Markttreiben

Der Begriff „Kreativität“ ist etwas abgenutzt, aber ich finde, er tut’s noch ziemlich gut!
Hier im Blog ist er ein paar Mal zur Sprache gekommen; ich habe hier und anderswo konstruktiv zu ihm gestritten.

Über die Schwierigkeit, den Begriff sauber zu definieren, erzählt u. a. die Wikipedia; der Artikel lässt ahnen, von wie vielen Seiten und unterschiedlichen Aspekten man der Kreativität begegnen kann.

Über das kreative Produkt heißt es dort:

„Eine subjektive Sichtweise jeder einzelnen Person ist in der Bewertung nicht auszuschließen, da jedes Individuum nach eigenen Kriterien bewertet, wenn es keine Normwerte zur Verfügung hat und keine allgemeingültige, weil bekannte und gleichzeitig gültige und verlässliche Definition von Kreativität zur Bewertung herangezogen wird. Das bedeutet, dass durch die mangelnde Definition des Begriffs die Wertung eines einzelnen Individuums fast immer subjektiv ausfällt. Erst durch eine (oft implizite) Einigung auf eine Definition und Maßstäben zur Messung von Kreativität ist eine Gruppe dazu in der Lage ist, Kreativität zu bewerten und zu messen. Dieser Vorgang unterliegt dabei auch immer dem Zeitgeist.“

Objektiv messen lässt sich Kreativität also nur sehr ungern. Aber wir haben alle eine Vorstellung von ihr.

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Kreativität bezeichnet nicht alleine Hobby-Kunst, obwohl diese darunterfällt.
Kreativität ist Lebenseinstellung und Fantasie Sie zeigt sich im Umgang mit schwierigen Kunden und wenn man in der Küche ein Gericht noch mal gerade so rettet. Wenn man in der Lage ist, ein Problem auch noch mal von einer anderen Seite aus anzugehen. Und manchmal lässt sie Bilder entstehen. Oder Bücher.

Die Autorin Melanie Lahmer weist in ihrem Blog deutlich auf etwas Wichtiges hin:
Auf einem Markt wird die Kreativität des Erschaffers, der Erschafferin oft so gelähmt, dass diese mitunter ihre Arbeit aufgeben.

Die Wikipedia schreibt:
„In der Kunst erfordert der hier geltende Innovationszwang, dass Kreativität mit Normenbruch, also dem Verstoß gegen tradierte Normen, einhergeht.“

Melanie Lahmer sagt:
„Alle wollen das neue, große Ding, mit dem man für die nächsten Jahre ausgesorgt hat – aber keiner traut sich aus seiner Komfortzone heraus.
Das führt zu der paradoxen Situation, dass Verlage zwar händeringend nach Neuem suchen, das Neue soll aber bitte nicht zu stark vom Gewohnten abweichen.
Und darunter leiden zuallererst wir Autoren. Denn unsere Figuren und Settings dürfen nicht zu ungewöhnlich sein, wir sollen aktuelle Trends bedienen und trotzdem noch etwas Eigenes einbringen (aber nicht zu viel, bitte!). Diese Vorgaben sind so diffus und gleichzeitig einengend, dass sie immer auch Einfluss auf unsere Geschichten haben. Manchmal fühlt man sich wie ein Pferd, das Hufe scharrend vor dem Gatter steht, das sich niemand zu öffnen traut. Man könnte ja aus Versehen im Galopp irgendetwas umreißen.“

Wohin soll ein Künstler ausweichen, den der Markt entweder gebrochen hat oder der zu den Bedingungen dort nicht arbeiten, aber trotzdem weiter künstlerisch tätig sein möchte? Zu dessen Persönlichkeit es untrennbar gehört, sich auf diese seine Weise auszudrücken?
Von mir selbst kann ich sagen, dass auch mich Schranken einschränken und Normen angleichen. Vorgaben geben auch mir etwas vor; ich kann nichts mehr selbst entwickeln, und unter Druck funktioniere ich allenfalls, aber das Wunder der Kreativität wird sich mit Sicherheit nicht ereignen! Es braucht das Spielen, die Ergebnisoffenheit.

Einem Markt, der auf Gewinn aus ist oder zumindest Verluste vermeiden soll, macht ergebnisoffenes Arbeiten Bauchschmerzen, was ich aus Marktsicht sogar verstehe. Der Markt ist Mechanismen unterworfen, die ihn zu dem System machen, das er ist. Würde er den Wachstums- und Konkurrenzgedanken aufgeben, würden Köpfe und Arme des Marktkörpers sterben.

Handel ist die Bestimmung des Marktes. Doch wie kann etwas so Flatterhaftes, manchmal Flüchtiges, Lehrendes, manchmal im Flow Erlebtes, manchmal hart Erarbeitetes, mit Zeit und auch sonst nicht objektiv Messbares wie Kreativität sinnvoll gehandelt werden?
Es ist, wie Luft an der Börse zu handeln, also entweder unmöglich, oder es braucht fast schon kleinkriminelle Energie, Menschen außerhalb der Gewinnzone die Mechanismen schmackhaft zu machen. KreativarbeiterInnen liegen oft außerhalb jeglicher Gewinnzonen.

Der Gewinn für jemanden, der seine Kunst leben möchte, hat oft nichts mit materiellem Gut zu tun.

Melanie Lahmer: „Für jeden Autor, der einen Vertrag wegen seiner schlechten Bedingungen nicht unterschreibt, kommt ein neuer nach, der ihn zu noch schlechteren Bedingungen unterschreibt und sich dafür eine Flasche Sekt öffnet. Das mit dem Jubel und dem Sekt kann ich natürlich gut verstehen, das habe ich auch gemacht. Aber leider hat man damit schon den ersten Schritt in Richtung Selbstaufgabe und fehlende Wertschätzung getan. Wer sich unter Wert verkauft, setzt damit automatisch auch einen Marker. Dann zeigt man, dass man zu allen möglichen Kompromissen bereit ist, solange man sein Buch veröffentlichen darf.
Denn eines ist klar: Wenn ich diesen Vertrag nicht unterschreibe, bekomme ich möglicherweise gar keinen. Und eigentlich wollen wir doch nur eines: gelesen werden. Und dafür brauchen wir Leser, die wir auf irgendeine Weise erreichen müssen – sei es durch Verlage und den Buchhandel oder ohne Verlag im Internet.“

Das habe ich mich oft gefragt: verraten KreativarbeiterInnen sich und ihre Gabe, wenn sie sie zum Verkauf stellen, Kompromisse machen? Ich tu mich schwer, jegliche Verantwortung bei ihnen zu suchen. Der eine wird es aus guten, gerade zitierten Gründen tun, jemand anderes wird es aus genau so guten persönlichen Gründen lassen. Ich tu mich schwer damit, zu akzeptieren, dass gerade die Energie der KreativarbeiterInnen mit solchen Fragen angefressen wird. Aber ich kenne sie gut…

In Gesprächen habe ich oft ein Szenario aufgemacht, bei dem ich davon ausging, dass man die Absurdität sofort erkennt: alle KreativarbeiterInnen, die nicht gut bezahlt werden, stellen die Arbeit ein. Ein Streik. Der ist nämlich bei der Vielzahl von zum Beispiel AutorInnen mit ihrer unterschiedlichen Haltung und der vielen unterschiedlichen Verlage nicht zu organisieren. Und was sollen MalerInnen tun, die vielleicht – ich weiß es nicht – noch zahlreicher sind? Ein Aspekt des Problems: KreativarbeiterInnen auf dem Markt unterscheiden sich nicht von denen anderswo. Ihr „Endprodukt“ kann das gleiche sein. Unter MalerInnen ist daher „Schwarzarbeit“ ein großes Thema. Doch warum wird das nicht so ernst genommen wie beispielsweise bei Fliesenlegern oder anderen HandwerkerInnen, warum klingt das eher lustig? Weil Kunst in der Gesellschaft noch nicht als akzeptiert angekommen ist? Oder weil Handel mit einer nicht messbaren, nicht objektiv bewertbaren Sache so schwierig ist?

Ich gehe so weit zu sagen, dass fairer Handel auf dem Parkett der Kreativarbeit nicht möglich ist. Weil Unvergleichliches zum Vergleichen – und Handel vergleicht immer – angeglichen wird. Weil Nischenprodukte, die sich nicht verkaufen, aber die es geben muss, um Individualität und Vielfalt zu würdigen, hintenüber fallen, in der wahrnehmbaren Welt nicht mehr vorkommen. Weil mit etwas gehandelt werden soll, das allen gehört wie die Luft, die wir atmen: Fantasie und unser individueller Ausdruck dieser Fantasie.

Melanie Lahmer: „Es ist hart und es bleibt hart und ich bin nicht optimistisch genug, um an eine Besserung zu glauben. Irgendwann fällt das bisherige System in sich zusammen, und dann bleiben vermutlich nur wenige übrig. Aber bis es soweit ist, schreibe ich weiterhin meine Geschichten und versuche, so gut wie möglich davon zu leben.“

Vielleicht – wenn sich der Mensch bis dahin nicht selbst vernichtet, was ich in der letzten Zeit öfter fürchte – gibt es mal eine Gesellschaft, in der unser Versorgtsein nicht an unsere Lebensidee gekoppelt ist. Wir uns nicht entscheiden müssen, ob wir Essen kaufen oder Stifte, ob zum Malen oder Schreiben. Die Kinder fürs Leben lernen und nicht dafür, ihr Leben lang der materiellen Versorgtheit hinterher zu laufen und gesellschaftlicher Ächtung unterliegen, wenn das nicht gelingt, und das Gelingen FÜR ALLE wird immer schwieriger.

Vielleicht, wenn wir alle in einem Punkt zusammenhalten: das, was unser Menschsein ausmacht, nicht zu verraten. Und das individuell, unterschiedlich.

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https://de.wikipedia.org/wiki/Kreativit%C3%A4t

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https://siegerlandkrimis.wordpress.com/2018/03/23/autoren-unter-druck-ii/

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Betreff: Kontakt von Frau Schneider

Gestern fragte eine Galerie an, ob ich nicht Interesse hätte, meine „großARTigen“ Bilder bei ihnen auszustellen; sie würden wunderbar in ihre April-Ausstellung passen. Oder in die von Mai. Oder in irgendeine andere zukünftige, alle schon terminiert und betitelt. Oder ich solle mir doch einfach auf ihrer Website eine aussuchen.

Früher hätte ich geantwortet. Nicht zustimmend, wie manche Leser jetzt vielleicht meinen könnten, nicht in freudiger naiver Erwartung kommender Unterstützung und Wertschätzung, sondern ich hätte gerne ausführlichst erzählt, warum ich mich auch gut selbst verarschen kann. Dazu brauche ich Frau Schneider nicht (die übrigens das Schreiben auch nicht durch ihre Unterschrift geadelt, sondern das man als ansonsten namenloses „Team“ unterschrieben hat).

Heute finde ich meine Antwort im Blog besser aufgehoben.

Was mich am meisten empört, ist die womögliche Geldschneiderei (wie passend!), die mit Menschen versucht wird, die eh keins haben, und wenn, dann sicher nicht durch ihre Kunst. Stellt man als No-Name im Internet aus, ist das einer der allerersten Schritte, sich von künstlerischer Seriosität zu verabschieden. Es wird Kreative geben, die das überrascht; den allermeisten wird diese Erkenntnis aber nicht neu sein. Und über eben diesen Weg habe besagte Galerie mich „zufällig“ gefunden. Man stelle sich das mal vor: zufällig! Und dann passen meine Bilder auch noch zufällig genau in die Ausstellung von April! Oder Mai. Oder in eine der übrigen zukünftig geplanten.

Ob sie tatsächlich Geld nehmen, weiß ich nicht; das geht aus der Website nicht hervor. Man muss aber davon ausgehen, und zwar nicht auf die Art, wie man es kennt: erst muss verkauft werden, ehe Geld geteilt werden kann. Und am Anfang steht eben das Vertrauen einer Galerie in den potenziell Ausstellenden, dass überhaupt Geld aus Kunden-Portemonnaies ins Haus fließt, weil der Kunde/Sammler sich etwas vom Kauf des Werkes verspricht. Und würde keine Arbeit dieser ganzen No-Names je verkauft: wie finanziert die Galerie wohl ihre Räumlichkeiten, den Strom, eventuelle Events, die dazugehören, will sie ihre KünstlerInnen wirklich „betreuen“ (Präsentation, Organisation – inkl. steuerlicher und rechtlicher Fragen – und Vermarktung)? Die Antwort kann nur sein: die armen Naivlinge, die auf bekannter-Werden hoffen, müssen monetär bluten.

Wenn man der Galerie mal zugutehalten will, dass es sich um eine sogenannte Primärmarkt-Galerie handelt, die durchaus neue, unbekannte KünstlerInnen ausstellt und verkauft, bleibt immer noch das Problem, dass sie mit mir jemanden angesprochen haben, der a) 50 Jahre alt ist, b) keine akademische Ausbildung hat, c) von dem sie nicht wissen, wie verlässlich er in welchem Turnus und in welcher Quantität „liefert“ – ja d): sie die Person eben überhaupt nicht kennen! Ich ziehe also das Fazit: weder die Galerie vertraut mir noch ich ihr, Geld ist weder für mich noch für sie zu erwarten, aber wenn, dann eher für sie, nämlich erst mal von mir. Und ich wäre gespannt, zu erfahren, wie diese Galerie potenziellen Käufern gegenüber meine „Marktentwicklung“ einschätzte – was absurd lustig ist, da es diese Entwicklung selbstverständlich nicht gibt, so dass auch potenzielle Käufer dieser Galerie zumindest nicht vertrauen dürften.

40 % der Galerien im deutschsprachigen Raum machen Verluste. Mich würde überraschen, gehörte diese hier nicht dazu. Ernsthaft interessieren würde mich, durch welche Finanzierungsart sie besteht; es steht nicht zu erwarten, bei Nachfragen eine ehrliche Antwort zu erhalten.

Was mich zusätzlich empört, aber worüber ich durch die ganzen Über’n-Tisch-Zieh-Versuche, denen man ausgesetzt ist – ob persönlich, per Telefon oder Mail/Brief – mittlerweile gelassener hinwegsehe, ist die dreiste Unpersönlichkeit der Ansprache.

Man kann nur hoffen, dass den allermeisten Angeschriebenen das auffällt und die dubiose „Galerie“ ihnen gestohlen bleiben kann.

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Unabhängig von all dem stelle ich durch die Jahre fest: es ist nicht planbar, ob, wie oder wann einen anderen Menschen meine ur-persönliche kreative Arbeit anspricht. Egal, ob sie sich in real existierenden oder in virtuellen Räumen zur Ausstellung befindet. Ob ich seriös, unseriös oder überhaupt nicht beworben werde beziehungsweise mich selbst bewerbe. Ob mich noch so viele loben oder mich monatelang weder Lob, noch Kritik, noch lediglich eine Frage zu meiner Arbeit erreicht.

Mein Bedürfnis, auszustellen, schwand mit dieser Erkenntnis zusehends. Die Menschen, die mich immer mal wieder fragten, „wann ich nochmal ausstelle“ waren sehr oft nicht die, die mir zur Zeit dieser Ausstellungen besonders viel Interesse entgegenbrachten, so dass ich die Frage nicht oder lediglich als Smalltalk verstehen konnte.

Ich habe immer öfter festgestellt, dass es die tatsächlich zufälligen Begegnungen waren, die eine gewisse Auseinandersetzung und manchmal sogar einen kleinen Austausch brachten. Ich bin sicher, dass, wenn etwas in der Erinnerung haften bleibt, es Bilder und Gespräche sind, die durch ein freiwilliges sich-Einlassen aus persönlicher subjektiver Motivation heraus betrachtet und geführt werden.

Ich denke nicht, dass ich noch einmal im klassischen Sinn ausstellen würde.

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„Freunde sind oft miese Kunden“ 

Hier könnt Ihr die Gedanken hinter der Überschrift kennenlernen, Euch selbst welche machen und gerne äußern:

http://www.sueddeutsche.de/karriere/freundschaftsdienste-freunde-sind-oft-miese-kunden-1.3716671

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Wertschätzung

„Warum versteckst du dich immer so?“ wird die elfjährige hochbegabte und hochsensible Paloma von ihrer Mutter gefragt. Diese wie auch der Rest der Familie ist nicht in der Lage zu erkennen, dass das Mädchen ihrer gefühlten Unsichtbarkeit in der Familie und im Leben nur eine äußere, dazu passende Form geben will.

Wirklich gesehen wird sie von Madame Michel, der Concierge des Wohnhauses, und auch Paloma „sieht“ diese. Renée Michel versteckt sich und ihre Interessen – zum Beispiel ihre Leseleidenschaft – wirklich, aber gegen das kindliche Begehren um Einlass in Wohnung und Seele kommt sie nicht an. Auch der gerade neu eingezogene Kakuro klopft an beides an, und so wird man in diesem bezaubernden Film in einen Mikrokosmos hineingezogen, dessen Personen zu entdecken ich als absolute Bereicherung empfunden habe.

Der Film ist frei nach Muriel Barberys Roman „Die Eleganz des Igels“ gedreht und ist meine herzliche Empfehlung für alle, die auch leisen Tönen gegenüber aufgeschlossen sind.

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Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit

Ich wünschte mir, dass Kunst so betrachtet würde, wie Mr. May die Toten betrachtet.

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Der Film von Uberto Pasolini aus dem Jahr 2013 zeigt Leben und berufliche Aufgabe von John May, einem „Funeral Officer“, der sich für die Londoner Kommunalverwaltung um die Beisetzung von Menschen kümmert. Diese Verstorbenen haben alle gemeinsam, dass sie schon zu Lebzeiten keine Angehörigen zu haben schienen; sie waren allein, einsam, gar verwahrlost.

Mr. May, der auch sehr zurückgezogen lebt, ist diese Aufgabe nicht nur Beruf, sondern Berufung. Geradezu hingebungsvoll kümmert er sich darum, etwaige Angehörige, ehemalige Freunde, Bekannte ausfindig zu machen, die vielleicht doch zur Beerdigung kommen möchten. Er reist zu ihnen und trägt sein Anliegen persönlich vor. Bei diesen Gesprächen nimmt er jede noch so unbedeutend scheinende Erwähnung auf, um seine Recherche fortzusetzen und erfolgreich abzuschließen. Für seinen Arbeitgeber bedeutet Erfolg nur, dass jeder „Fall“ möglichst rasch abgeschlossen wird. John May nimmt sogar manchmal Fotos oder andere Gegenstände, die sonst weggeworfen würden, aus den aufzulösenden Wohnungen an sich, um die Fotos in ein Album zu heften und mittels dieser und der anderen Dinge eine Grabrede aufzusetzen. Oft bleibt er der einzige Trauergast.

Im Begleitheft zur DVD wird der Regisseur zitiert: „Welchen Wert misst die Gesellschaft individuellem Leben zu? […] Ich denke, dass die Qualität unserer Gesellschaft im Grunde durch den Wert bestimmt wird, den sie ihren schwächsten Mitgliedern zuerkennt. Die Art und Weise, wie wir mit den Toten umgehen, reflektiert den Umgang in unserer Gesellschaft mit den Lebenden.“

In diesem Heftchen ist daher auch von den „Unbedachten“ die Rede. Wie leicht sie aus der Gesellschaft fallen, wie schnell sie vergessen werden. Wie einfach scheint es dagegen, Leute, die sichtbar sind, zu „bedenken“. Und wie oft werden sogar diese manchmal übersehen…

Wer Kunst so betrachtet, wie Mr. May die Toten betrachtet, der sieht auch den lebenden Menschen so. Wer den Mitmenschen so sieht, der kann im Miteinander kaum mehr etwas verkehrt machen. Denn er wird hinhören und hinsehen, um den anderen wirklich zu erfahren, ihn dann auch adäquat beantworten zu können. Viele scheinen ohne Anspruch, das Gesagte des Gegenübers erst einmal in dessen Sinn zu verstehen, was eine echte Begegnung im Gespräch mindestens erschwert.

Bei der Kunstbetrachtung gibt man eventuell zu früh auf, wenn man zum Beispiel nach rein ästhetischen Gesichtspunkten schaut; jeder kennt den Ausspruch „Das sagt mir nichts.“ Was ist, wenn man bei einer kreativen Arbeit zunächst ein inneres Schweigen wahrnimmt? Was, wenn man Abwehr wahrnimmt? Versucht man es einzusortieren, ehe man sich weg dreht? Wenn man es einsortiert bekommt und sich diese paar Sekunden mehr Zeit nimmt – „o.k., es sagt mir erstmal nichts…“, „o.k., es gefällt mir irgendwie nicht…“ – was geschieht dann mit dem Impuls, schnell darüber hinweg zu gehen? Kommen dann vielleicht von selbst die weiterführenden spannenden Fragen: „Bleibt das so, dass es mir ‚nichts sagt‘, auch wenn ich etwas länger schaue…?“ oder „Warum gefällt es mir nicht; woher kommt wohl diese Abwehr?“ Schon ist man mitten im Gespräch: mit dem Kunstwerk, darüber mit dem Menschen, der es geschaffen hat (vielleicht sogar mit ihm/ihr persönlich) und mit sich selbst.

Man „muss“ weder eine bestimmte kreative Arbeit noch einen bestimmten Menschen „mögen“ – Wertschätzung zeigt sich in grundsätzlichem Respekt.

https://www.youtube.com/watch?v=Ip8xK6Xq4ec – Der Trailer zum Film

 

 

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Kunst und Arbeit

Mit der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens setze ich mich jetzt schon ein paar Jahre auseinander. Ich habe viele Argumente dafür und dagegen gehört, Diskussionsrunden gesehen mit nach meinem Dafürhalten vernünftigen und unvernünftigen Ansichten auf beiden Seiten.

Wieso ich überhaupt begonnen habe, mich damit zu beschäftigen, lag nicht in meiner persönlichen Situation begründet, zumindest nicht auf den ersten Blick, denn ich bin erwerbstätig. Wenn ich aber aus dem Fenster sehe, kann ich mich dem Anblick nicht verschließen: aus der Arbeit entlassene Menschen, sich die Finger wund bewerbend und das ab einem gewissen Alter noch dazu absehbar erfolglos, von „Arbeits“agenturen“ verwaltete Menschen, denen man – wider eigenes besseres Wissen – verkaufen will, dass sie irgendwann wieder eine Anstellung auf dem sogenannten Ersten Arbeitsmarkt haben werden, junge Menschen in Südeuropa, die gar nicht erst auf den Arbeitsmarkt kommen. Entweder sie werden beschuldigt, „es nicht wirklich zu wollen, denn sonst hätten sie ja Arbeit“, oder sie werden bedauert im Falle der ganz jungen Arbeitslosen – ändern tut sich nichts. Kann es auch nicht, denn es ist nicht mehr zu tun da. Der Mensch entlastet sich durch Maschinen und immer rationellere Arbeitsabläufe, es wird immer weiter in diese Richtung investiert und geforscht, aber durch diese Entwicklung dann tatsächlich arbeitslos zu sein, ist ein Makel.

Wo noch jede Menge zu tun da ist, versorgen sich erst mal die Konzernvorstände und speisen Mitarbeiter oft mit Hungerlöhnen ab, wenn sie sie nicht entlassen. Krankenhäuser schauen auf eine Art auf Wirtschaftlichkeit, die unanständig ist, weit über das gebotene vernünftige Maß hinaus, das jedes Unternehmen anlegen muss, möchte es bestehen bleiben, und vergessen ethische Grundsätze – auch ihren Patienten gegenüber – manchmal ganz. Dass das Grundeinkommen Menschen in Prekärbeschäftigung stärkt, dass es z. B. einem Pfleger, der eine gesellschaftlich anerkannt wichtige Arbeit verrichtet und trotzdem bislang abgespeist wird, eine bessere Argumentationsgrundlage gegenüber seinem Arbeitgeber gibt, begrüße ich von Herzen! Es machte ein ganzes Stück freier.

Auf den zweiten Blick bin ich auch zumindest mittelbar betroffen von Nachteilen des derzeitigen Verdien-Modells.

Eine Hälfte meines Tages verbringe ich in einem Angestelltenverhältnis, gesellschaftlich anerkannt und bezahlt, die andere Hälfte in einem „Gesellschaftsarbeitsverhältnis“, gesellschaftlich aber lediglich anerkannt als mir vergönnter Müßiggang, denn nur ich selber gebe der Sache Wertschätzung durch verbrachte Lebenszeit. Dabei handelt es sich um Tätigkeiten, für die andere durchaus bezahlt werden; der Unterschied liegt eher im bewusst gewählten Hobby-Status gegenüber einer Profession als in den Dingen an sich. Soll bedeuten: entsteht bei mir ein Text, habe ich deswegen keinen Anspruch auf Geld, der Journalist aber (hoffentlich!) schon. Umgekehrt bekommt der Journalist es eher nicht bezahlt, wenn er mit noch so einem gelungenen Modell seine vielleicht unzähligen Bücher katalogisiert und verleiht.

Ich habe Malerei nicht studiert, aber wollte ein Bild schaffen, das auf einen drohenden Empathie-Verlust auf beiden Seiten (verschiedene vermeintliche Gegensatzpaare sind angedacht; eins ist bisher umgesetzt) hinweist. Es war mir ein Anliegen, es zu schaffen, und es war mir ein Anliegen, es zu zeigen. Da es kein Auftrag von irgendjemandem war, den ich mir selbstverständlich hätte entlohnen lassen müssen (da ich dann ein fremdes Anliegen umgesetzt und ihm meine Lebenszeit gewidmet hätte), war ich einfach glücklich, mich artikulieren zu können. Die Möglichkeit, dass andere sich damit auseinandersetzen können, mit meinem ur-persönlichen Anliegen und Ausdruck, war mein „Lohn“.

Jetzt gerade sitze ich an diesem Text, den Sie lesen, den Du liest, und der mir ein Anliegen ist. Niemand hat ihn bestellt, niemand wird ihn bezahlen, und trotzdem empfinde ich als sinnvoll, dass er entsteht, dass ich ihm Zeit gebe.

Was macht man mit solchen Kreationen, wenn „sie einfach sein zu lassen“ keine Option darstellt?

Menschen, die mich kennen, wissen, dass ich auf der Seite des Arguments zu finden bin, dass Kunst durch ihre Unvergleichlichkeit und durch die Tatsache, dass sie über einen direkten Nutzwert hinausgeht sich einer fairen allgemeinen Bezahlung verschließt (weil sie sich einer objektiven Bewertung verschließt), außer Kreativarbeiter und „Kunde“ schließen einen Vertrag. Und dass ich finde, dass Kunst nicht veräußert werden muss, um zu wirken. Und dass ich nicht finde, dass man mit ihr einem Beruf im klassischen Sinne nachgehen kann, weil das die Kunst unfrei machte. Aber die Diskussion, ob und wie es möglich ist, Kreativarbeit zu bezahlen, kommt ja nicht von ungefähr. Was bietet die Gesellschaft, was bietet unser System Menschen an, die jahrelang eine Sache studiert und durchaus einen bestimmten Beruf im Blick haben, wenn sie in diesem Beruf nachher entweder nicht arbeiten können, für einen Hungerlohn arbeiten oder Werte verraten müssen, aufgrund derer sie den Beruf vielleicht erst angestrebt haben…? Wie schaffen wir es, eine Gesellschaft hinzubekommen, in der alle versorgt sind und alle gleichzeitig akzeptieren, was das Gegenüber für sich als sinnvoll erachtet und womit es sein Leben füllen will?

Wenn die bedingungslose Versorgung aller nicht möglich ist, werden wir weiter auf dem Sinn, den andere sehen, herumhacken, ihn nicht gelten lassen.

Dabei ist die Frage doch auch, wie wir „Arbeit“ definieren. Wird das, was ich in der „unbezahlten“ Tageshälfte mache, nicht als Arbeit angesehen, weil ich nicht genug dafür eintrete, dass es welche ist, oder sind wir nicht alle Gesellschaftsarbeiter, jeder nach seinen Fähigkeiten und Vorlieben, und kämen in Teufel’s Küche, wenn wir jedes Tun als „Leistung“ sehen, die wir sofort in einen Geldwert umrechnen müssen, auch, um anderen mit ihren Leistungen nicht in den Rücken zu fallen? Wenn wir uns für einen Beruf entschieden haben, dürfen in unserer „Freizeit“ dann Dinge entstehen, für die ein anderer in seinem Beruf Geld bekommt, und dürfen unsere Kreationen an die Öffentlichkeit?

Wie schaffen wir es, eine Gesellschaft hinzubekommen, bei der wir keine Trennungen erzwingen müssen, die es „naturgegeben“ sozusagen gar nicht gibt, die es nur gibt, weil wir ein Bezahlsystem und kein Tauschsystem von Waren und Dienstleistungen haben?

Wie schaffen wir es, so frei zu bleiben, dass wir unsere gesellschaftliche Verantwortung angemessen tragen und dabei unser Leben mit den Dingen füllen können, die wir als sinnvoll erachten?

[Der Begriff „Kunst“ will hier wie immer verstanden werden als jegliche Art der Transformation, die Menschen erschaffen, um sich auszudrücken, nicht als Qualitätssiegel. Auch erhebt die Verfasserin wie immer keinen Anspruch auf eine objektive Qualität ihrer Worte oder Haltung.]

[http://thinglabs.de/2014/10/sind-kuenstler-wirklich-gluecklicher/#comments]

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