Betreff: Kontakt von Frau Schneider

Gestern fragte eine Galerie an, ob ich nicht Interesse hätte, meine „großARTigen“ Bilder bei ihnen auszustellen; sie würden wunderbar in ihre April-Ausstellung passen. Oder in die von Mai. Oder in irgendeine andere zukünftige, alle schon terminiert und betitelt. Oder ich solle mir doch einfach auf ihrer Website eine aussuchen.

Früher hätte ich geantwortet. Nicht zustimmend, wie manche Leser jetzt vielleicht meinen könnten, nicht in freudiger naiver Erwartung kommender Unterstützung und Wertschätzung, sondern ich hätte gerne ausführlichst erzählt, warum ich mich auch gut selbst verarschen kann. Dazu brauche ich Frau Schneider nicht (die übrigens das Schreiben auch nicht durch ihre Unterschrift geadelt, sondern das man als ansonsten namenloses „Team“ unterschrieben hat).

Heute finde ich meine Antwort im Blog besser aufgehoben.

Was mich am meisten empört, ist die womögliche Geldschneiderei (wie passend!), die mit Menschen versucht wird, die eh keins haben, und wenn, dann sicher nicht durch ihre Kunst. Stellt man als No-Name im Internet aus, ist das einer der allerersten Schritte, sich von künstlerischer Seriosität zu verabschieden. Es wird Kreative geben, die das überrascht; den allermeisten wird diese Erkenntnis aber nicht neu sein. Und über eben diesen Weg habe besagte Galerie mich „zufällig“ gefunden. Man stelle sich das mal vor: zufällig! Und dann passen meine Bilder auch noch zufällig genau in die Ausstellung von April! Oder Mai. Oder in eine der übrigen zukünftig geplanten.

Ob sie tatsächlich Geld nehmen, weiß ich nicht; das geht aus der Website nicht hervor. Man muss aber davon ausgehen, und zwar nicht auf die Art, wie man es kennt: erst muss verkauft werden, ehe Geld geteilt werden kann. Und am Anfang steht eben das Vertrauen einer Galerie in den potenziell Ausstellenden, dass überhaupt Geld aus Kunden-Portemonnaies ins Haus fließt, weil der Kunde/Sammler sich etwas vom Kauf des Werkes verspricht. Und würde keine Arbeit dieser ganzen No-Names je verkauft: wie finanziert die Galerie wohl ihre Räumlichkeiten, den Strom, eventuelle Events, die dazugehören, will sie ihre KünstlerInnen wirklich „betreuen“ (Präsentation, Organisation – inkl. steuerlicher und rechtlicher Fragen – und Vermarktung)? Die Antwort kann nur sein: die armen Naivlinge, die auf bekannter-Werden hoffen, müssen monetär bluten.

Wenn man der Galerie mal zugutehalten will, dass es sich um eine sogenannte Primärmarkt-Galerie handelt, die durchaus neue, unbekannte KünstlerInnen ausstellt und verkauft, bleibt immer noch das Problem, dass sie mit mir jemanden angesprochen haben, der a) 50 Jahre alt ist, b) keine akademische Ausbildung hat, c) von dem sie nicht wissen, wie verlässlich er in welchem Turnus und in welcher Quantität „liefert“ – ja d): sie die Person eben überhaupt nicht kennen! Ich ziehe also das Fazit: weder die Galerie vertraut mir noch ich ihr, Geld ist weder für mich noch für sie zu erwarten, aber wenn, dann eher für sie, nämlich erst mal von mir. Und ich wäre gespannt, zu erfahren, wie diese Galerie potenziellen Käufern gegenüber meine „Marktentwicklung“ einschätzte – was absurd lustig ist, da es diese Entwicklung selbstverständlich nicht gibt, so dass auch potenzielle Käufer dieser Galerie zumindest nicht vertrauen dürften.

40 % der Galerien im deutschsprachigen Raum machen Verluste. Mich würde überraschen, gehörte diese hier nicht dazu. Ernsthaft interessieren würde mich, durch welche Finanzierungsart sie besteht; es steht nicht zu erwarten, bei Nachfragen eine ehrliche Antwort zu erhalten.

Was mich zusätzlich empört, aber worüber ich durch die ganzen Über’n-Tisch-Zieh-Versuche, denen man ausgesetzt ist – ob persönlich, per Telefon oder Mail/Brief – mittlerweile gelassener hinwegsehe, ist die dreiste Unpersönlichkeit der Ansprache.

Man kann nur hoffen, dass den allermeisten Angeschriebenen das auffällt und die dubiose „Galerie“ ihnen gestohlen bleiben kann.

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Unabhängig von all dem stelle ich durch die Jahre fest: es ist nicht planbar, ob, wie oder wann einen anderen Menschen meine ur-persönliche kreative Arbeit anspricht. Egal, ob sie sich in real existierenden oder in virtuellen Räumen zur Ausstellung befindet. Ob ich seriös, unseriös oder überhaupt nicht beworben werde beziehungsweise mich selbst bewerbe. Ob mich noch so viele loben oder mich monatelang weder Lob, noch Kritik, noch lediglich eine Frage zu meiner Arbeit erreicht.

Mein Bedürfnis, auszustellen, schwand mit dieser Erkenntnis zusehends. Die Menschen, die mich immer mal wieder fragten, „wann ich nochmal ausstelle“ waren sehr oft nicht die, die mir zur Zeit dieser Ausstellungen besonders viel Interesse entgegenbrachten, so dass ich die Frage nicht oder lediglich als Smalltalk verstehen konnte.

Ich habe immer öfter festgestellt, dass es die tatsächlich zufälligen Begegnungen waren, die eine gewisse Auseinandersetzung und manchmal sogar einen kleinen Austausch brachten. Ich bin sicher, dass, wenn etwas in der Erinnerung haften bleibt, es Bilder und Gespräche sind, die durch ein freiwilliges sich-Einlassen aus persönlicher subjektiver Motivation heraus betrachtet und geführt werden.

Ich denke nicht, dass ich noch einmal im klassischen Sinn ausstellen würde.

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Bei Nichtbeachtung droht vielleicht irgendwann mehr als „Kunstverlust“…

„Ich habe miterlebt, wie Jugendliche, die noch nie etwas mit Kunst zu tun hatten, nie in einem Museum waren, durch einen Kunstworkshop angefangen haben zu strahlen. Sie wirkten plötzlich selbstbewusst, kreativ, individuell und interessiert an allem, was über ihren bisherigen ‚Tellerrand‘ hinausging. Aus diesem Grund müssen wir unseren Blick nach vorne richten und dieses Potenzial stärken, denn ohne Kunst würde unsere Gesellschaft eingehen.“ [Juliane Köhler]

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Warum ist es durch Kunst so niederschwellig möglich, Interesse, gar Selbstbewusstsein zu erleben?

Ich denke, weil jeder einen natürlichen Zugang zu ihr hat oder haben könnte, gerade in jungen Jahren. Mit zunehmendem Alter wird dieser natürliche Zugang immer mehr zugestellt mit Erwartungen der Umwelt, die in die jungen Menschen kriechen und irgendwann als eigene Haltungen erlebt werden. Auch Kunst hat in der Gesellschaft ein Gerüst, einen starren Rahmen, den man schon spürt, wenn man nur die Bezeichnung nimmt: Kunst. Der Begriff ist abstrakt; jeder füllt ihn anders. Ein Teil der Gesellschaft sieht ihn als Qualitätsbegriff an: alles, was so genannt wird, ist durch einen Filter gelaufen, hat „Tests“ bestanden, ist von „Experten“, deren Urteil wir vertrauen, für gut befunden worden, gut genug, diesen „Titel“ zu tragen. Junge Menschen, die mit dieser Begriffsdefinition aufwachsen und sie verinnerlichen, werden, wenn sie „offiziell“ einen zum Beispiel naturwissenschaftlichen Weg einschlagen, kaum wagen, auch noch „Kunst“ zu machen oder auch nur diese Neigung verspüren. Das eigentlich so leicht zu weckende Gefühl, das Juliane Köhler bei ‚KunstVerLust‘ beschreibt und das Menschen sich gut und zufrieden fühlen hilft – zu Frieden – wird leichtfertig weggegeben zugunsten eines Lebens im Wettbewerb.

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Und ist das nicht genau der richtige Ansatz, auch jenseits von Kunst? Zu welchen Themen könnt Ihr Euch Workshops vorstellen, die bereits im Jugendalter ihren Anfang nehmen und über reine „Beschäftigungstherapie“ hinausgehen können? Wie könnten sich Jugendliche – selbstverständlich freiwillig! – einbringen können, ohne ihre kostbare Frei- oder Schulzeit zu opfern; vielleicht gekoppelt an den Unterricht? Kann Unterricht nicht generell anders gestaltet werden? Wie erreicht man Schüler, die ihrer Herkunft (Sprachbarriere, Kulturbarriere) oder Wohnsituation nach benachteiligt sind, wenn man den Maßstab unserer Gesellschaft anlegt?

Wodurch wird der erste Funke für Beteiligungswunsch entzündet?

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http://www.kunstverlust.de/galerie/2015/12/23/juliane-khler

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Kunstverlust

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„Es geht nicht darum, nur zu essen und zu trinken, sondern es geht auch darum, den Geist nicht verhungern zu lassen.“ [Lisa Martinek]

„Warum erzählen sich Menschen Geschichten? Wir brauchen das… wir brauchen Bilder, wir brauchen die Kunst; das ist geistige Nahrung, und eine Gesellschaft, die sich das leisten kann, muss es sich leisten, weil sonst verstummt sie und stumpft ab – und wird unmenschlich.“ [Bibiana Beglau]

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Kunst und Gewalt

Kunst und Gewalt

„Es geht nicht um Musik – es geht um Folter“, so die Schlussfolgerung von Christopher Cerf, dem Komponisten der ‚Sesamstraße’-Musik, der sich im Film „Musik als Waffe“ von Tristan Chytroschek verständlich entsetzt zeigt, dass etwas wie Musik, zur Unterhaltung und Erbauung gedacht, derart missbraucht wird.

Aber sein Fazit hatte für ihn am Ende auch etwas Versöhnliches: nicht die Musik an sich ist „schlecht“, sondern der Missbrauch ist zu verurteilen!

Auf diese Weise zu fragen bringt beinahe immer weiter: worum geht es? und: worum geht es wirklich? Wem nutzt was auf welche Art?

Geht es bei Musik, bei jeder Kunst nicht lediglich darum, sich individuell auszudrücken und über diesen Ausdruck andere Menschen zu erreichen, so dass ein gemeinsames Erkennen – Erkenntnis – möglich wird und darüber Herzensbildung, Toleranz und Empathie gefördert werden? Soll Kunst nicht im weitesten Sinne dem Menschen nutzen, helfen… ihn menschlich weiterbringen? Welche Berechtigung hätte sonst Kunst jenseits eines ästhetischen Wertes?

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Es gibt nichts Perfideres, als im Grunde „gute Dinge“ für etwas einzusetzen, das im weitesten Sinne schadet: Verlust ethischer Werte, Gewalt in jeglicher Form.

Ein kleiner Schritt in diese Richtung ist für mich bereits, Kunst nur mehr als Ware zu begreifen, die ich nur „konsumieren“ kann, wenn ich einen Gegenwert liefere, denn einen „Gegenwert“ muss man erst einmal liefern können, ansonsten ist man ausgeschlossen. Die Wikipedia schreibt zum Stichwort „Kapitalismus“: „In der marktkritischen Wahrnehmung steht Kapitalismus für ein ausschließlich an einer kapitalistischen Rationalität orientiertes Denken, das auf Profit und die optimierte Verwertung der eingesetzten Produktionsmittel abzielt, ohne dabei Aspekte der Nachhaltigkeit, der Ethik und möglicher sozialer Verwerfungen zu berücksichtigen.“ (Dabei möchte ich betonen, dass ich die Individualität, die man im Kapitalismus leben kann, unbeschreiblich schätze. Aber „Kapitalismus“ kann auch eine Form von „Gewalt“ sein…)

Mögliche soziale Verwerfungen… Einen kleinen Sprung muss der geneigte Leser jetzt verkraften, weil auch der Missbrauch z. B. von Musik in der Nazi-Propaganda vor und während des 2. Weltkriegs ja keine so kleine Rolle gespielt hat.

In der Sendung scobel vom 22. Januar 2015 mit dem Thema „Auschwitz – Zukunft der Erinnerung“ gibt Gert Scobel’s Gast Michel Friedman Folgendes zu bedenken: „Was ist mit den Anfangspunkten der Gewalt? […] Mit jedem Mal, wo Menschen Anfangspunkte überschritten haben, wurde der Endpunkt folgerichtiger. […] Wenn man die Nachbarn mit der GeStaPo abgeholt hat – reichte diese Brutalität nicht? Wenn man gesehen hat, dass Gotteshäuser angezündet werden – reichte die Brutalität nicht? Nein, sie reichte nicht, weil es Juden betraf, und der Jude gehörte nicht zur sozialen Gruppe, er war ‚pfui’; er war sowieso jemand, über den man seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden das Gefühl hatte: das ist suspekt; wir wollen den eigentlich nicht; das heißt: diese Gewaltexzesse, die man ja auch schon bei den Pogromen Jahrhunderte kennenlernen ‚durfte’, die waren noch nicht außerordentlich für die europäische antisemitische Kultur.“

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Es geht mir nicht darum, Unvergleichliches zu vergleichen; ich trete, wie Viele mittlerweile wissen, auch nicht ein für eine Religion. Ich möchte nur auch sensibel machen für „Anfangspunkte“, egal in welchem Bereich, und ich selbst möchte möglichst sensibel bleiben. Ich fand es zu keiner Zeit meines Lebens – egal, wie schwierig die Weltlage war mit Terrormeldungen Ende der siebziger und in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, mit Atomkraftwerkskatastrophen und Krieg, immer wieder Krieg – notwendiger als heute, sich eindeutig zu positionieren, und wo man selbst (noch) nicht eindeutig sein kann, ein „inneres Tauziehen“ spürt, das genau so zu kommunizieren; auch da im Dialog zu bleiben, um gemeinsam weiter zu kommen. Schnelle Definitionen und gelebter Meinungszwang sind da eher verantwortungslos.

Ich fand es noch nie notwendiger als in diesen Wochen und Monaten auch schon des letzten und vorletzten Jahres, sich zu positionieren, und ich möchte mit meiner Person und (ohne es opfern zu müssen) meinem Leben eintreten für größtmögliche Freiheit des Einzelnen in einer Sicherheit, die diese Freiheit nicht opfert, für Frieden, so weit uns das menschenmöglich ist – denn selbstverständlich kenne auch ich inneren Unfrieden –, für größtmögliche Individualität, gekoppelt an ein Gefühl für Angemessenheit und Verantwortung für die Zukunft der Welt, nachfolgender Generationen, des einzelnen Mitmenschen (für den dasselbe gilt) und für uns selbst.

Lasst uns gemeinsam daran arbeiten, dass wir immer erkennen mögen, wenn etwas Gutes für etwas Schlechtes missbraucht wird, und niemals anfangen, das Nützliche für das Schädliche verantwortlich zu machen. Ein Anfang ist, dass wir überhaupt beginnen zu fühlen, was uns – als ALLEN Menschen – nützt und was uns schadet.

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