Die NachDenkSeiten über „fühlen“ und „mitnehmen“

Was hat dieser politische Beitrag, den man hier hören kann, mit Kunst zu tun?

Nun, zum einen geht es um Sprache, und Sprache war immer schon auch ein Mittel des künstlerischen Ausdrucks. Die Analyse von Marcus Klöckner macht anhand von Beispielen deutlich, dass Sprache – neben dem Wunsch nach Verständigung und dem Mittel zu ästhetischem Ausdruck – auch als Manipulationsmittel verwendet werden kann, schon immer wurde und wird.

Hier ist sozusagen das offene und wache Ohr gefragt:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=40414

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Gegen „Die Vergeblichkeit von allem“

Arundhati Roy – Das Ministerium des äußersten Glücks

Die etwas andere Rezension

 

Das Ministerium des äußersten Glücks wollte ich lesen, seit ich wusste, dass es erscheinen würde. Ich habe Arundhati Roys Roman-Debut Der Gott der kleinen Dinge vor 20 Jahren verschlungen und nenne die Geschichte immer noch eine der traurigsten und schönsten, die ich jemals gelesen habe.

 

Einräumen muss ich, dass, wenn ich mir Das Ministerium… nicht als Hörbuch zu Gemüte führen, ich bei der Lektüre wohl scheitern würde; zu vielschichtig sind die Ebenen, zu verwirrend die vielen Orts- und Personennamen. Gabriele Blum, die das Hörbuch eingesprochen hat, hilft mit ihrer ruhigen Stimme und ihren Betonungen sehr, das Beschriebene nachzuvollziehen.

 

Die „Süddeutsche“ schreibt: „Roy ist wie eine Kartografin, die Kaschmirs Geschichte im Maßstab 1:1 darstellen will, scheitert und es dann widerwillig mit 1:10 versucht. Sie häuft Charaktere und Orte an, historische und erfundene Ereignisse, Nachrichten und Halluzinationen, je mehr, desto besser. Doch ihr mimetischer Versuch geht nicht auf. Chaos lässt sich nicht durch literarisches Chaos wiedergeben – und Gewalt nicht durch literarische Aggression anprangern.“

 

ZEIT ONLINE stößt in ein ähnliches Horn: „Doch Arundhati Roy ist es mit dem Glücksthema, mit dem Glücksverlangen vollkommen ernst. Die Schwächen ihres Romans und auch ihres Aktivistinnentums hängen genau damit zusammen: Ihr Bewusstsein der permanenten, brutalen Glücksverweigerung in Indien und sonst auf der Welt ist so scharf, dass die Dokumentation von Unmenschlichkeiten den Erzählfluss verstopft und die moralische Empörung die politische Analyse überwältigt.“ Immerhin untertitelt der Autor des Artikels „Die Chronistin des Grauens“, Jan Roß, mit „Was für ein misslungenes und gleichzeitig großartiges Buch!“ und schließt mit folgenden Worten:

 

„Indien, mit seinem Chaos und seinen Widersprüchen, mit seiner abenteuerlichen Spannweite zwischen quasimittelalterlichem Landleben und hypermoderner IT-Ökonomie, bedeutet die ultimative Überforderung durch eine bedrängende Realität: Die Versuchung, vor dem Angriff der Tatsachen in Deckung zu gehen, sich aus dem unverdaulichen Ganzen bequeme Teilwahrheiten herauszusuchen, ist fast übermächtig. Aber man kennt sie auch außerhalb Indiens. Dem tritt Arundhati Roy mit ihrem Projekt einer schutz- und filterlosen Wahrnehmung entgegen, die vom Antiterrorkampf des frühen 21. Jahrhunderts bis zu den Teeblättern auf der Schnauze eines Hundes alles umfasst. Das Ministerium des äußersten Glücks ist eine Lektion in der Kunst, die Augen offen zu halten.“

 

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Eigentlich wollte ich das letzte Zitat ans Ende meines Beitrags stellen; nun befindet es sich mittendrin. Eigentlich wollte ich persönlicher beginnen; nun befindet sich der „persönliche“ Part ebenfalls mittendrin. Eigentlich wollte ich mit dem Beitrag warten, bis ich zuende gehört habe; nun drängt mich das Viele bereits Gesammelte: Zitate, notierte Gedanken, Gefühle und das Telefonat mit einer Freundin über „die Vergeblichkeit von allem“ sofort an die Tasten.

 

Ich habe Schwierigkeiten, allzu persönlich zu werden in meinen Beiträgen. Ich halte es oft für unnötig. Normalerweise mache ich es so, dass ich mit Stichworten arbeite, die ich mir zu einem Thema, zu einem entstehenden Beitrag notiere. In diesen befindet sich jede Menge auch persönlicher – treffender wäre fast der Begriff „privater“ – Gedanken; persönlich spreche und schreibe ich im Grunde immer. Aber meine Definition von „persönlich“ genügt vielen wohl nicht.

 

Durch das fehlende Private bediene ich kaum Voyeurismus, nicht die Neugier, die Viele erst Blogs verfolgen lässt. Das, was ich mir selbst auf die Fahne sowohl meines Netz- als auch meines „real life“-“Auftritts“ geschrieben habe, für friedliche Offenheit dem Mitmenschen gegenüber zu werben, ist unspektakulär. Es holt kaum jemanden hinter dem oft zitierten Ofen, sprich: aus seiner Komfortzone, hervor bzw. trifft mit meinem Interesse das seine. Ich werde kaum gehört, kaum gelesen, und wenn, erfahre ich es oft nicht. Mir würde es schon genügen, wenn jemand meiner MitleserInnen, der ähnlich empfindet und denkt, mal hinterlassen würde: du bist nicht allein… Stattdessen kommt anscheinend kaum jemand über meine ersten Absätze hinaus, und wenn, dann erlebte ich manchmal sogar Anfeindungen als Reaktion. Ich gebe zu: auch diesmal ist das „Persönlichere“ ein bisschen schwerer zu erreichen, weil der Beitrag nicht gleich damit beginnt. Aber es ist nicht versteckt, und ich habe keine Angst vor einer wie auch immer gearteten Reaktion, wenngleich ich mir natürlich respektvolle wünsche und nur auf solche antworten würde.

 

Ich liebe es, Dinge und Dinge, Dinge und Menschen und Menschen und Menschen miteinander zu verbinden, auch literarisch; das wird oft als Vergleich missverstanden. So vergleiche ich mich nicht mit Arundhati Roy, wenn ich empfinde und ausspreche, dass auch sie bestimmt Gleichgesinnte sucht, sowohl als Schriftstellerin als auch als Aktivistin – wie gern würde ich mit ihr darüber reden, um so viel lieber, als spekulierend zu schreiben! Sie fühlt sich nicht allein, wie sie im NDR-Interview sagt, aber wie geht sie wohl damit um, mit der Hoffnungslosigkeit durch die Jahrhunderte…? Im Gespräch mit Cornelia Zetzsche sagt sie: „Was geschieht mit einer Gesellschaft, die solche Dinge zulässt?“ Sie wird sich vielleicht manches Mal auch fragen: WARUM lassen Gesellschaften immer wieder zu, was Menschen einander an Schlechtem, an Bösem antun, warum lassen die einzelnen MENSCHEN es zu?

 

Meine Freundin tröstet mich am Telefon mit einem weisen Rat, aufbauend auf das, was ich sowieso schon so sehe: Gutes und Schlechtes geschieht gleichzeitig, immerzu. Ich möchte doch versuchen, nach dem Übergeordneten zu suchen, danach, was das Gute und das Schlechte einschließt. Ist es wie in der Natur? Grausamkeiten geschehen, und das bewahrt das Gleichgewicht…?

 

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„Dann kam die Teilung. Gottes Halsschlagader platzte auf die neue Grenze zwischen Indien und Pakistan, und eine Million Menschen starben an Hass. Nachbarn gingen aufeinander los, als hätten sie sich nicht gekannt, sich nie gegenseitig zu Hochzeiten eingeladen und nie die Lieder der anderen gesungen.“ [Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks; Interpunktion nach Gehör]

 

„Auf ihrem Banner stand: ‚Die Geschichte Kaschmirs: Tot: 68.000, Verschwunden: 10.000. Democracy or Demon-crazy?‘ Keine Fernsehkamera filmte das Banner, nicht einmal versehentlich. Die meisten, die sich für ‚Indiens 2. Freiheitskampf‘ engagierten, empfanden nichts weniger als Empörung über die Vorstellung von Freiheit für Kaschmir und die Unverfrorenheit der Frauen. Manche Mütter waren – wie manche Opfer des Gasaustritts in Bhopal – etwas erschöpft; sie hatten ihre Geschichte auf zahllosen Treffen und Tribunalen im internationalen Supermarkt des Leids erzählt, gemeinsam mit den Opfern anderer Kriege in anderen Ländern. Sie hatten öffentlich und oft geweint, und es hatte nichts genützt.“ [Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks; Interpunktion nach Gehör]

 

„Ich hastete nach Hause und wartete auf den Schock über das, was ich mit angesehen hatte [einen brutalen Lynchmord]. Seltsamerweise trat er nie ein. Der einzige Schock, den ich verspürte, war der Schock über meinen Gleichmut. Die Dummheit, die Vergeblichkeit von allem widerte mich an, aber irgendwie war ich nicht geschockt. Möglicherweise hatte meine Vertrautheit mit der blutrünstigen Geschichte dieser Stadt, in der ich aufgewachsen war, etwas damit zu tun. Es war, als wäre das Ungeheuer, dessen Anwesenheit wir in Indien ständig und intensiv spüren, plötzlich an die Oberfläche gekrochen, hätte aus tiefster Kehle geknurrt und sich genau so verhalten, wie wir es von ihm erwarteten. Nachdem es seinen Appetit gesättigt hatte, tauchte es wieder ab in seinen unterirdischen Schlupfwinkel, und die Normalität schloss sich erneut darüber. Wahnsinnige Mörder zogen ihre Giftzähne ein und kehrten zu ihren täglichen Aufgaben zurück, als Angestellte, Schneider, Klempner, Schreiner, Verkäufer,… das Leben ging weiter wie zuvor.“ [Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks; Interpunktion nach Gehör]

 

„Ihr Problem ist nicht Konfusion, nicht wirklich. Es ist eher eine schreckliche Klarheit, die außerhalb der Sprache der modernen Geopolitik existiert. Alle Protagonisten aller Konfliktparteien […] haben diese Verwerfungslinie gnadenlos ausgenutzt. Das ist einem perfekten Krieg dienlich, einem Krieg, der weder gewonnen noch verloren werden kann, einem Krieg ohne Ende.“ [Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks; Interpunktion nach Gehör]

 

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„Der Kapitalismus ist ein Raubtier, und wir müssen es gemeinsam jetzt bändigen.“ Milo Rau

 

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Auch Kritiker eines Systems befinden sich innerhalb dieses Systems.

 

Arundhati Roy hat später zuvor gewonnene Preise zurück gegeben, aber durch den Gewinn und die daraus resultierende Bekanntheit konnte sie erst wirksam werden.

 

Die Kritik an den Kritikern ist in meinen Ohren oft unberechtigt. Wie soll es für Systemkritiker denn möglich sein, zu agieren, wie machten sie es denn „richtig“? Es geht nur innerhalb der Welt, in der sie, wir alle, leben.

 

Die Kritik des ZEIT-Journalisten an Arundhati Roy, die politische Analyse käme im Ministerium… gegenüber der moralischen Empörung zu kurz, ist einerseits vielleicht gerechtfertigt, aber gibt es nicht schon genug Analysen dieser Art? Das Aufzeigen persönlicher Schicksale, das mitfühlen-Lassen ist sicher doch genau so gewollt!

Die Analysen sind da, die Erkenntnisse sind alle da. Es dürften nicht so viele die Ungerechtigkeiten der Welt hinnehmen, wenn man die Verantwortung der Regierungen ernst nimmt. (Und nimmt man sie nicht ernst, was Mode ist in manchen Gesprächen, was bedeutet dann diese – oft als coole Abgeklärtheit missverstandene – Lethargie?)

 

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Ich kann nicht hinnehmen, was Menschen einander an Grausamkeiten antun, ohne mich dazu zu positionieren. Obwohl so viele sagen, dass sich-Positionieren einem ja erstmal nichts abverlange, wundere ich mich, warum es in meinem Umfeld noch so wenige tun, zumal sie auch nichts darüber hinaus tun. Kann man sich nicht einfach einmal oder erstmal bestärken und damit das „Wir sind Viele“-Gefühl stärken, aus dem erst Widerstand erwachsen kann, Widerstand gegen Feindbilder, gegen Kriegshetze? Wem es mit friedlichem Zusammenschluss ernst ist, braucht nicht unbedingt einen Verein oder gar eine Partei, damit die Idee wirksam wird und Kreise zieht, dessen bin ich mir sicher. Das Problem ist, dass die Menschen es nicht voneinander wissen, dass sie offensiv für Frieden eintreten oder es in Zukunft tun wollen. Und kann man es von jemandem wissen oder weiß es gar, wird für diesen Menschen kaum oder gar nicht geworben.

 

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Unsere Vernetzung ist nicht die Lösung, sondern ein Anfang. Ich möchte die Menschen kennenlernen, vielleicht nur ein kleines ‚hallo‘ bekommen von dem einen oder der anderen, die mit mir auf demselben Weg sind. Ist das zu viel verlangt?
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https://www.br.de/themen/kultur/arundhati-roy-interview-ministerium-des-gluecks-100.html (Cornelia Zetzsche im Gespräch mit Arundhati Roy; auch zum Hören)

http://www.ndr.de/kultur/buch/Arundhati-Roy-Das-Ministerium-des-aeussersten-Gluecks,arundhatiroy106.html

(mit kleinem Film-Portrait der Autorin)

http://www.zeit.de/2017/32/arundhati-roy-das-ministerium-des-aeussersten-gluecks

https://www.femundo.de/urlaub-buch-film/das-ministerium-des-aeussersten-gluecks/

https://www.youtube.com/watch?v=dnXqJWt8ha8 (Gabriele Blum, die das Hörbuch eingelesen hat, im Interview)

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Einmal mehr: Kunst und Politik

‚Westart live‘ vom 24.04.2017: http://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/sendungen/uebersichtwestartlive158.html

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Thema: Kunst und Politik

Milo Rau: „Warum ist die Linke so gelähmt?“

Der Theatermacher „bildet Realität ab und schafft eine neue Realität“. Er hat sich vom Aktivisten zum aktivistischen Künstler entwickelt.

Sein symbolisches Verfahren „Das Kongo Tribunal“ beleuchtet das Thema Wirtschaftskrieg; der Künstler bringt es knackig auf den Punkt: es geht darum, zu zeigen, „dass es ihn gibt“.

„… es ist diese Co-Präsenz im Raum.“

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Thomas Hermanns: „Wie lebt man mit Schreiben und wie überlebt man es?“

Felicitas Hoppe: „… eine durch und durch einsame Tätigkeit.“

Oliver Helds Film-Installation „Felicitas Hoppe sagt…“ ist ein spannendes Ding, auch, dass die Schriftstellerin darüber sagt, dass es von Vorteil war, nicht die Textregie gehabt zu haben.

„Ich habe Zeit meines Lebens davon geträumt, Kunst auf die leichte Schulter zu nehmen.“

Sie sieht die Gefahr, in der Beantwortung (gesellschafts-)politischer Realitäten irgendwann „Phrasen gegen die Phrasen zu dreschen“ und ist sich einig mit den anderen Gästen, dass es Zeit braucht, sich zu positionieren. Und Tom Schilling ergänzt, dass es „offensichtlich prophetische Künstler“ brauche, auf Dinge eingehen zu können, bevor es für jegliche Reaktion zu spät sei. Ihn fragt Thomas Hermanns beispielsweise, ob man nicht „einen kleinen Film“ im Kopf habe beim Singen… das Einzel-Interview lohnt sich!

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Nils Mönkemeyer sieht die Kunstrichtung „Musik“ als „allgemein Menschliches“ in der Politikdiskussion außen vor, da sie den Menschen auf andere Art anspräche. Das teile ich, möchte aber ergänzend auf Musikstücke hinweisen, die durch ihre Art der Berührung in Verbindung mit dem Thema, das sie behandeln, durchaus Aussagen treffen, wenn sie auch nicht werten… aber vielleicht möchte man auf etwas allgemein Menschliches wie „Verzweiflung“, wenn sie ganze Menschengruppen und eine relativ eindeutige und zu behebende Ursache betrifft, nach dem berührt-Werden durch die Musik auch handelnd reagieren

„Meine innere Stimme klingt wie eine Bratsche.“

Über sein Spielen in einem Obdachlosenheim, das sein mit initiiertes Elysium-Festival bewerben sollte, sagt er: „… ich hab‘ bei dem Konzert gar nicht gemerkt, wer da jetzt wohnt und wer nicht“, weil alle sich dafür schick gemacht hätten.

Thomas Hermanns‘ Interview mit ihm ist in Gänze meine unbedingte Hör-Empfehlung!

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Sebastian Binder ist der Künstler, der diesmal in einer Stunde etwas zuwege bringen möchte/muss, und er versucht als Filmemacher, der er ist, einen Film über die Sendung zu machen.

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Und: ich bin diesmal auch dabei 😉 , und zwar bin ich die letztgenannte Zuschauerin ‚Sabine‘, die sich über facebook zur Sendung geäußert hat. Die Fragestellung war, ob man für oder gegen Politik in der Kunst sei. Besser verständlich als das, was nur vorgelesen wurde, ist es eventuell komplett: „Ich fänd’s verkrampft, Politik in der Kunst in jedem Fall zu vermeiden… Maria Schrader sagte in einer der letzten Sendungen, dass sie Politik in der Kunst oft schwierig findet; ich finde gesellschaftliche Äußerung dort nötig, und was anderes ist Politik als gesellschaftliche Teilnahme…?“

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In der letzten ‚ttt‘ vom 23.04. war ebenfalls Politik und Kunst Thema mit der Fragestellung „Kann Kunst gesellschaftlich etwas verändern?“ zur Situation der Künstler in der Türkei nach dem Referendum. Meine Antwort: wenn sie nicht stattfindet, bestimmt nicht. Ebenfalls sehenswert:

http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/verfassungsaenderung-kuenstler-100.html

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Vision

https://www.facebook.com/KenFM.de/videos/10153877883701583/?pnref=story

Der erste Teil des Textes bezieht sich auf dieses facebook-Video von KenFM und auf die Reaktionen, die das Teilen auf meiner privaten, nicht gemeinschaftlichen facebook-Seite https://www.facebook.com/sabine.pint hervorgerufen hat.

Im zweiten Teil schlage ich einen Bogen zur Kunst und zu den Erwartungen an diese.

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Es steht und fällt immer alles mit dem Inhalt einer Sache, den es zu hinterfragen und zu untersuchen gilt.

Es funktionieren nicht mehr kurze Schlagsätze oder gar –wörter, weil dann der Inhalt vom Zuhörer bestimmt wird statt vom Sprecher; alles sollte möglichst differenziert erklärt werden, auch, wenn das Mühe macht und gefühlt die Meisten dann abschalten bzw. weiterklicken statt zuzuhören bzw. zu lesen und sich auseinanderzusetzen.

Ich fand das Ken-Jebsen-Video gut, weil es einen Aspekt der USA-Wahl aufgreift, der bei den üblichen Be- und Verurteilungen der Kandidatin und des Kandidaten in Medien und Sozialen Netzwerken immer noch zu kurz kam: die Wichtigkeit von sozialer Gerechtigkeit.

Ich finde mit ihm, dass etablierte Parteien hüben wie drüben versagt haben, was dieses Thema anbelangt, weil allen etablierten Parteien die Wirtschaft so nah ist und das dann – aus Gier, nicht aus Vernunft, denn nötig ist es nicht – Interessenkonflikte gibt, die zu nahezu 100 % eben der Wirtschaft zugutekommen und nicht dem berühmten „kleinen Mann auf der Straße“. Ich würde ‚Die Linke‘ zwar noch ausnehmen, weil sie noch nie so weit oben war, ihr gegenüber den anderen Parteien sozialeres Wahlprogramm im Praxistest beweisen zu müssen, aber die Geschichte beispielsweise der ‚Grünen‘ gibt Jebsens Ernüchterung recht.

Was bedeutet das für mein Wahlverhalten? Ich möchte niemanden wählen müssen, der einfach nur donnernd bis unverschämt auftritt und mit Inhalten (bislang; in Trumps Fall) geizt, um das Establishment abzuwählen; ich möchte nicht Dieter Bohlen (Jebsens Beispiel) wählen, wenn er sich aufstellen ließe, um niemanden der anderen wählen zu müssen. Gar nicht zu wählen lässt braunen Sumpf steigen und kann daher auch nicht das Mittel der Wahl(!) sein, solange sich nicht ein ganzes Land verlässlich (gleich utopisch) auf Nichtwählen einigt…

Wenn es mir also um Inhalt geht, dann bleibt mir nur die rechtzeitige gleich stetige Auseinandersetzung mit möglichst allen Inhalten, derer ich habhaft werden kann, die dauernde aktive und offensive Begleitung dessen, was in der Welt geschieht. Dazu gehört die (wenn auch verbale, denn ich empfinde das eben nicht als negativ besetztes ‚nur‘) kritische Begleitung unseres herrschenden politischen Systems, das erlaubt, dass Menschen, die einmal durch Wählerbetrug (Stichworte ‚Wahlkampfversprechen‘ und sonstige Affären) an die Macht gelangt sind, nach einer so langen Zeit erst wieder abwählbar sind, in der schon soziale Unverträglichkeiten und Kriegspolitik Fuß gefasst haben. Ich finde, dass sich Menschen in derlei verantwortungsvollen Positionen durchaus auch verantworten müssen, und zwar genau so rechtzeitig und stetig, wie ich mich – so gut es eben geht – zu informieren habe. (Und wenn mir Informationen vorenthalten werden und ich das merke, mich eindeutig zu Wort zu melden.)

Das, was ich am Schlimmsten finde – bei mir fände und bei anderen finde – ist das defätistische „So ist eben die Realität“ ohne zu realisieren(!), dass wir so viel dieser Realität mitbestimmen: sei es im Drogeriemarkt, wo es wahnsinnig mühevoll ist, irgendein Produkt zu finden, dessen Markennamen nicht auf ‚Nestlé‘ als Mutterkonzern zurückzuführen ist, sei es beim Lebensmitteleinkauf, bei dem das komplette Milchregal der fragwürdigen Firma ‚Müller‘ zu gehören scheint, sei es beim Klamottenkauf, der durchweg „fair“ nur als Superverdiener umsetzbar ist.

Es ist an der Politik, für soziale Gerechtigkeit zu sorgen, es ist an jedem von uns, unser Leben verantwortungsvoll auszugestalten.

Was soll ich von Götz Werner (Gründer und Aufsichtsratsmitglied des Unternehmens ‚dm-drogerie markt‘, dessen Geschäftsführer er 35 Jahre lang war) halten, der seinen Mitarbeitern gegenüber ein dialogisches, respektvolles Führungskonzept vertritt, das mich begeistert, aber durch sein Verkaufsangebot so viel ‚Nestlé‘-Unterstützung betreibt, dass ich diesen Aspekt seiner Unternehmensführung ablehnen muss…? Genau: ich muss das trennen. Ich werde also nicht auf den kompletten Menschen Götz Werner schimpfen, genau so wenig, wie ich ihn nur bejubele. Das eine finde ich gut, das andere schlecht. Auf beides muss ich verbal und durch eigenes Handeln reagieren. Zurücklehnen ist keine Option, nicht mehr, nicht heutzutage mit unserem (Geschichts-)Wissen und nicht mit fast fünfzig.

Genau so gilt auch: ich muss aushalten oder immer besser lernen, auszuhalten, wenn Menschen diese Haltung nicht teilen, alles zu schwierig finden, mir und anderen vorhalten, wie wir uns bei all der Komplexität herausnehmen können, eine Meinung (und das auch nicht immer, weil man manchmal mitten in der Meinungsbildung ist – verwirrend!) zu haben, weil Draufhauen Vielen wohl leichter fällt als Auseinandersetzung mit dem Gegenüber… wenn ich (immer noch!) an Demokratie glaube, muss ich aushalten, dass einige Krieg besser finden als Frieden, dass es Menschen gibt, die den Kapitalismus, wie wir ihn leben, gut finden, weil sie als allein denkbares Gegenstück die ehemalige DDR als Argument haben… ich muss die „Leistung muss sich lohnen“-Menschen aushalten, obwohl schwer Schuftende oft die Letzten sind, die sich etwas leisten können, und für die, die es können, ihr Geld arbeitet… ich muss die aushalten, die es gut finden, dass man finanzielle Unterschiede den Menschen ansieht. Die, die sagen, dass Menschen nicht gleich sind und mit Biologie oder Mentalität argumentieren. Die, die rücksichts- und respektlos sind. Und die und die und die.

Und ich halte das auch alles aus, weil’s nur so geht, wenn man an Demokratie glaubt, weil ich ja auch eine bin, die es auszuhalten gilt, wenn man meine Ansichten nicht teilt.

Aber: man kann doch über alles sprechen, oder? Und zwar ohne dem Gegenüber respektlos zu begegnen. Indem man sich bestenfalls nicht über ihn oder sie ärgert, sondern sich mit dem Inhalt dessen auseinandersetzt, was sie oder er sagt oder teilt, und sich gegebenenfalls dann konstruktiv über einen Inhalt ärgert…

Okay, Ken Jebsen ist auch nicht gerade zimperlich. Aber was machen wir, wenn er recht hat, zornig zu sein und keine der etablierten Parteien – schlechtenfalls weltweit – eine Option ist für uns „kleine Leute auf der Straße“? Oder entwickeln wir uns weiter zu einem Land, in dem jeder froh ist, wenn er ein bisschen mehr hat als der Nachbar und sich für die allgemeine soziale Entwicklung daher nicht zu interessieren braucht…?

Hören wir besser auf, uns auszutauschen, weil uns nervt, dass es noch Menschen gibt, die an Austausch und Entwicklung durch Austausch glauben?

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Künstler tauschen aus. Sie schenken sich in einer kreativen Arbeit her, immer persönlich (dann ist es eine gute Arbeit, egal, ob sie „gefällt“) und manchmal sogar privat, und hoffen gegebenenfalls auf ein kleines bisschen Interesse.

Ich, die ich zu beiden Seiten gehöre, zu den Erschaffern eigener und zu den Rezipienten fremder Arbeiten, lebe die Kunst als einen zusätzlichen Ausdruck, wie eine zusätzliche Sprache, zu der alle Menschen grundsätzlich Zugang haben. Grundsätzlich.

Mir ist aber sehr, sehr bewusst, dass es Staffelungen in der Aufnahmebereitschaft gibt, abhängig davon, wo der Mensch auf der Bedürfnispyramide steht. Das alte Schulwissen ist immer noch gültig: wer um sein Leben rennt, bleibt nicht für ein Kunstwerk stehen; wer nicht weiß, wie er über den Monat kommen soll, kauft sicher keine Kunst. Das demütige Wissen um die Realitäten in der Welt steht allen Menschen gut, gleich, wo sie stehen oder womit sie befasst sind.

Trotzdem gefällt mir der Gedanke, dass die Kunst alle Menschen, gleich, wo sie stehen, überraschen kann: jemand bemerkt zufällig das Bild in der Galerie, an der er tagsüber achtlos vorbeiläuft, den Kopf voller Sorgen, nur, weil es ein Winterabend ist und die Galerie hell erleuchtet. Und es geht ihm nicht darum, das zu besitzen, was er da gerade erst entdeckt hat; er will es näher sehen, traut sich in den fremden Raum, nähert sich Schritt für Schritt. Sieht den Namen dessen, der’s gestaltet hat, ist neugierig, wie’s gemacht ist – und fragt sich vielleicht, vielleicht ja, warum dieser ihm unbekannte Mensch das so und nicht anders gemacht hat… und vergisst vielleicht sogar kurz, ganz kurz seine Sorgen.

Vielleicht ist meine Vorstellung romantisch, vielleicht funktioniert es aber sogar eher so als viele der gut gemeinten und auch bestimmt gut gemachten museumspädagogischen Ansätze. Zumindest für Viele, die nicht wissen, wie sie über den Monat kommen sollen.

Mein Wunsch ist aber, das anzugehen: die Realitäten nicht hinnehmen und mit möglichst Vielen mit der gleichen Idee daran arbeiten, dass immer mehr Menschen mindestens die Mitte der Pyramide erreichen. Weltweit daran arbeiten und weltweit erreichen. Wenn wir den Anspruch aufgeben, dass es möglichst allen Menschen gut geht, nur, weil das angeblich unrealistisch ist, haben wir als Menschen alle zusammen verloren. Es ist unrealistisch, weil es nicht von allen getragen und unterstützt wird.

Was hindert Euch? Was wollt Ihr? Was ist Eure Vision?

 

maslow

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Offener Blick

Heute möchte ich anhand eines Beispiels meine Behauptung veranschaulichen, dass und wie wichtig (und hoffentlich nicht nur mir!) der wache und möglichst vorurteilsfreie Blick ist und wie wenig man Kunstbetrachtung von allen anderen Betrachtungen in der Welt trennen muss.

Das, was ein waches Leben, einen wachen Blick ausmacht, ist meines Erachtens der Balanceakt zwischen Vertrauen in die Mitmenschen und Realitätssicht. Die Frage „Wem nützt was?“ ist dabei ein probates und das zentrale Hilfsmittel. Dabei sieht man zwangsläufig, wo das Vertrauen darin, dass alle Menschen ein immer besseres Leben für alle Menschen anstreben und mitgestalten wollen, unangebracht ist und wo man ansetzen kann/muss.

Kunstbetrachtung soll weiterbringen, soll den Menschen weiterbilden, nicht nur auf reines Faktenwissen bezogen; eben nicht nur rückwärts gedacht. Sie kann mithelfen, ein immer besseres Leben für alle Menschen zu verwirklichen. Eine innere Bildung, eine größere soziale Kompetenz wird gewonnen, wenn man sich auf die Worte und/oder Arbeit eines anderen Menschen einlässt.

Ob eine bestimmte Kunstbetrachtung „etwas bringt“, merkt man sofort oder mit einigem Abstand; man kann in sich hineinhorchen und da eine ziemlich sichere Aussage treffen, wenn man einen guten Draht zu seinen inneren Abläufen hat oder daran arbeiten möchte, ihn zu bekommen. Selbst Dinge, die man ablehnt, bringen einen in Kontakt zu sich und der Welt. Sie können Empathie schulen, indem man sich offen den Gedanken und Gefühlen stellt, die einen überkommen und eine immer bessere Ahnung erhält, dass es anderen ganz genau so geht.

Mit diesem Hintergrund und ohne dass es direkt ersichtlich (!) etwas mit den eben niedergeschriebenen Überlegungen zu tun hat, biete ich nun folgendes vertiefende Interview mit dem Psychologen Rainer Mausfeld zum Lesen an:

http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22955

Vertiefend deshalb, weil es sich auf die Behauptungen aus diesem Vortrag bezieht:

https://www.youtube.com/watch?v=UxUby8zVWUA

Wer also lieber einen Film sieht anstatt zu lesen (obwohl es sich – versprochen – sehr, sehr lohnt), ist herzlich aufgefordert; wie immer freue ich mich auf Eure Gedanken und einen Austausch!

 

auge

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Ein Nachmittag Zeit

Ich kann nicht sagen, dass mir Theodor Fontane schon zu Schulzeiten gefallen hätte, jedenfalls nicht durchweg. „Effi Briest“ mochte ich, weil ich es erstaunlich fand, wie modern sie war und bedauerte, was sie zu ihren Lebzeiten sozialgesellschaftlich auszuhalten hatte. Ich fühlte mit ihr. Allerdings bestraft Fontane – ja auch ein Kind seiner Zeit wie wir alle – seine Heldin mit einem frühen Tod, frei nach dem Motto „Das hat sie nun davon“, besonders sicher von ihrer Untreue…

Die Themen seiner anderen Romanarbeiten, die ich neben dem übrigen Stoff des Fachs „Deutsch“ nur angerissen kennenlernen konnte, waren mir wohl nicht wirklich nah in meiner Jugendzeit…

Eine Geschichte aber faszinierte mich, und die lernte ich sogar noch vor „Effi Briest“ kennen, was mir vermutlich den Weg zu ihr geebnet hatte: die Geschichte um das tragische Schiffsunglück der „Schwalbe“ und ihres Steuermanns, John Maynard, 1841 auf dem Eriesee zwischen Kanada und den USA. Immer noch kann ich die Ballade in großen Stücken auswendig, und wenn mir jemand bei einem Hänger hilft, geht’s meistens auch weiter 😉 . Ich kann sie – ähnlich wie Rilkes „Panther“ – nicht vortragen, ohne selbst wieder ergriffen zu sein; die Sprachbilder fand ich einfach nur klasse.

Obwohl historisch nicht alles korrekt ist, stimmt in diesem Fall wohl der Ausspruch Fontanes: „Das Poetische hat immer recht, es wächst weit über das Historische hinaus.”

Elisabeth Hohmeister beschreibt in ihrem Text, der am 20. November 2008 in der Online-Ausgabe der „Zeit“ erschienen ist, die malerische Sicht des freischaffenden Illustrators und Autors Tobias Krejtschi, der auch als Dozent arbeitet: „Die bildnerische Umsetzung dieser packenden Szenen zeigt das Können des jungen Künstlers. Das befand auch die Jury, die seine Illustrationen zu John Maynard in einem Wettbewerb der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg zur Veröffentlichung auswählte.“

Hohmeister beschreibt die Wirkung der Farben, die der Illustrator gewählt und dass er eine Rahmenhandlung um Fontanes Ballade ersonnen hat. Diese Rahmenhandlung hat etwas episch Berührendes: der alte Mann, der einem Mädchen die Geschichte erzählt, hat das Ereignis als Junge persönlich miterlebt.

Da werden gleich mehrere Bögen geschlagen, Brücken gebaut, Verbindungen geschaffen: eine Fantasie ergänzt eine andere; Personen, die real existiert haben oder noch existieren verbinden sich mit solchen, die sie persönlich nie kennengelernt haben oder die es so gar nicht gegeben hat, damals verbindet sich mit heute, Geschichte mit Kultur.

Das ist es, was Kunst kann: öffnen, verbinden. Lasst Euch nicht künstlich(!) von solchen Erlebnissen trennen, bleibt offen für jede Art des Ausdrucks und seht, was es mit Euch macht. Guckt, wie, auf welche Art Verbindungen entstehen. Nehmt Euch heute Nachmittag Zeit und achtet auf alles, was um Euch herum trennt und was verbindet, was in der Welt trennt und was verbindet. Ich kann Euch, ohne Euch zu kennen, Erkenntnisse versprechen! 🙂 Ich bin gespannt auf Eure Erfahrungen!

 

Zum Tiefertauchen je nach Lust und Laune:

http://www.fontaneseite.de/index.html zu Theodor Fontanes Leben und Schaffen

http://www.btk-fh.de/de/news/tobias-krejtschi-dozent-campus-hamburg/ Interview mit Tobias Krejtschi zum Beruf des Illustrators

http://www.zeit.de/2008/48/KJ-Fontane zu: Tobias Krejtschi: John Maynard, Bilderbuch nach der gleichnamigen Ballade von Theodor Fontane

https://de.wikipedia.org/wiki/John_Maynard Der Wikipedia-Eintrag zu „John Maynard“ mit historischem Hintergrund

http://rainer-maria-rilke.de/080027panther.html Rainer Maria Rilke: Der Panther

http://www.ulrico.de/galerie.htm Der Zonser Künstler Ulrico

 

Das Meer, Ulrico, 2005

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Kunst und „täglich grüßt das Murmeltier“

Kunst und „täglich grüßt das Murmeltier“

Ich habe im Grunde keinen meiner Texte, die ich bisher veröffentlicht habe, als etwas ganz Abgeschlossenes gesehen. Sogar auf meinem Blog www.sabinepint.wordpress.com, der als Blog eben nicht in erster Linie kommentiert wird, erscheinen meine Texte als Gesprächsangebote; jedenfalls sind sie so gemeint, auch, wenn ich bei manchen Themen klar positioniert bin. Ich hoffe immer, dass gerade eine klare Position auch zum Widerspruch und damit zur Diskussion einlädt und meine Art bei aller Herausforderung nicht als provokant aufgefasst wird.

Auch die regelmäßig unregelmäßigen Zerschneideaktionen mancher meiner Bilder sollen nicht provozieren, sondern mir gefällt der Gedanke der Weiterentwicklung; dass einzelne Fragmente als eigene kleine Bilder mit derselben „Information“, ähnlich einer Körperzelle, z. B. als Grußkarte auf Reisen gehen, ver-teilt, ge-teilt werden.

Sowohl beim Bloggen als auch beim Bilder-Teilen bleibt Feedback manchmal komplett aus. Nach allen konstruktiven und weniger konstruktiven Gesprächen der letzten Zeit mit KreativkollegInnen halte ich es aber nicht für hilfreich, daraus nur die eigene penetrante Unrelevanz zu schließen und seine Lebensart aufzugeben, wozu manche meiner Gesprächspartner durchaus tendieren. Dass das ein „Fehler“ sei, wäre aber auch unpassend, denn jede und jeder muss es selbstverständlich für sich fühlen und entscheiden. Ich selbst glaube nur an Fehler in Mathe-Aufgaben, wenn nach strengen Definitionen und festgelegten Regeln eine Aufgabe nicht gelöst wird. Wenn man im Leben aber niemanden bewusst verletzt, ob an Geist oder Körper, gibt es weder „Fehler“ noch „scheitern“. Es gibt nur lernen. Daher würde ich es für mich für einen Fehler halten 😉 , eine Facette meiner Lebensart als „Fehler“ irgendwann einzustellen, obwohl sie mir für mich noch sinnvoll erscheint.

Worin hat wohl Phil Connors, der Held aus dem 1993 erschienenen Film „Groundhog Day – Und täglich grüßt das Murmeltier“ den Sinn gesehen, als er – ich weiß nicht zum wievielten Mal – beim Aufwachen „I got you, babe“ gehört hat, und das, obwohl er sich nicht nur am Vortag, sondern an ungezählten „Vortagen“ nun wirklich in sein Schicksal ergeben und wirklich das Allerbeste aus seinem Tag (denn es war ja immer derselbe!) gemacht hat? Der Zuschauer wünscht ihm Erlösung: „Also jetzt hat er es doch nun WIRKLICH verdient, dass dieser Tag endlich von einem nachfolgenden, von der Zukunft oder zumindest einer neuen Gegenwart abgelöst wird! Was soll er denn noch machen??“ Der Clou ist, dass es gegen Ende gar nicht mehr so scheint, als wolle Phil noch aus seiner Zeitschleife fliehen, so wie er es zu Anfang unbedingt wollte. Der „letzte Tag vor der neuen Gegenwart“ zeigt, wie er seine Zeit genutzt und wie es ihm geholfen hat, das Beste aus dem zu machen, was ist, statt sich zu wünschen, was vielleicht nie mehr sein kann.

Dabei wollen sowohl der Film (mutmaßlich) als auch ich (ganz bestimmt!) nicht für Fatalismus plädieren; er ist ein Gleichnis. Bei der Wikipedia ist es gut erklärt: „Ein Gleichnis ist eine kurze Erzählung. Sie dient zur Veranschaulichung eines Sachverhalts nicht durch einen Begriff, sondern durch bildhafte Rede. Über die Veranschaulichung hinaus wird dem Gleichnis auch verändernde Funktion zugeschrieben. Der Hörer/Leser soll sich in der Erzählung selbst entdecken können und damit eingeladen werden, seine Situation zu verändern.“

Ich ergänze: auch der Zuschauer! Phil Connors entschließt sich nicht sofort nach dem zweiten oder dritten und auch nicht nach dem zehnten Erwachen am „selben“ Tag, das für ihn Beste aus der Situation zu machen, wozu seine eigene Veränderung gehört; er hadert und verzweifelt bis hin zu Selbstmorden, die zwar immer klappen, aber durch die Zeitschleife doch nur Versuche bleiben. Dabei schafft es der Film, diesen tragischen Momenten dank Bill Murray trotzdem Komik abzugewinnen, nicht zuletzt auch wegen der am Schluss dieser Phase rasant zusammengeschnittenen Selbstmorde. Erst, als er in den täglichen – und aufgrund der Zeitschleife im wahrsten Wortsinne alltäglichen – Gegebenheiten eine eigene Qualität entdeckt, beginnt die Veränderung in ihm. Das immer bessere Kennenlernen seiner selbst, das erzwungene Fokussieren auf das Wesentliche eines Tages bis hin zum Begleiten eines alten Obdachlosen bei dessen Tod, hilft ihm durch die Prüfung und kommt allen Menschen in seiner Umgebung zugute. Abgesehen von einer gewandelten Kleidungs- oder Einrichtungsmode ist der Film so aktuell wie vor 22 Jahren und ich glaube, auch noch für heute junge Leute witzig.

Warum erzähle ich das?

Weil ich immer öfter an Phil und seine Lehre denken muss: bestimmte Gegebenheiten sind einfach da; sie gelten, weil du dich irgendwann im Leben auch für Dinge entschieden hast, die nicht mehr revidierbar sind oder deren Revision so unbedingt nötig wie vollkommen unrealistisch ist (wie z. B. ein Berufswechsel in den 50er Jahren des eigenen Lebens). Dann gilt es, von Phil Connors zu lernen, wie man Sinn im Leben aufrechterhalten kann, ohne sich etwas vor zu machen oder schön zu reden, denn beides tut dieser nicht. Da ist kein Zwang in diesem „Sinn“, den er in seinem Leben neu sieht; er „macht“ den Sinn nicht oder nennt Dinge sinnvoll, die es nicht sind – er lebt einen Sinn.

Und ich glaube, so lebe ich „Kunst“. Dadurch, dass ich mich bewusst nicht für einen „offiziellen“ Weg entschieden habe aus ähnlichen Gründen, die mich vor einigen Jahren endlich aus der Kirche haben austreten lassen oder mir die Gewissheit geben, niemals einer Partei angehören zu wollen, bin ich in der Gestaltung meines kreativen Lebens frei. Ich muss niemandem gefallen, ich muss mich nach niemandem richten, ich kann ausdrücken, was ich will und wie ich es will. Ich kann verkaufen oder verschenken. Menschen, mit denen ich mich für Projekte zusammentue, begegne ich auf Augenhöhe, partnerschaftlich statt hierarchisch. Dadurch, dass sich niemand mit meinem unbekannten Namen schmücken will, kann ich bei von anderen signalisiertem Interesse davon ausgehen, dass wirklich meine Arbeit, meine Leistung gemeint ist und gehe so von vornherein gestärkt in neue Vorhaben. Risiken dürfen sein, denn ich riskiere nie das für mich Wesentliche: meine in Jahrzehnten gewachsene Überzeugung, dass alles Menschengemachte Menschen zugute kommen sollte statt sie zu diskriminieren, zu boykottieren, zu verletzen. Auch die Kunst ist menschengemacht für Menschen: zur Erbauung, zur Horizonterweiterung, zur Veränderung zum Positiven oder noch Positiveren. Sie soll nicht ausgrenzen, sie soll einladen! Sie ist eine lebendige Ausdrucksform und keine tote Sprache, die man – bestenfalls und rückblickend – studiert.

Ich habe noch eine andere Plattform für meinen Blog auf Facebook. Auch dort heißt es ‚Sabine Pint: Kunst ist für die Menschen‘. Als eine Firma dort anbot, den Blog für einen gewünschten Zeitraum als Buch zu drucken, konnte ich nur eine kleine Weile widerstehen; die Kosten sollten sich in Grenzen halten, und das Ergebnis sollte also dasselbe in haptischer Form sein; etwas zum Zeigen, wenn kein Stromanschluss in der Nähe war. Aber das Ergebnis war enttäuschend: das Wichtigste, die Gespräche, waren nur angerissen ausgedruckt, so dass das Zeigen dieses Buches eher wie ein Ego-Trip scheinen würde als aussagekräftig zu sein. Auch Foto-Bücher habe ich schon versucht. Da ist der Vorteil, dass man bei einem guten Programm Texte und Bilder auf verschiedene Art einsetzen und zeigen kann – besonders schön als wirklich persönliches Geschenk, aber wegen der dann explodierenden Kosten nur bedingt zur Vervielfältigung geeignet. Eines aber fehlt bei allen Print-Varianten: die Lebendigkeit. So dass ich mir auch dabei eingestehen muss: für mich ist das Internet bei allen Missbrauchsmöglichkeiten der Ort meiner Wahl, das Netz und das persönliche Gespräch, und manchmal findet das eine im anderen statt. Und so habe ich mich in meinem Punxsutawney eingerichtet, tatsächlich ohne dass mir etwas fehlt. Und wenn morgen der Radiowecker „I got you, babe“ spielt, bin ich da, wo ich sein möchte: mitten in meinem Leben!

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