Rainer Maria Rilke – Wenn Weihnachten naht

Wenn jemand etwas vom Werk Rainer Maria Rilkes kennt, so ist es meist eins seiner sogenannten „Dinggedichte“ aus seiner mittleren Schaffenszeit – Der Panther ist geradezu genial gelungen. Wer ihn noch nicht kennt: nachlesen oder -hören; ich verspreche nicht zu viel…

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Der Lyriker lebte von 1875 bis 1926. Zu seinem literarischen Vermächtnis gehören auch seine Briefe, von denen ca. 7000 (!) veröffentlicht wurden.

Auszüge aus einigen von diesen finden sich in dem kleinen Band Rainer Maria Rilke – Wenn Weihnachten naht, erschienen im Insel Verlag, ausgewählt und mit einem Nachwort von Hella Sieber-Rilke, der Ehefrau von Rilkes Enkel Christoph. Darin geht es in erster Linie um die Freude rund um das Weihnachtsfest, die Rilke als besondere empfunden und eher in seinen privaten Korrespondenzen als in Werken ausgedrückt hat.

Die Schriftstellerin Ursula Krechel gab 2010 auf ZEIT ONLINE zu bedenken, dass die familiäre Zugehörigkeit Frau Sieber-Rilke nicht objektiv genug auf den Großvater ihres Mannes schauen ließe, die Auswahlen der Briefe an die Mutter schon für damals erschienene Bücher nicht in ausreichendem Maße das ambivalente Verhältnis der beiden spiegelten. Diese Einschätzung wird zwar durch Sieber-Rilkes Nachwort des hier vorliegenden Buches bestätigt, aber mich hat Rainer Maria Rilkes uneindeutige Haltung zu Glauben und Religiosität stärker interessiert.

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Geprägt wird das Verhältnis zu einem religiösen Fest in der Kindheit, und Rilke konnte wohl erstaunlich viel weihnachtliche Verzauberung hinüberretten ins Erwachsenenalter. Einige seiner Äußerungen zeugen von ständiger Auseinandersetzung mit Widersprüchen, wenn zum Beispiel davon die Rede ist, dass er „gegenüber […] dem Jesus-Geschehen immer eine gewisse Skepsis behält“. Auf den ersten Blick scheinen die Empfindungen unvereinbar, denn gerade Kirchenfeste wie Ostern oder eben Weihnachten sind doch aufs engste mit „dem Jesus-Geschehen“ verknüpft…

Rilke sucht zeitlebens Kirchen auf, auch um Stille zu erfahren, und Weihnachten ist für ihn „das stillste Fest“. Sein Stille-Erleben ist mit Naturerfahrung vergleichbar: „Da es hier keine Wälder gibt, sind die Kirchen wie Wälder“, schreibt er einmal von einer Reise an Lou Andreas Salomé. Dogmatismus in Religionen lehnt er ab, schätzt dagegen Vielfältigkeit religiöser Traditionen. „Schon mit vierzehn Jahren kritisiert Rilke in einem Schulaufsatz ein Gottesbild, das Gott funktionalisiert und als Erfüllungsgehilfen menschlicher Interessen missbraucht.“

Seiner gesunden Kritik, auch im Denken und der Sprache gegenüber, seinem vorsichtigen, respekt- und demutsvollen Herantasten an eine im Grunde doch undenkbare „Höhere Macht“ ist es vielleicht zu verdanken, dass er Weihnachtsfreude immer noch nachspüren und beschreiben kann, wenn sie sich in einem Jahr aus sehr nachvollziehbarem Grund nicht einstellen will. 1914 schreibt er an seine Mutter:

Da ist nun wirklich das heilige Fest herangekommen unbeirrt durch die trübe schwere grausame Zeit, und steht vor allen Türen […] Etwas von Frieden lag immer in der Winterluft gegen diesen Abend zu, läge doch auch heuer dieses Unsagbare fühlbar da und überzeugte, überführte, überwältigte die erregten heftigen Menschen, die den Tod in die Hand genommen haben und das Unheil wider einander gebrauchen. […] Christus selbst kann nichts wider diese Völker –, und doch ist eine Macht über der Welt, die auch das umfaßt, was jetzt geschieht […] was hülfe es dem Menschen, wenn Gott ihn aufhielte und ihn an sich zum Stehen brächte; der Mensch soll merken daß, wie weit ers auch treibt, er an keine Grenze Gottes kommt, wohl aber an sein eigenes Ende.“

Rainer Maria Rilke entlässt den Menschen nicht aus seiner Verantwortung und spricht so sowohl für gläubige als auch für nicht gläubige Personen.

Im Deutschlandfunk-Artikel von Burkhard Reinartz heißt es: „Diese ambivalente Erfahrung war ihm wichtig, weil wir die Wirklichkeit auch in dieser Doppelartigkeit erleben. Wir erleben die Welt in ihrer Schönheit und in ihrer Schrecklichkeit. Und der religiöse Impetus sollte dem Menschen ermöglichen, dass er die Schönheit und den Schrecken annehmen kann, denn sie sind eben nur in dieser Doppelheit erlebbar und erfahrbar.“ Diese Sätze beschreiben für mich eine der vielleicht größten Herausforderungen des Menschen, vielleicht gerade in der Weihnachtszeit.

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Quellen:

Rainer Maria Rilke – Wenn Weihnachten naht, Insel Verlag, Frankfurt am Main, 2016

http://www.deutschlandfunk.de/rainer-maria-rilke-das-musst-du-wissen-dass-dich-gott.886.de.html?dram:article_id=320773

http://www.zeit.de/2010/03/L-B-Rilke-Briefe

http://www.rilke.de

 

Der Panther, gesprochen von Fritz Stavenhagen:

https://www.youtube.com/watch?v=cRuWSRjioos

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Selbstmotivation

„Selbstmotivation“ klingt aufgesetzt, angestrengt, so, als müsste man immer wieder mühevoll einen neuen Anlauf nehmen. Es wird Situationen geben, in denen es sich genau so anfühlt, und es wird bestimmt Menschen geben, für die sich das immer so anfühlt.
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Als ich letztens bei Freunden war, lag da eine Zeitschrift aufgeschlagen, und die Worte Markt und Künstler sprangen mich an. Da die Freunde kurzzeitig anderweitig beschäftigt waren, begann ich den Artikel anzulesen, aber viel Zeit wollte ich mir dafür dort nicht nehmen, und so fotografierte ich ihn ab. Die Titelzeilen habe ich nur halb im Bild, da mir der Name des Autors wichtig war: Tim Sommer.

Der Chefredakteur des Kunstmagazins „art“ beschreibt in dem Artikel des Magazins „dbmobil“ auf eindrucksvolle Weise, wie der Weg eines Menschen aussieht, der beschließt, Künstler zu werden. Er lässt nichts aus: „prekäre, konjunkturabhängige Tätigkeit“, „schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, „zweifelhaftes Sozialprestige“ sind die Beschreibungen schon im ersten Absatz, einer fiktiven Stellenbeschreibung.

„… der berufsmäßig Andersdenkende, der Lieferant für Alternativen“ startet mit etwa 4999 Mitstudenten jährlich in Deutschland, „macht 50000 Konkurrenten in den nächsten zehn Jahren.“ Er oder sie erprobt Techniken, redet viel und lernt zumindest sich selbst mit „Glück“ „sehr gut kennen“. „Regeln, nach denen eine Arbeit nachvollziehbar als gut oder schlecht bewertet werden könnte“, gibt es nicht.

„Ihr Werk bedeutet nichts, gilt nichts, hat keinen Preis, solange es im Atelier schlummert. Zur Kunst wird ein Gegenstand erst, wenn er durch die Betrachtung Sinn und durch die Diskussion darüber eine Stimme bekommt – frei skalierbar von Ihrem Bekanntenkreis bis zur Weltpresse.“

Nachdem man die 30 überschritten hat, wird es eng mit Atelier-Programmen, Stipendien und Förderpreisen. Es wird schwierig für jemanden, der bis dahin keine Galerie hat, die für ihn mitarbeitet, wobei der Name der Galerie den „Rang“ des Künstlers zum Großteil mit ausmacht.

„Vorausgesetzt, Sie sind wirklich zeitgemäß, fleißig und umtriebig, jetzt in Ihren besten Jahren, dann wird Sie der kreisende Suchscheinwerfer der Geltung hoffentlich treffen. Garantiert ist das keineswegs.“ Wer es bis dahin geschafft hat und auf einem großen Festival, einer Biennale oder der Documenta (weiter) entdeckt wird, kann bald schon wieder im Nebel verschwinden, „weil sich selbst die Berufsauskenner unmöglich alles in ihr Langzeitgedächtnis schaufeln können, was die globalisierte Kunstmaschine wichtig macht.“

Je älter man und frau wird, desto schwieriger wird ein würdevoller Aufenthalt auf dem offiziellen Kunstparkett dem, der unentdeckt bleibt, und kommt es zu später „Wieder- oder Erstentdeckung“, „[schämt] sich [der Kunstbetrieb] dabei nicht ein bisschen seiner Ignoranz durch Abgelenktheit in der Zwischenzeit“.

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Ich habe dieses Beschriebene wohl früh in meinem Leben befürchtet, so dass Kunst für mich nie als „Beruf“ in Frage gekommen wäre; ich habe nie auch nur im Traum mit dem Gedanken gespielt, ein Kunststudium zu beginnen. Vor zehn Jahren habe ich mir den Streit zwischen „Hobby“- und „Berufs“künstlern beherzt und emotional von der Seele geschrieben, ohne jede Rücksicht auf leichte Lesbarkeit 😉 (http://www.sabinepint.de/diskussion.htm).

Immer war in mir der augenscheinliche Widerspruch: wie leben denn die anderen ihre Kreativität? Versteckt? Denn ich kannte von allen, die zwar von Hause aus und teilweise langjährig kreativ waren, nur ein verschämtes ‚ich schreibe ja auch ein bisschen‘ oder ein ‚manchmal male ich auch‘, wenn sie es nicht auf dem „offiziellen“ Weg taten. Aus Sorge, sich zu outen, weil man ja nie und nimmer so „gut“ wie irgendein Ausstudierter sein könne.

Später, als Quereinsteiger in allen möglichen Bereichen Normalität wurden und/oder man immer mehr davon mitbekam, stieg das Selbstbewusstsein mancher Betroffener, aber längst nicht bei allen. Und in mir blieb immer dieser Widerspruch.

Nur: ich wollte mich ihm nicht beugen. Zeigte ein Bild mit 16 und las meinen Text mit 20 vor einem fremden Berliner Publikum. Dachte nicht, dass ich jetzt bekannt würde, sondern lebte genau so weiter: malte weiter, stellte ab und an aus bei dem, der das auch wollte, begann zu bloggen, nachdem ich nicht mehr belletristisch schrieb. Sah und sehe alles als Angebot, das man auch ablehnen kann, genau so, wie ich Dinge ablehne, wenn ich sie gerade nicht „suche“. Kunst ist in meinem Leben; sie ist ein Ausdrucksmittel, eine Sprache mehr, in der ich Kontakt pflegen kann.

Wenn sich Menschen fragten, wie ich motiviert bleiben kann, dann wäre meine Antwort, dass ich mir das nicht aussuche. Mich über Kreativität auszudrücken strengt mich nicht an, sondern ist mir ein Bedürfnis. Ich warte dabei auf nichts. Ich halte es mit Wilfried Schmickler, der in den letzten „Mitternachtsspitzen“ sagte „Leben wir öffentlich!“ und dabei nicht meinte, sich immer und überall selbst gläsern zu machen, sondern zu Haltung aufrief, wie er es meistens tut.

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„Die Welt der Kunst ist der letzte große Freiheitsraum, den die durchrationalisierte Gegenwart zu bieten hat. Eine wunderbare Nebenwelt, die uns die Wirklichkeit verstehen lehrt, indem wir sie verlassen. Hier begegnen wir den extremsten Gestalten, den verstiegensten Ideen, den zartesten Empfindungen und den brutalsten Erkenntnissen, der vollendeten Schönheit und vollendeten Hässlichkeit. Wer sich dieser Zumutung aussetzt, wird sich dabei verändern.“ (Tim Sommer)

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Zum Beispiel: Toleranz

Zum Beispiel frage ich mich, ob ich tolerant sein sollte gegenüber Dingen, die witzig sein sollen, wenn sie beispielsweise gepaart sind mit dem Stolz (den ich nicht nachempfinde bei Zufallsdingen wie den Geburtsort) auf die „eigene“ Stadt (kürzlich sah ich einen Auto-Aufkleber „Deutscher durch Geburt und Gladbacher durch die Gnade Gottes“, alles in ‚alter‘ Schrift), tolerant sein kann gegenüber Fußballfeiern mit Nationalflaggenmeer (die Meisten wollen nur feiern und ich kein Spielverderber sein, empfinde aber derart begeisterte Nationalitätsbekundungen als ungeheuer destruktiv), tolerant sein kann gegenüber dem Kunstbetrieb (der vom Ausschluss lebt und damit den ausgesprochenen Widerspruch praktiziert dazu, wie ich Kunst gelebt wissen möchte) u. ä. Ich gebe zu, dass ich damit Schwierigkeiten habe.

Beim Kunstbetrieb habe ich bisher immer alles gelten lassen.

Er war für mich eine „Firma“, wie jede Firma mit Chefs, eigenen Regeln, manchmal nach außen willkürlichen, zumindest nicht für alle nachvollziehbaren Entscheidungen. Bewerbe ich mich in einer solchen Firma, tue ich gut daran, mich vorher ausreichend zu informieren. Zwar habe ich keinen Einfluss auf spätere Änderungen mancher Bedingungen, den Wechsel der Mitarbeiter oder Führungskräfte zum Beispiel, aber grob kann ich wissen, worauf ich mich einlasse. Die genannten Dinge sind solche, die sich relativ schnell als guter (neuer) Weg zeigen oder nicht; „Kleinigkeiten“ wie Personal – zumindest aus Sicht ganz vieler Führungsmenschen – kann man durch Entlassungen und Neueinstellungen „korrigieren“. Und auch die Führungsmenschen zählen mehrheitlich zum Personal und haben meistens noch jemanden, der hierarchisch über ihnen steht (auch wenn er meistens sitzt). Als Mitarbeiter kann ich versuchen, die Bedingungen mitzugestalten, indem ich mich mit Wort und Tat einbringe, also sind auch da Änderungen, Kurskorrekturen zumindest nicht unmöglich.

Das ganz große Leit-Motto, das, was man das Mission-Statement nennt, das, wofür eine Firma nach außen bekannt ist, ist etwas, das gemeinhin nicht so schnell geändert wird. Das wäre nicht nur für die Marke fatal, sondern es wäre aus allen möglichen Überlegungen heraus sinnlos; jeder kann sich eigene Beispiele vorstellen.

Das ist der Grund, warum ich nie irgendwelche Anstrengungen unternommen habe, im Kunstbetrieb Fuß zu fassen, aber der mich darüber hinaus jetzt die Eingangsfragen stellen lässt. Der Leitgedanke hat mir nie gefallen. Ich hätte mich ja auch nie bei Nestlé beworben, die Wasserressourcen privatisieren (http://www.facing-finance.org/de/database/cases/nestle-privatization-of-water/). Auch dieser Leitgedanke der Ausbeutung anderer Menschen hat mir nie zugesagt. Vielleicht ( 😉 ) ist es im Kunstbetrieb nicht ganz so lebensbedrohlich, die Auswirkungen nicht dramatisch, aber dass auf der Welt eine große Firma existiert, die das kreative Potenzial der Menschen ausdünnt, begradigt und verwaltet, empfinde ich als so wenig konstruktiv wie (wenn auch friedlich ausgelebter) National- oder Regionalstolz.

Warum sollte ich zum Beispiel bei den genannten Dingen tolerant sein, Dinge widerspruchslos erdulden? Denn dabei geht es bei dieser Art Erduldung, die Toleranz genannt wird: um Widerspruchslosigkeit. Schon die vorsichtige Äußerung von Kritik oder das Einfordern einer differenzierten Diskussion wirkt manchmal ja schon intolerant. Wie sinnvoll ist eine so empfundene Intoleranz, wie sinnvoll ist es, an der vermeintlichen Tugend Toleranz festzuhalten? Sollten wir nicht auch diese Begriffe, die je nach Standpunkt unterschiedlich ausgelegt werden, loslassen und lieber miteinander ins Gespräch gehen?

Rechtes Gedankengut fällt auch bei nicht rechts orientierten, bei sogenannten – und oft sehr nachvollziehbar – nur „besorgten“ Bürgern auf fruchtbaren Boden, wo Existenz- und andere Ängste nicht nur nicht gemeinsam, vernünftig, menschlich und politisch (das heißt wirksam) angegangen, sondern negiert und oft sogar befeuert werden.

Ich bin sehr dafür, dass sich Menschen, gleich welcher Nationalität, für Fairness und Mitmenschlichkeit zusammenschließen, was nichts zu tun hat mit „Gleichmacherei“, ein beliebtes, aber unhaltbares Argument der neuen Rechten.

http://www.zdf.de/ZDF/zdfportal/programdata/befc0476-9f54-36cb-bcb9-43012ec8ac62/7ddbbbc2-ff49-4799-b6ea-ff049a4f3b54?generateCanonicalUrl=true

Die „T.H.I.N.K.“-Fragen helfen auch hier. Man soll sich diese stellen, bevor man spricht; ich würde ergänzen: auch, bevor man Gedanken und Worte zu Taten werden lässt:

  1. Is it true? – Ist es wahr/wahrhaftig?
  2. Is it helpful? – Ist es hilfreich?
  3. Is it inspiring? – Inspiriert es?
  4. Is it necessary? – Ist es notwendig?
  5. Is it kind? – Ist es freundlich/human/menschlich?

Und sie sind hilfreich bezogen auf die Firmen und anderen Zusammenschlüsse und Äußerungen dieser Welt. Und wenn man nur bei einer Frage mit „nein“ antworten oder nur schon länger überlegen muss, gilt es (wenn man selbst die/der Agierende ist) noch einmal differenzierter nachzudenken, oder (wenn man etwas von anderen hört, sieht, liest oder sonstwie mitbekommt) seine Stimme einzubringen.

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Der goldene Mittelweg

Erstmals vom „goldenen Mittelweg“ gehört habe ich vermutlich damals von meiner Mutter. Als Kind und Jugendliche war ich lange ohne bestimmte Meinung dazu, obschon natürlich durch die Erziehung meiner Eltern geprägt. Aber erst in den letzten Jahren weiß ich diesen goldenen Mittelweg bewusst zu schätzen.

Was ist am „Mittleren“ schon Besonderes, fragt man sich wohl unbewusst in seinem ersten Lebensdrittel (das sich durch die Jahre ja erst als solches herausstellt und dadurch in Abgrenzung erlebt wird zu dem, was schon war oder was noch kommt). Kinder und sehr junge Leute sind meist kein Fan vom Mittelweg. Und später werden die als in der Mitte des Lebens empfundenen Jahre – also die nach dem ersten bewusst empfundenen Drittel – manchmal als schwierig erlebt: man sucht sich vielleicht neu und findet sich nicht sofort… Midlife-Crisis… schon wieder ist die „Mitte“ unbeliebt.

Das Mittlere von drei Kindern ist weder das Älteste, das die meiste und längste Aufmerksamkeitsspanne abbekommt, noch das ewig niedliche Nesthäkchen. (Dass dieses familiäre Dazwischensein ebenfalls schwierig sein kann, musste ich mir als ältere Schwester in einer Zweier-Geschwisterbeziehung von anderen erzählen lassen.) Auf einer Feier sticht bei den Frauen meist die mit den hellsten Haaren heraus oder die mit den dunkelsten, bei den Herren der größte oder kleinste. In Klassenräumen erinnert man sich noch nach Jahrzehnten an den Schlauesten und an den, bei dem der Groschen immer erst später fiel. Die mit der extremen Haltung bleiben länger im Gedächtnis als die mit der ausgewogenen, der Laute, die „Rampensau“ wird eher erinnert als die Leise, es sei denn, es ist die leiseste und schüchternste Person, die einem je begegnet ist. Oder man kämpft mit Klischees: „Für eine Frau ist sie aber ziemlich…“, „Für einen Mann ist er aber ziemlich…“, wobei die Sprecher meist nicht bedenken, dass sie gerade einen Menschen in eine Schublade zurückstopfen, aus der er sich ihnen durch sein Unerwartetes entgegenreckte.

Es ist wohl menschlich, dass wir das bevorzugt wahrnehmen, was sich uns aufdrängt. Genau so, wie viele von uns einfache Lösungen bevorzugen. Daneben denken und gucken ist mühevoll. Es kostet manchmal Anstrengung, sich ein Urteil zu bilden und dieses Urteil jederzeit revidieren zu können, es kostet manchmal enorme Anstrengung, das – sich – zu erklären. Derzeit fällt es schwer, zu erklären, warum man gleichzeitig gegen Terror und die Methoden eines Überwachungsstaates sein kann; warum man gleichzeitig jedem Flüchtling helfen möchte und die Politik Merkels trotzdem nicht gutheißt.

Ich möchte keinen extremen Standpunkt einnehmen müssen, um gehört zu werden, oder herausragend aussehen, um sichtbar zu sein. Ich möchte nicht von Menschen geführt werden, die einer Parteiräson unterliegen, sondern von den vernünftigsten, die wir haben, die weder nur auf sich noch nur auf andere achten. Ich möchte das Beste aus Sozialismus und Kapitalismus, das Beste aus etabliert und independent.  Es geht nicht um Etiketten oder Benennungen, sondern um Inhalte. Ich möchte privat mit Menschen zu tun haben, die mir immer wieder neu begegnen; auf die ich mich verlassen kann, aber die sich trotzdem verändern dürfen, denn auch das ist kein Widerspruch. Und ich möchte selbst so ein Mensch sein dürfen.

Es gibt nicht nur Juwelen oder Modeschmuck, nicht nur Arte oder RTL, nicht nur schwarz oder weiß.

Im Programm PULS des Bayerischen Rundfunks, das als Webradio vorrangig für die jüngeren Zuhörer konzipiert ist, heißt es dazu unter dem Hashtag „mehrgrau“:

„Wir brauchen das langweilige Abwägen. Klar: Mittelmaß ist unpopulär. Das bekommt auf Facebook keine Likes. Das wird nicht retweetet. Dafür wird man auf keiner Party gefeiert und in keine Talkshow eingeladen. Aber genau das ist es, was uns hier so verdammt gut leben lässt.“

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Ein Mensch fragt auf Facebook „What is the purpose of life?“ Was ist der Sinn des Lebens? Für mich ist das nicht nur eine Sache, an der es dann hängt, ob das Leben gelungen oder missraten ist. (Sowie es keine durchweg gelungene oder komplett missratene Leben gibt; Krieg oder Krankheit von der Wiege an jeweils ausgeschlossen, Geschehnisse und Schicksale, die uns bisher nicht Betroffene den Kopf immer wieder zurechtrücken können.) Es muss nichts Spektakuläres passieren, ich muss es nur für mich als sinnvoll erachten. Ich verleihe Sinn, jeden Tag neu. Dazu gehört, dass ich alles versuche zu sehen und zu hören, was mir begegnet, um mich dazu in Relation setzen, mich mit den Dingen verbinden zu können. Es wäre ein Wunder, wenn ich alles sofort und glasklar einsortieren könnte. Es wäre fatal, wenn ich das auch nur versuchen würde.

Alles und jeder muss individuell angeschaut werden, immer, mit all seinen Facetten.

Genau so funktioniert auch Kunst.

 

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Kunst und „täglich grüßt das Murmeltier“

Kunst und „täglich grüßt das Murmeltier“

Ich habe im Grunde keinen meiner Texte, die ich bisher veröffentlicht habe, als etwas ganz Abgeschlossenes gesehen. Sogar auf meinem Blog www.sabinepint.wordpress.com, der als Blog eben nicht in erster Linie kommentiert wird, erscheinen meine Texte als Gesprächsangebote; jedenfalls sind sie so gemeint, auch, wenn ich bei manchen Themen klar positioniert bin. Ich hoffe immer, dass gerade eine klare Position auch zum Widerspruch und damit zur Diskussion einlädt und meine Art bei aller Herausforderung nicht als provokant aufgefasst wird.

Auch die regelmäßig unregelmäßigen Zerschneideaktionen mancher meiner Bilder sollen nicht provozieren, sondern mir gefällt der Gedanke der Weiterentwicklung; dass einzelne Fragmente als eigene kleine Bilder mit derselben „Information“, ähnlich einer Körperzelle, z. B. als Grußkarte auf Reisen gehen, ver-teilt, ge-teilt werden.

Sowohl beim Bloggen als auch beim Bilder-Teilen bleibt Feedback manchmal komplett aus. Nach allen konstruktiven und weniger konstruktiven Gesprächen der letzten Zeit mit KreativkollegInnen halte ich es aber nicht für hilfreich, daraus nur die eigene penetrante Unrelevanz zu schließen und seine Lebensart aufzugeben, wozu manche meiner Gesprächspartner durchaus tendieren. Dass das ein „Fehler“ sei, wäre aber auch unpassend, denn jede und jeder muss es selbstverständlich für sich fühlen und entscheiden. Ich selbst glaube nur an Fehler in Mathe-Aufgaben, wenn nach strengen Definitionen und festgelegten Regeln eine Aufgabe nicht gelöst wird. Wenn man im Leben aber niemanden bewusst verletzt, ob an Geist oder Körper, gibt es weder „Fehler“ noch „scheitern“. Es gibt nur lernen. Daher würde ich es für mich für einen Fehler halten 😉 , eine Facette meiner Lebensart als „Fehler“ irgendwann einzustellen, obwohl sie mir für mich noch sinnvoll erscheint.

Worin hat wohl Phil Connors, der Held aus dem 1993 erschienenen Film „Groundhog Day – Und täglich grüßt das Murmeltier“ den Sinn gesehen, als er – ich weiß nicht zum wievielten Mal – beim Aufwachen „I got you, babe“ gehört hat, und das, obwohl er sich nicht nur am Vortag, sondern an ungezählten „Vortagen“ nun wirklich in sein Schicksal ergeben und wirklich das Allerbeste aus seinem Tag (denn es war ja immer derselbe!) gemacht hat? Der Zuschauer wünscht ihm Erlösung: „Also jetzt hat er es doch nun WIRKLICH verdient, dass dieser Tag endlich von einem nachfolgenden, von der Zukunft oder zumindest einer neuen Gegenwart abgelöst wird! Was soll er denn noch machen??“ Der Clou ist, dass es gegen Ende gar nicht mehr so scheint, als wolle Phil noch aus seiner Zeitschleife fliehen, so wie er es zu Anfang unbedingt wollte. Der „letzte Tag vor der neuen Gegenwart“ zeigt, wie er seine Zeit genutzt und wie es ihm geholfen hat, das Beste aus dem zu machen, was ist, statt sich zu wünschen, was vielleicht nie mehr sein kann.

Dabei wollen sowohl der Film (mutmaßlich) als auch ich (ganz bestimmt!) nicht für Fatalismus plädieren; er ist ein Gleichnis. Bei der Wikipedia ist es gut erklärt: „Ein Gleichnis ist eine kurze Erzählung. Sie dient zur Veranschaulichung eines Sachverhalts nicht durch einen Begriff, sondern durch bildhafte Rede. Über die Veranschaulichung hinaus wird dem Gleichnis auch verändernde Funktion zugeschrieben. Der Hörer/Leser soll sich in der Erzählung selbst entdecken können und damit eingeladen werden, seine Situation zu verändern.“

Ich ergänze: auch der Zuschauer! Phil Connors entschließt sich nicht sofort nach dem zweiten oder dritten und auch nicht nach dem zehnten Erwachen am „selben“ Tag, das für ihn Beste aus der Situation zu machen, wozu seine eigene Veränderung gehört; er hadert und verzweifelt bis hin zu Selbstmorden, die zwar immer klappen, aber durch die Zeitschleife doch nur Versuche bleiben. Dabei schafft es der Film, diesen tragischen Momenten dank Bill Murray trotzdem Komik abzugewinnen, nicht zuletzt auch wegen der am Schluss dieser Phase rasant zusammengeschnittenen Selbstmorde. Erst, als er in den täglichen – und aufgrund der Zeitschleife im wahrsten Wortsinne alltäglichen – Gegebenheiten eine eigene Qualität entdeckt, beginnt die Veränderung in ihm. Das immer bessere Kennenlernen seiner selbst, das erzwungene Fokussieren auf das Wesentliche eines Tages bis hin zum Begleiten eines alten Obdachlosen bei dessen Tod, hilft ihm durch die Prüfung und kommt allen Menschen in seiner Umgebung zugute. Abgesehen von einer gewandelten Kleidungs- oder Einrichtungsmode ist der Film so aktuell wie vor 22 Jahren und ich glaube, auch noch für heute junge Leute witzig.

Warum erzähle ich das?

Weil ich immer öfter an Phil und seine Lehre denken muss: bestimmte Gegebenheiten sind einfach da; sie gelten, weil du dich irgendwann im Leben auch für Dinge entschieden hast, die nicht mehr revidierbar sind oder deren Revision so unbedingt nötig wie vollkommen unrealistisch ist (wie z. B. ein Berufswechsel in den 50er Jahren des eigenen Lebens). Dann gilt es, von Phil Connors zu lernen, wie man Sinn im Leben aufrechterhalten kann, ohne sich etwas vor zu machen oder schön zu reden, denn beides tut dieser nicht. Da ist kein Zwang in diesem „Sinn“, den er in seinem Leben neu sieht; er „macht“ den Sinn nicht oder nennt Dinge sinnvoll, die es nicht sind – er lebt einen Sinn.

Und ich glaube, so lebe ich „Kunst“. Dadurch, dass ich mich bewusst nicht für einen „offiziellen“ Weg entschieden habe aus ähnlichen Gründen, die mich vor einigen Jahren endlich aus der Kirche haben austreten lassen oder mir die Gewissheit geben, niemals einer Partei angehören zu wollen, bin ich in der Gestaltung meines kreativen Lebens frei. Ich muss niemandem gefallen, ich muss mich nach niemandem richten, ich kann ausdrücken, was ich will und wie ich es will. Ich kann verkaufen oder verschenken. Menschen, mit denen ich mich für Projekte zusammentue, begegne ich auf Augenhöhe, partnerschaftlich statt hierarchisch. Dadurch, dass sich niemand mit meinem unbekannten Namen schmücken will, kann ich bei von anderen signalisiertem Interesse davon ausgehen, dass wirklich meine Arbeit, meine Leistung gemeint ist und gehe so von vornherein gestärkt in neue Vorhaben. Risiken dürfen sein, denn ich riskiere nie das für mich Wesentliche: meine in Jahrzehnten gewachsene Überzeugung, dass alles Menschengemachte Menschen zugute kommen sollte statt sie zu diskriminieren, zu boykottieren, zu verletzen. Auch die Kunst ist menschengemacht für Menschen: zur Erbauung, zur Horizonterweiterung, zur Veränderung zum Positiven oder noch Positiveren. Sie soll nicht ausgrenzen, sie soll einladen! Sie ist eine lebendige Ausdrucksform und keine tote Sprache, die man – bestenfalls und rückblickend – studiert.

Ich habe noch eine andere Plattform für meinen Blog auf Facebook. Auch dort heißt es ‚Sabine Pint: Kunst ist für die Menschen‘. Als eine Firma dort anbot, den Blog für einen gewünschten Zeitraum als Buch zu drucken, konnte ich nur eine kleine Weile widerstehen; die Kosten sollten sich in Grenzen halten, und das Ergebnis sollte also dasselbe in haptischer Form sein; etwas zum Zeigen, wenn kein Stromanschluss in der Nähe war. Aber das Ergebnis war enttäuschend: das Wichtigste, die Gespräche, waren nur angerissen ausgedruckt, so dass das Zeigen dieses Buches eher wie ein Ego-Trip scheinen würde als aussagekräftig zu sein. Auch Foto-Bücher habe ich schon versucht. Da ist der Vorteil, dass man bei einem guten Programm Texte und Bilder auf verschiedene Art einsetzen und zeigen kann – besonders schön als wirklich persönliches Geschenk, aber wegen der dann explodierenden Kosten nur bedingt zur Vervielfältigung geeignet. Eines aber fehlt bei allen Print-Varianten: die Lebendigkeit. So dass ich mir auch dabei eingestehen muss: für mich ist das Internet bei allen Missbrauchsmöglichkeiten der Ort meiner Wahl, das Netz und das persönliche Gespräch, und manchmal findet das eine im anderen statt. Und so habe ich mich in meinem Punxsutawney eingerichtet, tatsächlich ohne dass mir etwas fehlt. Und wenn morgen der Radiowecker „I got you, babe“ spielt, bin ich da, wo ich sein möchte: mitten in meinem Leben!

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Kunst und Philosophie, Teil 3

Kunst und Philosophie, Teil 3

Ich rekapituliere noch einmal das Fazit aus dem letzten Text:

Da die vier Perspektiven (ich-Position, objektive Sicht, die Synthese dieser beiden und das Verstehen durch Erfahrung) nicht gleichzeitig eingenommen werden können, „ohne dabei einen Aspekt zu verabsolutieren“, braucht es etwas, das aus der Widersprüchlichkeit heraushilft: die direkte Erfahrung des Lebens, weil sie sich theoretischer Spekulation entzieht. Gert Scobel formuliert es so: „Gedanken und Theorien sind gut, aber sie erschöpfen sich. Dann ist es notwendig, wieder ins Leben hineinzugehen, so tief man kann, um klar zu werden. Man muss wieder einfache Dinge tun, um klar zu sehen.“ Vielleicht muss man die Dinge auch gar nicht werten, sie gar nicht unterscheiden zwischen „einfach“ und etwas anderem, muss also vielleicht nicht „einfache Dinge tun“, sondern muss einfach etwas tun!

Im Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ von Jean-Pierre Jeunet gibt es viele schöne Szenen, aber eine berührt mich immer besonders, weil sie ein so kostbares Gefühl beschreibt. Es ist die, die Amélies Lebensgefühl widerspiegelt, nachdem sie sich zum ersten Mal in das Leben eines anderen Menschen eingemischt, ihm ein intensives Erlebnis ermöglicht hat. Man sieht sie in Zeitlupe gehen; obwohl erst nur ihr Kopf aus einer niedrigeren Perspektive zu sehen ist, nimmt man ihren beschwingten Schritt wahr. Die Szene ist neben leiser Musik unterlegt mit der Stimme des Erzählers:

„Amélie hat plötzlich das Gefühl, in absoluter Harmonie mit sich selbst zu sein. In diesem Augenblick ist alles perfekt: die Weichheit des Lebens, dieser feine Duft, die ruhige Atmosphäre der Stadt. Sie atmet tief ein, und das Leben erscheint ihr so einfach, so klar, dass sie eine Anwandlung von Liebe überkommt und das Verlangen, der gesamten Menschheit zu helfen.“

Dieses Gefühl oder zumindest ein verwandtes Gefühlserlebnis durfte ich auch schon ein paar Mal genießen; ich habe den Eindruck, dass es mir mit zunehmendem Alter öfter zuteil wird; als junge Frau kannte ich es gar nicht, obwohl Amélie im Film es mit Anfang 20 erlebt. Menschen, die es noch nicht kennen, würden es evtl. mit Selbstzufriedenheit verwechseln; so wäre es mir gegangen. Das Gefühl geht aber weit darüber hinaus, und es ist sehr schwer zu beschreiben. Scobel’s weitere Ausführungen sind für mich der Versuch, es trotzdem zu tun, und für mich trifft er es sehr gut:

„Vielleicht lässt sich dieser Zustand der Klarheit beschreiben als eine tiefe Ausgeglichenheit, eine Art alle Kampfzonen umfassenden Waffenstillstand zwischen Geist und Körper, Innen und Außen, der Welt der ersten und der Welt der dritten Person, dem Ich und den Dingen. Das denken [Gert Scobel schreibt das durchgehend klein; Anm. d. Verfasserin] verliert dann seine quälenden Eigenschaften. Es geht dabei jedoch gerade nicht um ein der Erfahrung enthobenes spekulatives denken, sondern um eine im realen, alltäglichen Handeln erreichte Balance zwischen körperlichen und geistigen Prozessen.“

Dass denken und Lebenspraxis sich nicht voneinander trennen lassen, führt zur Erfahrung des Perspektiven- oder Aspektwechsels. Wir alle kennen sogenannte Kippfiguren, zwei Figuren in einem Bild. Eine der bekanntesten ist der „Hasen-Enten-Kopf“, bei der man oft lange erst nur eins der beiden enthaltenen Motive erkennt, aber irgendwann die Wahrnehmung „kippt“ – und man auf einmal das andere Motiv sieht. Im Fall des Würfels, bei dem man sowohl sehen kann, dass er nach vorne zeigt, als auch (wenn die Wahrnehmung kippt) nach hinten, fällt es mir sogar schwer, das zuerst gesehene Motiv noch einmal wieder zu sehen – das jeweils andere zu sehen macht gewissermaßen Mühe. Einige sagen auch, dass sie den Sichtwechsel gar nicht schaffen, so sehr sie sich auch bemühen, selbst wenn jemand ihnen z. B. sagt, auf was sie achten müssen, um das andere ihnen verborgene Motiv sehen zu können. Das heißt natürlich nicht, dass sie es niemals sehen werden, aber im Augenblick sind sie „aspektblind“. Die Fähigkeit, einen Perspektivenwechsel vornehmen zu können oder das eben nicht zu können prägt unsere Wahrnehmung, auch die Wahrnehmung unseres Lebens. „Zu welchen Aspektwechseln müssen wir fähig sein, um wirklich sehen, um verstehen zu können?“ fragt Scobel.

Im letzten Text sprach ich den vermeintlichen Widerspruch zwischen den zahllosen kreativen Arbeiten dieser Welt an; dass es Menschen gibt, die in der einen Umsetzung (z. B. Malerei) „Kunst“ (nach ihrer Definition) sehen und in einer anderen (z. B. eine Performance, die sich einem nicht leicht erschließt) nicht (wieder nach ihrer Definition). Der Nebenmann, die Nebenfrau sieht es genau umgekehrt; er, sie definiert anders, nicht falsch. Das ist das für mich Hochphilosophische an Kunstbetrachtung: der Aspektwechsel, dessen Möglichkeit man sogar ein und derselben Arbeit einräumen muss – und auch das birgt keinen Widerspruch. Deswegen ist es möglich, ein und dieselbe künstlerische Arbeit einmal zu verreißen (dem, dem der Aspektwechsel hier zunächst versagt ist) und einmal zu rühmen (dem, dem eine Aussage, ein neues Gefühl, eine neue Denkanregung „entgegen gekippt“ ist). Deswegen ist es unsinnig, künstlerische Arbeiten generell zu bewerten: man bewertet sie immer unter eigenem Aspekt. Und weil das nicht nur Laien tun, sondern auch Experten, erklären sich so auch Widersprüche in der Kunstkritik; das Problem ist lediglich, dass die Kritik oft absolut vertreten wird – und mögliche Aspektwechsel außer Acht gelassen oder sogar negiert werden.

Ansgar Lorenz und Reiner Ruffing sagen in ihrem 2012 im Wilhelm Fink Verlag erschienenen „Theodor W. Adorno – Philosophie für Einsteiger“ Folgendes:

„Für Adorno hat die Kunst einen hohen Stellenwert.“ … „Er meint, dass sich an der in großen Kunstwerken vorzufindenden ‚Versöhnung zwischen Mimesis und Rationalität’ die gesellschaftliche Praxis zu orientieren hätte.“, aber:

„Laut Adorno gibt es in der Kunst einen Wahrheitsanspruch, der sich nicht an der Weltanschauung des Künstlers orientiert, sondern in der Form des künstlerischen Werkes zum Ausdruck kommt. Man kann im 20. Jahrhundert nicht mehr so malen, komponieren, bauen oder schreiben wie im Zeitalter der Aufklärung. Der Künstler ist nicht – wie im Expressionismus behauptet – nur seiner inneren Stimme verpflichtet, sondern muss gerade seine Partikularität überwinden, wenn er Bleibendes schaffen will.“

Ich würde an dieser Stelle Adorno geantwortet haben: Ein Künstler heute wird nicht mehr so malen, komponieren, bauen etc. wie zu früheren Zeiten; die Beeinflussung der sich weiter entwickelt habenden und immer noch weiter entwickelnden Welt wird in seinen Arbeiten zu sehen sein, selbst, wenn er eine alte Technik benutzt.

„Dieser letzte Gedanke, dass Kunst sich von ihrem Schöpfer emanzipiert und einen eigenen kritischen Sachgehalt zum Sprechen bringt, liegt Adorno besonders am Herzen. Kunst ist nicht in erster Linie eine Angelegenheit des subjektiven Geschmacks, sondern drückt objektive Wahrheiten aus.“ Adorno-Zitat: Das Kunstwerk wird ja zu einem Objektiven gerade dadurch, dass es dem Künstler sich als ein Selbstständiges und in sich Organisiertes entgegensetzt. … Je vollständiger ihm das gelingt, je weniger es nur Dokumentation des Künstlers, je mehr es ein in sich selber Sprechendes ist, um so höher wird das Kunstwerk im allgemeinen ja auch rangieren.

Wenn ich den Philosophen hier richtig deute, wird er – zumindest in dieser Behauptung – u. a. durch mittlerweile unzählige Mem-Beispiele widerlegt. Obwohl die Mem-Theorie umstritten ist, ist der Prozess unstrittig, dass sich Bewusstseinsinhalte durch Kommunikation verbreiten und irgendwann ein Eigenleben führen können – „ein Selbstständiges“, „ein in sich selber Sprechendes“ werden können. Nur ist das nicht unbedingt ein Merkmal für hohe Qualität, wie z. B. die „Bielefeldverschwörung“ zeigt, ein zuerst über das Internet verbreiteter Dauerwitz, der zum Inhalt hat, dass es die Stadt Bielefeld nicht gäbe. Dieses und andere verbreitete Nonsens-Beispiele (auch Comic-Strips und Bilder aller Art) haben mal mehr und mal weniger witzigen Charakter, und das eine oder andere mit mehr Tiefgang wird auch trotz der inflationären Verbreitung berühren können, aber „als Kunstwerk rangieren“ wird wohl offiziell kaum jemals eines von diesen.

Alles erwächst aus Menschen und ist in meinen Augen IMMER AUCH Dokumentation des Erschaffers. Ich halte nichts davon, dass man sich bemühen sollte, sich dort weitgehend raus- oder zurückzuzuhalten; ich glaube auch gar nicht, dass man das kann. Es gilt zu hinterfragen, was mit „objektiven Wahrheiten“ gemeint ist, denn abgesehen von einem allgemein menschlichen Konsens – dass man beispielsweise keinen anderen Menschen tötet – gibt es keine „objektiven Wahrheiten“.

Bin ich auf der Suche nach etwas, nach einer persönlichen Antwort auf eine Lebensfrage, die sich durchaus nicht nur auf mich beziehen muss, sondern – und das möchte ich ausdrücklich nicht pathetisch verstanden wissen – auf alle Menschen, auf die Menschheit, auf die Welt, dann kann ich das u. U. in einem ur-persönlichen Erzeugnis eines anderen Menschen finden, der die Tragweite seiner Kreation zur Zeit der Erschaffung nicht absehen konnte und auch nicht später. Vielleicht hilft mir gerade, dass der Erschaffer „ganz bei sich“ geblieben ist, sich dokumentiert hat.

Mir gefällt der Gedanke, dass die Art, wie Amélie Poulain die Menschen in ihrer Umgebung berührt, sich in der Bedeutung und in der Resonanz nicht unterscheidet vom berührt-Werden durch eine künstlerische Arbeit, und dass Bedeutung und Resonanz immer auf beiden Seiten liegen: beim Erschaffer einer Sache, beim Anreger eines Gedankens, beim Hervorrufer eines Gefühls und bei dessen Adressaten. Echter Dialog beschenkt immer beide Seiten, und das ist in der Kunst eben nicht anders. „Authentische Kunsterfahrung öffnet den Blick für Ungewohntes. Sie zeigt, dass es existenzielle Erkenntnisse jenseits der Logik und den Wissenschaften gibt.“ Und Authentizität bedeutet für mich, dass man nicht unbedingt danach strebt, etwas Bleibendes zu schaffen, sondern dass man auf seine Art einfach im Gespräch bleibt – und sich und anderen weiterhilft auf den verschlungenen Pfaden durch das eigene Leben und durch eine sich stetig verändernde und oft auch brutale Welt.

Für Melanie

Zitate aus
Gert Scobel: „Warum wir philosophieren müssen“, 2012, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main
Ansgar Lorenz, Reiner Ruffing: „Theodor W. Adorno“, 2012, Wilhelm Fink Verlag, München
„Die fabelhafte Welt der Amélie“, Film von Jean-Pierre Jeunet, 2001, Frankreich

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