Was wir alle draus machen

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Ist es nicht, was wir alle draus machen?

Ich sehe die facebook-Situation so ähnlich wie meine übrigen Sozialkontakte: wenn mehr oder weniger offene Ablehnung stattfindet, setze ich mich sachlich auseinander oder bleibe friedlich weg; es gibt Smalltalk, der richtig nett ist und durchaus nützlich für ein grundsätzlich wohlwollendes Miteinander, und es gibt tiefer gehende, sehr konstruktive Äußerungen, aus denen manchmal – vielleicht zu selten – äußerst fruchtbare Gespräche entstehen.

Mir ist völlig klar, dass facebook ein gewinnorientiertes Unternehmen ist, das unsere Daten abgreift und nicht an einer „besseren Welt“ interessiert ist. Ich empfinde es aber als schwierig, eine Sache, die alles sein kann, die man als Nutzer so oder anders ausgestalten kann, in Bausch und Bogen zu verurteilen. Insofern klingt Palihapitiyas Bedauern in meinen Ohren überzogen:

„Ich denke, wir haben Tools geschaffen, die die Struktur unserer Gesellschaft auseinanderreißen […] Die kurzen, von Dopamin gesteuerten Feedback-Schleifen, die wir kreiert haben, zerstören, wie die Gesellschaft funktioniert.“

Und weiter heißt es auf Xing: „Durch die Pseudo-Interaktion auf die geposteten Inhalte finde kein ziviler Diskurs und keine Kooperation mehr statt; stattdessen dominierten Fehlinformationen und Unwahrheiten [als] ‚ein globales Problem‘.“

Sind wir nicht alle gefragt, das mitzugestalten? Wie stellen wir uns zu den Dingen; wie leiten wir beispielsweise Kinder und Jugendliche an? Wie gehen wir damit um, dass es überall um Profit geht und alle dem ausgesetzt sind; wie gehen wir beispielsweise mit Werbung für Kinder und Jugendliche um, die legal jeden Tag stattfindet, ob mit oder ohne facebook?

Was tun wir beispielsweise in Schulen dafür, dass es irgendwann vielleicht zwar genauso fies wie heute ist, es mit Social Bots zu tun zu haben, ihnen aber dadurch ein Stück ihrer Macht genommen wird, indem junge Menschen angeleitet werden, weniger impulsiv auf kurze Schlagsätze anzuspringen und das Auseinandersetzen nicht zu verlernen, immer wieder das selbst-Denken zu trainieren, um die Karren erkennen zu können, vor die sie gespannt werden sollen, wenn sie vor solche gespannt werden sollen? (Ich entschuldige mich aufrichtig für diesen Satz!)

Ob „ziviler Diskurs“ stattfinden kann, dazu schaffen doch wir die Bedingungen! Ob wir kooperieren, uns zusammenschließen, das entscheiden doch wir!

facebook ist und bleibt ein kapitalistisches Unternehmen. Ich stelle mir aber vor, wie viel gewonnen wäre, würden all die, die nicht an einer verbalen Prügelei interessiert sind, diese Stränge dort ver- und die Wort-Hooligans unter sich zurücklassen. Und möchte man bleiben: dass man in aufflammender Wut nicht in diesem Gefühl antwortet, sondern den oft wichtigen Zorn in Argumente und Sachlichkeit ummünzt. Wenn möglichst viele darauf achteten, würde das sowohl den Bots als auch den Trolls Macht entziehen. Ich stelle mir vor, dass jeder, der sich dort bewegt, es sowohl thematisch als auch im Umgang miteinander so ausreichend ernst nähme, als sei er nicht virtuell unterwegs, denn für viele macht das einen Unterschied. Doch: kaum jemand käme auf die Idee, sich im Bus in das Gespräch hinter ihm einzumischen, obwohl man jedes Wort versteht. Und machte es eine Einmischung nötig, drehte man sich ja auch nicht sofort mit den Worten ‚Sie Blödmann haben ja keine Ahnung!‘ um.

Es ist so viel Gutes mit diesem Medium möglich, ob Privatunternehmen oder nicht. Und höchstwahrscheinlich ist es nur als Privatunternehmen mit Gewinnerzielungsabsicht in diesem weltumspannenden Umfang realisierbar; wohlmeinende Einzelpersonen, die ein gemeinnütziges Unternehmen dieser Reichweite führten, kämen ja mit der Kontrolle gar nicht hinterher oder wären schon arm geklagt. Niemand würde das auf sich nehmen.

So bleibt uns nur der wache Blick, wieder einmal, wenn wir unsere guten Dinge nicht aus Scheu vor Eigenverantwortung opfern wollen.

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„Man muss ständig aufrüsten, hat aber am Ende nichts davon.“

„Man muss ständig aufrüsten, hat aber am Ende nichts davon.“ (Cornelia Koppetsch)

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Ich überlege, wie ich diesen Text beginnen soll; wahrscheinlich wird es wieder ein Gedankenfluss-Experiment…

Ausgang war die Frage an mich selbst, was mich davon abbringt (obwohl auch ich zum Beispiel für Auftragsarbeiten Geld nehme), alles und jedes unter dem „Verkaufsgebot“ zu betrachten?

Warum denke ich (obwohl ich andere sonst gerne selbst denken und für sich bestimmen lasse), dass es für alle besser wäre, von rein kapitalistischen Beweggründen abzusehen? Warum werde ich zunehmend wütend über bestimmte diesbezügliche Vorgehensweisen in der Welt?

Mir scheint es tatsächlich so, als ob alle alles nur noch verkaufen. Ich hatte Euch um Eure Gedanken dazu gebeten, und die zweier Kollegen – wie ich langjährig auf dem künstlerischen Parkett unterwegs – kann ich mit einfließen lassen; vielen Dank Euch beiden!

Trotzdem bleibt der Text schwierig zu beginnen, denn ich habe das Gefühl, mich schon zu Anfang und dann zunehmend zu wiederholen, gerade weil ich mich mit bestimmten Überlegungen immer wieder neu, nur in Variationen, auseinandersetze. Das kann auf Dauer eintönig werden! Ich selbst werde müde, mich immer wieder die bekannten Argumente sagen zu hören… – aber vielleicht lerne ich mit jeder Auseinandersetzung und jetzt mit der Arbeit an diesem Text einen anderen Aspekt des Themas kennen… oder eine andere Facette meiner Person…

Dann frage ich mich, ob ich anfangen kann, ohne mit ein paar Grundüberlegungen zu Kapitalismus und Sozialismus zu beginnen – und verwerfe den Zweifel: zu langweilig, und vielleicht kann ich später im Text noch auf bestimmte Dinge eingehen, die mir wichtig sind. Also setze ich jetzt das voraus, was man in der Schule dazu lernt – ich hoffe, immer noch!

Einer der beiden genannten Kollegen fragte, ob denn die bloße Verwendung von Geld schon kapitalistisch sei, denn das Geld sei doch nur der Gegenwert des Tauschhandels, wenn man etwas anderes als Tauschgegenstand entweder nicht brauchen oder nicht bekommen kann… – ja, so denke ich eigentlich auch. Es ist doch praktisch, dann für sein Angebot einen Wertgegenstand zu bekommen, der als Gegenwert zu wirklich allem funktioniert. Was macht es denn dann verwerflich oder besser gefragt: was lässt es denn dann kippen? Oder wann kippt es? Wann schlägt es in etwas für den Menschen Ungesundes um? Macht es eventuell der Wettbewerbscharakter, der in den kapitalistisch ausgerichteten Ländern vorherrscht…?

Ich stelle durch die Jahre fest, dass sich Wettbewerb da ausbreitet, wo er meines Erachtens wenig oder nichts verloren hat: in Schulen (es können nicht alle eine „eins“ bekommen, selbst dann nicht, wenn im sehr unwahrscheinlichen Fall trotzdem alle eine verdient hätten; es gibt große Unterschiede zwischen den Kindern, und ungleiche Startvoraussetzungen machen Wettbewerb unfair), im Rennen um die Uni-Plätze, wo es teilweise um Bruchteile im besagten Einser-Bereich geht – aber in die Richtung zur Null, nicht zur Zwei! Später im Wettlauf um die Jobs, dann innerhalb der Jobs, bis hin zu Konkurrenzdenken in Freundschaft und Liebe… – ist es das, was Geld zu etwas macht, das nicht mehr als reiner Gegenwert im Tauschhandel empfunden wird, sondern als Belohnung, als Preis, als Auszeichnung für das Erreichen der vorderen Plätze…? Und dann muss man diesen Platz ja auch noch verteidigen… und jagt nach dem nächsten „Pokal“, der die erfolgreiche Verteidigung demonstriert… Ich erinnere das Gefühl, dass mir persönlich zu viel Wettbewerb herrscht und dass eigentlich unvergleichbare Dinge oder gar Menschen verglichen werden, schon früh in meinem Leben.

Und ich stelle noch etwas anderes fest: die Menschen diskutieren immer weniger die Sachlagen sachlich, und sie suchen immer häufiger eine Schuld bei den Betroffenen. „Wieso bist du denn nicht einfach bei deinem Mann geblieben?“ „Das hättest du dir aber denken können, dass du jetzt unterhalb deiner Qualifikation arbeiten wirst… du kannst froh sein, dass sie dich zurück nehmen!“ „Sie lässt sich ausnutzen; jetzt pflegt sie sogar seine Eltern…“ „Hättest du damals was anderes gemacht, hättest du jetzt auch mehr Geld!“ „Dann musst du deine hohen Ansprüche eben etwas runterschrauben.“ Es geht nicht darum, warum der oder die Einzelne sich so entschieden hat; es geht nicht um Verständnis für persönliche Beweggründe; es geht darum, das System zu rechtfertigen und zu verteidigen gegenüber jenen, die es in Frage stellen durch ihr Scheitern darin, selbst, wenn sich überhaupt keine „Schuldfrage“ stellt. „… und jetzt beklagt sie/er sich auch noch!“

Mein Kollege sagt, dass nicht das Geld an sich schlecht ist, sondern „nur die Nebenwirkungen und Vergewaltigungen der Idee abzulehnen“ sind – also der Missbrauch. Dieser findet nur da statt, wo Geld ist. Entweder direkt ein dicker Batzen (Stichwort Korruption bei den großen Fischen in Politik und Wirtschaft; jedem fallen sicher sofort mehrere Beispiele ein), oder in den Fällen, in denen das Kleinvieh den Mist macht. Dabei denke ich zum Beispiel an die um sich greifende Unsitte, dass Ärzte von Kassenpatienten Geld nehmen, um diesen vielleicht doch den (unter Umständen lebensnotwendigen) früheren Termin zu geben. Die zwei (oder mehr) Klassen-Gesellschaft war nie überwunden, und wo an der unbedingt erforderlichen Gleichheit der Menschen an einer Stelle gearbeitet wird, wird an einer anderen ein umso größeres Loch gerissen…

Ist es nötig, dass Frauen, die sich gemeinsam mit dem Ehemann für die klassische Rollenverteilung entscheiden (nicht selten, weil es immer noch so ist, dass in den meisten Fällen der Mann den besserbezahlten Job hat), in Altersarmut fallen, wenn nach den Erziehungsjahren der Kinder die Ehe nicht mehr funktioniert? Oder sie nicht mehr in die Arbeit zurück finden, selbst wenn sie es wollen, weil es nahtlos weiter geht mit der Pflege, diesmal der Eltern? Oder weil sie nach den Jahren der Pause (die keine Erholungspause war!) nicht mehr Fuß fassen, weil man heute auch schon mit vierzig zu alt sein kann, wenn die Fünfundzwanzigjährigen von der Uni kommen und selbstverständlich einen Anspruch empfinden, jetzt loslegen zu können…?

Ist es nötig, dass Menschen sich dafür rechtfertigen müssen, dass sie auf der Suche nach für sie bezahlbarem Wohnraum fast verzweifeln? Ist es nötig, dass es immer weniger diesbezügliches Angebot für Otto Normalverdiener oder gar Otto Prekärverdiener gibt…?

Ist es nötig, dass Menschen aus ihrem Wohngebiet und ihrer dortigen Arbeit vertrieben werden, weil es zufällig Regenwaldgebiet ist, dass man gewinnbringender für Palmölanbau nutzen kann?

Warum decken Länder ihre Dopingfälle nicht auf bzw. sind an Aufklärung nicht interessiert? Weil sie an den Sport-Stars mit verdienen. Ist so etwas nötig?

Warum gehen manche Politiker nach nur wenigen Jahren als „Volksvertreter“ (die Anführungsstriche sind bewusst gesetzt) in die Wirtschaft? Weil sie es können; weil es keine Kontrollgremien gibt, die ihre Kontakte, die sie vorher geknüpft haben, obwohl sie es nicht durften, verurteilen und ahnden. Und warum das nicht? Weil jeder, der ein solches Gesetz erlassen und für seine Durchführung eintreten würde, sich damit gegebenenfalls ins eigene Fleisch schnitte.

Warum wird in einem Regionalblatt nur noch aus Gefälligkeit berichtet über Menschen, die jemanden kennen, der jemanden kennt, oder gegen Geld?

Muss es Anwälte geben, die Geld dafür bekommen, dass sie Personalchefs Seminare anbieten, wie diese am effektivsten Krankheit ihrer Mitarbeiter als Kündigungsgrund nutzen können?

Heißt „Kapitalismus“, dass einkalkuliert wird, dass sogar dazugehört, dass Menschen durch die Maschen fallen?

Geld macht die Wichtigkeit von Inhalten kleiner bzw. hebt sie ganz auf. Der sportliche Vergleich von Menschenkörpern und diesbezügliche Medaillenvergabe hat keinen Sinn, wenn es eigentlich nicht mehr darum geht, dass sich Menschen in ihren puren sportlichen Leistungen vergleichen. Und dass im Hintergrund eine Maschinerie in Kraft ist, die den Missbrauch bewacht, treibt die Sache auf die Spitze der Perversion. Wie bei allen Dingen, in denen viel Geld den Missbrauch deckt und bewacht, um noch mehr Geld zu verdienen.

Mir fällt die Geschichte vom „klugen Fischer“ ein, jetzt als Bilderbuch neu erschienen und 1963 von Heinrich Böll unter dem Titel: „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ zum Tag der Arbeit mitten im bundesdeutschen Wirtschaftswunder geschrieben. Ein Tourist trifft einen Fischer am Hafen, der auf seinem Boot in der Sonne döst, und schlägt ihm vor, das schöne Wetter doch zum erneuten Rausfahren zu nutzen, um noch mehr Fisch und noch mehr Fisch zu fangen, schließlich einen Kutter haben zu können und dafür Leute anzustellen, ein Kühlhaus zu bauen, eine Marinadenfabrik usw. usf. Und wozu das alles? Damit er irgendwann genug Geld hätte, in Ruhe und Zufriedenheit mitten am Tag in einem Boot am Hafen zu dösen…

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Aus den Köpfen verschwindet die Bandbreite des Angebots und Geschehens, weil Geld vorgibt, was wir zu sehen und zu hören kriegen. Im Guten wie im Schlechten. Inhalte spielen immer weniger eine Rolle, niemand will sich mehr mit ihnen auseinandersetzen. Zuerst einmal muss sich der Einsatz finanziell lohnen, sonst fängt man gar nicht erst an, ob mit Auseinandersetzung oder erstmal nur Kopfheben. Alles das hat mit Wertschätzung von Menschen, von menschlichen Inhalten nicht das Geringste mehr zu tun; es hat nur noch mit der Wertschätzung dessen zu tun, das als Gegenwert zu beinahe allem anderen funktioniert. Aber eben nur beinahe. Der Moment, in dem es kippt, ist der, in dem uns das Tauschmittel wichtiger wird als der Inhalt, mit dem es getauscht wird.

Alles das macht mich wütend und treibt mich an, ein Gegengewicht zu setzen, zumindest, indem ich es benenne.

Ist es möglich, dass der Missbrauch des Geldsystems schon mit dem Wettbewerbsgedanken beginnt?

Ich habe immer dringender den Wunsch, mich aus Wettbewerbssystemen auszuklinken. Daher kommt, dass ich den „verkaufbaren“ Teil meiner Kreativarbeit nicht bewerbe, zumindest nicht aggressiv. Der Homepage ist zu entnehmen, dass ich auch verkaufe, und damit ist es gut. Im Internet pflege ich keine Plattform mehr, auf der es um solche Verkäufe geht, und entdecke ich eine neu, die sich zuerst als reine Ausstellungsfläche tarnt und zwei Klicks später entlarvt, bin ich mit dem dritten Klick da weg. Ich definiere mich zunehmend über die Aspekte meiner kreativen Arbeit, die gar nicht verkäuflich sind, jedenfalls nicht unmittelbar. Wenn ich im sozialen Netzwerk eine Diskussion starte oder mich an einer beteilige, in der ich für den unverstellten, offenen Blick plädiere, und dort (ja: ganz bewusst und auch mir) kostbare Zeit verbringe, dann ist es mir – allein schon durch die Form – überhaupt nicht möglich, das zu „verkaufen“! Und wäre es möglich und ich würde es tun, würde ich die Freiheit des Zugangs verraten und damit einen Wert, der so dermaßen eng verknüpft ist mit meiner Herangehensweise ans Thema, dass ich dieses gleich mit verriete und damit mich. Genau so und nicht anders möchte ich in der Hauptsache mein Thema vertreten – völlig nebensächlich, was oder wie ich male, wenn ich male, oder was oder wie ich schreibe… sogar dass ich auch male oder schreibe, soll dann und dort kein Thema sein. Das ist für viele unglaublich schwer nachzuvollziehen. Will ich denn kein Geld? Brauche ich etwa keines? Doch, selbstverständlich. Ich brauche Geld für die Lebenshaltung, solange unser System so funktioniert, wie es funktioniert. Aber ich brauche es nicht unbedingt im direkten Gegentausch und Gegenwert zu meinen Arbeiten, wenn für meine Lebenshaltung anders gesorgt wäre. Ich brauche es nicht als Sternchen, Fleißkärtchen oder als Pokal. Gefällt jemandem mein Bild, darf er es gerne auch kaufen; es gibt bislang keine unmissverständlichere Art, Wertschätzung zu zeigen, weil allen Geld als Gegenwert zu allem anderen so viel wert ist. Aber in erster Linie sehe ich meine Aufgabe darin, Menschen eine andere Sichtweise anzubieten, und die liegt unter Umständen ja sogar gerade darin, ein Gegengewicht zum Profitdenken anzubieten.

Nun möchte ich zu dem eingangs erwähnten anderen Kollegen kommen, mit dem ich schon jahrelang über’s Netz kommuniziere und diskutiere, einmal im ganz direkten und einmal im übertragenen Sinn. Er gab zu bedenken, dass es „ja schon sehr viele Angebote des Leihens, Tauschens, Schenkens“ gäbe, „auch der gemeinsamen Benutzung, z. B. von Autos, Fahrrädern und Werkzeugen“, so dass nicht immer alles gleich gekauft oder in Geld ausgeglichen werden müsse. Das stimmt, und ich begrüße es sehr! Allerdings ist er auch derjenige, der sich für ein geregeltes Künstler-Einkommen stark macht, während ich eine allgemeine Bezahlung aller kreativ Tätiger, unabhängig von preislich festlegbaren konkreten Arbeiten, eher schwierig finde und als Alternative zum Bedingungslosen Grundeinkommen tendiere.

Cornelia Koppetsch hat sich im Magazin der Süddeutschen Zeitung in Heft 32/2015/Politik in dem von Gabriela Herpell geführten Interview »Freiheit ist kapitalistischer Mainstream« sehr lesenswert geäußert. Unter anderem sagt sie, dass Ideale wie „Kreativität“ dergestalt vom „kapitalistischem Mainstream“ vereinnahmt worden wären, dass sie „kein Widerstandspotenzial mehr“ enthielten. Indem jeder Arbeitgeber „Kreativität“ nun als selbstverständlich geforderte Tugend voraussetze, würde das sogar zu ihrer Ablehnung führen… wobei ich selbst glaube, dass man nicht „die Kreativität“ ablehnt, sondern ihre Annexion durch ein vielleicht nicht feindliches, aber früher eher gegensätzliches Terrain. Ich musste sehr an meinen Kollegen denken, als Koppetsch ausführte, dass sich Künstler selbst schwächten, indem sie ihre Freiheit und Unvergleichlichkeit betonten und damit ihren Zusammenschluss verhinderten: „Die Künstler sagen: Jeder ist anders und hat sein individuelles Feld. Dadurch verbaut man sich die Möglichkeit, kollektiv gegen schlechte Arbeitsbedingungen oder Unterbezahlung vorzugehen.“ Das ist sicher so. Aber vielleicht muss man sich auf diesem Gebiet einfach nur konsequenter als in anderen Arbeitsbereichen entscheiden: Inhalt oder Versorgung. Denn wenn es stimmt, was ich weiter oben befürchtete: dass Geld (mittlerweile!) die Wichtigkeit von Inhalten kleiner macht bzw. manchmal ganz aufhebt, dann ist gekaufter Inhalt (und diese Entwicklung wäre genau wie in allen anderen Bereichen nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich, wenn nicht schon Realität) der Tod der Kunst. Ist es nötig, dass etwas, das zur Erbauung, Weiterentwicklung und Austausch des Menschen geschaffen worden ist, an der Börse gehandelt wird…?

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Ich stelle einen Unterschied fest zwischen freigebigen und „Ich hab‘ nichts zu verschenken!“-Menschen, der über den Inhalt ihres Portemonnaies hinausgeht.

Wer sich erlaubt, auch mal zu schenken, hilft leichter, weil er nicht immer einen Gegenwert erwartet; vielleicht gerade ein besonders aktuelles Thema. Die Kehrseite der Medaille ist das mögliche ausgenutzt-Werden: wer einmal etwas „umsonst“ gemacht hat, von dem wird das vielleicht immer wieder erwartet… Auf der anderen Seite gilt der als unsympathisch, der immer alles umsonst zu bekommen erwartet…

Jeder muss selbst das Maß finden und seine Entscheidung sachlich und deutlich vertreten.

Was ist also für mich die Lösung, was ist mein Maß? Die Lösung ist, dass es selbst für mich als Einzelperson, selbst wenn ich nur für mich selbst verantwortlich wäre, die Lösung nicht gibt. Es gibt nicht das Maß aller Dinge. Es gibt kein deutliches Entweder/Oder. Aber es gibt eine Haltung, die mein versorgt-Sein und ein Zukunftsdenken zum Wohle aller, über mein Leben hinaus, nicht ausschließt.

Für mich wäre es vorstellbar, eine Gesellschaft zu haben, bei der die Mitglieder nicht auf den Lebensentwürfen der anderen herumhacken. Natürlich habe ich mir den meinen ausgesucht, zumindest in der groben Richtung, so wie jede und jeder sich den ihren und seinen mehr oder weniger ausgesucht hat, aber es lässt sich doch alles verbessern! Warum sollen wir uns denn nicht fragen, was wirklich allen zu Gute kommt? Sollen wir uns das vielleicht nicht fragen…?

Ich wünsche mir eine Politik, in der die Volksvertreter (dass diesmal keine Anführungsstriche da sind, ist ebenfalls bewusst) genau dafür eintreten: dass es allen gut und es für alle fair zu geht. Eine Politik, die Ungerechtigkeit und Ungleichheit bekämpft, weil sie sie nicht mehr braucht… für Stimmungen, für Unfreiheiten, die man zuerst gar nicht als solche begreift, weil man nicht begreifen soll. Eine Politik, die eben nicht vom Geldgedanken bestimmt wird, sondern von Zusammenhalt und Zusammenarbeit aller Länder dieser Erde. Die ohne Ausbeutung auskommt.

Wenn das mit dem Kapitalismus nicht zu haben ist, dann muss ich ihn ablehnen.

Was ist mir jetzt, in diesem Moment, auch noch wichtig für die Zeit, wenn ich nicht mehr da bin…? Was wäre wichtig für die Personen, die noch bleiben, wenn wir gehen? Ich finde, ich sollte das, was mir dazu als Antwort einfällt, mit meinem Leben stärken.

Ich frage mich ja in den letzten Jahren verstärkt bei allen Themen, die ich besser verstehen und durchblicken möchte, „wer hat etwas davon?“ Also… wer hat etwas davon, dass es keine sozial gerechte Wirtschafts- und Sozialordnung gibt?

Die Kameradschaftlichkeit, die im Wort „Sozialismus“ steckt… – wer hat etwas davon, dass diese nicht in Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität gelebt wird, sondern als hohle Phrase verkommt?

Philipp Holstein hat am 13.08.2015 in der Online-Ausgabe der Rheinischen Post über den Kabarettisten Volker Pispers gesagt: „Pispers ist nicht der Wahrheit verpflichtet, obwohl er das behauptet, sondern etwas, das größer ist: einem Zustand, der erreichbar wäre, wenn alle gut miteinander umgingen.“

Wenn das mit dem Kapitalismus nicht zu haben ist, dann muss ich ihn ablehnen.

 

 http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/43404/2/1

http://www.rp-online.de/kultur/kabarett-dass-volker-pispers-aufhoeren-koennte-mag-man-nicht-glauben-aid-1.5309954

http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/der-kluge-fischer/978-3-446-24298-2/

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Kunst und Gewalt

Kunst und Gewalt

„Es geht nicht um Musik – es geht um Folter“, so die Schlussfolgerung von Christopher Cerf, dem Komponisten der ‚Sesamstraße’-Musik, der sich im Film „Musik als Waffe“ von Tristan Chytroschek verständlich entsetzt zeigt, dass etwas wie Musik, zur Unterhaltung und Erbauung gedacht, derart missbraucht wird.

Aber sein Fazit hatte für ihn am Ende auch etwas Versöhnliches: nicht die Musik an sich ist „schlecht“, sondern der Missbrauch ist zu verurteilen!

Auf diese Weise zu fragen bringt beinahe immer weiter: worum geht es? und: worum geht es wirklich? Wem nutzt was auf welche Art?

Geht es bei Musik, bei jeder Kunst nicht lediglich darum, sich individuell auszudrücken und über diesen Ausdruck andere Menschen zu erreichen, so dass ein gemeinsames Erkennen – Erkenntnis – möglich wird und darüber Herzensbildung, Toleranz und Empathie gefördert werden? Soll Kunst nicht im weitesten Sinne dem Menschen nutzen, helfen… ihn menschlich weiterbringen? Welche Berechtigung hätte sonst Kunst jenseits eines ästhetischen Wertes?

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Es gibt nichts Perfideres, als im Grunde „gute Dinge“ für etwas einzusetzen, das im weitesten Sinne schadet: Verlust ethischer Werte, Gewalt in jeglicher Form.

Ein kleiner Schritt in diese Richtung ist für mich bereits, Kunst nur mehr als Ware zu begreifen, die ich nur „konsumieren“ kann, wenn ich einen Gegenwert liefere, denn einen „Gegenwert“ muss man erst einmal liefern können, ansonsten ist man ausgeschlossen. Die Wikipedia schreibt zum Stichwort „Kapitalismus“: „In der marktkritischen Wahrnehmung steht Kapitalismus für ein ausschließlich an einer kapitalistischen Rationalität orientiertes Denken, das auf Profit und die optimierte Verwertung der eingesetzten Produktionsmittel abzielt, ohne dabei Aspekte der Nachhaltigkeit, der Ethik und möglicher sozialer Verwerfungen zu berücksichtigen.“ (Dabei möchte ich betonen, dass ich die Individualität, die man im Kapitalismus leben kann, unbeschreiblich schätze. Aber „Kapitalismus“ kann auch eine Form von „Gewalt“ sein…)

Mögliche soziale Verwerfungen… Einen kleinen Sprung muss der geneigte Leser jetzt verkraften, weil auch der Missbrauch z. B. von Musik in der Nazi-Propaganda vor und während des 2. Weltkriegs ja keine so kleine Rolle gespielt hat.

In der Sendung scobel vom 22. Januar 2015 mit dem Thema „Auschwitz – Zukunft der Erinnerung“ gibt Gert Scobel’s Gast Michel Friedman Folgendes zu bedenken: „Was ist mit den Anfangspunkten der Gewalt? […] Mit jedem Mal, wo Menschen Anfangspunkte überschritten haben, wurde der Endpunkt folgerichtiger. […] Wenn man die Nachbarn mit der GeStaPo abgeholt hat – reichte diese Brutalität nicht? Wenn man gesehen hat, dass Gotteshäuser angezündet werden – reichte die Brutalität nicht? Nein, sie reichte nicht, weil es Juden betraf, und der Jude gehörte nicht zur sozialen Gruppe, er war ‚pfui’; er war sowieso jemand, über den man seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden das Gefühl hatte: das ist suspekt; wir wollen den eigentlich nicht; das heißt: diese Gewaltexzesse, die man ja auch schon bei den Pogromen Jahrhunderte kennenlernen ‚durfte’, die waren noch nicht außerordentlich für die europäische antisemitische Kultur.“

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Es geht mir nicht darum, Unvergleichliches zu vergleichen; ich trete, wie Viele mittlerweile wissen, auch nicht ein für eine Religion. Ich möchte nur auch sensibel machen für „Anfangspunkte“, egal in welchem Bereich, und ich selbst möchte möglichst sensibel bleiben. Ich fand es zu keiner Zeit meines Lebens – egal, wie schwierig die Weltlage war mit Terrormeldungen Ende der siebziger und in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, mit Atomkraftwerkskatastrophen und Krieg, immer wieder Krieg – notwendiger als heute, sich eindeutig zu positionieren, und wo man selbst (noch) nicht eindeutig sein kann, ein „inneres Tauziehen“ spürt, das genau so zu kommunizieren; auch da im Dialog zu bleiben, um gemeinsam weiter zu kommen. Schnelle Definitionen und gelebter Meinungszwang sind da eher verantwortungslos.

Ich fand es noch nie notwendiger als in diesen Wochen und Monaten auch schon des letzten und vorletzten Jahres, sich zu positionieren, und ich möchte mit meiner Person und (ohne es opfern zu müssen) meinem Leben eintreten für größtmögliche Freiheit des Einzelnen in einer Sicherheit, die diese Freiheit nicht opfert, für Frieden, so weit uns das menschenmöglich ist – denn selbstverständlich kenne auch ich inneren Unfrieden –, für größtmögliche Individualität, gekoppelt an ein Gefühl für Angemessenheit und Verantwortung für die Zukunft der Welt, nachfolgender Generationen, des einzelnen Mitmenschen (für den dasselbe gilt) und für uns selbst.

Lasst uns gemeinsam daran arbeiten, dass wir immer erkennen mögen, wenn etwas Gutes für etwas Schlechtes missbraucht wird, und niemals anfangen, das Nützliche für das Schädliche verantwortlich zu machen. Ein Anfang ist, dass wir überhaupt beginnen zu fühlen, was uns – als ALLEN Menschen – nützt und was uns schadet.

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Kunst und Fälschung

Kunst und Fälschung

Ich wollte einmal genauer darüber nachdenken, warum auch ich dazu neige und immer geneigt habe, Kunstfälschung doch als eine Art „Kavaliersdelikt“ zu betrachten, neben aller damit verbundenen Betrügerei. Dabei weiß ich natürlich gerade deswegen, dass „Kavaliersdelikt“ ein unpassendes Wort ist, aber mir fällt – zumindest zu Beginn meines Textes – gerade kein passenderes ein.

Berichte über Kunstfälscher haben mich seit jeher eher amüsiert als entrüstet, und ich denke, dass es damit zusammenhängt, dass ein mit Geld um sich werfendes System betrogen und ausgetrickst wird. Ein System, dem man lange nicht mehr nur glaubt, ein hehres Ziel zu haben. Ich gebe zu, dass ich eine innere Genugtuung spüre, frei nach dem Motto: das hat es verdient! So wird der Fälscher Wolfgang Beltracchi in der 2012 beim WDR erschienenen Dokumentation von Anke Rebbert: „Der große Bluff – Wie man mit Kunst kassiert“ zitiert, dass der Kunstmarkt es ihm „absurd einfach gemacht“ habe. Und das glaube ich ihm auf’s Wort.

In seiner gemeinsam mit seiner Frau Helene verfassten Biografie „Selbstportrait“, die 2014 im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg erschienen ist, kommen immer wieder Redewendungen vor, die zeigen, dass Fälscher immer auf Moden eingehen, das malen, was „gerade gut ankommt“ – weil es eben in erster Linie um Profit geht. Dass es einem von ihnen „immer nur um’s Malen gegangen“ sei, zweifle ich daher entschieden an, wenn sie nicht das Technische, die Übung an sich meinen. Immerhin gibt Wolfgang Beltracchi zu, dass er es genossen hat, „wenn wieder einmal einem der ‚Großen’ meine Arbeit gefallen hatte“ – auch das kann ein Antrieb sein. Was jedoch fehlt, ist eine Identitätsbildung, wenn das Entstandene und das Entstehende immer nur anderen zugeschrieben werden. Beltracchi spricht man die Möglichkeit einer eigenen Maler-Identität, zumindest einer, die nicht selbstgefälliger Sensationslust entspringt, in großen Teilen sogar komplett ab. In seinem Buch schreibt er auf S. 231:

„Heute lebe ich in einem neuen Spannungsfeld. Die literarische und filmische Auseinandersetzung mit meiner künstlerischen Tätigkeit und mit meinen kriminellen Handlungen zeigt mir, wie schwierig es ist, die eigene Identität, literarisch und malerisch, zu finden und auszudrücken. In mir kämpfe ich Schlachten gegen so manche Schattenwesen und Einflüsterungen; um zu neuer Kreativität zu finden, musste ich mich erst mit meinen Fehlern auseinandersetzen, auch mit der Verurteilung konfrontiert sein. Erst allmählich wird mir deutlich, was meine Malerei künftig leiten könnte. Der Kampf um sich selbst ist für manche Maler ein fortgesetztes Ausprobieren, für andere scheint es nur eine einzige Form zu geben. Ich gehöre zu denen, die die ganze Welt der Malerei benötigen, um sich mitzuteilen. Meine Identität als Maler liegt in meinem geschaffenen Werk, dem ich in Zukunft keinen Tarnmantel mehr überhängen werde.“

Das klingt in meinen Ohren zumindest so, als stelle Beltracchi sich tatsächlich einer Herausforderung, denn er wird in Zukunft daran gemessen, inwiefern sich seine zukünftigen kreativen Arbeiten von den damaligen unterscheiden oder ob ihm auch zukünftig „das Originäre fehlt“, wie es der Journalist Stefan Koldehoff ausdrückt.

Es geht mir nicht darum, z. B. Wolfgang Beltracchi noch eine weitere Bühne zu bauen; Viele, die sich entrüsten, was er getan hat, werden schon die Verdienstmöglichkeiten, die sich ihm nach der Enttarnung neu auftun wie Fernsehauftritte, Buchveröffentlichungen und dergleichen mehr, verteufeln. Es geht mir darum, eine Position für mich zu finden und es anderen gegebenenfalls zu ermöglichen, über die ihre nachzudenken. Wie definiere ich persönlich „Verrat“ oder „Betrug“, hier einmal ganz konkret am Beispiel „Kunst“? Was ist mir dabei wichtig, was eventuell vernachlässigenswert? Welche sind die Werte, die für mich erhaltenswert sind?

Es geht mir hier einmal mehr auch nicht darum, an Kunst kein Geld verdienen zu „dürfen“, sondern darum, was man im Grunde verkauft, wenn es NUR darum geht. René Allonge, Ermittler beim LKA Berlin und maßgeblich beteiligt bei der Verhaftung Beltracchi’s, sagt im Film Folgendes: „… der Anteil der sorgfältigen Sammler, die also ihre Werke auch dauerhaft in Ausstellungen geben, damit sich die Bevölkerung das ansehen kann, das nimmt immer mehr ab, und da liegt eine gewisse Gefahr in diesem Markt; es entsteht Gier und auch ein gewisser Druck mit der ‚Ware Kunst’ zu handeln, und wenn man dann sich diesem Druck beugt und nicht sorgfältig ist, dann passieren diese Fehlerquellen und dann kommt es auch zu solchen Schäden.“

Wie schaut man Kunst in Zeiten des immer wahrscheinlicheren Betrugs aufgrund von Gier an? Darf ich in einem Museum ein Bild bewundern, von dem ich nicht mit abschließender Gewissheit sagen kann, dass es von dem- oder derjenigen stammt, die namentlich daran erwähnt sind? Meine Antwort darauf lautet schon immer: ja, natürlich! Ich sollte das Bild sogar genießen, EGAL, von wem es stammt. Das, finde ich, öffnet die Augen für so manches Lieschen Müller, von dem es immer auch stammen könnte. Fälschergeschichten zeigen immer auch, dass handwerkliches Können auf dem Gebiet der Kunst keinen Erfolg garantiert, sonst würden sie ihre Arbeiten sicher liebend gern unter dem eigenen Namen, der eigenen Identität, veröffentlichen. Und sie (die Geschichten) entlarven, wie sehr „Erfolg“ damit verknüpft ist, welche Bewerbung jemand erhält, welche Bedeutung sein Name bereits hat. Was mittels der Arbeit zu sehen, zu erfahren ist und warum, scheint zweitrangig zu sein…

Im Film wird über die Enttäuschung eines holländischen Privatsammlers gesprochen, nachdem das „Frauenportrait mit Hut“ von Kees van Dongen als Fälschung Beltracchis’s entlarvt wurde. Das Bild hatte ihm doch gefallen! Gefällt es ihm auf einmal nicht mehr, nachdem die Fälschung enttarnt wurde? Sicher, er hat mit den immensen Anschaffungskosten auch den (angeblichen) Namen des Malers bezahlt, und der Verlust des Geldes schmerzt sicher auch Reiche, und manchmal mehr als ärmere Leute, wie es oft und sicher nicht zu Unrecht heißt. Aber es ist immer noch dasselbe Bild…

Im Falle des Ideenklaues, der in Internet-Zeiten immer schwieriger aufzudecken und zu verhandeln ist, liegt die Sache etwas anders, aber eben nur bedingt. Ideenklau wird doch meist nur als „schlimm“ empfunden, wenn der Bestohlene einen messbaren Schaden nimmt, den ein anderer als Gewinn einstreicht. In allen anderen nicht aufgedeckten Fällen wird es durch die allgemeine Beeinflussung schier unmöglich sein, ihn überhaupt zu entdecken, geschweige zu beweisen. Ist es also hilfreich, darüber zu streiten…? Ich finde es zwar dreist und käme selbst nicht auf die Idee, bewusst Ideen zu stehlen, aber ich weiß vermutlich nicht einmal, wie welches Gesehene in mir weiterarbeitet und zu etwas wird, das ohne das – vielleicht Jahre zuvor – Gesehene so nicht entstanden wäre… Ideen dürfen sich in anderen weiterentwickeln und dort zu etwas Neuem werden. Das wirft man Beltracchi vor, dass er das nie getan hätte: Eigenes entwickeln. Er habe immer nur bereits bekannte Motive neu zusammengestellt. Dabei finde ich eines vorstellens- und bedenkenswert: irgendwann einmal hat jemand ein Motiv „neu erfunden“, selbstverständlich beeinflusst durch die Dinge, Personen und Vorkommnisse, denen er zuvor begegnet ist, aber sagen wir: das dort entstandene Motiv ist tatsächlich neu; noch nie zuvor wurde etwas so dargestellt. Das Motiv wirkt in der Welt, bekommt Anhänger, weckt Begehrlichkeiten, wird aber nicht weltberühmt. Nun fälscht es jemand, und, weil es vorher nicht zu Weltruhm gelangt ist, kennt es nicht jeder, und jemand sieht es zum ersten Mal in der Fälschung. Er ist berührt von der Darstellung, es kommen ihm neue Gefühle, Gedanken, er kann nun auch noch aus einer anderen Perspektive auf die Welt blicken – Kunst ereignet sich.

Es kann so geschehen, es wird so geschehen, immer wieder. Die Frage kann daher nicht naiv gestellt werden: darf es das auch, sondern: wie blicken wir mit dieser Erkenntnis fortan auf Kunst? Sicher „mit Sorgfalt“, wie es Klaus Gerrit Friese vom Bundesverband Deutscher Galerien im Film empfiehlt, und für mich, die ich keine Kunst klassifizieren, beurteilen und für ihre „Echtheit“ garantieren muss, bedeutet diese Sorgfalt, dass ich zum einen niemandem absprechen darf, sich künstlerisch so ähnlich wie ein anderer auszudrücken, und zum anderen mich so mit Künstlern zu beschäftigen habe, dass der Gesamteindruck – das Bild, das ich im Großen und Ganzen von ihm oder ihr habe – stimmig ist. Mehr kann ich nicht leisten, und mehr braucht es nicht, um nicht durch eine eventuelle Fälschung, die ich bewundere, aber die eben nicht von dem geschätzten Künstler stammt, so enttäuscht zu sein wie eben jener holländische Privatsammler, von dem im Film die Rede ist. Und es zeigt einmal mehr, dass die „Funktion“, in der ich auf Kunst treffe, eine, wenn nicht die wichtigste Rolle spielt: vielleicht war der Sammler ja doch nur des Prestige-Verlusts wegen enttäuscht…

Um Fälschungen auf dem Kunstmarkt verhindern zu können, sei „ein Ausweichen vor der natürlichen Menschengier“ notwendig, so Friese.

Der Fälscher Wolfgang Beltracchi war berührt von folgenden Worten des Malers Max Pechstein: „ Wir haben und suchen Weltanschauung und geben sie auch in unsere Arbeiten. […] Es ist Notwendigkeit in uns. Diese zwingt uns, so und nicht anders zu arbeiten, und nicht die Sucht, etwas Neues zu schaffen, war und ist der Grund der Art unseres Malens, sondern der Wunsch, ein vollerfülltes Leben zu gestalten.“

Das gelingt nur, indem wir uns im besten Sinne „verschwenden“ und auch verschwenderisch mit unseren Ideen sind, eben jenen Gedankenfunken, die unser Leben lenken und gestalten.

Eine Idee ist nicht zu stehlen, weil sie im besten Fall keinem gehört, nicht mal dem, der sie „hat“. Sie ist nur geteilt, mit-geteilt etwas wert, und das nur spontan, in dem Augenblick, in dem sie zur Situation, den Dingen und Menschen passt, wenn diese nicht warten, bis man sie später vielleicht einmal „gewinnbringend“ anlegen kann und sie sie die ganze Zeit bis dahin eifersüchtig bewachen müssen.

Ich nehme den Kunstmarkt nicht nur nicht ernst, sondern finde ihn mittlerweile lächerlich. Nicht die Arbeiten, keine von ihnen; ich muss einer jeden von ihnen ohne Vorurteil begegnen dürfen, sonst ist das ganze Unterfangen „Kunst“ sinnlos. Aber einen Markt, auf dem Menschen zwar gucken, aber nichts mehr wirklich sehen, der an Intransparenz nicht zu überbieten ist und bei dem „Diskretion“ über alles andere geht, kann ich nur wieder ernster nehmen, wenn nicht eine einzige kreative Arbeit mehr zur Begründung herangezogen wird. Der Kunstmarkt beleidigt jede einzelne künstlerische Leistung jedes Menschen, vielleicht gerade die, der er huldigt. „Das macht ja auch dieses Faszinosum des Kunstmarkts aus: man hat ein immaterielles Objekt aus Farben und Leinwand, deren Wert im Hundert-Euro-Bereich beschreibbar ist, und wenn dann der Richtige davor steht und das Richtige drauf ist, kostet es eben 20 Millionen.“ (Klaus Gerrit Friese)

Insofern ist „Kunstfälschung“ auf solch einem Markt vielleicht nicht einmal mehr ein „Delikt“, sondern Entwicklung – logische Konsequenz. Der Betrug ist nicht eine einzelne gefälschte Arbeit. Der Beginn des Verrats hat viel früher stattgefunden und nur noch kein Ende. Es ist der Verrat an menschlicher Integrität.

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