Dreißig! 

Als ich vor 30 Jahren mein Gesicht begründete („Zur Begründung meines Gesichts“, in: „Anthologie ohne Titel“, Berliner Festspiele GmbH, anrich verlag GmbH, Kevelaer 1988) mit einem Text voll ernster Ironie, dachte ich höchstens ein, zwei Jahre weiter, wie das eben so ist mit 20. Mein Thema: die nach meiner damaligen Erfahrung mehrheitlich verlogen gestellte Frage nach dem Befinden. Mein fragendes Anliegen schon damals: wie sinnvoll ist die maskenhafte Begegnung zwischen Menschen, aber inwiefern ist da eine Änderung im Miteinander möglich und: ist die immer sinnvoll?

Mir war zwar bewusst, dass ich mit dem in-die-Welt-Schicken des Textes an einem Wettbewerb teilnahm, aber da ich – bis auf den riesigen Fresskorb bei der Schul-Tombola – noch nie was gewonnen hatte, rechnete ich mir nicht nur nichts aus, sondern vergaß es beinahe ganz. Bis Wochen später folgender Brief ins Haus flatterte:

Erstmal hob ich ihn nur auf, um in Berlin Missverständnissen vorzubeugen; ich hätte jeden verstanden, der mich für eine Hochstaplerin gehalten hätte. Aber das angekündigte nächste Schreiben kam, und so brachen 21 (zwei Teilnehmer kamen von dort) junge Leute aus verschiedenen Bundesländern am 20. November 1987 für vier pickepackevolle Tage nach Berlin auf.

Für mich war es in mehrfacher Hinsicht abenteuerlich: die Bahnreise durch „Feindesland“ – dass es solches war, demonstrierten die Grenzkontrollen eindrücklich -, das Zusammentreffen mit so vielen unbekannten Menschen in der großen mir unbekannten Stadt, das neue nach-außen-dazu-Stehen, was einen bewegt, der intensive Austausch.

Am Nachmittag des 21. war Probe und ich dann an diesem ersten Lesungsabend der Eisbrecher. Das war gut so, denn die Aufregung hätte mir das unbeschwerte Erleben dieser Tage dann doch vereitelt. Hatte ich vor dem Aufrufen des Namens noch gewaltiges Herzklopfen, war das am Mikro auf einmal weg, und ich genoss es beinahe:

Schön, die Menschen mit ihren unterschiedlichen Geschichten kennenzulernen: Ralf mit der Auseinandersetzung zwischen Brüdern, die mir nah ging. Christian, einer der Berliner, mit der nicht minder zu Herzen gehenden Bürgerkriegserfahrung aus der Sicht eines Familienvaters. Stefan ließ eine Fliegerstaffel verschwinden und Lars einen Manfred „den kleinen Tisch beiseite“stellen, der einzige Satz seines Gedichts „Sonntagmorgen“. Felicia Zeller ist mit Theaterstücken später richtig bekannt geworden, auch Ralf schreibt für seine Theatergruppe, und Stefan hat sich in seiner Ruhrgebietsheimat mit Gruselgeschichten einen Namen gemacht. Ralf, Christian, Stefan und ich freundeten uns an.

Ich blieb zwar dem belletristischen Schreiben nicht treu, aber verfasste durch die Jahre weiter nicht-wissenschaftliche Sachtexte rund um Kunst, Kreativität, Gesellschaft – um den Menschen. Ich begann zu bloggen und habe mich in diversen Diskussionszirkeln bewegt, mich in Gesprächen engagiert, daneben immer auch gezeichnet und gemalt.

Die „Anthologie ohne Titel“ könnte der Titel sein für mein kreatives Leben ohne eindeutiges Ziel, eindeutiges Werk. Auch damals hatte ich kein eindeutiges Ziel, auch nicht, was das Schreiben anging. Dieses Ziellose, Unehrgeizige in mir kann eine Karriere, wie sie landläufig verstanden wird, verhindert haben. Ob das Talent gereicht hätte, werde ich nicht erfahren. Aber ich wollte es nie austesten; ich wollte nur immer authentisch leben.

Wir waren damals im zweiten Jahr dabei; den Wettbewerb gibt es immer noch; heute ist der diesjährige Abschlusstag; heute vor 30 Jahren habe ich mich auf den Weg gemacht. Für mich ist es schön zu sehen, dass sich immer wieder junge Leute auf den Weg machen, sich und ihren Platz in der Welt zu suchen, Auseinandersetzung zu suchen.

P.  S.: Meine Einstellung zur „mehrheitlich verlogen gestellten Frage nach dem Befinden“ hat sich durch die Jahre übrigens weiter relativiert 😉 .

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https://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/bundeswettbewerbe/treffen_junger_autoren/ueber_festival_tja/aktuell_tja/start_tja.php

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… und der vorerst letzte Artikel zur Reihe „Kunst und…“

Kunst und Hiltrud Neumann

Die Sammlerin und Mentorin der Mönchengladbacher Kunstszene habe ich gegen Ende der 1990er Jahren kennenlernen dürfen.

Von 1989 bis 2008 lud sie zum „Offenen Wohnzimmer“ ein, was eine Untertreibung war, denn es gab in ihrer Wohnung keinen Raum, in dem sich keine Kunst befand oder der nicht für offene Besucheraugen zugänglich gewesen wäre. Und kein Kunstwerk war mehr als einen halben Meter vom anderen entfernt, oft näher. Wenn man sich im Internet auf die Suche begibt, stößt man auf Bilder, die eine Ahnung geben vom Flair dieses Zuhauses, das heute immer noch genau so aussieht:

http://www.kuenstlermg.de/neumann.htm

In 20 Jahren ist dieses Treffen, das monatlich stattfand und für viele Künstler und Kunstfreunde die Begegnungsstätte war, nie ausgefallen. Ich war auch öfter dort und erinnere mich, dass – selbst nach einem langen Arbeitstag mit schon müden Augen und strapaziertem Hirn – ich dort immer auftanken konnte, egal ob durch Gespräch mit Gast oder Künstler (die sich dort, immer einer pro Freitag, mit ihrer Kunst vorstellten), durch eben deren „Auftritte“ oder durch Hiltrud selbst – ich habe diese Wohnung immer inspiriert verlassen.

So auch heute, als ich sie wieder einmal besuchen durfte, diesmal alleine, ohne den Trubel des „Offenen Wohnzimmers“. Was erstaunlich war: es fehlten Künstler und Gäste, aber trotzdem war alles da: die Schöpfungen all dieser kreativen Köpfe, die Erinnerungen an so manches Gespräch – und natürlich Hiltrud, die dort alles zusammen hielt und hält. Ich habe in diesem schwierigen, weil oft so empfindlichen Bereich „Kunst“ selten so eine offene Herzlichkeit – oder herzliche Offenheit – erlebt wie mit ihr. Selten, dass diese vielbesungene Offenheit nicht nur in Laudationes und Beschreibungen vorkommt, sondern so sehr gelebt wird. Selten, dass in diesem Bereich „Kunst“ bei jemandem, der „sich auskennt“ so gar kein Dünkeldenken vorhanden ist, ja Hiltrud dieses sogar verurteilt, zumindest belächelt. Selten, dass Menschen zusammen gebracht werden, die sich normalerweise auf dem „offiziellen Parkett“ der Kunstszene nie begegnen würden, wenn man von rein physischen Zusammentreffen absieht, und selbst die kommen ja kaum vor.

Wenn sie erzählt, wird deutlich, wie untrennbar ein so einladender Charakter mit Haltung und Handeln verbunden ist. „Ich wollte hier Heimat finden, und das konnte ich nur über die Kunst“, sagt Hiltrud Neumann über ihren damaligen Umzug von Dortmund nach Mönchengladbach, als hier Lehrer gesucht wurden.

Um vermitteln zu können, muss man zuhören können, in der Lage sein, sich immer wieder auf unterschiedliche Menschen einzustellen. Demnach muss Hiltrud eine sehr gute Lehrerin gewesen sein. Klassenraum und „Offenes Wohnzimmer“ haben eine ganze Weile nebeneinander bestanden, und als Hiltrud im Jahr 2000 pensioniert wurde, hörte sie nicht auf, Mittlerin zu sein. Mir und vielen anderen vermittelt sie bis heute, dass Grenzen nur in den Köpfen existieren. Es ist unser Kopf, und es ist an uns, ihn zu öffnen.

Jemand, der auf diese Art und Weise ein Fürsprecher ist, ist es für Mensch und Sache. Es konnte und kann „der Kunst“ – nicht nur in Mönchengladbach – kein größerer Gefallen getan werden, als durch solch einen unbestechlichen Menschen vertreten, gefördert und besprochen zu werden.

Mönchengladbach, 30. Juni 2015

Hiltrud_Kaffee   Hiltrud

Hiltrud_Markise   Die Wohnung über dem Hardter Wald

Hiltrud_Schachbretttisch   Der Tisch mit dem Schachbrettmuster, der gebraucht von Hiltrud übernommen wurde und so wunderbar in dieses Zuhause passt

Hiltrud_Sabine   Ich zeige Hiltrud, was man mit einem Smartphone machen kann 😉

Hiltrud_Schatten   Kunst an Kunst an Kunst an Kunst…

Hiltrud_Ein_kreativer_Kopf   Ein kreativer Kopf

Hiltrud_Sonnenuntergang   Sonnenuntergang

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