Einer von uns

Es ist schwierig, über etwas zu schreiben, das man nicht kennt, und ich glaube auch nicht, dass ich Åsne Seierstads „Einer von uns“ lesen werde. Nicht, weil es nicht lesenswert wäre, sondern weil sie nicht nur Anders Breiviks Biografie, sondern auch sein Morden „mit forensischer Detailtreue“ beschreibt.

Als ich den ‚ttt – titel, thesen, temperamente‘-Beitrag am 18.03. sah, der von der Leipziger Buchmesse kam und das Buch vorstellte, weil die Autorin den „Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung“ gewonnen hat, interessierte mich etwas anderes als die bloßen Fakten zu Leben und Anschlag. Mich interessierte die Erkenntnis, die Tabea Grzeszyk in ihrer Buchkritik für ‚Deutschlandfunk Kultur‘ so beschreibt:

„Doch der Triumph über das Böse, der die Gesellschaft am Schluss geläutert zusammenrücken lässt, bleibt aus. Es gibt keine Katharsis. Stattdessen hält Åsne Seierstads Buch eine schmerzliche Erkenntnis bereit: Anders Breivik war vor seinen Taten nicht grausamer, monströser oder verrückter als andere Jungen in seinem Alter. Er war „einer von uns“, der nach Anerkennung strebte und diesen Kampf im „echten Leben“ immer wieder verloren hat. […] Diese Biografie könnte sich jederzeit wiederholen.“

„Wenn es um seine Ideenwelt geht, ist er Teil eines Trends“, sagt Åsne Seierstad, und wird aus ihrer Rede bei der Preisverleihung so zitiert:

„Wir müssen dafür kämpfen, den Platz in unserer Mitte, wo die verwundbaren Ideen von Toleranz und Respekt wohnen, auszuweiten.“

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http://www.ardmediathek.de/tv/ttt-titel-thesen-temperamente/Leipziger-Buchpreis-f%C3%BCr-%C3%85sne-Seierstad/Das-Erste/Video?bcastId=431902&documentId=50950374

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https://www.leipzig.de/freizeit-kultur-und-tourismus/kunst-und-kultur/kunst-und-kulturpreise/leipziger-buchpreis-zur-europaeischen-verstaendigung/

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https://www.mdr.de/kultur/buchmesse/asne-seierstad-buchpreis-europaeische-verstaendigung-100.html

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Authentizität

„Jedenfalls ist es immer ein Dialog.“

Es hilft zum Verständnis der folgenden Interview-Ausschnitte, die Geigerin Patricia Kopatchinskaja einmal beim Sprechen zu hören und zu sehen. Ich bedaure, dass ich die Dokumentation nirgendwo mehr komplett finde.

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http://www.migros-kulturprozent.ch/de/home/ein-konzertsaal-ist-keine-wellnessoase

„Ich wollte keine Kompromisse machen, sondern die Leute finden, mit denen ich eine gemeinsame Sprache teilen kann.“

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„Das lässt Raum zum Lernen. Es ist nicht wie in Wien oder London, wo man wirklich gut sein muss.“

Bitte? An kleinen Orten müssen Sie nicht so gut sein?

„Doch, doch … aber da kann ich es wagen, auch einmal zu experimentieren. Da kann ich Dinge tun, von denen ich noch nicht weiß, ob sie gelingen oder nicht. Und deswegen sind für mich die kleineren Orte fast interessanter als die großen, wo man wirklich das liefert, was man schon über die Stücke herausgefunden hat. Allerdings bin ich auf gutem Weg, auch dort freier spielen zu können. Ich möchte den Konzertbesuchern in London oder Wien verständlich machen, dass diese Freiheit der Motor für Bewegung und Entwicklung ist. Musik ist nicht etwas, das immer zu 100 Prozent klappt. Es geht nicht darum, alle Töne rund und schön abzuliefern.“

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„Wer mit einer vorgefertigten Meinung ins Konzert kommt, kann bei mir nur enttäuscht werden. Ich spiele nicht das, was man erwartet.“

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„Das Publikum hat sich an mich gewöhnt. Es erwartet sogar zunehmend das, was ich verständlich zu machen versuche: Dass es neben spielerischer Perfektion und der immer gleichen einbetonierten Fassung eines Stückes, die man von den Schallplatten her kennt, auch andere Wege gibt.“

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Ist, wer Ihr Mozart-Spiel kritisiert, in der Zeit stehen geblieben?

„Eine solche Person ist in ihrer Persönlichkeit stehengeblieben und kann nicht aus sich heraus – eine solche Person will immer wieder das genießen, was sie verstanden hat. Ich glaube, Kunst muss einen Menschen auch mit Dingen konfrontieren, die er nicht mag.“

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„Das ist wie mit den Kleidergeschäften – von London bis Zürich: Alles sieht gleich aus! Die musikalische Globalisierung ist enorm stark. Überall spielen die gleichen Leute das gleiche Programm. Es gibt kein Gesicht mehr.“

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Gespräch

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Als ich letztens versuchte, mit den „Philosophischen Akrobaten“ das Thema zu umkreisen, ob man die oft sehr abstrakt diskutierte Philosophie als direkt wirksam im Alltag erfahren kann, war es anfangs, als wollte ich einen Aal greifen. 😀

Ich wollte wissen, ob das, was man gemeinhin Charakter oder Mentalität nennt, auf unsere ganz persönliche Philosophie schließen lässt: woran wir glauben, wie wir glauben, was uns wichtig ist in Form eines vielleicht benennbaren Lebensziels. Oder ob es Ereignisse gab, die eine bestimmte Philosophie oder Haltung in uns wachgerufen haben oder sie bestärken, was andere eben als unseren Charakter bezeichnen.

Nach einer Weile stellten wir fest, dass wir in unserem Gespräch unsere Werte beleuchteten und diese selbstverständlich untrennbar mit unserer persönlichen Philosophie verbunden erleben; darin waren sich alle einig.

Es stellte sich unter anderem die Frage, ob es unbedingt der Worte bedarf, sich zu verständigen, weil ein paar von uns auch schon die Erfahrung machen durften, beinahe ohne verbindende Sprache einander zu „verstehen“. Meines Erachtens ist das eine Verständigung auf der Gefühlsebene von Mensch zu Mensch oder bezüglich sehr eindeutiger Gesichtsausdrücke (wie der, der Freude ausdrückt) oder Gesten (wie die, die für Hunger oder „essen“ stehen).

Um wirklich begreifen zu können, warum – das war ein Beispiel – der eine Mensch auf einmal seinen Bruder jenseits einer Landesgrenze tatsächlich als Feind erlebt, dazu bedarf es meines Erachtens nicht nur der Worte, sondern einer Selbsterkenntnis im Gespräch zwischen den Beteiligten, ein neben-sich-Treten, um reflektieren zu können. Die Bereitschaft, ein zähes Gespräch zu führen, weil man einander die Definitionen seiner Begriffe in für den Zuhörer verständlichen Worten erläutern muss, um sich an eine immer bessere Verständigung heranzutasten. Denn mehr als die bestmögliche Annäherung wird kaum möglich sein.

Den anderen, das Gegenüber in dessen Sinne bestmöglich zu verstehen ist die Voraussetzung für konstruktiven Austausch; konstruktiver Austausch ist in meinen Augen die Voraussetzung für beinahe alles in der Welt. 

Eine wirkliche „Zusammenfassung“ des Abends wäre mir nicht mal mit Protokoll wirklich möglich, aber ich halte es auch nicht für nötig. Es fehlte die Lebendigkeit.

Möglich und nötig ist nur das Gespräch als solches, das miteinander-im-Gespräch-Bleiben, und das hatten wir. Ich freue mich auf’s nächste Mal!

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Kunst und Pfingsten

Ich bin geneigt, an eine Höhere Macht zu glauben, aber mein Glauben schwankt. Meine Konfession war römisch-katholisch, aber religiös bin ich gar nicht, und ich gehöre keiner Kirche mehr an. Ich kann an keines dieser menschlichen Konstrukte wirklich glauben.
 
Trotzdem haben mich manche Kirchenfeste mehr angesprochen als andere. Das war zum einen das Osterfest, und zum anderen das, das gläubige Christen heute begehen: Pfingsten.
 
„Vom Heiligen Geist erfüllt zu werden“ oder zu sein habe ich schon als größeres Kind für mich interpretiert, und vermutlich nicht ganz im Sinne der Kirche. Buße und Taufe sind Wege einer Religion, aber es müsste doch auch für Atheisten oder Agnostiker Wege zu dem geben, was gemeint ist, wenn man diesen Ausdruck braucht: „vom Heiligen Geist erfüllt“. Vermutlich steht dieses Gefühl jedem Lebewesen offen, nur wird es ein jedes anders benennen.
 
Am besten gefiel mir immer diese Stelle:
 
„Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“ – Apg 2,1-4 EU
 
Nicht nur, dass ich das schön dramatisch fand und ein bisschen gruselig – die Fähigkeit, sich auf einmal verständlich machen zu können und andere verstehen zu können, wo das vorher unmöglich war, das war für mich der Kern, das war für mich schon immer die Essenz von „Pfingsten“.
 
Die Bemühung dazu und den Wunsch ‚ja, so möge es sein!’ habe ich hinübergerettet ins Erwachsenenalter. Ich glaube, ich lebe den Pfingst-Gedanken, wie ich ihn – jenseits religiöser Vorgaben – schon als Kind interpretiert habe: seid und bleibt offen füreinander, für die vielen Ausdrucksformen und –möglichkeiten eines jeden Lebewesens.
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Grußkarten-Auftragsarbeit 2015
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Kunst und Pfingsten

Kunst und Pfingsten

Ich bin geneigt, an eine Höhere Macht zu glauben, aber mein Glauben schwankt. Meine Konfession war römisch-katholisch, aber religiös bin ich gar nicht, und ich gehöre keiner Kirche mehr an. Ich kann an keines dieser menschlichen Konstrukte wirklich glauben.

Trotzdem haben mich manche Kirchenfeste mehr angesprochen als andere. Das war zum einen das Osterfest, und zum anderen das, das gläubige Christen heute begehen: Pfingsten.

„Vom Heiligen Geist erfüllt zu werden“ oder zu sein habe ich schon als größeres Kind für mich interpretiert, und vermutlich nicht ganz im Sinne der Kirche. Buße und Taufe sind Wege einer Religion, aber es müsste doch auch für Atheisten Wege zu dem geben, was gemeint ist, wenn man diesen Ausdruck braucht: „vom Heiligen Geist erfüllt“. Vermutlich steht dieses Gefühl jedem Lebewesen offen, nur wird es ein jedes anders benennen.

Am besten gefiel mir immer diese Stelle:

„Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“ – Apg 2,1-4 EU

Nicht nur, dass ich das schön dramatisch fand und ein bisschen gruselig – die Fähigkeit, sich auf einmal verständlich machen zu können und andere verstehen zu können, wo das vorher unmöglich war, das war für mich der Kern, das war für mich schon immer die Essenz von „Pfingsten“.

Die Bemühung dazu und den Wunsch ‚ja, so möge es sein!’ habe ich hinübergerettet ins Erwachsenenalter. Ich glaube, ich lebe den Pfingst-Gedanken, wie ich ihn – jenseits religiöser Vorgaben – schon als Kind interpretiert habe: seid und bleibt offen füreinander, für die vielen Ausdrucksformen und –möglichkeiten eines jeden Lebewesens.

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