Die Verhältnismäßigkeit von allem

Wenn es aufrichtig gemeint ist:

Alles, was dazu angetan ist, ins Gespräch zu kommen, Fronten aufzuweichen, sein Wissen und Können disziplinübergreifend zu teilen im Sinne einer für alle guten Sache, ist erstmal gut.

Nicht aus dem Blick geraten sollten die, die weder für Kunst am Bau noch für andere Kunst im öffentlichen Raum ein Auge haben, weil sie überlegen, ob sie wohl nächstes Jahr vielleicht Arbeit haben, nächsten Monat die Miete pünktlich überweisen, nächste Woche Geburtstagsgeschenke und eine Feier für die Kinder haben können, heute über den Tag kommen.

Nicht aus dem Blick geraten sollte die Verhältnismäßigkeit.

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https://www.duesseldorf.de/index.php?id=700021325&L=1&tx_pld_frontpage%5Bnews%5D=19788&cHash=7aa3242137b722bd6c1af5965171e66e

https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/lokalzeit-duesseldorf/video-profi-kunstberater-fuer-duesseldorf-100.htm

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Eselswege

http://www.museum-abteiberg.de/index.php?id=801

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Letztens kam ich mit jemandem in der Bibliothek über Rita McBrides Kunstobjekt, die Skulpturengruppe „Donkey’s Way“, ins Gespräch. Wir fanden nicht wirklich zusammen: ich mag sie, er nicht. Er meint, dass Kunst schön und gut sei, aber in Mönchengladbach? Wo so viele andere dringende und drängende Probleme zu bewältigen seien? Das sei doch unpassend! Ich hielt dagegen, dass es immer nur noch trauriger um Orte bestellt sei, die man für solche Projekte quasi aufgegeben hätte, weil sie wirklich nicht zu „passen“ scheinen – ich wusste genau, was mein Gesprächspartner meint. Menschen mit Existenzsorgen, mit niedriger (Schul- und/oder Herzens)Bildung laufen meist an Kunst vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen, geschweige sich über sie Gedanken zu machen. Der Kopf ist schon voller (manchmal überlebens)wichtiger Gedanken.

Ich habe Zweifel, ob eine Stadt ihren Bürgern wirklich zuhört, aber schätze die im Text hinter dem Link beschriebene Symbolik und ihren gemeinten Inhalt. Es täte mir leid, wenn irgendwann nur noch die reichen Städte und Menschen mit Kunst so direkt in Berührung kommen könnten. Und es macht mich traurig und zornig, wenn eine Stadt ihre nicht kaufkräftigen Bürger mit ihren Sorgen alleine lässt und damit den Grundstein für weitere ausgeschlossene Generationen legt. Also: Auf zum Auseinandersetzen in jede Richtung – und vielleicht zum Eselstreicheln vor Ort!

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Legal und illegal

http://www.wdr.de/programmvorschau/wdrfernsehen/sendung/2017-09-25/42613469/die-stadt-als-leinwand-streetart-in-nrw.html

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„Ich würde sogar sagen, es ist der totale Ego-Trip […]“, sagt ein Streetart-Künstler in der WDR-Dokumentation „Die Stadt als Leinwand“.

Mich fasziniert immer schon die Idee, dass Menschen unerwartet und unvermittelt in Kunst hineingezogen werden, und Streetart ist eine der besten Möglichkeiten dazu. Insofern ist es ein ziemlich zurückhaltender Ego-Trip, da Vorbeikommende es nicht unbedingt zur Kenntnis nehmen müssen, es übersehen können. Manche empfinden es sicher so, dass Streetart sich aufdrängt – meterlang an Tunnelwänden, meterhoch an Hauswänden, gefragt angebracht, ungefragt angebracht, nicht immer gefällig für jedes Auge –, aber „als Kunst“ drängt sie sich nicht auf. Im Gegenteil: ein bisschen führt sie ein Schattendasein; selten ist ein Name über die Szene hinaus bekannt.

Die Künstlerin Barbara. ist da eine Ausnahme, da sie zwar anonym arbeitet, deren Bekanntheit sich aber über facebook verbreiten konnte (https://de.wikipedia.org/wiki/Barbara_(K%C3%BCnstler).

Agostino Iacurci aus Rom sagt zum Beispiel, dass er jegliche Reaktion der Betrachter gut fände, und: „I don’t believe in message.“ Er verzichtet auf Botschaften und bevorzugt „etwas, das langlebiger, grundsätzlicher sei und täglich aufs Neue entdeckt werden kann.“

Es ist immer ein Erfolg, wenn es Menschen gelingt, andere für ihre Umgebung zu sensibilisieren, denn meines Erachtens schult das die Sensibilität allgemein.

Auch bezüglich des großen Menschenthemas „Zeit“: durch die (während des Anbringens und nachher) bedrohte Verewigung dessen, was nicht für die Ewigkeit gedacht ist.

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Stimmungen, Schwingungen

Ob in der Familie, am Arbeitsplatz oder beim Spazierengehen in einer Stadt: wir nehmen eine bestimmte Stimmung wahr. Mal sind wir mehr, mal weniger empfänglich dafür. Manchmal nehmen wir sie wahr, wollen uns aber aus unterschiedlichen Gründen nicht dafür öffnen, manchmal können wir uns nicht vor ihrem Einfluss schützen, selbst, wenn wir es mit aller Kraft versuchen.
Ganzen Ländern werden bestimmte Atmosphären nachgesagt: das gelassene Schweden, die coolen Niederlande, die gemütliche Schweiz, das (bis auf die Stunden der Siesta) temperamentvolle Spanien oder Italien.

Woher kommen solche Eindrücke, die ja tatsächlich oft über das Klischee hinausgehen? Wie ist eine solch umfassend wirkende Schwingung möglich, wo sie doch aus so vielen unterschiedlichen Individuen besteht?

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Ich glaube, dass Gedanken zu Worten werden und Worte zu Taten, und dass daher bereits jeder Gedanke, der uns kommt, Gewicht hat. Zwar darf mich diese gefühlte Bedeutsamkeit nicht lähmen und zu überkritischer Selbstbeobachtung bringen – man würde ja irre –, aber das Bewusstmachen hilft mir, mein Denken ein wenig zu führen. In den meisten Fällen leitet mich Kants Kategorischer Imperativ ganz gut; Ausnahmen (1) bestätigen die Regel.

Beim Sprechen kann ich mich in den meisten Fällen auf die T.H.I.N.K.-Formel verlassen („Think before you speak“), wenn mich keine starke Emotion hindert:

T = Is it true?

H = Is it helpful?

I = Is it inspiring?

N = Is it necessary?

K = Is it kind?

Bevor man etwas sagt, soll man sich idealerweise fragen, ob das, was man äußern will, wahr, hilfreich, inspirierend, notwendig und freundlich/wohlwollend ist.

Ich bin davon überzeugt, dass es wirkt, und dass es weltweit wirkt – oder wirken könnte. Das Destruktive wird es in der Welt vermutlich geben, solange es Menschen gibt. Aber die, die nicht hungern müssen, nicht verfolgt werden, nicht im Kriegsgebiet leben, nicht physisch oder psychisch krank sind oder krank gemacht wurden, die konstruktiv mitgestalten können und wollen, damit es möglichst allen gut oder zumindest besser geht, könnten das Experiment doch wagen: bewusst denken und sprechen. Und wenn man es nicht einhält, weil man Mensch ist: es wieder versuchen. Und wieder. Oder nur mal einen halben Tag lang. Oder nur eine halbe Stunde. Ich glaube ja, dass, wenn man es eine kleine Strecke bewusst durchgehalten hat – erstmal nur, um es durchzuhalten –, man dann kaum mehr zurück kann. Bewusst eine eigene Wahrheit verleugnen (die übrigens nichts zu tun hat mit „alternativen Fakten“) fällt schwer, lästern wird beinahe unmöglich. Unfreundlich zu sein fällt einem selbst auf, wo es vorher vielleicht nicht so war.

Man braucht keine Sorge haben, dass man zu einem Engel oder Übermenschen wird; das passiert nicht. Man bleibt durchaus ein fehlbarer Mensch, aber wird ein netterer fehlbarer Mensch. Die Wenigsten werden von sich glauben, dass sie bewusst anderen schaden – die T.H.I.N.K.-Formel ist ein Augenöffner für sich selbst!

Und dann: stellt Euch vor, alle Menschen einer Stadt machten gleichzeitig das Experiment. Wie wären die Begegnungen, die Gespräche?

Glaubt auch Ihr, dass die Stimmung eine andere wäre…? Glaubt auch Ihr, dass die Menschen friedlicher wären…?

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(1) Eine Antwort zu Kants Befürwortung der Todesstrafe: „Das Recht der Vergeltung ist daraus nicht abzuleiten und willkürlich gesetzt. Eine Befriedigung der Gerechtigkeit durch den Tod des Delinquenten stellt die Reduktion auf einen Zweck dar und steht im Widerspruch zur vorgeblichen Ethik des Kategorischen Imperativs.“ (aus: Herbert Weiler: Warum Moses das versprochene Land nicht betreten durfte)

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