Beuys, Teil 3

Max Bense will von Beuys wissen, ob es für ihn auch Kunstwerke gäbe, die nicht politisch motiviert sind, und die aber genauso Kunstwerke seien. Beuys schließt – wie zu erwarten war, wenn man vorher zugehört hat – jede menschliche Produktion, also auch alle entstandenen und entstehenden Kunstwerke, ein, da der Mensch seines Erachtens nicht unpolitisch sein kann. Alles „macht“ etwas, alles macht etwas aus. Ich pflichte ihm absolut bei. Bense gibt die Frage weiter an Max Bill; dieser antwortet: „Ich bin der Auffassung, dass jeder Mensch politisch denken soll, sich politisch engagieren soll. Ob er sich als Künstler, wenn er das ist, politisch engagieren soll, das ist eine ganz andere Frage. Ich bin der Auffassung, dass Kunst genau so gut wie Physik oder irgendetwas anderes etwas ist, was man […] erarbeitet, ein Problem weiterentwickelt […]“

Arnold Gehlen, dem nach einigem Hin und Her, u. a. gekennzeichnet durch Wiederholungen das Wort erteilt wird: „Es gibt kein ungeeigneteres Instrument zur Revolution als die Kunst“, weil eine eindeutige Revolution durch Kunst kunstgeschichtlich nicht nachgewiesen worden sei. Wirkmächtiger sei da Literatur, „Brecht zum Beispiel.“ Ja, denke ich, die Literatur Brechts ist vielleicht konkreter als manche Bildende Kunst, und genau so wie Beuys‘ aktuell bis in die heutige Zeit, aber wo sind die Erkenntnisse und ihre Weitergabe bei dem einen wirkmächtiger als beim anderen? Sind nicht bisher alle, die versucht haben, soziale Missstände für die, die ihr Opfer sind, zu verbessern, gescheitert an den herrschenden Geld- und Machtverhältnissen? Nein, ich glaube nicht, dass das irgendwann ausgestanden sein wird; jede Generation muss erneut für Freiheit und Gleichwertigkeit ihrer Spezies eintreten.

Gehlen sagt, es fiele ihm schwer, in der Gesellschaft ein „drängendes Bedürfnis nach Kunst“ zu entdecken; ja, das glaube ich für damals so, wie ich es heute empfinde. In Gesellschaften, in denen zunehmend ein nicht-kommerzieller künstlerischer, ein nicht-kommerzieller kreativer Ausdruck verdrängt wird zugunsten des Geldwettbewerbs, wird dieses „drängende Bedürfnis nach Kunst“ niemals für eine sicht- und hörbare Mehrheit gelten. Und die Minderheit, die es verspürt, lebt ihr Bedürfnis in Nischen. Ihr Bemühen, freie Kunst als einen wichtigen und schützenswerten Bestandteil unseres Menschseins zu verankern, wird lächerlich oder gar zunichte gemacht, wenn die künstlerische Arbeit nicht augenfällig „schön“ ist oder sich nicht sofort erschließt.

Bei Beuys läuft der Schweiß mittlerweile in Strömen. „Instinktiv weiß jeder Mensch, dass ein Mensch nicht lebensfähig ist ohne Kunst […] dass also ein Mensch ohne eine künstlerische Erziehung wahrscheinlich verdorren würde […] von welchen Kräften wird er [der Mensch] ernährt? […]“ Durch diese geistige Nahrung gestärkt, würde der Mensch „besser rationalistisch denken können“, was nach ein paar weiteren Sätzen verdienten Applaus gibt. Selbstverständlich ist da die Beweisführung schwierig! Ein Beweis ist kurz gedacht und ohne langzeitige und kritische Betrachtung der Gesellschaftsentwicklung gar nicht zu erbringen! Der Kunst und dem Menschen wird kein Gefallen getan, indem das zwischendurch immer und immer wieder gefordert wird.

Das Podium kommt langsam zur Schlussfolgerung, dass Kunst und Antikunst keine Gegensätze seien und man den Begriff der Antikunst eigentlich streichen könnte – ich klatsche innerlich Beifall.

Beuys möchte den Begriff noch nicht so schnell streichen, weil viele noch nicht begriffen hätten, „dass sie in einer Kultur leben, die nicht abgeschlossen ist; dass wir uns in eine Kultur hineinbegeben werden, die ganz andere Fragen zur Diskussion stellt, zum Beispiel […] dass man nicht nur physisch die Mondfahrt begeht“, sondern man auch psychisch die Bewegung, die sich körperlich nach außen vollzieht, nachvollziehen müsse. Für mich ein ganz wunderbarer Vergleich, gerade wo im Augenblick Alexander Gersts im Juni anstehende ‚Horizon‘-Mission zur Internationalen Raumstation in aller Nachrichten-Munde ist… und die Erkenntnisse derer, die die Erde mit Abstand betrachten, wieder kein Umdenken im Beuys’schen Sinne auslösen werden…

„Ohne Kunst verarmt die Menschheit als Ganzes“, sagt auch Max Bill. Er geht davon aus, dass man sich nicht entscheiden könne, ob man Kunst konsumiert oder nicht, sondern dass der Mensch es ganz selbstverständlich, wenn auch manchmal unbewusst tut. Das kann ich teilen. Dann stellt auch er allerdings die Qualitätsfrage mit dem guten Hinweis, dass man sich darüber „sehr schlecht unterhalten“ könne, „weil wir einfach diese Qualitätsmaßstäbe nicht ohne Weiteres anlegen können.“ Man müsse den Künstlern quasi vertrauen, dass sie aufrichtig, „aus einem Verantwortungsbewusstsein heraus“ arbeiteten, „dann wird es wohl wirken.“

Max Bense ist „noch nicht soweit zu akzeptieren, dass es eine Kunst lediglich als ihren Prozess gibt“, er will die Arbeiten, will Ergebnisse sehen und diese als solche bewerten. Kunst als Produkt oder als Prozess – ob es so oder so zu betrachten ist, verdichtet Wieland Schmied als Frage. Dadurch, dass die Kunst immer offenere Werkkunst geworden sei, die Werke unabgeschlossen geworden seien, wäre dadurch die Rolle des Betrachters gewachsen; er würde immer mehr einbezogen. Das sei vielleicht, anders als Arnold Gehlen sagt, kein „Spiel“, sondern der Versuch, „dass Kunstwerke geschaffen werden […] die erst, wenn ein Betrachter auftritt, alle ihre Qualitäten enthüllen können“. Jawohl; genau so empfinde ich es.

„An welchem Punkt entsteht die Imagination und wodurch entsteht sie?“ fragt Beuys. Ist der Mensch größer als die irdischen Verhältnisse, die ihn umgeben, kann er weiter, kann er über sich hinaus denken? Die Kunst stelle die erkenntnistheoretischen Fragen, die die Wissenschaft nicht stelle, empfindet Beuys. „Um etwas wirklich aussagen zu können über den Menschen – erst dann kann man wissen, wie soll man einen Menschen erziehen. Soll man einen Menschen […] nach den politischen praktischen Notwendigkeiten erziehen, die die Politiker festlegen, ja? So wird es doch heute wohl gemacht im Großen und Ganzen! Warum haben wir kein freies Schulwesen? Die Politiker glauben heute festlegen zu können, was der Mensch braucht, um erzogen zu werden.“

Der Widerspruch von Max Bill, Beuys glaube es also „besser zu wissen“ und dessen Ausruf, dass „in diesem Gespräch alles doppelt gesagt“ würde zeigen langsam die Ungeduld, die es mit sich bringen kann, wenn Positionen grundlegend unterschiedlich sind. „Ich habe nicht gesagt, die Politiker sind ‚nichts wert‘; so einfach habe ich es mir wieder nicht gemacht. […] Ich habe eingangs gesagt, wenn man nach dem politischen und revolutionären Programm gefragt wird, handelt es sich um Selbstbestimmung. Um Selbstbestimmung, zu jedem einzelnen Punkt! Es handelt sich nicht darum, dass irgendeine revolutionäre Gruppe […] wieder eine Regierung bildet; das ist doch das Dilemma, dass wir immer Regierungen bilden wollen!“ Bei „Es darf gar keine Regierung mehr geben!“ folgt der erwartete Protestaufschrei aus dem Publikum; mir wird immer klarer, warum Joseph Beuys damals von der eigenen Partei fallen gelassen wurde. Klar zu radikal, aber auch zu radikal klar seine Haltung der eigenen Spezies gegenüber… mir fällt ein Wort ein: unbestechlich.

„Der Mensch ist soweit, sich heute selbst zu verwalten; der Mensch ist soweit, sich selbst zu bestimmen.“ Beuys möchte die Verhältnisse so vieler Menschen nicht durch eine Minderheit bestimmt wissen, die, einmal gewählt, sich weder den Bürgern gegenüber verantworten muss noch schnell wieder abgewählt werden kann.

Max Bill schätzt das eine „Gebiet, auf dem wir wirklich die Freiheit haben, […] und das ist das Gebiet der Kunst.“ Es wird zunehmend deutlich, dass Beuys‘ Gegner – und sicher nicht nur die am Tisch – den Gedanken, dass menschliche Disziplinen nicht zu trennen sind, grundsätzlich ablehnen und sich das Gespräch daher im Kreis dreht. Selbst, wo man aufeinander eingehen kann, sich beipflichten kann, bleibt der gravierende Unterschied in der grundsätzlichen Haltung dem menschlichen Zusammenleben gegenüber: „nur“ geführt von einigen Wenigen, die selten aus hehren Gründen und mit hehren Zielen an die Weichenhebel gelangt sind oder sich mit allem, was man denkt, sagt und tut verantwortungsvoll einbringen als genau so gestaltendes Gesellschaftsmitglied wie jedes offiziell gewählte.

Joseph Beuys stellt als Künstler die Grundsatzfrage nach einem für alle funktionierenden Gesellschaftssystem, „um auf der Welt bessere Verhältnisse zu erarbeiten.“ Dabei sieht er den Menschen als zwar individuelles, aber eben auch Gemeinschaftswesen in ständiger Verhandlung mit den umgebenden Mitmenschen: „Das ist mein Vorschlag; wie stehst du dazu?“

Er spricht beispielhaft die Notstandsgesetze an, die die Grundrechte aushebeln; der Bürger lässt es geschehen. „Er muss doch allmählich erkennen, dass er sich selbst bestimmen kann, dass er also das, was im Grundgesetz steht, auch anwenden kann. […] Er muss allerdings auch wissen, dass er Gleichberechtigung praktizieren muss, dass also nicht eine Revolution sein darf, die sozusagen wieder eine Minderheit zum Zuge kommen lässt, und die Besiegten dann sozusagen an die Wand stellt, wegputzt, sondern dass Gleichberechtigung herrscht für jede Meinung, und das muss sich bewähren.“

Als nach anderthalb Stunden die Gesprächsrunde zum Ende kommt, fragt Beuys: „Soll das Publikum sich nicht an der Diskussion beteiligen?“ Aber die Zeit ist um; Max Bill murmelt mit leicht verschmitztem Gesicht etwas von „Licht aus, Scheinwerfer aus“. „Sollen wir nicht Rücksicht nehmen auf Menschen, die sich melden aus dem Publikum und etwas zu sagen haben?“ fragt Beuys erneut.

Es folgt eine Überblendung, durch die man nicht sieht, ob die Publikumsfragen gehört wurden; Wieland Schmied schließt die Diskussionsrunde.

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Andres Veiel zeigt den Künstler in seiner mit Hilfe unzähliger Bilder montierten „Beuys“-Dokumentation geprägt von Natur- und Kriegserlebnissen, wobei ich es entgegen einer ZEIT ONLINE-Rezension aus dem vergangenen Jahr tatsächlich unerheblich finde, ob, wie viel oder was der Kriegsheimkehrer erfunden hat – er musste Kriegserlebnisse verdauen. Ob alles eine „Lebenslüge“ war, weil er Hitlerjunge war, wie es andernorts heißt… ich wage kein Urteil, ebenso wenig darüber, warum jemand, der Kriegsgräuel gesehen hat, später nicht darüber erzählt. Joseph Beuys hing Rudolf Steiner an, heißt es, und Rudolf Steiner war einer, an dem sich die Geister schieden. Ich weiß zu wenig über beide, um da eindeutig eine völkische Gesinnung zu diagnostizieren (die ich ablehnen würde). Ich kann mir aber vorstellen, dass einiges an menschlich nachvollziehbaren Anregungen so von Steiner zu Beuys geflossen ist, wie jetzt von Beuys zu mir. Ob der Künstler ein guter oder schlechter Pädagoge war – ich kann es nicht sagen, genau so wenig, wie der „Mythos Beuys“ entstanden ist; warum ihm einige geradezu jüngerhaft folgten, wie es immer wieder heißt.

Der Film zeigt einen Menschen, durchlässig und beinahe durchsichtig, eine „offene Wunde“. Rhea Thönges-Stringaris, eine mit Beuys befreundet gewesene deutsch-griechische Kunsthistorikerin, sagt an einer Stelle, wie vernünftig Beuys ihr sofort erschienen wäre: „[…] der erste vernünftige Mensch, den ich überhaupt treffe […] auf den kannst du dich total verlassen.“

Vielleicht ist die angestrebte Durchlässigkeit der Disziplinen das, was Joseph Beuys ihr so vernünftig erscheinen ließ, und vielleicht haben seine Gegner, die das als „Verwässerung“ empfunden haben und empfinden – der Begriff muss gar nicht negativ sein; Adrienne Goehler nennt ihr 2006 erschienenes Buch zum gleichen Thema „Verflüssigungen“ – nur noch nicht das schon damals geltende Gebot der Stunde begriffen: Zusammenhalt und Mitgestaltung. Das politische System der Parteien-Demokratie halte ich mit Beuys für überholt; es zeigt sich jetzt schon jahrzehntelang, wie die Gesellschaften länderübergreifend mit neoliberaler Grundrichtung in Führung und Teilen der Bevölkerung wegdriften von der Idee, es für alle immer besser zu gestalten. Das, was unsere Vorfahren erwirtschaftet und errungen haben kommt weder in Produktionsgütern noch Geldmitteln all ihren Nachfahren zugute, aber das scheint die Meisten nicht zu stören. Es geht sogar so weit, dass schon diejenigen als die mit der exotischen Meinung gelten, die das immer weiter fortschreitende abgehängt-Sein so vieler Menschen nicht als vollkommen natürliche Entwicklung sehen, weil, so das Gegenargument „es immer welchen schlechter gehen muss und eine totale Gleichberechtigung aller Menschen nie zu erreichen“ sei. Es wird aber auch nicht genug für tatsächliche Aufklärung getan, weil tatsächliche Bürgermündigkeit von den Herrschenden offensichtlich nicht gewollt ist. In den Schulen würden nicht mehr die Geschichtsbücher gewälzt, von denen geschrieben, die die Kriege gewonnen haben, sondern es würde neben dem, was in Erinnerung bleiben muss, sehr konkret die heutige Weltpolitik angesprochen, deren Teil unser Land ist. Die Rolle der Medien, hierzulande größtenteils durch nur wenige reiche Familien vertreten, die der Regierung mindestens nahe stehen, hätte eine sehr viel größere Betrachtung nötig, als es offensichtlich der Fall ist; kein Lehrer dürfte irgendjemanden, der zur Aufklärung beitragen möchte, als „VerschwörungstheoretikerIn“ abtun, sondern müsste die unterschiedlichen Ansichten wertfrei diskutieren und die heranwachsenden Gesellschaftsverantwortlichen zum selbst-Denken und sich-Einbringen animieren. Stattdessen wird offensichtlich gerne hingenommen, dass große Teile der Bevölkerung scheinbar auch kein Interesse an einer für sie positiven Veränderung haben – und/oder den Glauben an ihre Wirkmächtigkeit verloren haben.

Es heißt immer, es ginge nicht „von jetzt auf gleich“. Aber wie viele Anläufe sind schon gemacht und verworfen, verraten, verkauft worden? Die Grünen, die Beuys mitbegründet hat, haben sich und ihre Wähler verraten, indem sie von der Friedenspolitik und in Umweltfragen nicht nur abgewichen sind, sondern sogar die Kehrtwende vollzogen haben. Ich bezeichne diese Partei als die für mich bislang größte politische Enttäuschung, nachdem sie so hoffnungstiftend begonnen hat.

Ja, ich verstehe Politikverdrossenheit gut. Aber sie ist nicht die Lösung für eine Gesellschaft, egal, ob man daran glaubt, dass Wahlen etwas verändern oder nicht. Es beginnt bei der Auseinandersetzung jedes Einzelnen und endet nicht bei der Stimmabgabe alle paar Jahre.

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Ich würde selbst nicht – weder bei der Kunst von Joseph Beuys noch der eines anderen – von Antikunst sprechen, genau so wenig von Provokation. Zwar „darf“ sich jedeR selbst das Etikett anhängen, das er oder sie treffend findet, aber ich deute die Begriffe anders als er. Beuys provoziert mich nicht, er stößt mich an, fordert und fördert das Hinterfragen. Das, was er Antikunst nennt, ist einfach nur Kunst in der damalig neuen erweiterten Form. Der Begriff „Antikunst“ schafft eine Trennung, die nicht im Beuys’schen Sinne gewesen sein kann, da sie eben – sie hat’s im Wort – gegen etwas gestellt ist und so scheinbar nicht miteinander etwas schaffen will. Die Verantwortung zu Co-Kreativität ist heute dringender denn je, und Joseph Beuys‘ Anliegen könnten nicht aktueller sein.

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https://www.erziehungskunst.de/artikel/standpunkt/seele-richte-dich-auf/

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http://www.michaelluethy.de/scripts/arnold-gehlen-mensch-maengelwesen-kunst-funktion/

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http://www.deutschlandfunkkultur.de/neu-im-kino-beuys-andres-veiel-schafft-meisterhaftes.2150.de.html?dram:article_id=386448

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https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=1813576485360023&id=100001230675879

(„Die Aachener Grünen unterstützen unseren Protest gegen Emmanuel Macron NICHT. Heute ist in der AN zu lesen ‚Die Grünen … wollen hingegen nicht zur Teilnahme an den Protesten aufrufen.‘ ‚Wir begrüßen die Preisverleihung an Macron‘, sagt Fraktionsgeschäftsführer Helmut Ludwig, wobei man sich vor allem Macrons Europapolitik verbunden fühlt.“ – so ‚Stop Tihange‘ auf ihrer facebook-Seite. Das wird eingeleitet durch folgenden von mir geteilten Kommentar: „#Bündnis90/#DieGrünen – Atomkraft – nein danke! Der Kampf für den Atomausstieg ist doch bis heute das Kernthema der Grünen. Hat sich daran irgendetwas geändert, was unbemerkt an mir vorbeigegangen ist?“)

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https://www.nachdenkseiten.de/?p=40414

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https://kenfm.de/von-krieg-zu-frieden-vortrag-eugen-drewermann/

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Die Welt in 100 Jahren

Auch vor dem Hintergrund der auf der Münchner Sicherheitskonferenz offensichtlichen Unsicherheits- und Aufrüstungstendenzen:

Was ist in Zukunft wichtig? Zusammenfühlen, -denken und -arbeiten oder Ausschlussdenken und Konkurrenz?

Jedes Gebiet kann man daraufhin abklopfen: Familie, Kindergarten, Schule, Freundeskreis, Berufsumfeld, Freizeitgestaltung, Gesellschaft, Politik… Ich klopfe hin und wieder „Kunst“ daraufhin ab, inwiefern sie den Menschen dient, gemeinsam weiterzukommen; weiter im Sinn einer empathischen Weiterentwicklung, die tatsächlich niemanden zurücklässt oder ausschließt. Ich stelle fest, dass das beinahe nur noch der Fall ist, wenn diese Menschen Kinder sind oder Kunst zur Therapie eingesetzt wird – selbstverständlich nicht ernst genommen vom weit entfernten Marktgeschehen, aber in meinen Augen im Gegensatz dazu tatsächlich wertvoll.

Menschen, die in eine Welt geboren werden, in der es vorrangig um immerwährendes Wachstum (als gäbe es das!) und Gewinnmaximierung geht, werden kaum Chancen haben, sich dem Einstieg in die Hamsterräder zu widersetzen, wenn da niemand Alternativmodelle anbietet, die zu überzeugen in der Lage sind. In einer Welt, in der die Ungerechtigkeiten so apathisch hingenommen werden, fällt es schwer, daran zu glauben, dass ernsthaft und mit ausreichend vielen Menschen solche Modelle erarbeitet werden und irgendwann zum Einsatz kommen.

Einer derjenigen, der die Anleitung junger Menschen, der Lernen anders denken kann, ist Gerald Hüther:

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Haben wir immer nur diesen einen Moment? Und: wer sind wir eigentlich?


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Im kürzlich angelaufenen Kino-Film „Your Name.“ ist eines bald kein Geheimnis mehr: zu wissen, dass das Mädchen Mitsuha und der Junge Taki einem Körpertausch unterliegen, der mehrmals in der Woche, aber immer nur für einen Tag geschieht, ist unerlässlich, um die Geschichte verfolgen zu können.
Mir war klar, dass ich den Film mögen würde, und zwar nicht, weil er ein Anime ist; ich fürchtete, dass ich mich zu sehr an die Anime-„Heidi“ meiner Kinderjahre erinnert fühlen würde oder an „Nils Holgersson“. Doch die beiden „alten“ Helden waren rasch vergessen. Ich wunderte mich auch nur kurz, warum selbst asiatische Menschen in einem asiatischen Film kaum asiatisch aussehen… – dann fing mich die Geschichte ein.
Klar war mir, dass ich den Film mögen würde, weil ich das Grundthema kannte: den Gestaltenwandel der Hauptfiguren verbunden mit dem Spiel der Zeitebenen. Beides fasziniert mich, zweitrangig, wie es umgesetzt ist.
Hannah Pilarczyk schreibt bei SPIEGEL ONLINE:
Mit dem Gestaltenwandel macht der Film jedoch nicht vor sich selbst halt. Kaum hat man sich in das bezaubernde Geflecht aus Takis und Mitsuhas Leben verstrickt, wandelt sich Your Name selbst und streift die Hülle der Coming-of-Age-Komödie ab. Was der Film danach wird, soll hier nicht verraten werden, denn es zu entdecken, gehört zu den schönsten Überraschungen, die man seit Langem im Kino erleben kann. Nicht festgelegt zu sein – auf das eine Genre oder die eine Zielgruppe – ist auch das, was Your Name so herausragen lässt.“
Nicht festgelegt zu sein – auch das fasziniert mich in seinen verschiedenen Möglichkeiten. Nicht festgelegt im Denken zu sein, offen für Aspektwechsel zu bleiben, das wünsche ich mir für mich. Nicht festgelegt im Sein zu sein, das wäre schön, denn es veränderte Hoffnung ins beinahe Grenzenlose. Als ein Mensch, der nicht an Wiedergeburt in den gängigen Definitionen glaubt, wäre ich sicher ähnlich erschrocken wie Mitsuha und Taki – oder Sofie Amundsen und Hilde Møller Knag. Jostein Gaarders Sofie muss nach etlichen seiner Romanseiten feststellen, dass nicht sie die reale Person ist, sondern die für Fiktion gehaltene Hilde. So den „vermeintlich sicheren Platz in der Welt in Frage“ stellen zu müssen, wie es die Wikipedia formuliert, kann sicher schockierend sein. Es ab und an freiwillig zu tun, kann nur persönlich zu begreifende, bereichernde Weiterentwicklung sein.
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Das ist musubi, denke ich.
Ob nun Wasser, Reis oder Sake, alles, was man dem Körper zuführt, nennt man ebenfalls musubi.
Denn alles, was in den Körper kommt, stellt eine Verbindung zur Seele her.
An jenem Tag hatte ich mir vorgenommen, mir das zu merken, um es beim Aufwachen noch zu wissen. Versuchsweise sage ich es laut: ‚… sich verdrehen und verwickeln, gelegentlich zurückkehren und sich wieder verbinden. Das ist musubi. Das ist die Zeit.‘ “
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http://www.spiegel.de/kultur/kino/anime-meisterwerk-your-name-in-dir-finde-ich-mein-glueck-filmkritik-a-1186885.html
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http://www.zeit.de/kultur/film/2018-01/your-name-animefilm-makoto-shinkai-japan-bilddaten-your-name-animefilm
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https://www.youtube.com/watch?v=twVtDMVShTs
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https://books.google.de/books?id=ZVMzDwAAQBAJ&pg=PT144&lpg=PT144&dq=was+ist+musubi&source=bl&ots=1ARmeDpfMa&sig=oZzvfGoo76ZIQpGpbewVKSEIL3s&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjA4vDk_4HZAhWIyqQKHWq8Cb8Q6AEIRTAE#v=onepage&q=was%20ist%20musubi&f=false
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Was wir alle draus machen

http://www.xing-news.com/reader/news/articles/1079689?cce=em5e0cbb4d.%3AeE_8hx4se20pYOOiFbfnAF&link_position=digest&newsletter_id=28960&toolbar=true&xng_share_origin=email

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Ist es nicht, was wir alle draus machen?

Ich sehe die facebook-Situation so ähnlich wie meine übrigen Sozialkontakte: wenn mehr oder weniger offene Ablehnung stattfindet, setze ich mich sachlich auseinander oder bleibe friedlich weg; es gibt Smalltalk, der richtig nett ist und durchaus nützlich für ein grundsätzlich wohlwollendes Miteinander, und es gibt tiefer gehende, sehr konstruktive Äußerungen, aus denen manchmal – vielleicht zu selten – äußerst fruchtbare Gespräche entstehen.

Mir ist völlig klar, dass facebook ein gewinnorientiertes Unternehmen ist, das unsere Daten abgreift und nicht an einer „besseren Welt“ interessiert ist. Ich empfinde es aber als schwierig, eine Sache, die alles sein kann, die man als Nutzer so oder anders ausgestalten kann, in Bausch und Bogen zu verurteilen. Insofern klingt Palihapitiyas Bedauern in meinen Ohren überzogen:

„Ich denke, wir haben Tools geschaffen, die die Struktur unserer Gesellschaft auseinanderreißen […] Die kurzen, von Dopamin gesteuerten Feedback-Schleifen, die wir kreiert haben, zerstören, wie die Gesellschaft funktioniert.“

Und weiter heißt es auf Xing: „Durch die Pseudo-Interaktion auf die geposteten Inhalte finde kein ziviler Diskurs und keine Kooperation mehr statt; stattdessen dominierten Fehlinformationen und Unwahrheiten [als] ‚ein globales Problem‘.“

Sind wir nicht alle gefragt, das mitzugestalten? Wie stellen wir uns zu den Dingen; wie leiten wir beispielsweise Kinder und Jugendliche an? Wie gehen wir damit um, dass es überall um Profit geht und alle dem ausgesetzt sind; wie gehen wir beispielsweise mit Werbung für Kinder und Jugendliche um, die legal jeden Tag stattfindet, ob mit oder ohne facebook?

Was tun wir beispielsweise in Schulen dafür, dass es irgendwann vielleicht zwar genauso fies wie heute ist, es mit Social Bots zu tun zu haben, ihnen aber dadurch ein Stück ihrer Macht genommen wird, indem junge Menschen angeleitet werden, weniger impulsiv auf kurze Schlagsätze anzuspringen und das Auseinandersetzen nicht zu verlernen, immer wieder das selbst-Denken zu trainieren, um die Karren erkennen zu können, vor die sie gespannt werden sollen, wenn sie vor solche gespannt werden sollen? (Ich entschuldige mich aufrichtig für diesen Satz!)

Ob „ziviler Diskurs“ stattfinden kann, dazu schaffen doch wir die Bedingungen! Ob wir kooperieren, uns zusammenschließen, das entscheiden doch wir!

facebook ist und bleibt ein kapitalistisches Unternehmen. Ich stelle mir aber vor, wie viel gewonnen wäre, würden all die, die nicht an einer verbalen Prügelei interessiert sind, diese Stränge dort ver- und die Wort-Hooligans unter sich zurücklassen. Und möchte man bleiben: dass man in aufflammender Wut nicht in diesem Gefühl antwortet, sondern den oft wichtigen Zorn in Argumente und Sachlichkeit ummünzt. Wenn möglichst viele darauf achteten, würde das sowohl den Bots als auch den Trolls Macht entziehen. Ich stelle mir vor, dass jeder, der sich dort bewegt, es sowohl thematisch als auch im Umgang miteinander so ausreichend ernst nähme, als sei er nicht virtuell unterwegs, denn für viele macht das einen Unterschied. Doch: kaum jemand käme auf die Idee, sich im Bus in das Gespräch hinter ihm einzumischen, obwohl man jedes Wort versteht. Und machte es eine Einmischung nötig, drehte man sich ja auch nicht sofort mit den Worten ‚Sie Blödmann haben ja keine Ahnung!‘ um.

Es ist so viel Gutes mit diesem Medium möglich, ob Privatunternehmen oder nicht. Und höchstwahrscheinlich ist es nur als Privatunternehmen mit Gewinnerzielungsabsicht in diesem weltumspannenden Umfang realisierbar; wohlmeinende Einzelpersonen, die ein gemeinnütziges Unternehmen dieser Reichweite führten, kämen ja mit der Kontrolle gar nicht hinterher oder wären schon arm geklagt. Niemand würde das auf sich nehmen.

So bleibt uns nur der wache Blick, wieder einmal, wenn wir unsere guten Dinge nicht aus Scheu vor Eigenverantwortung opfern wollen.

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„Die Sprache kann der letzte Hort der Freiheit sein“ 

http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=70095

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„Ansichten eines Anarchisten“

Die christlichen Kirchen in Deutschland haben im Nationalsozialismus versagt und sich schuldig gemacht; darunter leidet der gläubige Heinrich Böll.

Es ist geradezu ekelhaft, wie Widerständler als Gegenargument ins Feld geführt werden, die sich allerdings (nach Böll) ihrem Gewissen und nicht der Kirche gegenüber verpflichtet fühlen.

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„Ich hasse den Krieg […] er ist so völlig sinnlos.“

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Welche Rolle spielen die tragenden Säulen/wichtigen Köpfe der Gesellschaft nach dem 2. Weltkrieg? (Stichwort Funktions“eliten“; es sind nicht auf einmal alle demokratisch gestimmt…) 

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Böll stellt sich gegen Aufrüstung und Wiederbewaffnung, Kanzler Adenauer ist dafür; dieser argumentiert mit Freiheit, und die Kirchen unterstützen ihn, weil sie sich gegen den eher atheistischen Osten behaupten wollen. Es ist also für die Kirche eine Frage der Macht und nicht die einer ethisch korrekten Haltung.

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Die Kirchensteuer verrechtlicht das Verhältnis zur Religion, und Böll verurteilt auch das. Und er kritisiert die „sinnentleerten Rituale“ der Kirche.

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Dass Konsum zur Entsolidarisierung des Menschen führt, nahm in den Wirtschaftswunderjahren seinen Anfang, und diesbezügliche Warnungen wurden wahrscheinlich nur allzu gerne in den Wind geschlagen. Ich will nicht „heute“ sagen, aber durch die Zeit sieht man, was Konsum als „neue Gottheit“ angerichtet hat. Die Entsolidarisierung geht über einzelne Personen hinaus, ergreift ganze Länder und lässt die ganze Welt in ein immer stärkeres Ungleichgewicht kippen.

Wo die Ungleichheit, die soziale Ungerechtigkeit – Lebensentscheidungen in jungen Jahren können sich auch in reichen Ländern später als in diesem Sinne falsch herausstellen, selbst, wenn sie an sich nichts „Falsches“ haben (soziale Berufe: Alten- und KrankenpflegerInnen, Berufssparten, die sich verändern: Verlagswesen, Berg- und Autobau, Versicherungs- und Bankangestellte, um nur ein paar Beispiele zu nennen) – mit Händen zu greifen ist, haben Politiker, die eine totalitäre Haltung vertreten, wieder Chancen.

Bölls Warnung vor Totalitarismus ist hochaktuell; für mich ist wünschenswert, wenn man es als wichtige Warnung begreift und danach spricht und handelt; Stichwort (heutiger möglicher nötiger) Widerstand, der oft als übertrieben gehandelt und daher manchmal an Stellen vermieden wird, wo er hingehört. Als kontraproduktiv empfinde ich dabei allerdings, wenn Menschen sich in Gesprächen weder aussprechen lassen noch dem anderen zuhören; so ist die „rechte Ecke“, die es leider selbstverständlich gibt, ein gern genommener Sammelort auch für Menschen, die unbequeme Wahrheiten ansprechen. Die Kunst liegt darin, echte Fremden- gleich Menschenfeindlichkeit zu erkennen und davon zu unterscheiden. Je länger ein Gespräch dauert, je mehr Zeit man sich nimmt, desto klarer werden menschliche Grundhaltungen.

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„Die Sprache kann der letzte Hort der Freiheit sein“, sagt Heinrich Böll.

Ihm wird Terrorismusempathie unterstellt, weil er die Werte des Grundgesetzes auch auf Terroristen angewandt sehen will, dem Wort also für alle Menschen dieselbe Bedeutung zugesteht. Wie kann er es mit diesem Argument in Diskussionen schwer gehabt haben…? Wie argumentierten seine Gegner?

Vielleicht würde „ein Böll“ heute ganz gut tun, sagt Wolfgang Niedecken, und ich sage: selbstverständlich! Aber ich sage auch: wir hatten immer Mahner und haben sie; der letzte, der mir spontan einfällt und an den ich mich lebhaft erinnere, war Roger Willemsen. Man muss die Mahner nur sehen und hören, wenn sie da sind, und nicht jedes Mal das Gleiche beklagen, als wäre es neu.

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http://signaturen-magazin.de/heinrich-boell–die-sprache-als-hort-der-freiheit.html

Auszug aus einer Rede von 1958:

„Es mag Ihnen merkwürdig erscheinen, daß einer, der sich als leidenschaftlicher Liebhaber der Sprache bekannt hat, hier eine Rede hält, die nur düstere politische Prognosen zu enthalten scheint, aus Vergangenheit und Gegenwart Worte auswählt, die tödlich gewirkt haben oder tödlich wirken können, die Zukunft aus Worten beschwört; aber der politische Akzent solcher Beschwörungen und Erinnerungen, das Mahnende und Drohende, kommt aus dem Wissen, daß Politik mit Worten gemacht wird, daß es Worte sind, die den Menschen zum Gegenstand der Politik machen und ihn Geschichte erleiden lassen, Worte, die geredet, gedruckt werden, und es kommt aus dem Wissen, daß Meinungsbildung, Stimmungsmache sich immer des Wortes bedienen. Die Maschinen sind da: Presse, Rundfunk-Fernsehen, von freien Menschen bedient, bieten sie uns Harmloses an, beschränken sich aufs Kommerzielle, Werbung, Unterhaltung – aber nur eine geringe Drehung am Schalter der Macht, und wir würden erkennen, daß die Harmlosigkeit der Maschinen nur eine scheinbare ist.“

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Rainer Mausfeld: Wie Machteliten Meinung und Demokratie steuern: https://www.youtube.com/watch?v=LBndWYhld40

Philipp Möller: „Ohne Religion wäre die Welt besser dran“: https://www.youtube.com/watch?v=PV8tUv-6X8Q

Iris Radisch zu Roger Willemsens: „Wer wir waren“: http://www.zeit.de/2016/51/roger-willemsen-wer-wir-waren

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Kunst für Klima

Ein weiteres Beispiel für das breite Wirkungsfeld der Kunst, die sich nicht in um sich selbst kreisendem Blenden erschöpft: die Yes Men auf der Weltklimakonferenz in Bonn:

http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/westart/video-david-gegen-goliath-das-aktivisten-duo-yes-men-beim-klimagipfel-100.html

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http://theyesmen.org/

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cof

 

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Gegen „Die Vergeblichkeit von allem“

Arundhati Roy – Das Ministerium des äußersten Glücks

Die etwas andere Rezension

 

Das Ministerium des äußersten Glücks wollte ich lesen, seit ich wusste, dass es erscheinen würde. Ich habe Arundhati Roys Roman-Debut Der Gott der kleinen Dinge vor 20 Jahren verschlungen und nenne die Geschichte immer noch eine der traurigsten und schönsten, die ich jemals gelesen habe.

 

Einräumen muss ich, dass, wenn ich mir Das Ministerium… nicht als Hörbuch zu Gemüte führen, ich bei der Lektüre wohl scheitern würde; zu vielschichtig sind die Ebenen, zu verwirrend die vielen Orts- und Personennamen. Gabriele Blum, die das Hörbuch eingesprochen hat, hilft mit ihrer ruhigen Stimme und ihren Betonungen sehr, das Beschriebene nachzuvollziehen.

 

Die „Süddeutsche“ schreibt: „Roy ist wie eine Kartografin, die Kaschmirs Geschichte im Maßstab 1:1 darstellen will, scheitert und es dann widerwillig mit 1:10 versucht. Sie häuft Charaktere und Orte an, historische und erfundene Ereignisse, Nachrichten und Halluzinationen, je mehr, desto besser. Doch ihr mimetischer Versuch geht nicht auf. Chaos lässt sich nicht durch literarisches Chaos wiedergeben – und Gewalt nicht durch literarische Aggression anprangern.“

 

ZEIT ONLINE stößt in ein ähnliches Horn: „Doch Arundhati Roy ist es mit dem Glücksthema, mit dem Glücksverlangen vollkommen ernst. Die Schwächen ihres Romans und auch ihres Aktivistinnentums hängen genau damit zusammen: Ihr Bewusstsein der permanenten, brutalen Glücksverweigerung in Indien und sonst auf der Welt ist so scharf, dass die Dokumentation von Unmenschlichkeiten den Erzählfluss verstopft und die moralische Empörung die politische Analyse überwältigt.“ Immerhin untertitelt der Autor des Artikels „Die Chronistin des Grauens“, Jan Roß, mit „Was für ein misslungenes und gleichzeitig großartiges Buch!“ und schließt mit folgenden Worten:

 

„Indien, mit seinem Chaos und seinen Widersprüchen, mit seiner abenteuerlichen Spannweite zwischen quasimittelalterlichem Landleben und hypermoderner IT-Ökonomie, bedeutet die ultimative Überforderung durch eine bedrängende Realität: Die Versuchung, vor dem Angriff der Tatsachen in Deckung zu gehen, sich aus dem unverdaulichen Ganzen bequeme Teilwahrheiten herauszusuchen, ist fast übermächtig. Aber man kennt sie auch außerhalb Indiens. Dem tritt Arundhati Roy mit ihrem Projekt einer schutz- und filterlosen Wahrnehmung entgegen, die vom Antiterrorkampf des frühen 21. Jahrhunderts bis zu den Teeblättern auf der Schnauze eines Hundes alles umfasst. Das Ministerium des äußersten Glücks ist eine Lektion in der Kunst, die Augen offen zu halten.“

 

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Eigentlich wollte ich das letzte Zitat ans Ende meines Beitrags stellen; nun befindet es sich mittendrin. Eigentlich wollte ich persönlicher beginnen; nun befindet sich der „persönliche“ Part ebenfalls mittendrin. Eigentlich wollte ich mit dem Beitrag warten, bis ich zuende gehört habe; nun drängt mich das Viele bereits Gesammelte: Zitate, notierte Gedanken, Gefühle und das Telefonat mit einer Freundin über „die Vergeblichkeit von allem“ sofort an die Tasten.

 

Ich habe Schwierigkeiten, allzu persönlich zu werden in meinen Beiträgen. Ich halte es oft für unnötig. Normalerweise mache ich es so, dass ich mit Stichworten arbeite, die ich mir zu einem Thema, zu einem entstehenden Beitrag notiere. In diesen befindet sich jede Menge auch persönlicher – treffender wäre fast der Begriff „privater“ – Gedanken; persönlich spreche und schreibe ich im Grunde immer. Aber meine Definition von „persönlich“ genügt vielen wohl nicht.

 

Durch das fehlende Private bediene ich kaum Voyeurismus, nicht die Neugier, die Viele erst Blogs verfolgen lässt. Das, was ich mir selbst auf die Fahne sowohl meines Netz- als auch meines „real life“-“Auftritts“ geschrieben habe, für friedliche Offenheit dem Mitmenschen gegenüber zu werben, ist unspektakulär. Es holt kaum jemanden hinter dem oft zitierten Ofen, sprich: aus seiner Komfortzone, hervor bzw. trifft mit meinem Interesse das seine. Ich werde kaum gehört, kaum gelesen, und wenn, erfahre ich es oft nicht. Mir würde es schon genügen, wenn jemand meiner MitleserInnen, der ähnlich empfindet und denkt, mal hinterlassen würde: du bist nicht allein… Stattdessen kommt anscheinend kaum jemand über meine ersten Absätze hinaus, und wenn, dann erlebte ich manchmal sogar Anfeindungen als Reaktion. Ich gebe zu: auch diesmal ist das „Persönlichere“ ein bisschen schwerer zu erreichen, weil der Beitrag nicht gleich damit beginnt. Aber es ist nicht versteckt, und ich habe keine Angst vor einer wie auch immer gearteten Reaktion, wenngleich ich mir natürlich respektvolle wünsche und nur auf solche antworten würde.

 

Ich liebe es, Dinge und Dinge, Dinge und Menschen und Menschen und Menschen miteinander zu verbinden, auch literarisch; das wird oft als Vergleich missverstanden. So vergleiche ich mich nicht mit Arundhati Roy, wenn ich empfinde und ausspreche, dass auch sie bestimmt Gleichgesinnte sucht, sowohl als Schriftstellerin als auch als Aktivistin – wie gern würde ich mit ihr darüber reden, um so viel lieber, als spekulierend zu schreiben! Sie fühlt sich nicht allein, wie sie im NDR-Interview sagt, aber wie geht sie wohl damit um, mit der Hoffnungslosigkeit durch die Jahrhunderte…? Im Gespräch mit Cornelia Zetzsche sagt sie: „Was geschieht mit einer Gesellschaft, die solche Dinge zulässt?“ Sie wird sich vielleicht manches Mal auch fragen: WARUM lassen Gesellschaften immer wieder zu, was Menschen einander an Schlechtem, an Bösem antun, warum lassen die einzelnen MENSCHEN es zu?

 

Meine Freundin tröstet mich am Telefon mit einem weisen Rat, aufbauend auf das, was ich sowieso schon so sehe: Gutes und Schlechtes geschieht gleichzeitig, immerzu. Ich möchte doch versuchen, nach dem Übergeordneten zu suchen, danach, was das Gute und das Schlechte einschließt. Ist es wie in der Natur? Grausamkeiten geschehen, und das bewahrt das Gleichgewicht…?

 

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„Dann kam die Teilung. Gottes Halsschlagader platzte auf die neue Grenze zwischen Indien und Pakistan, und eine Million Menschen starben an Hass. Nachbarn gingen aufeinander los, als hätten sie sich nicht gekannt, sich nie gegenseitig zu Hochzeiten eingeladen und nie die Lieder der anderen gesungen.“ [Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks; Interpunktion nach Gehör]

 

„Auf ihrem Banner stand: ‚Die Geschichte Kaschmirs: Tot: 68.000, Verschwunden: 10.000. Democracy or Demon-crazy?‘ Keine Fernsehkamera filmte das Banner, nicht einmal versehentlich. Die meisten, die sich für ‚Indiens 2. Freiheitskampf‘ engagierten, empfanden nichts weniger als Empörung über die Vorstellung von Freiheit für Kaschmir und die Unverfrorenheit der Frauen. Manche Mütter waren – wie manche Opfer des Gasaustritts in Bhopal – etwas erschöpft; sie hatten ihre Geschichte auf zahllosen Treffen und Tribunalen im internationalen Supermarkt des Leids erzählt, gemeinsam mit den Opfern anderer Kriege in anderen Ländern. Sie hatten öffentlich und oft geweint, und es hatte nichts genützt.“ [Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks; Interpunktion nach Gehör]

 

„Ich hastete nach Hause und wartete auf den Schock über das, was ich mit angesehen hatte [einen brutalen Lynchmord]. Seltsamerweise trat er nie ein. Der einzige Schock, den ich verspürte, war der Schock über meinen Gleichmut. Die Dummheit, die Vergeblichkeit von allem widerte mich an, aber irgendwie war ich nicht geschockt. Möglicherweise hatte meine Vertrautheit mit der blutrünstigen Geschichte dieser Stadt, in der ich aufgewachsen war, etwas damit zu tun. Es war, als wäre das Ungeheuer, dessen Anwesenheit wir in Indien ständig und intensiv spüren, plötzlich an die Oberfläche gekrochen, hätte aus tiefster Kehle geknurrt und sich genau so verhalten, wie wir es von ihm erwarteten. Nachdem es seinen Appetit gesättigt hatte, tauchte es wieder ab in seinen unterirdischen Schlupfwinkel, und die Normalität schloss sich erneut darüber. Wahnsinnige Mörder zogen ihre Giftzähne ein und kehrten zu ihren täglichen Aufgaben zurück, als Angestellte, Schneider, Klempner, Schreiner, Verkäufer,… das Leben ging weiter wie zuvor.“ [Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks; Interpunktion nach Gehör]

 

„Ihr Problem ist nicht Konfusion, nicht wirklich. Es ist eher eine schreckliche Klarheit, die außerhalb der Sprache der modernen Geopolitik existiert. Alle Protagonisten aller Konfliktparteien […] haben diese Verwerfungslinie gnadenlos ausgenutzt. Das ist einem perfekten Krieg dienlich, einem Krieg, der weder gewonnen noch verloren werden kann, einem Krieg ohne Ende.“ [Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks; Interpunktion nach Gehör]

 

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„Der Kapitalismus ist ein Raubtier, und wir müssen es gemeinsam jetzt bändigen.“ Milo Rau

 

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Auch Kritiker eines Systems befinden sich innerhalb dieses Systems.

 

Arundhati Roy hat später zuvor gewonnene Preise zurück gegeben, aber durch den Gewinn und die daraus resultierende Bekanntheit konnte sie erst wirksam werden.

 

Die Kritik an den Kritikern ist in meinen Ohren oft unberechtigt. Wie soll es für Systemkritiker denn möglich sein, zu agieren, wie machten sie es denn „richtig“? Es geht nur innerhalb der Welt, in der sie, wir alle, leben.

 

Die Kritik des ZEIT-Journalisten an Arundhati Roy, die politische Analyse käme im Ministerium… gegenüber der moralischen Empörung zu kurz, ist einerseits vielleicht gerechtfertigt, aber gibt es nicht schon genug Analysen dieser Art? Das Aufzeigen persönlicher Schicksale, das mitfühlen-Lassen ist sicher doch genau so gewollt!

Die Analysen sind da, die Erkenntnisse sind alle da. Es dürften nicht so viele die Ungerechtigkeiten der Welt hinnehmen, wenn man die Verantwortung der Regierungen ernst nimmt. (Und nimmt man sie nicht ernst, was Mode ist in manchen Gesprächen, was bedeutet dann diese – oft als coole Abgeklärtheit missverstandene – Lethargie?)

 

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Ich kann nicht hinnehmen, was Menschen einander an Grausamkeiten antun, ohne mich dazu zu positionieren. Obwohl so viele sagen, dass sich-Positionieren einem ja erstmal nichts abverlange, wundere ich mich, warum es in meinem Umfeld noch so wenige tun, zumal sie auch nichts darüber hinaus tun. Kann man sich nicht einfach einmal oder erstmal bestärken und damit das „Wir sind Viele“-Gefühl stärken, aus dem erst Widerstand erwachsen kann, Widerstand gegen Feindbilder, gegen Kriegshetze? Wem es mit friedlichem Zusammenschluss ernst ist, braucht nicht unbedingt einen Verein oder gar eine Partei, damit die Idee wirksam wird und Kreise zieht, dessen bin ich mir sicher. Das Problem ist, dass die Menschen es nicht voneinander wissen, dass sie offensiv für Frieden eintreten oder es in Zukunft tun wollen. Und kann man es von jemandem wissen oder weiß es gar, wird für diesen Menschen kaum oder gar nicht geworben.

 

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Unsere Vernetzung ist nicht die Lösung, sondern ein Anfang. Ich möchte die Menschen kennenlernen, vielleicht nur ein kleines ‚hallo‘ bekommen von dem einen oder der anderen, die mit mir auf demselben Weg sind. Ist das zu viel verlangt?
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https://www.br.de/themen/kultur/arundhati-roy-interview-ministerium-des-gluecks-100.html (Cornelia Zetzsche im Gespräch mit Arundhati Roy; auch zum Hören)

http://www.ndr.de/kultur/buch/Arundhati-Roy-Das-Ministerium-des-aeussersten-Gluecks,arundhatiroy106.html

(mit kleinem Film-Portrait der Autorin)

http://www.zeit.de/2017/32/arundhati-roy-das-ministerium-des-aeussersten-gluecks

https://www.femundo.de/urlaub-buch-film/das-ministerium-des-aeussersten-gluecks/

https://www.youtube.com/watch?v=dnXqJWt8ha8 (Gabriele Blum, die das Hörbuch eingelesen hat, im Interview)

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