Bei Nichtbeachtung droht vielleicht irgendwann mehr als „Kunstverlust“…

„Ich habe miterlebt, wie Jugendliche, die noch nie etwas mit Kunst zu tun hatten, nie in einem Museum waren, durch einen Kunstworkshop angefangen haben zu strahlen. Sie wirkten plötzlich selbstbewusst, kreativ, individuell und interessiert an allem, was über ihren bisherigen ‚Tellerrand‘ hinausging. Aus diesem Grund müssen wir unseren Blick nach vorne richten und dieses Potenzial stärken, denn ohne Kunst würde unsere Gesellschaft eingehen.“ [Juliane Köhler]

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Warum ist es durch Kunst so niederschwellig möglich, Interesse, gar Selbstbewusstsein zu erleben?

Ich denke, weil jeder einen natürlichen Zugang zu ihr hat oder haben könnte, gerade in jungen Jahren. Mit zunehmendem Alter wird dieser natürliche Zugang immer mehr zugestellt mit Erwartungen der Umwelt, die in die jungen Menschen kriechen und irgendwann als eigene Haltungen erlebt werden. Auch Kunst hat in der Gesellschaft ein Gerüst, einen starren Rahmen, den man schon spürt, wenn man nur die Bezeichnung nimmt: Kunst. Der Begriff ist abstrakt; jeder füllt ihn anders. Ein Teil der Gesellschaft sieht ihn als Qualitätsbegriff an: alles, was so genannt wird, ist durch einen Filter gelaufen, hat „Tests“ bestanden, ist von „Experten“, deren Urteil wir vertrauen, für gut befunden worden, gut genug, diesen „Titel“ zu tragen. Junge Menschen, die mit dieser Begriffsdefinition aufwachsen und sie verinnerlichen, werden, wenn sie „offiziell“ einen zum Beispiel naturwissenschaftlichen Weg einschlagen, kaum wagen, auch noch „Kunst“ zu machen oder auch nur diese Neigung verspüren. Das eigentlich so leicht zu weckende Gefühl, das Juliane Köhler bei ‚KunstVerLust‘ beschreibt und das Menschen sich gut und zufrieden fühlen hilft – zu Frieden – wird leichtfertig weggegeben zugunsten eines Lebens im Wettbewerb.

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Und ist das nicht genau der richtige Ansatz, auch jenseits von Kunst? Zu welchen Themen könnt Ihr Euch Workshops vorstellen, die bereits im Jugendalter ihren Anfang nehmen und über reine „Beschäftigungstherapie“ hinausgehen können? Wie könnten sich Jugendliche – selbstverständlich freiwillig! – einbringen können, ohne ihre kostbare Frei- oder Schulzeit zu opfern; vielleicht gekoppelt an den Unterricht? Kann Unterricht nicht generell anders gestaltet werden? Wie erreicht man Schüler, die ihrer Herkunft (Sprachbarriere, Kulturbarriere) oder Wohnsituation nach benachteiligt sind, wenn man den Maßstab unserer Gesellschaft anlegt?

Wodurch wird der erste Funke für Beteiligungswunsch entzündet?

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http://www.kunstverlust.de/galerie/2015/12/23/juliane-khler

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Farben

„Farbe ist ein durch das Auge und Gehirn vermittelter Sinneseindruck, der durch Licht hervorgerufen wird, genauer durch die Wahrnehmung elektromagnetischer Strahlung der Wellenlänge zwischen 380 und 760 Nanometer. Es ist der Sinneseindruck, durch den sich zwei aneinandergrenzende, strukturlose Teile des Gesichtsfeldes bei einäugiger Beobachtung mit unbewegtem Auge allein unterscheiden lassen. In der Alltagssprache werden auch Farbmittel (farbgebende Substanzen) als Farbe bezeichnet, also stoffliche Mittel, mit denen man die Farbe von Gegenständen verändern kann, z. B. Malerfarben.

Die Farbwahrnehmung ist eine subjektive Empfindung, welche nicht nur durch die Art der einfallenden Lichtstrahlung, sondern auch durch die Beschaffenheit der Augen, Empfindlichkeit der Rezeptoren und den Wahrnehmungsapparat bestimmt wird. Andere optische Wahrnehmungsphänomene wie Struktur (Licht-Schatten-Wirkungen), Glanz oder Rauheit sowie psychische Effekte, wie Umstimmung oder Adaptation [Pupillenreflex bei unterschiedlichen Leuchtdichten], sind vom Farbbegriff zu unterscheiden.“ (Wikipedia)

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Das Feld der Farben ist ein weites. Wie relativ Farbeindrücke sind, machen besonders optische Täuschungen deutlich: http://www.illusionen.biz/blog/?page_id=22 .

Hier möchte ich heute auf etwas anderes hinaus.

Als Kind mochte ich womöglich alle Farben, als Jugendliche besonders Blau (was ich mit vielen, auch erwachsenen, Menschen teile). Irgendwann als junge Erwachsene – das weiß ich noch – sagte ich jemandem, dass ich kein Rot mag, noch vor ein paar Jahren jemand anderem, dass ich Gelb schwierig fände. Womöglich hatte ich nur wieder Sorge, zu kompliziert zu antworten 😉 .

Denn wie wunderschön finde ich ein ganz, ganz helles Sonnengelb oder auch Zinkgelb! Wie sehr mag ich Wein- oder Oxidrot und alle dunklen Beerentöne (und übrigens auch ein paar helle)! Im Grün-Spektrum gibt es fast nichts, was mir nicht gefällt, und bei meiner Jugendliebe Blau gefällt mir Baby-Blau nur an Babies und jeder andere helle Blauton, der nicht abgetönt ist wie die meisten Jeans-Varianten, nur bedingt.

Was sind diese Bedingungen? Wann gefällt uns eine Farbe? Beim Thema „Blau“ fällt mir „Das Meer“ des Malers Ulrico ein, das ich besitze und das eben auch alle hellen Blautöne hat, die es braucht, um etwas nicht im wahrsten Wortsinn ein-tönig abzubilden, langweilig und letztendlich nicht „echt“. Manche Farben gefallen uns nicht miteinander; wir empfinden keinen Einklang, sondern es vielleicht nur „schreiend bunt“. Dieselben Farben auf der bunten Blumenwiese werden die meisten wunderschön finden, auch und gerade zusammen.

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Es kommt eben – mal wieder – darauf an. Auf Nuancen, auf die Zwischentöne (Grau hat übrigens auch eine wunderbare Farbpalette 😉 ).

Worauf kommt es bei Euch an? Wann bewertet Ihr etwas einzeln, wann im Zusammenspiel?

Und – von mir aus – denkt gerne auch abseits von „Farbe“… 🙂

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Zwei Leben

Drei, vier Klicks, und ich bin fasziniert.
Bei facebook wurde mir über den dortigen ZEIT ONLINE-Auftritt der Link angeboten. In dem Artikel http://www.zeit.de/2012/33/Hermann-Hesse aus dem Jahr 2012, der jetzt editiert wurde, bringt uns Benjamin Lebert, der 1999 mit 17 zum Autoren-Shooting-Star wurde („Crazy“, Kiepenheuer & Witsch), Hermann Hesse näher. Dieser Text begeisterte mich, und ich hatte zuerst bloß vor, auf die Verbindung zweier Schriftsteller hinzuweisen, zwischen deren Geburtstagen 105 Jahre liegen. Ein Mensch bricht eine Lanze für einen Kollegen, der 105 Jahre vor ihm selbst zur Welt gekommen ist und sie schon wieder verlassen hatte, bevor er, Lebert, 20 Jahre später geboren wurde.

Der Text ist für mein inneres Ohr wunderbar formuliert und sehr wertschätzend und warmherzig Hesse gegenüber.

„Um in der heutigen Zeit bestehen zu können, scheint es geradezu erforderlich zu sein, das Talent zu entwickeln, sich selbst in zweite Welten zu transportieren. […] Bei der Suche aber nach einer zweiten Welt, in der man sich wohlfühlt und Halt findet, kann kaum ein Autor so sehr helfen wie Hermann Hesse.“

Mit den folgenden Worten schlägt Lebert einen weiteren Bogen zu sich selbst, was ich nicht verwerflich finde, sondern – und es wurde mir bei der dann folgenden Auseinandersetzung für meinen Blog-Beitrag klar – enorm aufschlussreich:

„Was zu hoffen ist: dass Hesse auch weiterhin viele Leser findet. Denn seine Stimme zu hören kann sich als ein Lebensgeschenk erweisen. Ich habe zum Beispiel unter anderem durch ihn erfahren, wie wichtig und erstrebenswert es ist, sich immer wieder aufs Neue mit der eigenen Geschichte auszusöhnen. Und ihr auch ihre Launenhaftigkeit zu lassen. Denn ebenso rasch, wie sich eine Liebesgeschichte zu einem Spuk wandelt, geschieht es auch umgekehrt.“ Offen, weise, ein bisschen, aber nicht überzogen ich-bezogen.

Als ich dann über Benjamin Lebert nachzulesen begann – der Wikipedia-Eintrag ist kurz und schmerzlos – fielen mir neben immer wiederkehrenden oder neuen Charakterisierungen (halbseitige Lähmung, wahrscheinlich mittlerweile überwundene Essstörung) die wohl zahlreichen „missglückten Interviews“ (1) und Verrisse wie dieser (2) auf. Es scheint so, als sei da ein Stern nicht nur gesunken, sondern würde zudem auch von ziemlich Vielen bereitwillig niedergezogen und dort gehalten.

Ich habe keinen Lebert-Roman gelesen und kann mir hier nicht mal ein laienhaftes literaturkritisches Urteil erlauben. Aber der junge Autor scheint in den persönlichen Begegnungen seinen Gesprächspartnern so schwierig erschienen zu sein, übertrieben leidend und so, als wolle er klüger wirken, als er ist, in einem Wort: unsympathisch, dass diese sich zu auffällig persönlichen Kritiken hinreißen ließen; die die Art des Auftritts verurteilen und spekulative Rückschlüsse ziehen, was Lebert wohl mit dem einen oder anderen Satz, mit dem einen oder anderen Habitus bezwecken mag.

Ob man den Schreibstil und die Themen einer Person mag oder nicht, ob diese einem sympathisch oder unsympathisch ist: Urteile solcher Art finde ich schwierig. Sie schreiben die Person im wahrsten Sinne des Wortes fest, gehen unter die Gürtellinie und damit zu weit, wollen nicht mehr entdecken, sondern verurteilen. Dass sich in mir nach kurzem Suchen schon so ein Bild ergeben hat, fand ich so bemerkenswert, dass mein Blog-Beitrag nun diesen Twist bekommt.

Kurz zurück zu Hermann Hesse: recherchiert man über ihn – einiges ist aus Schulzeiten noch hängengeblieben – ergibt sich auch da in kürzester Zeit ein Charakterbild: intelligent, unangepasst, „rebellisch“, jung depressiv (erste Suizidgedanken mit 14), gediegenes Elternhaus, Schulabbrecher, Lehrabbrecher, „Bücher kompensierten auch mangelnde soziale Kontakte“, „vielfältige psychische Leiden“, teilweise autobiografischer Erzählstil; Wikipedia schreibt: „Seine nächsten größeren Werke, Kurgast von 1925 und Die Nürnberger Reise von 1927, sind autobiografische Erzählungen mit ironischem Unterton. In ihnen kündigt sich bereits der erfolgreichste Roman Hesses an, Der Steppenwolf von 1927, der sich für ihn als „ein angstvoller Warnruf“ vor dem kommenden Weltkrieg darstellte und in der damaligen deutschen Öffentlichkeit entsprechend geschulmeistert oder belächelt wurde.“

Vielleicht wurden die Verbindungen zwischen dem jungen Lebert und dem jungen Hesse von Benjamin Lebert als stark empfunden, als er ihn in der Schule – vielleicht wie ich als Pflichtlektüre – kennenlernte. Vielleicht kann man sich „ins Unglücklichsein verlieben“, wie er 2012 als Dreißigjähriger in einem anderen Interview sagte, und vielleicht treibt den einen oder anderen frühe Bekanntheit in ein bestimmtes Bild von sich selbst, das sich dann auch nach außen manifestiert und nicht als ein authentisches wahrgenommen wird.

Im letzten Jahr sagte er auf die Frage, wie er damit umgehe, öffentlich kategorisiert zu werden: „Was die Menschen über einen sagen, hat mehr mit den Menschen zu tun als mit einem selbst. Das finde ich tröstlich. Über mich wurde sowohl im Negativen als auch im Positiven alles Mögliche geschrieben. Es gibt eine schöne Geschichte in ‚Wir Kinder von Bullerbü‘, in der das kleine Mädchen sagt: ‚Wenn ich mit meinen Brüdern spielen will, sagen sie, ich bin zu klein. Wenn ich meiner Mutter beim Abwasch helfen soll, dann sagt sie, ich bin groß genug.‘ Ich glaube, man ist nie so gut oder schlecht, wie die Menschen einen empfinden.“ (3)

In seinen Worten über Hermann Hesse gab es für mich viel Zitierfähiges; ich hoffe, auf meine Empfehlung hin lesen es noch ein paar Menschen mehr. Diese Sätze möchte ich – auch bezogen auf das Thema „Kritik“ – hier an den Schluss setzen:

„Der Philosoph Immanuel Kant formulierte bekanntlich die drei elementaren menschlichen Fragen: Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was können wir hoffen? Und ebendiese drei Fragen sind es auch, so finde ich, die der Schriftsteller in sich trägt, ehe er darangeht, seine Geschichte zu erzählen. Ich glaube, dass Literatur hauptsächlich von der letzten durchdrungen ist: Was dürfen wir hoffen? Insbesondere eben auch die fein gestrickten und seherischen Werke des großen Hermann Hesse. In Wahrheit speist sich Literatur aus dem, was nicht nachgewiesen, was nur erahnt, ersehnt werden kann und auf Glauben beruht, und sei der Glaube auch, wie es beinahe stets der Fall ist, ein verkennender. Literaturwissenschaft und Literaturkritik jedoch lassen – so scheint mir – diese letzte der drei Fragen meist außer Acht und beschäftigen sich viel lieber mit der ersten Frage: Was können wir wissen? Und stoßen damit nur in ebenjene große, staubdurchtanzte Leere, der sie von Beginn an zu entrinnen suchten.“

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(1) Dana Buchzik, 2014: https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article131569874/Darueber-moechte-ich-lieber-nicht-sprechen.html  

(2) Patrick Bauer, 2009: http://www.neon.de/artikel/freie-zeit/literatur/der-sinn-des-leberts/685234  

(3) http://www.litaffin.de/im-gespraech-mit-benjamin-lebert  

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Navid Kermani

Navid Kermani liest am kommenden Donnerstag, dem 1. Dezember, in der Stadtteilbibliothek Rheydt (Mönchengladbach) um 20:00 Uhr aus seinem Roman „Sozusagen Paris“ [ACHTUNG: AUSVERKAUFT; keine Abendkasse!/Nachtrag v. 1. Dezember]. Das ist aber nicht mal der Grund für meinen Beitrag; es sei hiermit nur gerne und in jedem Fall natürlich erwähnt!

Im Netz geriet ich an folgendes Interview von Iris Radisch mit dem Autor:

http://www.zeit.de/2016/40/navid-kermani-roman-sozusagen-paris

, das ich auf der einen Seite hochinteressant geführt fand, weil es nicht so „weichgespült“ daherkommt wie manches andere. Andererseits hat mich die Art mancher Fragen zu Schreibstil und Thematik fast so geärgert wie Frau Radisch die Lektüre; es erinnerte mich sehr an manchen Kommentar zu manchem Bildwerk: „Ich hätte es aber anders gemacht/lieber gehabt, wenn…“

Warum nicht einfach sagen und fragen: ich empfinde es so und so – was war Ihr Beweggrund, es so und nicht anders zu machen?

Soll jeder Autor, Komponist, Schauspieler, Maler, Sänger, Bildhauer auf jede einzelne Person seines Publikums so eingehen, dass die Arbeit ihm oder ihr gefällt? Erstens: wie soll das praktisch gehen? Zweitens: wie sinnvoll wäre es?

Man bekommt die Kunst, die man erwartet, auch noch in genau der Art, in der man sie erwartet?

Da das so also nicht gemeint sein kann… wie ist eine solche Art der Fragestellung dann wohl gemeint?

Irgendwelche Ideen…? Wie würdet Ihr es machen? Wie empfindet Ihr?

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Ab welchem Alter…

… verliert man das bedingungslose Mitgefühl seiner Mitmenschen? Und wie alt muss ein Mensch sein, dass man ihm nicht mehr zuhört, egal, welche Ausdrucksmöglichkeit er anwendet?

In diesem Alter

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geschieht es noch nicht; da deutet man jedes Brabbeln, jeden Gesichtsausdruck und jede Körperregung, um den kleinen Menschen bestmöglich zu deuten; von „verstehen“ kann noch keine Rede sein.

Babies, die in Kriegsgebieten oder Armutsländern geboren werden, bedauert man von Herzen, so man zu Empathie fähig gemacht worden ist. Man weiß: Chancen für das neue Leben sind in jedem Bereich klein bis nicht vorhanden; elterliche Zuwendung beschränkt sich auf das Notwendigste, weil man mit größtem Hunger, Perspektivlosigkeit und/oder Bomben- oder sonstiger Geschossflucht nicht an besondere Kindesförderung denken kann. Theoretisch versteht das jeder…

Auch Kleinkinder genießen noch Welpenschutz.

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Wie alt muss ein Mensch sein, dass seine Mitmenschen ihm diesen Schutz nicht mehr zugestehen, dass sie alle Verantwortung bei ihm sehen?

Etwa in diesem Alter?

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Wohl noch nicht. Da wird dem Heranwachsenden eher zur Last gelegt, wenn die Noten zu schlecht sind und er sich nicht mit anstrengt, etwas zu verbessern. Wenn er oder sie denn zur Schule gehen kann

Wenn er oder sie nicht zur Schule gehen kann, weil es der Familien-Clan nicht erlaubt, die Schule weggebombt wurde oder er in einem Landstrich der Erde lebt, wo keine Schulbildung vorgesehen ist oder er nach vierstündigem Joggen das Unterrichtshaus erst erreicht (und das ist nur der Hinweg, und die schulische Ausbildung beschränkt sich auf Lesen, Schreiben und Rechnen), was kann man ihm oder ihr dann zur Last legen? Mit 12, 13 Jahren?

Und was ist, wenn der Mensch ungefähr 20 Jahre alt ist?

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Vielleicht hatte er das Glück, nicht in einem Kriegsgebiet oder Armutsland zur Welt gekommen zu sein, konnte zur Schule gehen und hat neben Rechnen und Schreiben eine gewisse analytische Art zu denken gelernt, die ihn befähigt, sich und sein Umfeld zu hinterfragen. Vielleicht hat sich durch diese Art der Erziehung ein Interessenfeld aufgetan, in dem er sich zuhause fühlt, und dadurch, dass er jede Nacht sicher in einem physischen Zuhause schläft, kann er die Dinge weiter pflegen, die ihn interessieren, sich menschlich weiterentwickeln und weiterbilden. (Menschlich weiterentwickeln kann sich selbstverständlich jeder; mir geht es darum, die Bedingungen aufzuzeigen, unter denen das geschieht, aufzuzeigen, wie wir urteilen, was wir von Mitmenschen im Grunde verlangen, ohne auch nur ein Fitzelchen dazu berechtigt zu sein. Wodurch oder durch wen soll eine solche Berechtigung jemals ausgesprochen worden sein oder werden?)

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Kommen Schicksalsschläge, federt ein solcher geborgener Mensch sie sicher anders ab als jemand, der unsicher und ungeborgen aufgewachsen ist, vielleicht viele Menschen hat sterben sehen, vielleicht auf grausamste Art, vielleicht die nächsten Angehörigen… und ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass sich unter dieser Art Stress – und Hunger und Perspektivlosigkeit reichen da vollkommen aus; das für diejenigen, die lediglich Kriegsflüchtlingen zugestehen, eine halbwegs richtige Entscheidung getroffen zu haben – auch Verhalten ändern kann? Es geht mir nicht um ein übermäßiges Täterverständnis, wo ein Mensch zum Täter geworden ist; es geht mir um unser inneres Beurteilungssystem und um den Wunsch, meine Mitmenschen mögen doch bitte mit mir an einer Gesellschaft arbeiten wollen, in der Menschen empathisch miteinander umgehen, das heißt zum Beispiel auch Traumata in eine solche Beurteilung eines anderen Menschen mit einfließen lassen. Dann bleibt ein Vergewaltiger ein Vergewaltiger und ein Mörder ein Mörder, aber die gesellschaftlichen Bedingungen für solche Taten werden eventuell ein bisschen wichtiger genommen, die gemeinsame Arbeit an einem sozialen Zusammenleben unter fairen Bedingungen wird eventuell irgendwann ein bisschen wichtiger genommen.

Ab welchem Alter verurteilen wir Mitmenschen, die aus Krieg und Armut fliehen? Wie alt sind sie, wenn wir beginnen, sie zu beurteilen, zu beurteilen, was wir nicht alles „an ihrer Stelle“ anders gemacht hätten (zum Beispiel AUF JEDEN FALL in der zerbombten und zerrüteten Heimat bleiben, weil diese ja auch wieder aufgebaut werden muss – welche Unterstützung die Menschen dort dazu bekommen, ist uns dann wieder egal –, AUF JEDEN FALL in der tiefsten Perspektivlosigkeit bloß ja in der Wellblechhütte bleiben, weil ja nicht jeder sein Land verlassen kann, bloß, weil er arm ist), sie zu verurteilen dafür, dass sie nicht privilegiert geboren wurden?

Wenn wir schon da unsere Herzen, Augen und Ohren zu machen, wenn die Hilfeschreie aus den Ländern, vom Mittelmeer, aus den Wellblechbehausungen aller Welt eigentlich nicht überhört werden können: wie können wir, wie kann ich erwarten oder auch nur hoffen, dass einem künstlerischen Ausdruck eines Mitmenschen auch nur ein Bruchteil Aufmerksamkeit zuteil werden möge?

Aber ich erwarte es weiterhin und ich werde es weiterhin geben. Jedweder Ausdruck eines jedweden Menschen ist ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft, ein Hinweis, in welche Richtung es gerade läuft und die Grundlage für eventuell wichtige Neuverhandlungen der Weltgesellschaft.

Viele können derzeit nur um Hilfe bitten, und wenn die praktisch nicht gegeben werden kann oder politisch nicht in ausreichendem Maße gegeben werden soll, wenigstens um das Verständnis ihrer glücklicheren Mitmenschen. Das ist das Mindeste. Weil sich kein Mensch unabhängig von seiner Umgebung entwickelt, von der Gesellschaft, in die er zufällig hineingeboren ist.

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Inhalt und Form

http://www.kulturtussi.de/mehr-inhalt-wenger-kunst/

 

Anke von Heyl inspiriert mich wieder – dafür erstmal Dankeschön! 🙂

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Ihr aktueller Blog-Beitrag ist pickepackevoll mit Infos und Anregungen; hier mein Weiterfragen:

Ist es vorstellbar, dass etwas inhaltsarm ist oder scheint und trotzdem so gut erzählt wird, dass es dadurch an Bedeutung gewinnt? Mir fällt sofort mindestens ein Roman oder Film ein, dem man unterstellen könnte, dass sein Thema nicht neu oder sogar „kitschig“ sei, an dem ich aus irgendeinem Grund aber „dran bleiben“ musste…

Ist es beim Thema „Inhalt“ oder dessen vermeintlichem Gegenteil eventuell so wie bei allen Dingen: dass es auf den Adressaten, den Betrachter, den Rezipienten ankommt, was und wieviel man aus einer Sache „ziehen“ kann? Dass es, sowie sich jemand egal wie äußert – und ich meine jetzt jegliche Äußerung, nicht nur Verbalsprache – Inhalt hat: nämlich den der zuvor erbrachten Gefühls- und Denkleistung des sich Äußernden? Und dass sämtliche Beurteilungen dieses Inhalts dem Gegenüber erstmal nicht zustehen? Dass es auch da wieder „nur“ um Austausch, um Dialog geht?

Kann die Form (in Ankes Beispiel die Kunst des Storytelling) bereits sich selbst genügen, also gleichzeitig Inhalt sein?

Ist Inhalt immer gleich Inhalt, Form immer gleich Form?

Müsste man sich nicht immer und in jedem Fall darüber unterhalten, auch da die Definitionen klären, bevor man urteilt?

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Ich bin gespannt auf Euer Mitdenken und -äußern, und Anke freut sich sicher auch über Besuch… 🙂

 

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Der goldene Mittelweg

Erstmals vom „goldenen Mittelweg“ gehört habe ich vermutlich damals von meiner Mutter. Als Kind und Jugendliche war ich lange ohne bestimmte Meinung dazu, obschon natürlich durch die Erziehung meiner Eltern geprägt. Aber erst in den letzten Jahren weiß ich diesen goldenen Mittelweg bewusst zu schätzen.

Was ist am „Mittleren“ schon Besonderes, fragt man sich wohl unbewusst in seinem ersten Lebensdrittel (das sich durch die Jahre ja erst als solches herausstellt und dadurch in Abgrenzung erlebt wird zu dem, was schon war oder was noch kommt). Kinder und sehr junge Leute sind meist kein Fan vom Mittelweg. Und später werden die als in der Mitte des Lebens empfundenen Jahre – also die nach dem ersten bewusst empfundenen Drittel – manchmal als schwierig erlebt: man sucht sich vielleicht neu und findet sich nicht sofort… Midlife-Crisis… schon wieder ist die „Mitte“ unbeliebt.

Das Mittlere von drei Kindern ist weder das Älteste, das die meiste und längste Aufmerksamkeitsspanne abbekommt, noch das ewig niedliche Nesthäkchen. (Dass dieses familiäre Dazwischensein ebenfalls schwierig sein kann, musste ich mir als ältere Schwester in einer Zweier-Geschwisterbeziehung von anderen erzählen lassen.) Auf einer Feier sticht bei den Frauen meist die mit den hellsten Haaren heraus oder die mit den dunkelsten, bei den Herren der größte oder kleinste. In Klassenräumen erinnert man sich noch nach Jahrzehnten an den Schlauesten und an den, bei dem der Groschen immer erst später fiel. Die mit der extremen Haltung bleiben länger im Gedächtnis als die mit der ausgewogenen, der Laute, die „Rampensau“ wird eher erinnert als die Leise, es sei denn, es ist die leiseste und schüchternste Person, die einem je begegnet ist. Oder man kämpft mit Klischees: „Für eine Frau ist sie aber ziemlich…“, „Für einen Mann ist er aber ziemlich…“, wobei die Sprecher meist nicht bedenken, dass sie gerade einen Menschen in eine Schublade zurückstopfen, aus der er sich ihnen durch sein Unerwartetes entgegenreckte.

Es ist wohl menschlich, dass wir das bevorzugt wahrnehmen, was sich uns aufdrängt. Genau so, wie viele von uns einfache Lösungen bevorzugen. Daneben denken und gucken ist mühevoll. Es kostet manchmal Anstrengung, sich ein Urteil zu bilden und dieses Urteil jederzeit revidieren zu können, es kostet manchmal enorme Anstrengung, das – sich – zu erklären. Derzeit fällt es schwer, zu erklären, warum man gleichzeitig gegen Terror und die Methoden eines Überwachungsstaates sein kann; warum man gleichzeitig jedem Flüchtling helfen möchte und die Politik Merkels trotzdem nicht gutheißt.

Ich möchte keinen extremen Standpunkt einnehmen müssen, um gehört zu werden, oder herausragend aussehen, um sichtbar zu sein. Ich möchte nicht von Menschen geführt werden, die einer Parteiräson unterliegen, sondern von den vernünftigsten, die wir haben, die weder nur auf sich noch nur auf andere achten. Ich möchte das Beste aus Sozialismus und Kapitalismus, das Beste aus etabliert und independent.  Es geht nicht um Etiketten oder Benennungen, sondern um Inhalte. Ich möchte privat mit Menschen zu tun haben, die mir immer wieder neu begegnen; auf die ich mich verlassen kann, aber die sich trotzdem verändern dürfen, denn auch das ist kein Widerspruch. Und ich möchte selbst so ein Mensch sein dürfen.

Es gibt nicht nur Juwelen oder Modeschmuck, nicht nur Arte oder RTL, nicht nur schwarz oder weiß.

Im Programm PULS des Bayerischen Rundfunks, das als Webradio vorrangig für die jüngeren Zuhörer konzipiert ist, heißt es dazu unter dem Hashtag „mehrgrau“:

„Wir brauchen das langweilige Abwägen. Klar: Mittelmaß ist unpopulär. Das bekommt auf Facebook keine Likes. Das wird nicht retweetet. Dafür wird man auf keiner Party gefeiert und in keine Talkshow eingeladen. Aber genau das ist es, was uns hier so verdammt gut leben lässt.“

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Ein Mensch fragt auf Facebook „What is the purpose of life?“ Was ist der Sinn des Lebens? Für mich ist das nicht nur eine Sache, an der es dann hängt, ob das Leben gelungen oder missraten ist. (Sowie es keine durchweg gelungene oder komplett missratene Leben gibt; Krieg oder Krankheit von der Wiege an jeweils ausgeschlossen, Geschehnisse und Schicksale, die uns bisher nicht Betroffene den Kopf immer wieder zurechtrücken können.) Es muss nichts Spektakuläres passieren, ich muss es nur für mich als sinnvoll erachten. Ich verleihe Sinn, jeden Tag neu. Dazu gehört, dass ich alles versuche zu sehen und zu hören, was mir begegnet, um mich dazu in Relation setzen, mich mit den Dingen verbinden zu können. Es wäre ein Wunder, wenn ich alles sofort und glasklar einsortieren könnte. Es wäre fatal, wenn ich das auch nur versuchen würde.

Alles und jeder muss individuell angeschaut werden, immer, mit all seinen Facetten.

Genau so funktioniert auch Kunst.

 

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