„Nichts ist erledigt“ „… ob in Indonesien oder Garzweiler“

Über politische Kreative, kreative Politiker und unabhängigen Journalismus

 

Lasst mich noch einmal etwas politischer werden; die ‚Westart‘ vom vergangenen Montag war es auch. Zuerst hat mich das gefreut, da ich nicht nur nichts gegen Politik in der Kunst habe, sondern im Gegenteil disziplinübergreifendes Nachdenken und Diskutieren arg schätze. So war der erste Beitrag über die „grünen Lügen“ der Wirtschaft denn auch gut und wichtig:

https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/westart/video-die-gruene-luege—film-und-buch-ueber-falsche-oeko-versprechen-100.html

Aber dann: Manches in den Berichten und Interviews, das nur so hingeworfen schien, ärgerte mich an der ‚Westart‘-Sendung zunehmend. Siham El-Maimouni ist, wie sie sagte, durch den „11. September und den Irak-Krieg“ politisiert worden, ohne ihre Haltung weiter erklärt zu haben, was so eher die gängigen Meinungen zum Sachverhalt unterstützt; im Bericht über den Fotografen aus Aleppo wurde die eindimensionale Anti-Assad-Haltung propagiert. Natürlich würde in einer Sendung, in der es vorrangig um Kunst gehen soll, das den Rahmen sprengen, woraus Daniele Ganser und Rainer Mausfeld abendfüllende Vorträge machen. Ich kann aber nicht mehr rückgängig machen, dass mir die – ich muss noch nicht einmal Absicht unterstellen – Meinungsmache zunehmend auffällt, und das abseits jeder „Verschwörungstheorie“, und ich kann nicht verhindern, dass es mir sauer aufstößt.

(Hat nichts zu tun mit dieser ‚Westart‘, wohl aber mit der Sprachwahl unserer großen offiziellen Informationsmedien: über den ersten der unten stehenden Links zu erreichen ist die ruhige und verständliche Erklärung von Gabriele Krone-Schmalz, warum der Begriff der „Annexion“ der Krim durch Russland nicht stimmt, aber trotzdem ständig fällt. Ich kann, denke ich, versprechen, dass nach Anhören – zumindest was diesen Begriff angeht – passives Zuhören in Zukunft kaum mehr möglich ist.)

Zurück zur ‚Westart‘: Ulrich Matthes kritisierte heftig und sicher zu recht die AfD, gerade, weil es ihm zufolge so viele andere wählbare Parteien gäbe… ist das so?

Volker Pispers sieht es so, und ich kann es mir schon lange nicht mehr schönreden:

„… und oben haben immer weniger immer mehr. […] Sie erinnern sich, Zinsen? Das, wofür die Menschen gearbeitet haben, die tatsächlich arbeiten, ohne davon was zurücklegen zu können! 40 % von allem, das in diesem Land erwirtschaftet wird, wird in Form von Zinsen und Dividenden ausgeschüttet an die Leute, die Geld haben. Wir wollen die Zinsen der letzten 10 Jahre in den nächsten 10 Jahren wiederhaben, und dann ist Deutschland saniert! Und es müsste keiner auf was verzichten; lassen Sie sich nichts einreden! Es geht nicht darum, das sauer verdiente Vermögen von Menschen zu besteuern. Wir reden von Menschen mit einem Barvermögen von einer Million Euro pro Kopf aufwärts; das können Sie mit ehrlicher Arbeit nicht zusammensparen; versuchen S’e‘s mal auszurechnen. […] Wir reden von echtem Reichtum, der vor sich hinwächst, ohne irgendetwas Produktives damit zu tun. […] Das Gesetz wär‘ in fünf Minuten zu machen, es würde nicht dem Grundgesetz widersprechen, und es würde uns allen besser gehen hinterher – aber es hat keine Chance. Denn wir leben in einer Demokratie, und Sie bekommen in unserer Demokratie bei einer demokratischen Wahl keine Mehrheit für eine Politik, von der 80 % der Bevölkerung wirtschaftlich profitieren würden; kriegen Sie keine Mehrheit für. Sie kriegen jederzeit eine Mehrheit für eine Politik, von der die reichen 10 % profitieren, denn die Politik wird seit 40 Jahren gemacht und gewählt. CDU, CSU, SPD, FDP und Grüne sind wirtschaftspolitisch eine Einheitspartei; innerhalb der SED gab es mehr Streit über Wirtschaft. Die erzählen alle das gleiche: Beschäftigung durch Wachstum, kapitalgedeckte Altersversorgung, Zins und Zinseszins… das, was nur den reichen 10 % nützt. Und diese fünf Parteien holen immer über 80 % der Stimmen, bei jeder Wahl, meist sogar 85 %. Wie machen die das? Wie bringen die 70 % der Bevölkerung dazu, gegen ihre eigenen Interessen zu wählen? Das machen die mit einem Trick. Die haben den Leuten eingeredet, dass es nicht anders geht und dass irgendwann alle davon profitieren; dass alle irgendwann zu den Besserverdienern gehören können, wenn sie sich nur anstrengen… toi toi toi… […] Und wer hilft ihnen dabei? Das sind die Medien. […] Die haben den Stacheldraht durch die Köpfe der Menschen gezogen.“

Es ist ja alles richtig, schön und gut: wer halbwegs bei Verstand ist, wählt keine Menschenfeinde. Aber was ist, wenn die „wählbaren“ Personen/Parteien nur auf subtilere Art agieren? Wie umgeht man es, den Rechten in die Hände zu spielen, in deren Horn zu tuten, vor deren Karren gespannt zu werden, wenn man GLEICHZEITIG eine Politik verurteilt, die nicht das Wohl aller im Sinn hat, die Kinder früh im wahrsten Sinne des Wortes in Klassen trennt, die die Bürger ihres Landes seit Jahrzehnten schon für einen Arbeitsmarkt fit macht, den es so schon lange nicht mehr gibt, ihre Arbeitssuchenden verwaltet, Teilen ihrer arbeitenden Bevölkerung keinen Mindestlohn (von dem man leben kann, auch im Rentenalter!) sichern kann, ihre Nahrung nicht ausreichend schützt, zulässt, dass Wasserwirtschaft privatisiert wird, eine Politik, die der Wirtschaft und den Banken huldigt, Kriege unterstützt und immer wieder den notwendigen Klima- bzw. Umweltschutz vergeigt usw. usf. …? Es kann nicht sein, dass man sich nicht mehr für Solidarität und echte Sozialpolitik einsetzen kann, weil man dann Gefahr läuft, die Rechtsradikalen zu stärken. Klare Worte in alle Richtungen werden immer wichtiger. Und der „unabhängige Journalismus“, auf den wir angewiesen sind, versagt so oft und flächendeckend.

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Daniele Ganser, Rainer Mausfeld und andere treten dafür ein, dass, wenn es Argumente zu Theorien gibt, diese auch diskutiert werden können müssen, ohne die „Verschwörungstheorie“-Keule zu gebrauchen und sie so lächerlich und indiskutabel aussehen zu lassen.

Die USA schaffen es, im damals längst überfälligen offiziellen Bericht über die Anschläge des 11. September 2001, dort genauer über den Einsturz von WTC7 (ja, es gab ein drittes Gebäude, das eingestürzt ist; das für alle die, die das noch nicht wussten) eine fadenscheinige Erklärung abzugeben, die Statik-Experten auf der ganzen Welt stutzen lässt, und es darf nicht nur nicht weiter untersucht, sondern auch nicht darüber diskutiert werden?

Wenn der Irak-Krieg sozusagen offiziell beginnen darf, indem der damalige amerikanische Außenminister ein Fläschchen in die Kameras hält und so die Massenvernichtungswaffen „beweist“, was eine nachgewiesene und eingestandene Lüge war, und NICHTS GESCHIEHT daraufhin: kein Prozess, keine politische Ächtung, sondern nach Rückzug aus dem Staatsdienst Einstieg bei einem dicken Fisch der Wirtschaft und 2009 Aufnahme in die „American Academy of Arts and Sciences“ – was soll man dann denken, woran denn glauben?

Das alles sind nur wenige Beispiele über illegal begonnene Kriege und eine desaströse „Aufklärung“ der Bevölkerung. Wie soll ich mich des Anscheins von Propaganda denn erwehren; hat irgendjemand einen Vorschlag??

Und wenn das alles auch in Bereiche überschwappt, die erstmal politikfern sind… ich gebe die Fragen gerne weiter: was soll man dann denken, woran denn glauben…?

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https://www.youtube.com/watch?v=ZDsUmWxv76w (Gabriele Krone-Schmalz)

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https://www.youtube.com/watch?v=abibQYrh5ME (Daniele Ganser)

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https://www.youtube.com/watch?v=doWI3kOAozU (Daniele Ganser)

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https://www.youtube.com/watch?v=Rk6I9gXwack (Rainer Mausfeld)

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Bei Nichtbeachtung droht vielleicht irgendwann mehr als „Kunstverlust“…

„Ich habe miterlebt, wie Jugendliche, die noch nie etwas mit Kunst zu tun hatten, nie in einem Museum waren, durch einen Kunstworkshop angefangen haben zu strahlen. Sie wirkten plötzlich selbstbewusst, kreativ, individuell und interessiert an allem, was über ihren bisherigen ‚Tellerrand‘ hinausging. Aus diesem Grund müssen wir unseren Blick nach vorne richten und dieses Potenzial stärken, denn ohne Kunst würde unsere Gesellschaft eingehen.“ [Juliane Köhler]

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Warum ist es durch Kunst so niederschwellig möglich, Interesse, gar Selbstbewusstsein zu erleben?

Ich denke, weil jeder einen natürlichen Zugang zu ihr hat oder haben könnte, gerade in jungen Jahren. Mit zunehmendem Alter wird dieser natürliche Zugang immer mehr zugestellt mit Erwartungen der Umwelt, die in die jungen Menschen kriechen und irgendwann als eigene Haltungen erlebt werden. Auch Kunst hat in der Gesellschaft ein Gerüst, einen starren Rahmen, den man schon spürt, wenn man nur die Bezeichnung nimmt: Kunst. Der Begriff ist abstrakt; jeder füllt ihn anders. Ein Teil der Gesellschaft sieht ihn als Qualitätsbegriff an: alles, was so genannt wird, ist durch einen Filter gelaufen, hat „Tests“ bestanden, ist von „Experten“, deren Urteil wir vertrauen, für gut befunden worden, gut genug, diesen „Titel“ zu tragen. Junge Menschen, die mit dieser Begriffsdefinition aufwachsen und sie verinnerlichen, werden, wenn sie „offiziell“ einen zum Beispiel naturwissenschaftlichen Weg einschlagen, kaum wagen, auch noch „Kunst“ zu machen oder auch nur diese Neigung verspüren. Das eigentlich so leicht zu weckende Gefühl, das Juliane Köhler bei ‚KunstVerLust‘ beschreibt und das Menschen sich gut und zufrieden fühlen hilft – zu Frieden – wird leichtfertig weggegeben zugunsten eines Lebens im Wettbewerb.

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Und ist das nicht genau der richtige Ansatz, auch jenseits von Kunst? Zu welchen Themen könnt Ihr Euch Workshops vorstellen, die bereits im Jugendalter ihren Anfang nehmen und über reine „Beschäftigungstherapie“ hinausgehen können? Wie könnten sich Jugendliche – selbstverständlich freiwillig! – einbringen können, ohne ihre kostbare Frei- oder Schulzeit zu opfern; vielleicht gekoppelt an den Unterricht? Kann Unterricht nicht generell anders gestaltet werden? Wie erreicht man Schüler, die ihrer Herkunft (Sprachbarriere, Kulturbarriere) oder Wohnsituation nach benachteiligt sind, wenn man den Maßstab unserer Gesellschaft anlegt?

Wodurch wird der erste Funke für Beteiligungswunsch entzündet?

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http://www.kunstverlust.de/galerie/2015/12/23/juliane-khler

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