Was wir alle draus machen

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Ist es nicht, was wir alle draus machen?

Ich sehe die facebook-Situation so ähnlich wie meine übrigen Sozialkontakte: wenn mehr oder weniger offene Ablehnung stattfindet, setze ich mich sachlich auseinander oder bleibe friedlich weg; es gibt Smalltalk, der richtig nett ist und durchaus nützlich für ein grundsätzlich wohlwollendes Miteinander, und es gibt tiefer gehende, sehr konstruktive Äußerungen, aus denen manchmal – vielleicht zu selten – äußerst fruchtbare Gespräche entstehen.

Mir ist völlig klar, dass facebook ein gewinnorientiertes Unternehmen ist, das unsere Daten abgreift und nicht an einer „besseren Welt“ interessiert ist. Ich empfinde es aber als schwierig, eine Sache, die alles sein kann, die man als Nutzer so oder anders ausgestalten kann, in Bausch und Bogen zu verurteilen. Insofern klingt Palihapitiyas Bedauern in meinen Ohren überzogen:

„Ich denke, wir haben Tools geschaffen, die die Struktur unserer Gesellschaft auseinanderreißen […] Die kurzen, von Dopamin gesteuerten Feedback-Schleifen, die wir kreiert haben, zerstören, wie die Gesellschaft funktioniert.“

Und weiter heißt es auf Xing: „Durch die Pseudo-Interaktion auf die geposteten Inhalte finde kein ziviler Diskurs und keine Kooperation mehr statt; stattdessen dominierten Fehlinformationen und Unwahrheiten [als] ‚ein globales Problem‘.“

Sind wir nicht alle gefragt, das mitzugestalten? Wie stellen wir uns zu den Dingen; wie leiten wir beispielsweise Kinder und Jugendliche an? Wie gehen wir damit um, dass es überall um Profit geht und alle dem ausgesetzt sind; wie gehen wir beispielsweise mit Werbung für Kinder und Jugendliche um, die legal jeden Tag stattfindet, ob mit oder ohne facebook?

Was tun wir beispielsweise in Schulen dafür, dass es irgendwann vielleicht zwar genauso fies wie heute ist, es mit Social Bots zu tun zu haben, ihnen aber dadurch ein Stück ihrer Macht genommen wird, indem junge Menschen angeleitet werden, weniger impulsiv auf kurze Schlagsätze anzuspringen und das Auseinandersetzen nicht zu verlernen, immer wieder das selbst-Denken zu trainieren, um die Karren erkennen zu können, vor die sie gespannt werden sollen, wenn sie vor solche gespannt werden sollen? (Ich entschuldige mich aufrichtig für diesen Satz!)

Ob „ziviler Diskurs“ stattfinden kann, dazu schaffen doch wir die Bedingungen! Ob wir kooperieren, uns zusammenschließen, das entscheiden doch wir!

facebook ist und bleibt ein kapitalistisches Unternehmen. Ich stelle mir aber vor, wie viel gewonnen wäre, würden all die, die nicht an einer verbalen Prügelei interessiert sind, diese Stränge dort ver- und die Wort-Hooligans unter sich zurücklassen. Und möchte man bleiben: dass man in aufflammender Wut nicht in diesem Gefühl antwortet, sondern den oft wichtigen Zorn in Argumente und Sachlichkeit ummünzt. Wenn möglichst viele darauf achteten, würde das sowohl den Bots als auch den Trolls Macht entziehen. Ich stelle mir vor, dass jeder, der sich dort bewegt, es sowohl thematisch als auch im Umgang miteinander so ausreichend ernst nähme, als sei er nicht virtuell unterwegs, denn für viele macht das einen Unterschied. Doch: kaum jemand käme auf die Idee, sich im Bus in das Gespräch hinter ihm einzumischen, obwohl man jedes Wort versteht. Und machte es eine Einmischung nötig, drehte man sich ja auch nicht sofort mit den Worten ‚Sie Blödmann haben ja keine Ahnung!‘ um.

Es ist so viel Gutes mit diesem Medium möglich, ob Privatunternehmen oder nicht. Und höchstwahrscheinlich ist es nur als Privatunternehmen mit Gewinnerzielungsabsicht in diesem weltumspannenden Umfang realisierbar; wohlmeinende Einzelpersonen, die ein gemeinnütziges Unternehmen dieser Reichweite führten, kämen ja mit der Kontrolle gar nicht hinterher oder wären schon arm geklagt. Niemand würde das auf sich nehmen.

So bleibt uns nur der wache Blick, wieder einmal, wenn wir unsere guten Dinge nicht aus Scheu vor Eigenverantwortung opfern wollen.

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Und – was hältste eigentlich von Mandy?

 „Stellt man die Frage danach, welche Arbeitsweisen und Inhalte von Unterricht und speziell Kunstunterricht für Schüler/-innen relevant sein könnten, begibt man sich auf vages Terrain.

Mit Methode Mandy rücken wir das Wissen und Können von Schüler/-innen abseits vonschulischen „Abfragesituationen“ in den Fokus. Wir wollen erfahren, über welche Kenntnisse und Interessen die Schüler/-innen verfügen und was davon sie anderen vermitteln wollen würden. Davon ausgehend interessiert uns, inwiefern dieses Wissen und Können der Erweiterung eines jetzigen Kunstunterrichts dienen kann. Wir arbeiten in verschiedenen Phasen gemeinsam mit 25 Schüler/-innen an möglichen und nötigen Formen des Könnens in Anbetracht uns unbekannter Zukünfte. Was werden wir können müssen oder was sollten wir in der Lage sein zu tun und zu denken?

Mandy ist in der Logik von Schule ein Name, der nicht unbedingt mit Attributen wie „freundlich“ und „leistungsstark“ in Verbindung gebracht wird. 2012 wurde der Name im Kontext des Bundeskongresses der Kunstpädagogik (BuKo12) von einzelnen Akteuren/-innen als Hashtag und Code verwendet, wobei Mandy in den Tweets als „Geist der zukünftigen Kunstpädagogik“, aber auch als „bissig“ beschrieben wurde.

Obgleich es kein einheitliches Verständnis von „Code Mandy” gab und gibt, wurde der Name für „unterschätzte Teilhabe“, „ungehörte Stimmen“, „diskursferne Inhalte“ und ein gewisses Verständnis von Widerstand gegen den derzeitig gängigen Diskurs im Fach Kunstpädagogik verwendet.

Methode Mandy ist ein Projekt im Prozess und dabei als Forschungswerkstatt zu begreifen, die über verschiedene Phasen explorativen Vorgehens Material und Informationen zu erheben sucht, um bisher Marginalisiertes (mitbe)denken zu können.

In unserem Vortrag gaben wir einen Einblick in das Projekt zum Bundeskongress der Kunstpädagogik 2015 in Salzburg und beleuchteten den Begriff „Können“ exemplarisch sowohl in seinen historischen Dimensionen als auch aktualisiert durch gegenwärtige Tendenzen. Daran schlossen sich Überlegungen zu den Begriffen Kompetenz und Kanon an und damit einhergehend zu Chancen und Herausforderungen dieser Begriffe und ihrer institutionellen Rahmenbedingungen. 

Wie kann sich Methode Mandy nun weiterentwickeln? Welche Zumutungen bringt die Erhebung für Lehrende und Schüler/-innen (und für die institutionalisierte Bildung)? Wie kann implizites Wissen und Können explizit werden? Wie kann das Wissen um das “andere” Können sich als dauerhafte Variable in die Institution Schule einschreiben bzw. was bedeutet es, wenn man davon ausgeht, dass Schule sich parallel zu gesellschaftlichen Veränderungen immer wieder aktualisieren muss? – Ein Widerspruch?

Methode Mandy ist ein Raum des freien Programmierens von Handlungen und Kommunikation, von Können, von Wissen und von möglichen zukünftigen Gegenwarten. Und letztlich ist es auch ein Denk- und Erprobungsraum für alle Beteiligten.

Methode Mandy: Annemarie Hahn, Robert Hausmann, Kristin Klein, Gila Kolb, Matthias Laabs, Konstanze Schütze“

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Im Dialog

https://www.youtube.com/watch?v=wjPJIwI-M2g

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Michael Hirz im Gespräch mit Richard David Precht

 

Der Philosoph macht deutlich, dass es keine absolute, sondern nur gefühlte Gerechtigkeit gibt, was den Begriff an sich schwierig macht. Zudem schwankt unsere Gesellschaft zwischen zwei Modellen: der liberalen Gerechtigkeit, in der jede/r die gleichen Chancen hat, und der sozialistischen Gerechtigkeit, in der jede/r am Ende das gleiche bekommt. Es drängt mich, zu ergänzen: Wir mögen schwanken, aber leben in unserer Gesellschaft keine der beiden Formen.

Wenn nun Parteien hingehen und mit diesem undefinierten Begriff Wahlkampf machen, noch dazu solche, die viele konkreten Ungerechtigkeiten erst losgetreten haben, ist es klar, dass das Vertrauen weiter erschüttert werden muss; „von der AfD gar nicht zu reden“. (Volker Pispers sagt dazu: „Sie bekommen in unserer Demokratie bei einer demokratischen Wahl keine Mehrheit für eine Politik, von der 80 % der Bevölkerung wirtschaftlich profitieren würden; kriegen Sie keine Mehrheit für. Sie kriegen jederzeit eine Mehrheit für eine Politik, von der die reichen 10 % profitieren, denn die Politik wird seit 40 Jahren gemacht und gewählt. CDU, CSU, SPD, FDP und Grüne sind wirtschaftspolitisch eine Einheitspartei.“ Und Rudolf Dreßler dazu, warum davon enttäuschte Menschen die AfD wählen: „Weil sie nicht wissen, was die AfD programmatisch denn eigentlich anbietet. Bei der SPD sehen sie und empfinden nichts mehr, und bei der AfD glauben sie zur Zeit, dieses finden zu können, und es wird für sie auch eine schlimme Entwicklung sein, ein Erwachen sein, wenn sie merken, dass diese Partei in ihrer Programmatik, wenn man das mal liest, was die eigentlich will, genau das Gegenteil von dem anbietet, was genau diese Wählerklientel erwartet.“)

Precht kommt recht schnell weg von der Parteienpolitik hin zu dem, wohin die Gesellschaft – selbstverständlich nicht ohne Politik! – kommen müsste, um mit den neuen Herausforderungen (nicht mehr genug Arbeit für alle, Strukturumbruch durch Digitalisierung) zurechtzukommen.

„Was macht das eigentlich mit einer Gesellschaft, wenn [sie] bislang daran orientiert war, dass möglichst jeder in Arbeit und Brot kommt und dass der Wert von Menschen danach gemessen wird, was sie leisten und was sie verdienen?“

Dass er nicht sehr optimistisch ist, wenn dieser gesellschaftliche Wandel nicht gestaltet wird, die an sich gute freie Zeit nicht auch gut genutzt wird („gut“ im Sinne von sinnvoll für den, der sie nun übrig hat), daran lässt er keinen Zweifel. Und die Politik bietet mit keiner Partei etwas an, das die Menschen in diesen Umbruchzeiten stärkt und stützt; Precht drückt es so aus, dass „die Parteien keine Szenarien dafür entwerfen, und dass sie es schon aus dem Grund nicht zum Wahlkampfthema machen, weil sie Angst haben, den Leuten Angst zu machen. Also lieber lullen sie sie ein und versprechen – mit Raute oder schönen warmen rhetorischen Worten – ein Gefühl von Sicherheit, von Beständigkeit und dass alles weitergeht wie bisher, aber damit werden Kartenhäuser gebaut, während die Erde Risse bekommt.“

Er empfindet es so, dass wir durch die und mit den Parteien schwanken zwischen „Retropien“ und Dystopien; dass unsere Zukunftssorge uns zurückgezogen und rückwärtsgewandt sein lässt, anstatt uns an Zukunftsvisionen arbeiten zu lassen, die uns zumindest weniger Angst machen. Und wir in Wahlkämpfen mit „Kinkerlitzchen-Themen“ abgelenkt werden von diesem Wesentlichen.

„Wer etwas erreichen will, der sucht sich Ziele, und wer etwas verhindern will, der hat Gründe. Und wir leben in einem Land, in dem, verstärkt durch die Medien, eine Diktatur der Gründe über die Ziele vorliegt. Und weil die Politiker das wissen, gehen sie immer den risikolosesten Weg.“

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„Wie viel Angebote die Gesellschaft bereitstellt“, damit ein Mensch etwas mit seiner Zeit anzufangen weiß, und wie er von Kleinkindbeinen an gut angeleitet wird, seine Potenziale zu entfalten und den Wunsch entwickelt, Gesellschaft mitzugestalten, das ist seit längerem ja auch mein Überlegungsfeld.

Dass ich dabei alles das, was trennt statt zu verbinden, das ausschließt statt einlädt sehr kritisch sehe, ist für die, die mich begleiten, kein Geheimnis; im Gegenteil werbe ich sehr offensiv für co-kreatives, disziplinenübergreifendes Miteinander.

„Das ist eine elementare Herausforderung an ein Bildungssystem. Wir haben ein Bildungssystem, das funktioniert über extrinsische Belohnung, also: in der Schule lernen sie für Noten, und später im Leben arbeiten sie für Geld.“ Wenn aber so viel Arbeit schon weggefallen ist und weiter wegfallen wird, „… dann müssen auch die anderen genug Pläne und Ideen haben…“

Das, was Richard David Precht im Interview ausstellt, ist ein Armutszeugnis für diejenigen, die unsere Gesellschaft führen und leiten und die Bedingungen schaffen.

Solange sich Menschen nicht nur abgehängt fühlen, sondern es im Vergleich mit anderen definitv auch sind, herrscht Verbesserungsbedarf. Solange Regierungsvertreter diese Menschen weniger im Blick haben als sich selbst, herrscht Skandal. Solange die wesentlichen Punkte bewusst unter den Teppich gekehrt werden, ebenfalls.

Wir sollten uns alle bemühen und „diese Entwicklung nicht mit geschlossenen Augen machen, sondern sehenden Auges, und das heißt, dass wir all die wichtigen politischen und sozialen Umgestaltungen aktiv angehen, die wir angehen müssen, damit wir auch in Zukunft in einer lebenswerten Gesellschaft bei uns in Deutschland und in Europa leben.“

Precht schlägt als Beispiel schon mal – im Gegensatz zum Modell, Arbeit zu besteuern – eine Finanztransaktionssteuer vor, die, prozentual angelegt, schon an sich mehr (konkrete) Gerechtigkeit brächte.

Was kann die/der Einzelne beitragen?

Dazu zählt für mich die Besinnung auf unsere ureigenen Bedürfnisse. Diese Besinnung muss man selbst als wacher, kritischer Erwachsener ständig trainieren bei all dem, was uns als „Must-haves“ verkauft wird, worauf das Scheinwerferlicht für uns gerichtet wird. Sollten wir zu dem Schluss kommen, dass unsere Bedürfnisse nicht viel mit dem zu tun haben, worauf sich unsere Aufmerksamkeit richten soll, sollten wir widerstehen, oder nicht?

Ich bin dafür, dass wir Kindern (eigenen, denen, die uns anvertraut werden in offiziellen und inoffiziellen Patenschaften und denen, die wir nur kurz und vielleicht nur zufällig begleiten) vorleben, dass Talente wertvoller sind als Äußerlichkeiten, und dass wir vorleben, dass man anderen Menschen erst mal zuhören und das Gehörte im Sinne des Sprechenden verstehen muss, ehe man antworten kann. Jugendlichen und Erwachsenen kann man zum Beispiel prima vorleben, dass es auf Feiern, bei denen man neue Menschen kennenlernt, andere erste Fragen als die nach dem Beruf gibt…

Ich glaube, dass eine Gesellschaft, die sich nicht ablenken und abspeisen lässt, anders lebt und anders wählt. Ich wünsche mir den nächsten Schritt von den Mausfeld’schen Erkenntnissen, „warum die Lämmer schweigen“ hin zum konstruktiven Angehen der inneren und äußeren Schweinehunde. Und beim nächsten Zusammentreffen mit neuen Leuten… na, Ihr wisst schon… 😉

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„Life is a Cabaret, old chum…“

Ich erinnere mich so gut an meine Großeltern, als wären sie noch da, und als hätte ich erst am vergangenen Wochenende mit ihnen erzählt. Mit allen Vieren verbinde ich unterschiedliche Dinge, und mit meiner Oma väterlicherseits eben auch das Gucken alter Filme, als ich Kind war. Obwohl sie auch Neues, besonders Spannendes gern ansah, liebte sie diese Filme und schwärmte im Alter noch von Lilian Harvey, Willy Fritsch und Zarah Leander. 45, gar 50 Jahre lagen zwischen Drehzeit und (unserer) Guckzeit, und wo ich als Kind nur wahrnahm, dass das Filmmaterial vergilbt und Technik und Mode veraltet waren, muss es für meine Oma in jeder Hinsicht der pure Nostalgiegenuss gewesen sein. So, wie ich heute vielleicht „E. T.“ oder „Zurück in die Zukunft“ anschaue.

Als älteres Kind wurde mir zunehmend die Diskrepanz zwischen meiner damaligen Jetzt-Zeit und der Zeit dieser Filme bewusst; die Darsteller – besonders Lilian Harvey – verhielten sich irgendwie merkwürdig… kindisch… gefühlt selbst für damals unzeitgemäß und altmodisch. In der Schule lernte ich dann einiges über die Zeit des Nationalsozialismus, wie seine Propaganda funktionierte und dass selbstverständlich auch die Unterhaltungsindustrie alles andere als unschuldig gewesen war. Und Gleichberechtigung steckte noch in Kleinkindschuhen.

Meine Oma hat die kriegsfreie Zeit, später besonders mit uns Enkeln, sehr genossen; sie war eine dankbare Person. Und sicher hat sie bei aller Nostalgie jeglichen Unterschied der Zeiten zwischen den 30er und den 80er Jahren sehr bewusst wahrgenommen. Aktuell fühlten sich die alten Filme nicht für sie an.

Vor ein paar Tagen zeigte 3sat „Cabaret“, den amerikanischen Film nach dem gleichnamigen Broadway-Musical aus 1972. Ich kannte bislang nur Ausschnitte und hatte Lust, ihn anzusehen. Mir kam es so vor, als betrachte ich einen Film im Film, denn die Handlung spielt in Berlin 1931. Ich nahm nicht nur das Ende 20er/Anfang 30er-Jahre-Flair wahr, sondern auch die Filmtechnik der 70er.

Was mich jedoch erstaunte und zunehmend erschreckte war, dass ich den Film als nicht unmodern empfand. Menschliche Traurigkeit, menschliches sich-vergnügen-Wollen, menschliches hin- und hergerissen-Sein zwischen Verantwortungen, Wünschen, Pflichten, Charakter und Haltung – es ändern sich, obwohl wir die Unterschiede zwischen den Jahrzehnten als groß empfinden, oft nur die Kulissen. Und da ist das Vorrücken der Nazis… im Film blickt eine anscheinend homogen hedonistische Gesellschaft teils ungläubig, teils teilnahmslos, teils unterschätzend auf die Ereignisse… wie heute?

Trotz der beachtlichen Leistung in Darstellung und Kameraführung [bleibt der Film] über weite Strecken unverbindlich und oberflächlich, da die Handlung neben den brillant choreografierten und vorgetragenen Cabaret-Nummern zu verblassen droht

schreibt das Lexikon des Internationalen Films. Ich glaube, dass das genau so gewollt war. Das Fürchterliche, die Bedrohung sind, obwohl eindeutige Szenen der beginnenden Schreckensherrschaft gezeigt werden, für die Meisten wohl noch nicht deutlich genug spürbar… noch zu verwaschen… nicht deutlich zu erkennen…

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Film-Bild, Sekunden vor dem Abspann:

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Freisprech-Anlage

„Denkend sprechen, sprechend denken“ – ganz schön schwierig, Stefan B. Adorno! 😀

Versucht habe ich es trotzdem:

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Ab welchem Alter…

… verliert man das bedingungslose Mitgefühl seiner Mitmenschen? Und wie alt muss ein Mensch sein, dass man ihm nicht mehr zuhört, egal, welche Ausdrucksmöglichkeit er anwendet?

In diesem Alter

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geschieht es noch nicht; da deutet man jedes Brabbeln, jeden Gesichtsausdruck und jede Körperregung, um den kleinen Menschen bestmöglich zu deuten; von „verstehen“ kann noch keine Rede sein.

Babies, die in Kriegsgebieten oder Armutsländern geboren werden, bedauert man von Herzen, so man zu Empathie fähig gemacht worden ist. Man weiß: Chancen für das neue Leben sind in jedem Bereich klein bis nicht vorhanden; elterliche Zuwendung beschränkt sich auf das Notwendigste, weil man mit größtem Hunger, Perspektivlosigkeit und/oder Bomben- oder sonstiger Geschossflucht nicht an besondere Kindesförderung denken kann. Theoretisch versteht das jeder…

Auch Kleinkinder genießen noch Welpenschutz.

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Wie alt muss ein Mensch sein, dass seine Mitmenschen ihm diesen Schutz nicht mehr zugestehen, dass sie alle Verantwortung bei ihm sehen?

Etwa in diesem Alter?

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Wohl noch nicht. Da wird dem Heranwachsenden eher zur Last gelegt, wenn die Noten zu schlecht sind und er sich nicht mit anstrengt, etwas zu verbessern. Wenn er oder sie denn zur Schule gehen kann

Wenn er oder sie nicht zur Schule gehen kann, weil es der Familien-Clan nicht erlaubt, die Schule weggebombt wurde oder er in einem Landstrich der Erde lebt, wo keine Schulbildung vorgesehen ist oder er nach vierstündigem Joggen das Unterrichtshaus erst erreicht (und das ist nur der Hinweg, und die schulische Ausbildung beschränkt sich auf Lesen, Schreiben und Rechnen), was kann man ihm oder ihr dann zur Last legen? Mit 12, 13 Jahren?

Und was ist, wenn der Mensch ungefähr 20 Jahre alt ist?

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Vielleicht hatte er das Glück, nicht in einem Kriegsgebiet oder Armutsland zur Welt gekommen zu sein, konnte zur Schule gehen und hat neben Rechnen und Schreiben eine gewisse analytische Art zu denken gelernt, die ihn befähigt, sich und sein Umfeld zu hinterfragen. Vielleicht hat sich durch diese Art der Erziehung ein Interessenfeld aufgetan, in dem er sich zuhause fühlt, und dadurch, dass er jede Nacht sicher in einem physischen Zuhause schläft, kann er die Dinge weiter pflegen, die ihn interessieren, sich menschlich weiterentwickeln und weiterbilden. (Menschlich weiterentwickeln kann sich selbstverständlich jeder; mir geht es darum, die Bedingungen aufzuzeigen, unter denen das geschieht, aufzuzeigen, wie wir urteilen, was wir von Mitmenschen im Grunde verlangen, ohne auch nur ein Fitzelchen dazu berechtigt zu sein. Wodurch oder durch wen soll eine solche Berechtigung jemals ausgesprochen worden sein oder werden?)

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Kommen Schicksalsschläge, federt ein solcher geborgener Mensch sie sicher anders ab als jemand, der unsicher und ungeborgen aufgewachsen ist, vielleicht viele Menschen hat sterben sehen, vielleicht auf grausamste Art, vielleicht die nächsten Angehörigen… und ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass sich unter dieser Art Stress – und Hunger und Perspektivlosigkeit reichen da vollkommen aus; das für diejenigen, die lediglich Kriegsflüchtlingen zugestehen, eine halbwegs richtige Entscheidung getroffen zu haben – auch Verhalten ändern kann? Es geht mir nicht um ein übermäßiges Täterverständnis, wo ein Mensch zum Täter geworden ist; es geht mir um unser inneres Beurteilungssystem und um den Wunsch, meine Mitmenschen mögen doch bitte mit mir an einer Gesellschaft arbeiten wollen, in der Menschen empathisch miteinander umgehen, das heißt zum Beispiel auch Traumata in eine solche Beurteilung eines anderen Menschen mit einfließen lassen. Dann bleibt ein Vergewaltiger ein Vergewaltiger und ein Mörder ein Mörder, aber die gesellschaftlichen Bedingungen für solche Taten werden eventuell ein bisschen wichtiger genommen, die gemeinsame Arbeit an einem sozialen Zusammenleben unter fairen Bedingungen wird eventuell irgendwann ein bisschen wichtiger genommen.

Ab welchem Alter verurteilen wir Mitmenschen, die aus Krieg und Armut fliehen? Wie alt sind sie, wenn wir beginnen, sie zu beurteilen, zu beurteilen, was wir nicht alles „an ihrer Stelle“ anders gemacht hätten (zum Beispiel AUF JEDEN FALL in der zerbombten und zerrüteten Heimat bleiben, weil diese ja auch wieder aufgebaut werden muss – welche Unterstützung die Menschen dort dazu bekommen, ist uns dann wieder egal –, AUF JEDEN FALL in der tiefsten Perspektivlosigkeit bloß ja in der Wellblechhütte bleiben, weil ja nicht jeder sein Land verlassen kann, bloß, weil er arm ist), sie zu verurteilen dafür, dass sie nicht privilegiert geboren wurden?

Wenn wir schon da unsere Herzen, Augen und Ohren zu machen, wenn die Hilfeschreie aus den Ländern, vom Mittelmeer, aus den Wellblechbehausungen aller Welt eigentlich nicht überhört werden können: wie können wir, wie kann ich erwarten oder auch nur hoffen, dass einem künstlerischen Ausdruck eines Mitmenschen auch nur ein Bruchteil Aufmerksamkeit zuteil werden möge?

Aber ich erwarte es weiterhin und ich werde es weiterhin geben. Jedweder Ausdruck eines jedweden Menschen ist ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft, ein Hinweis, in welche Richtung es gerade läuft und die Grundlage für eventuell wichtige Neuverhandlungen der Weltgesellschaft.

Viele können derzeit nur um Hilfe bitten, und wenn die praktisch nicht gegeben werden kann oder politisch nicht in ausreichendem Maße gegeben werden soll, wenigstens um das Verständnis ihrer glücklicheren Mitmenschen. Das ist das Mindeste. Weil sich kein Mensch unabhängig von seiner Umgebung entwickelt, von der Gesellschaft, in die er zufällig hineingeboren ist.

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Politische Kunst

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=6338:hate-radio-milo-rau-und-sein-internationales-institut-fuer-politischen-mord-fuehren-eine-radio-hass-sendung-aus-ruanda-wieder-auf-&catid=38:die-nachtkritik&Itemid=40

 

https://www.youtube.com/watch?v=pm1eYaP7JIM

 

Milo Rau:

„Es scheint tatsächlich ein globales Verständnis zu geben für Kunst, das gewachsen ist, vielleicht in den letzten 20 Jahren; ich weiß es nicht… Mich hat’s jedenfalls sehr sehr sehr erstaunt, als wir das in Japan gezeigt haben, dass das komplett funktioniert hat; dass es keine Verständnisfragen gab, sondern jeder das sofort übersetzt hat in […] die Massaker der japanischen Armee in China beispielsweise… es sofort übersetzt hat in ‚sein Ding‘: in der Schweiz war die Demokratiefrage wichtig, in Frankreich die Rolle Frankreichs und in Ruanda natürlich die eigenen biografischen Bedingungen.“

Juliane Rebentisch:

„Könnt‘ ja aber auch’n Problem sein… wenn man es in alles immer so rückübersetzt, dass dann sozusagen der Gehalt auf so was allgemein Menschliches runterdimmt und so’n bisschen ’nen depolitisierenden Zug auch dadurch bekommt, sozusagen was dann der ‚gemeinsame Nenner‘ immer ist… die dunkle Seite im Menschen oder so… das wär‘ ja’n bisschen kurz…

[…]

Natürlich stellt sich diese ethische Frage: Welches Material […] unterwirft man überhaupt dieser Logik der Kunst, ja, die eben eine Logik des Unbestimmtmachens auch ist? Man vergisst, dass es von Breivik ist [vorher war von einem Originaltext des Attentäters die Rede, der im Kunstkontext vorgetragen worden ist], man vergisst sozusagen in gewisser Weise den Kontext und sieht andere Dinge, andere Dinge scheinen auf, und es kann ja sein, dass es Material gibt – oder Zeiten gibt – in denen es nicht angemessen ist, aus diversen Gründen, aus ethischen Gründen, politischen Gründen, bestimmtes Material dieser Logik des Unbestimmtmachens des Bestimmten zu unterwerfen. “

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Ich verstehe und teile das, was Juliane Rebentisch in dem zuletzt hier zitierten Satz sagt. Bestimmte Erinnerungen, die Individualität von Leid zum Beispiel, sollten nicht verloren gehen. Einzelschicksale gehören gewürdigt, so, wie jeder seiner verstorbenen Angehörigen gedenkt und sich beispielsweise auf bestimmte Art und Weise um die Bestattung kümmert. Destruktives politisches Verhalten seitens einer Regierung gehört angesprochen und muss ja sogar durch konkrete Beispiele belegt werden.

Genau so wichtig wäre es mir aber auch, gerade auch das „allgemein Menschliche“ in den Dingen anzusprechen, wo das möglich ist. Verliert man einen geliebten Menschen durch Krankheit, ist das ein schwerer Schock, der alles Mögliche auslösen kann, aber man kann keine gesellschaftliche Entwicklung dafür verantwortlich machen. Verliert man einen Angehörigen durch beispielsweise ein Attentat mit eindeutig politischem Hintergrund – wobei ich aufs Schärfste verurteile, wenn Regierungen und/oder Einzelpersonen diese Eindeutigkeit nicht ‚brauchen‘ und ein Verbrechen zugunsten ihrer Ziele missbrauchen –, ist das etwas anderes. Eine künstlerische Arbeit, die das „allgemein Menschliche“ darin aufgreift, ‚übergeht‘ ein Opfer, die Opfer nicht. Die Akzeptanz der „dunklen Seite im Menschen“ muss nicht zu übermäßigem Täterschutz oder Täterverständnis führen; jede Gesellschaft wird vermutlich immer Repressalien brauchen, um im Gleichgewicht zu bleiben. Aber für mich ist zum Beispiel die Todesstrafe die Bankrotterklärung der Menschheit bezüglich einer annehmbaren Weiterentwicklung, und geht es nicht darum, sich sowohl in der Ahndung bestimmter Tätlichkeiten als auch grundsätzlich im Denken und Handeln als alle Menschen weiterzuentwickeln? Was ist nötig auf diesem Weg?

Gründe, Inhalte müssen eine Rolle spielen jenseits der Tatsache, dass nicht alle Menschen gleich auf Inhalte reagieren. Soll heißen: selbst, wenn nicht alle von sozialer Benachteiligung Betroffene zu Attentätern werden, muss sich eine Gesellschaft trotzdem dem Problem der sozialen Benachteiligung stellen. Und selbst, wenn eine Tat nicht eindeutig auf eine einzige und bestimmte Ursache (wie eben soziale Benachteiligung) zurückzuführen ist, muss sich eine Gesellschaft ja trotzdem ihren Problemen stellen. Dass diese immer eine Rolle spielen, sogar eine ziemlich große, dürfte ja unbestritten sein…

Ob ein politisches System diesen oder jenen Namen hat: geht es den Menschen nicht gut damit – und im Augenblick geht es vielen Menschen auf dieser Erde nicht gut mit der politisch gewollten und bestimmten Weltordnung – dann muss es angesprochen und angegangen und darf nicht verschwiegen werden.

Beinahe nichts bekommt einen „depolitisierenden Zug“ dadurch, dass man es auf das allgemein Menschliche runterbricht; das allgemein Menschliche ist, denke ich, der Schlüssel zu nahezu allem.

Der Mensch schafft sich seine Systeme selbst.

Verständnis für die psychologischen Vorgänge im Menschen beugt Selbstgerechtigkeit vor, weil das klar macht, dass wir alle die gleichen oder sehr ähnliche Voraussetzungen mitbringen. Wir alle neigen zum Verdrängen, auch wider besseres Wissen, und es kostet einige Anstrengung, sich immer wieder neu aus- und auseinanderzusetzen. Vielleicht neigen alle Menschen in bestimmten Positionen der Macht irgendwann dazu, diese um jeden Preis festzuhalten. Einige Menschen kämpfen mit Neid aufgrund von Minderwertigkeitsgefühlen. All das passiert wider die Vernunft. Kinder sollten altersgerecht verstehen lernen, wie wir Menschen ticken; der Schulunterricht, wie er bisher gestaltet ist, scheint dazu nicht auszureichen. Und nur das Wissen um Zusammenhänge macht handlungsfähig.

Damit hat das Gefühl, dass diese Anstrengung es wert ist, überhaupt erst eine Chance. Wenn ich weiß, dass ich nicht ausgeliefert bin, auch mir selbst nicht, dass es einen Unterschied macht, dass ich mein Denken jederzeit revidieren oder etwas jederzeit erklären kann, dass ich weiß, wo ich auf mich selbst aufpassen, mich selbst beobachten muss, dass ich eine persönliche Verantwortung innerhalb des allgemein Menschlichen habe, bekommen Fühlen, Denken und Handeln eine andere Dimension.

Politische Kunst ist und bleibt wichtig, im Konkreten und im Abstrakten.

 

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