Rainer Maria Rilke – Wenn Weihnachten naht

Wenn jemand etwas vom Werk Rainer Maria Rilkes kennt, so ist es meist eins seiner sogenannten „Dinggedichte“ aus seiner mittleren Schaffenszeit – Der Panther ist geradezu genial gelungen. Wer ihn noch nicht kennt: nachlesen oder -hören; ich verspreche nicht zu viel…

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Der Lyriker lebte von 1875 bis 1926. Zu seinem literarischen Vermächtnis gehören auch seine Briefe, von denen ca. 7000 (!) veröffentlicht wurden.

Auszüge aus einigen von diesen finden sich in dem kleinen Band Rainer Maria Rilke – Wenn Weihnachten naht, erschienen im Insel Verlag, ausgewählt und mit einem Nachwort von Hella Sieber-Rilke, der Ehefrau von Rilkes Enkel Christoph. Darin geht es in erster Linie um die Freude rund um das Weihnachtsfest, die Rilke als besondere empfunden und eher in seinen privaten Korrespondenzen als in Werken ausgedrückt hat.

Die Schriftstellerin Ursula Krechel gab 2010 auf ZEIT ONLINE zu bedenken, dass die familiäre Zugehörigkeit Frau Sieber-Rilke nicht objektiv genug auf den Großvater ihres Mannes schauen ließe, die Auswahlen der Briefe an die Mutter schon für damals erschienene Bücher nicht in ausreichendem Maße das ambivalente Verhältnis der beiden spiegelten. Diese Einschätzung wird zwar durch Sieber-Rilkes Nachwort des hier vorliegenden Buches bestätigt, aber mich hat Rainer Maria Rilkes uneindeutige Haltung zu Glauben und Religiosität stärker interessiert.

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Geprägt wird das Verhältnis zu einem religiösen Fest in der Kindheit, und Rilke konnte wohl erstaunlich viel weihnachtliche Verzauberung hinüberretten ins Erwachsenenalter. Einige seiner Äußerungen zeugen von ständiger Auseinandersetzung mit Widersprüchen, wenn zum Beispiel davon die Rede ist, dass er „gegenüber […] dem Jesus-Geschehen immer eine gewisse Skepsis behält“. Auf den ersten Blick scheinen die Empfindungen unvereinbar, denn gerade Kirchenfeste wie Ostern oder eben Weihnachten sind doch aufs engste mit „dem Jesus-Geschehen“ verknüpft…

Rilke sucht zeitlebens Kirchen auf, auch um Stille zu erfahren, und Weihnachten ist für ihn „das stillste Fest“. Sein Stille-Erleben ist mit Naturerfahrung vergleichbar: „Da es hier keine Wälder gibt, sind die Kirchen wie Wälder“, schreibt er einmal von einer Reise an Lou Andreas Salomé. Dogmatismus in Religionen lehnt er ab, schätzt dagegen Vielfältigkeit religiöser Traditionen. „Schon mit vierzehn Jahren kritisiert Rilke in einem Schulaufsatz ein Gottesbild, das Gott funktionalisiert und als Erfüllungsgehilfen menschlicher Interessen missbraucht.“

Seiner gesunden Kritik, auch im Denken und der Sprache gegenüber, seinem vorsichtigen, respekt- und demutsvollen Herantasten an eine im Grunde doch undenkbare „Höhere Macht“ ist es vielleicht zu verdanken, dass er Weihnachtsfreude immer noch nachspüren und beschreiben kann, wenn sie sich in einem Jahr aus sehr nachvollziehbarem Grund nicht einstellen will. 1914 schreibt er an seine Mutter:

Da ist nun wirklich das heilige Fest herangekommen unbeirrt durch die trübe schwere grausame Zeit, und steht vor allen Türen […] Etwas von Frieden lag immer in der Winterluft gegen diesen Abend zu, läge doch auch heuer dieses Unsagbare fühlbar da und überzeugte, überführte, überwältigte die erregten heftigen Menschen, die den Tod in die Hand genommen haben und das Unheil wider einander gebrauchen. […] Christus selbst kann nichts wider diese Völker –, und doch ist eine Macht über der Welt, die auch das umfaßt, was jetzt geschieht […] was hülfe es dem Menschen, wenn Gott ihn aufhielte und ihn an sich zum Stehen brächte; der Mensch soll merken daß, wie weit ers auch treibt, er an keine Grenze Gottes kommt, wohl aber an sein eigenes Ende.“

Rainer Maria Rilke entlässt den Menschen nicht aus seiner Verantwortung und spricht so sowohl für gläubige als auch für nicht gläubige Personen.

Im Deutschlandfunk-Artikel von Burkhard Reinartz heißt es: „Diese ambivalente Erfahrung war ihm wichtig, weil wir die Wirklichkeit auch in dieser Doppelartigkeit erleben. Wir erleben die Welt in ihrer Schönheit und in ihrer Schrecklichkeit. Und der religiöse Impetus sollte dem Menschen ermöglichen, dass er die Schönheit und den Schrecken annehmen kann, denn sie sind eben nur in dieser Doppelheit erlebbar und erfahrbar.“ Diese Sätze beschreiben für mich eine der vielleicht größten Herausforderungen des Menschen, vielleicht gerade in der Weihnachtszeit.

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Quellen:

Rainer Maria Rilke – Wenn Weihnachten naht, Insel Verlag, Frankfurt am Main, 2016

http://www.deutschlandfunk.de/rainer-maria-rilke-das-musst-du-wissen-dass-dich-gott.886.de.html?dram:article_id=320773

http://www.zeit.de/2010/03/L-B-Rilke-Briefe

http://www.rilke.de

 

Der Panther, gesprochen von Fritz Stavenhagen:

https://www.youtube.com/watch?v=cRuWSRjioos

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„Kunst-Werke sind von einer unendlichen Einsamkeit und mit nichts so wenig erreichbar als mit Kritik. Nur Liebe kann sie erfassen und halten und kann gerecht sein gegen sie.“ Rainer Maria Rilke

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Ein Nachmittag Zeit

Ich kann nicht sagen, dass mir Theodor Fontane schon zu Schulzeiten gefallen hätte, jedenfalls nicht durchweg. „Effi Briest“ mochte ich, weil ich es erstaunlich fand, wie modern sie war und bedauerte, was sie zu ihren Lebzeiten sozialgesellschaftlich auszuhalten hatte. Ich fühlte mit ihr. Allerdings bestraft Fontane – ja auch ein Kind seiner Zeit wie wir alle – seine Heldin mit einem frühen Tod, frei nach dem Motto „Das hat sie nun davon“, besonders sicher von ihrer Untreue…

Die Themen seiner anderen Romanarbeiten, die ich neben dem übrigen Stoff des Fachs „Deutsch“ nur angerissen kennenlernen konnte, waren mir wohl nicht wirklich nah in meiner Jugendzeit…

Eine Geschichte aber faszinierte mich, und die lernte ich sogar noch vor „Effi Briest“ kennen, was mir vermutlich den Weg zu ihr geebnet hatte: die Geschichte um das tragische Schiffsunglück der „Schwalbe“ und ihres Steuermanns, John Maynard, 1841 auf dem Eriesee zwischen Kanada und den USA. Immer noch kann ich die Ballade in großen Stücken auswendig, und wenn mir jemand bei einem Hänger hilft, geht’s meistens auch weiter 😉 . Ich kann sie – ähnlich wie Rilkes „Panther“ – nicht vortragen, ohne selbst wieder ergriffen zu sein; die Sprachbilder fand ich einfach nur klasse.

Obwohl historisch nicht alles korrekt ist, stimmt in diesem Fall wohl der Ausspruch Fontanes: „Das Poetische hat immer recht, es wächst weit über das Historische hinaus.”

Elisabeth Hohmeister beschreibt in ihrem Text, der am 20. November 2008 in der Online-Ausgabe der „Zeit“ erschienen ist, die malerische Sicht des freischaffenden Illustrators und Autors Tobias Krejtschi, der auch als Dozent arbeitet: „Die bildnerische Umsetzung dieser packenden Szenen zeigt das Können des jungen Künstlers. Das befand auch die Jury, die seine Illustrationen zu John Maynard in einem Wettbewerb der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg zur Veröffentlichung auswählte.“

Hohmeister beschreibt die Wirkung der Farben, die der Illustrator gewählt und dass er eine Rahmenhandlung um Fontanes Ballade ersonnen hat. Diese Rahmenhandlung hat etwas episch Berührendes: der alte Mann, der einem Mädchen die Geschichte erzählt, hat das Ereignis als Junge persönlich miterlebt.

Da werden gleich mehrere Bögen geschlagen, Brücken gebaut, Verbindungen geschaffen: eine Fantasie ergänzt eine andere; Personen, die real existiert haben oder noch existieren verbinden sich mit solchen, die sie persönlich nie kennengelernt haben oder die es so gar nicht gegeben hat, damals verbindet sich mit heute, Geschichte mit Kultur.

Das ist es, was Kunst kann: öffnen, verbinden. Lasst Euch nicht künstlich(!) von solchen Erlebnissen trennen, bleibt offen für jede Art des Ausdrucks und seht, was es mit Euch macht. Guckt, wie, auf welche Art Verbindungen entstehen. Nehmt Euch heute Nachmittag Zeit und achtet auf alles, was um Euch herum trennt und was verbindet, was in der Welt trennt und was verbindet. Ich kann Euch, ohne Euch zu kennen, Erkenntnisse versprechen! 🙂 Ich bin gespannt auf Eure Erfahrungen!

 

Zum Tiefertauchen je nach Lust und Laune:

http://www.fontaneseite.de/index.html zu Theodor Fontanes Leben und Schaffen

http://www.btk-fh.de/de/news/tobias-krejtschi-dozent-campus-hamburg/ Interview mit Tobias Krejtschi zum Beruf des Illustrators

http://www.zeit.de/2008/48/KJ-Fontane zu: Tobias Krejtschi: John Maynard, Bilderbuch nach der gleichnamigen Ballade von Theodor Fontane

https://de.wikipedia.org/wiki/John_Maynard Der Wikipedia-Eintrag zu „John Maynard“ mit historischem Hintergrund

http://rainer-maria-rilke.de/080027panther.html Rainer Maria Rilke: Der Panther

http://www.ulrico.de/galerie.htm Der Zonser Künstler Ulrico

 

Das Meer, Ulrico, 2005

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