Menschen zeichnen

Wie es schon in der Untertitelung des 98-Sekunden-Filmchens heißt: man kann es nicht guten Gewissens eine Buchbesprechung nennen.

Aber „Sketching People“ aus der Edition Michael Fischer (EMF) gehört für mich aus zwei Gründen unbedingt erwähnt:

  1. ist es für alle, die zeichnen, unglaublich inspirierend, und das – behaupte ich jetzt einfach mal – obwohl man vielleicht schon „alles“ kennt.
  2. kann es für alle, die mit Zeichnen nichts am Hut haben, ebenfalls unglaublich inspirierend sein. Die Vielfalt des Blicks auf Personen, Gesichter, Körperhaltungen, die Genauigkeit dieses Blicks, die Offenheit für ungewohnte Perspektiven – all das schult, so finde ich, über reine Zeichenübung hinaus.

Hier lade ich Euch ein, mit mir darin zu blättern; es kann nur ein Vorgeschmack sein.

Viel Vergnügen und Inspiration!

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„Es geht um das kollektive Verständnis unseres vergangenen, aktuellen und künftigen Verhältnisses zur Welt.“

Die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy schreibt in der deutschen Ausgabe von ‚LE MONDE diplomatique‘ von August 2017 darüber, wie wenig sich die meisten Museen mit der Geschichte ihrer Objekte auseinandersetzen.
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„Wilhelm von Humboldt schreibt über die Bedeutung der Bildung für den Menschen: ‚Je mehr Mannigfaltigkeit er in Einheit verwandelt, desto reicher, lebendiger, kraftvoller, fruchtbarer ist er. Eine solche Mannigfaltigkeit aber gibt ihm der Einfluss vielfältiger Verhältnisse.‘ Indem sie jedes Artefakt in ein vielschichtiges Koordinatensystem von Raum und Geschichte, Sein und Zeit, Ästhetik und Politik verankert, trägt dokumentierte Provenienz [Herkunft] im Museum zu dieser Mannigfaltigkeit bei. […] Es geht […] um das kollektive Verständnis unseres vergangenen, aktuellen und künftigen Verhältnisses zur Welt.“

Ein Satz, der mir beim ersten Lesen schon so wichtig war… er beinhaltet Vernunft, Herz und Verantwortung; er drückt die Möglichkeit zu echter menschlicher Weiterentwicklung aus; Verständnis ist Chance.

„Die Provenienzforschung ist historische Wissenschaftsforschung. Sie gilt der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und ist für die Museen das, was für die Dresdner Bank oder Daimler Benz die Aufarbeitung ihrer Unternehmensgeschichte im Dritten Reich gewesen ist: die Erfüllung einer historischen Verantwortung, die Selbstbefreiung von allzu bequemen Mythen und ein Akt des Anstands gegenüber den Opfern und Nutzern ihrer Sammlungspolitik.“

„Was noch bitter vermisst wird, ist die Bereitschaft der meisten Museen, diese [Sammlungs]Geschichten dem Publikum offen und verständlich zu erzählen.“

Savoys Erfahrung korrespondiert mit vielen meiner Erfahrungen, wenn ich mir verschiedene Lebens- und Gesellschaftsbereiche ansehe: Erkenntnisse, einmal gewonnen, müssen nicht als diese dauerhaft wirken, und Einsichten führen nicht unbedingt zu mehr gewollter Transparenz und Weitergabewunsch an die Menschen.

Den meisten Museen stellt sie ein schlechtes Zeugnis aus („offenbar überfordert“), aber es sei auch schwierig. Welche Instanzen können es leisten, „für Millionen von Objekten […] die Herkunft zu ermitteln?“

Sie macht deutlich, dass das sich-Auskennen in der Kunst an sich dabei lange nicht reicht, „nur bedingt weiterhilft“. Vielmehr sei umfangreiche Recherche in Polizeiarchiven, ein sich-Auskennen in Verwaltungsstrukturen von Ländern zu bestimmten Zeiten, „in der Wissenschaftsgeschichte der Ethnologie und der europäischen Militär- und Missionsgeschichte“ notwendig.

„Provenienzforschung kann, muss aber nicht im Museum stattfinden. Sie erfordert freien Zugang zu vielen in aller Welt verstreuten Archiven, Teamgeist und methodische Transparenz, universitäre Verankerung und die Bereitschaft zu grenzüberschreitender Kooperation.“ Wunderbar: disziplinübergreifendes Leben und Arbeiten! Wir brauchen noch viel mehr Rufe danach.

„Auch für Museen muss gelten: Erst Provenienzen systematisch erforschen (lassen) und ‚on display‘ stellen. Und dann, irgendwann, darüber nachdenken, was die Rückgabe von Objekten und Objektgruppen in symbolischer, politischer oder diplomatischer Hinsicht bewirken kann und soll“ – die Wiedergutmachung (die nie eine ist) im juristischen Sinn (Restitution = Rückerstattung geraubter, enteigneter und zwangsverkaufter Kulturgüter).

Das Unterlassen dieser Bemühungen beziffere sich nicht nur „in Dollar oder Euro. Es sind gesellschaftliche und politische Kosten, die entstehen, wenn sich eine Gesellschaft ihrer Vergangenheit nicht annehmen will und kann.“

Und sie bezeichnet die gebotene Aufklärung als „die geringste Höflichkeit, welche Europa den Menschen und den Orten, aus denen die Objekte kommen, erweisen kann.“

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Zum Beispiel:

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Frau_in_Gold_(2015)

https://de.wikipedia.org/wiki/Adele_Bloch-Bauer

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-135214503.html

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Ingrid Bergman, Margot Käßmann und ich

Wenn man dabei bleibt, sich unter anderem über ein/en Blog auszudrücken, obwohl selten ein „Like“ verteilt wird, noch seltener eine Wortmeldung oder gar ein Wortwechsel stattfindet, dann muss man vom Blog als „guter Idee“ ziemlich überzeugt sein.

Ich weiß nicht, für wen ich schreibe, außer für mich, die ich damit meine Gedanken sortiere, und das mache ich auf diese Weise bereits im vierten Jahr. Nicht, dass das objektiv gesehen eine lange Zeit wäre, aber gemessen an den Rückmeldungen ist es ein relativ einsamer Marathonlauf – oder sogar mehrere. (In diesem Zusammenhang ganz herzlichen Dank an die „Bananenreicher“, die doch ab und zu an der Strecke sind!)

Es ist schwierig, eine gleichbleibend gute Qualität aufrechtzuerhalten unter diesen Bedingungen, immer sorgfältig zu sein, aber neben dem Gedankensortieren treibt mich eines an: es gibt so unendlich viel da draußen, das zu teilen sich lohnt! So kommt es, dass die Vielfalt es gleichzeitig undurchsichtig macht, einige den roten Faden nicht sehen, sich fragen, was so manche gesellschaftspolitische Äußerung mit Kunst zu tun hat – oder von Anfang an durch das Wort „Kunst“ im Blog-Titel abgeschreckt sind. (Für die, die vielleicht zum ersten Mal oder durch Zufall hier reingeraten sind: Kunst ist für mich der freiheitlichste Ausdruck des Menschen und die ungefährliche und niedrigschwellige Möglichkeit, Offenheit gegenüber einem fremden Ausdruck zu üben. Und: ich betrachte Kunst nicht losgelöst von allem anderen, das in der Welt geschieht.)

Auf der anderen Seite macht die Vielfalt es abwechslungsreich. Ich glaube, dass ich die, die tatsächlich interessiert sind, nicht oft langweile. Es ist mir ein Anliegen, neben eigenen Texten und Themen die Beiträge anderer zu teilen, die ich dem Bereich Kunst/Gesellschaft zuordne und die im weitesten Sinne mit offenen Augen und Ohren zu tun haben.

Mir macht es Spaß, dass sich in meinem Kopf sofort Verknüpfungen auf den Weg machen: ich sehe die Biografie „Ich bin Ingrid Bergman“ und schreibe mir Sätze heraus wie „Ich will keine Wurzeln“, „Die Liebe kam direkt durch die Linse“ oder „Es ist, als hätte immer ein Zugvogel in mir gelebt“; einen Tag später sehe ich die ‚Westart live‘ und notiere mit, wenn Hannes Jaenicke die Worte „Herde, Held, Haltung“ für den Beitrag niederschreibt, seine Feststellung „Wir [Deutsche] haben den Hang, den Makel zu suchen“ und Margot Käßmanns Worte „… dann können wir uns nur einmischen, wenn wir selber denken.“ Mich bestärkt Katharina Marie Schuberts Haltung, eine gesunde Demut vor der anderen Ansicht zu haben, oder mich inspiriert die der Raum-Zeit-Piraten, „in der Vergrößerung […] Strukturen zu entdecken.“ Und wenn Adrian Piper im YouTube-Interview sagt, dass sie sich schon gewünscht hätte, dass KollegInnen auch öffentlich sagen, dass sie ihre Arbeit schätzen, aber sich damit tröstet, dass das am Ende nicht, sondern nur die Arbeit zähle, „nur das Werk“ – dann verbinden sich die Dinge in meinem Kopf auf wundersame Weise.

Heute habe ich mich entschlossen, nicht bei den einzelnen Beiträgen in die Tiefe zu gehen, sondern über die Verbindungen zu erzählen, die sich in mir ergeben. Ich weiß nicht, ob das nachvollziehbar ist, ob sich meine Spannung und Freude mitteilen… ich glaube, da ist dieses Mittel hier sehr begrenzt, und ich gehe ja auch recht sparsam mit Ausrufezeichen um 😉 . Vielleicht bin ich auch einfach nur besonders begeisterungsfähig. Als meine Freundin mir vor einiger Zeit von ihrer Workshop-Idee erzählt hatte, muss ich sie sofort angestrahlt und laut losgedacht haben; das sagte sie mir jedenfalls – ihrerseits von meiner Reaktion begeistert – am Ende unseres ersten diesbezüglichen Treffens. (Ich hoffe, da bald von der nächsten Etappe unseres Vorhabens berichten zu können.)

Ja, ich bin gerne begeistert, und ich bin froh, dass sich dieser Zustand in mir herstellen kann, denn ich kann ihn wohl nicht herbeirufen; er muss sich an irgendetwas entzünden.

In Bezug auf die genannten Berichte und Dokumentationen war es das Gefühl, dass es für mich immer einen roten Faden gibt zwischen Personen, Ideen, allgemein menschlichen Gefühlen und Bedürfnissen wie Sicherheit, Versorgtsein und Entfaltung, neben allen individuellen Ausprägungen. Wir sollten uns nicht mundtot machen lassen mit Sätzen wie „davon verstehst du nichts“ oder „auf dem Gebiet kennst du dich nicht aus“, die allzu oft und oft allzu schnell auch von unserem inneren Zensor kommen. Stattdessen können wir sehen, hören und miteinander verhandeln, um die Dinge „ringen“, wie Margot Käßmann sagt, und Privates privat sein lassen, wie vielleicht der Fall Margot Käßmann zeigt, oder auch der Fall Ingrid Bergman, die nicht nur in Kriegszeiten ihrer Kunst nachgehen musste, sondern ebenfalls an gesellschaftlichen Vorgaben (bis hin zur Ächtung) litt, die sie weder erfüllen wollte noch konnte. „Ich tat, was sich richtig angefühlt hat“, hat sie gesagt.

Wenn Ihr die Doku guckt – sie ist zumindest in der 3sat-Mediathek nicht mehr lange online – guckt bis zum Ende (oder nur das Ende 😉 ): die Bergman’schen Familienbilder zum Song von Eva Dahlgren „The movie about us“ – wunderschön! Und die Verknüpfungen gehen weiter… ich informiere mich schon mal über Eva Dahlgren… 🙂

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http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=66821

http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/westart-live/video-westart-live-174.html

https://www.youtube.com/watch?v=_tURuyb76XQ

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Ohne Toleranz kein künstlerisches Leben

„Viele Jahre war die Kunsthalle der einzige Ort in Düsseldorf, an dem aktuelle Kunst gezeigt wurde. Zum 50jährigen Bestehen schaut man auf spannende Ausstellungen und leidenschaftliche Debatten zurück.“ (WDR)

 

http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/lokalzeit-duesseldorf/video–jahre-kunsthalle-duesseldorf-100.html

 

„Ich meine, dass wir den Werken der Architektur eben so viel Toleranz entgegenbringen sollten wie Werken der modernen Malerei oder anderen Schöpfungen der Bildenden Kunst. Ohne Toleranz, meine Damen und Herren, gibt es kein künstlerisches Leben. Es ist natürlich das gute Recht eines jeden Einzelnen von uns, den neuen Bau nicht schön zu finden und dem öffentlich Ausdruck zu geben.“ Willi Becker, OB Düsseldorf, zur Eröffnung der Kunsthalle 1967

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Willi_Becker

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Vielfalt

„… dass Leute mich buchen, die sich überlegen, wo sie mit mir Konzerte machen wollen“, findet Volker Bertelmann alias Hauschka toll. Und sagt weiter: „Was mich total interessiert, ist der Moment.“ In der Filmmusik ist er in der Komposition „unterstützend“ unterwegs, bemüht, „möglichst wenig den Schauspielern weg[zu]nehmen“.

Und Saskia Frietsch möchte mit ihrem Projekt „Grenzenlos“ „mehr Realität in die Welt hinaustragen“.

Jakob Lass wünscht sich „ganz viel Zuschauerleistung“ bei seinem Film „Tiger Girl“, der nicht als „pädagogischer Film“ angelegt ist.

Eva Menasse sagt für mich sehr nachvollziehbar: „Jeder soll’s so machen, wie er es für richtig hält“, befragt danach, wie politisch ihres Erachtens nach Kunst sein soll/darf.

Alice Francis und Band begeistern mich neben ihrer Musik mit dem Ausspruch: „Wichtiger als das Studio ist der Mensch, der das dann nachher macht“ über das Mastern ihres Albums.

Und zum Schluss möchte ich noch einmal Eva Menasse zu Wort kommen lassen, die ihr vorübergehendes zuhause-Sein in der Villa Massimo so beschreibt, dass man dort, nachdem man nach zwei, drei Wochen das Gefühl überwunden hätte, in Urlaub zu sein, man sich wieder bewusst mache, warum man die Dinge tut, die man tut.

Eine wieder sehr vielfältige, breitbandige ‘Westart live’!

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http://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/sendungen/uebersichtwestartlive154.html

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Westart live

„…, sondern Kunst für alle.“ (Steven Sloane)

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„… und zeigt, dass die Kultur eigentlich in Köpfen ist.“ (Marko Genero)

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„Was weg ist, ist weg.“ „Es kann nur ein Prozess sein.“ (Götz Sambale)

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Die Sendung vom 24.10.2016:

http://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/sendungen/uebersichtwestartlive122.html

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Individualität ist überbewertet

<ironie>Individualität ist überbewertet</ironie>

Durch’s Netz geistern seit dem 4. September 2015 erneut und wiederholt Aussagen von Ulrich Kutschera; das war der Tag, an dem Armin Himmelrath bei SpiegelOnline über den Evolutionsbiologen berichtete.

Derzeit ist es ziemlich leicht, über Dinge zu spotten, über die man auf den ersten Blick fast nur spotten kann; man spricht schnell eine Vielzahl von Menschen an, die es verzichtbar finden, dass es ein Binnen-I gibt, und die es unmöglich finden, dass Bücher umgeschrieben werden müssen, um politisch korrekt zu sein. Die Dinge, die in diesem Kontext dann diskutiert werden, sind nicht selten komisch: bei der Wikipedia fand ich „eineN verständnisvolleN geduldigeN LehrerIn“. Klar, dass die Meisten dafür kein Geld ausgeben wollen.

Meine Eltern haben die klassische Rollenverteilung gelebt, wie auch schon die Großeltern, und schwammen damit im Mainstream ihrer Generationen. Es ist auch heute nichts gegen dieses Modell einzuwenden – wenn es freiwillig gewählt wird und alle anderen Varianten bewusst abgewählt werden. Dass die Frau im Durchschnitt immer noch weniger Geld für ihre Arbeit bekommt als der Mann (wohlgemerkt: bei gleicher Tätigkeit) sollte als Unfreiwilligkeit gewertet werden dürfen, ebenso die Tatsache, dass die „gute Mutter“, die mit Kind zu Hause bleibt, meist in ihrem alten Job nie wieder das Bein so an den Boden bekommen wird, wie es gewesen wäre, wenn sie dort weiterhin „ihren Mann gestanden“ hätte. Ich befürchte, Menschen wie Herr Kutschera sprechen ihr auch jeglichen diesbezüglichen Wunsch ab…

Es gibt bestimmt krude Blüten, die die Genderforschung treibt, vergleichbar mit denen, die erblühen, wenn wir unsere Sprache generell kritisch unter die Lupe nehmen. Ich kenne nur Leute, die finden, dass es ihnen nicht geschadet hat, in ihrer Kindheit „Neger“- statt „Schoko“- oder „Schaumkuss“ gesagt zu haben, und ich glaube ihnen; auch ich gehöre dieser Generation an, und aus mir ist kein Nazi geworden.

Es wäre alles halb so wild, wenn wir als Menschen beweisen würden, dass es so ist: nicht weiter von Belang. Wenn wir beweisen würden, dass es nicht immer wieder solcher Sensibilisierung bedarf, um Dinge wirklich zu hinterfragen. Um uns zu fragen, wie „selbstverständliche“ Begriffe unser Denken und Handeln beeinflussen.

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Wir haben eine Entwicklung mitgemacht, die nicht stehen bleiben wird, die immer weiter geht. In Deutschland wurde das Frauenwahlrecht mit der „Verordnung über die Wahlen zur verfassungsgebenden deutschen Nationalversammlung“ vom 30. November 1918 gesetzlich fixiert. (Die erneuten Einschränkungen, die das Regime des Nationalsozialismus mit sich brachte, vernachlässige ich hier.) Im Online-Geschichtsdossier der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg heißt es dazu:

„Das Frauenwahlrecht, das uns heute so selbstverständlich ist, musste sich gegen viele Vorurteile von Männern und Frauen durchsetzen. So wurde Frauen etwa verminderte Intelligenz und durch ihre Gebärfähigkeit eine „natürliche“ Bestimmung für den privaten, scheinbar politikfernen Bereich zugeschrieben. Viele weitere Schritte mussten gemacht, viele weitere Rechte und Ansprüche gesetzlich verankert werden. Die Juristin Elisabeth Selbert, eine der vier „Mütter des Grundgesetzes“, setzte mit großem Einsatz durch, dass der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ am 23. Mai 1949 im Artikel 3 unseres Grundgesetzes in Absatz 2 als Verfassungsgrundsatz aufgenommen wurde.“

Etwas anderes ist es, diese Gleichberechtigung als selbstverständlich in den Menschen zu verankern; dabei ist die oben bereits angesprochene ungleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit, die, obwohl schon lange als Tatsache erkannt, trotzdem scheinbar nicht schnell zu ändern ist, nur ein Beispiel. Wer möchte schon schwören, dass zum Beispiel unsere männlich dominierte Sprache überhaupt keine Rolle dabei spielt, dass so Viele vieles als „natürlich“ hinnehmen…

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Menschen wie Ulrich Kutschera diskutieren, indem sie Klischees bedienen und weiterhin betonen, es ginge um Gleichmacherei statt um Gleichstellung, indem sie eine Haltung pflegen, die sich in Sätzen äußert wie ‚Frauen wollen heute keine Frauen mehr sein‘ und dergleichen mehr, keinesfalls in der Sache, obwohl es genau diesem Herrn angeblich darum geht, ernsthafte von „Pseudowissenschaftlern“ zu trennen. Egal, ob es ein Studienzweig ist oder nicht: Begriffe und Haltungen zu hinterfragen ist notwendig und wird es voraussichtlich immer sein. Es ist völlig unstrittig, dass alle Menschen unterschiedliche biologische Voraussetzungen mitbringen; darüber diskutiert niemand ernsthaft. Das heißt aber eben nicht, dass dann auch eine Ungleichbehandlung folgerichtig ist. Es ist beschämend, ernüchternd und traurig, dass man das heute immer noch als Gegengewicht zu einer solch eindimensionalen und letztlich menschenverachtenden Haltung, beworben durch einen Artikel, der abertausendmal öfter gelesen werden wird als zum Beispiel der meine, sagen zu müssen.

Es müsste eigentlich jedem auffallen, dass die dort beschriebene Geisteshaltung menschenverachtend ist, und zwar verachtend gegenüber Menschen jeglichen Geschlechts. Sie lässt Unterschiede, die es selbstverständlich auch innerhalb eines Geschlechts gibt, nicht zu. Jede Frau ist gleich, jeder Mann ist gleich, und das Schlimmste: alles wird (soll?) so bleiben, wie es ist. Entwicklung, auch zum Guten für alle Menschen, ist „überbewertet“. (Übrigens weiß jeder Mensch selbst meistens am besten, was gut für ihn ist. Daher brauchte es auch keine moralinsauren Gesetze, die allzu Privates regeln…)

Dabei sei Kutschera „ein ausgewiesener Frauenförderer“. Wer solche Förderer hat, tut gut daran, sie schnellstens loszuwerden. Oder ich weiß einfach nicht zu schätzen, wie hilfreich für alle Menschen Aussprüche sind wie: „Männer wollen einfach eine nette Frau, mit der man nicht viel diskutieren muss; jung, attraktiv, gut kochen muss sie können, Kinder großziehen.“ Das sei in allen Kulturen so. Ich denke mir, dass auch Frauen in allen Kulturen einfach einen netten Partner oder eine nette Partnerin haben wollen, was soll man denn anderes wünschen: einen unnetten Menschen an seiner Seite? Das Perfide an der Ausdrucksweise des Wissenschaftlers: er baut darauf, dass die Menschen mehrheitlich nicht unterscheiden zwischen dem verständlichen Wunsch, einen „netten“ Menschen an ihrer Seite zu haben (wenn sie überhaupt mit jemandem leben möchten), und dem Hinterfragen tradierter Vorstellungen von Zusammenleben. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Und was ermächtigt ihn, seine reduzierte Sicht auf seine Partnerin (ein Partner wird es ja keinesfalls sein; ach du lieber Himmel!) auf alle Menschen hochzurechnen…? Er kann es für sich ja sehen, wie er mag; es im großen Stil kundzutun, es „allen Kulturen“ und damit jedem einzelnen Menschen überzustülpen, ist selbstüberschätzend, arrogant und nicht intelligent.

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Ich bin in erster Linie als Mensch auf die Welt gekommen; ich muss alles unter dem Aspekt betrachten, dass auch mein Geschlecht zufällig ist. Ich muss mich nur im direkten Umfeld umsehen, um festzustellen, dass jeder Mensch einzigartig ist, unterschiedlich zum anderen in Biologie, Einstellung, Wünschen.

Als Mensch setze ich mich für Menschenrechte ein; für mich ist das eine beinahe zwangsläufige logische Schlussfolgerung. Es ist, je nach Sachverhalt und Situation, nachrangig oder komplett egal, ob mein Gegenüber schwarz, weiß oder grün ist, an was er glaubt, wenn er dadurch nicht die Freiheit seines Nächsten beschneidet, wofür er seine Lebenszeit einsetzt, wenn er niemanden bewusst an Leib und Seele verletzt, ob er direkte Nachkommen hat oder nicht, ob er Mann oder Frau ist oder sich irgendwo dazwischen fühlt.

Die von vielen gehassten „Quoten“ – auch für mich sind sie nur Mittel zum Zweck, ein notwendiges Übel – gibt es nur, weil es durch die Jahrhunderte nicht geschafft wurde, eine wirkliche Gleichberechtigung aller MENSCHEN zu erreichen. Das erstreckt sich auf alle Gebiete; das gibt‘s nicht nur in Geschlechterdiskussionen. Haltungen wie die Ulrich Kutschera’s tragen dazu bei, sich im „Klein/Klein“ zu verheddern, anstatt sich in der Welt dafür einzusetzen, was für uns doch logisch sein müsste: für uns. Und was nicht allen zu Gute oder sogar bewusst zu Schaden kommt, muss selbstverständlich diskutiert werden, immer und immer wieder. Ob es der Hunger in der Welt ist, der nur scheinbar nicht zu bekämpfen ist, ob es scheinheilige Politik ist, die angeblich keine Kriege oder hier Tausenden weismachen will, es gäbe noch für alle in Europa Arbeit, die „wirklich welche wollen“. Ob es die Wirtschaft ist, deren Gier keine Grenzen kennt und die auch vor bewusster Schädigung der Bevölkerung oder nicht rückgängig zu machenden Umweltschäden nicht Halt macht – oder ob es um den Respekt und die individuelle Herangehensweise an jeden Menschen geht.

Es hat alles eine Ursache, ob Flüchtlingsstrom oder Genderforschung. Sich diese Ursachen anzusehen ist Pflicht für alle, denen Inhalt wichtig ist, um sich positionieren zu können. Eine Positionierung über die reine Form, über die Ausprägung und Gestalt einer Ursache wird einem mitdenkenden Menschen nicht gerecht. In diesem Sinne, Herr Kutschera…

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Meine Sache ist die Kunst, und mir wird immer klarer, warum: weil „meine Sache“ eigentlich der Mensch ist, seine Individualität, die Vielfalt der Möglichkeiten. Seine Offenheit sich selbst und den Möglichkeiten seiner Mitmenschen gegenüber macht Kunst erst möglich, denn sie ereignet sich nur in Offenheit.

http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/universitaet-kassel-professor-ulrich-kutschera-zieht-ueber-genderforschung-her-a-1050888.html

http://www.lpb-bw.de/12_november.html

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