„Das ist es, was Kunst leistet – Sinn stiften.“

Salman Rushdie

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Universalität

Buntstift und Öl-Pastellkreide auf Skizzenpapier

DIN A 5

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Selbstmotivation

„Selbstmotivation“ klingt aufgesetzt, angestrengt, so, als müsste man immer wieder mühevoll einen neuen Anlauf nehmen. Es wird Situationen geben, in denen es sich genau so anfühlt, und es wird bestimmt Menschen geben, für die sich das immer so anfühlt.
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Als ich letztens bei Freunden war, lag da eine Zeitschrift aufgeschlagen, und die Worte Markt und Künstler sprangen mich an. Da die Freunde kurzzeitig anderweitig beschäftigt waren, begann ich den Artikel anzulesen, aber viel Zeit wollte ich mir dafür dort nicht nehmen, und so fotografierte ich ihn ab. Die Titelzeilen habe ich nur halb im Bild, da mir der Name des Autors wichtig war: Tim Sommer.

Der Chefredakteur des Kunstmagazins „art“ beschreibt in dem Artikel des Magazins „dbmobil“ auf eindrucksvolle Weise, wie der Weg eines Menschen aussieht, der beschließt, Künstler zu werden. Er lässt nichts aus: „prekäre, konjunkturabhängige Tätigkeit“, „schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, „zweifelhaftes Sozialprestige“ sind die Beschreibungen schon im ersten Absatz, einer fiktiven Stellenbeschreibung.

„… der berufsmäßig Andersdenkende, der Lieferant für Alternativen“ startet mit etwa 4999 Mitstudenten jährlich in Deutschland, „macht 50000 Konkurrenten in den nächsten zehn Jahren.“ Er oder sie erprobt Techniken, redet viel und lernt zumindest sich selbst mit „Glück“ „sehr gut kennen“. „Regeln, nach denen eine Arbeit nachvollziehbar als gut oder schlecht bewertet werden könnte“, gibt es nicht.

„Ihr Werk bedeutet nichts, gilt nichts, hat keinen Preis, solange es im Atelier schlummert. Zur Kunst wird ein Gegenstand erst, wenn er durch die Betrachtung Sinn und durch die Diskussion darüber eine Stimme bekommt – frei skalierbar von Ihrem Bekanntenkreis bis zur Weltpresse.“

Nachdem man die 30 überschritten hat, wird es eng mit Atelier-Programmen, Stipendien und Förderpreisen. Es wird schwierig für jemanden, der bis dahin keine Galerie hat, die für ihn mitarbeitet, wobei der Name der Galerie den „Rang“ des Künstlers zum Großteil mit ausmacht.

„Vorausgesetzt, Sie sind wirklich zeitgemäß, fleißig und umtriebig, jetzt in Ihren besten Jahren, dann wird Sie der kreisende Suchscheinwerfer der Geltung hoffentlich treffen. Garantiert ist das keineswegs.“ Wer es bis dahin geschafft hat und auf einem großen Festival, einer Biennale oder der Documenta (weiter) entdeckt wird, kann bald schon wieder im Nebel verschwinden, „weil sich selbst die Berufsauskenner unmöglich alles in ihr Langzeitgedächtnis schaufeln können, was die globalisierte Kunstmaschine wichtig macht.“

Je älter man und frau wird, desto schwieriger wird ein würdevoller Aufenthalt auf dem offiziellen Kunstparkett dem, der unentdeckt bleibt, und kommt es zu später „Wieder- oder Erstentdeckung“, „[schämt] sich [der Kunstbetrieb] dabei nicht ein bisschen seiner Ignoranz durch Abgelenktheit in der Zwischenzeit“.

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Ich habe dieses Beschriebene wohl früh in meinem Leben befürchtet, so dass Kunst für mich nie als „Beruf“ in Frage gekommen wäre; ich habe nie auch nur im Traum mit dem Gedanken gespielt, ein Kunststudium zu beginnen. Vor zehn Jahren habe ich mir den Streit zwischen „Hobby“- und „Berufs“künstlern beherzt und emotional von der Seele geschrieben, ohne jede Rücksicht auf leichte Lesbarkeit 😉 (http://www.sabinepint.de/diskussion.htm).

Immer war in mir der augenscheinliche Widerspruch: wie leben denn die anderen ihre Kreativität? Versteckt? Denn ich kannte von allen, die zwar von Hause aus und teilweise langjährig kreativ waren, nur ein verschämtes ‚ich schreibe ja auch ein bisschen‘ oder ein ‚manchmal male ich auch‘, wenn sie es nicht auf dem „offiziellen“ Weg taten. Aus Sorge, sich zu outen, weil man ja nie und nimmer so „gut“ wie irgendein Ausstudierter sein könne.

Später, als Quereinsteiger in allen möglichen Bereichen Normalität wurden und/oder man immer mehr davon mitbekam, stieg das Selbstbewusstsein mancher Betroffener, aber längst nicht bei allen. Und in mir blieb immer dieser Widerspruch.

Nur: ich wollte mich ihm nicht beugen. Zeigte ein Bild mit 16 und las meinen Text mit 20 vor einem fremden Berliner Publikum. Dachte nicht, dass ich jetzt bekannt würde, sondern lebte genau so weiter: malte weiter, stellte ab und an aus bei dem, der das auch wollte, begann zu bloggen, nachdem ich nicht mehr belletristisch schrieb. Sah und sehe alles als Angebot, das man auch ablehnen kann, genau so, wie ich Dinge ablehne, wenn ich sie gerade nicht „suche“. Kunst ist in meinem Leben; sie ist ein Ausdrucksmittel, eine Sprache mehr, in der ich Kontakt pflegen kann.

Wenn sich Menschen fragten, wie ich motiviert bleiben kann, dann wäre meine Antwort, dass ich mir das nicht aussuche. Mich über Kreativität auszudrücken strengt mich nicht an, sondern ist mir ein Bedürfnis. Ich warte dabei auf nichts. Ich halte es mit Wilfried Schmickler, der in den letzten „Mitternachtsspitzen“ sagte „Leben wir öffentlich!“ und dabei nicht meinte, sich immer und überall selbst gläsern zu machen, sondern zu Haltung aufrief, wie er es meistens tut.

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„Die Welt der Kunst ist der letzte große Freiheitsraum, den die durchrationalisierte Gegenwart zu bieten hat. Eine wunderbare Nebenwelt, die uns die Wirklichkeit verstehen lehrt, indem wir sie verlassen. Hier begegnen wir den extremsten Gestalten, den verstiegensten Ideen, den zartesten Empfindungen und den brutalsten Erkenntnissen, der vollendeten Schönheit und vollendeten Hässlichkeit. Wer sich dieser Zumutung aussetzt, wird sich dabei verändern.“ (Tim Sommer)

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Farben

„Farbe ist ein durch das Auge und Gehirn vermittelter Sinneseindruck, der durch Licht hervorgerufen wird, genauer durch die Wahrnehmung elektromagnetischer Strahlung der Wellenlänge zwischen 380 und 760 Nanometer. Es ist der Sinneseindruck, durch den sich zwei aneinandergrenzende, strukturlose Teile des Gesichtsfeldes bei einäugiger Beobachtung mit unbewegtem Auge allein unterscheiden lassen. In der Alltagssprache werden auch Farbmittel (farbgebende Substanzen) als Farbe bezeichnet, also stoffliche Mittel, mit denen man die Farbe von Gegenständen verändern kann, z. B. Malerfarben.

Die Farbwahrnehmung ist eine subjektive Empfindung, welche nicht nur durch die Art der einfallenden Lichtstrahlung, sondern auch durch die Beschaffenheit der Augen, Empfindlichkeit der Rezeptoren und den Wahrnehmungsapparat bestimmt wird. Andere optische Wahrnehmungsphänomene wie Struktur (Licht-Schatten-Wirkungen), Glanz oder Rauheit sowie psychische Effekte, wie Umstimmung oder Adaptation [Pupillenreflex bei unterschiedlichen Leuchtdichten], sind vom Farbbegriff zu unterscheiden.“ (Wikipedia)

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Das Feld der Farben ist ein weites. Wie relativ Farbeindrücke sind, machen besonders optische Täuschungen deutlich: http://www.illusionen.biz/blog/?page_id=22 .

Hier möchte ich heute auf etwas anderes hinaus.

Als Kind mochte ich womöglich alle Farben, als Jugendliche besonders Blau (was ich mit vielen, auch erwachsenen, Menschen teile). Irgendwann als junge Erwachsene – das weiß ich noch – sagte ich jemandem, dass ich kein Rot mag, noch vor ein paar Jahren jemand anderem, dass ich Gelb schwierig fände. Womöglich hatte ich nur wieder Sorge, zu kompliziert zu antworten 😉 .

Denn wie wunderschön finde ich ein ganz, ganz helles Sonnengelb oder auch Zinkgelb! Wie sehr mag ich Wein- oder Oxidrot und alle dunklen Beerentöne (und übrigens auch ein paar helle)! Im Grün-Spektrum gibt es fast nichts, was mir nicht gefällt, und bei meiner Jugendliebe Blau gefällt mir Baby-Blau nur an Babies und jeder andere helle Blauton, der nicht abgetönt ist wie die meisten Jeans-Varianten, nur bedingt.

Was sind diese Bedingungen? Wann gefällt uns eine Farbe? Beim Thema „Blau“ fällt mir „Das Meer“ des Malers Ulrico ein, das ich besitze und das eben auch alle hellen Blautöne hat, die es braucht, um etwas nicht im wahrsten Wortsinn ein-tönig abzubilden, langweilig und letztendlich nicht „echt“. Manche Farben gefallen uns nicht miteinander; wir empfinden keinen Einklang, sondern es vielleicht nur „schreiend bunt“. Dieselben Farben auf der bunten Blumenwiese werden die meisten wunderschön finden, auch und gerade zusammen.

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Es kommt eben – mal wieder – darauf an. Auf Nuancen, auf die Zwischentöne (Grau hat übrigens auch eine wunderbare Farbpalette 😉 ).

Worauf kommt es bei Euch an? Wann bewertet Ihr etwas einzeln, wann im Zusammenspiel?

Und – von mir aus – denkt gerne auch abseits von „Farbe“… 🙂

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„Wunderbar Unsinniges“

Dieter Meier hatte mich nach wenigen Sätzen.

Man wisse ja nicht so recht, was Kunst eigentlich sei, meint der Unternehmer und Rinderzüchter, der mir zum ersten Mal mit „The Race“ seiner Band Yello auffiel, ohne dass ich ahnte, dass er von der Performance-Kunst kam.

Diese sei „sinnlos und zwecklos [gewesen] wie wir selber auch“. Auf der anderen Seite sagt er, Kunst erreiche uns da, wo andere Dinge uns eben nicht erreichen können („reaches parts of your mind other things don’t“) – für mich hat das jede Menge Sinn!

Als Unbekannter wurde er von der Presse als „bekannter Underground-Künstler“ betitelt, damit diese überhaupt berichten konnte; ich musste (selbstverständlich wieder ohne mich zu vergleichen) an meine Ausstellungserfahrung damals in Holland denken, als der Veranstalter auch – wohlwissend, dass ich das nicht bin – mich als „bekannte deutsche Malerin“ auf seinen Flyer bringen ließ; Widerspruch zwecklos, da ich es zu spät erfuhr. Auch so etwas trägt dazu bei, dass „Kunst“ weiterhin von Vielen als Qualitätssiegel begriffen und nicht offen angeschaut wird.

Und als Eckart von Hirschhausen harmlos den überholten Witz „Kunst kommt von Können, nicht von Wollen, sonst hieße es ja Wunst“ bringt, pariert Meier: „Dieses ‚Können‘ – was heißt das schon in einem akademischen Sinne?“ Es sei eine „Floskel, mit der man der Kunst die Zähne zieht.“

Die Sendung verliert nach Aust und Wickert ihre für mich ärgerlichen Momente und wird mit dem Demenz-Bericht dann menschlich und wichtig. Aber das Highlight ist der zuletzt interviewte Gast, Dieter Meier. Leider konnte ich nicht eruieren, zu welcher Minute Ihr vorziehen müsst, aber das bekommt Ihr hin! 😉 Viel Vergnügen:

https://www.zdf.de/gesellschaft/markus-lanz/markus-lanz-vom-20-juni-2017-100.html

P.S.: … und dann knetet er auch noch Zufallsgesichter… wunderbar! 🙂

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Benennung und Inhalt, Fortsetzung

 

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Ich war einmal eine entschieden deutlichere Anhängerin der Europäischen Idee. Ich fand und finde es für das Zusammenwachsen der Welt nicht hilfreich, wenn selbst kleinste Staaten (wieder) souverän sein woll(t)en. Allerdings kann ich es nachvollziehen, wie gerade aktuell die Befürworter des ‚Brexit‘; ich kann deren Enttäuschung nachvollziehen; nein: ich fühle sie auch.

Der Nachteil einer zusammenwachsenden Welt ist sicherlich die schwierigere Organisation und Verwaltung, aber wo nicht von vornherein echte Fairness angestrebt wird, ist die Idee eben von vornherein zum Scheitern verurteilt. Sei es, dass Staaten auf unrealistische Art miteinander verglichen werden, sei es, dass im Grunde andere, undurchsichtige politische Interessen ein konstruktives Miteinander vereiteln.

Sebastian Köpcke sagt es in einem facebook-Posting vom 25. Juni 2016 so: „Nicht die Rechtspopulisten verraten die Europäische Idee, denn dafür haben sie sich noch nie sonderlich erwärmen können. Es sind die »Demokraten«, die handelnden Eliten, die Europa geopfert haben, weil sie klein im Geist und mit vollgeschissenen Hosen oder schlimmer noch aus kaltem Kalkül die Krise als Normalfall etabliert haben, um mit Angst vor noch mehr Krise und mit der moralischen Integrität einer osteuropäischen Hütchenspielerbande [sic] ihr politisches Geschäft zu betreiben. Ob beim Bau von Großprojekten wie dem BER oder Stuttgart 21, ob bei Bankenrettungen durch Steuerzahler, ob beim Abbau von Freiheitsrechten zur »Terrorabwehr«, ob bei der Endlagerung ganzer Bevölkerungsschichten in staatlich organisierter Armut, ob bei der Endlagerung ganzer Länder in europäisch verwalteter Armut, ob bei einer Außenpolitik, die die eigenen Sicherheitsinteressen hintertreibt und Krieg zum Friedensdienst umdeutet, ob bei einer Friedenspolitik, die Tod, Elend und Millionen von Flüchtlingen produziert, die man sich dann mit Geld und Militär vom Halse hält – als Bürger kann man all das nur noch als irrational, gefährlich, undemokratisch und schlicht kriminell empfinden. Die europäischen Rechtspopulisten erfüllen bei all dem eine wichtige Funktion, denn sie treiben die Zweifler und die Wankelmütigen immer wieder zurück an die Seite der »Demokratie- und Wertewahrer« … Die dummen Briten auf dem flachen Land haben nun einen Akzent gesetzt, der eine Zäsur bedeutet und Europa in eine weitere Krise stürzt. Allerdings ist nicht zu befürchten, dass dies bei den Verantwortungsträgern in Resteuropa tatsächlich zu tieferen Einsichten führt, denn Schuld haben immer die Anderen und Krise ist ja ohnehin ihr alltägliches Geschäft.“

Wenn Zweifler meinen, dass mehr direkte Demokratie mehr Chaos bedeutete, weil auch uninformierte, politisch uninteressierte Menschen dann komplexe Sachverhalte mitbestimmten, ohne die Tragweite zu erfassen, dann muss ich ihnen einerseits zustimmen. Andererseits sehe ich wie Sebastian Köpcke und viele andere kein gesteigertes Interesse seitens der Politik am wirklich mündigen Bürger. Wie kann man ohne echte Transparenz Mitdenken und Mitsprache erwarten? Gar nicht; man kann nur besonders gut ausnutzen, die Menschen mit Hilfe geschickter Demagogie lediglich auf der emotionalen Ebene anzusprechen und so bestimmte Ergebnisse lancieren. (Perverserweise findet das in manchen Ländern schon für Kindesalter statt – in meinen Augen ein Verbrechen am jeweiligen Kind und an der Menschheit.)

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„Statt der nackten Gesprächsergebnisse zwischen Lobbyisten, statt bloßer Verkündung von Regierungshandeln brauchen wir Einblicke in die Prozesse. […] und wir brauchen dafür den vielfältigen Sachverstand der unterschiedlichsten Mitglieder dieser Gesellschaft.

[…]Erklärungen, die keine Prozesse, sondern druckbare Überschriften vermitteln, sind verbales Fastfood. Und warum erklärt die Bundesregierung nicht regelmäßig im Fernsehen, an welchen Fragen sie arbeitet, auf welche Lösungsmöglichkeiten sie baut, welche Modelle und deren Risiken sie gegeneinander abwägt?“ fragt Adrienne Goehler in ihrem lesenswerten Buch „Verflüssigungen“, bereits 2006 im Campus-Verlag erschienen.

Carsten Hueck schreibt in seiner Kritik dazu (http://www.deutschlandradiokultur.de/gegen-den-politischen-stillstand.950.de.html?dram:article_id=134214 ) von einem Widerspruch, den er bei der Lektüre empfunden hat: „Wenn der Sozialstaat die ‚kreative Klasse‘ hervorbringt, die beispielhaft für eine zu schaffende Kulturgesellschaft sein soll, kann er so schlecht oder unbrauchbar doch nicht sein?“

Für mich gibt es keine einheitliche „kreative Klasse“ in unserem Staat, eher dieses „unbestimmte Gefühl der Differenz“ (Adrienne Goehler). Die Autorin fängt den vermeintlichen Widerspruch gleich in ihren Vorbemerkungen auf: „Das Buch wendet sich auch an die Gruppe, die der amerikanische Sozialwissenschaftler Richard Florida die Kreative Klasse nennt, zu der die oben genannten alle gehören oder gehören könnten. Alle zusammen, auch wenn sie noch kein umfassendes Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickelt haben, sondern sie ein eher unbestimmtes Gefühl der Differenz vereint, sind nicht ein paar vereinzelte AbweichlerInnen vom Mainstream, sondern wir reden hier mittlerweile von einem beachtlichen Teil der Bevölkerung, der auf 20 bis 25 Prozent zu schätzen ist.“

Hueck schreibt: „Nach Goehler sind Kulturschaffende die Avantgarde einer neuen Arbeitswelt. Ein zweischneidiges Kompliment. Denn das Bild des Künstlers als ‚flexibler Mensch‘ ist nicht weit entfernt von neoliberalen Vorstellungen – die eben doch wieder ökonomische Effizienz vor Sinnstiftung im Auge haben und den Menschen letztlich als Material betrachten.“

Goehler sagt auf Seite 28: „Neoliberalismus und Neokonservatismus mit ihren Altideologien des Jeder-ist-seines-Glückes-Schmied sind keine Alternativen zum zerfallenden Sozialstaat, denn sie beschränken sich auf die phrasenhafte Forderung, die Einzelnen sollten ihre ‚Freiheit‘ wahrnehmen und Eigenverantwortung zeigen. Alle kennen den Subtext: Es geht darum, anderer Leute Gürtel enger zu schnallen und das Ehrenamt als Kitt für die Risse im Sozialstaat zu bemühen. Verändert wird so gar nichts, weil von den Einzelnen eine reparierende, eine kompensierende Übernahme für fehlende staatliche Verantwortung gefordert wird. Es fehlt, dass die Einzelnen an den Entscheidungen darüber beteiligt sind, was eigentlich das Soziale in dem Land, in dem sie leben, ausmachen soll und was ihr Beitrag dazu sein könnte.“

Und eben nicht nur das Soziale. Was soll miteinander leben überhaupt ausmachen, im Kleinen wie im Großen?

Wir können an der Beantwortung der großen Fragen doch nur teilnehmen, wenn wir „in unserem Kleinen“ zu reflektieren gewohnt sind. Indem wir uns der direkten Umstände um uns und unsere Mitmenschen bewusst sind. Wie möchte ich leben? Sind meine Werte mit der Freiheit meines Gegenübers (auch desjenigen, der auf einem anderen Kontinent lebt) vereinbar? Wie geht es mir gerade? Sind die Voraussetzungen so, dass ich meine Vorstellung von „leben“ umsetzen kann? Was kann ich dazu beitragen, dass auch das Leben anderer besser wird? Was ist das für mich: ein „gutes“, ein gelungenes Leben? Und: ist es nicht nur spannend zu erfahren, sondern sogar unerlässlich zu wissen, was mein Gegenüber darunter versteht?

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Man kann jedes System fair oder unfair gestalten. Wie das Kind heißt, ist nebensächlich, wenn es sich asozial oder deviant verhält. Aber: alle Begriffe sind so oder so zu füllen. „Ein von der anerkannten gesellschaftlichen Norm abweichendes Verhalten“ (Wikipedia) kann in höchstem Maße „sozial“ sein: gemeinnützig, hilfreich – wenn das anerkannte gesellschaftliche Verhalten ins A- oder Antisoziale kippt.

Inhalt ist wichtig.

Wie fülle ich eine Sache, einen Begriff? Du kannst die geschlechtergerechteste Sprache haben – ändert sich nichts im Denken und dann im Verhalten der Mitglieder einer Gesellschaft, hilft alles nichts. Das bedeutet nicht, dass sich so etwas nicht bedingt; natürlich tut es das, und ein sensibler Umgang mit Worten fördert und fordert die Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Inhalt. Aber ich glaube auch, dass der Krieg auf den Nebenschauplätzen oft vom eigentlich Wichtigen ablenkt.

Wie fülle ich Begriffe wie „Europa“, „Gleichberechtigung“ oder „Kunst“? Geographische Bezeichnung oder eine Idee des Zusammenlebens? Ein schönes Wort oder eine Idee des Zusammenlebens? Das, was im Museum hängt oder eine Idee des Zusammenlebens? Was bedeutet „Kreativität“, was „Demokratie“, was „Verantwortung“? Wovon bin ich da eigentlich Teil? Wie nehme ich eigentlich teil? Nehme ich teil?

So, wie ich glaube, dass es Kunst für alle Menschen geben sollte, die sie sich in ihrem Leben wünschen, so denke ich, dass es gut ist, sich als alle Menschen zusammenzuschließen: für ein kreatives und faires Miteinander, nicht nur europaweit.

 

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Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit

Ich wünschte mir, dass Kunst so betrachtet würde, wie Mr. May die Toten betrachtet.

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Der Film von Uberto Pasolini aus dem Jahr 2013 zeigt Leben und berufliche Aufgabe von John May, einem „Funeral Officer“, der sich für die Londoner Kommunalverwaltung um die Beisetzung von Menschen kümmert. Diese Verstorbenen haben alle gemeinsam, dass sie schon zu Lebzeiten keine Angehörigen zu haben schienen; sie waren allein, einsam, gar verwahrlost.

Mr. May, der auch sehr zurückgezogen lebt, ist diese Aufgabe nicht nur Beruf, sondern Berufung. Geradezu hingebungsvoll kümmert er sich darum, etwaige Angehörige, ehemalige Freunde, Bekannte ausfindig zu machen, die vielleicht doch zur Beerdigung kommen möchten. Er reist zu ihnen und trägt sein Anliegen persönlich vor. Bei diesen Gesprächen nimmt er jede noch so unbedeutend scheinende Erwähnung auf, um seine Recherche fortzusetzen und erfolgreich abzuschließen. Für seinen Arbeitgeber bedeutet Erfolg nur, dass jeder „Fall“ möglichst rasch abgeschlossen wird. John May nimmt sogar manchmal Fotos oder andere Gegenstände, die sonst weggeworfen würden, aus den aufzulösenden Wohnungen an sich, um die Fotos in ein Album zu heften und mittels dieser und der anderen Dinge eine Grabrede aufzusetzen. Oft bleibt er der einzige Trauergast.

Im Begleitheft zur DVD wird der Regisseur zitiert: „Welchen Wert misst die Gesellschaft individuellem Leben zu? […] Ich denke, dass die Qualität unserer Gesellschaft im Grunde durch den Wert bestimmt wird, den sie ihren schwächsten Mitgliedern zuerkennt. Die Art und Weise, wie wir mit den Toten umgehen, reflektiert den Umgang in unserer Gesellschaft mit den Lebenden.“

In diesem Heftchen ist daher auch von den „Unbedachten“ die Rede. Wie leicht sie aus der Gesellschaft fallen, wie schnell sie vergessen werden. Wie einfach scheint es dagegen, Leute, die sichtbar sind, zu „bedenken“. Und wie oft werden sogar diese manchmal übersehen…

Wer Kunst so betrachtet, wie Mr. May die Toten betrachtet, der sieht auch den lebenden Menschen so. Wer den Mitmenschen so sieht, der kann im Miteinander kaum mehr etwas verkehrt machen. Denn er wird hinhören und hinsehen, um den anderen wirklich zu erfahren, ihn dann auch adäquat beantworten zu können. Viele scheinen ohne Anspruch, das Gesagte des Gegenübers erst einmal in dessen Sinn zu verstehen, was eine echte Begegnung im Gespräch mindestens erschwert.

Bei der Kunstbetrachtung gibt man eventuell zu früh auf, wenn man zum Beispiel nach rein ästhetischen Gesichtspunkten schaut; jeder kennt den Ausspruch „Das sagt mir nichts.“ Was ist, wenn man bei einer kreativen Arbeit zunächst ein inneres Schweigen wahrnimmt? Was, wenn man Abwehr wahrnimmt? Versucht man es einzusortieren, ehe man sich weg dreht? Wenn man es einsortiert bekommt und sich diese paar Sekunden mehr Zeit nimmt – „o.k., es sagt mir erstmal nichts…“, „o.k., es gefällt mir irgendwie nicht…“ – was geschieht dann mit dem Impuls, schnell darüber hinweg zu gehen? Kommen dann vielleicht von selbst die weiterführenden spannenden Fragen: „Bleibt das so, dass es mir ‚nichts sagt‘, auch wenn ich etwas länger schaue…?“ oder „Warum gefällt es mir nicht; woher kommt wohl diese Abwehr?“ Schon ist man mitten im Gespräch: mit dem Kunstwerk, darüber mit dem Menschen, der es geschaffen hat (vielleicht sogar mit ihm/ihr persönlich) und mit sich selbst.

Man „muss“ weder eine bestimmte kreative Arbeit noch einen bestimmten Menschen „mögen“ – Wertschätzung zeigt sich in grundsätzlichem Respekt.

https://www.youtube.com/watch?v=Ip8xK6Xq4ec – Der Trailer zum Film

 

 

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