selben System: es wird nur denen „erlaubt“, gut zu leben, die einer gesellschaftlich anerkannten „offiziellen“ Arbeit nachgehen, und das selbstverständlich in Vollzeitbeschäftigung. Alle anderen schmarotzen; sie dürfen sich gerade so über Wasser halten können; gut gehen darf es ihnen in keinem Fall. Darauf ist alles aufgebaut. Statt zu sehen, dass das System nicht mehr funktioniert, immer mehr Menschen das Stigma des Schmarotzers tragen und also aktiv nach neuen Wegen zu suchen oder sich bereits andeutende Wege (Stichwort Bedingungsloses Grundeinkommen) wirklich einmal auszuprobieren, treten viele eine egoistische Flucht nach vorne an. Selbst da, wo es wenig Nachfrage gibt oder ein kaum regulierter Markt eine gewisse Fairness nicht zulässt, wird an dem Modell festgehalten: ich habe Arbeit investiert -> ich biete dieses an -> du hast es nun zu kaufen, denn ich möchte/muss von diesem Geld mein Leben finanzieren.

Freiheit geht anders.

Dass es auf dem Kunstmarkt nach diesem Modell nur für Wenige funktioniert, ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits zeigen die dortigen Unsummen eigentlich für jeden deutlich an, dass es um tatsächlich greifbare Werte wie z. B. den Materialwert – und dadurch garantiert eine gewisse Vergleichbarkeit und Fairness – in keinem Fall mehr geht. Dass die Börse-wertvollen Schätze in Kellern, Bunkern und Safes lagern, weil sie nicht in erster Linie wirken und Betrachter (unmaterialistisch) bereichern sollen, sondern nur die Besitzer (oft rein materialistisch), scheint einigen nicht zu helfen, die Sicht auf diesen Markt gerade~ und daher vielleicht von ihm abzurücken. (Oder auch Berichte wie „Ist das ein Museum oder ein Konzern“ von Lars Jensen, erschienen im Feuilleton der Online-FAZ am 01.05.2015.) Im Andererseits hadern sie stattdessen mit „der Kunst“, wenn sie nicht von dem ja riesig erscheinenden Kuchen wenigstens ein paar Krümel abbekommen.

Dass sich nicht Dutzende Anwälte oder Ärzte auf engstem Raum tummeln, hat seinen Grund. Ein neu zugelassener Arzt in Selbstständigkeit wird sich einen Praxisplatz suchen, der es ihm zumindest nicht unnötig schwer macht, einen Patientenstamm aufzubauen, oder er übernimmt eine bestehende Praxis und damit oft auch die Patienten. Entweder es funktioniert oder nicht, aber kein Arzt wird ausbleibende Patienten für ihr Fernbleiben verantwortlich machen. Es kann viele Gründe haben, warum es nicht funktioniert, und liegt es nicht an der Unfreundlichkeit oder dem Unvermögen des Arztes, kann er Vergleiche mit Kollegen anstellen, um eventuelle Änderungen vornehmen zu können. Diese Vergleiche machen durchaus Sinn, bevor er nach langen Studienjahren sonst vielleicht zu früh aufgibt. Denn ganz oft ist es eine reine Standortfrage, hat also mit Wollen und Können des Berufes an sich im Grunde nichts zu tun.

Wie aber vergleicht man Künstler? Gibt es da „Standortfragen“? Selbst Maler untereinander unterscheiden sich in nahezu allem, bis hin zur Persönlichkeit, die die Quelle all ihres Schaffens ist. Und wenn man zurück geht bis zu dieser Quelle… – welchen Sinn machen Vergleiche dann? Aber umgekehrt: wie will man ohne mögliche Vergleiche einen fairen Arbeitsmarkt schaffen? Und ohne die eventuell (und wegen der „Geschmacksfrage“ und des Überangebotes für einige sicher) ausbleibenden Käufer für ihr eventuelles Ausbleiben verantwortlich zu machen? In meinen Augen ein Ding der Unmöglichkeit, außer man zahlte allen eine Pauschale, in dem Fall: allen, die malen. Auweia…

… mit dem „Auweia“ geht es auch weiter: nicht nur allen, die malen, sondern jeder Person, die sich in irgendeiner Form künstlerisch betätigt, sei es singend, tanzend, musizierend, bildhauend, schauspielend, schreibend,… und zwar ohne Kriterienkatalog oder Auflage. Denn jeder würde aus seiner Persönlichkeit heraus arbeiten, und dann hätte es nun mal keinen Sinn, jemandem zu sagen, dass seine düsteren Bilder derzeit nicht so angesagt sind… oder wahlweise seine kitschigen… Oder dass die eine Musik zu schrill und die andere zu brav sei… Oder die eine kreative Person zu jung, um schon ein „vollwertiger und ernst zu nehmender“ Künstler sein zu können und die andere zu alt, um es noch sein zu können… Und ebenfalls sinnlos wäre es, die eh unvergleichbaren Personen dann noch zu unterscheiden in solche mit Zertifikat und solche ohne…

Grenzen zu ziehen und dabei fair, objektiv zu bleiben ist schwer. Im kreativen Bereich ist es nahezu unmöglich. Ich glaube nicht, dass es, abgesehen von tatsächlichem handwerklichen Geschick und Ergebnissen, die jeder als gelungen würdigte, jemals etwas Objektives in der Kunst gab, und also auch nichts objektiv Besseres als etwas anderes, oder ein „gültigeres“ Urteil als ein anderes. Immer würde durch eine Grenze etwas verhindert, das irgendjemandem, wenn auch nicht materialistisch, so doch wertvoll ist. Dessen Einschätzung, dass es wertvoll ist, weil es ihm wertvoll ist, wird als „nicht ausreichend kundig“ abgetan. Die „ausreichend Kundigen“ sind es nicht gottgegeben, sondern es sind diejenigen, die in einem menschengemachten System, das wie alle Systeme zum Selbsterhalt neigt, die Definitionsgewalt errungen haben (oder sich ihr unterwerfen), denn auch diese fällt niemandem zu. Wer einmal diese Macht hat, möchte, wenn er schon abtreten muss, diese an jemanden weitergeben, der in seinem Sinne denkt und handelt. So hinterfragt sich ein System selten oder nie, und Menschen, die teilhaben wollen, passen oder passen nicht. Oder sie wollen gar nicht erst teilhaben oder passen. Sowohl als Autoren als auch als „offiziell kundige“ Rezipienten nicht. Sie wollen weiterhin auf Augenhöhe kommunizieren und auf sich selbst vertrauen, wollen sich weiterhin bei jedem Ding fragen: „Was hat es mit mir zu tun?“, egal, ob dieses Ding ihnen in einem Museum oder auf der Straße begegnet. Egal, von wem es stammt.

Aber müssen die, denen es nicht wichtig ist, zu „passen“, auf ein ganzes Thema als das ihre verzichten, durch das sie inspiriert sind, befeuert und seelisch genährt, nur, weil andere es auserkoren haben, einen Rummel drum herum zu errichten? Nur, weil ein paar behaupten, es gäbe keine Alternative zu diesem „Passen“ ins System…?

Wer will mir Qualität absprechen, für die es keine allgemeingültigen Kriterien gibt, wer möchte mir meine Definition absprechen, dass man Kunst entweder nicht erschaffen kann, weil diese im Dialog zwischen Arbeit und Betrachter geschieht, sich ereignet, oder dass alles, ohne Ausnahme, Kunst ist, was Kunst sein soll, weil es sich bei der Bezeichnung nicht um ein Qualitätsurteil, sondern um ein Betätigungsfeld handelt, in dem Menschen für Menschen Gefühle, Gedanken, Ansichten transformieren, um noch eine andere Ausdrucksform als nur die Sprache zu haben? Wer will mir „die Kunst“ absprechen?

Muss ich den Moden der Zeiten gehorchen, muss ich allen, muss ich überhaupt „gefallen“, wenn ich kreativ arbeite? Nein. Aber wie bei der Reaktion auf den unfreundlichen Arzt werden auch in meinem Fall einige mit meiner ART klarkommen und andere nicht. Wenn meine Erzeugnisse nicht dem Massengeschmack entsprechen, ob gewollt oder ungewollt, werden sich auch Menschen gegen sie entscheiden, sie nicht mögen. Mächtige Leute des Systems werden sie schon ohne weitere Betrachtung ablehnen, werden schon bei meinem unbekannten Namen abwinken. Wie sinnvoll wäre es für mich, unbedingt in ein System passen zu wollen und soviel Energie in diese Bemühung zu stecken, wenn ich doch einfach nur kreativ arbeiten will?

Viele andere bekommen die Möglichkeit, Geschichten zu erzählen, die beworben und dadurch gekauft werden. Sie sind nicht besser, sondern beworbener. Denn es gibt auch da nicht in erster Linie „gut“ und „schlecht“, sondern eher „interessiert mich gerade“ oder „interessiert mich gerade nicht“. Was hat jemand, der beworben und gekauft wird, davon, dass seine Geschichte nach einem Hype eventuell genau wie meine in einem Regal verstaubt oder – nie wieder angeschaut – auf einer Festplatte Speicherplatz beansprucht? Vor der Zeit sind wir alle gleich.

Es geht darum, sich im Leben zu verschwenden, weil es sowieso vergeht. Alle, die warten wollen und dafür gute Gründe haben, dürfen von mir aus warten, auf Menschen, auf Geld. Ich habe mich ganz persönlich dazu entschlossen, mich zu verschwenden.

Aber manchmal passiert es trotzdem – und ist daher umso wertvoller –, dass Menschen einen finden und in jeder Hinsicht honorieren, was man schafft. Ich bin sicher, dass sie dann nicht in erster Linie die Geschäftsfrau buchen, sondern mit einem authentischen begeisterungsfähigen Menschen zusammenarbeiten möchten, bei dieser Zusammenarbeit es um gegenseitiges Inspirieren und Beflügeln geht. „Gute Arbeit findet Sie“, sagt Harriet Rubin in „Soloing“, und daran glaube ich.

Denn es geht mir um den nicht zu unterschätzenden und kaum zu bezahlenden Wert, seine endliche Zeit für etwas zu geben, das einen inspiriert, befeuert, nährt.

Das sind die „schönen Verhältnisse“. Von „einfach“ hat niemand was gesagt.

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„Die Arbeit fällt ja nicht so nach und nach weg, sondern in ihrer Krise erhöht sich paradoxerweise der Druck, den sie auf die Gesellschaft ausübt. Deshalb braucht es soziale Bewegungen, die den Zwang in Frage stellen, sich täglich als Arbeitskraft verkaufen zu müssen, um leben zu können. Nur so kann der Weg freigemacht werden für freie gesellschaftliche Tätigkeiten ohne äußeren Zwang.“

[Der Ökonom Norbert Trenkle im Interview mit der Frankfurter Rundschau, 2015]

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Kunst und Philosophie, Teil 1

Kunst und Philosophie, Teil 1

Erwachsen aus der Erfahrung so mancher KreativkollegInnen sowie meiner eigenen komme ich zu dem Schluss, dass Kunst mit Philosophie mehr gemeinsam hat, als einige vielleicht annehmen werden, und mehr als mit irgendeinem anderen Fach oder einer anderen Wissenschaft. (Warum und dass ich es schwierig finde, Kunst zu einem Studienfach gemacht zu haben, was suggeriert, man könne es studieren und „könnte“ dann „Kunst“, habe ich schon mehrfach hergeleitet und beschrieben und vernachlässige es an dieser Stelle.)

Die Wikipedia schreibt zum Stichwort „Empirie“ Folgendes: „Auch philosophische Reflexion, die nicht streng logisch-formalen Kalkülen folgt, wird meist nur durch bloßes Nachdenken oder Spekulation vollzogen; empirische Beobachtungen werden hierzu bewusst nicht herangezogen.“ Jedenfalls gibt es auch in der Kunst keine wirklichen messbaren Ergebnisse, keinen Versuch, um herauszufinden, wie, auf wen und wann Kunstwerke „wirken“. Und auch kein „trial and error“, um von einem Punkt a zu einem Punkt b zu kommen und damit dann „fortgeschritten“ zu sein im Sinne einer vorher angestrebten Entwicklung. In der Kunstgeschichte wird nur rückblickend erklärt, und nur in der Rückschau sieht man eine Entwicklung entlang eines „roten Fadens“ – oder meint das zu sehen. Fragte man die vielen, vielen zu ihren Lebzeiten verunglimpften Künstler oder könnte das noch, würden einige davon die heutigen Experten, die sie als bahnbrechend und wegweisend über den grünen Klee loben, sicher am roten Faden aufknüpfen wollen…

In der Kunstgeschichte oder auch Kunstwissenschaft werden immer nur in der Rücksicht Zusammenhänge „verstanden“, wobei dieses „Verständnis“ nicht ein allgemeingültiges Begreifen ist, sondern Ergebnis von Verhandlungen im Kunstsystem, auf dem Kunstmarkt. Es handelt sich also um kein Verständnis, mit dem man außerhalb des „Systems Kunst“ etwas anfangen kann. Solange man Museen für jeden Besucher öffnet (und hoffentlich bleibt das so!), gleich welchen Alters, gleich welchem Bildungsweg er gefolgt ist, gleich welchen Geschlechts und gleich, woher er stammt, solange dürfen Menschen meines Erachtens – selbstverständlich auch außerhalb von Museumsmauern – Kunst genießen und ihr Verständnis einsetzen, sich fragen: „Was hat es mit mir zu tun?“

In der Philosophie gibt es den Königsweg auch nicht, weder in der akademischen noch in der „Stammtisch“-Variante. So wird z. B. unterschieden zwischen westlichen und östlichen Anschauungen, die sich schon in den Grundsätzen so stark unterscheiden, dass sich das Denken von Kindesbeinen an ebenfalls unterscheiden muss.

In der Kunst ist mein Lieblingsbeispiel meine Erfahrung mit Vorder- und Hintergrund beim Malen/Zeichnen eines Bildes. Die westlichen Schulen lehren, den Vordergrund heller zu malen, damit er sich deutlich vom dunkleren Hintergrund abhebt und dadurch eben als Vordergrund erscheint. Das funktioniert. In der asiatischen Tuschezeichenkunst wird gelehrt, den Vordergrund dunkler zu gestalten als den Hintergrund, damit er sich deutlich vom helleren Hintergrund abhebt und dadurch als Vordergrund erscheint – und auch da sehen die meisten Menschenaugen das Bild so, wie es vom Maler „gemeint“ ist: sie erkennen Vorder- und Hintergrund „richtig“, egal, woher sie stammen. Selbstverständlich spielen auch Perspektiven und Größen der dargestellten Objekte eine Rolle, aber trotzdem: wie kann das sein? Es kann nur damit zusammenhängen, dass trotz gegensätzlicher Herangehensweisen eine Schlüssigkeit hergestellt werden konnte, eine Stimmigkeit in sich.

Eins meiner Lieblingskapitel in Gert Scobel’s „Warum wir philosophieren müssen“ beschäftigt sich mit dem Phänomen des Widerspruchs. Er sagt, dass das griechisch-abendländische Denken unter anderem auf der Grundfeste beruht, dass mittels Erkenntnissen „zu absolut sicheren, gewissen Sätzen zu gelangen“ sei und dass diesbezügliche Unsicherheiten schlecht ausgehalten würden: „Ein Teil der Geschichte der Philosophie lässt sich als Kampf um Sicherheit beschreiben.“ Und wenig später: „Macht drückt brutal durch, was ihr das Wissen suggeriert – wobei dieses Wissen häufig ein Wissen wider besseres Wissen war und ist. Wer versucht, eine Sicherheit zu garantieren, die im Grunde angesichts der vielen drängenden und ungelösten Fragen nicht herzustellen ist, wird häufig die Grenzen der Menschlichkeit überschreiten. Anders formuliert: Es war und wird immer wieder möglich sein, gerade in unsicheren Zeiten Sicherheit herzustellen; die Frage ist nur, um welchen Preis.“

In der Kunst – gerade in der etabliert gelebten Variante – kommt es mir häufig so vor, als unterwürfe man sich einer Macht, die die Dinge „gesetzt“ hat – und hinterfragt sie dann nicht weiter. Wo die Kunst sich geöffnet hat, wo sie entgrenzt wurde, werden sofort Stimmen laut, die dadurch etwas in Gefahr sehen, etwas bewahren möchten… – aber was? Heraklit’s „Alles fließt“ hat da keine Chance; zumindest darf es für einige nicht ungesteuert fließen…

Ich frage mich seit geraumer Zeit schon bei fast allen Dingen, wodurch sie (die Dinge) den Menschen nutzen können, und zwar nicht einzelnen und nicht im materiellen Sinn, sondern auf eine abstrakte Weise allen. Ich frage mich das im Alltag, im Beruf, im Zwischenmenschlichen, auf die Wissenschaften bezogen… einfach ständig. Im Kunstbetrieb spielt Willkür eine große Rolle; das belegen mir viele Gespräche mit In- und Outsidern. Das „zur rechten Zeit am rechten Ort“-Sein, das Kennenlernen von Menschen, die einem die richtigen Türen öffnen… all das hat mit einer tatsächlichen Arbeit, mit einer tatsächlichen Leistung allenfalls peripher zu tun. Die Schwierigkeit, das als Willkür zu entlarven, besteht darin, dass vorher „Sicherheiten“ geschaffen worden sind, auf denen die Willkür dann legitim ruhen kann. Unser aller Aufgabe sehe ich darin, diese „Sicherheiten“ kritisch zu hinterfragen: wem nutzt was? Vielleicht werden viele der vermeintlichen Sicherheiten dann als Machtinstrument entlarvt, und Menschen erkennen die Manipulation und werden wieder kritischer und freier im Sehen.

„Den Geist und damit den Menschen zu befreien ist die vielleicht letzte Aufgabe von denken und philosophieren“ schreibt Gert Scobel in seinem Buch. Auf dem Weg zu dieser Freiheit könne helfen, die Brille abzusetzen, durch die wir erlernt und nun gewohnheitsmäßig sehen. „In indischen und buddhistischen Systemen sind über die Logik hinaus Verfahrensweisen – Handlungssysteme – entwickelt worden, die es, wie der Systemtheoretiker Niklas Luhmann formulierte, möglich machen, jemanden einerseits weiterhin in Kommunikation und wie im Zen-Buddhismus in eine entsprechende Verfahrensweise oder Übung zu verwickeln, ihn andererseits aber mitten in die Widersprüche und Paradoxien hineinzutreiben. Warum? Um ihn oder sie auf diese Weise zu einer Einsicht zu führen. Diese Einsicht hängt nicht mit einer neuen Erkenntnis zusammen, sondern damit, dem Betreffenden eine […] Erfahrung zu ermöglichen, die gleichsam vor der Akzeptanz des Nichtwiderspruchsatzes liegt. Auf diese Weise wird der Blick freigegeben auf das ‚Prä-differentielle’: auf das, was vor allen Differenzen liegt.“

Wie sieht die Welt aus, in der noch keine begrifflichen Differenzierungen stattgefunden haben? Scobel’s Frage führt mich zurück zur Kunst: gäbe es das „System Kunst“ nicht, hätte sich kein Kunstmarkt entwickelt mit seinen Begriffen und Definitionen, mit seinen Macht-gemachten „Sicherheiten“, hätte das vermutlich nicht die wunderbaren Bilder von Turner oder Caravaggio verhindert, es verhinderte keine Skulptur von Rodin oder Claudel oder dass Menschen geboren werden, bei denen ein Leben für ihren Ideenreichtum nicht ausreicht wie bei Orson Welles oder Walt Disney oder Charles Chaplin. Virginia Woolf wäre zur Welt gekommen und Margot Fonteyn, und die eine hätte schreiben wollen und die andere tanzen, und vermutlich hätte nichts das verhindern können. Wie würden ihre Fertigkeiten, ihre Künste auf uns wirken, wenn nicht ein Marktsystem sie uns auch, gleich einem Qualitätssiegel, nahelegen würde…? Würden wir sie wahrgenommen haben? Nehmen wir unsere Zeitgenossen als Kreative, als Künstler wahr, wenn sie Ähnliches „können“ oder tun, auch, wenn sie von niemandem beworben werden?

Ich sehe die Herausforderung zunehmend darin, dass wir bei gleichgeschalteten Medienmeldungen, bei einer Politik, die sich in erster Linie selbst erhalten möchte und erst in zweiter für ihr Volk eintritt (und auch das oft nur noch, damit es wiederum ihr nutzt), selbst mit denken. Dass wir uns Bandbreite erhalten und nicht soviel vorsortieren lassen. Dass wir für uns eine Philosophie entwickeln, jeder für sich. Dass wir innerlich frei bleiben, beweglich. Dass wir uns bei jedem Menschen fragen, was er oder sie uns eventuell sagen oder zeigen kann, das uns weiterhilft, uns weiterbringt auf dem Weg des Werdens bis zum Vergehen.

Ausblick: Kunst und Philosophie, Teil 2

wird sich beschäftigen mit dem Tetralemma, wie man vom Denken zur Erfahrung kommt und mit Aspekten, Aspektblindheit und Kippbildern – und wie das alles vielleicht mit Kunst zusammenhängt.

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Anleitung für das aggressionsfreie Rezipieren von Kunst

Derzeit beschäftigen mich vorwiegend zwei Dinge, mit denen ich ständig konfrontiert werde und die zwar getrennt erscheinen, aber unbedingt zusammengehören: die Abkehr sehr vieler Menschen von „Kunst“ oder ihr Gefühl, das Thema gar nicht erst näher an sich heran zu lassen und das Thematisieren einer fehlenden adäquaten Bezahlung von „Kunst“ derjenigen, die keine Megastars im Kunstbetrieb sind.

Und dieses Wort, Kunstbetrieb, setzt jetzt hier auch das Ende der Anführungszeichen um Kunst.

Ich stelle immer wieder fest, dass Kreativität, die jeder schon automatisch lebt, weil beinahe jeder Mensch auf die eine oder andere Weise kreativ ist, keine Aggression bei anderen hervorruft. Aus dieser Kreativität heraus kann Kunst entstehen, die andere Menschen berührt, bewegt im Sinne von „weiter denken lässt“, „neu denken lässt“. Das Entstandene muss nicht mal so benannt werden, damit es als auseinandersetzenswert auffällt – es fällt auf und wirkt, oder es wirkt nicht, und beides ist in Ordnung. Die Freiwilligkeit in der Begegnung ist das, was einem aggressiven Gefühl entgegenwirkt. Es mag auch ein Preis dran stehen, den ich sehen oder nicht sehen, den ich zahlen oder nicht zahlen kann. Alles macht noch kein Problem.

In dem Augenblick, in dem etwas aber von vornherein Kunst sein soll (so geht das etablierte Kunstsystem jedenfalls vor), indem eine Sache mit einem Etikett behängt werden soll, an die jeder Mensch ein anderes Etikett hängen würde, beginnt bei den Meisten der aggressive Reiz zu kitzeln. Wer das Gefühl kennt, sollte sich vielleicht fragen, was für ihn Kunst ist, und das möglich abstrakt beschreiben, ohne konkretes Beispiel. Also nicht: „Also DAS ist bestimmt KEINE Kunst, Fett in eine Ecke zu schmieren!“ oder: „Wenn etwas SO ist, DANN ist es für mich Kunst!“, sondern:

„Wenn ich,
ohne ein konkretes Beispiel benennen zu müssen,
Worte finden müsste,
was Kunst für mich ist,
dann wären es diese: …“

Dabei ist enorm wichtig, nicht an ein bestimmtes Kunstwerk zu denken. Ich gehe heute mit meinen Lesern jede Wette ein, dass jeder, der ernsthaft, sachlich, ohne Ironie, innere Abwehr oder besonderes Wohlwollen nach einer abstrakten Beschreibung für Kunst sucht, diese auch findet. Und ich kann beinahe versprechen, dass, wenn man sich diese Worte, seine eigenen Worte ins Gedächtnis ruft, sich danach alles ansehen kann, was irgendjemand kreativ erschaffen hat, und – wenn es nicht gedacht ist zu provozieren und sein Ziel erreicht – auch vollkommen ohne Aggression. Und ohne Kunst in „etabliert“ und „amateurhaft betrieben“ trennen zu müssen. (Man darf nicht ganz außer acht lassen, dass der etablierte Kunstbetrieb selbstverständlich weiter trennen wird; das muss er sogar, möchte er sich erhalten. Aber wir, die wir nicht zu ihm gehören und seinen Regeln nicht gerecht werden müssen, kön-nen frei gestalten, können frei betrachten.)

Selbstverständlich ist man nicht frei von Gefühlen oder Gedanken beim Betrachten. Also wäre der nächste Schritt, um weiterhin aggressionsfrei zu bleiben, sich zu fragen: „Was macht das gerade mit mir?“ oder: „Was hat es mit mir zu tun?“ Man kann ziemlich sicher sein, dass es auf keinen Fall geschaffen worden ist, um jemanden persönlich zu ärgern, also kann man auch locker möglichen Ärger zulassen… Und man findet etwas über sich selbst heraus, sieht eine neue Facette seiner selbst, lernt sich selbst besser kennen.

Der dritte und letzte Schritt ist, sich die Arbeit ohne Preis vorzustellen, ob vorhanden oder nicht.

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Wenn Chris Dercon, der Direktor der Tate Gallery of Modern Art in London, bemängelt, dass seine Mitarbeiter unterbezahlt sind, dann bin ich ganz bei ihm. Das dürfte es in keinem Museum und auch sonst nirgendwo geben, wie es so Vieles nicht geben dürfte. Und ich bin bei ihm, wenn Birte Carolin Sebastian in der Online-Ausgabe der FAZ vom 09.01.2014 seine Sicht so beschreibt: „Deshalb funktioniere Ai Weiwei so gut. Man müsse seine Werke nicht besitzen oder zu Hause ausstellen, man fühle sich seinen Ideen verbunden. Der Betrachter habe das Gefühl, an Ai Weiweis Leben teilzuhaben. Seine Kunst sei imstande, die eigenen Sichtachsen zu ändern, neue Perspektiven auf die Welt zu gewinnen.“ Die Überschrift des Artikels lautet: „Kunst soll verbinden, nicht gekauft werden.“ …

Wie kann derselbe Mann in denselben Topf werfen, dass z. B. immer Jüngere bloggen, und durch ihre Gratis-Lieferungen damit schon früh begönnen, „Preise kaputt zu machen“, wie ich seine Aussagen im Artikel von Holger Liebs in der Online-Ausgabe von „Monopol“ aus dem Jahr 2010 deute? Finanziell mag Vieles selbstausbeuterisch sein, aber was ist mit kreativer Herzensbildung und mentaler Zufriedenheit? Was, wenn Menschen heute einfach von vornherein durch die gegebenen Möglichkeiten anders leben, durch die Kunst in den alltäglichen Gegenständen beeinflusst anders denken? Was, wenn sie sich deswegen Ai Weiwei verbunden fühlen, weil sie, seit sie Kinder sind, gelernt haben, Ideen wertzuschätzen? Was, wenn sie einen Zugang zu Kunst haben, ohne dass das so benannt wird: Kunst.

Viele, die später, denkend, Kunst ablehnen, tun das, weil sie in ihrem Leben auf den Betrieb um das gestoßen sind, das sie als Kind bereits natürlich gelebt haben, als sie einen Sommer lang im Museumsgarten arbeiten und ausstellen durften, als sie zulassen durften, zu berühren und berührt zu werden. Es floss im besten Sinne durch sie hindurch; sie mussten sich keine Gedanken darüber machen, ob sie nicht etwas davon zurückhalten sollten, um es „später“ „gewinnbringend“ zu vermarkten… Sie haben mit Kunst zu tun, jeden Tag, auch die, die sagen „Das ist nichts für mich“ oder „Damit kenne ich mich nicht aus“. Womit sie sich nicht auskennen, sind die Regeln des Kunstsystems, wenn sie kein Insider sind. Alles andere tragen sie in sich, seit sie Kinder waren.

Worauf sollte ich in meinem Leben noch warten? Ich werde als No-Name ohne diesbezügliche Kontakte keine bessere Möglichkeit bekommen, mich auszuleben, ohne damit anderen zu schaden oder ihnen etwas wegzunehmen. Ja, Vieles von dem, was ich mache, ist gratis. Weil es mir ein Anliegen ist, es zu tun oder zu sagen, und man kann es mir stehlen, weil es nicht geschützt ist. Aber die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, auf die Wenigen zu warten, die durch ihre finanziellen Möglichkeiten oder ihr Netzwerk „durchkommen“, sichtbar, hörbar werden und damit sogar ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Wir brauchen Bandbreite, in allem. Und trotzdem muss ich, solange sich die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens nicht durchgesetzt hat (ich werde es in meiner berufstätigen Zeit sicher nicht mehr erleben), Geld verdienen, werde das tun, solange es mir möglich ist und mit dafür streiten, dass es eine faire Bezahlung für jeden am System Beteiligten geben muss. Ein Vollzeitjob muss reichen, um mit einem fairen Stundenlohn über die Runden zu kommen, auch als MuseumsmitarbeiterIn, auch in der Tate Modern. Aber Kunst, deren mangelnde Vergleichbarkeit eine Bezahlung, eine Be-Lohnung niemals objektiv fair sein lässt, muss weiterhin von Kapitalmärkten abgelöst betrachtet werden können, sonst wird selbst das urmenschliche Verlangen, sich miteinander auszutauschen, korrumpiert. Sonst werden die Museumsgarten-Kinder enttäuscht.

Mit der Kunst bewahren sich Menschen das vielleicht letzte Bisschen Unkäuflichkeit, vielleicht ähnlich dem Erleben bedingungsloser und damit unerklärlicher Liebe. Und wo sie sehen, dass das verraten und verkauft wird, erleben sie Wut.

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Ich habe das Wort, das ich gesucht hatte, um Kunst als Dachbegriff für jede menschliche kreative Transformation zu benennen, bislang nicht gefunden; dies einmal als Zwischenstand. Ich muss weiterhin „Kunst“ sagen und laufe Gefahr, dass ich in dem Augenblick weniger etwas sage, als gehört und gedeutet zu werden. Und da sind sie wieder, die Anführungszeichen.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/tate-modern-kunst-soll-verbinden-nicht-gekauft-werden-12741326.html

http://www.monopol-magazin.de/artikel/20101584/-chris-dercon-kuenstlerprekariat.html

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Aufmerksamkeit um jeden Preis?

Ich benutze ein schnelllebiges Medium, aber ich versuche es für mich zu entschleunigen, indem ich es untypisch nutze; ich habe schon vorher dazu geschrieben.

Dazu gehört auch, dass ich zwar regelmäßig, aber nicht in allzu kurzen Intervallen poste, und es gehört dazu, dass ich zwar mehrere Kanäle nutze, aber nicht rund um die Uhr diese mit Neuigkeiten fülle. Bei dem einen reicht es einmal in der Woche, bei einem anderen poste ich u. U. nur alle drei Wochen etwas.

Das führt dazu, dass ich nicht immer in aller Munde bin, und manche vergessen mich sogar ganz. Damit muss ich leben, aber ich lebe sehr gut damit! Wenn es mir in erster Linie darum ginge, mich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, wäre ich rund um die Uhr mit der Bewerbung meiner Person beschäftigt und hätte trotzdem das Gefühl, es nicht regelmäßig genug zu tun – es würde nie reichen; es gäbe immer noch etwas zu tun. Diese Unfreiheit im Denken und Fühlen würde mich derartig lähmen, dass ich meine Kreativität nicht mehr leben könnte. Und es ginge irgendwann Quantität über Qualität.

Aufmerksamkeit um jeden Preis.

In Promi-Leben, aber auch in so manchem No-Name-Leben ist das Geld. Nicht Zeit ist Geld: Aufmerksamkeit ist es! Wie wohltuend empfinde ich so manchen Sport-Star wie Stefanie Graf, so manche Schauspielerin wie Naomi Watts, die das nicht mitmachen möchten und auf ihr Auftauchen in den Klatschspalten oder Dauersichtbarkeit verzichten – aber wie gut kann ich das auch verstehen! Die, die immer gesehen werden wollen, werden belächelt, die anderen als charakterlich fester und würdevoller empfunden. Wer würde nicht lieber zur zweiten Gruppe zählen…

Allerdings muss man sich das eben auch leisten können oder leisten wollen – ich zähle mit meinem Einkommen ganz klar zu den „leisten wollen“-Menschen 😉 . Ich war mal nah dran, eine Mitarbeit an einem Projekt zuzusagen, für die ich fair entlohnt worden wäre, mich zeitlich aber auch sehr gebunden hätte. Die ersten Verhandlungsschritte waren bereits gegangen, da kam die Nachricht, dass jemand anderes gefunden worden war, der noch besser ins Anforderungsprofil passte. Für etwas angefragt und dann doch nicht genommen zu werden enttäuscht womöglich immer, aber ich habe schon während der ersten Gespräche zur Sache gespürt, wie ich mich innerlich gegen das gebunden-Sein sträubte – und letztendlich erleichtert über die Absage war. Es wäre ein ständiger Kampf um den Erhalt eines kleinen bisschen Freiheit in meinem kreativen Leben gewesen.

In der Kunst, in der Kreativität ist es schwierig, unfrei zu sein, auf welche Art auch immer. Man darf keinem anderen Herren dienen außer ihr, sonst wird’s unglaubwürdig. Wenn man sich von jemandem bezahlen lässt, sind für mich zwei Dinge zu trennen: der Auftrag: bei diesem ist der Auftraggeber Herr im Haus und bezahlt die Arbeit, das Projekt, und: die aus eigenem Antrieb heraus entstandene kreative Arbeit: bei ihr bin ich die Herrin im Haus und „bestimme“ einerseits (z. B. den Preis) ganz allein, andererseits kann ich da die Abnahme oder auch nur die Betrachtung nicht einfordern. Ich gehe in Vorausleistung, aber es ist mein Anliegen, es zu tun. Ich lasse mir nicht die Arbeit, das Entstandene als solches bezahlen, da es nicht für alle Abnehmer denselben Wert hätte, auch nicht denselben monetären Wert. Ich lasse mir vor allem die Zeit bezahlen, die ich mit der Entstehung zugebracht habe. So natürlich auch bei einem Auftraggeber, aber der für mich größte Unterschied ist eben: der Auftraggeber hat ein Interesse an der Entstehung genau dieser Arbeit; sie ist sein Anliegen. Ich bin das Mittel zum Zweck, und als Mittel zum Zweck muss man sich geradezu entlohnen lassen. Habe ich das Anliegen und es entsteht daraufhin etwas, dann ist mein Lohn, meine Belohnung, dass ich mir die Zeit nehmen und etwas entstehen lassen kann, das mein Anliegen ist. Jegliche monetäre Entlohnung ist in dem Fall nur das Tüpfelchen auf dem i.

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