Die NachDenkSeiten über „fühlen“ und „mitnehmen“

Was hat dieser politische Beitrag, den man hier hören kann, mit Kunst zu tun?

Nun, zum einen geht es um Sprache, und Sprache war immer schon auch ein Mittel des künstlerischen Ausdrucks. Die Analyse von Marcus Klöckner macht anhand von Beispielen deutlich, dass Sprache – neben dem Wunsch nach Verständigung und dem Mittel zu ästhetischem Ausdruck – auch als Manipulationsmittel verwendet werden kann, schon immer wurde und wird.

Hier ist sozusagen das offene und wache Ohr gefragt:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=40414

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Gegen „Die Vergeblichkeit von allem“

Arundhati Roy – Das Ministerium des äußersten Glücks

Die etwas andere Rezension

 

Das Ministerium des äußersten Glücks wollte ich lesen, seit ich wusste, dass es erscheinen würde. Ich habe Arundhati Roys Roman-Debut Der Gott der kleinen Dinge vor 20 Jahren verschlungen und nenne die Geschichte immer noch eine der traurigsten und schönsten, die ich jemals gelesen habe.

 

Einräumen muss ich, dass, wenn ich mir Das Ministerium… nicht als Hörbuch zu Gemüte führen, ich bei der Lektüre wohl scheitern würde; zu vielschichtig sind die Ebenen, zu verwirrend die vielen Orts- und Personennamen. Gabriele Blum, die das Hörbuch eingesprochen hat, hilft mit ihrer ruhigen Stimme und ihren Betonungen sehr, das Beschriebene nachzuvollziehen.

 

Die „Süddeutsche“ schreibt: „Roy ist wie eine Kartografin, die Kaschmirs Geschichte im Maßstab 1:1 darstellen will, scheitert und es dann widerwillig mit 1:10 versucht. Sie häuft Charaktere und Orte an, historische und erfundene Ereignisse, Nachrichten und Halluzinationen, je mehr, desto besser. Doch ihr mimetischer Versuch geht nicht auf. Chaos lässt sich nicht durch literarisches Chaos wiedergeben – und Gewalt nicht durch literarische Aggression anprangern.“

 

ZEIT ONLINE stößt in ein ähnliches Horn: „Doch Arundhati Roy ist es mit dem Glücksthema, mit dem Glücksverlangen vollkommen ernst. Die Schwächen ihres Romans und auch ihres Aktivistinnentums hängen genau damit zusammen: Ihr Bewusstsein der permanenten, brutalen Glücksverweigerung in Indien und sonst auf der Welt ist so scharf, dass die Dokumentation von Unmenschlichkeiten den Erzählfluss verstopft und die moralische Empörung die politische Analyse überwältigt.“ Immerhin untertitelt der Autor des Artikels „Die Chronistin des Grauens“, Jan Roß, mit „Was für ein misslungenes und gleichzeitig großartiges Buch!“ und schließt mit folgenden Worten:

 

„Indien, mit seinem Chaos und seinen Widersprüchen, mit seiner abenteuerlichen Spannweite zwischen quasimittelalterlichem Landleben und hypermoderner IT-Ökonomie, bedeutet die ultimative Überforderung durch eine bedrängende Realität: Die Versuchung, vor dem Angriff der Tatsachen in Deckung zu gehen, sich aus dem unverdaulichen Ganzen bequeme Teilwahrheiten herauszusuchen, ist fast übermächtig. Aber man kennt sie auch außerhalb Indiens. Dem tritt Arundhati Roy mit ihrem Projekt einer schutz- und filterlosen Wahrnehmung entgegen, die vom Antiterrorkampf des frühen 21. Jahrhunderts bis zu den Teeblättern auf der Schnauze eines Hundes alles umfasst. Das Ministerium des äußersten Glücks ist eine Lektion in der Kunst, die Augen offen zu halten.“

 

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Eigentlich wollte ich das letzte Zitat ans Ende meines Beitrags stellen; nun befindet es sich mittendrin. Eigentlich wollte ich persönlicher beginnen; nun befindet sich der „persönliche“ Part ebenfalls mittendrin. Eigentlich wollte ich mit dem Beitrag warten, bis ich zuende gehört habe; nun drängt mich das Viele bereits Gesammelte: Zitate, notierte Gedanken, Gefühle und das Telefonat mit einer Freundin über „die Vergeblichkeit von allem“ sofort an die Tasten.

 

Ich habe Schwierigkeiten, allzu persönlich zu werden in meinen Beiträgen. Ich halte es oft für unnötig. Normalerweise mache ich es so, dass ich mit Stichworten arbeite, die ich mir zu einem Thema, zu einem entstehenden Beitrag notiere. In diesen befindet sich jede Menge auch persönlicher – treffender wäre fast der Begriff „privater“ – Gedanken; persönlich spreche und schreibe ich im Grunde immer. Aber meine Definition von „persönlich“ genügt vielen wohl nicht.

 

Durch das fehlende Private bediene ich kaum Voyeurismus, nicht die Neugier, die Viele erst Blogs verfolgen lässt. Das, was ich mir selbst auf die Fahne sowohl meines Netz- als auch meines „real life“-“Auftritts“ geschrieben habe, für friedliche Offenheit dem Mitmenschen gegenüber zu werben, ist unspektakulär. Es holt kaum jemanden hinter dem oft zitierten Ofen, sprich: aus seiner Komfortzone, hervor bzw. trifft mit meinem Interesse das seine. Ich werde kaum gehört, kaum gelesen, und wenn, erfahre ich es oft nicht. Mir würde es schon genügen, wenn jemand meiner MitleserInnen, der ähnlich empfindet und denkt, mal hinterlassen würde: du bist nicht allein… Stattdessen kommt anscheinend kaum jemand über meine ersten Absätze hinaus, und wenn, dann erlebte ich manchmal sogar Anfeindungen als Reaktion. Ich gebe zu: auch diesmal ist das „Persönlichere“ ein bisschen schwerer zu erreichen, weil der Beitrag nicht gleich damit beginnt. Aber es ist nicht versteckt, und ich habe keine Angst vor einer wie auch immer gearteten Reaktion, wenngleich ich mir natürlich respektvolle wünsche und nur auf solche antworten würde.

 

Ich liebe es, Dinge und Dinge, Dinge und Menschen und Menschen und Menschen miteinander zu verbinden, auch literarisch; das wird oft als Vergleich missverstanden. So vergleiche ich mich nicht mit Arundhati Roy, wenn ich empfinde und ausspreche, dass auch sie bestimmt Gleichgesinnte sucht, sowohl als Schriftstellerin als auch als Aktivistin – wie gern würde ich mit ihr darüber reden, um so viel lieber, als spekulierend zu schreiben! Sie fühlt sich nicht allein, wie sie im NDR-Interview sagt, aber wie geht sie wohl damit um, mit der Hoffnungslosigkeit durch die Jahrhunderte…? Im Gespräch mit Cornelia Zetzsche sagt sie: „Was geschieht mit einer Gesellschaft, die solche Dinge zulässt?“ Sie wird sich vielleicht manches Mal auch fragen: WARUM lassen Gesellschaften immer wieder zu, was Menschen einander an Schlechtem, an Bösem antun, warum lassen die einzelnen MENSCHEN es zu?

 

Meine Freundin tröstet mich am Telefon mit einem weisen Rat, aufbauend auf das, was ich sowieso schon so sehe: Gutes und Schlechtes geschieht gleichzeitig, immerzu. Ich möchte doch versuchen, nach dem Übergeordneten zu suchen, danach, was das Gute und das Schlechte einschließt. Ist es wie in der Natur? Grausamkeiten geschehen, und das bewahrt das Gleichgewicht…?

 

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„Dann kam die Teilung. Gottes Halsschlagader platzte auf die neue Grenze zwischen Indien und Pakistan, und eine Million Menschen starben an Hass. Nachbarn gingen aufeinander los, als hätten sie sich nicht gekannt, sich nie gegenseitig zu Hochzeiten eingeladen und nie die Lieder der anderen gesungen.“ [Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks; Interpunktion nach Gehör]

 

„Auf ihrem Banner stand: ‚Die Geschichte Kaschmirs: Tot: 68.000, Verschwunden: 10.000. Democracy or Demon-crazy?‘ Keine Fernsehkamera filmte das Banner, nicht einmal versehentlich. Die meisten, die sich für ‚Indiens 2. Freiheitskampf‘ engagierten, empfanden nichts weniger als Empörung über die Vorstellung von Freiheit für Kaschmir und die Unverfrorenheit der Frauen. Manche Mütter waren – wie manche Opfer des Gasaustritts in Bhopal – etwas erschöpft; sie hatten ihre Geschichte auf zahllosen Treffen und Tribunalen im internationalen Supermarkt des Leids erzählt, gemeinsam mit den Opfern anderer Kriege in anderen Ländern. Sie hatten öffentlich und oft geweint, und es hatte nichts genützt.“ [Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks; Interpunktion nach Gehör]

 

„Ich hastete nach Hause und wartete auf den Schock über das, was ich mit angesehen hatte [einen brutalen Lynchmord]. Seltsamerweise trat er nie ein. Der einzige Schock, den ich verspürte, war der Schock über meinen Gleichmut. Die Dummheit, die Vergeblichkeit von allem widerte mich an, aber irgendwie war ich nicht geschockt. Möglicherweise hatte meine Vertrautheit mit der blutrünstigen Geschichte dieser Stadt, in der ich aufgewachsen war, etwas damit zu tun. Es war, als wäre das Ungeheuer, dessen Anwesenheit wir in Indien ständig und intensiv spüren, plötzlich an die Oberfläche gekrochen, hätte aus tiefster Kehle geknurrt und sich genau so verhalten, wie wir es von ihm erwarteten. Nachdem es seinen Appetit gesättigt hatte, tauchte es wieder ab in seinen unterirdischen Schlupfwinkel, und die Normalität schloss sich erneut darüber. Wahnsinnige Mörder zogen ihre Giftzähne ein und kehrten zu ihren täglichen Aufgaben zurück, als Angestellte, Schneider, Klempner, Schreiner, Verkäufer,… das Leben ging weiter wie zuvor.“ [Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks; Interpunktion nach Gehör]

 

„Ihr Problem ist nicht Konfusion, nicht wirklich. Es ist eher eine schreckliche Klarheit, die außerhalb der Sprache der modernen Geopolitik existiert. Alle Protagonisten aller Konfliktparteien […] haben diese Verwerfungslinie gnadenlos ausgenutzt. Das ist einem perfekten Krieg dienlich, einem Krieg, der weder gewonnen noch verloren werden kann, einem Krieg ohne Ende.“ [Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks; Interpunktion nach Gehör]

 

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„Der Kapitalismus ist ein Raubtier, und wir müssen es gemeinsam jetzt bändigen.“ Milo Rau

 

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Auch Kritiker eines Systems befinden sich innerhalb dieses Systems.

 

Arundhati Roy hat später zuvor gewonnene Preise zurück gegeben, aber durch den Gewinn und die daraus resultierende Bekanntheit konnte sie erst wirksam werden.

 

Die Kritik an den Kritikern ist in meinen Ohren oft unberechtigt. Wie soll es für Systemkritiker denn möglich sein, zu agieren, wie machten sie es denn „richtig“? Es geht nur innerhalb der Welt, in der sie, wir alle, leben.

 

Die Kritik des ZEIT-Journalisten an Arundhati Roy, die politische Analyse käme im Ministerium… gegenüber der moralischen Empörung zu kurz, ist einerseits vielleicht gerechtfertigt, aber gibt es nicht schon genug Analysen dieser Art? Das Aufzeigen persönlicher Schicksale, das mitfühlen-Lassen ist sicher doch genau so gewollt!

Die Analysen sind da, die Erkenntnisse sind alle da. Es dürften nicht so viele die Ungerechtigkeiten der Welt hinnehmen, wenn man die Verantwortung der Regierungen ernst nimmt. (Und nimmt man sie nicht ernst, was Mode ist in manchen Gesprächen, was bedeutet dann diese – oft als coole Abgeklärtheit missverstandene – Lethargie?)

 

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Ich kann nicht hinnehmen, was Menschen einander an Grausamkeiten antun, ohne mich dazu zu positionieren. Obwohl so viele sagen, dass sich-Positionieren einem ja erstmal nichts abverlange, wundere ich mich, warum es in meinem Umfeld noch so wenige tun, zumal sie auch nichts darüber hinaus tun. Kann man sich nicht einfach einmal oder erstmal bestärken und damit das „Wir sind Viele“-Gefühl stärken, aus dem erst Widerstand erwachsen kann, Widerstand gegen Feindbilder, gegen Kriegshetze? Wem es mit friedlichem Zusammenschluss ernst ist, braucht nicht unbedingt einen Verein oder gar eine Partei, damit die Idee wirksam wird und Kreise zieht, dessen bin ich mir sicher. Das Problem ist, dass die Menschen es nicht voneinander wissen, dass sie offensiv für Frieden eintreten oder es in Zukunft tun wollen. Und kann man es von jemandem wissen oder weiß es gar, wird für diesen Menschen kaum oder gar nicht geworben.

 

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Unsere Vernetzung ist nicht die Lösung, sondern ein Anfang. Ich möchte die Menschen kennenlernen, vielleicht nur ein kleines ‚hallo‘ bekommen von dem einen oder der anderen, die mit mir auf demselben Weg sind. Ist das zu viel verlangt?
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https://www.br.de/themen/kultur/arundhati-roy-interview-ministerium-des-gluecks-100.html (Cornelia Zetzsche im Gespräch mit Arundhati Roy; auch zum Hören)

http://www.ndr.de/kultur/buch/Arundhati-Roy-Das-Ministerium-des-aeussersten-Gluecks,arundhatiroy106.html

(mit kleinem Film-Portrait der Autorin)

http://www.zeit.de/2017/32/arundhati-roy-das-ministerium-des-aeussersten-gluecks

https://www.femundo.de/urlaub-buch-film/das-ministerium-des-aeussersten-gluecks/

https://www.youtube.com/watch?v=dnXqJWt8ha8 (Gabriele Blum, die das Hörbuch eingelesen hat, im Interview)

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Im Dialog

https://www.youtube.com/watch?v=wjPJIwI-M2g

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Michael Hirz im Gespräch mit Richard David Precht

 

Der Philosoph macht deutlich, dass es keine absolute, sondern nur gefühlte Gerechtigkeit gibt, was den Begriff an sich schwierig macht. Zudem schwankt unsere Gesellschaft zwischen zwei Modellen: der liberalen Gerechtigkeit, in der jede/r die gleichen Chancen hat, und der sozialistischen Gerechtigkeit, in der jede/r am Ende das gleiche bekommt. Es drängt mich, zu ergänzen: Wir mögen schwanken, aber leben in unserer Gesellschaft keine der beiden Formen.

Wenn nun Parteien hingehen und mit diesem undefinierten Begriff Wahlkampf machen, noch dazu solche, die viele konkreten Ungerechtigkeiten erst losgetreten haben, ist es klar, dass das Vertrauen weiter erschüttert werden muss; „von der AfD gar nicht zu reden“. (Volker Pispers sagt dazu: „Sie bekommen in unserer Demokratie bei einer demokratischen Wahl keine Mehrheit für eine Politik, von der 80 % der Bevölkerung wirtschaftlich profitieren würden; kriegen Sie keine Mehrheit für. Sie kriegen jederzeit eine Mehrheit für eine Politik, von der die reichen 10 % profitieren, denn die Politik wird seit 40 Jahren gemacht und gewählt. CDU, CSU, SPD, FDP und Grüne sind wirtschaftspolitisch eine Einheitspartei.“ Und Rudolf Dreßler dazu, warum davon enttäuschte Menschen die AfD wählen: „Weil sie nicht wissen, was die AfD programmatisch denn eigentlich anbietet. Bei der SPD sehen sie und empfinden nichts mehr, und bei der AfD glauben sie zur Zeit, dieses finden zu können, und es wird für sie auch eine schlimme Entwicklung sein, ein Erwachen sein, wenn sie merken, dass diese Partei in ihrer Programmatik, wenn man das mal liest, was die eigentlich will, genau das Gegenteil von dem anbietet, was genau diese Wählerklientel erwartet.“)

Precht kommt recht schnell weg von der Parteienpolitik hin zu dem, wohin die Gesellschaft – selbstverständlich nicht ohne Politik! – kommen müsste, um mit den neuen Herausforderungen (nicht mehr genug Arbeit für alle, Strukturumbruch durch Digitalisierung) zurechtzukommen.

„Was macht das eigentlich mit einer Gesellschaft, wenn [sie] bislang daran orientiert war, dass möglichst jeder in Arbeit und Brot kommt und dass der Wert von Menschen danach gemessen wird, was sie leisten und was sie verdienen?“

Dass er nicht sehr optimistisch ist, wenn dieser gesellschaftliche Wandel nicht gestaltet wird, die an sich gute freie Zeit nicht auch gut genutzt wird („gut“ im Sinne von sinnvoll für den, der sie nun übrig hat), daran lässt er keinen Zweifel. Und die Politik bietet mit keiner Partei etwas an, das die Menschen in diesen Umbruchzeiten stärkt und stützt; Precht drückt es so aus, dass „die Parteien keine Szenarien dafür entwerfen, und dass sie es schon aus dem Grund nicht zum Wahlkampfthema machen, weil sie Angst haben, den Leuten Angst zu machen. Also lieber lullen sie sie ein und versprechen – mit Raute oder schönen warmen rhetorischen Worten – ein Gefühl von Sicherheit, von Beständigkeit und dass alles weitergeht wie bisher, aber damit werden Kartenhäuser gebaut, während die Erde Risse bekommt.“

Er empfindet es so, dass wir durch die und mit den Parteien schwanken zwischen „Retropien“ und Dystopien; dass unsere Zukunftssorge uns zurückgezogen und rückwärtsgewandt sein lässt, anstatt uns an Zukunftsvisionen arbeiten zu lassen, die uns zumindest weniger Angst machen. Und wir in Wahlkämpfen mit „Kinkerlitzchen-Themen“ abgelenkt werden von diesem Wesentlichen.

„Wer etwas erreichen will, der sucht sich Ziele, und wer etwas verhindern will, der hat Gründe. Und wir leben in einem Land, in dem, verstärkt durch die Medien, eine Diktatur der Gründe über die Ziele vorliegt. Und weil die Politiker das wissen, gehen sie immer den risikolosesten Weg.“

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„Wie viel Angebote die Gesellschaft bereitstellt“, damit ein Mensch etwas mit seiner Zeit anzufangen weiß, und wie er von Kleinkindbeinen an gut angeleitet wird, seine Potenziale zu entfalten und den Wunsch entwickelt, Gesellschaft mitzugestalten, das ist seit längerem ja auch mein Überlegungsfeld.

Dass ich dabei alles das, was trennt statt zu verbinden, das ausschließt statt einlädt sehr kritisch sehe, ist für die, die mich begleiten, kein Geheimnis; im Gegenteil werbe ich sehr offensiv für co-kreatives, disziplinenübergreifendes Miteinander.

„Das ist eine elementare Herausforderung an ein Bildungssystem. Wir haben ein Bildungssystem, das funktioniert über extrinsische Belohnung, also: in der Schule lernen sie für Noten, und später im Leben arbeiten sie für Geld.“ Wenn aber so viel Arbeit schon weggefallen ist und weiter wegfallen wird, „… dann müssen auch die anderen genug Pläne und Ideen haben…“

Das, was Richard David Precht im Interview ausstellt, ist ein Armutszeugnis für diejenigen, die unsere Gesellschaft führen und leiten und die Bedingungen schaffen.

Solange sich Menschen nicht nur abgehängt fühlen, sondern es im Vergleich mit anderen definitv auch sind, herrscht Verbesserungsbedarf. Solange Regierungsvertreter diese Menschen weniger im Blick haben als sich selbst, herrscht Skandal. Solange die wesentlichen Punkte bewusst unter den Teppich gekehrt werden, ebenfalls.

Wir sollten uns alle bemühen und „diese Entwicklung nicht mit geschlossenen Augen machen, sondern sehenden Auges, und das heißt, dass wir all die wichtigen politischen und sozialen Umgestaltungen aktiv angehen, die wir angehen müssen, damit wir auch in Zukunft in einer lebenswerten Gesellschaft bei uns in Deutschland und in Europa leben.“

Precht schlägt als Beispiel schon mal – im Gegensatz zum Modell, Arbeit zu besteuern – eine Finanztransaktionssteuer vor, die, prozentual angelegt, schon an sich mehr (konkrete) Gerechtigkeit brächte.

Was kann die/der Einzelne beitragen?

Dazu zählt für mich die Besinnung auf unsere ureigenen Bedürfnisse. Diese Besinnung muss man selbst als wacher, kritischer Erwachsener ständig trainieren bei all dem, was uns als „Must-haves“ verkauft wird, worauf das Scheinwerferlicht für uns gerichtet wird. Sollten wir zu dem Schluss kommen, dass unsere Bedürfnisse nicht viel mit dem zu tun haben, worauf sich unsere Aufmerksamkeit richten soll, sollten wir widerstehen, oder nicht?

Ich bin dafür, dass wir Kindern (eigenen, denen, die uns anvertraut werden in offiziellen und inoffiziellen Patenschaften und denen, die wir nur kurz und vielleicht nur zufällig begleiten) vorleben, dass Talente wertvoller sind als Äußerlichkeiten, und dass wir vorleben, dass man anderen Menschen erst mal zuhören und das Gehörte im Sinne des Sprechenden verstehen muss, ehe man antworten kann. Jugendlichen und Erwachsenen kann man zum Beispiel prima vorleben, dass es auf Feiern, bei denen man neue Menschen kennenlernt, andere erste Fragen als die nach dem Beruf gibt…

Ich glaube, dass eine Gesellschaft, die sich nicht ablenken und abspeisen lässt, anders lebt und anders wählt. Ich wünsche mir den nächsten Schritt von den Mausfeld’schen Erkenntnissen, „warum die Lämmer schweigen“ hin zum konstruktiven Angehen der inneren und äußeren Schweinehunde. Und beim nächsten Zusammentreffen mit neuen Leuten… na, Ihr wisst schon… 😉

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Identität

Heute habe ich es schwer, über die letzte ‚Westart live‘ zu berichten, die für mich schwierig begann…

In der Assoziationsrunde zum Thema „Frankreich“ sollte – so gab es Siham El-Maimoudi vor – Politik ausgenommen werden. Das würde mich nicht weiter gestört haben, wenn der Theatermacher Thomas Ostermeier nicht etwas später (als Politik nicht mehr vermieden werden sollte und wohl auch nicht länger konnte) für seine Macron-Skepsis etwas unsanft abgewürgt worden wäre und auch sein leiser Widerspruch nicht fruchtete. Selbstverständlich sind alle, denen die braune Soße zuwider ist, froh, dass nicht Marine Le Pen Frankreichs Präsidentin wird, aber ob ein „Aufatmen“ angebracht ist, das versuchte als einziger Thomas Ostermeier kritisch zu hinterfragen. Er machte (sehr wichtig!) sehr deutlich, dass Kritiker der EU nicht zwangsläufig europafeindlich eingestellt sind; oft ist sogar das Gegenteil der Fall. Wenn aber nur die Stärksten von einem System profitieren, ist Kritik in meinen Augen nicht nur verständlich, sondern notwendig. (Ich hinterlasse unten einmal Oskar Lafontaines Worte zur und vor der Frankreich-Wahl; Quelle www.nachdenkseiten.de)

„Das Theater ist eine Kunst des Konflikts.“

Hannelore Hogers bester Satz war für mich: „Nett? Nein. Man muss nur aufrichtig sein.“

Auch gefiel mir das Credo des Tanz-Performance-Kollektivs Richter/Meyer/Marx: „gemeinsam etwas gestalten“, das u. a. mit DJs zusammenarbeitet.

Der Kino-Tipp war diesmal ‚You’ll never walk alone: auf den Spuren der Fußball-Hymne‘. „André Schäfer hat eine Doku über die Entstehung […] gedreht. Sein Freund Joachim Król, Schauspieler und bekennender Fußballfan, hat die Rolle des Erzählers übernommen und zeichnet den Weg des Liedes nach: von einer Budapester Theaterbühne Anfang des 20. Jahrhunderts über den Broadway ins Stadion des FC Liverpool an der Anfield Road, von dort zum BVB nach Dortmund und auf die Fußballtribünen in aller Welt.“

Klasse fand ich den Beitrag über das ‚Zentrum für Internationale Lichtkunst‘ in Unna, wo noch bis zum 3. September faszinierende Lichtkunst zu sehen sein wird. Ich werde auf jeden Fall einen Besuch planen!

Und beim Einzel-Interview mit der Sängerin Y’akoto kam ich mit dem Mitschreiben gar nicht mehr mit, so vieles war in meinen Augen zitierwürdig! Wenn ich heute etwas dringend empfehlen kann, dann ist es dieses Interview und sind es ihre Gesangseinlagen!

„Das müsste reichen für mich als Künstler“ – Y’akoto über das Dankbarkeitsgefühl, dass trotz Überangebot sich Menschen entscheiden, eben ihrer Band zuzuhören, und über ihre Haltung, von ihrem Publikum keine bestimmte Reaktion zu erwarten.

„Darin liegt die Herausforderung, einen gemeinsamen Nenner zu finden…“

„Ich möchte ein Lebensgefühl einfangen, und das ist unabhängig von Nationalität.“

„… Menschen um sich zu scharen, die einen bereichern.“

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http://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/sendungen/uebersichtwestartlive160.html

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http://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/yakoto-106.html

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http://yakoto.de

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„Wäre es nicht so ernst, dann wäre es fast komisch mit anzusehen, wie deutsche Politiker den Franzosen Tipps für die Präsidentschaftswahl am kommenden Sonntag geben. Die Franzosen sind regelrecht „begierig“ darauf, zu erfahren, was deutsche Politiker, von denen die meisten in Frankreich völlig unbekannt sind, zu Macron oder Le Pen meinen.

Sie können es nicht lassen und haben nichts begriffen. In vielen Ländern Europas wird die deutsche Bevormundung schon länger als unerträglich empfunden, und die wirtschaftlich Informierten wissen, dass das deutsche Lohndumping Menschen in Europa arbeitslos gemacht hat und dass die deutschen Sozialabbau-Diktate via Brüssel vor allem in Südeuropa viele in Armut und Elend gestürzt haben.

Auch unsere „Qualitätsmedien“ raten – von einer Minderheit abgesehen – zur Wahl des Investmentbankers Macron. Dass viele französische Intellektuelle davor warnen, weil die Wahl Macrons zu einer weiteren Stärkung des Front National führt, interessiert nicht. Dass demnächst in Frankreich Parlamentswahlen sind und Jean-Luc Mélenchon mit seiner Bewegung „La France insoumise“ versuchen muss, unter den schwierigen Bedingungen des französischen Mehrheitswahlrechts möglichst viele Sitze in der Assemblée nationale zu erobern, um dem Neoliberalismus eines Präsidenten Macron Widerstand entgegenzusetzen, interessiert auch nicht.

Mélenchon, der seine Anhänger beschworen hat, in keinem Fall Le Pen zu wählen, mit deutscher Herrenreiter-Mentalität nötigen zu wollen, auch zur Wahl Macrons aufzurufen, kommt der Aufforderung gleich, sich ins eigene Knie zu schießen. Ein solcher Rat hieße, Mélenchon solle seine Anhänger jetzt verärgern, indem er ihnen empfiehlt, den Mann zu wählen, gegen dessen Politik er schon heute mit Blick auf die Parlamentswahlen im Juni mobilisieren muss.

Régis Debray, Weggefährte Che Guevaras und Berater Mitterands sagte in der Zeitung „Le Monde“: „Zwischen einem Finanzkapital, dem alles erlaubt ist, und einem Sozialismus, der sein kleines Einmaleins vergessen hat, hat sich eine große Bresche geöffnet, und der Luftzug, der von da kommt, treibt seit 20 Jahren die Mühlen Le Pens an. Wer dies fühlt, hat wohl das Recht… sich zu fragen, ob man dem Teufelskreis entkommt, wenn man in den Sumpf zurückkehrt, um dem Regen auszuweichen.“ Die französische Linke muss sich jetzt versammeln, um den Luftzug, der seit 20 Jahren die Mühlen Le Pens antreibt nach der sich abzeichnenden Wahl Macrons nicht zu stark werden zu lassen.“ (Quelle: Oskar Lafontaine via Facebook)

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Ich denke, man muss sich entscheiden…

Michael Kröger: „Eine aktuell als Banalität bewertete Form von reproduzierter Wirklichkeit muss nicht auf Dauer banal bleiben. Das bewusst reflektierte Banalisiertwerden eines Phänomens spiegelt nicht nur aktuelle Werte und besonders Vorurteile, sondern immer auch Erwartungen gegenüber einer Sphäre eines noch unbekannten und exklusiven Nicht-Banalen. Gerade mit dieser speziellen Erwartungsfunktion lässt sich weiter spekulieren. Denn spricht man weniger abwertend von Banalisierung, so erkennt man plötzlich sehr vieles in einem anderen Licht.

Wo nur von Banalem und/oder drohender Trivialisierung die Rede ist, entstehen nicht nur Formen von negativer Bewertung und damit eine Ausschließung. Im Gegenteil: Relevantes entsteht jeweils dort, wo erfolgreich etwas Neues als Nicht-Banales zur Sprache kommt.“

 

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Ob etwas „zu“ irgendetwas ist, steht immer in einem Kontext, und der Sprecher definiert diesen. Wenn mir etwas beispielsweise „zu banal“ ist, dann ist es das in Bezug zu meinen Wünschen und Ansprüchen. In der Kunst gilt dieser Begriff (Banalität) mir nichts; er funktioniert da nicht. Auch ich definiere hier; das ist mir bewusst.

 

Ich muss weiter ausholen: wenn wir beim Banalitätsbegriff sind, ist der Qualitätsbegriff nicht weit. Für mich gibt es im künstlerischen Ausdruck keine objektive Qualität; auch hier ist mir bewusst, dass es ketzerisch klingen mag in so manchem Ohr.

 

Und an jeder Stelle sind wir gezwungen, uns zu positionieren, zu definieren. Wenn Kunst Sprache ist, und jemand drückt sich unverständlich aus, heißt das nicht, dass er nicht sprechen kann – er tut es ja! Selbst wenn niemand ihn verstünde… ist seine Sprache wohl noch nicht decodiert. Das Sprechen selbst, seinen ureigenen Ausdruck kann man ihm nicht ab-sprechen. Selbst, wenn andere seine ur-eigenen Belange „banal“ nennen.

 

Die erste Kunst wurde u. a. in Höhlen gefunden – einen Käfig gebaut hat man ihr erst später. Der Käfig ist ein System, das in sich geschlossen schon funktioniert – nur versucht man im System „Kunst“ den Ausschluss dessen, was allen gehört. Und man schließt Menschen einander aus. Ich denke nicht, dass die Frage nach Banalität oder Relevanz sich bei der ersten Kunst des Menschen stellte, egal, ob diese religiös motiviert war, von Trance-Erfahrungen erzählt hat oder doch einfach nur Kontakt zum Mitmenschen herstellen wollte.

 

Ein Kollege sieht die Kunst rein wissenschaftlich – und auch in Dr. Krögers Text ist von „Kunstwissenschaft“ die Rede –; das gelingt mir einfach nicht. Was ist das Ziel der Kunstwissenschaft? Wenn man überlegt, ob eine Documenta es noch bringt, weil es alles schon gab… was ist das Ziel? Man darf gerne auch ein ganz abgedrehtes nennen, z. B. so, als würde die Medizin das Ziel formulieren, dass irgendwann kein Mensch mehr an Krankheit sterben muss…

 

Ich weiß, dass, wäre es überhaupt argumentativ möglich zu erklären, man der Oma in einfachen Worten erklären könnte, warum Leon Löwentraut besser malt als ihr Enkel – mir ist klar, warum das (im sich selbst erhaltenden System „Kunst“) nicht möglich ist. Es greifen weder rein ästhetische Gründe noch die Gedanken des Künstlers; ich habe z. B. ihn in diversen Talkrunden gehört. Wenn sich dann noch der Anwalt der womöglich – ich nehme es jedenfalls an – stinkreichen Eltern sich mit dem Anwalt eines anderen Malers anlegt, wer von wem abgemalt hat, ist der Kunstbetrieb um eine Farce reicher.

 

Ich warte darauf, dass der „Anthropomorphe Kabinettschrank“ von Dali als Fälschung entlarvt wird, um beweisen zu können, dass ich ihn dann noch genau so regelmäßig und gern besuche und bestaune wie davor – nur würde er dann vermutlich abgehängt.

 

Ich finde, all das (und noch viel mehr) sollte man in einer Diskussion um Banalität bedenken. Mich bringt es zum Fazit, dass nichts von irgendwoher gegeben ist, was Menschen als Systeme erfunden haben oder erfinden. Menschen machen die Regeln; alle sind jederzeit änderbar. Definitionen sind änderbar; s. ganz o. das Zitat.

 

Würde Kunst als allgemein gebrauchbarer menschlicher Ausdruck gelten dürfen, dürfte sie genesen. So, wie es aber jetzt ist, bleibt mir nur die Trennung zwischen Markt-Kunst und (einfach) Kunst als jedwedem menschlichen Ausdruck mittels oder jenseits von Verbalsprache, egal ob Marcel, Gerhard oder Lieschen die Erschaffer sind.

 

Das „Problem“ ist die Etikettierung im Gegensatz zu inhaltlichem Austausch.

 

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Tanja Praske: „Überall das gleiche unproduktive Gerangel um Kompetenzen und Deutungshoheit. Hier finde ich Lauras Meinung: „E-Kultur (ernsthafte Kultur) definiert sich über Ausschluss“ sehr treffend. Bei Michael Krögers Post dachte ich umgehend „wer bestimmt denn was banal ist?“ Durch das Web wohl kaum noch eine elitäre Bildungsoberschicht, sondern das Publikum, der User, der sogar auch Content liefert. Entweder moderiert durch die Kulturinstitution oder einfach so, denn das machen die User so oder so, mit oder ohne Moderation.“

 

Ich sehe tatsächlich ein bisschen die Gefahr, dass das Publikum die Rolle des „Banalisierers“ zugewiesen bekommen könnte und die Kunstvermittler die der „Mithelfer“; das ist schon so geschehen in diversen Diskussionen bis hin zur Erkenntnis mancher, dass das Publikum doch eher hinderlich sei bei der Kunstbetrachtung.

 

Ich denke, man muss sich entscheiden: entweder es ist eine Wissenschaft, dann dürfen sich selbstverständlich nur noch die Wissenschaftler unterhalten, oder etwas „für die Menschen“, ohne Ausschluss, ohne Vorurteil, differenziert. Ich für mein Teil kann mir nicht vorstellen, dass sich die Menschen die Freiheit des Ausdrucks und des Sprechens darüber wegnehmen lassen…

 

[Meine Antwort zum Thema „Banalisierung in der Kunst“ im Blog von Tanja Praske vom 02.02.2016]

 

„Die Kunst stirbt niemals. Sie ist ein Teil unseres Ichs.“ Giovanni Segantini

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Salvador Dalí – Der anthropomorphe Kabinettschrank

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Die mögliche Verbindung zum individuellen Wesentlichen

https://www.taz.de/!5396305/

Zitat aus dem Interview: „Wenn sich ein Werk auf Malewitschs Schwarzes Quadrat bezieht, muss man erstens Malewitsch kennen und zweitens wissen, dass er sich auf Ikonenmalerei bezieht. Man muss drei Ebenen erklären. Wir überlegen gerade, wie wir das geknackt kriegen. Im Idealfall hätte man den Multimedia-Guide für jedes Exponat. Das ist ein kostspieliges, langfristiges Ziel.“

Dazu Anke von Heyl am 12. April auf ihrer facebook-Seite:

„Sehr spannendes Interview mit dem Chef der Hamburger Kunsthalle. Ich wage mal die These, dass ein Multimedia-Guide nicht zwingend die Lösung für das Vermitteln äußerst komplexer Zusammenhänge sein muss. Die Frage ist, ob man als Vermittlungsziel das Wissen um alle historischen Bezüge in den Vordergrund stellen sollte.“

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Inspiriert durch Anke von Heyls Beitrag auf ihrer facebook-Seite und das dortige gute Gespräch dazu, aus dem ich hier nichts wiederholen möchte, steige ich gleich steil ein: Wenn Kunst für alle Menschen ist – wovon ich ja ausgehe – kann Kunstvermittlung dann überhaupt zielgerichtet funktionieren, wenn das Ziel ständig umdefiniert werden muss nach Gruppe und Einzelperson, Alter, Wissensstand, kultureller Herkunft, Interesse (Stichwort „Schülergruppen“) …?

Ist der geringste Anspruch dann der, dass der Mensch, dem vermittelt werden soll, überhaupt erst mal bleibt und weiter zusieht und zuhört, und liegt die Kür dann darin, einem best-vorgebildeten, wissensdurstigen, kunstinteressierten Menschen, der alle Zitate versteht, noch mehr Wissen zu geben in einem „Fach“, das in seinen Inhalten keine allgemein menschliche Objektivität hat, sondern die bestimmt werden durch die jeweiligen Machthaber der einzelnen Kunst-Bereiche und Institutionen, ungeachtet der vielen Einflüsse und Eindrücke drumherum? Ungeachtet der Tatsache, dass das, was innerhalb des Kunstbetriebes, -marktes, -kanons entsteht, für „Kunst“ befunden wird und in diesem Begriff verbleiben darf, immer auch außerhalb gedacht und gearbeitet werden kann und, setzt man dieses voraus, dann sicher auch wird?

Vielleicht liegt der Gewinn von „Vermittlung“ ja gar nicht im (ohnehin überschätzten) „Verständnis“ für eine künstlerische Arbeit. Vielleicht liegt der Gewinn schlicht darin, Menschen, denen das fremd ist zu zeigen, dass Menschen sich über Kunst ausdrücken und das genau so „normal“ ist wie der Ausdruck über jede andere Sprache. Vielleicht bringen Gespräche auf den unterschiedlich möglichen Niveaus, vielleicht bringen die Fragen der Menschen auf den unterschiedlich möglichen Niveaus die – ich glaube, ebenfalls allen – mögliche Verbindung zu ihrem individuellen Wesentlichen.

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KunstvermittlerInnen leisten gute Arbeit – innerhalb des Systems.

Ich komme immer wieder dazu, mich zu fragen, ob ich in der Ansicht und in der Diskussion radikaler sein muss, was mir total widerstrebt.

Kann ich gleichzeitig sagen:

o.k., das ist der Kunstbetrieb, der so funktioniert, wie er eben funktioniert, mit all seinen Kreativschätzen und dem Bemühen um deren Vermittlung, aber eben auch mit den negativen Auswirkungen: Ausschluss Vieler im Erschaffen und Rezipieren (auch wider alle Vermittlungsversuche), Entwicklung krimineller Energien (Stichworte „Handel“ und „Fälschung“) usw. (die Liste ist beliebig verlängerbar)

und

ich wünsche mir ein co-kreatives Herangehen an Kunst, und zwar an jegliche Kreativarbeit eines jeglichen Menschen?

Passt das? Geht das? Und wenn ja: wie geht das?

Oder geht das einfach nicht zusammen, weil ein co-kreatives Herangehen an jegliches Thema Bewertung verbietet, Belehrung verbietet, und „Lehre“ und „Lernen“ da einfach anders funktionieren…?

Ich habe immer gesagt: die Arbeiten, die heute offiziell zu „Kunst“ zählen, und die wir alle schätzen und bewundern, gehen doch nicht verloren, und sie entstehen auch weiterhin neu.

Aber was ist, wenn wir uns das neu-Entstehen unter anderen, unter co-kreativen Vorzeichen vorstellen? Wie funktioniert dann zum Beispiel Aufmerksamkeit ohne geförderte Bewerbung, wie funktioniert dann überhaupt Förderung – gibt es sie dann überhaupt noch? Muss es sie dann noch geben? Wenn Kunst überall und frei auftreten kann, ohne in den Kontexten gefangen zu sein, in denen wir sie erwarten: Museen, Auftritte, Vernissagen, Midissagen, Finissagen, Konzerte, Ausstellungen, … wie stehen wir dann zum kreativen Ausdruck von Menschen? Wie wird dann geplant, wie wird dann bezahlt (Hallennutzung, Museumsunterhaltung, Technik, Strom, Personal, …)? Wie werden die Kreativen entlohnt? Werden sie entlohnt, oder kann man sich „Bezahlung“ für eine „Leistung“ auch ganz anders vorstellen, auch jenseits von Tauschhandel? Was passiert mit hochpreisigen Umsetzungen von Kunst? Denken Künstler durch etwaige Beschränkung (die ja andererseits durchaus vernünftig sein kann) anders, ohne ihre Idee verraten zu müssen?

Was wäre, wenn „Kunst“ ein „ganz normaler“ zusätzlicher Ausdruck der Menschen wäre?

Vielleicht unterstützte es sie ja im Finden ihres individuellen Wesentlichen, das, wie ich es empfinde, ein wichtiger Beitrag für inneren und äußeren Frieden ist.

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Co-Kreativität

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Ich bin eine Co-Kreative.

 

Auf einmal wird klar, warum einige Gespräche so gelaufen sind, wie sie gelaufen sind, besonders hier im Netz, wo man ohne Mimik und Gestik auskommen muss; jedenfalls größtenteils, es sei denn, man benutzt Skype. Emojis helfen da nur bedingt.

 

Wenn ich mich mit Menschen unterhalten habe, die in irgendeiner Form professionell mit Kunst zu tun hatten, kamen wir miteinander recht schnell an unsere Grenzen. (Ich muss hier einschieben, dass meine Erfahrungen in der letzten Zeit besser bis gut geworden sind, womöglich, weil immer alle beteiligten Parteien mit Klarnamen und Foto unterwegs waren. Womöglich läuft das wie bei der Hundebegegnung: entweder sind beide an- oder abgeleint 😉 …)

 

Damals aber, in Chatrooms, wo sie sich klangvolle Nutzernamen gaben, haben Gespräche nicht funktioniert; „funktioniert“ im Sinne von „Austausch, der beiden Seiten etwas gibt“; ich habe hier schon davon berichtet. Sowie klar war, dass ich nicht akademisch, sondern „nur“ mit dem oft zitierten, zumindest halbwegs gesunden Menschenverstand unterwegs war, fanden sich immer zwei, drei, vier Personen, die sich zusammentaten, um mich „wegzubeißen“.

 

Ich hatte für mein Anliegen keinen schnellen, treffenden Namen, kein Schlagwort, kein Etikett. So musste ich es beschreiben; das braucht halt manchmal fünf Sätze, aber ich hatte nur diese. Danach war ich raus. Jede weitere Bemühung, mich noch einmal neu, noch einmal anders zu erklären, wurde mit der Frage beantwortet, was ich dort noch wolle, warum ich mich weiter „abarbeite“ und dergleichen mehr.

 

Ich weiß nicht, ob der Ansatz Gerald Hüthers dort geholfen hätte, mich zu erklären, aber ich weiß, dass er mir jetzt, Jahre später, hilft, indem er mir einen Begriff liefert. Da ist auf einmal ein schnelles Wort, auf das ich zumindest aufbauen kann!

 

Es ist auf einmal völlig klar, dass man mit der Bewerbung für Offenheit nicht in einer Gemeinschaft punkten kann, die sich abgrenzen will. Mein Ansatz war falsch; mir leuchtete auf einmal auch ein, dass schon meine bloßen Fragen Angst einflößten, denn anders als mit diesem Begriff ist die unfassbare Unfreundlich-, ja beinahe Feindseligkeit nicht zu erklären gewesen. Was ich da wohl auslöste, wurde mir lange, lange Zeit später erst so richtig bewusst: die Mauer, deren Bauplan in den real existierenden Köpfen hinterlegt und die in monatelanger Kleinarbeit nun eins zu eins in diesem virtuellen Raum aufgebaut worden war, war in Gefahr, und ich war die Abrissbirne.

 

Mein Wunsch wäre gewesen, sich ohne Arroganz zu begegnen, denn ich denke (weil erlebe), dass Fragen, die irgendwie unpassend erscheinen, oft gerade wunde Punkte berühren, genau ins Schwarze, genau den Kern der Sache treffen.

 

Wofür ist Kunst gut?

 

Das habe ich oft gefragt, wenn ich den Eindruck hatte, dass das Ausschlussverfahren im System Kunst nur einer ausgesuchten Menschengruppe dient. Für mich geht es immer und überall um ein gemeinsames Weiterkommen, um das bestmögliche Zusammenleben und Weiterentwickeln von Menschen; bestmöglich in jedem Bereich. Da kann Kunst gar nicht alleine stehen und eifersüchtig abschirmen, wen oder was auch immer.

 

Dass man sich frei begegnen, interdisziplinär austauschen und sich starren Systemen entziehen möge, wird oft verwechselt mit der Ablehnung von „Leistung“, was mir aber völlig fern liegt. Was ich ablehne, ist der Energieabzug durch ein Leistungsdenken, das durch Konkurrenz geprägt ist und zumindest auf mich lähmend wirkt. Und welches Systeme nur immer starrer und enger werden lässt und durch Intransparenz merkwürdige, manchmal sogar kriminelle Blüten treiben kann (s. Kunstmarkt).

 

Diese (in meinen Augen gesunde) Art der Ablehnung wird meines Erachtens noch nicht ausreichend gesellschaftlich diskutiert. So verheddern sich Menschen in Talkshows in der Frage, welche Berufsgruppe wohl welchen Verdienst verdient hat, alle hervorgegangen aus einem System des Zusammenlebens, das Unterschiede da macht, wo sie dem friedlichen Zusammenleben schaden. Ja, natürlich gleicher Lohn für gleiche Arbeit, aber doch auch: gleicher Lohn für unvergleichliche Arbeit, oder? Wenn wir, die Gesellschaft, glauben, dass wir Banker brauchen und Krankenschwestern, Schreiner und Pädagogen, Tierheim- und TagespflegeleiterInnen – wo liegt dann das Problem, allen, ohne Ausnahme, ein Auskommen zu gönnen mit ihrem Einkommen? Wo liegt dann das Problem, den Finger in die Wunde zu legen mit der Frage, warum wir derartige Ungleichheiten zulassen, derartige Ungerechtigkeiten?

 

Ich denke, dass das Problem in der Ausbildung zu suchen ist, die beginnt, wenn wir auf die Welt kommen. Gerald Hüther erklärt anschaulich, wie wir als kleine Entdecker und Gestalter in die Belohnungssysteme geraten und irgendwann keine Chance mehr haben, dort herauszukommen, zumindest nicht gesellschaftlich oder sonst wie geächtet. Und von entdecken und gestalten darf, aber kann dann auch gar nicht mehr die Rede sein.

 

Wenn sich alle auf ihre Art einbringen dürften, würden sich auch mehr von denen einbringen, denen wir den Wunsch bisher absprechen, die wir als „faul“ wahrnehmen, als „dumm“, als gesellschaftlich „nicht tragbar“. Warum fühlen sich Menschen abgehängt? Weil diese, die sich so fühlen, es vermutlich durch unser Modell des Zusammenlebens tatsächlich sind!

 

Es ist sicher nicht die Erklärung für alles in der Welt, aber für sehr, sehr vieles. Auch würden nicht alle einer solchen Einladung folgen, bestimmt nicht. Trotzdem ist es doch eine Überlegung oder gar ein Antesten wert, was es auslöste, „sich als Subjekt zu begegnen, anstatt sich als Objekt zu behandeln“.

 

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https://www.youtube.com/watch?v=mqPMduxo2DY

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