Was wir alle draus machen

http://www.xing-news.com/reader/news/articles/1079689?cce=em5e0cbb4d.%3AeE_8hx4se20pYOOiFbfnAF&link_position=digest&newsletter_id=28960&toolbar=true&xng_share_origin=email

*

Ist es nicht, was wir alle draus machen?

Ich sehe die facebook-Situation so ähnlich wie meine übrigen Sozialkontakte: wenn mehr oder weniger offene Ablehnung stattfindet, setze ich mich sachlich auseinander oder bleibe friedlich weg; es gibt Smalltalk, der richtig nett ist und durchaus nützlich für ein grundsätzlich wohlwollendes Miteinander, und es gibt tiefer gehende, sehr konstruktive Äußerungen, aus denen manchmal – vielleicht zu selten – äußerst fruchtbare Gespräche entstehen.

Mir ist völlig klar, dass facebook ein gewinnorientiertes Unternehmen ist, das unsere Daten abgreift und nicht an einer „besseren Welt“ interessiert ist. Ich empfinde es aber als schwierig, eine Sache, die alles sein kann, die man als Nutzer so oder anders ausgestalten kann, in Bausch und Bogen zu verurteilen. Insofern klingt Palihapitiyas Bedauern in meinen Ohren überzogen:

„Ich denke, wir haben Tools geschaffen, die die Struktur unserer Gesellschaft auseinanderreißen […] Die kurzen, von Dopamin gesteuerten Feedback-Schleifen, die wir kreiert haben, zerstören, wie die Gesellschaft funktioniert.“

Und weiter heißt es auf Xing: „Durch die Pseudo-Interaktion auf die geposteten Inhalte finde kein ziviler Diskurs und keine Kooperation mehr statt; stattdessen dominierten Fehlinformationen und Unwahrheiten [als] ‚ein globales Problem‘.“

Sind wir nicht alle gefragt, das mitzugestalten? Wie stellen wir uns zu den Dingen; wie leiten wir beispielsweise Kinder und Jugendliche an? Wie gehen wir damit um, dass es überall um Profit geht und alle dem ausgesetzt sind; wie gehen wir beispielsweise mit Werbung für Kinder und Jugendliche um, die legal jeden Tag stattfindet, ob mit oder ohne facebook?

Was tun wir beispielsweise in Schulen dafür, dass es irgendwann vielleicht zwar genauso fies wie heute ist, es mit Social Bots zu tun zu haben, ihnen aber dadurch ein Stück ihrer Macht genommen wird, indem junge Menschen angeleitet werden, weniger impulsiv auf kurze Schlagsätze anzuspringen und das Auseinandersetzen nicht zu verlernen, immer wieder das selbst-Denken zu trainieren, um die Karren erkennen zu können, vor die sie gespannt werden sollen, wenn sie vor solche gespannt werden sollen? (Ich entschuldige mich aufrichtig für diesen Satz!)

Ob „ziviler Diskurs“ stattfinden kann, dazu schaffen doch wir die Bedingungen! Ob wir kooperieren, uns zusammenschließen, das entscheiden doch wir!

facebook ist und bleibt ein kapitalistisches Unternehmen. Ich stelle mir aber vor, wie viel gewonnen wäre, würden all die, die nicht an einer verbalen Prügelei interessiert sind, diese Stränge dort ver- und die Wort-Hooligans unter sich zurücklassen. Und möchte man bleiben: dass man in aufflammender Wut nicht in diesem Gefühl antwortet, sondern den oft wichtigen Zorn in Argumente und Sachlichkeit ummünzt. Wenn möglichst viele darauf achteten, würde das sowohl den Bots als auch den Trolls Macht entziehen. Ich stelle mir vor, dass jeder, der sich dort bewegt, es sowohl thematisch als auch im Umgang miteinander so ausreichend ernst nähme, als sei er nicht virtuell unterwegs, denn für viele macht das einen Unterschied. Doch: kaum jemand käme auf die Idee, sich im Bus in das Gespräch hinter ihm einzumischen, obwohl man jedes Wort versteht. Und machte es eine Einmischung nötig, drehte man sich ja auch nicht sofort mit den Worten ‚Sie Blödmann haben ja keine Ahnung!‘ um.

Es ist so viel Gutes mit diesem Medium möglich, ob Privatunternehmen oder nicht. Und höchstwahrscheinlich ist es nur als Privatunternehmen mit Gewinnerzielungsabsicht in diesem weltumspannenden Umfang realisierbar; wohlmeinende Einzelpersonen, die ein gemeinnütziges Unternehmen dieser Reichweite führten, kämen ja mit der Kontrolle gar nicht hinterher oder wären schon arm geklagt. Niemand würde das auf sich nehmen.

So bleibt uns nur der wache Blick, wieder einmal, wenn wir unsere guten Dinge nicht aus Scheu vor Eigenverantwortung opfern wollen.

*

Advertisements
Standard

„Kunst-Werke sind von einer unendlichen Einsamkeit und mit nichts so wenig erreichbar als mit Kritik. Nur Liebe kann sie erfassen und halten und kann gerecht sein gegen sie.“ Rainer Maria Rilke

Standard

Alien und andere Filme

Niemand erklärt mir so empathisch und wohlwollend wie meine Freundin Uta, warum ich mich manchmal wie ein Alien fühlen muss. Sei es, dass ich Menschen, die mich im Grunde gut kennen müssten, rechtfertigen muss, warum ich finde, dass ein persönlicher Kampf gegen Ungerechtigkeit nicht nur mir zugute käme, sei es, dass ich erklären muss, dass ich mein Lebensmodell nicht als Konkurrenz verstehe zu ihrem. Dazu kommt, dass ich mich zuhause sauwohl fühle, trotzdem keinen gesteigerten Wert auf schicke gleich teure Möbel lege, aber auch andere Wohnungen behaglich finde, bei deren Einrichtung darauf geachtet wurde. Oder mal nach einem Rezept frage, aber mich trotzdem nicht stundenlang über Küchenthemen unterhalten mag. Und es nach einer längeren Zeit des einander Kennens befremdlich finde, wenn es nicht auch mal darum geht, was mich interessiert.

Uta versteht das gut und kennt so etwas auch. Ich darf das outen, denn das Netz kennt Uta nicht. Wir sind uns einig, dass man ein echtes Interesse aneinander nicht einfordern kann, aber wir beide haben es. Wenn wir uns unterhalten, überschlagen wir uns fast, weil uns so oft so ähnliche Personen und Situationen begeistern, wie kürzlich die Emcke-Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Wir empfehlen uns Filme und liegen immer richtig. Zum Geburtstag bekomme ich einen Brief mit verschiedensten Sprüchen aller möglichen Persönlichkeiten, die (die Sprüche) meistens Bezug nehmen zu irgendetwas, das uns im letzten Gespräch beschäftigt hat. Meistens denke ich ihr zuviel nach, aber das hat mir schon so manchen Tipp eingebracht, dem nachzugehen sich dann natürlich wieder gelohnt hat: „Als ich den/die letztens gehört/gesehen/gelesen hab‘, musste ich gleich an dich denken!“ So etwas ist schön.

Uta meint, so zu sein, mache manchmal eben einsam. Ob ich den Film „Séraphine“ kennen würde (Selbstverständlich; den besitze ich sogar!) oder ob mir der Name „Mirabehn“ etwas sagt (Klar; habe letztens erst nochmal „Gandhi“ geschaut!), aber da sei sie ein bisschen zu süßlich dargestellt; ich solle vielleicht („Nur als Tipp – ist ja kein ‚Muss‘!“) ihre Biografie lesen (Ist vorgemerkt!). Frauen, die auch ziemlich alleine gehen, die anderen oft unverständlich sind, die sich vielleicht selbst manchmal unverständlich sind.

Obwohl das alles wahr ist, bin ich dabei – vielleicht ist das dann besonders „tragisch“ – auch und in besonderem Maße ein „Rausgeher“, ein Austauscher, ein Gesprächsanfänger. Oft wird das nicht beantwortet, aber vielleicht ist das auch nicht das Wichtigste. Vielleicht ist wichtig, nicht aufzugeben, ein Angebot zu sein mit den Dingen, die einen interessieren, weil das, was man eventuell in anderen anstößt, einem oft nicht gespiegelt wird. Man erfährt es schlichtweg nicht, ob irgendjemand „was damit anfangen“ konnte. (Meistens sind leider die beflissener, die einem sagen wollen, dass sie nichts damit anfangen konnten.) Trotzdem ist der Anstoß in der Welt. Und um den zu entwickeln, bedarf es manchmal eben Einsamkeit.

*

Thomas Hermanns als Moderator der ‚Westart live‘ vom 31.10.2016: „Frau Raabe, wenn Sie so am Schreibtisch sitzen und’n neues Buch schreiben, hätten Sie dann manchmal nicht lieber auch’n bisschen Rock’n’Roll, zwischendurch mal?“

Melanie Raabe: „Ehrlich gesagt überhaupt nicht. Tatsächlich bin ich überhaupt niemand, der darunter leidet, an dieser berühmten Einsamkeit am Schreibtisch… ich liebe das, irgendwie, zuhause zu sitzen am Schreibtisch und autark, über Monate oder Jahre hinweg an einer Geschichte zu feilen, …“

*

Filme.jpg

Standard