Aktives Zuhören macht ein gutes Gespräch

Das schon länger zurück liegende, aber erst jetzt von mir entdeckte Gespräch gehört zum Lebendigsten – man verzeihe mir die wenig sinnvolle Steigerungsform -, das ich je in diesem Genre erlebt habe.

Die Interview-Reihe der Körber-Stiftung findet unter dem Frage-Motto statt „Wo ist deine Kunst zuhause?“ Diese Ausgabe zeichnet sich besonders dadurch aus, dass zwei ehrlich interessierte Menschen sich mit klugen Fragen und Antworten, weil durch aktives Zuhören begegnen.

Rassismus und Faschismus werden durch das persönliche Erleben Serdar Somuncus höchst anschaulich thematisiert; er lässt uns beinahe hautnah die schmerzvolle Auseinandersetzung während seiner „Mein Kampf“-Lese-Tour miterleben.

Darüberhinaus gibt es wichtige Erkenntnisse aus den Bedingungen unserer Unterhaltungsmedienlandschaft, die in solcher Deutlichkeit so gut wie sonst nie an- und ausgesprochen werden.

Obwohl die Bildqualität zu wünschen übrig lässt, ist dieses Gespräch heute mein unbedingter Tipp:

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Ist das Kunst?

… also… weg kann das auf keinen Fall!

http://www.rtl.de/cms/die-puppenstars-2017-robin-frohardt-und-der-neurotische-frank-erreichen-den-zweiten-platz-im-finale-4085976.html

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Steine hüpfen lassen… im Hirn 2 oder: Grenzen

Stefan: Zitat 1 [Beitrag vom 09.11.: Steine hüpfen lassen… im Hirn], so ohne jeden Kontext kann nur zu allerlei Spekulationen verleiten.

Ich versuch mal den folgenden Kontrapunkt:

Kapitalisten haben sich noch nie um Grenzen geschert.“
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Lieber Stefan, liebe Mitlesenden,

heute mal ein etwas ungewöhnlicher Beitrag. Er geht mit persönlicher Ansprache los, weil ich Stefan zuerst in den Kommentaren von „Steine hüpfen lassen… im Hirn“ vom 09.11. antworten wollte, es aber dann wieder so komplex wurde, dass ich mich zu einem eigenem Beitrag zum Thema durchgerungen habe. Deswegen jetzt weiter ohne persönliche Ansprache:

Stefan hat mit seinem Kommentar eine offene Tür bei mir eingerannt: beinahe nichts funktioniert mehr aus dem Zusammenhang gerissen oder ohne zusätzliche Erklärung; da bin ich mit ihm einer Ansicht, und ich finde es im Grunde gut. Denn so kommen wir ein Stück weit wieder von Schlagworten oder –sätzen ab, die eher zum Inhalt haben, was der Leser bzw. Hörer interpretiert.

Mein Thema ist aber genau so durch die Jahre, in denen ich mich mit einem theoretischen Kunstbegriff beschäftige, wie man sich noch „ganz normal“ unterhalten können soll, wenn alles vor dem Gespräch und während des Gesprächs von allen Beteiligten ständig erklärt werden muss… es ist nicht möglich.

Aber wir unterhalten uns so. Wir setzen Dinge, Definitionen voraus und hauen die Sätze erst einmal ohne Rücksicht auf Verluste raus.

Wenn man nun wie ich einen fremden Sprecher zitiert – in dem Fall Hermann Arnhold vom LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster: „Künstler haben sich noch nie um Grenzen geschert“ –, dann nehme ich, vielleicht aus oben angesprochenem Grund fälschlicherweise, an, dass das Wort „Künstler“ den Begriff „Grenze“ in einer bestimmten Weise definiert – fälschlicherweise, weil man einen unbestimmten Begriff nicht mit einem anderen unbestimmten Begriff erklären kann. Ich gehe/ging also von sozusagen „ungefährlichen“ Grenzen aus: Grenzen im Kopf, im Denken, die zu ignorieren erst einmal andere (im Grunde zuerst zu definierende) Begriffe: Freiheit, Offenheit etc. zur Folge hätte, was also (in meinem Kopf) durchaus nur von Vorteil wäre.

Stefans Einwand fordert eine genauere Definition des Begriffs „Grenze“. Selbstverständlich ist die kapitalistisch motivierte Grenzüberschreitung weltweit menschlich gefährlich, selbstverständlich wäre es asozial und nicht hinnehmbar, würde ich die persönliche Grenze meines Gegenübers bewusst überschreiten. Da sind Grenzen dann sogar unerlässlich.

Kinder brauchen Grenzen, damit sie ein Gefühl der Sicherheit entwickeln, das für die weitere positive Entwicklung unverzichtbar ist. Dass man über die Art solcher im Grunde „guter“ Grenzen aber auch konstruktiv streiten und manche davon auch einreißen kann, davon spricht zum Beispiel Gerald Hüther oft und gut.

Grenzen um Länder erleichtern die Verwaltung; je kleiner ein zu verwaltendes Etwas, desto leichter. Aber: Ländergrenzen ziehen sich auch durch Köpfe, wo sie doch eigentlich nichts zu suchen haben, da sich das „Gute“ dieser Grenzen doch auf (notwendige) Bürokratie bezieht… trotzdem ist das Eine ein Nebenprodukt des Anderen.

Erleben Künstler Grenzen – wobei ich den Begriff „Künstler“ allgemein verstanden wissen möchte –, dann sind es ganz oft finanzielle (und damit verbunden örtliche) oder solche der fehlenden Inspiration… die Liste ist beliebig verlängerbar. Solcherlei Grenzen sind nicht schnell zu überbrücken, aber Hermann Arnhold habe ich natürlich anders interpretiert. Um die gerade genannten Grenzen muss man sich soger scheren; man kommt gar nicht darum herum. Die Grenzen im Kopf dagegen muss man einreißen, genau wie die, die andere einem mit ihren Vorgaben setzen wollen.

Ich bin sogar der Ansicht, dass das nichts Künstler-Spezifisches sein sollte – wo sollen Grenzen im Kopf etwas Gutes bewirken? Dass man sich etwas „nicht vorstellen“ kann, macht einen noch nicht zu einem sozialen Menschen, genau wie umgekehrt eine überbordende Fantasie, in der „alles“ möglich ist, auch Grausames, denjenigen weder zur Umsetzung zwingt, noch auf den Charakter desjenigen schließen lässt. Verantwortung ist immer mit dabei, idealerweise bewusst.

Freiheit im Kopf ist nichts Künstler-Spezifisches, aber gerade Künstler können nicht darauf verzichten, denke ich, und zwar jenseits jeder „romantischen“ Vorstellung.

So ist meine Schlussfolgerung für heute, dass in dem Arnhold-Zitat doch das Wort „Künstler“ das Wort „Grenze“ in gewisser Weise ausreichend definiert, und der Stein nicht mit der ersten Berührung der Wasseroberfläche untergehen muss… 😉

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Wer kommt, der kommt

Der Tag danach

„Wer kommt, der kommt“

Vorgestern jährte sich zum 25sten Mal mein typisches untypisches Geburtstagsfest, denn seit ich nach meiner Ausbildung damals zuhause ausgezogen bin, begehe ich es so.

Dabei halte ich es eigentlich mit denen, die sich fragen, was es an einem Geburtstag schon zu feiern gibt; nicht aus Frust über die Jahre, sondern weil du an einem für dich zufälligen Tag in die Welt geworfen bist, was erst einmal nicht dein Verdienst ist und keine besondere Rolle spielt, außer, dass es dich jetzt gibt. Dann darf man noch ein Weilchen verantwortungslos vor sich hin leben, bis es irgendwann heißt: jetzt mach was draus! Und bei diesem „was draus machen“ ist dieser Tag jedes Jahr nur einer von 365 Tagen.

Was mir diesen allerdings besonders macht, sind die möglichen Begegnungen, nicht nur die der Gratulanten mit mir, sondern alle möglichen Begegnungen. Ich muss sagen, dass ich dafür äußerst gern eine „Plattform“ biete; zu früheren Zeiten wäre ich bestimmt Salonnière gewesen, auch unadelig und mit sehr kleinem „großen Saal“ 😉 .

Ich mag, wenn sich Menschen treffen, die sich unter anderen Umständen nicht begegnen würden oder die in freier Wildbahn vielleicht keinen Grund sähen, sich miteinander zu unterhalten, und dabei jeder die Chance auf eine besondere Begegnung, auf ein besonderes Gespräch hat. Und selbst, wenn sich alle nur über das Wetter unterhielten, böte ich gerne den geschützten Raum für eine friedliche Zusammenkunft. (Gestritten werden darf natürlich auch, solange es respektvoll geschieht.)

Soweit das Typische an meinem Geburtstag. Untypisch wird er jedes Jahr dank meiner Gäste. Das ist gar nicht spektakulär gemeint, sondern erfrischend: es ist immer anders. Und es ist immer besonders für mich.

Das, was ich meine Familie nenne, bildet einen nur ganz kleinen harten Kern, der sich für mich aber beinahe unverzichtbar anfühlt. Und drum herum sitzen, stehen, essen, trinken, unterhalten sich durch die Jahre verschiedenste Menschen, die an diesem Tag, zu dieser Stunde Lust und Zeit haben, mich zu besuchen und in Gemeinschaft zu sein. An so einem Tag entscheidet sich nicht, wer mit dir befreundet ist; es zeigt sich über’s Jahr oder aufgrund von Entfernungen auch schon mal über Jahre. Aber das Zeichen des Besuchs – eben gerade auch des, wenn auch erwünschten, ja „uneingeladenen“ Besuchs – ist für mich ein sehr schönes!

Freiheit und Freiwilligkeit spielen mir in allen Lebensbereichen, in denen das möglich ist, eine große Rolle; ich drücke es so aus, weil mir die Grenzen, z. B. in einem Angestelltenverhältnis arbeitend, – überhaupt meine Arbeitskraft verkaufen müssend, weil unsere Gesellschaft so funktioniert –, sehr bewusst sind und noch immer bewusster werden.

„Wer kommt, der kommt“ ist wie Kunst – es ist die Freiwilligkeit, es sind die Möglichkeiten, es ist das offene aufeinander-Zugehen mit nur einer gegenseitigen Erwartung, Ehrlichkeit, was mir gefällt.

Ich möchte mich sehr herzlich bei allen bedanken,

die sich darauf einlassen,
mir ihre Zeit um ihret- und um meinetwillen schenken,
deren Interesse aufrichtig ist und nicht bloß Neugierde,
denen mein „Status“ in der Gesellschaft unwichtig ist,
die sich mit mir für meine Idee begeistern können (und die mich durch ihre Begeisterungsfähigkeit inspirieren),
versuchen, meinen Gedanken aus meiner Sicht nachzuvollziehen, auch, wenn sie meine Ansicht nicht teilen (und dann trotzdem zu mir stehen können, was eine wahrlich schwere Übung ist),
nicht vorschnell (oder überhaupt nicht) urteilen, sondern mit mir über ihre – vielleicht vorhandenen – Zurückhaltungen sprechen,
sich mit mir freuen und mit mir feiern können,
mich an sich heranlassen und mir erlauben, sie wirklich kennenzulernen und zu unterstützen,
wissen, dass sie mir Dinge anvertrauen können, auch, wenn sie es nicht „nutzen“ „müssen“,
umgekehrt auch mir zuhören und mir verzeihen, wenn ich manchmal zu abstrakt rede, weil für mich „persönlich“ nicht „gleich privat“ ist und sich ein Gepräch über das, was mich interessiert oder bewegt, oft erst durch interessiertes Nachfragen meines Gegenübers ergibt.

Freundschaft fließt, verändert sich, vergeht auch manchmal. Manchmal ist sie ausschließlich virtuell und keinen Deut weniger wert. Sie hat so viele Gesichter – Eure 🙂 . Allen Gratulanten ganz herzlichen Dank!

Sabine

„… das Wort „Freund“ hat auch ’ne schöne Bandbreite… es gibt neue Freunde, es gibt Freundschaften, die sich über Institutionen bilden, es gibt Freundschaften, die ein Leben lang andauern […], und es gibt welche, die leider so’n bisschen versanden, ohne dass man’s will…“ [Götz Alsmann]

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Interview 5

Interview 5 – Der Stand der Dinge in 2015 und Ausblick ins nächste Jahr

Interviewer: Da sind wir wieder; guten Tag!

Pint: Guten Tag – ich freue mich!

I: Dieses Mal gibt es gar keinen unmittelbaren Anlass zum Fragen… was mache ich hier eigentlich…? [guckt gespielt verwirrt]

P: Ich [betont das Wort] kann ja erstmal Kaffee machen.

I: Gute Idee!

P: Kommen Sie doch einfach mit, sonst müssen wir so schreien…

[gehen in die Küche]

P: Ich kann ja darüber erzählen, warum derzeit weniger Bilder entstehen… wenn [betont das Wort] jemand fragt, ist es nämlich das: was macht das Malen?

I: Und? Was macht das Malen? [lacht]

P: Es ist immer da, derzeit meist in Kartenmotiven, aber auch in meiner geplanten Serie „Empathie in Gefahr“, von der allerdings erst anderthalb Bilder fertig sind… – und die nächste Frage ist dann immer „Stellst du nochmal aus?“ oder „Stellst du gerade irgendwo aus?“ Es konzentriert sich die Wahrnehmung der Leute sehr auf mein Malen und Ausstellen, was ja beides nie meine komplette Zeit ausgefüllt hat…

I: Ja. Beim letzten Mal war Ihr „Projekt 2013“ in Ihren Fenstern zur Straße hin zu sehen, zwei Leinwand-Drucke vom abfotografierten Computerbildschirm mit eigenen Kunst-Statements, die zum Nachdenken anregen sollten…

P: Richtig. Die beiden Drucke sind dann bald darauf ins „Bunte Haus“ in die Altstadt gezogen, wo sie die Ausstellung RE-/UPCYCLING begleiten durften, und waren dann darüber hinaus noch länger dort. Leider gibt es das „Bunte Haus“ als Kunstort nicht mehr. Die Bilder stehen da im Flur [weist aus der Küche] und werden sicher irgendwann wieder mal in meinen Fenstern hängen. Und dann gab es noch einen Logo-Entwurf für eine Mönchengladbacher Band.

I: … nur den Entwurf?

P: [lacht] Nein, es ist dann auch zur Umsetzung gekommen! Alles, was im Augenblick entsteht, hat wirklich eher Projekt-Charakter als dass es eine einzelne kleine schnell abgeschlossene Sache wäre – oder eben ein Bild.

I: Dann gibt es doch Neuigkeiten?

P: Noch nichts Spruchreifes. Das eine ist eine eventuelle Zusammenarbeit als freie Mitarbeiterin bei zwei kreativen Mönchengladbacher Köpfen, die an einer schönen Website-Idee arbeiten; dafür würde ich schreiben. Und das andere ist die schon länger schwelende Idee, zusammen mit einer Freundin eine Art Seminar anzubieten, das– ich möchte eigentlich noch nichts darüber verraten, weil wir beide selbst noch ganz am Anfang stehen. Aber ich denke, ich werde meinen Teil der Erarbeitung als eine Art Tagebuch führen, das ich mir vorstellen könnte, als praktischen Erfahrungsbericht auch öffentlich zu machen… später dann.

I: Ist das ein Wandel, weg vom Malen, oder zumindest weg vom Bild? Woher kommt der?

P: Ach, es ist eigentlich kein wirklicher Wandel in dem Sinn… es hat schon noch einen– ja: roten Faden, wenn man so will. Ich müsste dann doch mehr über die Pläne erzählen, als ich es derzeit kann… [macht eine kurze Pause; der Interviewer unterbricht nicht] Ich habe letztens mehrere zusammengeschnittene Interviews mit Adrian Piper gesehen, die jetzt auf der Biennale den Goldenen Löwen gewonnen hat. Sie ist als Konzeptkünstlerin geehrt worden, aber sie ist auch Philosophin und hat über Jahrzehnte an einem zweibändigen Werk gearbeitet. In den Interviews erklärt sie, warum es ihres Erachtens diese Zeit beansprucht hat. Sie ist sehr gründlich. Und sie hat angedeutet, dass es ihr schwer fällt, einen Gedanken zu durchdenken, ohne gleichzeitig Gegengedanken zu haben oder Ergänzendes zu denken… ich kann das so sehr nachvollziehen! Sie sagt z. B., dass sie in der Kunst Anomalien schafft, die sie in der Philosophie zu erklären versucht. Ich finde das toll, dass sie Bereiche verknüpft, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben oder, besser, für viele Menschen nichts miteinander zu tun haben. Ich habe richtig Lust bekommen, sie zu lesen!

I: Das glaube ich; es klingt wirklich interessant…

P: Ja! Ich erzähle das übrigens nicht, weil ich mich mit ihr vergleichen will, sondern ich vergleiche damit eventuell einen Teilaspekt in unseren Leben – und in dem noch einiger anderer, denke ich. Kunst und Lebenseinstellung gehören zusammen; es ist zweitrangig, durch was sich die Haltung gerade ausdrückt oder mehr ausdrückt. Adrian Piper gilt als Aushängeschild der politisch engagierten Konzeptkunst. Der Biennale-Kurator Okwui Enwezor hat bei der Eröffnung gesagt „Ihre Präsentationen laden uns zu einer lebenslangen Performance persönlicher Verantwortung ein.“ Das fand ich unglaublich treffend! Es hängt alles miteinander zusammen.

I: Engagieren Sie sich auch politisch jenseits mancher Ihrer Bildmotive? „Empathie in Gefahr“ klingt jedenfalls gesellschaftskritisch…

P: Ich war letztens zum ersten Mal tatsächlich auf der Straße, bei der Anti-Nazi-Demo hier in Mönchengladbach. Aber ich kann trotzdem nicht sagen, dass das meine erste „Demonstration“ [deutet die Anführungszeichen an] war, denn ich setze mich schon längere Zeit öffentlich ein: in sozialen Netzwerken, für Amnesty International, Unicef, beteilige mich an Petitionen, die mir sinnvoll erscheinen… ich möchte meinen kleinen Einsatz nicht überbewerten, aber ich finde es wichtig, sich zu positionieren: für den Menschen. Und ich glaube eben, dass auch jemand, der sich für nichts engagiert, politisch agiert. Wenn Menschen sagen, dass sie nicht politisch sind, dann ist ihnen meines Erachtens nicht bewusst, dass ihre Haltung etwas bewirkt, und wenn es das ist, dass alles beim Alten bleibt. Oder – noch schlimmer – den Machtinhabern und ihren Geldinteressen immer mehr in die Hände spielt. Mein Wunsch ist es einfach, mich gesellschaftlich einzubringen.

I: Ein verständlicher Wunsch… man hat nur oft den Eindruck, Vieles geht einfach unter… dass nichts von den persönlichen Einsätzen bleibt…

P: Ja, wenn man vom Gedanken ausgeht, dass etwas von einem bleiben muss, nachdem man gestorben ist, etwas irgendwie Greifbares. Diesen Gedanken habe ich so nicht. Ich denke eher, dass alles eine Rolle spielt, was man tut oder lässt, und ich glaube, dass alles eine Spur zieht, auch, wenn diese von nachfolgenden Generationen nicht personalisiert erinnert wird. Da komme ich wieder auf Adrian Piper: in den angesprochenen Interviews sagt sie, dass alles, was von einem Menschen bleibt, sein Werk sein wird, und dass sie auch deshalb so sorgfältig damit ist. Es stimmt: die Werke überdauern den Menschen oft. Aber es gibt Tausende Menschen ohne „Werk“ [demonstriert die Anführungszeichen], und das hieße für mich im Umkehrschluss, dass deren Denken und Handeln belanglos wäre. Und das kann im wahrsten Wortsinne nicht wahr sein! Außerdem würde es sie von einer Verantwortung entbinden, die jeder hat, der nicht ums nackte Überleben kämpfen muss – davon gibt es ja leider auch genug…

I: Höre ich heraus, dass Ihr kreatives Schaffen immer mehr mit ihrer Person zusammenwächst… wäre das richtig ausgedrückt?

P: Mein kreatives Schaffen, auch ohne „Werk“! [demonstriert die Anführungszeichen, lacht, wird wieder ernst] Ich hoffe es… aber ich glaube auch, dass das normal ist. Jeder wird doch immer mehr er selbst im Laufe seines Lebens, jetzt ganz wertfrei gesprochen. Man weiß, was man nicht mag, man weiß, wofür man eintreten, sich einsetzen will; man kennt sein Lebensthema, wenn man das so sagen will…

I: Welches ist Ihr Lebensthema?

P: [überlegt, verzieht den Mund] Ich glaube, Offenheit, wenn ich einen Begriff wählen müsste. Denn er beinhaltet ganz viel: dass man anderen und sich selbst Entwicklung zugesteht, dass man erstmal hilft, wo es nötig ist, ohne den Hilfesuchenden zu bewerten, zuhören, mehr fragen, weniger urteilen, und wenn man urteilt, weil es z. B. ein eigener ethischer Grundsatz gebietet: erklären, warum und wie es zu dem Urteil kommt. Ich glaube, ich hab‘ das schon mal gesagt, aber ich habe sowieso das Gefühl, mich ständig zu wiederholen [lacht]: die populäre „Ich muss mich nicht rechtfertigen“-Einstellung finde ich nicht besonders hilfreich, um sich besser zu verstehen. Denn es geht ja selten um Rechtfertigung; manchmal möchte man einen anderen einfach nur besser oder überhaupt begreifen… oder eben sich begreifbar machen…

I: [nickt] … ja… [nach kurzer Pause] müsste man dann nicht auch mit Nazis reden…?

P: Mit Vorleuten von Pegida sicher nicht; nicht mit Parteivorständen, denke ich. Irgendwie muss man das „Kein Fußbreit den Faschisten“ [demonstriert die Anführungszeichen] ja auch außerhalb einer Demo leben. Ich bin sicher kein Fan von Sigmar Gabriel, aber dass er damals in Dresden an der Diskussionsrunde mit Gegnern und Anhängern von Pegida teilgenommen hat, fand ich richtig, jetzt mal neben den Interessen seiner Partei, was ja auch immer eine Rolle spielt. Denn es muss in der Demokratie um das Gespräch mit der Bevölkerung gehen, um das ernst-Nehmen jedes Mitglieds, und dass das in der Politik meistens nur nach außen demonstriert wird ohne von Herzen so gemeint zu sein, macht die Sache an sich ja nicht falsch. [macht eine längere Pause, der Interviewer unterbricht nicht] Es ist unglaublich schwer, im Gespräch zu bleiben, gerade, wenn man nicht einer Ansicht ist. Schon das einander fern bleiben verhärtet. Es gehören allerdings immer mindestens zwei offene Ohren und Herzen dazu, damit das Gespräch fruchtbar ist. Jeder, der eigentlich nur sich selbst beantworten möchte, der keine ehrliche [betont sehr das Wort] Neugier auf die andere Ansicht hat, wird nichts für sich gewinnen und ist im Grunde auch kein Gewinn für den Dialog. Viele können sich da gut tarnen; man merkt nicht auf den ersten Blick, dass es da kein Hin und Her in der Unterhaltung gibt, wo sich in den Antworten einer auf den anderen bezieht. Sich in so einem Gespräch zu befinden ist unglaublich anstrengend. Man fühlt sich komplett unbeantwortet – eher wie in einer Vorlesung als in einem Gespräch. Wie vor einer Glaswand, bei der die Geräusche nur einseitig durchlässig sind: man sieht sich zwar, aber nur einer hört den anderen auch.

I: [schmunzelt] So plastisch, wie Sie das schildern, ist das nicht nur Theorie…

P: [lacht] Nein. Wenn man sich oft unterhält, erlebt man das auch öfter… öfter als Leute, die das Gespräch nicht so offensiv suchen, denke ich.

I: Ist es immer noch so, dass Sie eher im Internet Gesprächspartner finden?

P: Für viele Themen ja. Aber Offenheit und Unoffenheit haben damit nichts zu tun; das gibt es beides überall. In einem offenen Gespräch, in dem mein Gesprächspartner genau so aufrichtig neugierig auf mich ist wie ich auf ihn, ist das Thema, mit dem man vielleicht einsteigt, vollkommen nebensächlich. Denn es ergibt sich ein Austausch, bei dem beide auf ihre Kosten kommen, wenn ich es mal so unpassend ausdrücken darf. Es ist für beide Bereicherung, und das nicht nur als leeres Wort; es ist tatsächlich so. Und man wird automatisch auch auf Themen kommen, die beide interessieren, entweder wechselseitig oder gemeinsam. Solche Menschen muss man festhalten – sanft festhalten – [betont das sehr und lacht] … Unsinn, das muss man gar nicht. Solche Menschen werden freiwillig und gerne immer wieder zueinander finden.

I: Ein schönes Schlusswort für heute! Ich danke für’s Gespräch.

P: Ebenfalls. [lacht] Und jetzt ist auch der Kaffee fertig!

[Das Interview wurde privat geführt und aufgezeichnet im Mai 2015]

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Kunst und Gewalt

Kunst und Gewalt

„Es geht nicht um Musik – es geht um Folter“, so die Schlussfolgerung von Christopher Cerf, dem Komponisten der ‚Sesamstraße’-Musik, der sich im Film „Musik als Waffe“ von Tristan Chytroschek verständlich entsetzt zeigt, dass etwas wie Musik, zur Unterhaltung und Erbauung gedacht, derart missbraucht wird.

Aber sein Fazit hatte für ihn am Ende auch etwas Versöhnliches: nicht die Musik an sich ist „schlecht“, sondern der Missbrauch ist zu verurteilen!

Auf diese Weise zu fragen bringt beinahe immer weiter: worum geht es? und: worum geht es wirklich? Wem nutzt was auf welche Art?

Geht es bei Musik, bei jeder Kunst nicht lediglich darum, sich individuell auszudrücken und über diesen Ausdruck andere Menschen zu erreichen, so dass ein gemeinsames Erkennen – Erkenntnis – möglich wird und darüber Herzensbildung, Toleranz und Empathie gefördert werden? Soll Kunst nicht im weitesten Sinne dem Menschen nutzen, helfen… ihn menschlich weiterbringen? Welche Berechtigung hätte sonst Kunst jenseits eines ästhetischen Wertes?

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Es gibt nichts Perfideres, als im Grunde „gute Dinge“ für etwas einzusetzen, das im weitesten Sinne schadet: Verlust ethischer Werte, Gewalt in jeglicher Form.

Ein kleiner Schritt in diese Richtung ist für mich bereits, Kunst nur mehr als Ware zu begreifen, die ich nur „konsumieren“ kann, wenn ich einen Gegenwert liefere, denn einen „Gegenwert“ muss man erst einmal liefern können, ansonsten ist man ausgeschlossen. Die Wikipedia schreibt zum Stichwort „Kapitalismus“: „In der marktkritischen Wahrnehmung steht Kapitalismus für ein ausschließlich an einer kapitalistischen Rationalität orientiertes Denken, das auf Profit und die optimierte Verwertung der eingesetzten Produktionsmittel abzielt, ohne dabei Aspekte der Nachhaltigkeit, der Ethik und möglicher sozialer Verwerfungen zu berücksichtigen.“ (Dabei möchte ich betonen, dass ich die Individualität, die man im Kapitalismus leben kann, unbeschreiblich schätze. Aber „Kapitalismus“ kann auch eine Form von „Gewalt“ sein…)

Mögliche soziale Verwerfungen… Einen kleinen Sprung muss der geneigte Leser jetzt verkraften, weil auch der Missbrauch z. B. von Musik in der Nazi-Propaganda vor und während des 2. Weltkriegs ja keine so kleine Rolle gespielt hat.

In der Sendung scobel vom 22. Januar 2015 mit dem Thema „Auschwitz – Zukunft der Erinnerung“ gibt Gert Scobel’s Gast Michel Friedman Folgendes zu bedenken: „Was ist mit den Anfangspunkten der Gewalt? […] Mit jedem Mal, wo Menschen Anfangspunkte überschritten haben, wurde der Endpunkt folgerichtiger. […] Wenn man die Nachbarn mit der GeStaPo abgeholt hat – reichte diese Brutalität nicht? Wenn man gesehen hat, dass Gotteshäuser angezündet werden – reichte die Brutalität nicht? Nein, sie reichte nicht, weil es Juden betraf, und der Jude gehörte nicht zur sozialen Gruppe, er war ‚pfui’; er war sowieso jemand, über den man seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden das Gefühl hatte: das ist suspekt; wir wollen den eigentlich nicht; das heißt: diese Gewaltexzesse, die man ja auch schon bei den Pogromen Jahrhunderte kennenlernen ‚durfte’, die waren noch nicht außerordentlich für die europäische antisemitische Kultur.“

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Es geht mir nicht darum, Unvergleichliches zu vergleichen; ich trete, wie Viele mittlerweile wissen, auch nicht ein für eine Religion. Ich möchte nur auch sensibel machen für „Anfangspunkte“, egal in welchem Bereich, und ich selbst möchte möglichst sensibel bleiben. Ich fand es zu keiner Zeit meines Lebens – egal, wie schwierig die Weltlage war mit Terrormeldungen Ende der siebziger und in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, mit Atomkraftwerkskatastrophen und Krieg, immer wieder Krieg – notwendiger als heute, sich eindeutig zu positionieren, und wo man selbst (noch) nicht eindeutig sein kann, ein „inneres Tauziehen“ spürt, das genau so zu kommunizieren; auch da im Dialog zu bleiben, um gemeinsam weiter zu kommen. Schnelle Definitionen und gelebter Meinungszwang sind da eher verantwortungslos.

Ich fand es noch nie notwendiger als in diesen Wochen und Monaten auch schon des letzten und vorletzten Jahres, sich zu positionieren, und ich möchte mit meiner Person und (ohne es opfern zu müssen) meinem Leben eintreten für größtmögliche Freiheit des Einzelnen in einer Sicherheit, die diese Freiheit nicht opfert, für Frieden, so weit uns das menschenmöglich ist – denn selbstverständlich kenne auch ich inneren Unfrieden –, für größtmögliche Individualität, gekoppelt an ein Gefühl für Angemessenheit und Verantwortung für die Zukunft der Welt, nachfolgender Generationen, des einzelnen Mitmenschen (für den dasselbe gilt) und für uns selbst.

Lasst uns gemeinsam daran arbeiten, dass wir immer erkennen mögen, wenn etwas Gutes für etwas Schlechtes missbraucht wird, und niemals anfangen, das Nützliche für das Schädliche verantwortlich zu machen. Ein Anfang ist, dass wir überhaupt beginnen zu fühlen, was uns – als ALLEN Menschen – nützt und was uns schadet.

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