Markttreiben

Der Begriff „Kreativität“ ist etwas abgenutzt, aber ich finde, er tut’s noch ziemlich gut!
Hier im Blog ist er ein paar Mal zur Sprache gekommen; ich habe hier und anderswo konstruktiv zu ihm gestritten.

Über die Schwierigkeit, den Begriff sauber zu definieren, erzählt u. a. die Wikipedia; der Artikel lässt ahnen, von wie vielen Seiten und unterschiedlichen Aspekten man der Kreativität begegnen kann.

Über das kreative Produkt heißt es dort:

„Eine subjektive Sichtweise jeder einzelnen Person ist in der Bewertung nicht auszuschließen, da jedes Individuum nach eigenen Kriterien bewertet, wenn es keine Normwerte zur Verfügung hat und keine allgemeingültige, weil bekannte und gleichzeitig gültige und verlässliche Definition von Kreativität zur Bewertung herangezogen wird. Das bedeutet, dass durch die mangelnde Definition des Begriffs die Wertung eines einzelnen Individuums fast immer subjektiv ausfällt. Erst durch eine (oft implizite) Einigung auf eine Definition und Maßstäben zur Messung von Kreativität ist eine Gruppe dazu in der Lage ist, Kreativität zu bewerten und zu messen. Dieser Vorgang unterliegt dabei auch immer dem Zeitgeist.“

Objektiv messen lässt sich Kreativität also nur sehr ungern. Aber wir haben alle eine Vorstellung von ihr.

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Kreativität bezeichnet nicht alleine Hobby-Kunst, obwohl diese darunterfällt.
Kreativität ist Lebenseinstellung und Fantasie Sie zeigt sich im Umgang mit schwierigen Kunden und wenn man in der Küche ein Gericht noch mal gerade so rettet. Wenn man in der Lage ist, ein Problem auch noch mal von einer anderen Seite aus anzugehen. Und manchmal lässt sie Bilder entstehen. Oder Bücher.

Die Autorin Melanie Lahmer weist in ihrem Blog deutlich auf etwas Wichtiges hin:
Auf einem Markt wird die Kreativität des Erschaffers, der Erschafferin oft so gelähmt, dass diese mitunter ihre Arbeit aufgeben.

Die Wikipedia schreibt:
„In der Kunst erfordert der hier geltende Innovationszwang, dass Kreativität mit Normenbruch, also dem Verstoß gegen tradierte Normen, einhergeht.“

Melanie Lahmer sagt:
„Alle wollen das neue, große Ding, mit dem man für die nächsten Jahre ausgesorgt hat – aber keiner traut sich aus seiner Komfortzone heraus.
Das führt zu der paradoxen Situation, dass Verlage zwar händeringend nach Neuem suchen, das Neue soll aber bitte nicht zu stark vom Gewohnten abweichen.
Und darunter leiden zuallererst wir Autoren. Denn unsere Figuren und Settings dürfen nicht zu ungewöhnlich sein, wir sollen aktuelle Trends bedienen und trotzdem noch etwas Eigenes einbringen (aber nicht zu viel, bitte!). Diese Vorgaben sind so diffus und gleichzeitig einengend, dass sie immer auch Einfluss auf unsere Geschichten haben. Manchmal fühlt man sich wie ein Pferd, das Hufe scharrend vor dem Gatter steht, das sich niemand zu öffnen traut. Man könnte ja aus Versehen im Galopp irgendetwas umreißen.“

Wohin soll ein Künstler ausweichen, den der Markt entweder gebrochen hat oder der zu den Bedingungen dort nicht arbeiten, aber trotzdem weiter künstlerisch tätig sein möchte? Zu dessen Persönlichkeit es untrennbar gehört, sich auf diese seine Weise auszudrücken?
Von mir selbst kann ich sagen, dass auch mich Schranken einschränken und Normen angleichen. Vorgaben geben auch mir etwas vor; ich kann nichts mehr selbst entwickeln, und unter Druck funktioniere ich allenfalls, aber das Wunder der Kreativität wird sich mit Sicherheit nicht ereignen! Es braucht das Spielen, die Ergebnisoffenheit.

Einem Markt, der auf Gewinn aus ist oder zumindest Verluste vermeiden soll, macht ergebnisoffenes Arbeiten Bauchschmerzen, was ich aus Marktsicht sogar verstehe. Der Markt ist Mechanismen unterworfen, die ihn zu dem System machen, das er ist. Würde er den Wachstums- und Konkurrenzgedanken aufgeben, würden Köpfe und Arme des Marktkörpers sterben.

Handel ist die Bestimmung des Marktes. Doch wie kann etwas so Flatterhaftes, manchmal Flüchtiges, Lehrendes, manchmal im Flow Erlebtes, manchmal hart Erarbeitetes, mit Zeit und auch sonst nicht objektiv Messbares wie Kreativität sinnvoll gehandelt werden?
Es ist, wie Luft an der Börse zu handeln, also entweder unmöglich, oder es braucht fast schon kleinkriminelle Energie, Menschen außerhalb der Gewinnzone die Mechanismen schmackhaft zu machen. KreativarbeiterInnen liegen oft außerhalb jeglicher Gewinnzonen.

Der Gewinn für jemanden, der seine Kunst leben möchte, hat oft nichts mit materiellem Gut zu tun.

Melanie Lahmer: „Für jeden Autor, der einen Vertrag wegen seiner schlechten Bedingungen nicht unterschreibt, kommt ein neuer nach, der ihn zu noch schlechteren Bedingungen unterschreibt und sich dafür eine Flasche Sekt öffnet. Das mit dem Jubel und dem Sekt kann ich natürlich gut verstehen, das habe ich auch gemacht. Aber leider hat man damit schon den ersten Schritt in Richtung Selbstaufgabe und fehlende Wertschätzung getan. Wer sich unter Wert verkauft, setzt damit automatisch auch einen Marker. Dann zeigt man, dass man zu allen möglichen Kompromissen bereit ist, solange man sein Buch veröffentlichen darf.
Denn eines ist klar: Wenn ich diesen Vertrag nicht unterschreibe, bekomme ich möglicherweise gar keinen. Und eigentlich wollen wir doch nur eines: gelesen werden. Und dafür brauchen wir Leser, die wir auf irgendeine Weise erreichen müssen – sei es durch Verlage und den Buchhandel oder ohne Verlag im Internet.“

Das habe ich mich oft gefragt: verraten KreativarbeiterInnen sich und ihre Gabe, wenn sie sie zum Verkauf stellen, Kompromisse machen? Ich tu mich schwer, jegliche Verantwortung bei ihnen zu suchen. Der eine wird es aus guten, gerade zitierten Gründen tun, jemand anderes wird es aus genau so guten persönlichen Gründen lassen. Ich tu mich schwer damit, zu akzeptieren, dass gerade die Energie der KreativarbeiterInnen mit solchen Fragen angefressen wird. Aber ich kenne sie gut…

In Gesprächen habe ich oft ein Szenario aufgemacht, bei dem ich davon ausging, dass man die Absurdität sofort erkennt: alle KreativarbeiterInnen, die nicht gut bezahlt werden, stellen die Arbeit ein. Ein Streik. Der ist nämlich bei der Vielzahl von zum Beispiel AutorInnen mit ihrer unterschiedlichen Haltung und der vielen unterschiedlichen Verlage nicht zu organisieren. Und was sollen MalerInnen tun, die vielleicht – ich weiß es nicht – noch zahlreicher sind? Ein Aspekt des Problems: KreativarbeiterInnen auf dem Markt unterscheiden sich nicht von denen anderswo. Ihr „Endprodukt“ kann das gleiche sein. Unter MalerInnen ist daher „Schwarzarbeit“ ein großes Thema. Doch warum wird das nicht so ernst genommen wie beispielsweise bei Fliesenlegern oder anderen HandwerkerInnen, warum klingt das eher lustig? Weil Kunst in der Gesellschaft noch nicht als akzeptiert angekommen ist? Oder weil Handel mit einer nicht messbaren, nicht objektiv bewertbaren Sache so schwierig ist?

Ich gehe so weit zu sagen, dass fairer Handel auf dem Parkett der Kreativarbeit nicht möglich ist. Weil Unvergleichliches zum Vergleichen – und Handel vergleicht immer – angeglichen wird. Weil Nischenprodukte, die sich nicht verkaufen, aber die es geben muss, um Individualität und Vielfalt zu würdigen, hintenüber fallen, in der wahrnehmbaren Welt nicht mehr vorkommen. Weil mit etwas gehandelt werden soll, das allen gehört wie die Luft, die wir atmen: Fantasie und unser individueller Ausdruck dieser Fantasie.

Melanie Lahmer: „Es ist hart und es bleibt hart und ich bin nicht optimistisch genug, um an eine Besserung zu glauben. Irgendwann fällt das bisherige System in sich zusammen, und dann bleiben vermutlich nur wenige übrig. Aber bis es soweit ist, schreibe ich weiterhin meine Geschichten und versuche, so gut wie möglich davon zu leben.“

Vielleicht – wenn sich der Mensch bis dahin nicht selbst vernichtet, was ich in der letzten Zeit öfter fürchte – gibt es mal eine Gesellschaft, in der unser Versorgtsein nicht an unsere Lebensidee gekoppelt ist. Wir uns nicht entscheiden müssen, ob wir Essen kaufen oder Stifte, ob zum Malen oder Schreiben. Die Kinder fürs Leben lernen und nicht dafür, ihr Leben lang der materiellen Versorgtheit hinterher zu laufen und gesellschaftlicher Ächtung unterliegen, wenn das nicht gelingt, und das Gelingen FÜR ALLE wird immer schwieriger.

Vielleicht, wenn wir alle in einem Punkt zusammenhalten: das, was unser Menschsein ausmacht, nicht zu verraten. Und das individuell, unterschiedlich.

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https://de.wikipedia.org/wiki/Kreativit%C3%A4t

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https://siegerlandkrimis.wordpress.com/2018/03/23/autoren-unter-druck-ii/

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Energie und Mittel

„Facebook macht sich mal wieder verzichtbarer denn je – Beiträge von Seiten, die ihr geliked habt, werden Euch in den wenigsten Fällen angezeigt. So geht es auch mir mit meiner eigenen Facebookseite. Die Alternative wäre, dass ich Geld in die Hand nehme, die Facebookkrake also noch mehr füttere, dafür aber meine Beiträge bewerben kann, damit ihr auf diese aufmerksam werdet. Naja, ich gebe mein Geld lieber für Platten und neue Gitarrensaiten aus und die Zeit, die das bewerben dauert, nutze ich lieber, um mich nach Alternativen umzuschauen. Langer Rede kurzer Sinn, dies ist Werbung in eigener Sache mit dem Hinweis, Eure lokalen Künstler zu unterstützen. Unter http://www.facebook.com/unerhoert.blues gibt es nun den ersten von vier Trailern zu sehen (und hören), der zum Altstadtfest 2017 fertig gestellt wurde und sich mit dem Arbeiten hier in der Lausitz beschäftigt. Über einen Besuch würde ich mich freuen! In dem Sinne: Euch einen schönen Wochenteiler und stay tuned! Rock`n`Blues.“ [Der Musiker Max Schmidt, als ‚Unerhoert‘ bei facebook]

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Max bringt es auf den Punkt. Inwieweit möchte man Energie und Mittel aufbringen, sich selbst zu bewerben?

Ich habe, ähnlich wie Max, für mich die Entscheidung getroffen, möglichst wenig von beidem in Bewerbung und lieber alles ins Denken, Fühlen, Schreiben und Malen zu stecken – die Utensilien sind meine „Gitarrensaiten“, und „die Zeit, die das Bewerben dauert“, für mich gar nicht aufzuwiegen!

Früher, als ich mich noch ab und zu bemüht habe, einen redaktionellen Beitrag in einer lokal vertriebenen Zeitung unterzubringen und mir das ein-, zweimal auch gelang, habe ich festgestellt, dass es mir nicht viel bringt. Denn ich möchte ja nicht in erster Linie bekannter werden, sondern möchte die, die auf mich stoßen, zu Auseinandersetzung anregen, mich mit diesen austauschen, vielleicht neue Denkansätze geben und bekommen. Die flüchtige Aufmerksamkeit, die einem zuteilwird, nur, weil die Nase in der Zeitung war, bezieht sich oft genug auf diesen Umstand und mitnichten auf eine Arbeit, auf eine Leistung, auf eine Haltung. Nach wenigen Tagen, vielleicht schon nach Stunden ist man aus den Gedächtnissen bereits wieder gelöscht, es sei denn, man penetriert die Menschen mit seiner Person oder lässt das tun (das tun-Lassen ist selbst No-Names möglich, meist aber nur mit ganz viel „Vitamin B“).

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In der letzten Zeit hörte man von den „Paradise Papers“, den neuesten Enthüllungen zu zwar illegitimen, aber legalen Steuersparmethoden und den Anwendern dieser Methoden.

Ich gebe zu, dass das jetzt ein ziemlicher Ruck im Text ist und sich manche/r fragt, was das zuvor Besprochene mit diesen „Papieren“ zu tun hat.

Mein Kopf machte die Verknüpfung, als ich letzte Woche – wieder einmal ü-ber-haupt nicht müde trotz SEHR weit fortgeschrittenen Tages – bei „Markus Lanz“ landete und dieser, der für die Recherche verantwortliche Redakteur der „Süddeutschen“ Bastian Obermayer, der Kabarettist Bodo Bach und große Teile des Publikums zugaben, einen Vorteil höchstwahrscheinlich mitzunehmen, wenn er sich böte. Das fand ich sehr sympathisch, weil wohl allgemein menschlich. Man verlässt also sehenden Auges und fühlenden Herzens schon mal „anständigen Boden“, wenn etwas in irgendeiner Form Bereicherndes winkt. Womöglich trennt man noch in das, was dabei anderen schadet und das, was „niemandem weh“ tut, wobei Letzteres dann noch leichter fällt. Wenn man es denn tatsächlich zuordnen kann, denn manchmal ist der Schaden nicht offensichtlich.

Zu der Zeit, als ich noch aufrichtig froh war, wenn die Bewerbung meiner Person (erst mal nur stattzufinden) gelang, ertappte ich mich, gedanklich schon weitere Möglichkeiten aufzutun, wie und wo es wohl wieder gelingen könnte. Zu diesen Zeiten habe ich definitiv die Sache, die da beworben werden sollte, vernachlässigt, immer. Und immer hatte ich ein schlechtes Gewissen dieser „Sache“ gegenüber, ob es sich um Mal-, Schreib- oder auch „nur“ Denkarbeiten gehandelt hatte, und gerade bei diesen fällt das Vernachlässigen oft allzu leicht…

„Berufsmäßige Künstler“ haben das Problem des „schlechten Gewissens“ dabei nicht; sie müssen sich bewerben oder bewerben lassen; alles andere wäre verantwortungslos. Ich als „Freie“ empfand die Arbeit an der Bewerbung oft als Verrat an der Sache, zumal ich dabei ja tatsächlich Vernachlässigung empfand!

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Inwieweit erträgt man das Gefühl, eine Sache oder sich selbst, seine Haltung zu verraten, wenn man einen Gewinn oder einen Zusatznutzen wittert? Sind die Dinge vergleichbar? Hat beides mit Gewissen zu tun? Hat es mit Zeitaufwand, mit Lebenszeit zu tun…?

Ich wäre gespannt auf Eure Gedanken, ob Künstler oder Banker…

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https://www.zdf.de/gesellschaft/markus-lanz/markus-lanz-vom-8-november-2017-100.html

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Der Mönchengladbacher (jetzt Görlitzer) Musiker Maximilian Schmidt und das ‚Unerhoert‘-Logo aus meiner Hand, Acryl und (schwarzer) Buntstift auf Papier, digitalisiert, hier als Plakat

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Kunst und Fälschung

Kunst und Fälschung

Ich wollte einmal genauer darüber nachdenken, warum auch ich dazu neige und immer geneigt habe, Kunstfälschung doch als eine Art „Kavaliersdelikt“ zu betrachten, neben aller damit verbundenen Betrügerei. Dabei weiß ich natürlich gerade deswegen, dass „Kavaliersdelikt“ ein unpassendes Wort ist, aber mir fällt – zumindest zu Beginn meines Textes – gerade kein passenderes ein.

Berichte über Kunstfälscher haben mich seit jeher eher amüsiert als entrüstet, und ich denke, dass es damit zusammenhängt, dass ein mit Geld um sich werfendes System betrogen und ausgetrickst wird. Ein System, dem man lange nicht mehr nur glaubt, ein hehres Ziel zu haben. Ich gebe zu, dass ich eine innere Genugtuung spüre, frei nach dem Motto: das hat es verdient! So wird der Fälscher Wolfgang Beltracchi in der 2012 beim WDR erschienenen Dokumentation von Anke Rebbert: „Der große Bluff – Wie man mit Kunst kassiert“ zitiert, dass der Kunstmarkt es ihm „absurd einfach gemacht“ habe. Und das glaube ich ihm auf’s Wort.

In seiner gemeinsam mit seiner Frau Helene verfassten Biografie „Selbstportrait“, die 2014 im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg erschienen ist, kommen immer wieder Redewendungen vor, die zeigen, dass Fälscher immer auf Moden eingehen, das malen, was „gerade gut ankommt“ – weil es eben in erster Linie um Profit geht. Dass es einem von ihnen „immer nur um’s Malen gegangen“ sei, zweifle ich daher entschieden an, wenn sie nicht das Technische, die Übung an sich meinen. Immerhin gibt Wolfgang Beltracchi zu, dass er es genossen hat, „wenn wieder einmal einem der ‚Großen’ meine Arbeit gefallen hatte“ – auch das kann ein Antrieb sein. Was jedoch fehlt, ist eine Identitätsbildung, wenn das Entstandene und das Entstehende immer nur anderen zugeschrieben werden. Beltracchi spricht man die Möglichkeit einer eigenen Maler-Identität, zumindest einer, die nicht selbstgefälliger Sensationslust entspringt, in großen Teilen sogar komplett ab. In seinem Buch schreibt er auf S. 231:

„Heute lebe ich in einem neuen Spannungsfeld. Die literarische und filmische Auseinandersetzung mit meiner künstlerischen Tätigkeit und mit meinen kriminellen Handlungen zeigt mir, wie schwierig es ist, die eigene Identität, literarisch und malerisch, zu finden und auszudrücken. In mir kämpfe ich Schlachten gegen so manche Schattenwesen und Einflüsterungen; um zu neuer Kreativität zu finden, musste ich mich erst mit meinen Fehlern auseinandersetzen, auch mit der Verurteilung konfrontiert sein. Erst allmählich wird mir deutlich, was meine Malerei künftig leiten könnte. Der Kampf um sich selbst ist für manche Maler ein fortgesetztes Ausprobieren, für andere scheint es nur eine einzige Form zu geben. Ich gehöre zu denen, die die ganze Welt der Malerei benötigen, um sich mitzuteilen. Meine Identität als Maler liegt in meinem geschaffenen Werk, dem ich in Zukunft keinen Tarnmantel mehr überhängen werde.“

Das klingt in meinen Ohren zumindest so, als stelle Beltracchi sich tatsächlich einer Herausforderung, denn er wird in Zukunft daran gemessen, inwiefern sich seine zukünftigen kreativen Arbeiten von den damaligen unterscheiden oder ob ihm auch zukünftig „das Originäre fehlt“, wie es der Journalist Stefan Koldehoff ausdrückt.

Es geht mir nicht darum, z. B. Wolfgang Beltracchi noch eine weitere Bühne zu bauen; Viele, die sich entrüsten, was er getan hat, werden schon die Verdienstmöglichkeiten, die sich ihm nach der Enttarnung neu auftun wie Fernsehauftritte, Buchveröffentlichungen und dergleichen mehr, verteufeln. Es geht mir darum, eine Position für mich zu finden und es anderen gegebenenfalls zu ermöglichen, über die ihre nachzudenken. Wie definiere ich persönlich „Verrat“ oder „Betrug“, hier einmal ganz konkret am Beispiel „Kunst“? Was ist mir dabei wichtig, was eventuell vernachlässigenswert? Welche sind die Werte, die für mich erhaltenswert sind?

Es geht mir hier einmal mehr auch nicht darum, an Kunst kein Geld verdienen zu „dürfen“, sondern darum, was man im Grunde verkauft, wenn es NUR darum geht. René Allonge, Ermittler beim LKA Berlin und maßgeblich beteiligt bei der Verhaftung Beltracchi’s, sagt im Film Folgendes: „… der Anteil der sorgfältigen Sammler, die also ihre Werke auch dauerhaft in Ausstellungen geben, damit sich die Bevölkerung das ansehen kann, das nimmt immer mehr ab, und da liegt eine gewisse Gefahr in diesem Markt; es entsteht Gier und auch ein gewisser Druck mit der ‚Ware Kunst’ zu handeln, und wenn man dann sich diesem Druck beugt und nicht sorgfältig ist, dann passieren diese Fehlerquellen und dann kommt es auch zu solchen Schäden.“

Wie schaut man Kunst in Zeiten des immer wahrscheinlicheren Betrugs aufgrund von Gier an? Darf ich in einem Museum ein Bild bewundern, von dem ich nicht mit abschließender Gewissheit sagen kann, dass es von dem- oder derjenigen stammt, die namentlich daran erwähnt sind? Meine Antwort darauf lautet schon immer: ja, natürlich! Ich sollte das Bild sogar genießen, EGAL, von wem es stammt. Das, finde ich, öffnet die Augen für so manches Lieschen Müller, von dem es immer auch stammen könnte. Fälschergeschichten zeigen immer auch, dass handwerkliches Können auf dem Gebiet der Kunst keinen Erfolg garantiert, sonst würden sie ihre Arbeiten sicher liebend gern unter dem eigenen Namen, der eigenen Identität, veröffentlichen. Und sie (die Geschichten) entlarven, wie sehr „Erfolg“ damit verknüpft ist, welche Bewerbung jemand erhält, welche Bedeutung sein Name bereits hat. Was mittels der Arbeit zu sehen, zu erfahren ist und warum, scheint zweitrangig zu sein…

Im Film wird über die Enttäuschung eines holländischen Privatsammlers gesprochen, nachdem das „Frauenportrait mit Hut“ von Kees van Dongen als Fälschung Beltracchis’s entlarvt wurde. Das Bild hatte ihm doch gefallen! Gefällt es ihm auf einmal nicht mehr, nachdem die Fälschung enttarnt wurde? Sicher, er hat mit den immensen Anschaffungskosten auch den (angeblichen) Namen des Malers bezahlt, und der Verlust des Geldes schmerzt sicher auch Reiche, und manchmal mehr als ärmere Leute, wie es oft und sicher nicht zu Unrecht heißt. Aber es ist immer noch dasselbe Bild…

Im Falle des Ideenklaues, der in Internet-Zeiten immer schwieriger aufzudecken und zu verhandeln ist, liegt die Sache etwas anders, aber eben nur bedingt. Ideenklau wird doch meist nur als „schlimm“ empfunden, wenn der Bestohlene einen messbaren Schaden nimmt, den ein anderer als Gewinn einstreicht. In allen anderen nicht aufgedeckten Fällen wird es durch die allgemeine Beeinflussung schier unmöglich sein, ihn überhaupt zu entdecken, geschweige zu beweisen. Ist es also hilfreich, darüber zu streiten…? Ich finde es zwar dreist und käme selbst nicht auf die Idee, bewusst Ideen zu stehlen, aber ich weiß vermutlich nicht einmal, wie welches Gesehene in mir weiterarbeitet und zu etwas wird, das ohne das – vielleicht Jahre zuvor – Gesehene so nicht entstanden wäre… Ideen dürfen sich in anderen weiterentwickeln und dort zu etwas Neuem werden. Das wirft man Beltracchi vor, dass er das nie getan hätte: Eigenes entwickeln. Er habe immer nur bereits bekannte Motive neu zusammengestellt. Dabei finde ich eines vorstellens- und bedenkenswert: irgendwann einmal hat jemand ein Motiv „neu erfunden“, selbstverständlich beeinflusst durch die Dinge, Personen und Vorkommnisse, denen er zuvor begegnet ist, aber sagen wir: das dort entstandene Motiv ist tatsächlich neu; noch nie zuvor wurde etwas so dargestellt. Das Motiv wirkt in der Welt, bekommt Anhänger, weckt Begehrlichkeiten, wird aber nicht weltberühmt. Nun fälscht es jemand, und, weil es vorher nicht zu Weltruhm gelangt ist, kennt es nicht jeder, und jemand sieht es zum ersten Mal in der Fälschung. Er ist berührt von der Darstellung, es kommen ihm neue Gefühle, Gedanken, er kann nun auch noch aus einer anderen Perspektive auf die Welt blicken – Kunst ereignet sich.

Es kann so geschehen, es wird so geschehen, immer wieder. Die Frage kann daher nicht naiv gestellt werden: darf es das auch, sondern: wie blicken wir mit dieser Erkenntnis fortan auf Kunst? Sicher „mit Sorgfalt“, wie es Klaus Gerrit Friese vom Bundesverband Deutscher Galerien im Film empfiehlt, und für mich, die ich keine Kunst klassifizieren, beurteilen und für ihre „Echtheit“ garantieren muss, bedeutet diese Sorgfalt, dass ich zum einen niemandem absprechen darf, sich künstlerisch so ähnlich wie ein anderer auszudrücken, und zum anderen mich so mit Künstlern zu beschäftigen habe, dass der Gesamteindruck – das Bild, das ich im Großen und Ganzen von ihm oder ihr habe – stimmig ist. Mehr kann ich nicht leisten, und mehr braucht es nicht, um nicht durch eine eventuelle Fälschung, die ich bewundere, aber die eben nicht von dem geschätzten Künstler stammt, so enttäuscht zu sein wie eben jener holländische Privatsammler, von dem im Film die Rede ist. Und es zeigt einmal mehr, dass die „Funktion“, in der ich auf Kunst treffe, eine, wenn nicht die wichtigste Rolle spielt: vielleicht war der Sammler ja doch nur des Prestige-Verlusts wegen enttäuscht…

Um Fälschungen auf dem Kunstmarkt verhindern zu können, sei „ein Ausweichen vor der natürlichen Menschengier“ notwendig, so Friese.

Der Fälscher Wolfgang Beltracchi war berührt von folgenden Worten des Malers Max Pechstein: „ Wir haben und suchen Weltanschauung und geben sie auch in unsere Arbeiten. […] Es ist Notwendigkeit in uns. Diese zwingt uns, so und nicht anders zu arbeiten, und nicht die Sucht, etwas Neues zu schaffen, war und ist der Grund der Art unseres Malens, sondern der Wunsch, ein vollerfülltes Leben zu gestalten.“

Das gelingt nur, indem wir uns im besten Sinne „verschwenden“ und auch verschwenderisch mit unseren Ideen sind, eben jenen Gedankenfunken, die unser Leben lenken und gestalten.

Eine Idee ist nicht zu stehlen, weil sie im besten Fall keinem gehört, nicht mal dem, der sie „hat“. Sie ist nur geteilt, mit-geteilt etwas wert, und das nur spontan, in dem Augenblick, in dem sie zur Situation, den Dingen und Menschen passt, wenn diese nicht warten, bis man sie später vielleicht einmal „gewinnbringend“ anlegen kann und sie sie die ganze Zeit bis dahin eifersüchtig bewachen müssen.

Ich nehme den Kunstmarkt nicht nur nicht ernst, sondern finde ihn mittlerweile lächerlich. Nicht die Arbeiten, keine von ihnen; ich muss einer jeden von ihnen ohne Vorurteil begegnen dürfen, sonst ist das ganze Unterfangen „Kunst“ sinnlos. Aber einen Markt, auf dem Menschen zwar gucken, aber nichts mehr wirklich sehen, der an Intransparenz nicht zu überbieten ist und bei dem „Diskretion“ über alles andere geht, kann ich nur wieder ernster nehmen, wenn nicht eine einzige kreative Arbeit mehr zur Begründung herangezogen wird. Der Kunstmarkt beleidigt jede einzelne künstlerische Leistung jedes Menschen, vielleicht gerade die, der er huldigt. „Das macht ja auch dieses Faszinosum des Kunstmarkts aus: man hat ein immaterielles Objekt aus Farben und Leinwand, deren Wert im Hundert-Euro-Bereich beschreibbar ist, und wenn dann der Richtige davor steht und das Richtige drauf ist, kostet es eben 20 Millionen.“ (Klaus Gerrit Friese)

Insofern ist „Kunstfälschung“ auf solch einem Markt vielleicht nicht einmal mehr ein „Delikt“, sondern Entwicklung – logische Konsequenz. Der Betrug ist nicht eine einzelne gefälschte Arbeit. Der Beginn des Verrats hat viel früher stattgefunden und nur noch kein Ende. Es ist der Verrat an menschlicher Integrität.

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