Beuys, Teil 3

Max Bense will von Beuys wissen, ob es für ihn auch Kunstwerke gäbe, die nicht politisch motiviert sind, und die aber genauso Kunstwerke seien. Beuys schließt – wie zu erwarten war, wenn man vorher zugehört hat – jede menschliche Produktion, also auch alle entstandenen und entstehenden Kunstwerke, ein, da der Mensch seines Erachtens nicht unpolitisch sein kann. Alles „macht“ etwas, alles macht etwas aus. Ich pflichte ihm absolut bei. Bense gibt die Frage weiter an Max Bill; dieser antwortet: „Ich bin der Auffassung, dass jeder Mensch politisch denken soll, sich politisch engagieren soll. Ob er sich als Künstler, wenn er das ist, politisch engagieren soll, das ist eine ganz andere Frage. Ich bin der Auffassung, dass Kunst genau so gut wie Physik oder irgendetwas anderes etwas ist, was man […] erarbeitet, ein Problem weiterentwickelt […]“

Arnold Gehlen, dem nach einigem Hin und Her, u. a. gekennzeichnet durch Wiederholungen das Wort erteilt wird: „Es gibt kein ungeeigneteres Instrument zur Revolution als die Kunst“, weil eine eindeutige Revolution durch Kunst kunstgeschichtlich nicht nachgewiesen worden sei. Wirkmächtiger sei da Literatur, „Brecht zum Beispiel.“ Ja, denke ich, die Literatur Brechts ist vielleicht konkreter als manche Bildende Kunst, und genau so wie Beuys‘ aktuell bis in die heutige Zeit, aber wo sind die Erkenntnisse und ihre Weitergabe bei dem einen wirkmächtiger als beim anderen? Sind nicht bisher alle, die versucht haben, soziale Missstände für die, die ihr Opfer sind, zu verbessern, gescheitert an den herrschenden Geld- und Machtverhältnissen? Nein, ich glaube nicht, dass das irgendwann ausgestanden sein wird; jede Generation muss erneut für Freiheit und Gleichwertigkeit ihrer Spezies eintreten.

Gehlen sagt, es fiele ihm schwer, in der Gesellschaft ein „drängendes Bedürfnis nach Kunst“ zu entdecken; ja, das glaube ich für damals so, wie ich es heute empfinde. In Gesellschaften, in denen zunehmend ein nicht-kommerzieller künstlerischer, ein nicht-kommerzieller kreativer Ausdruck verdrängt wird zugunsten des Geldwettbewerbs, wird dieses „drängende Bedürfnis nach Kunst“ niemals für eine sicht- und hörbare Mehrheit gelten. Und die Minderheit, die es verspürt, lebt ihr Bedürfnis in Nischen. Ihr Bemühen, freie Kunst als einen wichtigen und schützenswerten Bestandteil unseres Menschseins zu verankern, wird lächerlich oder gar zunichte gemacht, wenn die künstlerische Arbeit nicht augenfällig „schön“ ist oder sich nicht sofort erschließt.

Bei Beuys läuft der Schweiß mittlerweile in Strömen. „Instinktiv weiß jeder Mensch, dass ein Mensch nicht lebensfähig ist ohne Kunst […] dass also ein Mensch ohne eine künstlerische Erziehung wahrscheinlich verdorren würde […] von welchen Kräften wird er [der Mensch] ernährt? […]“ Durch diese geistige Nahrung gestärkt, würde der Mensch „besser rationalistisch denken können“, was nach ein paar weiteren Sätzen verdienten Applaus gibt. Selbstverständlich ist da die Beweisführung schwierig! Ein Beweis ist kurz gedacht und ohne langzeitige und kritische Betrachtung der Gesellschaftsentwicklung gar nicht zu erbringen! Der Kunst und dem Menschen wird kein Gefallen getan, indem das zwischendurch immer und immer wieder gefordert wird.

Das Podium kommt langsam zur Schlussfolgerung, dass Kunst und Antikunst keine Gegensätze seien und man den Begriff der Antikunst eigentlich streichen könnte – ich klatsche innerlich Beifall.

Beuys möchte den Begriff noch nicht so schnell streichen, weil viele noch nicht begriffen hätten, „dass sie in einer Kultur leben, die nicht abgeschlossen ist; dass wir uns in eine Kultur hineinbegeben werden, die ganz andere Fragen zur Diskussion stellt, zum Beispiel […] dass man nicht nur physisch die Mondfahrt begeht“, sondern man auch psychisch die Bewegung, die sich körperlich nach außen vollzieht, nachvollziehen müsse. Für mich ein ganz wunderbarer Vergleich, gerade wo im Augenblick Alexander Gersts im Juni anstehende ‚Horizon‘-Mission zur Internationalen Raumstation in aller Nachrichten-Munde ist… und die Erkenntnisse derer, die die Erde mit Abstand betrachten, wieder kein Umdenken im Beuys’schen Sinne auslösen werden…

„Ohne Kunst verarmt die Menschheit als Ganzes“, sagt auch Max Bill. Er geht davon aus, dass man sich nicht entscheiden könne, ob man Kunst konsumiert oder nicht, sondern dass der Mensch es ganz selbstverständlich, wenn auch manchmal unbewusst tut. Das kann ich teilen. Dann stellt auch er allerdings die Qualitätsfrage mit dem guten Hinweis, dass man sich darüber „sehr schlecht unterhalten“ könne, „weil wir einfach diese Qualitätsmaßstäbe nicht ohne Weiteres anlegen können.“ Man müsse den Künstlern quasi vertrauen, dass sie aufrichtig, „aus einem Verantwortungsbewusstsein heraus“ arbeiteten, „dann wird es wohl wirken.“

Max Bense ist „noch nicht soweit zu akzeptieren, dass es eine Kunst lediglich als ihren Prozess gibt“, er will die Arbeiten, will Ergebnisse sehen und diese als solche bewerten. Kunst als Produkt oder als Prozess – ob es so oder so zu betrachten ist, verdichtet Wieland Schmied als Frage. Dadurch, dass die Kunst immer offenere Werkkunst geworden sei, die Werke unabgeschlossen geworden seien, wäre dadurch die Rolle des Betrachters gewachsen; er würde immer mehr einbezogen. Das sei vielleicht, anders als Arnold Gehlen sagt, kein „Spiel“, sondern der Versuch, „dass Kunstwerke geschaffen werden […] die erst, wenn ein Betrachter auftritt, alle ihre Qualitäten enthüllen können“. Jawohl; genau so empfinde ich es.

„An welchem Punkt entsteht die Imagination und wodurch entsteht sie?“ fragt Beuys. Ist der Mensch größer als die irdischen Verhältnisse, die ihn umgeben, kann er weiter, kann er über sich hinaus denken? Die Kunst stelle die erkenntnistheoretischen Fragen, die die Wissenschaft nicht stelle, empfindet Beuys. „Um etwas wirklich aussagen zu können über den Menschen – erst dann kann man wissen, wie soll man einen Menschen erziehen. Soll man einen Menschen […] nach den politischen praktischen Notwendigkeiten erziehen, die die Politiker festlegen, ja? So wird es doch heute wohl gemacht im Großen und Ganzen! Warum haben wir kein freies Schulwesen? Die Politiker glauben heute festlegen zu können, was der Mensch braucht, um erzogen zu werden.“

Der Widerspruch von Max Bill, Beuys glaube es also „besser zu wissen“ und dessen Ausruf, dass „in diesem Gespräch alles doppelt gesagt“ würde zeigen langsam die Ungeduld, die es mit sich bringen kann, wenn Positionen grundlegend unterschiedlich sind. „Ich habe nicht gesagt, die Politiker sind ‚nichts wert‘; so einfach habe ich es mir wieder nicht gemacht. […] Ich habe eingangs gesagt, wenn man nach dem politischen und revolutionären Programm gefragt wird, handelt es sich um Selbstbestimmung. Um Selbstbestimmung, zu jedem einzelnen Punkt! Es handelt sich nicht darum, dass irgendeine revolutionäre Gruppe […] wieder eine Regierung bildet; das ist doch das Dilemma, dass wir immer Regierungen bilden wollen!“ Bei „Es darf gar keine Regierung mehr geben!“ folgt der erwartete Protestaufschrei aus dem Publikum; mir wird immer klarer, warum Joseph Beuys damals von der eigenen Partei fallen gelassen wurde. Klar zu radikal, aber auch zu radikal klar seine Haltung der eigenen Spezies gegenüber… mir fällt ein Wort ein: unbestechlich.

„Der Mensch ist soweit, sich heute selbst zu verwalten; der Mensch ist soweit, sich selbst zu bestimmen.“ Beuys möchte die Verhältnisse so vieler Menschen nicht durch eine Minderheit bestimmt wissen, die, einmal gewählt, sich weder den Bürgern gegenüber verantworten muss noch schnell wieder abgewählt werden kann.

Max Bill schätzt das eine „Gebiet, auf dem wir wirklich die Freiheit haben, […] und das ist das Gebiet der Kunst.“ Es wird zunehmend deutlich, dass Beuys‘ Gegner – und sicher nicht nur die am Tisch – den Gedanken, dass menschliche Disziplinen nicht zu trennen sind, grundsätzlich ablehnen und sich das Gespräch daher im Kreis dreht. Selbst, wo man aufeinander eingehen kann, sich beipflichten kann, bleibt der gravierende Unterschied in der grundsätzlichen Haltung dem menschlichen Zusammenleben gegenüber: „nur“ geführt von einigen Wenigen, die selten aus hehren Gründen und mit hehren Zielen an die Weichenhebel gelangt sind oder sich mit allem, was man denkt, sagt und tut verantwortungsvoll einbringen als genau so gestaltendes Gesellschaftsmitglied wie jedes offiziell gewählte.

Joseph Beuys stellt als Künstler die Grundsatzfrage nach einem für alle funktionierenden Gesellschaftssystem, „um auf der Welt bessere Verhältnisse zu erarbeiten.“ Dabei sieht er den Menschen als zwar individuelles, aber eben auch Gemeinschaftswesen in ständiger Verhandlung mit den umgebenden Mitmenschen: „Das ist mein Vorschlag; wie stehst du dazu?“

Er spricht beispielhaft die Notstandsgesetze an, die die Grundrechte aushebeln; der Bürger lässt es geschehen. „Er muss doch allmählich erkennen, dass er sich selbst bestimmen kann, dass er also das, was im Grundgesetz steht, auch anwenden kann. […] Er muss allerdings auch wissen, dass er Gleichberechtigung praktizieren muss, dass also nicht eine Revolution sein darf, die sozusagen wieder eine Minderheit zum Zuge kommen lässt, und die Besiegten dann sozusagen an die Wand stellt, wegputzt, sondern dass Gleichberechtigung herrscht für jede Meinung, und das muss sich bewähren.“

Als nach anderthalb Stunden die Gesprächsrunde zum Ende kommt, fragt Beuys: „Soll das Publikum sich nicht an der Diskussion beteiligen?“ Aber die Zeit ist um; Max Bill murmelt mit leicht verschmitztem Gesicht etwas von „Licht aus, Scheinwerfer aus“. „Sollen wir nicht Rücksicht nehmen auf Menschen, die sich melden aus dem Publikum und etwas zu sagen haben?“ fragt Beuys erneut.

Es folgt eine Überblendung, durch die man nicht sieht, ob die Publikumsfragen gehört wurden; Wieland Schmied schließt die Diskussionsrunde.

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Andres Veiel zeigt den Künstler in seiner mit Hilfe unzähliger Bilder montierten „Beuys“-Dokumentation geprägt von Natur- und Kriegserlebnissen, wobei ich es entgegen einer ZEIT ONLINE-Rezension aus dem vergangenen Jahr tatsächlich unerheblich finde, ob, wie viel oder was der Kriegsheimkehrer erfunden hat – er musste Kriegserlebnisse verdauen. Ob alles eine „Lebenslüge“ war, weil er Hitlerjunge war, wie es andernorts heißt… ich wage kein Urteil, ebenso wenig darüber, warum jemand, der Kriegsgräuel gesehen hat, später nicht darüber erzählt. Joseph Beuys hing Rudolf Steiner an, heißt es, und Rudolf Steiner war einer, an dem sich die Geister schieden. Ich weiß zu wenig über beide, um da eindeutig eine völkische Gesinnung zu diagnostizieren (die ich ablehnen würde). Ich kann mir aber vorstellen, dass einiges an menschlich nachvollziehbaren Anregungen so von Steiner zu Beuys geflossen ist, wie jetzt von Beuys zu mir. Ob der Künstler ein guter oder schlechter Pädagoge war – ich kann es nicht sagen, genau so wenig, wie der „Mythos Beuys“ entstanden ist; warum ihm einige geradezu jüngerhaft folgten, wie es immer wieder heißt.

Der Film zeigt einen Menschen, durchlässig und beinahe durchsichtig, eine „offene Wunde“. Rhea Thönges-Stringaris, eine mit Beuys befreundet gewesene deutsch-griechische Kunsthistorikerin, sagt an einer Stelle, wie vernünftig Beuys ihr sofort erschienen wäre: „[…] der erste vernünftige Mensch, den ich überhaupt treffe […] auf den kannst du dich total verlassen.“

Vielleicht ist die angestrebte Durchlässigkeit der Disziplinen das, was Joseph Beuys ihr so vernünftig erscheinen ließ, und vielleicht haben seine Gegner, die das als „Verwässerung“ empfunden haben und empfinden – der Begriff muss gar nicht negativ sein; Adrienne Goehler nennt ihr 2006 erschienenes Buch zum gleichen Thema „Verflüssigungen“ – nur noch nicht das schon damals geltende Gebot der Stunde begriffen: Zusammenhalt und Mitgestaltung. Das politische System der Parteien-Demokratie halte ich mit Beuys für überholt; es zeigt sich jetzt schon jahrzehntelang, wie die Gesellschaften länderübergreifend mit neoliberaler Grundrichtung in Führung und Teilen der Bevölkerung wegdriften von der Idee, es für alle immer besser zu gestalten. Das, was unsere Vorfahren erwirtschaftet und errungen haben kommt weder in Produktionsgütern noch Geldmitteln all ihren Nachfahren zugute, aber das scheint die Meisten nicht zu stören. Es geht sogar so weit, dass schon diejenigen als die mit der exotischen Meinung gelten, die das immer weiter fortschreitende abgehängt-Sein so vieler Menschen nicht als vollkommen natürliche Entwicklung sehen, weil, so das Gegenargument „es immer welchen schlechter gehen muss und eine totale Gleichberechtigung aller Menschen nie zu erreichen“ sei. Es wird aber auch nicht genug für tatsächliche Aufklärung getan, weil tatsächliche Bürgermündigkeit von den Herrschenden offensichtlich nicht gewollt ist. In den Schulen würden nicht mehr die Geschichtsbücher gewälzt, von denen geschrieben, die die Kriege gewonnen haben, sondern es würde neben dem, was in Erinnerung bleiben muss, sehr konkret die heutige Weltpolitik angesprochen, deren Teil unser Land ist. Die Rolle der Medien, hierzulande größtenteils durch nur wenige reiche Familien vertreten, die der Regierung mindestens nahe stehen, hätte eine sehr viel größere Betrachtung nötig, als es offensichtlich der Fall ist; kein Lehrer dürfte irgendjemanden, der zur Aufklärung beitragen möchte, als „VerschwörungstheoretikerIn“ abtun, sondern müsste die unterschiedlichen Ansichten wertfrei diskutieren und die heranwachsenden Gesellschaftsverantwortlichen zum selbst-Denken und sich-Einbringen animieren. Stattdessen wird offensichtlich gerne hingenommen, dass große Teile der Bevölkerung scheinbar auch kein Interesse an einer für sie positiven Veränderung haben – und/oder den Glauben an ihre Wirkmächtigkeit verloren haben.

Es heißt immer, es ginge nicht „von jetzt auf gleich“. Aber wie viele Anläufe sind schon gemacht und verworfen, verraten, verkauft worden? Die Grünen, die Beuys mitbegründet hat, haben sich und ihre Wähler verraten, indem sie von der Friedenspolitik und in Umweltfragen nicht nur abgewichen sind, sondern sogar die Kehrtwende vollzogen haben. Ich bezeichne diese Partei als die für mich bislang größte politische Enttäuschung, nachdem sie so hoffnungstiftend begonnen hat.

Ja, ich verstehe Politikverdrossenheit gut. Aber sie ist nicht die Lösung für eine Gesellschaft, egal, ob man daran glaubt, dass Wahlen etwas verändern oder nicht. Es beginnt bei der Auseinandersetzung jedes Einzelnen und endet nicht bei der Stimmabgabe alle paar Jahre.

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Ich würde selbst nicht – weder bei der Kunst von Joseph Beuys noch der eines anderen – von Antikunst sprechen, genau so wenig von Provokation. Zwar „darf“ sich jedeR selbst das Etikett anhängen, das er oder sie treffend findet, aber ich deute die Begriffe anders als er. Beuys provoziert mich nicht, er stößt mich an, fordert und fördert das Hinterfragen. Das, was er Antikunst nennt, ist einfach nur Kunst in der damalig neuen erweiterten Form. Der Begriff „Antikunst“ schafft eine Trennung, die nicht im Beuys’schen Sinne gewesen sein kann, da sie eben – sie hat’s im Wort – gegen etwas gestellt ist und so scheinbar nicht miteinander etwas schaffen will. Die Verantwortung zu Co-Kreativität ist heute dringender denn je, und Joseph Beuys‘ Anliegen könnten nicht aktueller sein.

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https://www.erziehungskunst.de/artikel/standpunkt/seele-richte-dich-auf/

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http://www.michaelluethy.de/scripts/arnold-gehlen-mensch-maengelwesen-kunst-funktion/

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http://www.deutschlandfunkkultur.de/neu-im-kino-beuys-andres-veiel-schafft-meisterhaftes.2150.de.html?dram:article_id=386448

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https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=1813576485360023&id=100001230675879

(„Die Aachener Grünen unterstützen unseren Protest gegen Emmanuel Macron NICHT. Heute ist in der AN zu lesen ‚Die Grünen … wollen hingegen nicht zur Teilnahme an den Protesten aufrufen.‘ ‚Wir begrüßen die Preisverleihung an Macron‘, sagt Fraktionsgeschäftsführer Helmut Ludwig, wobei man sich vor allem Macrons Europapolitik verbunden fühlt.“ – so ‚Stop Tihange‘ auf ihrer facebook-Seite. Das wird eingeleitet durch folgenden von mir geteilten Kommentar: „#Bündnis90/#DieGrünen – Atomkraft – nein danke! Der Kampf für den Atomausstieg ist doch bis heute das Kernthema der Grünen. Hat sich daran irgendetwas geändert, was unbemerkt an mir vorbeigegangen ist?“)

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https://www.nachdenkseiten.de/?p=40414

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https://kenfm.de/von-krieg-zu-frieden-vortrag-eugen-drewermann/

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Beuys, Teil 2

Ich gehe nicht unbedingt mit Joseph Beuys konform – ohne zu behaupten, dass ich ihn da richtig verstehe – dass Provokation „nichts anderes“ sei als Produktion. Und er stellt die Qualitätsfrage, was ich durchgehend als schwierig empfinde beim Kunst-Thema. Er sagt, dass „alles Spekulieren mit Schocks […] unsinnig“ sei, und fordert „beschreibt also ganz genau, was Ihr politisch wollt“, was nach meiner Provokations-Definition den Begriff mindestens relativiert. Und er relativiert weiter, indem er ausführt, dass viele voraussetzen, dass Menschen durch Provokation einfach nur ihre (negativen) Gefühle auslebten und nicht „das bewegende Element“ im Sinn hätten. Er hält in diesem Sinne das Provokative, wie er es definiert, für „dringend erforderlich“.

Die Frage Wieland Schmieds an Gehlen, ob er sich von der Kunst, der Provokation Beuys‘ als „bewegendes Element“ angesprochen fühle, muss so gestellt ins Leere laufen. So unterbricht Beuys an dieser Stelle und möchte weggehen von der konkreten Arbeit („Wir unterhalten uns doch über eine Theorie […] Schmeißen wir doch meine Werke mal zum Fenster raus! […] Beginnt doch mal, hier zu denken und demonstriert, dass der Mensch in jedem Augenblick in die Lage gesetzt ist und ermöglichen kann, einen Schritt weiter zu tun! Gemeinschaftlich auch etwas zu tun, nicht einer gegen den anderen!“).

Schmied konkretisiert daraufhin: wenn das Publikum Kunst nicht mehr als Provokation erlebe, und Beuys setze Provokation mit Produktion gleich, dann sei die Funktion der Kunst doch zu einem Ende gekommen… und erteilt Arnold Gehlen das Wort. Diesem muss ich immer noch insofern recht geben, als dass auch ich Provokation und Produktion rein von der Begriffsdefinition her nicht gleichsetzen kann. Er findet, dass die Kunst keinen „Gegner“ mehr habe und empfindet es für die Künstler „schwierig, eine kämpferische Haltung einzunehmen und der Gegner ist weg.“ Er argumentiert, dass die Künstler das Wort Provokation deswegen umdeuten in Produktion, weil Provokation niemanden mehr als solche träfe.

„Wollen Sie eine Revolution ohne Lachen machen?“ fragt Beuys, weil Gehlen „belustigt“ gewesen sei über die von Beuys installierten Schlitten, die scheinbar aus einem VW-Bus quillen, und fragt seinerseits: „Warum haben Sie keine Kinderwagen genommen?“ Joseph Beuys Antwort spricht mir aus der Seele meiner Kunst-Definition: „Warum? Ich würde sagen, weil ich doch das Thema bestimmt habe […] die Kinderwagen sollen Sie nehmen und mal versuchen, ob Sie da was mit hinkriegen, was die Menschen interessiert!“ Zwar begibt er sich mit diesem letzten Zusatz wieder auf das dünnere Eis – Gegner wären sicher schnell mit der Frage, woher Beuys denn wissen will, dass seine Arbeit „die Menschen interessiert“ – aber die Kernaussage ist für mich, dass Fragen der Art, wie Gehlen sie formuliert hat, nie treffen, es sei denn wieder, man möchte nicht ernsthaft wissen, „warum keine Kinderwagen“, sondern möchte lediglich demonstrieren, wie angeblich willkürlich künstlerische Materialien und Umsetzungen gewählt sind.

Max Bill spricht etwas Wichtiges an: wie wird Qualität von Provokation gemessen und: ist das überhaupt möglich? „Wer ist in der Lage, das zu messen?“ Und klug sagt er weiter, dass auch er dafür ist, die „humanen Fragen“ in den Mittelpunkt zu stellen, aber man ja nicht davon ausgehen könne, zu wissen, was der jeweils andere darunter verstehe. Beuys stellt die Sinnfrage: „Was hat es für einen Sinn, aus der Kunst heraus zu entwickeln: es muss in einem Verhältnis stehen zu dem, was die Menschen brauchen, sonst ist es tatsächlich sinnlos, Kunst zu machen.“ Bills Frage, woraus abgeleitet werden könne, dass Kunst dazu Sinn mache, ist meines Erachtens wieder müßig, noch bevor ich eine Antwort eines an der Diskussion Beteiligten kenne. Sie ist nicht zu beantworten. Den Menschen – nicht allen, ich weiß, aber den meisten auf ihre individuelle Weise mit ihren individuellen Themen – wohnt der Drang zum kreativen Ausdruck nun mal inne, und genau so wenig ist zu beweisen, dass dieser Ausdruck keinen Sinn macht. Seine Kreativität aber in den Sinn einer allgemeinen, immer verhandelbaren Weiterentwicklung zu stellen, halte ich nicht nur für nachvollziehbar, sondern für sehr vernünftig.

„Der Mensch ist selbst die Ästhetik, der Mensch ist selbst das Kunstwerk.“

„Wie kommt ein Mensch in die Welt und wie verlässt er diese; das sind doch schließlich alles wichtige Fragen für den Künstler.“

Aus jeder Beuys’schen Äußerung spricht der Wunsch und Wille (auch) zu (innerer) Auseinandersetzung und Verantwortung. Diese wichtigen Fragen für den Künstler – sind das nicht relevante Fragen für jeden Menschen? Ich kann verstehen, wenn man es müßig findet, zu fragen, woher man kommt und wohin man geht, weil es höchstwahrscheinlich keine alles erklärende Antwort jemals gibt, aber ich finde die Auseinandersetzung mit der Frage, wofür man sich im Leben einsetzt niemals müßig, sondern unerlässlich.

Max Bill gefällt mir mit seinen Äußerungen. So besonders auch diese: „[…] dass […] Herr Beuys […] ein so glücklicher Mensch ist, dass er glaubt, wirklich Kunstwerke zu machen. Dann bin ich wirklich sehr zufrieden darüber. Ich weiß es nämlich über mich nicht. Ich mache etwas, das mich interessiert, von dem ich irgendwie den Eindruck habe, es bringe ein Problem, das ich mir gestellt habe, das vielleicht auch von außen kommt, weiter, und dieses Problem werde zu irgendeiner Lösung entgegengebracht, und es hätte nachher vielleicht irgendwelche Auswirkungen; vielleicht hat es keine. […] Es kann generell Kunst Auswirkungen haben, aber ob das, was ich mache, Auswirkungen hat oder nicht, das spielt dabei gar keine Rolle. Das hat übrigens Herr Beuys bis zu einem gewissen Grad auch gesagt“, und dieser antwortet. „Ja sicher; kann ich nur bestätigen. […] Man kann doch sicher voraussetzen, dass jeder […] sich bemühen sollte, dass er eine Arbeit […] gewissenhaft macht, also nach allen Seiten hin durchdenkt. Denn sonst kann er der Menschheit kein Produkt vorlegen, was er verantworten kann. Ich glaube, zumindest sagen zu können, dass, was ich gemacht habe, ich verantworten kann. […] Ich stelle nur fest, dass es unterschiedliche menschliche Begabungen gibt, und es ist ganz klar, dass eines Tages vielleicht Menschen da sein werden, die das alles für außerordentlich unzulänglich betrachten, was ich gemacht habe. Und auch etwas hinstellen, was mich überzeugt als wesentlich besser. Es ist also sogar jeder aufgerufen, das zu korrigieren, was ich falsch mache […]“

Wieder: Beuys fordert lediglich Auseinandersetzung ein vor dem Urteil und zwingt damit alle Menschen zu Verantwortung. Dass das als unbequem empfunden wurde (und wird!) glaube ich gern… Er glaubt an die Eigenverantwortung der Menschen, er glaubt an die mögliche erfolgreiche Umsetzung direkter Demokratie.

Er liest eine Frage vor, die ihn aus dem Publikum erreicht: „Da steht: ‚Können Sie definieren, was Sie konkret unter Revolution verstehen?‘ Ja, sicher: unter einer Revolution verstehe ich, dass der Mensch in diesem Sinne wie ich geschildert habe, sich selbst betrachtet nach seinen Möglichkeiten hin, dass er aber über diese philosophischen Fragen, über diese Menschenerkenntnisfragen hinaus nicht vernachlässigt, was […] am Tage geschieht. Dass er also, indem er sich ausbildet und danach fragt: wie kann ich mich zu einem besseren Instrument innerhalb der Welt machen, danach zugleich fragt, wie geht es meinem Nebenmann, wie geht es meinem Bruder? Also einfach zu fragen: wie sind die Verhältnisse in der Welt? Wer ist hier der Benachteiligte, wie kann ich ihm helfen? Also ist da doch nach zu fragen: was ist los in unserem politischen System? Was kann ich vorschlagen? Und da könnte ich sehr Vieles vorschlagen. Ich könnte zum Beispiel vorschlagen, dass es dringend notwendig wäre, die parteipolitischen Bürokratien zu überwinden, durch direkte Befragung des Volkes zu jedem einzelnen Punkt. Da könnte ich nennen, dass es sehr wichtig ist, dass die Grundgesetze ernstgenommen werden; dass ernstgenommen wird zum Beispiel, dass der Mensch sich selbst bestimmt, dass er selbst bestimmt, was gemacht wird in der Welt, dass er gefragt wird: wollen wir eine Bundeswehr haben oder wollen wir keine haben. Dass also direkte Volksbefragungen stattfinden. […] Dass weiterhin ernst gemacht wird mit der Frage der Gleichberechtigung der Menschen, der absoluten Gleichberechtigung. Dass es aufhört, dass es gewisse Menschen gibt, die privilegiert sind. Dass es aufhören muss mit der Verstaatlichung von Produktionsmitteln und ebenfalls mit dem privaten Besitz von Produktionsgütern usw. usf. – nur ein kleiner Ausschnitt […]“

(3. Teil folgt in ein paar Tagen)

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https://www.erziehungskunst.de/artikel/standpunkt/seele-richte-dich-auf/

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Offenheit

Buntstift und Öl-Pastellkreide auf Skizzenpapier

DIN A 5

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Beuys, Teil 1

Klar, dass jemand so erzkonservatives wie der 1904 geborene Anthropologe und Soziologe Arnold Gehlen im „Bildungsforum“ mit Joseph Beuys aneinander gerät.

Das Motto: „Provokation – Lebenselement der Gesellschaft“

Der smb-webshop, der u. a. die DVD dazu vertreibt, formuliert:

„Die am 27. Januar 1970 im Düsseldorfer Bildungsforum veranstaltete Diskussion mit Joseph Beuys, Max Bill, Max Bense und Arnold Gehlen, moderiert vom Kunsthistoriker Wieland Schmied, ist nicht nur ein kulturhistorisches Dokument, das unterschiedliche ästhetische und philosophische Konzepte diskursiv aufscheinen lässt. Es stellt im Sinne des Werkbegriffs Beuys’, der das Sprechen oder die Sprache allgemein als Kunstwerk sieht, auch ein Sprachwerk des Künstlers dar.“

Es stellte sich dort und stellt sich bis heute die Frage: ist Kunst (nur) das, was nicht provoziert? Manche meinen das auch heute noch und definieren Kunst zu sehr nur über die Ästhetik – selbstverständlich meist die des Bewerters.

Meinen Text verstehe ich nicht als Alternative, die Diskussion anzusehen und zu -hören; die ist wirklich amüsant und lohnenswert für die Auseinandersetzung, auch für die Frage, wo man sich selbst verortet. Ich möchte die Argumente nur mit meiner Sichtweise verknüpfen, ein wenig kommentieren und den Begriff der Provokation im Kunstzusammenhang meinerseits zur Diskussion stellen. Damit es nicht überlang wird, gliedere ich den Beitrag in drei Teile. Dabei zitiere ich genau, aber nach Gehör.

Beuys antwortet auf die Frage Schmieds, ob er beim Kunstmachen jemals in Kategorien wie „Kunst“, „Antikunst“, „Provokation“ gedacht hätte, dass er sich schon theoretische Gedanken gemacht habe, warum er was täte. Er geht auf den Frager ein und wirkt auf mich kein bisschen provokant, obschon seine Kunst oft diesen Anstrich hatte. „Ich habe also versucht, den Kunstbegriff so zu erweitern, dass er jede menschliche Tätigkeit zu umgreifen in die Lage gesetzt wird.“ Er möchte auch den Wissenschaftsbegriff erweitert sehen und sagt, dass bei seinem Antikunst-Begriff „die Frage nach dem Menschen gestellt“ sei.

„Wie ist es berechtigt zu sagen, jeder Mensch ist Künstler? […] Jeder Mensch ist ein kreativer. In jedem Menschen kommt etwas heraus von einem Ursprünglichen, von einem Schöpferischen, von einem Element, was sozusagen an diesem Punkt des Denkens – hiermit setze ich den Begriff des Denkens als den wichtigsten Punkt in meinem Antikunst-Begriff – durch das Denken etwas völlig Neues in die Welt, was wieder hinüberleitet und klarstellt, den Begriff der Freiheit. […] Hier steht der Begriff der Freiheit zur Diskussion, und an diesem Problem steht die Menschheit ja in einem ganz akuten Sinne, indem sie fragt: ist der Mensch Gesellschaftswesen, das heißt, ist er gebunden, abhängig von den Stoffesverhältnissen, oder ist er ein freies Wesen? Hier ist selbstverständlich eine differenzierte Untersuchung notwendig insofern als man selbstverständlich sehen muss, dass der Mensch ein Gesellschaftswesen ist, hier ist aber ganz besonders wichtig zu erkennen, dass er darüber hinaus ein freies Wesen ist, was für den Teil, da, wo er gesellschaftlich gebunden ist – also mit anderen Menschen zusammenarbeiten muss – neue Denkmodelle, neue Substanzen in die Erde einführen muss, also in die Stoffesverhältnisse einführen muss, um sozusagen für das Soziale, für die Entwicklung der Menschheit ein neues Modell zu erarbeiten. […] Provokation wäre eine andere Sache; die müsste man jetzt daran anschließen.“

Joseph Beuys ist dort anfangs nicht provokant. Er redet deutlich und bestimmt; man spürt seine Authentizität und Konzentration. Auf mich wirkt er, als wüsste er einfach, wovon er spricht.

Als er nach wahrnehmbarem Gemurmel im Publikum und guten 11 Minuten vorschlägt, „bis zum Morgengrauen“ zu diskutieren, anstatt nach anderthalb Stunden Podiumsdiskussion „ins Wirtshaus“ zu gehen, merkt man daran, wie ernst er die Auseinandersetzung nimmt. So bekommt Max Bense, der im ersten Satz von der „Verwässerung des ganzen Themas“ spricht, sofort einigen Applaus. Beuys‘ erster Diskussionsgegner ist zumindest launig: „Meinen Sie, Sie hätten keine [Gegner]? Ich hab‘ auch welche!“ Von Bense gedrängt, was er konkret wolle, antwortet Beuys: „Ich will das Bewusstsein der Menschen erweitern; ich will es vor allen Dingen ausweiten auf die reale politische Situation […] Ich bin nicht der Ansicht, dass wir zum Beispiel in einer Demokratie leben, ich bin nicht der Ansicht, dass wir zu freien Menschen erzogen werden durch unsere parteipolitische Bürokratie […]“

Arnold Gehlen: „Ich möchte den sehen, der sich noch von Kunst provozieren lässt.“ Er möchte vom Provokations-Begriff weg und wieder hin zum Begriff der Kunst bzw. Antikunst. Sein Vergleichen mit einem Spiel an sich, woran ihn die Kunst erinnert, die zum Mitmachen, zur aktiven Teilnahme einlädt, und die Tatsache, dass ein Spiel eben nicht gut oder schlecht ist, führt er als Argument gegen den erweiterten Kunstbegriff an; für mich ist es aber genauso ein Argument dafür. Er meint jedoch: „Je umfangreicher ein Begriff wird, umso inhaltsleerer.“ Manche, die dadurch ins Straucheln kämen, auch manche Künstler, suchten „dann schnell eine Tür in die Politik; da hat man dann wieder den gewohnten schwankenden Boden unter den Füßen.“

„Wollen Sie weiter den schwankenden Boden unter den Füßen behalten, oder wollen Sie daran arbeiten, diesen schwankenden Boden in eine sichere Basis für die Menschen aufzubereiten?“ fragt Beuys. Er sieht die Kriterien des klassischen Kunstbegriffes als Basis („unter Umständen im pädagogischen Prozess eine gewisse Basis für den Unterricht“), die aber erweitert werden sollten um Begriffe, „die tatsächlich den Menschen betrachten als einen, der sich entwickelt, der ganz andere Dinge […] anzusteuern beginnt.“

„Kann ich mit dieser Kunst noch etwas bewirken für das Leben?“ sei die entscheidende Frage. „Ist diese meine Kunst zum Beispiel politisch relevant? Sie dürfen jetzt den Begriff der Politik nicht lächerlich machen und sagen hier wäre der übliche schwammige Begriff! Wir wollen doch gerade sehen, dass in der Zukunft für alle Menschen etwas erarbeitet wird, was brauchbar ist, was zum Beispiel pädagogische Modelle erarbeitet, und ich glaube, dass aus einem erweiterten Kunstbegriff heraus, aus einem erweiterten menschenkundlichen Begriff heraus, der damit verbunden ist, selbstverständlich sich etwas Gewissenhaftes sagen lässt über die Pädagogik. Das ist selbstverständlich auch damit verbunden, dass man Modelle erarbeitet, dass man also Projektwissenschaft betreibt, denn nichts ist dringender gerade für uns Mitteleuropäer als uns über unsere Zukunft im Klaren zu sein. Ob es unsere Aufgabe ist, zum Beispiel, mit wirtschaftlichen Größen zu konkurrieren, ob es für uns interessant ist, mit den Großmächten im Osten und im Westen auf wirtschaftlicher Basis, also technologisch zu konkurrieren, ob nicht gerade das der Weg ins Fellachentum [sic] ist für uns; ob es nicht vielleicht für Mitteleuropa viel interessanter wäre, die humanen Fragen in den Mittelpunkt zu stellen […] als ein Fruchtbares für die ganze Welt […]“

„Ich habe nie von […] Materialien geredet; ich habe von der Idee gesprochen“, sagt Beuys, als er zu einer bestimmten künstlerischen Aktion Stellung nimmt. Das erlebe ich, seit ich mich mit Kunst auch theoretisch auseinandersetze, immer wieder: es werden bestimmte Aktionen oder Werke herangezogen, um mit der Umsetzung oder dem Ergebnis zu argumentieren, dass das nun Kunst oder eben keine Kunst sei. Da sich der eine Mensch so und der andere anders ausdrückt, trifft diese Art Auseinandersetzung für mich nie den Kern, es sei denn, man spricht anderen ihren persönlichen Ausdruck schlicht ab. Arnold Gehlen verstehe ich nach ungefähr einer halben Stunde so, dass er sich nicht provozieren lassen möchte, und das kann ich nachvollziehen. Ich selbst bin auch nur sehr schwer zu provozieren, wenn überhaupt. Dieses nicht oder kaum provozierbar sein bedeutet in meinen Augen nicht unbedingte Unverletzlichkeit, sondern den Wunsch, sich vernünftig, wertschätzend auszutauschen, allen Gesprächsteilnehmern Zeit einzuräumen, sich wirklich anzuhören, aufeinander einzugehen usw.; ansonsten ist ein sich-Erreichen schwierig. Erlebt man Kunst als reine Provokation – ich glaube, hier ist nur wichtig, es individuell zu betrachten, also wer sich wodurch provoziert fühlt – glaube ich nicht an ein erreichen-Können (aus Künstlersicht) oder ein erreicht-Werden (aus Rezipientensicht). Provokation verschließt beinahe immer. Wenn nicht, trifft vielleicht der Begriff nicht richtig… Und umso trauriger, dass viele – sicher damals wie heute – Beuys nur als Provokateur wahrnehmen.

(2. Teil folgt in ein paar Tagen)

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https://www.erziehungskunst.de/artikel/standpunkt/seele-richte-dich-auf/

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Standard

Laute Kunst

Ich selbst kann mich nicht davon freisprechen, manchmal Schwierigkeiten zu empfinden, mich mit mancher Kunst auseinanderzusetzen. Dann bleibt aber mein Anspruch, es trotzdem zu tun, eben nach dem Motto „Was hat es mit dir zu tun?“ Und in dem Fall eben: was hat die Ablehnung in mir mit mir zu tun?

Im facebook-Netzwerk gab es für mich ein Fundstück, das ziemlich gut beschreibt, was ich anfangs empfinde: setze ich mich mit lauter, brutaler, provokanter,… Kunst auseinander, fühle ich mich quasi „angeschrieen“. Schreit mich tatsächlich jemand an, mache ich sofort klar, dass er/sie den Ton ändern muss, weil ich sonst nicht zur Auseinandersetzung bereit bin. Beim angeschrieen-Werden durch Kunst ist ebenfalls spontan dieses „Nicht in diesem Ton!“ in mir.

Das Überbrücken dieses Gefühls – denn der „Ton“ wird sich bei einem abgeschlossenen Kunstwerk nicht ändern – ist für mich die Aufgabe in den Sekunden nach der ersten Wahrnehmung.

Wer bin ich, der anderen Person vorzuschreiben, wie sie mich „anzusprechen“ hat?

Aber wir tun es im sogenannten „wirklichen“ Leben; wir verbitten uns manchen Ton. Eine gewisse Etikette, ein gewisser Anstand im Zusammenleben ist hilfreich; „gutes Benehmen“ hilft, dass man sich zuhört, erst einmal unabhängig vom Inhalt des Gesagten. Es ist nichts Verkehrtes daran, erst einmal die Form auszuhandeln…

Macht es sich „laute“ Kunst selbst und den Betrachtern schwer? Sicher oftmals. Muss/Sollte sie sich ändern/geändert werden? Keinesfalls! Warum nicht, wenn sie es sich doch ungeändert selbst schwer macht, vielleicht weniger oder keine Augen und Ohren findet? Weil „die Form aushandeln“ im Fall von Kunst nicht funktioniert; die Authentizität des Erschaffers ginge komplett verloren. Und vielleicht empfindet derjenige, dem „laute“ Kunst keine Schwierigkeiten macht, der sie vielleicht sogar selbst erschafft, inneren Widerstand beim Hören leiserer Töne, beim Betrachten zarterer Formen und Farben…

Beides darf sein: der freie Ausdruck und die Ablehnung. Hinderlich wäre lediglich, die faire Auseinandersetzung mit dem Inhalt – eigenem und fremdem – aufzugeben.

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Eines Tages fragte Mahatma Gandhi: „Warum schreien die Menschen so, wenn sie wütend sind?“

„Sie schreien, weil sie die Ruhe verlieren“, antwortete ein Mann.

„Doch warum schreien sie, wenn die andere Person neben ihnen steht?“ fragte Gandhi erneut.

„Wir schreien, weil wir wollen, dass die andere Person uns zuhört“, erwiderte ein anderer Mann.

Gandhi fragte weiter: „Ist es dann nicht möglich, mit leiser Stimme zu sprechen?“ Weitere Antworten folgten, doch keine konnte ihn überzeugen. Nach einem Augenblick des Nachdenkens sagte er: „Wollt ihr wissen, weshalb man eine andere Person anschreit, wenn man wütend ist?

Es ist so, dass sich bei einem Streit die Herzen zweier Menschen weit voneinander entfernen.

Um diese Distanz zu überwinden, muss man schreien. Je wütender die Menschen sind, desto lauter müssen sie schreien, um einander zu hören. Darum lasst es nicht zu, dass eure Herzen sich bei einer Diskussion voneinander entfernen.

Sagt keine Worte, die die Herzen auseinandertreiben, denn der Tag wird kommen, an dem die Distanz so groß ist, dass es keinen Weg mehr zurück geben wird.

Ganz anders ist es zwischen zwei Menschen, die sich lieben.

Sie schreien nicht, sie reden sanft miteinander.

Weshalb wohl? Weil ihre Herzen einander sehr nahe sind. Die Distanz zwischen ihnen ist klein. Manchmal sind sich die Herzen so nahe, dass sie nicht einmal sprechen, sondern nur flüstern. Und wenn die Liebe noch stärker ist, braucht es nicht einmal mehr ein Flüstern. Es genügt, sich anzusehen und die Herzen hören einander. […]“

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Konsequenz

Buntstift und Öl-Pastellkreide auf Skizzenpapier

DIN A 5

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„Ist das jetzt auch ein Bluff? Lügst du jetzt?“ – Ein Kommentar

In der Juli-Sendung 2015 von „Anke hat Zeit“ hatte Anke Engelke u. a. die Künstlerin Cosima von Bonin zu Gast. Diese fiel von Beginn an mit für die Kunstwelt provokanten Äußerungen auf, die sie allerdings nicht provokant präsentierte, sondern sehr ruhig und gelassen. Ich hatte nicht den Eindruck, eine Frau zu sehen, die darauf aus war, ein Spektakel zu bieten, sondern die im Gegenteil bezüglich ihrer Arbeit Sätze sagte wie “Ich muss irgend so ‘nen spektakulären Quatsch machen, wo die Leute auch hinkommen, gucken.“

Auf der einen Seite wirkte das ehrlich bis zur Schmerzgrenze des Kunstbetriebs, worüber sich das Publikum sicht- und hörbar freute und die Respektlosigkeit der Künstlerin beklatschte. Auf der anderen Seite fragte sicher nicht nur ich mich, was ihre Triebfeder für diesen Auftritt war, denn von Bonin steht ja nicht allein mit ihrer Arbeitsweise, z. B. die kreativen Einfälle von Technikern und Assistenten umsetzen zu lassen, was sie mehrmals als ihr Unvermögen betonte.

Irgendwann hatte ich den Eindruck, dass Engelke beinahe an der (aufgesetzten oder echten) Ehrlichkeit ihres Gastes verzweifelte, da sie doch wohl stolz war, die Künstlerin von Bonin vorstellen zu können, und zunehmend flehte, diese möge sich „doch nicht so klein machen“. Aber von Bonin blieb bei ihrer Selbstdarstellung der Scharlatanin auf dem künstlerischen Parkett: „Die Kunst [ist] von allen, und wir verkaufen es unter meinem Namen.“ „Manchmal ist es ‘ne Idee, und manchmal stehl‘ ich – also oft stehl‘ ich Ideen. Es ist Lug und Trug, aber ich rede darüber, also… ich mach das nicht heimlich.“ „Kunst ist eigentlich nicht wichtig, ‘s is‘ halt ‘n guter Zeitvertreib…“ usw. usf.

Spätestens bei diesem letzten zitierten Satz, der fiel, als das Einzelgespräch beendet war und beide wieder in der Runde Platz nahmen, war es mir zu viel. Nicht zu viel an (hoffentlich ungespielter) Ehrlichkeit – davon kann es gar nicht genug geben –, sondern an Schmähungen ihres „Fachs“. Wozu sollte das gut sein? Der Kunst, die ohnehin bei der Allgemeinheit um Akzeptanz zu kämpfen hat, weil der Mainstream nur die „Großkopferten“ der Szene oder die inhaltslosen Selbstdarsteller wahrnimmt, so einen mitzugeben? Traf, trifft von Bonin damit nicht die Kunst härter als den Kunstbetrieb, den sie eventuell anprangern wollte? Dass sie das wollte war zumindest der Eindruck, den Shermin Langhoff, ein weiterer Gast der Sendung, hatte, und von Bonin bestätigte das nickend.

Langhoff ist Intendantin des Maxim Gorki Theaters in Berlin. Zu ihr leitete Anke Engelke über mit den Worten, dass sie von Bonin doch sicher heftig widersprechen würde, was sie dann zumindest sanft auch tat. Zum einen hatte sie ja den Eindruck von Systemkritik beim Auftritt der Künstlerin, was dem Gewinn abgerungen hätte – hätte diese das deutlich ausgesprochen. Zum anderen sagte Langhoff, dass sie selbst anträte, um Kritik an der Macht zu üben, worin sie die Funktion, die Aufgabe von Kunst sieht und was meilenweit entfernt ist von bloßem „Zeitvertreib“, und auch der Rest der Runde sah einen Sinn in seinem künstlerischen Tun.

Es ist sicher nicht hilfreich, alles bierernst zu nehmen, was, gemessen an vielem anderen in der Welt, vielleicht wirklich „eigentlich nicht wichtig“ ist. Aber was bedeutet es, zu sagen, dass man die Sache nicht wichtig findet, mit der man sein Leben – bis auf weitere Erkenntnisse das einzige, das man hat – zubringt? Gibt mir das nicht einen Respekt vor und daraus erwachsend Verantwortung gegenüber dieser Sache, was nichts zu tun hat mit Vorschriften, wie man nun dieser Verantwortung genau gerecht werden soll?

Cosima von Bonin war für mich nicht einzuschätzen. Denn sie ist trotz ihrer flapsigen Aussagen eine Frau, die sich empören kann. So erzählte sie beispielsweise vom jahrzehntelangen Aufführungs- und Publikationsverbot, das Thomas Bernhard für die Zeit nach seinem Tod verfügt hatte, das aber bereits zehn Jahre danach durch seinen Universalerben (von Bonin meinte, durch „die Regierung“) aufgeweicht und schließlich mit Gründung der Thomas Bernhard-Privatstiftung sogar aufgehoben wurde. „Also da geh‘ ich auf die Barrikaden!“ meinte sie dazu. Einem österreichischen Minister hätte sie „eine klatschen können“, was ebenfalls niemand sagt, der keine Emotionen kennt…

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Wenn man das, was man zu sagen hat, in irgendetwas umsetzt – in ihrem Fall in Kunst –, kann, sollte man dann nicht unmissverständlich dazu stehen? Und zur Kritik am System Kunst nicht genau so unmissverständlich?

Verquickt man diese beiden unterschiedlichen Dinge, gelingt weder das eine noch das andere.

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Kunst und „täglich grüßt das Murmeltier“

Kunst und „täglich grüßt das Murmeltier“

Ich habe im Grunde keinen meiner Texte, die ich bisher veröffentlicht habe, als etwas ganz Abgeschlossenes gesehen. Sogar auf meinem Blog www.sabinepint.wordpress.com, der als Blog eben nicht in erster Linie kommentiert wird, erscheinen meine Texte als Gesprächsangebote; jedenfalls sind sie so gemeint, auch, wenn ich bei manchen Themen klar positioniert bin. Ich hoffe immer, dass gerade eine klare Position auch zum Widerspruch und damit zur Diskussion einlädt und meine Art bei aller Herausforderung nicht als provokant aufgefasst wird.

Auch die regelmäßig unregelmäßigen Zerschneideaktionen mancher meiner Bilder sollen nicht provozieren, sondern mir gefällt der Gedanke der Weiterentwicklung; dass einzelne Fragmente als eigene kleine Bilder mit derselben „Information“, ähnlich einer Körperzelle, z. B. als Grußkarte auf Reisen gehen, ver-teilt, ge-teilt werden.

Sowohl beim Bloggen als auch beim Bilder-Teilen bleibt Feedback manchmal komplett aus. Nach allen konstruktiven und weniger konstruktiven Gesprächen der letzten Zeit mit KreativkollegInnen halte ich es aber nicht für hilfreich, daraus nur die eigene penetrante Unrelevanz zu schließen und seine Lebensart aufzugeben, wozu manche meiner Gesprächspartner durchaus tendieren. Dass das ein „Fehler“ sei, wäre aber auch unpassend, denn jede und jeder muss es selbstverständlich für sich fühlen und entscheiden. Ich selbst glaube nur an Fehler in Mathe-Aufgaben, wenn nach strengen Definitionen und festgelegten Regeln eine Aufgabe nicht gelöst wird. Wenn man im Leben aber niemanden bewusst verletzt, ob an Geist oder Körper, gibt es weder „Fehler“ noch „scheitern“. Es gibt nur lernen. Daher würde ich es für mich für einen Fehler halten 😉 , eine Facette meiner Lebensart als „Fehler“ irgendwann einzustellen, obwohl sie mir für mich noch sinnvoll erscheint.

Worin hat wohl Phil Connors, der Held aus dem 1993 erschienenen Film „Groundhog Day – Und täglich grüßt das Murmeltier“ den Sinn gesehen, als er – ich weiß nicht zum wievielten Mal – beim Aufwachen „I got you, babe“ gehört hat, und das, obwohl er sich nicht nur am Vortag, sondern an ungezählten „Vortagen“ nun wirklich in sein Schicksal ergeben und wirklich das Allerbeste aus seinem Tag (denn es war ja immer derselbe!) gemacht hat? Der Zuschauer wünscht ihm Erlösung: „Also jetzt hat er es doch nun WIRKLICH verdient, dass dieser Tag endlich von einem nachfolgenden, von der Zukunft oder zumindest einer neuen Gegenwart abgelöst wird! Was soll er denn noch machen??“ Der Clou ist, dass es gegen Ende gar nicht mehr so scheint, als wolle Phil noch aus seiner Zeitschleife fliehen, so wie er es zu Anfang unbedingt wollte. Der „letzte Tag vor der neuen Gegenwart“ zeigt, wie er seine Zeit genutzt und wie es ihm geholfen hat, das Beste aus dem zu machen, was ist, statt sich zu wünschen, was vielleicht nie mehr sein kann.

Dabei wollen sowohl der Film (mutmaßlich) als auch ich (ganz bestimmt!) nicht für Fatalismus plädieren; er ist ein Gleichnis. Bei der Wikipedia ist es gut erklärt: „Ein Gleichnis ist eine kurze Erzählung. Sie dient zur Veranschaulichung eines Sachverhalts nicht durch einen Begriff, sondern durch bildhafte Rede. Über die Veranschaulichung hinaus wird dem Gleichnis auch verändernde Funktion zugeschrieben. Der Hörer/Leser soll sich in der Erzählung selbst entdecken können und damit eingeladen werden, seine Situation zu verändern.“

Ich ergänze: auch der Zuschauer! Phil Connors entschließt sich nicht sofort nach dem zweiten oder dritten und auch nicht nach dem zehnten Erwachen am „selben“ Tag, das für ihn Beste aus der Situation zu machen, wozu seine eigene Veränderung gehört; er hadert und verzweifelt bis hin zu Selbstmorden, die zwar immer klappen, aber durch die Zeitschleife doch nur Versuche bleiben. Dabei schafft es der Film, diesen tragischen Momenten dank Bill Murray trotzdem Komik abzugewinnen, nicht zuletzt auch wegen der am Schluss dieser Phase rasant zusammengeschnittenen Selbstmorde. Erst, als er in den täglichen – und aufgrund der Zeitschleife im wahrsten Wortsinne alltäglichen – Gegebenheiten eine eigene Qualität entdeckt, beginnt die Veränderung in ihm. Das immer bessere Kennenlernen seiner selbst, das erzwungene Fokussieren auf das Wesentliche eines Tages bis hin zum Begleiten eines alten Obdachlosen bei dessen Tod, hilft ihm durch die Prüfung und kommt allen Menschen in seiner Umgebung zugute. Abgesehen von einer gewandelten Kleidungs- oder Einrichtungsmode ist der Film so aktuell wie vor 22 Jahren und ich glaube, auch noch für heute junge Leute witzig.

Warum erzähle ich das?

Weil ich immer öfter an Phil und seine Lehre denken muss: bestimmte Gegebenheiten sind einfach da; sie gelten, weil du dich irgendwann im Leben auch für Dinge entschieden hast, die nicht mehr revidierbar sind oder deren Revision so unbedingt nötig wie vollkommen unrealistisch ist (wie z. B. ein Berufswechsel in den 50er Jahren des eigenen Lebens). Dann gilt es, von Phil Connors zu lernen, wie man Sinn im Leben aufrechterhalten kann, ohne sich etwas vor zu machen oder schön zu reden, denn beides tut dieser nicht. Da ist kein Zwang in diesem „Sinn“, den er in seinem Leben neu sieht; er „macht“ den Sinn nicht oder nennt Dinge sinnvoll, die es nicht sind – er lebt einen Sinn.

Und ich glaube, so lebe ich „Kunst“. Dadurch, dass ich mich bewusst nicht für einen „offiziellen“ Weg entschieden habe aus ähnlichen Gründen, die mich vor einigen Jahren endlich aus der Kirche haben austreten lassen oder mir die Gewissheit geben, niemals einer Partei angehören zu wollen, bin ich in der Gestaltung meines kreativen Lebens frei. Ich muss niemandem gefallen, ich muss mich nach niemandem richten, ich kann ausdrücken, was ich will und wie ich es will. Ich kann verkaufen oder verschenken. Menschen, mit denen ich mich für Projekte zusammentue, begegne ich auf Augenhöhe, partnerschaftlich statt hierarchisch. Dadurch, dass sich niemand mit meinem unbekannten Namen schmücken will, kann ich bei von anderen signalisiertem Interesse davon ausgehen, dass wirklich meine Arbeit, meine Leistung gemeint ist und gehe so von vornherein gestärkt in neue Vorhaben. Risiken dürfen sein, denn ich riskiere nie das für mich Wesentliche: meine in Jahrzehnten gewachsene Überzeugung, dass alles Menschengemachte Menschen zugute kommen sollte statt sie zu diskriminieren, zu boykottieren, zu verletzen. Auch die Kunst ist menschengemacht für Menschen: zur Erbauung, zur Horizonterweiterung, zur Veränderung zum Positiven oder noch Positiveren. Sie soll nicht ausgrenzen, sie soll einladen! Sie ist eine lebendige Ausdrucksform und keine tote Sprache, die man – bestenfalls und rückblickend – studiert.

Ich habe noch eine andere Plattform für meinen Blog auf Facebook. Auch dort heißt es ‚Sabine Pint: Kunst ist für die Menschen‘. Als eine Firma dort anbot, den Blog für einen gewünschten Zeitraum als Buch zu drucken, konnte ich nur eine kleine Weile widerstehen; die Kosten sollten sich in Grenzen halten, und das Ergebnis sollte also dasselbe in haptischer Form sein; etwas zum Zeigen, wenn kein Stromanschluss in der Nähe war. Aber das Ergebnis war enttäuschend: das Wichtigste, die Gespräche, waren nur angerissen ausgedruckt, so dass das Zeigen dieses Buches eher wie ein Ego-Trip scheinen würde als aussagekräftig zu sein. Auch Foto-Bücher habe ich schon versucht. Da ist der Vorteil, dass man bei einem guten Programm Texte und Bilder auf verschiedene Art einsetzen und zeigen kann – besonders schön als wirklich persönliches Geschenk, aber wegen der dann explodierenden Kosten nur bedingt zur Vervielfältigung geeignet. Eines aber fehlt bei allen Print-Varianten: die Lebendigkeit. So dass ich mir auch dabei eingestehen muss: für mich ist das Internet bei allen Missbrauchsmöglichkeiten der Ort meiner Wahl, das Netz und das persönliche Gespräch, und manchmal findet das eine im anderen statt. Und so habe ich mich in meinem Punxsutawney eingerichtet, tatsächlich ohne dass mir etwas fehlt. Und wenn morgen der Radiowecker „I got you, babe“ spielt, bin ich da, wo ich sein möchte: mitten in meinem Leben!

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