Selbstmotivation

„Selbstmotivation“ klingt aufgesetzt, angestrengt, so, als müsste man immer wieder mühevoll einen neuen Anlauf nehmen. Es wird Situationen geben, in denen es sich genau so anfühlt, und es wird bestimmt Menschen geben, für die sich das immer so anfühlt.
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Als ich letztens bei Freunden war, lag da eine Zeitschrift aufgeschlagen, und die Worte Markt und Künstler sprangen mich an. Da die Freunde kurzzeitig anderweitig beschäftigt waren, begann ich den Artikel anzulesen, aber viel Zeit wollte ich mir dafür dort nicht nehmen, und so fotografierte ich ihn ab. Die Titelzeilen habe ich nur halb im Bild, da mir der Name des Autors wichtig war: Tim Sommer.

Der Chefredakteur des Kunstmagazins „art“ beschreibt in dem Artikel des Magazins „dbmobil“ auf eindrucksvolle Weise, wie der Weg eines Menschen aussieht, der beschließt, Künstler zu werden. Er lässt nichts aus: „prekäre, konjunkturabhängige Tätigkeit“, „schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, „zweifelhaftes Sozialprestige“ sind die Beschreibungen schon im ersten Absatz, einer fiktiven Stellenbeschreibung.

„… der berufsmäßig Andersdenkende, der Lieferant für Alternativen“ startet mit etwa 4999 Mitstudenten jährlich in Deutschland, „macht 50000 Konkurrenten in den nächsten zehn Jahren.“ Er oder sie erprobt Techniken, redet viel und lernt zumindest sich selbst mit „Glück“ „sehr gut kennen“. „Regeln, nach denen eine Arbeit nachvollziehbar als gut oder schlecht bewertet werden könnte“, gibt es nicht.

„Ihr Werk bedeutet nichts, gilt nichts, hat keinen Preis, solange es im Atelier schlummert. Zur Kunst wird ein Gegenstand erst, wenn er durch die Betrachtung Sinn und durch die Diskussion darüber eine Stimme bekommt – frei skalierbar von Ihrem Bekanntenkreis bis zur Weltpresse.“

Nachdem man die 30 überschritten hat, wird es eng mit Atelier-Programmen, Stipendien und Förderpreisen. Es wird schwierig für jemanden, der bis dahin keine Galerie hat, die für ihn mitarbeitet, wobei der Name der Galerie den „Rang“ des Künstlers zum Großteil mit ausmacht.

„Vorausgesetzt, Sie sind wirklich zeitgemäß, fleißig und umtriebig, jetzt in Ihren besten Jahren, dann wird Sie der kreisende Suchscheinwerfer der Geltung hoffentlich treffen. Garantiert ist das keineswegs.“ Wer es bis dahin geschafft hat und auf einem großen Festival, einer Biennale oder der Documenta (weiter) entdeckt wird, kann bald schon wieder im Nebel verschwinden, „weil sich selbst die Berufsauskenner unmöglich alles in ihr Langzeitgedächtnis schaufeln können, was die globalisierte Kunstmaschine wichtig macht.“

Je älter man und frau wird, desto schwieriger wird ein würdevoller Aufenthalt auf dem offiziellen Kunstparkett dem, der unentdeckt bleibt, und kommt es zu später „Wieder- oder Erstentdeckung“, „[schämt] sich [der Kunstbetrieb] dabei nicht ein bisschen seiner Ignoranz durch Abgelenktheit in der Zwischenzeit“.

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Ich habe dieses Beschriebene wohl früh in meinem Leben befürchtet, so dass Kunst für mich nie als „Beruf“ in Frage gekommen wäre; ich habe nie auch nur im Traum mit dem Gedanken gespielt, ein Kunststudium zu beginnen. Vor zehn Jahren habe ich mir den Streit zwischen „Hobby“- und „Berufs“künstlern beherzt und emotional von der Seele geschrieben, ohne jede Rücksicht auf leichte Lesbarkeit 😉 (http://www.sabinepint.de/diskussion.htm).

Immer war in mir der augenscheinliche Widerspruch: wie leben denn die anderen ihre Kreativität? Versteckt? Denn ich kannte von allen, die zwar von Hause aus und teilweise langjährig kreativ waren, nur ein verschämtes ‚ich schreibe ja auch ein bisschen‘ oder ein ‚manchmal male ich auch‘, wenn sie es nicht auf dem „offiziellen“ Weg taten. Aus Sorge, sich zu outen, weil man ja nie und nimmer so „gut“ wie irgendein Ausstudierter sein könne.

Später, als Quereinsteiger in allen möglichen Bereichen Normalität wurden und/oder man immer mehr davon mitbekam, stieg das Selbstbewusstsein mancher Betroffener, aber längst nicht bei allen. Und in mir blieb immer dieser Widerspruch.

Nur: ich wollte mich ihm nicht beugen. Zeigte ein Bild mit 16 und las meinen Text mit 20 vor einem fremden Berliner Publikum. Dachte nicht, dass ich jetzt bekannt würde, sondern lebte genau so weiter: malte weiter, stellte ab und an aus bei dem, der das auch wollte, begann zu bloggen, nachdem ich nicht mehr belletristisch schrieb. Sah und sehe alles als Angebot, das man auch ablehnen kann, genau so, wie ich Dinge ablehne, wenn ich sie gerade nicht „suche“. Kunst ist in meinem Leben; sie ist ein Ausdrucksmittel, eine Sprache mehr, in der ich Kontakt pflegen kann.

Wenn sich Menschen fragten, wie ich motiviert bleiben kann, dann wäre meine Antwort, dass ich mir das nicht aussuche. Mich über Kreativität auszudrücken strengt mich nicht an, sondern ist mir ein Bedürfnis. Ich warte dabei auf nichts. Ich halte es mit Wilfried Schmickler, der in den letzten „Mitternachtsspitzen“ sagte „Leben wir öffentlich!“ und dabei nicht meinte, sich immer und überall selbst gläsern zu machen, sondern zu Haltung aufrief, wie er es meistens tut.

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„Die Welt der Kunst ist der letzte große Freiheitsraum, den die durchrationalisierte Gegenwart zu bieten hat. Eine wunderbare Nebenwelt, die uns die Wirklichkeit verstehen lehrt, indem wir sie verlassen. Hier begegnen wir den extremsten Gestalten, den verstiegensten Ideen, den zartesten Empfindungen und den brutalsten Erkenntnissen, der vollendeten Schönheit und vollendeten Hässlichkeit. Wer sich dieser Zumutung aussetzt, wird sich dabei verändern.“ (Tim Sommer)

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Einmal mehr: Kunst und Politik

‚Westart live‘ vom 24.04.2017: http://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/sendungen/uebersichtwestartlive158.html

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Thema: Kunst und Politik

Milo Rau: „Warum ist die Linke so gelähmt?“

Der Theatermacher „bildet Realität ab und schafft eine neue Realität“. Er hat sich vom Aktivisten zum aktivistischen Künstler entwickelt.

Sein symbolisches Verfahren „Das Kongo Tribunal“ beleuchtet das Thema Wirtschaftskrieg; der Künstler bringt es knackig auf den Punkt: es geht darum, zu zeigen, „dass es ihn gibt“.

„… es ist diese Co-Präsenz im Raum.“

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Thomas Hermanns: „Wie lebt man mit Schreiben und wie überlebt man es?“

Felicitas Hoppe: „… eine durch und durch einsame Tätigkeit.“

Oliver Helds Film-Installation „Felicitas Hoppe sagt…“ ist ein spannendes Ding, auch, dass die Schriftstellerin darüber sagt, dass es von Vorteil war, nicht die Textregie gehabt zu haben.

„Ich habe Zeit meines Lebens davon geträumt, Kunst auf die leichte Schulter zu nehmen.“

Sie sieht die Gefahr, in der Beantwortung (gesellschafts-)politischer Realitäten irgendwann „Phrasen gegen die Phrasen zu dreschen“ und ist sich einig mit den anderen Gästen, dass es Zeit braucht, sich zu positionieren. Und Tom Schilling ergänzt, dass es „offensichtlich prophetische Künstler“ brauche, auf Dinge eingehen zu können, bevor es für jegliche Reaktion zu spät sei. Ihn fragt Thomas Hermanns beispielsweise, ob man nicht „einen kleinen Film“ im Kopf habe beim Singen… das Einzel-Interview lohnt sich!

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Nils Mönkemeyer sieht die Kunstrichtung „Musik“ als „allgemein Menschliches“ in der Politikdiskussion außen vor, da sie den Menschen auf andere Art anspräche. Das teile ich, möchte aber ergänzend auf Musikstücke hinweisen, die durch ihre Art der Berührung in Verbindung mit dem Thema, das sie behandeln, durchaus Aussagen treffen, wenn sie auch nicht werten… aber vielleicht möchte man auf etwas allgemein Menschliches wie „Verzweiflung“, wenn sie ganze Menschengruppen und eine relativ eindeutige und zu behebende Ursache betrifft, nach dem berührt-Werden durch die Musik auch handelnd reagieren

„Meine innere Stimme klingt wie eine Bratsche.“

Über sein Spielen in einem Obdachlosenheim, das sein mit initiiertes Elysium-Festival bewerben sollte, sagt er: „… ich hab‘ bei dem Konzert gar nicht gemerkt, wer da jetzt wohnt und wer nicht“, weil alle sich dafür schick gemacht hätten.

Thomas Hermanns‘ Interview mit ihm ist in Gänze meine unbedingte Hör-Empfehlung!

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Sebastian Binder ist der Künstler, der diesmal in einer Stunde etwas zuwege bringen möchte/muss, und er versucht als Filmemacher, der er ist, einen Film über die Sendung zu machen.

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Und: ich bin diesmal auch dabei 😉 , und zwar bin ich die letztgenannte Zuschauerin ‚Sabine‘, die sich über facebook zur Sendung geäußert hat. Die Fragestellung war, ob man für oder gegen Politik in der Kunst sei. Besser verständlich als das, was nur vorgelesen wurde, ist es eventuell komplett: „Ich fänd’s verkrampft, Politik in der Kunst in jedem Fall zu vermeiden… Maria Schrader sagte in einer der letzten Sendungen, dass sie Politik in der Kunst oft schwierig findet; ich finde gesellschaftliche Äußerung dort nötig, und was anderes ist Politik als gesellschaftliche Teilnahme…?“

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WA_bild

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In der letzten ‚ttt‘ vom 23.04. war ebenfalls Politik und Kunst Thema mit der Fragestellung „Kann Kunst gesellschaftlich etwas verändern?“ zur Situation der Künstler in der Türkei nach dem Referendum. Meine Antwort: wenn sie nicht stattfindet, bestimmt nicht. Ebenfalls sehenswert:

http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/verfassungsaenderung-kuenstler-100.html

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Björk

Wenn man sich – wie die isländische Künstlerin Björk – immer wieder neu erfindet, braucht man ein Publikum, das diese Wandlungen mit geht. Ich glaube aber, dass ihre Fans genau das auch mögen und dass immer wieder neue Menschen sie entdecken, gerade weil sie so viele Facetten hat.

Für mich ist das unter anderem die Bestätigung, dass man vor solchen Veränderungen nicht nur keine Angst haben muss, sondern positiv im eigenen Fluss bleiben sollte und nachspüren, wohin es einen führt.

In der WDR-Dokumentation

http://www.ardmediathek.de/tv/WDR-DOK/Bj%C3%B6rk/WDR-Fernsehen/Video?bcastId=12877260&documentId=36100202

konnte ich Neues entdecken, aber Vieles hat mir auch gefehlt, besonders die Erwähnung ihres Schauspiel-Talents und des bei mir bis heute nachwirkenden Lars von Trier-Films „Dancer in the Dark“.

(Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=53vr9EiOH7g )

Selbstverständlich kann man alles auch nachlesen, also der (sicher unvollständigen!) Vollständigkeit halber:

https://de.wikipedia.org/wiki/Bj%C3%B6rk

Vor ein paar Jahren habe ich das Bedürfnis gehabt, in meine Portrait-Reihe von Persönlichkeiten, die mich stärker berühren als andere – wobei ich auch da weit entfernt von Vollständigkeit bin – Björk aufzunehmen.

Die Auseinandersetzung mit ihr lohnt sich!

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Buntstift, Öl-Pastellkreide und Acryl auf Skizzenpapier

DIN A 5 (nicht mehr zu haben)

extravaganz

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who cares?

Ich möchte noch einmal auf den Aspekt kommen, die „Teilnahme am eigenen Leben“ zu stärken, und möchte das mit einigen Zitaten aus dem im letzten Beitrag erwähnten Film „who cares?“ tun:

„Das Gefühl von Gleichgültigkeit ist etwas sehr Trauriges. Teilnahmslosigkeit und Ignoranz sind, denke ich, unsere größten Feinde.“ (Karen Tse)

„Die Erkenntnis, und dafür bedarf es keines Doktortitels, dass das Wissen eines Eingeborenen, das Wissen einer Frau aus einer traditionellen Gemeinde genauso wichtig und fundamental für die Welt ist, wie das Wissen eines großen Wissenschaftlers in seinem Labor.“ (Oscar Rivas)

„Also sah ich, dass meine Konkurrenz nicht der ist, der das Gleiche tun will, sondern die allgemeine Ignoranz, das Fehlen an Wissen, Chancen und Zugang.“ (Wellington Nogueira)

„Als Wellington Nogueira die Arbeit der Klinikclowns kennen lernte, erkannte er die soziale Rolle der Kunst.“ (Sprecher im Film „who cares?“)

„Wenn du große Veränderungen bewirken willst, musst du dich von den Besitzansprüchen an deinen Ideen verabschieden. Denn das Ziel der Veränderung ist, deine Ideen in Strukturen, in Systeme, in die Wasserzufuhr einzubetten.“ (Al Etmanski)

„Wenn du beginnst, deinen Verstand zu benutzen und dich mit der Welt der Ideen, der Bilder und auch mit den Gedanken anderer zu befassen, dann stellst du fest, dass es eine unendliche Quelle ständiger Freude, Beschäftigung und Unterhaltung gibt, die kostenlos, absolut kostenlos ist.“ (John Mighton)

Wo ist die „Teilnahme am eigenen Leben“ für Euch ganz persönlich noch ausbaufähig? Es muss nicht, es darf aber wie immer gerne kommentiert werden!

kleewand

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Die Entwicklung eines Workshops, Teil 3

Hallo liebe MitleserInnen,

eigentlich wollte ich „Teil 3“ noch gar nicht beginnen, sondern ganz unabhängig von der Workshop-Erarbeitung von den Filmen „alphabet“ und „who cares?“ erzählen.

Es fällt leicht, von diesen beiden Filmen den Bogen zur Kunst zu schlagen, wie ich sie begreife.

Auf der website zum Film „alphabet“ heißt es: „‘Leistung‘ als Fetisch der Wettbewerbsgesellschaft ist weltweit zum unerbittlichen Maß aller Dinge geworden. Doch die einseitige Ausrichtung auf technokratische Lernziele und auf die fehlerfreie Wiedergabe isolierter Wissensinhalte lässt genau jene spielerische Kreativität verkümmern, die uns helfen könnte, ohne Angst vor dem Scheitern nach neuen Lösungen zu suchen.“

Der ganzheitlichen Sicht auf das Thema „Bildung“ liegt die ganzheitliche Sicht auf den Menschen zugrunde. Da ich auch „Kunst“ und deren Voraussetzung „Kreativität“ als etwas dem Menschen Grundzugehöriges begreife und eine ausschließende Sicht darauf – wie sie das etablierte Kunstsystem vorsieht – nicht als vernünftig für den Menschen ansehen kann, spricht mir der Film geradezu aus der Seele!

Genauso „who cares?“, aus dem ich nur ein Zitat bringen möchte: „Wenn du beginnst, deinen Verstand zu benutzen und dich mit der Welt der Ideen, der Bilder und auch mit den Gedanken anderer zu befassen, dann stellst du fest, dass es eine unendliche Quelle ständiger Freude, Beschäftigung und Unterhaltung gibt, die kostenlos, absolut kostenlos ist.“ (John Mighton)

Der Film berichtet von „Sozialunternehmern“ aus verschiedenen Erdteilen, die alle gemeinsam haben, „dass sie gesellschaftliche Veränderungen vorantreiben wollen oder gar Lösungen für schwerwiegende soziale Probleme gefunden haben. Ansatzpunkte gibt es in der gegenwärtigen Welt zuhauf: Armut, Krieg, Unterdrückung, die Finanzkrise und den Klimawandel.“ (www.filmstarts.de)

Mich inspiriert besonders das unabhängige Denken der Protagonisten, ihre KREATIVITÄT. Sowohl im Bildungssystem als auch in allen anderen etablierten gesellschaftlichen Systemen herrscht Starrheit, und es gibt genügend Leute, die es so behalten wollen, obwohl (oder gar weil…?) es dem jeweiligen System eher dient als dem Menschen. Mich inspiriert das aktive teilnehmen-Wollen von Menschen an ihrem eigenen Leben.

Mich fasziniert, dass so viele Dinge, die mir begegnen, mich einerseits unabhängig von den Vorbereitungen auf den Workshop begeistern als auch so Vieles damit zusammenzuhängen scheint, was sich erst auf den zweiten Blick offenbart… so kann es weitergehen!

Trailer „alphabet“ https://www.youtube.com/watch?v=GInqHl8MnIU

Trailer „who cares?“ https://www.youtube.com/watch?v=yKNhH9tdzd4 

 

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Der goldene Mittelweg

Erstmals vom „goldenen Mittelweg“ gehört habe ich vermutlich damals von meiner Mutter. Als Kind und Jugendliche war ich lange ohne bestimmte Meinung dazu, obschon natürlich durch die Erziehung meiner Eltern geprägt. Aber erst in den letzten Jahren weiß ich diesen goldenen Mittelweg bewusst zu schätzen.

Was ist am „Mittleren“ schon Besonderes, fragt man sich wohl unbewusst in seinem ersten Lebensdrittel (das sich durch die Jahre ja erst als solches herausstellt und dadurch in Abgrenzung erlebt wird zu dem, was schon war oder was noch kommt). Kinder und sehr junge Leute sind meist kein Fan vom Mittelweg. Und später werden die als in der Mitte des Lebens empfundenen Jahre – also die nach dem ersten bewusst empfundenen Drittel – manchmal als schwierig erlebt: man sucht sich vielleicht neu und findet sich nicht sofort… Midlife-Crisis… schon wieder ist die „Mitte“ unbeliebt.

Das Mittlere von drei Kindern ist weder das Älteste, das die meiste und längste Aufmerksamkeitsspanne abbekommt, noch das ewig niedliche Nesthäkchen. (Dass dieses familiäre Dazwischensein ebenfalls schwierig sein kann, musste ich mir als ältere Schwester in einer Zweier-Geschwisterbeziehung von anderen erzählen lassen.) Auf einer Feier sticht bei den Frauen meist die mit den hellsten Haaren heraus oder die mit den dunkelsten, bei den Herren der größte oder kleinste. In Klassenräumen erinnert man sich noch nach Jahrzehnten an den Schlauesten und an den, bei dem der Groschen immer erst später fiel. Die mit der extremen Haltung bleiben länger im Gedächtnis als die mit der ausgewogenen, der Laute, die „Rampensau“ wird eher erinnert als die Leise, es sei denn, es ist die leiseste und schüchternste Person, die einem je begegnet ist. Oder man kämpft mit Klischees: „Für eine Frau ist sie aber ziemlich…“, „Für einen Mann ist er aber ziemlich…“, wobei die Sprecher meist nicht bedenken, dass sie gerade einen Menschen in eine Schublade zurückstopfen, aus der er sich ihnen durch sein Unerwartetes entgegenreckte.

Es ist wohl menschlich, dass wir das bevorzugt wahrnehmen, was sich uns aufdrängt. Genau so, wie viele von uns einfache Lösungen bevorzugen. Daneben denken und gucken ist mühevoll. Es kostet manchmal Anstrengung, sich ein Urteil zu bilden und dieses Urteil jederzeit revidieren zu können, es kostet manchmal enorme Anstrengung, das – sich – zu erklären. Derzeit fällt es schwer, zu erklären, warum man gleichzeitig gegen Terror und die Methoden eines Überwachungsstaates sein kann; warum man gleichzeitig jedem Flüchtling helfen möchte und die Politik Merkels trotzdem nicht gutheißt.

Ich möchte keinen extremen Standpunkt einnehmen müssen, um gehört zu werden, oder herausragend aussehen, um sichtbar zu sein. Ich möchte nicht von Menschen geführt werden, die einer Parteiräson unterliegen, sondern von den vernünftigsten, die wir haben, die weder nur auf sich noch nur auf andere achten. Ich möchte das Beste aus Sozialismus und Kapitalismus, das Beste aus etabliert und independent.  Es geht nicht um Etiketten oder Benennungen, sondern um Inhalte. Ich möchte privat mit Menschen zu tun haben, die mir immer wieder neu begegnen; auf die ich mich verlassen kann, aber die sich trotzdem verändern dürfen, denn auch das ist kein Widerspruch. Und ich möchte selbst so ein Mensch sein dürfen.

Es gibt nicht nur Juwelen oder Modeschmuck, nicht nur Arte oder RTL, nicht nur schwarz oder weiß.

Im Programm PULS des Bayerischen Rundfunks, das als Webradio vorrangig für die jüngeren Zuhörer konzipiert ist, heißt es dazu unter dem Hashtag „mehrgrau“:

„Wir brauchen das langweilige Abwägen. Klar: Mittelmaß ist unpopulär. Das bekommt auf Facebook keine Likes. Das wird nicht retweetet. Dafür wird man auf keiner Party gefeiert und in keine Talkshow eingeladen. Aber genau das ist es, was uns hier so verdammt gut leben lässt.“

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Ein Mensch fragt auf Facebook „What is the purpose of life?“ Was ist der Sinn des Lebens? Für mich ist das nicht nur eine Sache, an der es dann hängt, ob das Leben gelungen oder missraten ist. (Sowie es keine durchweg gelungene oder komplett missratene Leben gibt; Krieg oder Krankheit von der Wiege an jeweils ausgeschlossen, Geschehnisse und Schicksale, die uns bisher nicht Betroffene den Kopf immer wieder zurechtrücken können.) Es muss nichts Spektakuläres passieren, ich muss es nur für mich als sinnvoll erachten. Ich verleihe Sinn, jeden Tag neu. Dazu gehört, dass ich alles versuche zu sehen und zu hören, was mir begegnet, um mich dazu in Relation setzen, mich mit den Dingen verbinden zu können. Es wäre ein Wunder, wenn ich alles sofort und glasklar einsortieren könnte. Es wäre fatal, wenn ich das auch nur versuchen würde.

Alles und jeder muss individuell angeschaut werden, immer, mit all seinen Facetten.

Genau so funktioniert auch Kunst.

 

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Kunst und „täglich grüßt das Murmeltier“

Kunst und „täglich grüßt das Murmeltier“

Ich habe im Grunde keinen meiner Texte, die ich bisher veröffentlicht habe, als etwas ganz Abgeschlossenes gesehen. Sogar auf meinem Blog www.sabinepint.wordpress.com, der als Blog eben nicht in erster Linie kommentiert wird, erscheinen meine Texte als Gesprächsangebote; jedenfalls sind sie so gemeint, auch, wenn ich bei manchen Themen klar positioniert bin. Ich hoffe immer, dass gerade eine klare Position auch zum Widerspruch und damit zur Diskussion einlädt und meine Art bei aller Herausforderung nicht als provokant aufgefasst wird.

Auch die regelmäßig unregelmäßigen Zerschneideaktionen mancher meiner Bilder sollen nicht provozieren, sondern mir gefällt der Gedanke der Weiterentwicklung; dass einzelne Fragmente als eigene kleine Bilder mit derselben „Information“, ähnlich einer Körperzelle, z. B. als Grußkarte auf Reisen gehen, ver-teilt, ge-teilt werden.

Sowohl beim Bloggen als auch beim Bilder-Teilen bleibt Feedback manchmal komplett aus. Nach allen konstruktiven und weniger konstruktiven Gesprächen der letzten Zeit mit KreativkollegInnen halte ich es aber nicht für hilfreich, daraus nur die eigene penetrante Unrelevanz zu schließen und seine Lebensart aufzugeben, wozu manche meiner Gesprächspartner durchaus tendieren. Dass das ein „Fehler“ sei, wäre aber auch unpassend, denn jede und jeder muss es selbstverständlich für sich fühlen und entscheiden. Ich selbst glaube nur an Fehler in Mathe-Aufgaben, wenn nach strengen Definitionen und festgelegten Regeln eine Aufgabe nicht gelöst wird. Wenn man im Leben aber niemanden bewusst verletzt, ob an Geist oder Körper, gibt es weder „Fehler“ noch „scheitern“. Es gibt nur lernen. Daher würde ich es für mich für einen Fehler halten 😉 , eine Facette meiner Lebensart als „Fehler“ irgendwann einzustellen, obwohl sie mir für mich noch sinnvoll erscheint.

Worin hat wohl Phil Connors, der Held aus dem 1993 erschienenen Film „Groundhog Day – Und täglich grüßt das Murmeltier“ den Sinn gesehen, als er – ich weiß nicht zum wievielten Mal – beim Aufwachen „I got you, babe“ gehört hat, und das, obwohl er sich nicht nur am Vortag, sondern an ungezählten „Vortagen“ nun wirklich in sein Schicksal ergeben und wirklich das Allerbeste aus seinem Tag (denn es war ja immer derselbe!) gemacht hat? Der Zuschauer wünscht ihm Erlösung: „Also jetzt hat er es doch nun WIRKLICH verdient, dass dieser Tag endlich von einem nachfolgenden, von der Zukunft oder zumindest einer neuen Gegenwart abgelöst wird! Was soll er denn noch machen??“ Der Clou ist, dass es gegen Ende gar nicht mehr so scheint, als wolle Phil noch aus seiner Zeitschleife fliehen, so wie er es zu Anfang unbedingt wollte. Der „letzte Tag vor der neuen Gegenwart“ zeigt, wie er seine Zeit genutzt und wie es ihm geholfen hat, das Beste aus dem zu machen, was ist, statt sich zu wünschen, was vielleicht nie mehr sein kann.

Dabei wollen sowohl der Film (mutmaßlich) als auch ich (ganz bestimmt!) nicht für Fatalismus plädieren; er ist ein Gleichnis. Bei der Wikipedia ist es gut erklärt: „Ein Gleichnis ist eine kurze Erzählung. Sie dient zur Veranschaulichung eines Sachverhalts nicht durch einen Begriff, sondern durch bildhafte Rede. Über die Veranschaulichung hinaus wird dem Gleichnis auch verändernde Funktion zugeschrieben. Der Hörer/Leser soll sich in der Erzählung selbst entdecken können und damit eingeladen werden, seine Situation zu verändern.“

Ich ergänze: auch der Zuschauer! Phil Connors entschließt sich nicht sofort nach dem zweiten oder dritten und auch nicht nach dem zehnten Erwachen am „selben“ Tag, das für ihn Beste aus der Situation zu machen, wozu seine eigene Veränderung gehört; er hadert und verzweifelt bis hin zu Selbstmorden, die zwar immer klappen, aber durch die Zeitschleife doch nur Versuche bleiben. Dabei schafft es der Film, diesen tragischen Momenten dank Bill Murray trotzdem Komik abzugewinnen, nicht zuletzt auch wegen der am Schluss dieser Phase rasant zusammengeschnittenen Selbstmorde. Erst, als er in den täglichen – und aufgrund der Zeitschleife im wahrsten Wortsinne alltäglichen – Gegebenheiten eine eigene Qualität entdeckt, beginnt die Veränderung in ihm. Das immer bessere Kennenlernen seiner selbst, das erzwungene Fokussieren auf das Wesentliche eines Tages bis hin zum Begleiten eines alten Obdachlosen bei dessen Tod, hilft ihm durch die Prüfung und kommt allen Menschen in seiner Umgebung zugute. Abgesehen von einer gewandelten Kleidungs- oder Einrichtungsmode ist der Film so aktuell wie vor 22 Jahren und ich glaube, auch noch für heute junge Leute witzig.

Warum erzähle ich das?

Weil ich immer öfter an Phil und seine Lehre denken muss: bestimmte Gegebenheiten sind einfach da; sie gelten, weil du dich irgendwann im Leben auch für Dinge entschieden hast, die nicht mehr revidierbar sind oder deren Revision so unbedingt nötig wie vollkommen unrealistisch ist (wie z. B. ein Berufswechsel in den 50er Jahren des eigenen Lebens). Dann gilt es, von Phil Connors zu lernen, wie man Sinn im Leben aufrechterhalten kann, ohne sich etwas vor zu machen oder schön zu reden, denn beides tut dieser nicht. Da ist kein Zwang in diesem „Sinn“, den er in seinem Leben neu sieht; er „macht“ den Sinn nicht oder nennt Dinge sinnvoll, die es nicht sind – er lebt einen Sinn.

Und ich glaube, so lebe ich „Kunst“. Dadurch, dass ich mich bewusst nicht für einen „offiziellen“ Weg entschieden habe aus ähnlichen Gründen, die mich vor einigen Jahren endlich aus der Kirche haben austreten lassen oder mir die Gewissheit geben, niemals einer Partei angehören zu wollen, bin ich in der Gestaltung meines kreativen Lebens frei. Ich muss niemandem gefallen, ich muss mich nach niemandem richten, ich kann ausdrücken, was ich will und wie ich es will. Ich kann verkaufen oder verschenken. Menschen, mit denen ich mich für Projekte zusammentue, begegne ich auf Augenhöhe, partnerschaftlich statt hierarchisch. Dadurch, dass sich niemand mit meinem unbekannten Namen schmücken will, kann ich bei von anderen signalisiertem Interesse davon ausgehen, dass wirklich meine Arbeit, meine Leistung gemeint ist und gehe so von vornherein gestärkt in neue Vorhaben. Risiken dürfen sein, denn ich riskiere nie das für mich Wesentliche: meine in Jahrzehnten gewachsene Überzeugung, dass alles Menschengemachte Menschen zugute kommen sollte statt sie zu diskriminieren, zu boykottieren, zu verletzen. Auch die Kunst ist menschengemacht für Menschen: zur Erbauung, zur Horizonterweiterung, zur Veränderung zum Positiven oder noch Positiveren. Sie soll nicht ausgrenzen, sie soll einladen! Sie ist eine lebendige Ausdrucksform und keine tote Sprache, die man – bestenfalls und rückblickend – studiert.

Ich habe noch eine andere Plattform für meinen Blog auf Facebook. Auch dort heißt es ‚Sabine Pint: Kunst ist für die Menschen‘. Als eine Firma dort anbot, den Blog für einen gewünschten Zeitraum als Buch zu drucken, konnte ich nur eine kleine Weile widerstehen; die Kosten sollten sich in Grenzen halten, und das Ergebnis sollte also dasselbe in haptischer Form sein; etwas zum Zeigen, wenn kein Stromanschluss in der Nähe war. Aber das Ergebnis war enttäuschend: das Wichtigste, die Gespräche, waren nur angerissen ausgedruckt, so dass das Zeigen dieses Buches eher wie ein Ego-Trip scheinen würde als aussagekräftig zu sein. Auch Foto-Bücher habe ich schon versucht. Da ist der Vorteil, dass man bei einem guten Programm Texte und Bilder auf verschiedene Art einsetzen und zeigen kann – besonders schön als wirklich persönliches Geschenk, aber wegen der dann explodierenden Kosten nur bedingt zur Vervielfältigung geeignet. Eines aber fehlt bei allen Print-Varianten: die Lebendigkeit. So dass ich mir auch dabei eingestehen muss: für mich ist das Internet bei allen Missbrauchsmöglichkeiten der Ort meiner Wahl, das Netz und das persönliche Gespräch, und manchmal findet das eine im anderen statt. Und so habe ich mich in meinem Punxsutawney eingerichtet, tatsächlich ohne dass mir etwas fehlt. Und wenn morgen der Radiowecker „I got you, babe“ spielt, bin ich da, wo ich sein möchte: mitten in meinem Leben!

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