„… aufpassen, dass es nicht zu schön wird.“ 

http://www.vera-lossau.com/projects.html

*

„Der Dokumentarfilm begleitet die Künstlerin Vera Lossau ein Jahr lang in ihrem Schaffensprozess.
Im Mittelpunkt des Porträts stehen ihre unmittelbaren bildhaften Wahrnehmungen und deren künstlerische Formgebung. Zu entdecken ist dabei die Haltung eines Menschen im Ringen um die Gestalt eines Kunstwerks.
Der Schaffensprozess steht bei Vera Lossau unter einem exemplarischen Außendruck: Fremderwartungen und die ‚Gesetze des Kunstmarktes‘ drohen Einfluss auf den künstlerischen Prozess zu nehmen. Vera Lossau nimmt diese Konflikte sehr bewusst wahr und findet Wege, sie in ihre Arbeit zu integrieren.“

*

… obwohl sie klar sagt, dass das Arbeiten ohne Druck, „dass es was erfüllen müsste“, mehr Freude macht. 

Was mich beim Betrachten der Doku über Vera Lossau fasziniert hat, war ihre Einstellung zum „Scheitern“:

„Also manchmal geht’s, und manchmal geht’s gar nicht, weil man irgendwas vergessen hat, vorher, und genau dann ist es so, dass man nicht aufhören will, bis es irgendwas geworden ist. Und dann denk‘ ich: ja, das ist eigentlich genau dein Thema: irgendwas, was so kurz vor’m Scheitern ist, nochmal umzudrehen.“

Diese Offenheit der eigenen Arbeit gegenüber, die Erfahrung des Vertrauens, dass „immer noch etwas draus werden kann“, das „manchmal sogar besser als vorher“ ist, finde ich zum einen sehr kreativ, zum anderen hilfreich: ich weiß nicht, wie viele Menschen in einem Schaffensprozess nicht abwarten, ob „es noch etwas wird“, weil sie im sich-Bewerten feststecken… oder weil es vielleicht immer noch ein Tabu ist, wenn etwas Künstlerisches (auch) zufällig entsteht und nicht von vorne bis hinten durchgeplant ist – und nach eben dieser Planung dann natürlich auch eins zu eins in der Umsetzung gelingt!

Vera Lossau macht deutlich, dass es ihr um den Prozess geht, der in der fertigen Arbeit durchaus noch sichtbar sein soll. 

Ich mag es sehr, eineN KünstlerIn über den Arbeitsprozess erzählen zu hören, und ich liebe Atelier-Besuche, live und im Film. Ich kann nachvollziehen, dass Vera Lossau das für „so privat“ hält, obwohl sie es zeigt. Ich bin nicht sicher, ob ich, selbst, wenn ich darüber berichten, meine Gefühle und Gedanken halbwegs mitteilen kann, vor einer Kamera so arbeiten könnte, als sei sie nicht da… und ein Kamera-Team, das einen ein Jahr lang begleitet – ein furchtbarer Gedanke 😀 !

Lossau spricht aber auch von den Grenzen, Kreativität zu dokumentieren, da „die Zeit, die es arbeitet und reift“ nicht darstellbar ist: „Das kommt aus ganz anderen Quellen.“

Ein spannender, aufschlussreicher Blick auf die Herangehensweise dieser Kreativarbeiterin! 

*

Advertisements
Standard

Die Entwicklung eines Workshops, Teil 3

Hallo liebe MitleserInnen,

eigentlich wollte ich „Teil 3“ noch gar nicht beginnen, sondern ganz unabhängig von der Workshop-Erarbeitung von den Filmen „alphabet“ und „who cares?“ erzählen.

Es fällt leicht, von diesen beiden Filmen den Bogen zur Kunst zu schlagen, wie ich sie begreife.

Auf der website zum Film „alphabet“ heißt es: „‘Leistung‘ als Fetisch der Wettbewerbsgesellschaft ist weltweit zum unerbittlichen Maß aller Dinge geworden. Doch die einseitige Ausrichtung auf technokratische Lernziele und auf die fehlerfreie Wiedergabe isolierter Wissensinhalte lässt genau jene spielerische Kreativität verkümmern, die uns helfen könnte, ohne Angst vor dem Scheitern nach neuen Lösungen zu suchen.“

Der ganzheitlichen Sicht auf das Thema „Bildung“ liegt die ganzheitliche Sicht auf den Menschen zugrunde. Da ich auch „Kunst“ und deren Voraussetzung „Kreativität“ als etwas dem Menschen Grundzugehöriges begreife und eine ausschließende Sicht darauf – wie sie das etablierte Kunstsystem vorsieht – nicht als vernünftig für den Menschen ansehen kann, spricht mir der Film geradezu aus der Seele!

Genauso „who cares?“, aus dem ich nur ein Zitat bringen möchte: „Wenn du beginnst, deinen Verstand zu benutzen und dich mit der Welt der Ideen, der Bilder und auch mit den Gedanken anderer zu befassen, dann stellst du fest, dass es eine unendliche Quelle ständiger Freude, Beschäftigung und Unterhaltung gibt, die kostenlos, absolut kostenlos ist.“ (John Mighton)

Der Film berichtet von „Sozialunternehmern“ aus verschiedenen Erdteilen, die alle gemeinsam haben, „dass sie gesellschaftliche Veränderungen vorantreiben wollen oder gar Lösungen für schwerwiegende soziale Probleme gefunden haben. Ansatzpunkte gibt es in der gegenwärtigen Welt zuhauf: Armut, Krieg, Unterdrückung, die Finanzkrise und den Klimawandel.“ (www.filmstarts.de)

Mich inspiriert besonders das unabhängige Denken der Protagonisten, ihre KREATIVITÄT. Sowohl im Bildungssystem als auch in allen anderen etablierten gesellschaftlichen Systemen herrscht Starrheit, und es gibt genügend Leute, die es so behalten wollen, obwohl (oder gar weil…?) es dem jeweiligen System eher dient als dem Menschen. Mich inspiriert das aktive teilnehmen-Wollen von Menschen an ihrem eigenen Leben.

Mich fasziniert, dass so viele Dinge, die mir begegnen, mich einerseits unabhängig von den Vorbereitungen auf den Workshop begeistern als auch so Vieles damit zusammenzuhängen scheint, was sich erst auf den zweiten Blick offenbart… so kann es weitergehen!

Trailer „alphabet“ https://www.youtube.com/watch?v=GInqHl8MnIU

Trailer „who cares?“ https://www.youtube.com/watch?v=yKNhH9tdzd4 

 

WS_Bild_3

Standard

Schwierig und schön

Ich bewege mich, was „Kunst“ oder meine Kreativität angeht, zugleich in schwierigen und schönen Verhältnissen.

Inspiriert durch ähnliche Äußerungen so mancher KreativkollegInnen komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass wir doch beinahe alle unsere diesbezügliche Tätigkeit selbst gewählt haben und sie „abwählen“ könnten, wenn wir wollten, gerade, wenn wir es als eher schwierig empfinden.

Warum also wollen wir das nicht oder bisher nicht?

Um direkt zu Anfang dem klassischen Missverständnis vorzubeugen: es geht mir auch in diesem Text nicht darum, uneingeschränkt für Gratisarbeit zu plädieren. Jeder darf jeden ihm angemessen erscheinenden Preis verlangen und bekommen; jeder darf für alles bezahlen, für das er bezahlen mag und wieviel er mag.

Mir geht es um den nicht zu unterschätzenden und kaum zu bezahlenden Wert, seine endliche Zeit für etwas zu geben, das einen inspiriert, befeuert, nährt.

Wir alle sind gefangen im selben System: es wird nur denen „erlaubt“, gut zu leben, die einer gesellschaftlich anerkannten „offiziellen“ Arbeit nachgehen, und das selbstverständlich in Vollzeitbeschäftigung. Alle anderen schmarotzen; sie dürfen sich gerade so über Wasser halten können; gut gehen darf es ihnen in keinem Fall. Darauf ist alles aufgebaut. Statt zu sehen, dass das System nicht mehr funktioniert, immer mehr Menschen das Stigma des Schmarotzers tragen und also aktiv nach neuen Wegen zu suchen oder sich bereits andeutende Wege (Stichwort Bedingungsloses Grundeinkommen) wirklich einmal auszuprobieren, treten viele eine egoistische Flucht nach vorne an. Selbst da, wo es wenig Nachfrage gibt oder ein kaum regulierter Markt eine gewisse Fairness nicht zulässt, wird an dem Modell festgehalten: ich habe Arbeit investiert -> ich biete dieses an -> du hast es nun zu kaufen, denn ich möchte/muss von diesem Geld mein Leben finanzieren.

Freiheit geht anders.

Dass es auf dem Kunstmarkt nach diesem Modell nur für Wenige funktioniert, ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits zeigen die dortigen Unsummen eigentlich für jeden deutlich an, dass es um tatsächlich greifbare Werte wie z. B. den Materialwert – und dadurch garantiert eine gewisse Vergleichbarkeit und Fairness – in keinem Fall mehr geht. Dass die Börse-wertvollen Schätze in Kellern, Bunkern und Safes lagern, weil sie nicht in erster Linie wirken und Betrachter (unmaterialistisch) bereichern sollen, sondern nur die Besitzer (oft rein materialistisch), scheint einigen nicht zu helfen, die Sicht auf diesen Markt gerade~ und daher vielleicht von ihm abzurücken. (Oder auch Berichte wie „Ist das ein Museum oder ein Konzern“ von Lars Jensen, erschienen im Feuilleton der Online-FAZ am 01.05.2015.) Im Andererseits hadern sie stattdessen mit „der Kunst“, wenn sie nicht von dem ja riesig erscheinenden Kuchen wenigstens ein paar Krümel abbekommen.

Dass sich nicht Dutzende Anwälte oder Ärzte auf engstem Raum tummeln, hat seinen Grund. Ein neu zugelassener Arzt in Selbstständigkeit wird sich einen Praxisplatz suchen, der es ihm zumindest nicht unnötig schwer macht, einen Patientenstamm aufzubauen, oder er übernimmt eine bestehende Praxis und damit oft auch die Patienten. Entweder es funktioniert oder nicht, aber kein Arzt wird ausbleibende Patienten für ihr Fernbleiben verantwortlich machen. Es kann viele Gründe haben, warum es nicht funktioniert, und liegt es nicht an der Unfreundlichkeit oder dem Unvermögen des Arztes, kann er Vergleiche mit Kollegen anstellen, um eventuelle Änderungen vornehmen zu können. Diese Vergleiche machen durchaus Sinn, bevor er nach langen Studienjahren sonst vielleicht zu früh aufgibt. Denn ganz oft ist es eine reine Standortfrage, hat also mit Wollen und Können des Berufes an sich im Grunde nichts zu tun.

Wie aber vergleicht man Künstler? Gibt es da „Standortfragen“? Selbst Maler untereinander unterscheiden sich in nahezu allem, bis hin zur Persönlichkeit, die die Quelle all ihres Schaffens ist. Und wenn man zurück geht bis zu dieser Quelle… – welchen Sinn machen Vergleiche dann? Aber umgekehrt: wie will man ohne mögliche Vergleiche einen fairen Arbeitsmarkt schaffen? Und ohne die eventuell (und wegen der „Geschmacksfrage“ und des Überangebotes für einige sicher) ausbleibenden Käufer für ihr eventuelles Ausbleiben verantwortlich zu machen? In meinen Augen ein Ding der Unmöglichkeit, außer man zahlte allen eine Pauschale, in dem Fall: allen, die malen. Auweia…

… mit dem „Auweia“ geht es auch weiter: nicht nur allen, die malen, sondern jeder Person, die sich in irgendeiner Form künstlerisch betätigt, sei es singend, tanzend, musizierend, bildhauend, schauspielend, schreibend,… und zwar ohne Kriterienkatalog oder Auflage. Denn jeder würde aus seiner Persönlichkeit heraus arbeiten, und dann hätte es nun mal keinen Sinn, jemandem zu sagen, dass seine düsteren Bilder derzeit nicht so angesagt sind… oder wahlweise seine kitschigen… Oder dass die eine Musik zu schrill und die andere zu brav sei… Oder die eine kreative Person zu jung, um schon ein „vollwertiger und ernst zu nehmender“ Künstler sein zu können und die andere zu alt, um es noch sein zu können… Und ebenfalls sinnlos wäre es, die eh unvergleichbaren Personen dann noch zu unterscheiden in solche mit Zertifikat und solche ohne…

Grenzen zu ziehen und dabei fair, objektiv zu bleiben ist schwer. Im kreativen Bereich ist es nahezu unmöglich. Ich glaube nicht, dass es, abgesehen von tatsächlichem handwerklichen Geschick und Ergebnissen, die jeder als gelungen würdigte, jemals etwas Objektives in der Kunst gab, und also auch nichts objektiv Besseres als etwas anderes, oder ein „gültigeres“ Urteil als ein anderes. Immer würde durch eine Grenze etwas verhindert, das irgendjemandem, wenn auch nicht materialistisch, so doch wertvoll ist. Dessen Einschätzung, dass es wertvoll ist, weil es ihm wertvoll ist, wird als „nicht ausreichend kundig“ abgetan. Die „ausreichend Kundigen“ sind es nicht gottgegeben, sondern es sind diejenigen, die in einem menschengemachten System, das wie alle Systeme zum Selbsterhalt neigt, die Definitionsgewalt errungen haben (oder sich ihr unterwerfen), denn auch diese fällt niemandem zu. Wer einmal diese Macht hat, möchte, wenn er schon abtreten muss, diese an jemanden weitergeben, der in seinem Sinne denkt und handelt. So hinterfragt sich ein System selten oder nie, und Menschen, die teilhaben wollen, passen oder passen nicht. Oder sie wollen gar nicht erst teilhaben oder passen. Sowohl als Autoren als auch als „offiziell kundige“ Rezipienten nicht. Sie wollen weiterhin auf Augenhöhe kommunizieren und auf sich selbst vertrauen, wollen sich weiterhin bei jedem Ding fragen: „Was hat es mit mir zu tun?“, egal, ob dieses Ding ihnen in einem Museum oder auf der Straße begegnet. Egal, von wem es stammt.

Aber müssen die, denen es nicht wichtig ist, zu „passen“, auf ein ganzes Thema als das ihre verzichten, durch das sie inspiriert sind, befeuert und seelisch genährt, nur, weil andere es auserkoren haben, einen Rummel drum herum zu errichten? Nur, weil ein paar behaupten, es gäbe keine Alternative zu diesem „Passen“ ins System…?

Wer will mir Qualität absprechen, für die es keine allgemeingültigen Kriterien gibt, wer möchte mir meine Definition absprechen, dass man Kunst entweder nicht erschaffen kann, weil diese im Dialog zwischen Arbeit und Betrachter geschieht, sich ereignet, oder dass alles, ohne Ausnahme, Kunst ist, was Kunst sein soll, weil es sich bei der Bezeichnung nicht um ein Qualitätsurteil, sondern um ein Betätigungsfeld handelt, in dem Menschen für Menschen Gefühle, Gedanken, Ansichten transformieren, um noch eine andere Ausdrucksform als nur die Sprache zu haben? Wer will mir „die Kunst“ absprechen?

Muss ich den Moden der Zeiten gehorchen, muss ich allen, muss ich überhaupt „gefallen“, wenn ich kreativ arbeite? Nein. Aber wie bei der Reaktion auf den unfreundlichen Arzt werden auch in meinem Fall einige mit meiner ART klarkommen und andere nicht. Wenn meine Erzeugnisse nicht dem Massengeschmack entsprechen, ob gewollt oder ungewollt, werden sich auch Menschen gegen sie entscheiden, sie nicht mögen. Mächtige Leute des Systems werden sie schon ohne weitere Betrachtung ablehnen, werden schon bei meinem unbekannten Namen abwinken. Wie sinnvoll wäre es für mich, unbedingt in ein System passen zu wollen und soviel Energie in diese Bemühung zu stecken, wenn ich doch einfach nur kreativ arbeiten will?

Viele andere bekommen die Möglichkeit, Geschichten zu erzählen, die beworben und dadurch gekauft werden. Sie sind nicht besser, sondern beworbener. Denn es gibt auch da nicht in erster Linie „gut“ und „schlecht“, sondern eher „interessiert mich gerade“ oder „interessiert mich gerade nicht“. Was hat jemand, der beworben und gekauft wird, davon, dass seine Geschichte nach einem Hype eventuell genau wie meine in einem Regal verstaubt oder – nie wieder angeschaut – auf einer Festplatte Speicherplatz beansprucht? Vor der Zeit sind wir alle gleich.

Es geht darum, sich im Leben zu verschwenden, weil es sowieso vergeht. Alle, die warten wollen und dafür gute Gründe haben, dürfen von mir aus warten, auf Menschen, auf Geld. Ich habe mich ganz persönlich dazu entschlossen, mich zu verschwenden.

Aber manchmal passiert es trotzdem – und ist daher umso wertvoller –, dass Menschen einen finden und in jeder Hinsicht honorieren, was man schafft. Ich bin sicher, dass sie dann nicht in erster Linie die Geschäftsfrau buchen, sondern mit einem authentischen begeisterungsfähigen Menschen zusammenarbeiten möchten, bei dieser Zusammenarbeit es um gegenseitiges Inspirieren und Beflügeln geht. „Gute Arbeit findet Sie“, sagt Harriet Rubin in „Soloing“, und daran glaube ich.

Denn es geht mir um den nicht zu unterschätzenden und kaum zu bezahlenden Wert, seine endliche Zeit für etwas zu geben, das einen inspiriert, befeuert, nährt.

Das sind die „schönen Verhältnisse“. Von „einfach“ hat niemand was gesagt.

*

„Die Arbeit fällt ja nicht so nach und nach weg, sondern in ihrer Krise erhöht sich paradoxerweise der Druck, den sie auf die Gesellschaft ausübt. Deshalb braucht es soziale Bewegungen, die den Zwang in Frage stellen, sich täglich als Arbeitskraft verkaufen zu müssen, um leben zu können. Nur so kann der Weg freigemacht werden für freie gesellschaftliche Tätigkeiten ohne äußeren Zwang.“

[Der Ökonom Norbert Trenkle im Interview mit der Frankfurter Rundschau, 2015]

wordpress

Standard