Markttreiben

Der Begriff „Kreativität“ ist etwas abgenutzt, aber ich finde, er tut’s noch ziemlich gut!
Hier im Blog ist er ein paar Mal zur Sprache gekommen; ich habe hier und anderswo konstruktiv zu ihm gestritten.

Über die Schwierigkeit, den Begriff sauber zu definieren, erzählt u. a. die Wikipedia; der Artikel lässt ahnen, von wie vielen Seiten und unterschiedlichen Aspekten man der Kreativität begegnen kann.

Über das kreative Produkt heißt es dort:

„Eine subjektive Sichtweise jeder einzelnen Person ist in der Bewertung nicht auszuschließen, da jedes Individuum nach eigenen Kriterien bewertet, wenn es keine Normwerte zur Verfügung hat und keine allgemeingültige, weil bekannte und gleichzeitig gültige und verlässliche Definition von Kreativität zur Bewertung herangezogen wird. Das bedeutet, dass durch die mangelnde Definition des Begriffs die Wertung eines einzelnen Individuums fast immer subjektiv ausfällt. Erst durch eine (oft implizite) Einigung auf eine Definition und Maßstäben zur Messung von Kreativität ist eine Gruppe dazu in der Lage ist, Kreativität zu bewerten und zu messen. Dieser Vorgang unterliegt dabei auch immer dem Zeitgeist.“

Objektiv messen lässt sich Kreativität also nur sehr ungern. Aber wir haben alle eine Vorstellung von ihr.

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Kreativität bezeichnet nicht alleine Hobby-Kunst, obwohl diese darunterfällt.
Kreativität ist Lebenseinstellung und Fantasie Sie zeigt sich im Umgang mit schwierigen Kunden und wenn man in der Küche ein Gericht noch mal gerade so rettet. Wenn man in der Lage ist, ein Problem auch noch mal von einer anderen Seite aus anzugehen. Und manchmal lässt sie Bilder entstehen. Oder Bücher.

Die Autorin Melanie Lahmer weist in ihrem Blog deutlich auf etwas Wichtiges hin:
Auf einem Markt wird die Kreativität des Erschaffers, der Erschafferin oft so gelähmt, dass diese mitunter ihre Arbeit aufgeben.

Die Wikipedia schreibt:
„In der Kunst erfordert der hier geltende Innovationszwang, dass Kreativität mit Normenbruch, also dem Verstoß gegen tradierte Normen, einhergeht.“

Melanie Lahmer sagt:
„Alle wollen das neue, große Ding, mit dem man für die nächsten Jahre ausgesorgt hat – aber keiner traut sich aus seiner Komfortzone heraus.
Das führt zu der paradoxen Situation, dass Verlage zwar händeringend nach Neuem suchen, das Neue soll aber bitte nicht zu stark vom Gewohnten abweichen.
Und darunter leiden zuallererst wir Autoren. Denn unsere Figuren und Settings dürfen nicht zu ungewöhnlich sein, wir sollen aktuelle Trends bedienen und trotzdem noch etwas Eigenes einbringen (aber nicht zu viel, bitte!). Diese Vorgaben sind so diffus und gleichzeitig einengend, dass sie immer auch Einfluss auf unsere Geschichten haben. Manchmal fühlt man sich wie ein Pferd, das Hufe scharrend vor dem Gatter steht, das sich niemand zu öffnen traut. Man könnte ja aus Versehen im Galopp irgendetwas umreißen.“

Wohin soll ein Künstler ausweichen, den der Markt entweder gebrochen hat oder der zu den Bedingungen dort nicht arbeiten, aber trotzdem weiter künstlerisch tätig sein möchte? Zu dessen Persönlichkeit es untrennbar gehört, sich auf diese seine Weise auszudrücken?
Von mir selbst kann ich sagen, dass auch mich Schranken einschränken und Normen angleichen. Vorgaben geben auch mir etwas vor; ich kann nichts mehr selbst entwickeln, und unter Druck funktioniere ich allenfalls, aber das Wunder der Kreativität wird sich mit Sicherheit nicht ereignen! Es braucht das Spielen, die Ergebnisoffenheit.

Einem Markt, der auf Gewinn aus ist oder zumindest Verluste vermeiden soll, macht ergebnisoffenes Arbeiten Bauchschmerzen, was ich aus Marktsicht sogar verstehe. Der Markt ist Mechanismen unterworfen, die ihn zu dem System machen, das er ist. Würde er den Wachstums- und Konkurrenzgedanken aufgeben, würden Köpfe und Arme des Marktkörpers sterben.

Handel ist die Bestimmung des Marktes. Doch wie kann etwas so Flatterhaftes, manchmal Flüchtiges, Lehrendes, manchmal im Flow Erlebtes, manchmal hart Erarbeitetes, mit Zeit und auch sonst nicht objektiv Messbares wie Kreativität sinnvoll gehandelt werden?
Es ist, wie Luft an der Börse zu handeln, also entweder unmöglich, oder es braucht fast schon kleinkriminelle Energie, Menschen außerhalb der Gewinnzone die Mechanismen schmackhaft zu machen. KreativarbeiterInnen liegen oft außerhalb jeglicher Gewinnzonen.

Der Gewinn für jemanden, der seine Kunst leben möchte, hat oft nichts mit materiellem Gut zu tun.

Melanie Lahmer: „Für jeden Autor, der einen Vertrag wegen seiner schlechten Bedingungen nicht unterschreibt, kommt ein neuer nach, der ihn zu noch schlechteren Bedingungen unterschreibt und sich dafür eine Flasche Sekt öffnet. Das mit dem Jubel und dem Sekt kann ich natürlich gut verstehen, das habe ich auch gemacht. Aber leider hat man damit schon den ersten Schritt in Richtung Selbstaufgabe und fehlende Wertschätzung getan. Wer sich unter Wert verkauft, setzt damit automatisch auch einen Marker. Dann zeigt man, dass man zu allen möglichen Kompromissen bereit ist, solange man sein Buch veröffentlichen darf.
Denn eines ist klar: Wenn ich diesen Vertrag nicht unterschreibe, bekomme ich möglicherweise gar keinen. Und eigentlich wollen wir doch nur eines: gelesen werden. Und dafür brauchen wir Leser, die wir auf irgendeine Weise erreichen müssen – sei es durch Verlage und den Buchhandel oder ohne Verlag im Internet.“

Das habe ich mich oft gefragt: verraten KreativarbeiterInnen sich und ihre Gabe, wenn sie sie zum Verkauf stellen, Kompromisse machen? Ich tu mich schwer, jegliche Verantwortung bei ihnen zu suchen. Der eine wird es aus guten, gerade zitierten Gründen tun, jemand anderes wird es aus genau so guten persönlichen Gründen lassen. Ich tu mich schwer damit, zu akzeptieren, dass gerade die Energie der KreativarbeiterInnen mit solchen Fragen angefressen wird. Aber ich kenne sie gut…

In Gesprächen habe ich oft ein Szenario aufgemacht, bei dem ich davon ausging, dass man die Absurdität sofort erkennt: alle KreativarbeiterInnen, die nicht gut bezahlt werden, stellen die Arbeit ein. Ein Streik. Der ist nämlich bei der Vielzahl von zum Beispiel AutorInnen mit ihrer unterschiedlichen Haltung und der vielen unterschiedlichen Verlage nicht zu organisieren. Und was sollen MalerInnen tun, die vielleicht – ich weiß es nicht – noch zahlreicher sind? Ein Aspekt des Problems: KreativarbeiterInnen auf dem Markt unterscheiden sich nicht von denen anderswo. Ihr „Endprodukt“ kann das gleiche sein. Unter MalerInnen ist daher „Schwarzarbeit“ ein großes Thema. Doch warum wird das nicht so ernst genommen wie beispielsweise bei Fliesenlegern oder anderen HandwerkerInnen, warum klingt das eher lustig? Weil Kunst in der Gesellschaft noch nicht als akzeptiert angekommen ist? Oder weil Handel mit einer nicht messbaren, nicht objektiv bewertbaren Sache so schwierig ist?

Ich gehe so weit zu sagen, dass fairer Handel auf dem Parkett der Kreativarbeit nicht möglich ist. Weil Unvergleichliches zum Vergleichen – und Handel vergleicht immer – angeglichen wird. Weil Nischenprodukte, die sich nicht verkaufen, aber die es geben muss, um Individualität und Vielfalt zu würdigen, hintenüber fallen, in der wahrnehmbaren Welt nicht mehr vorkommen. Weil mit etwas gehandelt werden soll, das allen gehört wie die Luft, die wir atmen: Fantasie und unser individueller Ausdruck dieser Fantasie.

Melanie Lahmer: „Es ist hart und es bleibt hart und ich bin nicht optimistisch genug, um an eine Besserung zu glauben. Irgendwann fällt das bisherige System in sich zusammen, und dann bleiben vermutlich nur wenige übrig. Aber bis es soweit ist, schreibe ich weiterhin meine Geschichten und versuche, so gut wie möglich davon zu leben.“

Vielleicht – wenn sich der Mensch bis dahin nicht selbst vernichtet, was ich in der letzten Zeit öfter fürchte – gibt es mal eine Gesellschaft, in der unser Versorgtsein nicht an unsere Lebensidee gekoppelt ist. Wir uns nicht entscheiden müssen, ob wir Essen kaufen oder Stifte, ob zum Malen oder Schreiben. Die Kinder fürs Leben lernen und nicht dafür, ihr Leben lang der materiellen Versorgtheit hinterher zu laufen und gesellschaftlicher Ächtung unterliegen, wenn das nicht gelingt, und das Gelingen FÜR ALLE wird immer schwieriger.

Vielleicht, wenn wir alle in einem Punkt zusammenhalten: das, was unser Menschsein ausmacht, nicht zu verraten. Und das individuell, unterschiedlich.

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https://de.wikipedia.org/wiki/Kreativit%C3%A4t

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https://siegerlandkrimis.wordpress.com/2018/03/23/autoren-unter-druck-ii/

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„… aufpassen, dass es nicht zu schön wird.“ 

http://www.vera-lossau.com/projects.html

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„Der Dokumentarfilm begleitet die Künstlerin Vera Lossau ein Jahr lang in ihrem Schaffensprozess.
Im Mittelpunkt des Porträts stehen ihre unmittelbaren bildhaften Wahrnehmungen und deren künstlerische Formgebung. Zu entdecken ist dabei die Haltung eines Menschen im Ringen um die Gestalt eines Kunstwerks.
Der Schaffensprozess steht bei Vera Lossau unter einem exemplarischen Außendruck: Fremderwartungen und die ‚Gesetze des Kunstmarktes‘ drohen Einfluss auf den künstlerischen Prozess zu nehmen. Vera Lossau nimmt diese Konflikte sehr bewusst wahr und findet Wege, sie in ihre Arbeit zu integrieren.“

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… obwohl sie klar sagt, dass das Arbeiten ohne Druck, „dass es was erfüllen müsste“, mehr Freude macht. 

Was mich beim Betrachten der Doku über Vera Lossau fasziniert hat, war ihre Einstellung zum „Scheitern“:

„Also manchmal geht’s, und manchmal geht’s gar nicht, weil man irgendwas vergessen hat, vorher, und genau dann ist es so, dass man nicht aufhören will, bis es irgendwas geworden ist. Und dann denk‘ ich: ja, das ist eigentlich genau dein Thema: irgendwas, was so kurz vor’m Scheitern ist, nochmal umzudrehen.“

Diese Offenheit der eigenen Arbeit gegenüber, die Erfahrung des Vertrauens, dass „immer noch etwas draus werden kann“, das „manchmal sogar besser als vorher“ ist, finde ich zum einen sehr kreativ, zum anderen hilfreich: ich weiß nicht, wie viele Menschen in einem Schaffensprozess nicht abwarten, ob „es noch etwas wird“, weil sie im sich-Bewerten feststecken… oder weil es vielleicht immer noch ein Tabu ist, wenn etwas Künstlerisches (auch) zufällig entsteht und nicht von vorne bis hinten durchgeplant ist – und nach eben dieser Planung dann natürlich auch eins zu eins in der Umsetzung gelingt!

Vera Lossau macht deutlich, dass es ihr um den Prozess geht, der in der fertigen Arbeit durchaus noch sichtbar sein soll. 

Ich mag es sehr, eineN KünstlerIn über den Arbeitsprozess erzählen zu hören, und ich liebe Atelier-Besuche, live und im Film. Ich kann nachvollziehen, dass Vera Lossau das für „so privat“ hält, obwohl sie es zeigt. Ich bin nicht sicher, ob ich, selbst, wenn ich darüber berichten, meine Gefühle und Gedanken halbwegs mitteilen kann, vor einer Kamera so arbeiten könnte, als sei sie nicht da… und ein Kamera-Team, das einen ein Jahr lang begleitet – ein furchtbarer Gedanke 😀 !

Lossau spricht aber auch von den Grenzen, Kreativität zu dokumentieren, da „die Zeit, die es arbeitet und reift“ nicht darstellbar ist: „Das kommt aus ganz anderen Quellen.“

Ein spannender, aufschlussreicher Blick auf die Herangehensweise dieser Kreativarbeiterin! 

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Für wen ist Kunst gedacht?

Dieses ist ein Misch-Text. Er ist sowohl persönliche Ansprache als auch Blog-Beitrag. Angeregt durch das letzte Gespräch mit Stefan Beck frage ich mich einmal mehr

für wen ist Kunst eigentlich gedacht? Läuft alles auf einer persönlichen Ebene ab, die Erschaffung, die Rezeption, die Kunstkritik, und ist Kunst demnach für alle Menschen, wie es schon so lange mein Leitsatz ist…? Oder gibt es Personen, die durch ihre fehlende diesbezügliche Bildung sowohl von der Erschaffung kreativer Arbeiten als auch vom erreicht-Werden durch sie ausgeschlossen sind? Ich muss einen Bogen schlagen…

Beginnen möchte ich einmal mehr mit meiner persönlichen Kunst-Definition, die ich zur besseren Lesbarkeit zu einem kleinen Regelwerk mache, das mich erklären helfen soll:

1. Durch die Begegnung mit einem Rezipienten, der durch die Betrachtung der Arbeit einen neuen Gedanken- oder Gefühlsimpuls bekommt, kann jede kreative Transformation eines jeden Menschen zu Kunst werden. (Persönliches Moment der Begegnung)

2. „Kunst“ muss eine andere Bedeutung haben als z. B. „meisterlich gefertigt“; der Begriff muss das Unfassbare, Unerklärliche, Unbewertbare meinen oder zumindest einschließen, das nichts mit der Ausführung einer Arbeit zu tun hat, denn legte man da etwas fest, beschnitte man die Kunst. (Ansonsten bin ich immer noch auf der Suche nach einem Wort, das alle benutzen können, die sich über das Thema unterhalten wollen, ohne in Streit zu geraten. Bislang habe ich noch keinen annehmbaren Vorschlag bekommen und bleibe einstweilen also bei „Kunst“, wenn ich es kürzer sagen möchte als mit „kreativer Transformation“.)

3. Wenn ich das Wort „Kunst“ gebrauche, dann quasi in einem juristischen Sinn, so, wie man beispielsweise mit dem Begriff des „Freien Berufes“ umgeht.

4. Ich trenne beim Gebrauch des Begriffes „Kunst“ nicht zwischen etablierter und nicht-etablierter Kunst, außer ich sage es dazu. (Der Begriff „Hobby“ meint in meinen Augen ganz sachlich nur, dass es sich dabei nicht um die Profession handelt und sagt nichts über Qualität.)

5. Das Wort „Kunst“ darf nicht als Qualitätssiegel gebraucht werden, sondern muss alles bezeichnen dürfen, was an kreativer menschlicher Transformation auf Erden geschieht oder geschehen ist. Und alles, was so geschieht oder geschehen ist, hat keinen Namen und kein wie auch immer geartetes Etikett; es ist kreative Transformation; das, was der Begriff „Kunst“ im Grunde meint, findet in der Begegnung statt.

6. Ich lehne eine Vorauswahl durch andere ab und möchte Lieschen Müller und Gerhard Richter gleich unvoreingenommen betrachten, wenn ich denn die Chance habe; geleitete Blickrichtungen sind durch den Markt geleitet und gehorchen seinen Vorgaben; jegliche Bewerbungen von kreativen Arbeiten oder Kritik gleich welcher Art haben für die unvoreingenommene Betrachtung keine Relevanz.

7. Keine kreative Arbeit muss in irgendeiner Art und Weise diffamiert werden, wenn sie mich nicht erreicht. Sie erreicht mich nicht, weil ich gerade auf der Suche nach etwas anderem bin. (Im selben Augenblick kann ein anderer Mensch durchaus erreicht werden.) Das wird sogar in den allermeisten Fällen so sein. Das erreicht-Werden durch die Gedanken, Gefühle und die Umsetzung dieser durch einen anderen Menschen ist die Ausnahme, nicht die Regel. Ich mache als Kunstrezipient die Kunst zu 50 % mit aus.

7a. Einen Kreativen in seiner Arbeit zu verstehen ist genau so wahrscheinlich oder unwahrscheinlich, irgendjemanden in seinem Sein zu verstehen; es kommt auf Vieles an. Das legt für mich den Grundstein für meine Theorie, dass alles auf dem Gebiet der Kunst ur-persönlich abläuft.

8. Die kreativen Arbeiten der Welt sind von jeglichem Marktgeschehen getrennt zu betrachten.

9. Absolute Urteile in der Kunst sind ein Widerspruch in sich.

Ich habe festgestellt, dass bislang nur diese Definition für mich funktioniert, soll es sich nicht in einem Streit über eine konkrete persönliche Arbeit eines Kreativen erschöpfen.

Die kreativen Arbeiten der Welt sind von jeglichem Marktgeschehen getrennt zu betrachten, weil „der Markt“ ein menschengemachtes System ist, das diese kreativen Arbeiten ver-markt-en soll. Ich stimme nicht mit der Ansicht Deines Lehrers überein, Stefan, dass alle, die „Kunst machen, auch Kunstgeschichte schreiben wollen“. Einige wollen nur auch noch mit einem anderen Mittel kommunizieren als über Sprache. Dein Lehrer könnte jetzt nur noch behaupten, dann sei das eben keine Kunst, aber damit würde er in meinen Augen allen gegenüber, die es anders sehen, eine äußerst arrogante Haltung an den Tag legen, würde diesen nicht gerecht und sich selbst grundsätzlich ein erweitertes Verständnis Menschen gegenüber verbauen.

Du hast die Kunstwissenschaft mit der Medizin verglichen und gesagt, dort gäbe es doch auch „Regeln“; niemand käme auf die Idee, diese Wissenschaft – ich sage mal: von „außen“ – so sehr in Zweifel zu ziehen, und fragst, warum das in der Kunst jedoch so sei. In der Medizin sei auch wenig „persönlich“, und Du denkst nicht, dass so Vieles bei der Kunst aus persönlichen Gründen geschieht, von der Erschaffung über die Kunstkritik bis zur Auswahl dessen, was zur Wahrnehmung in der Öffentlichkeit beworben wird.

Ich bin erklärte Verfechterin der „Persönlich“-Theorie, und meine Sicht auf alles zeigt es mir so: die Medizinwissenschaft als Beispiel guckt und forscht nach vorn, entwickelt sich nach vorn, aber erklärt es auch nach vorn. Sie gehen „dahin, weil…“ … sie dies und jenes als Ergebnis erwarten, entwickelt aus den Forschungsergebnissen ihrer Vorzeit. Danach wird erst geschaut, ob es ein Irrweg war oder eine tatsächlich hilfreiche Weiterentwicklung.

In der Kunst gibt es für mich eine echte Vorwärtsentwicklung nur auf der Zeitebene. Die etablierte Kunst passt sich den gesellschaftlichen Strömungen insofern in der Zeit an, als dass z. B., als eine Ausprägung, anscheinend mindestens eins spektakulär sein muss: die Kunst oder der Künstler. Aus Angst, in unserer schnelllebigen Zeit aus der Wahrnehmung zu fallen. Bei der Off-Kunst (ich sage eigentlich lieber, wenn schon auf englisch: Independent) erlauben sich (noch) mehr Menschen, darauf nicht das Augenmerk zu legen, sondern auf das, was sie gerne sagen, machen, ausdrücken möchten. Wenn man mal davon absieht, dass man die sichtbare Kunst in etabliert und nicht etabliert trennen kann (und ich füge sehr herzlich dazu: leider muss!) und man in der Medizin sich nur zwischen Wegen mit unterschiedlicher Anhängerschaft entscheiden kann, die aber alle in der Öffentlichkeit etabliert sind, weil man die Forschungszeit als Öffentlichkeit selten mitbekommt – wenn man also von diesem Unterschied absieht,

dann bleibt noch der gravierende Unterschied, dass in der Kunst nichts wirklich „überholt“ wird, obwohl der persönliche Geschmack des einen oder anderen selbstverständlich so urteilen wird, und das mit persönlicher Begründung auch durchaus o. k. ist. Kein Zahnarzt käme mehr auf die Idee – zumindest meines Wissens nicht 😉 – vor dem Zahnziehen eine Flasche Schnaps zur Betäubung bereit zu stellen und eine Zange, mit deren Hilfe eben noch ein Pferd die alten Hufeisen abmontiert bekam. Aber es gibt immer noch – auch aktuelle und etablierte – Kunst, die mit den verwendeten Symbolen an die ersten Höhlenmalereien erinnert (bei weiterem Interesse s. z. B. auch: http://www.aboriginal-art.de/DE/start_einfuehrung.htm) , und es gibt immer noch Kunst auf Keilrahmen. Die Möglichkeiten heute sind vielfältiger; es „geht mehr“, aber es gibt noch ALLES. Dieses Alles ist unablässig ergänzt worden bis hin zur Netzkunst, bis hin zum Sprechen über Kunst als Kunst, Dinge, die man sich so ganz ohne Computer in der früheren Höhle sicher nicht vorstellen konnte… aber es gibt immer noch ALLES.

Kunstwissenschaft erklärt rückwirkend, sagt zu einem aktuellen Kunst-Fall nicht „mal sehen, was daraus wird“, sondern verunglimpft den evtl. „unverstandenen“ Künstler VORHER. SPÄTER wird evtl. über diesen gesagt, dass er die Kunst mit weiterentwickelt hätte, dass er „bahnbrechend“, dass er was-auch-immer gewesen wäre. Abgewartet, wie z. B. in der Medizin, wird meines Wissens nie. Entweder hopp oder top. Dabei ist das spätere Urteil zwar ärgerlich für den damals Verunglimpften, aber auch diese neue Bewertung ist menschengemacht, von Menschen, die Regeln eines selbst gemachten Systems gehorchen – auch das jetzige Urteil ist kein absolutes. Warum also ärgern…?

Absolute Urteile in der Kunst sind ein Widerspruch in sich.

In der Medizin gibt es durchaus manchmal ein „falsch“: falsch für den Patienten im individuellen Fall, und es ist weitestgehend unstrittig, dass Zitronensaft niemals auf diesem Wege in Patienten gehört (http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/klinikmanagement/article/809661/zitronensaft-skandal-ex-chefarzt-bleibt-haft.html) – kurz: es kann um Leben oder Tod gehen, was im Falle der Kunst auch meist weniger dramatisch ist. Es ist einfach oft eindeutiger in der Medizin.

Der Goldene Schnitt ist auch recht eindeutig, zumindest, dass es ihn gibt. Aber genau so unstrittig ist, dass z. B. Schönheit – und die hat mit ästhetischem Empfinden zu tun – im Auge des Betrachters liegt, und so sind wir wieder angekommen bei der jeweils herrschenden Kunstauffassung – oder bei persönlichem Empfinden. Wenn Schönheit im Auge des Betrachters liegt, dann liegt Kunst im Hirn des Rezipienten, und es gibt keine allgemeingültigen Regeln der Rezeption, so, wie es nicht DEN Menschen gibt, der DAS EINE denkt, der DAS EINE braucht. Man wird immer auf sich selbst zurück geworfen bei der Kunstbetrachtung; zu dieser Ansicht kommen selbst langatmige Kunst“führungen“, selbst bei den Etablierten (bei weiterem Interesse ein Kommentar zu einer solchen von mir: http://spint.privat.t-online.de/kommentar.htm)

Aber auch, wenn man auf den Goldenen Schnitt pfeift, selbst als Künstler… wenn man kein bisschen Zeichentalent hat, wenn man wie Du, Stefan, Malerei als für sich unrelevant ablehnt – aber ein großartiger Netzkünstler ist (und Adjektive wie „großartig“ und Substantive wie „Künstler“ sind bei mir immer als persönliches Urteil gedacht, nie absolut, weswegen ich meist von Kreativität spreche, die ich nicht weiter unterteile in „profane“ oder welche auch immer: http://www.thing-frankfurt.de/content/2013/abschied-vom-publikum) : ist man dann kein Künstler?? Was „muss“ man denn „können“? Wenn Professor B einen jungen Menschen zum Studium zulässt, der zuvor von Professor A abgelehnt wurde, und beide Professoren entstammen demselben System, demselben Kunstbetrieb… wer hat denn dann Recht? Gibt es da ein „Recht haben“…? Ich denke, nicht…

Du hast mal – war es auch auf http://www.perisphere.de ?– eine für mich ziemlich aufschlussreiche Frage gestellt: „Die Frage sollte sein: Welchen Sinn machen heute noch Kunsthochschulen, nachdem alles allgemeinverbindlich vermittelbare Wissen weggefallen ist?“ Wenn die Frage so rhetorisch gemeint war, wie sie auch auf den zweiten Blick noch auf mich wirkt…: wenn sie (die Hochschulen) keinen Sinn mehr machen, weil, wie Du weiter schriebst, in der Folge „nur noch das Ranking zählt“… was wäre denn die Folge daraus? Das möchte ich als Frage einmal so im Raum lassen…

Scharlatanerie gibt es auch in der Medizin – keine Frage (s. Bsp. oben). Wenn es aber in der Kunst tatsächlich kein allgemeinverbindlich vermittelbares Wissen mehr gibt (wobei ich selbst glaube, dass man immer Techniken lehren und verschiedene Sichtweisen als Anleitung geben kann, solange man es nicht dogmatisch tut und immer auch anleitet zum künstlerischen authentisch-Sein im besten Wortsinne), dann frage ich mich, wie man diese Scharlatane erkennen soll… ich selbst möchte gar nicht auf der Suche danach sein. Ich möchte jeden, der etwas zeigt, ernst nehmen und gucken, „was es mit mir zu tun hat“, was der- oder diejenige da geschaffen hat. Ich sagte es letztens bereits als Antwort auf eine Deiner seminar-Sendungen (http://www.radiox.de/sendungen/das-seminar.html) , in der Du beschriebst, dass Du bei einem Kunstspaziergang den Eindruck hattest, die Kreativen in den Off-Räumen würden sich einer „Galerie-Kunst“ anpassen… wie furchtbar, wenn ich mir vorstelle, dass sich nicht mit meiner Arbeit auseinandergesetzt, sondern sie pauschal abgetan wird, weil man „Ähnlichkeiten“ sieht… authentisch sein heißt doch auch, dass man zu Ähnlichkeiten dieser Art stehen (können) muss, oder? Wenn ich nur noch bemüht wäre, das im Schaffen mit aller Kraft zu vermeiden, käme ich aus dem Recherchieren nicht mehr heraus… und müsste irgendwann aufgeben, denn gewisse Ähnlichkeiten kann man überall entdecken (wollen)… es gibt nichts wirklich „Neues“; zumindest kann man sich nie sicher sein.

Ich muss das persönliche Moment in der Kunst würdigen, sowohl bei der Betrachtung als auch bei der Kreation als auch beim Aufnehmen von Kunstkritik oder bei der Bewertung, wie ich eine bestimmte Auswahl eines Kurators „finde“ – sowohl die Auswahl als auch mein Urteil (wenn ich denn jemals ein solches fällen würde) ist persönlich.

Ich möchte noch einmal auf die wunderbare perisphere-Seite hinweisen (die Du mir gezeigt hast, Stefan, daher ist der Hinweis für alle anderen geneigten Leser) und dort im Besonderen auf den Beitrag Fragen über Fragen – eine neue Serie, und zwar ausdrücklich auch auf den anschließenden Austausch: http://www.perisphere.de/vor-ort/fragen-ueber-fragen-eine-neue-serie . Dein Kommentar vom 17.01.2014 zu J. C. Ammann als Direktor des Museums für moderne Kunst zeigt für mich doch genau das: Ammann entspringt demselben System wie sein Nachfolger, und ein Teil seiner Nachwelt findet seine Anschaffungen zur Macht-Zeit „kurios“. Nur kurzzeitig seien ein paar Künstler durch ihn gepusht worden. Ja – ist es denn nicht immer so?? Die Mächtigen auf den Märkten der Welt leben zu ihrer Macht-Zeit diese Macht aus; es hat sogar SEHR mit Persönlichkeit zu tun, inwiefern sie es aufrichtig und verantwortungsvoll machen. Ich für mein Teil kann Ammann, weil ich ihn nicht kenne, nicht nachweisen, dass er NICHT aus zwar sicher persönlich orientierten, aber vielleicht dennoch hehren Zielen diese „Kuriositäten“ pepusht hat…

… und ebenfalls hinweisen, und auch nicht für Dich (weil Du es kennst), sondern für alle interessierten Leser möchte ich auf den für mich sehr nachvollziehbaren Beitrag Katrin Herzner’s http://www.perisphere.de/werke/wie-alles-wirklich-funktioniert-grosse-kunst#more-14489 .

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Wenn Kunst für alle Menschen ist, und Du möchtest niemanden ausschließen, dann machte sie keinen Sinn, wenn sie einer Geheimsprache gliche, die nur Eingeweihte verstünden. Und wenn sie nicht für alle Menschen ist, sondern nur für Eingeweihte, dann machte sie in meinen Augen keinen Sinn, weil es keinen Grund gäbe für die ungeheure und ungeheuer bereichernde Bandbreite des kreativen Ausdrucks (die Du als „Bandbreite“ ebenfalls anzweifelst; ich weiß; aber sie liegt doch da, vor uns, jeden Tag…).

Die Antwort auf die Frage, für wen Kunst gedacht ist, wer die Adressaten z. B. meines kreativen Ausdrucks sind, ist ausschlaggebend für die Herangehensweise an „Kunst“ überhaupt. Meine Adressaten benennen sich selbst als solche, und sie müssen mich nicht „verstehen“. Aber es wäre schön, wenn sie sich fragen würden: was hat es mit mir zu tun?

Und noch eine Frage möchte ich der Allgemeinheit stellen, anknüpfend an unser letztes Gespräch, Stefan: ist es denkbar, dass die Entgrenzung des Kunstbegriffes, die Viele auf dem etablierten Markt bedauern (und einige andere auch!), vergleichbar ist mit der Entwicklung der Gesellschaften durch die Jahrhunderte? Israel/Gaza ist gerade das aktuelle traurige Gegenbeispiel, aber ich meine z. B. die zunehmende Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Verbindungen, die es durch fehlende öffentliche Diskussionen damals sicher u. a. deswegen nicht gab… ich empfinde es so, dass eine lange fällige gebotene Toleranz auf vielen Gebieten zunimmt… für mich wäre/ist sie auf dem Kunst-Sektor ebenfalls bereichernd – wenn sie denn aufrichtig gemeint ist/war und nicht doch wieder – wie so Vieles – als Mittel zum Zweck…

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Kunst kann man nicht „machen“ oder „lernen“. Kunst „geschieht“.

Zu dieser Erkenntnis bin ich für mich gekommen, und der Weg dahin war noch nicht einmal besonders lang. (Ob dieser Weg bereits zu Ende gegangen ist, vermag ich nicht zu sagen…)

Die Erkenntnis ist eine für mich logische Schlussfolgerung aus meinem Sehen und Erleben, aus dem mannigfaltigen kreativen Ausdruck der Menschen seit jeher bis heute – und aus ihrem hoffnungslosen Versuch, eine allgemeingültige Bewertbarkeit herzustellen, etwas, das einzuordnen und zu bezahlen ist.

Kunst ist unbezahlbar.

Auch das ist eine Erkenntnis, die erwachsen ist aus meinem Erleben, aus den Diskussionen mit anderen, die der Ansicht sind, die Gesellschaft müsse ihnen bezahlen, dass sie kreativ tätig sind… zu meinen Nachfragen, wie das funktionieren solle, bekam ich nie eine Antwort. Ob jeder, der kreativ für die Gesellschaft tätig ist (denn das ist er dann: für die Gesellschaft tätig. Zwar sehr individuell und subjektiv, aber er leistet offensichtlich einen Teil), von ihr bezahlt werden müsse? Und falls nicht jeder bezahlt werden könne, wie man dort eine gerechte Verteilung gewährleisten wolle? Großes Schweigen.

Es ging denen, die da und so sprachen, nicht um die Versorgung aller Kreativer, denn zu anderen Zeiten machten auch sie Unterschiede, verurteilten hier die Keilrahmen und dort die „gefühlten Künstler“ — wie sie die Spreu vom Weizen trennen wollten, verrieten sie nicht.

Das Geheimnis ist keines: es gibt nicht die Spreu und nicht den Weizen, es gibt nur die ganze Pflanze. Alles an ihr ist perfekt so, wie es ist. In ihrer Natur ist sie in vollkommenem Gleichgewicht. Sie verträgt sich mit allem um sie her, verdrängt es weder, noch weicht sie selbst davor zurück. Sie ist da, um genutzt zu werden, und zwar in allen ihren Teilen, aber wenn niemand es tut, geht sie zurück in den selbstverständlichen Kreislauf der Natur.

Eine Bezahlung muss auf diesem Gebiet freiwillig sein und bleiben, ob bei 100 oder 100 000 EURo. Weder der Wunsch nach diesen Beträgen noch deren Bezahlung ist zu verpönen, denn es ist Ausdruck von irgendetwas, das mit der Arbeit an sich nicht das Geringste zu tun hat. Es ist der Markt oder der zu kleine Geldbeutel, Größenwahn oder realistische Einschätzung – es ist nie die Arbeit. Der, der viel bezahlt, hat nicht mehr davon außer vielleicht an der Börse, aber von diesem Mehr spreche ich hier nicht. Der, der wenig bezahlt, hat nicht weniger. Beide haben die Kreativität eines Menschen unterstützt, und es ist egal, ob dieser Mensch Gerhard Richter heißt oder Lieschen Müller.

Es kann nur so funktionieren, will man sich nicht als jemand outen, der am Ende doch nur seine Sichtweise, seine Beweggründe durchgesetzt sehen will… es kann nur so funktionieren, wenn es um die Kunst geht, nicht um den Betrieb um sie.

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