Kunst für Klima

Ein weiteres Beispiel für das breite Wirkungsfeld der Kunst, die sich nicht in um sich selbst kreisendem Blenden erschöpft: die Yes Men auf der Weltklimakonferenz in Bonn:

http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/westart/video-david-gegen-goliath-das-aktivisten-duo-yes-men-beim-klimagipfel-100.html

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http://theyesmen.org/

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cof

 

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Die Tiefen der Menschenseele

„Unser Leben mit all seinen Geschichten gleicht in seiner kunstvollsten Ausprägung vielleicht mehr einem Novellenroman als einem Roman.“

So sagt es Jean-Claude Lin im Vorwort des ‚a tempo‘-Magazins in der August-Ausgabe 2017.

Er bezieht sich dabei auf Leo Perutz‘ Novellenroman „Nachts unter der steinernen Brücke“; ich verlinke unten einen Artikel, in dem er liebevoll besprochen wird.

Ein Roman also, der sich aus Novellen zusammensetzt.

Friedrich Spielhagen definiert in „Novelle oder Roman?“ 1876: 

„Der Unterschied zwischen Novelle und Roman hat den Aesthetikern schon viel Kopfzerbrechen verursacht. Indessen, man hat sich im ganzen und großen doch geeinigt und braucht keinen erheblichen Widerspruch zu fürchten, wenn man jenen Unterschied ungefähr so charakterisiert: die Novelle hat es mit fertigen Charakteren zu thun, die, durch eine besondere Verkettung der Umstände und Verhältnisse, in einen interessanten Konflikt gebracht werden, wodurch sie gezwungen sind, sich in ihrer allereigensten Natur zu offenbaren, also, daß der Konflikt, der sonst Gott weiß wie hätte verlaufen können, gerade diesen, durch die Eigentümlichkeit der engagierten Charaktere bedingten und schlechterdings keinen anderen Ausgang nehmen kann und muß. […] Der Roman hat es weniger auf eine möglichst interessante Handlung abgesehen, als auf eine möglichst vollkommene Uebersicht der Breite und Weite des Menschenlebens. Er braucht deshalb – und gerade zu seinen Hauptpersonen – nicht Menschen, die schon fertig sind, und, weil sie es sind, wo immer sie eingreifen, die Situation zu einem raschen Abschluß bringen, sondern solche Individuen, die noch in der Entwicklung stehen, infolgedessen eine bestimmende Wirkung nicht wohl ausüben können, vielmehr selbst durch die Verhältnisse, durch die Menschen ihrer Umgebung in ihrer Bildung, Entwicklung bestimmt werden, und so dem Dichter Gelegenheit geben, ja ihn nötigen, den Leser auf großen, weiten (allerdings möglichst blumenreichen) Umwegen zu seinem Ziele zu führen.

Natürlich ist dieses Ziel für den Novellisten und Romandichter im Grunde dasselbe: die Einsicht in die Tiefen der Menschenseele;[…]“ [Friedrich Spielhagen: „Novelle oder Roman?“ (1876). In: Ders. Beiträge zur Theorie und Technik des Romans. Leipzig (Staackmann) 1883, S. 245 – 257, hier S. 245 – 248.]

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Ich mag beide Genres, und ich stimme Lin und Spielhagen zu: die Ereignisse bilden am Ende den „Lebensroman“. Es ist dasselbe Leben, das man einmal als Ganzes, aus der Ferne, „von oben“ betrachten (und das in groben Zügen durch Daten und Lebensabschnitte strukturiert ist und in seiner Entwicklung grob verfolgt werden) kann. Und zum anderen wird man einem Leben, einem Menschen erst durch „Heran-Zoomen“ wirklich gerecht, kann so manche Entwicklung besser nachvollziehen, im besten Fall verstehen.

Es braucht die Betrachtung der Details, das genaue Hinschauen, das bewusste Lesen, das Innehalten auch – vielleicht gerade – in Zeiten, in denen alles so schnell vorangetrieben wird, wo ein schneller kurzer Erfolg einem langfristig angestrebten guten Ergebnis vorgezogen wird. Wo heute in derselben Sache Hype und morgen „Sau-durchs-Dorf-Treiben“ angesagt ist. Wo Menschen von ihrer Erfahrung berichten, dass Aufklärung nicht so „interessant“ ist wie manche Falschmeldung und daher weniger Gehör findet.

Wir brauchen, denke ich, sowohl die Übersicht über die Epochen und ihre Entwicklung, um die Dinge in Relation zu bringen, aber müssen uns trotzdem zu den Ereignissen positionieren (und manchmal auf sie reagieren), die unser Hier und Jetzt bilden. 

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https://www.welt.de/welt_print/kultur/literatur/article8997757/Nachts-unter-der-steinernen-Bruecke.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Perutz

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Die Dinge der Welt

Der Philosoph Richard David Precht hat in der Ausgabe der ‚Westart live‘ vom 6. Februar etwas für mich Interessantes gesagt:

nicht nur das doch Altbekannte, dass Krisen immer Hochzeiten für Philosophie sind, sowohl in der Welt als auch in jedem einzelnen unserer Leben spürbar,

nicht nur, dass er die „Aufgabe“ der Philosophie darin sieht, Menschen zu „befähigen, intelligent über sich selbst und über die Zeit, in der sie leben, nachzudenken“;

was mich am meisten ansprach, weil ich es so sehr nachvollziehe, war sein Bedauern, dass Philosophie zu einem „Fach“ geworden sei und erst die Befreiung aus diesem Fach ihre Einflussmöglichkeiten wiederbrächte.

Wer mich in den letzten Jahren oder auch nur der letzten Zeit etwas verfolgt hat, konnte sehen/hören/lesen, dass ein Thema immer wieder aufkommt: mein Bedauern darüber, dass Kunst zu einem Fach, einem Studienfach geworden ist. Das hatte zur Folge, dass uns Menschen der unverstellte Blick verloren ging, die Fähigkeit, es als „normal“ anzusehen, sich über Kunst auszudrücken, mit ihrer Hilfe zu kommunizieren. Und nicht nur Jegliches als Ausdruck zu erlauben, sondern auch JeglichEM, jedem Menschen seinen individuellen Ausdruck zu erlauben.

Ich finde, Kunst und Philosophie sind sich sehr nah. Künstlerischer Ausdruck – das heißt meistens Ausdruck ohne einen besonderen oder sofort erkennbaren Nutzen – trägt meist viel Philosophisches in sich; zumindest steckt die Philosophie des jeweiligen Erschaffers darin, ob erkannt oder verkannt oder gänzlich unverstanden.

Und beides muss sich oft fragen lassen, ob es überhaupt wichtig oder zumindest von irgendeinem Belang wäre, da allzu oft nach der Effizienz und Profitmöglichkeit der Dinge gefragt wird, anstatt die Möglichkeit einer Wirkung, irgendeiner Wirkung, zuzulassen. Wir sind nicht (mehr?) gewohnt, erst einmal wertfrei hinzuhören, hinzusehen. Und da hat es die Philosophie wohl noch schwerer als die Kunst, der man doch einiges durchgehen lässt…

In der Kunst gibt es eine Kardinalfrage, die jeden, wirklich jeden Menschen einschließt, ob „vom Fach“ oder nicht; sie lautet: was hat es mit dir zu tun? Ich finde es hilfreich, sich die Frage öfter zu stellen, unabhängig einer „Fachrichtung“: was haben die Dinge der Welt mit dir zu tun?

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Ein Nachmittag Zeit

Ich kann nicht sagen, dass mir Theodor Fontane schon zu Schulzeiten gefallen hätte, jedenfalls nicht durchweg. „Effi Briest“ mochte ich, weil ich es erstaunlich fand, wie modern sie war und bedauerte, was sie zu ihren Lebzeiten sozialgesellschaftlich auszuhalten hatte. Ich fühlte mit ihr. Allerdings bestraft Fontane – ja auch ein Kind seiner Zeit wie wir alle – seine Heldin mit einem frühen Tod, frei nach dem Motto „Das hat sie nun davon“, besonders sicher von ihrer Untreue…

Die Themen seiner anderen Romanarbeiten, die ich neben dem übrigen Stoff des Fachs „Deutsch“ nur angerissen kennenlernen konnte, waren mir wohl nicht wirklich nah in meiner Jugendzeit…

Eine Geschichte aber faszinierte mich, und die lernte ich sogar noch vor „Effi Briest“ kennen, was mir vermutlich den Weg zu ihr geebnet hatte: die Geschichte um das tragische Schiffsunglück der „Schwalbe“ und ihres Steuermanns, John Maynard, 1841 auf dem Eriesee zwischen Kanada und den USA. Immer noch kann ich die Ballade in großen Stücken auswendig, und wenn mir jemand bei einem Hänger hilft, geht’s meistens auch weiter 😉 . Ich kann sie – ähnlich wie Rilkes „Panther“ – nicht vortragen, ohne selbst wieder ergriffen zu sein; die Sprachbilder fand ich einfach nur klasse.

Obwohl historisch nicht alles korrekt ist, stimmt in diesem Fall wohl der Ausspruch Fontanes: „Das Poetische hat immer recht, es wächst weit über das Historische hinaus.”

Elisabeth Hohmeister beschreibt in ihrem Text, der am 20. November 2008 in der Online-Ausgabe der „Zeit“ erschienen ist, die malerische Sicht des freischaffenden Illustrators und Autors Tobias Krejtschi, der auch als Dozent arbeitet: „Die bildnerische Umsetzung dieser packenden Szenen zeigt das Können des jungen Künstlers. Das befand auch die Jury, die seine Illustrationen zu John Maynard in einem Wettbewerb der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg zur Veröffentlichung auswählte.“

Hohmeister beschreibt die Wirkung der Farben, die der Illustrator gewählt und dass er eine Rahmenhandlung um Fontanes Ballade ersonnen hat. Diese Rahmenhandlung hat etwas episch Berührendes: der alte Mann, der einem Mädchen die Geschichte erzählt, hat das Ereignis als Junge persönlich miterlebt.

Da werden gleich mehrere Bögen geschlagen, Brücken gebaut, Verbindungen geschaffen: eine Fantasie ergänzt eine andere; Personen, die real existiert haben oder noch existieren verbinden sich mit solchen, die sie persönlich nie kennengelernt haben oder die es so gar nicht gegeben hat, damals verbindet sich mit heute, Geschichte mit Kultur.

Das ist es, was Kunst kann: öffnen, verbinden. Lasst Euch nicht künstlich(!) von solchen Erlebnissen trennen, bleibt offen für jede Art des Ausdrucks und seht, was es mit Euch macht. Guckt, wie, auf welche Art Verbindungen entstehen. Nehmt Euch heute Nachmittag Zeit und achtet auf alles, was um Euch herum trennt und was verbindet, was in der Welt trennt und was verbindet. Ich kann Euch, ohne Euch zu kennen, Erkenntnisse versprechen! 🙂 Ich bin gespannt auf Eure Erfahrungen!

 

Zum Tiefertauchen je nach Lust und Laune:

http://www.fontaneseite.de/index.html zu Theodor Fontanes Leben und Schaffen

http://www.btk-fh.de/de/news/tobias-krejtschi-dozent-campus-hamburg/ Interview mit Tobias Krejtschi zum Beruf des Illustrators

http://www.zeit.de/2008/48/KJ-Fontane zu: Tobias Krejtschi: John Maynard, Bilderbuch nach der gleichnamigen Ballade von Theodor Fontane

https://de.wikipedia.org/wiki/John_Maynard Der Wikipedia-Eintrag zu „John Maynard“ mit historischem Hintergrund

http://rainer-maria-rilke.de/080027panther.html Rainer Maria Rilke: Der Panther

http://www.ulrico.de/galerie.htm Der Zonser Künstler Ulrico

 

Das Meer, Ulrico, 2005

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